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Zur Relevanz von Sprichwörtern im Fach DaF

Parömiologie in der interkulturellen Fremdsprachendidaktik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 22 Seiten

Didaktik - Deutsch - Deutsch als Fremdsprache

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Sprichwörter in Wissenschaft, Alltag und Unterricht

2. Ziele einer interkulturellen Fremdsprachendidaktik

3. Eine sprach- und kulturwissenschaftliche Einordnung von Sprichwörtern
3.1 Klassifikation
3.2 Dimensionen von Sprichwörtern
3.2.1 Soziale und didaktische Funktion im Kontext
3.2.2 Rhetorische Funktion: Zitat, Untermauerung oder Illustrat?
3.2.3 Sprichwörter als kulturelles Gedächtnis

4. Parömiodidaktik im Rahmen des DaF-Unterrichts
4.1 Vorkommen in Lehrwerken
4.2 Interlingualität: Die kontrastive Bedeutungserschließung von Sprichwörtern
4.3 Landeskundevermittlung durch Sprichwörter?
4.4 Unterrichtspraxis und der phraseodidaktische Dreischritt

5. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Sprichwörter in Wissenschaft, Alltag und Unterricht

„Ein Sprichwort ist ein kurzer Satz, der sich auf lange Erfahrung gründet.“

(Miguel de Cervantes) (Donalies 2009:93) Wie der bekannte spanische Schriftsteller Miguel de Cervantes bereits im 16.

Jahrhundert, so versteht die Gesellschaft unter einem „Sprichwort“ auch heute noch den Ausdruck von typisierter Lebenserfahrung. Dass es sich dabei lediglich um eine reduzierte alltagskategorische Erklärung handelt, erkennt man daran, dass die wissenschaftlichen Meinungen zu einer eindeutigen Kategorisierung weit aus­einandergehen - sei es im Rahmen der Phraseologie oder auch der Parömiologie (von dem griechischen Begriff paroimia (παροιμία) für „Sprichwort“ abgeleitet, vgl. Donalies 2009:93). Sie lassen sich sowohl aus semantischer, lexikalischer aber auch aus historischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive untersuchen. In dieser Arbeit soll jedoch kein Korpus an Sprichwörtern oder ihre Verwendung im Deutschen analysiert werden, sondern ihre Funktionen, ihre didaktischen Möglickeiten und speziell ihre Relevanz im Fach „Deutsch als Fremdsprache“.

Diesbezüglich ist zunächst anzumerken, dass sich der Stellenwert der Sprichwörter im Rahmen des mündlichen und schriftlichen Gebrauchs von Epoche zu Epoche sehr gewandelt hat. Während es im 16. Jahrhundert als Zeichen poetischer Meisterschaft betrachtet wurde, mit Sprichwörtern jonglieren zu können, war eine häufige Verwendung dieser im 18. und 19. Jahrhundert verpönt. Gegenwärtig zeigt sich, dass entgegen der weitverbreiteten Meinung sowie kultur- und sprachpessimistischen Prognosen, Sprichwörter keineswegs ein vom Aussterben bedrohtes Phänomen sind. Studien und Analysen belegen, dass den Sprechern des Deutschen immer noch eine bedeutende Zahl von Sprichwörtern geläufig sind (vgl. Burger 2003).

Besonders wichtig in diesem Zusammenhang ist jedoch ihr Strukturwandel, d.h. die Variation im direkten Sprachgebrauch: Häufig werden Sprichwörter nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form verwendet, sondern als Antisprichwörter oder sogenannte Wellerismen erweitert und erhalten so ein „neumoralisches Kleid“ (nach Donalies 2009:97). Dieser Aktualitätsbezug von Sprichwörtern, der sich nicht selten in den Medien oder auch der Jugendsprache niederschlägt (vgl. Mieder 1999:8), lässt sich durchaus auch im Deutsch als Fremdsprache-Unterricht einsetzen. Zu betonen ist jedoch, dass als Grundlage zum Verständnis dieser Sprichwortvariationen die „Originale“ bekannt sein müssen. Deswegen soll in dieser Arbeit zunächst untersucht werden, welcher linguistischen Kategorie Sprichwörter zuzuordnen sind. Danach werden ihre Funktionen bestimmt, wobei in diesem Kontext vor allem auf ihre kulturellen Attribute eingegangen wird. Erst nach diesen Punkten ist es möglich und sinnvoll zu klären, welche Relevanz Sprichwörter im DaF-Unterricht haben und wie sie dort eingesetzt werden können - besonders im Sinn einer interkulturellen Fremdsprachendidaktik. In diesem Zusammenhang wird anhand von Beispielen aufgezeigt, wie Sprichwörter in Lehrwerke integriert werden. Zudem werden Strategien der Bedeutungsvermittlung wie die kontrastive Phraseologie und der phraseodidaktische Dreischritt vorgestellt. Im Anschluss soll ein kritisches Resümee gezogen und ein Ausblick gegeben werden. Letztlich sollen im Rahmen dieser Arbeit folgende Fragen beantwortet werden: Sind Sprichwörter grundsätzlich im DaF-Unterricht sinnvoll? Können Sprichwörter „Kultur“ vermitteln? Gibt es Methoden der Phraseo- bzw. Parömiodidaktik, die dem Ziel einer interkulturellen Didaktik entsprechen?

