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Der Umgang mit unterschiedlichen Lerntypen an einer Wirtschaftsschule

Empfehlungen für den Mathematikunterricht

Bachelorarbeit 2011 50 Seiten

BWL - Didaktik, Wirtschaftspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Lernen in der Schule - Herausforderung oder Enttauschung?

2. Lernen

3. Differenzierung der verschiedenen Lerntypen, Merkmale und Besonderheiten
3.1. Die Lerntypentheorie - ein Weg Schuler zu erreichen?
3.2. Die Lerntypentheorie nach Frederic Vester
3.2.1. Frederic Vester
3.2.2. Der auditive Lerntyp
3.2.3. Der visuelle Lerntyp
3.2.4. Der haptisch-motorische Lerntyp
3.2.5. Lernen durch den Intellekt
3.2.6. Kritik an der Lerntypologie nach Vester
3.3. Die Lerntypen nach Robert Mills Gagne
3.3.1. Robert Mills Gagne
3.3.2. Signallernen
3.3.3. Reiz-Reaktions-Lernen
3.3.4. Kettenbildung
3.3.5. Lernen sprachlicher Assoziationen
3.3.6. Multiple Diskrimination
3.3.7. Begriffslernen
3.3.8. Regellernen
3.3.9. Problemlosen
3.4. Die Lerntypentheorie nach Ellen Arnold
3.4.1. Ellen Arnold
3.4.2. Der Musik-Lerntyp
3.4.3. Der Bilder-Lerntyp
3.4.4. Der Korper-Lerntyp
3.4.5. Der Worter-Lerntyp
3.4.6. Der Zahlen-Lerntyp
3.4.7. Der Ich-Lerntyp
3.4.8. Der Menschen-Lerntyp
3.4.9. Der Natur-Lerntyp
3.5. Der kommunikative Lerntyp - Lernen durch Gesprache
3.6. Der Mischtyp
3.7. Kritik an der Lerntypentheorie

4. Durchfuhrung eines Lerntypentests in zwei Klassen einer Wirtschaftsschule
4.1. Intention
4.2. Die Klassen
4.3. Durchfuhrung
4.4. Der Lerntypentest
4.5. Auswertung

5. Der Mathematikunterricht in der Wirtschaftsschule
5.1. Selbstverstandnis des Faches
5.2. Ziele und Inhalte - Kompetenzbereiche
5.3. Bildungsstandards
5.4. Bedingungen fur ein erfolgreiches Lernen

6. Forderung der unterschiedlichen Lerntypen
6.1. Der Unterricht - status quo
6.2. Methodenempfehlungen zur Forderung der unterschiedlichen Lerntypen im
Mathematikunterricht
6.2.1. Forderung des auditiven Lerntyps
6.2.2. Forderung des visuellen Lerntyps
6.2.3. Forderung des motorischen Lerntyps
6.2.4. Forderung des kommunikativen Lerntyps
6.3. Der Fehler im Lerntypenkonzept

7. Gehen Lehrer im Unterricht auf die verschiedenen Lerntypen ein?

8. Der „gute" Unterricht

9. Literaturverzeichnis

10. Anhang

1. Lernen in der Schule - Herausforderung oder Enttauschung?

Verstehen, auswendig lernen, wiederholen, querlesen, nachschlagen, nachfragen, erklaren, vortragen, begreifen. Lernen kann herausfordernd, bereichernd, aufregend und enttauschend sein. Lernen ist das A und O in der Schule.

Schuler gehen in die Schule, um etwas zu lernen. Die Lehrplane enthalten allerdings fast nur die Vermittlung von Faktenwissen. Nicht beigebracht wird, wie man dieses Wissen nachhaltig im Gehirn unterbringt, so dass es jederzeit wieder abrufbar ist. Zwar sind schon seit Jahren Methoden bekannt, die das Lernen vereinfachen, diese tauchen aber kaum im Lehrplan auf. Dadurch mussen viele Schuler die Erfahrung machen, Lernen sei muhsam und anstrengend. Fruher galt die Regel: Stillsitzen, Lesen und Wiederholen. Es wurde davon ausgegangen, dass jeder Schuler auf die gleiche Art und Weise lernen musse. Heute wissen wir jedoch, dass dieser Ansatz zu eng gefasst war. Die Theorie der Lerntypen soll den Schulern helfen, ihre eigene Lernstrategie zu finden. Denn nur wer weiG, wo seine Starken und Schwachen liegen, kann diese miteinander ausgleichen und ein erfolgreiches Lernen wird sichergestellt. Lernen muss nicht schwer sein, es will nur gelernt sein. (Jacobs, 2009, S. 70-72)

Es gibt viele verschiedenen Theorien uber Lerntypen und Lernstile. Die Modelle schlieGen einander nicht aus, sondern konnen nebeneinander bestehen sowie sich gegenseitig erganzen Die Lerntypentheorien, die in meiner Arbeit Beachtung finden, sind die unterschiedlichen Klassifikationen nach Vester, Gagne und Ellen Arnold, wobei letztere beiden nur kurz beleuchtet werden sollen. In Bezug zu den Empfehlungen fur den Mathematikunterricht an Wirtschaftsschulen und fur meinen selbst durchgefuhrten Lerntypentest mochte ich vor allem auf die Lerntypen nach Vester eingehen.