2. Ziele einer interkulturellen Fremdsprachendidaktik

Im Gegenzug zu einigen Behauptungen in der Fremdsprachenforschung, der traditionelle Fremdsprachenunterricht erfolge in der Regel reduziert auf die Vermittlung von Kenntnissen über die Sprache in Form von Grammatikerwerb sowie Vokabellernen, gibt es - zumindest für den DaF-Unterricht - seit einigen Jahren den Ansatz, die Fremdsprachendidaktik auf interkulturelle Methoden zu erweitern. Da im Rahmen dieser Arbeit nicht nur die linguistischen, sondern auch die möglichen interkulturell didaktischen Funktionen von Sprichwörtern behandelt werden sollen, ist es zur Schaffung einer wissenschaftlichen Basis zunächst notwendig, näher auf dieses Begriffsverständnis einzugehen.

Grundsätzlich kann man sagen, dass sich die interkulturelle Fremdsprachendidaktik auf die Ziele einer „interkulturellen Kommunikationsfähigkeit“ stützt (Müller-Jacquier 1999:11).

Dabei muss „den Lernenden klar werden, daß die fremde Sprache, die sie lernen, Ausdruck eines fremdkulturellen Komplexes ist, der sich [...] deutlich von dem muttersprachlichen unterscheidet und daß es Aufgabe der Lernenden ist, [...] auch solche kulturellen Komponenten systematisch zu erfassen“ (Müller 1992:133f).

Die Schüler sollen hierbei eigen- und fremdkulturell bestimmte Rollenkonstituierungen in interkulturellen Situationen verstehen und anwenden, wobei auch eine Vergegen­wärtigung der sozialen Wirklichkeit und deren sprachlichen Ausdrucksweise eine große Rolle spielt (vgl. Müller 1992:35 und Bachmann et al. 1996b:78).

Wichtig dabei ist, Bedeutungen so zu vermitteln, dass Lernende eine Sensibilität für Eigenes und Fremdes entwickeln und dementsprechend situationsadäquat sprachlich und strategisch handeln können (vgl. Bachmann et al. 1996b:77). Diese kann durch gewisse Erschließungstechniken und Bedeutungsvermittlungen gefördert werden, die man prozessual in mehreren Schritten erlernen kann. Auf Basis eines anfänglichen Vergleiches, der sich nicht auf die kontrastive Gegenüberstellung stützt, sondern eine Klassifizierung der Unterschiede als Ziel hat, baut die Realisierung der Bedeutungs­funktionen und ihrer Wirkungen auf (vgl. Müller-Jacquier 1999).

„Für Lehrwerke heißt die Konsequenz daraus nicht, daß Bedeutungen kontrastiv gegenüber gestellt werden [...]. Eher sollten bei der Darstellung [...] mehrere Perspektiven einbezogen werden [...]“ (ebenda:13).

Damit das Ziel eines interkulturellen Fremdsprachenunterrichts gelingt, müssen also „Strategien für die konkrete Bewältigung interkultureller Kommunikation verfügbar sein. Zu ihnen gehören die Suche nach Gemeinsamkeiten ebenso wie wie die Fähigkeit mit Missverständnissen umzugehen, z.B. durch metakommunikative Verfahren“ (Krumm 2003:416). Besonders ist die Metakommunikation auch bezüglich der Bedeutungserschließungen und ihrer Wirkungen zu betonen. Erst durch eine Reflexion, die Analyse der Situationen der vorherigen Methoden, handelt es sich um einen interkulturellen Lernprozess. Wäre die Bedeutungserschließung lediglich auf die Inhaltsebene reduziert, so würde es sich um einen landeskundlichen Wissensblock handeln (vgl. Müller-Jacquier 1999:13).

Welche Rolle Bedeutungsvermittlungsstrategien im Zusammenhang mit Sprichwörtern spielen und wie sie diesbezüglich angewandt werden können, soll nun in den folgenden Kapiteln erarbeitet werden.