Folgende Forschungsfrage soll in der Bachelorarbeit beantwortet werden: „Kann im Unterricht auf die unterschiedlichen Lerntypen eingegangen werden und gibt es Me- thodenempfehlungen speziell fur den Mathematikunterricht an Wirtschaftsschulen?"

Im ersten Teil der Arbeit werden die verschiedenen Lerntypentheorien nach Merk- malen, Gemeinsamkeiten und Unterschieden differenziert. AnschlieGend spreche ich die Kritik an der Lerntypentheorie an, verbunden mit der Existenz der Mischtypen bzw. dass eigentlich keine reinen Lerntypen existieren. Um mich in das Thema ein- zufuhlen und mir einen groben Uberblick uber die Lerntypenstruktur in gegenwarti- gen Klassen zu verschaffen, habe ich beispielhaft einen Lerntypentest in zwei Klassen an einer Wirtschaftsschule durchgefuhrt. AnschlieGend habe ich diesen ausgewertet und die Ergebnisse mit der Theorie verglichen. Daraufhin bin ich speziell auf den Mathematikunterricht in Wirtschaftsschulen eingegangen, d.h. auf Ziele und Inhalte sowie Kompetenzbereiche. Nach Definierung der Bildungsstan- dards gehe ich auf die Forderung der unterschiedlichen Lerntypen im Mathematik­unterricht ein. Im Anschluss stelle ich noch die These auf, dass auf Grund der vielen verschiedenen Lerntypen in einer Klasse sowie der Mischtypen-Problematik, direkte Methodenempfehlungen fur den Mathematikunterricht zu geben, eine Heraus- forderung ist.

Der letzte Punkt beschaftigt sich mit der Frage, ob Lehrer an einer offentlichen Schule auf die unterschiedlichen Lerntypen im Unterricht eingehen konnen und ver- suchen, die Schuler entsprechend ihrer Vorlieben und Moglichkeiten, zu fordern.

2. Lernen

Eine notwendige Bedingung fur das Lernen ist das Verstehen. Das Wort „verstehen" (lat. comprehendere) hat seine ursprunglich Bedeutung von "sich verbinden mit”. Schon Comenius hat in seiner Didactica magna (1654) als goldene Regel verfasst: „Alles soll so immer moglich den Sinnen vorgefuhrt werden, was sichtbar dem Gesicht, was horbar dem Gehor, was riechbar dem Geruch, was schmeckbar dem Geschmack, was fuhlbar dem Tastsinn." (vgl. Ettmayer & Padagogisches Institut des Landes Tirol <Innsbruck>, 2006, S. 1)

„Lernen basiert immer auf konkreten Erfahrungen und aktuellen, kognitiven Einsichten - es ist ein konstruktiver (eigenschopferischer) Vorgang." (vgl. GaGner, 2007, S. 27) Dadurch wird Lernen aus neuerer wissenschaftlicher Sicht zu einem eigenaktiven und somit komplexen Prozess. Werden dabei keine gefuhlsmaGigen und korperlichen Reaktionen ausgelost, ist Lernen unproduktiv. Denn ohne einprag- sames und umfassendes Erleben wird ein langfristiges Speichern im Gehirn verhindert. (vgl. GaGner, 2007, S. 27) "Richtiges" Lernen bedeutet nicht nur, sich moglichst schnell viel Fachwissen anzueignen und dies moglichst lange zu behalten. Ein Ziel der Bildung heute ist, neben methodisch-strategischem Lernen (Strukturieren, Organisieren, Planen, Ent- scheiden, Gestalten, etc.), auch sozial-kommunikatives Lernen (Zuhoren, Begrunden, Argumentieren, Fragen, Diskutieren, Kooperieren, Integrieren) sowie affektives Lernen (Selbstvertrauen entwickeln, SpaG an einem Thema oder an einer Methode haben, Identifikation und Engagement entwickeln, Werthaltung aufbauen) zu vermitteln. (vgl. Ettmayer & Padagogisches Institut des Landes Tirol <Innsbruck>, 2006, S. 2) „Somit darf Lernerfolg keineswegs nur in fachspezifischen Reproduktionsleistungen - und Noten - festgemacht werden." (Ettmayer & Padagogisches Institut des Landes Tirol <Innsbruck>, 2006, S. 2)

Der Lernvorgang geschieht bei jedem Lerner auf sehr unterschiedliche und individuelle Art und Weise. Untersuchungen und Studien auf dem Gebiet der Lern- forschung zeigen, dass neue oder schwierige Dinge nicht gelernt werden konnen, wenn nur die schwachen Lernbereiche genutzt werden. Denn beim erfolgreichen Lernen verarbeitet man oft unbewusst jeden neuen Lernstoff mit seinen starken Be- reichen. (vgl. Arnold & Mels, 2007, S.7)

Auf jeden Fall gehort Lernen zur Lebensbewaltigung, d.h. man lernt sehr viel aus der Alltaglichkeit und dem taglichen Geschehen. Grundsatzlich spricht man in der Lern- theorie von klassischem Konditionieren, das sich hauptsachlich auf das Erlernen von Aktionen und unwillkurlichen Reaktionen bezieht. Daneben existieren noch das operante Konditionieren, was Lernen auf Grund von Lob und Tadel, Belohnung und Bestrafung oder Erfolg und Misserfolg besagt, sowie das Imitationslernen, in dem es vor Allem um das Lernen am Model geht.