3. Eine sprach- und kulturwissenschaftliche Einordnung von Sprichwörtern

Inwiefern lassen sich Sprichwörter linguistisch und kulturwissenschaftlich klassifizieren? Welche Merkmale und Funktionen weisen sie in diesen Kontexten auf? Diesen Fragen soll nun in folgenden Unterkapiteln nachgegangen werden. Hierbei ist zu erwähnen, dass es eine große Anzahl an Klassifikationen und Erläuterungen verschiedenster Wissenschaftler gibt, so dass hier nur ein kleiner Part dieser Spannbreite an Erklärungen ausgewählt werden konnte.

3.1 Klassifikation

Sprichwörter werden in der Regel zur Phraseologie gezählt (auch wenn dieser Ansatz nicht immer auf Zustimmung stößt). Wichtig ist zunächst, dass sich innerhalb der Phraseologismen Subklassifikationen bilden lassen. Dazu zählen laut Burger auch die „satzwertigen/präpositionalen“ Phraseologismen. Diese unterteilt er in die Termini „feste Phrasen“ und „topische Formeln/Topoi“, wobei er Sprichwörter in letztere einordnet (vgl. Burger 2003:40). Den klaren Unterschied zu den übrigen Phraseo­logismen sieht Burger darin, dass Sprichwörter vollständige Aussagen formulieren (siehe Burger 2003:120). Sie sind „in sich geschlossene Sätze, die durch kein lexikalisches Element an den Kontext angeschlossen werden müssen“ (ebenda:101) - oder, wie Fleischer formuliert, „Minitexte“, die sich vom Phraseologismus als „Wortschatzeinheit“ abheben (Fleischer 1994:156). Auch Elke Donalies betont, dass Sprichwörter auf semantischer Ebene als selbständige „Mikrotexte“ aufgefasst werden können und zudem syntaktisch unveränderlich sind. Auf diese Weise ließen sie sich von den übrigen sprichwortähnlichen Phänomenen wie beispielsweise Slogans, geflügelten Worten oder Wellerismen abgrenzen (vgl. Donalies 2009:92ff). In diesem Sinne gehören Sprichwörter nicht, wie Phraseologismen, zum Sprachsystem, sondern sind als Einzeltexte Elemente der literarischen Tradition (siehe auch 3.2.3). Kühn bezeichnet sie deshalb auch kritischerweise als Musterbeispiele „geronnener Sprache“ (Kühn 1993:59).

3.2 Dimensionen von Sprichwörtern

Um die Position von Sprichwörtern im Gespräch zu verstehen, ist es wichtig ihre Dimensionen herauszuarbeiten. Diese verschiedenen Ebenen lassen sich in die soziale und kontextuelle, die rhetorische sowie die kulturelle Funktion unterteilen. Wie bereits erwähnt, sind Sprichwörter syntaktisch gesehen relativ feste Textkonstruktionen. Sie können zum Beispiel Aussagesätze (wie „Aller Anfang ist schwer,,, Durco 2001:103), Frage- bzw. Antwort-, Gebots- oder Verbotssätze sein. Stilistisch gesehen ist die bildhafte Form von Sprichwörtern, die sowohl an Reimschemata, aber auch an Stilfiguren wie Metaphern oder Antithesen zu erkennen ist, sehr auffällig. Neben den syntaktischen Merkmalen und ihrer Bildhaftigkeit sind im Rahmen dieser Arbeitjedoch weitere Kennzeichen und Funktionen herauszukristallisieren.

3.2.1 Soziale und didaktische Funktion im Kontext

Nach Burger können Sprichwörter als Formulierungen von Überzeugungen, Werten und Normen, die soziale Geltung beanspruchen, fungieren - beispielsweise als Warnung, Mahnung aber auch Rechtfertigung oder Trost. Besonders die häufige Verwendung als Trostformel oder Ratgeber ließ sich in einer Studie über Jugendliche von Nahberger belegen (Nahberger 2004:317f). Als verallgemeinernde Aussage drücken Sprichwörter

[...]

Details

Seiten
22
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656195795
ISBN (Buch)
9783656196150
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v194341
Institution / Hochschule
Universität Bayreuth – Interkulturelle Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Interkulturelle Germanistik DaF Interkulturelle Pädagogik Interkulturelle Fremdsprachendidaktik Interkulturelle Kommunikation interkulturell Sprichwörter Parömien Deutsch als Fremdsprache Parömiodidaktik Phraseodidaktik Phraseologie Parömiologie kulturelles Gedächtnis phraseodidaktischer Dreischritt Interlingualität Interkulturalität Redensarten

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