Schon im 18. Jahrhundert befasste sich der bekannte Schweizer Entwicklungspsychologe und Erkenntnistheologe Jean Piaget (* 9. August 1896 in Neuchatel; f 16. September 1980 in Genf) mit Lernpsychologie und verschiedenen Lernstilen. Er lenkte den Blick von einer bloG quantitativen auf eine qualitative Intelligenzforschung, wobei hier vor allem die Studientheorie der kognitiven Entwicklung von Interesse ist. Darin beschreibt Piaget „den Erwerb zunehmend fort- geschrittener Systeme zur Behandlung von Informationen". (Schrader, 2008, S. 13) Er nennt darin sechs qualitativ unterschiedliche Stadien: das Stadium der Reflexe oder ererbten Reaktionen, das Stadium der ersten motorischen Gewohnheiten und der ersten organisierten Wahrnehmung, das Stadium der sensomotorischen oder praktischen Intelligenz (die ersten drei Stadien dauern von der Geburt bis etwa zum zweiten Lebensjahr), das Stadium der intuitiven Intelligenz (von zwei bis etwa sieben Jahre), das Stadium der konkreten intellektuellen Operationen (von sieben bis elf oder zwolf Jahren) und schlieGlich das Stadium der abstrakten intellektuellen Operationen (Adoleszenz) (PIAGET 1987, S. 153-210, hier S. 155)." (Schrader, 2008, S. 13) Fur das Thema Lerntypen ist insbesondere das Denken der Kinder und Jugendlichen in den Phasen der konkreten und formal-abstrakten Operationen von Bedeutung. (vgl. Schrader, 2008, S. 13)

Doch diese Theorien gehoren der Vergangenheit an, denn sie beziehen den Lerner viel zu wenig mit in das Lerngeschehen selbst ein. Am Ende eines jeden Lern- prozesses sollte die Verhaltensanderung bzw. die Moglichkeit stehen, Leistung zu erbringen, die ohne den Lernprozess nicht moglich gewesen ware. (vgl. Koppelin & Schirrmacher, 2005, S. 18) Dies kann mit Hilfe der Lerntypentheorie unterstutzt werden.

3. Differenzierung der verschiedenen Lerntypen, Merkmale und Besonderheiten

3.1. Die Lerntypentheorie - ein Weg Schuler zu erreichen?

„Wir konnen Schuler nur gut unterrichten, wenn wir sie auch erreichen. (Breaux, 2010, S. 47) „Wir mogen zahlreiche akademische Grade erreicht haben, jahrelange Erfahrung besitzen und uber einen hohen IQ verfugen. Wir konnen in hochmodernen Einrichtungen mit hervorragender technischer Ausstattung die besten Unterrichts- konzepte anwenden. Doch all das ist wertlos, wenn wir die Schuler nicht erreichen", betont Breaux. (2010, S. 47) Gute Lehrer versuchen auf die Lerntypen ihrer Schuler einzugehen und ihnen so zu einer bestmoglichen Lernstrategie zu verhelfen.

Denn so verschieden Schuler sind, so unterschiedlich ist auch ihre Art zu lernen. Niemand ist gleich und alle unterscheiden sich voneinander - im Aussehen, in der Art der Kleidung, den Vorlieben und Abneigungen. Jeder hat einen individuellen person- lichen Hintergrund und gehort unterschiedlichen religiosen und ethnischen Gruppen 7 an. Der eine kann gehorte Dinge besser behalten, der andere gesehene und der Dritte lernt am besten, wenn er die Dinge anfassen und begreifen kann. Einige Schuler lernen alleine fur sich besser, andere brauchen die Auseinandersetzung im Gesprach. Zusammenfassend kann man sagen, dass es fast ebenso viele Lerntypen wie Lerner gibt.

Der individuelle Lerntyp hangt mit der „Ausbildung des Grundmusters unseres Gehirns in der ersten Zeit nach der Geburt zusammen. In diesen Monaten werden je nach Umwelteinflussen bestimmte Gehirnzellen mehr oder weniger miteinander «verdrahtet». Es entsteht ein Netz." (Oppolzer, 2008, S. 138-139) Dieses Grund- muster entscheidet auch daruber, welcher Eingangskanal beim Lernen bevorzugt wird, ob es sich um einen Seh-, Hor-, Fuhl- Gesprachs- oder verbalen Typ handelt. Die Einordnung in Lerntypen ist jedoch differenzierter zu betrachten und hangt von vielen unterschiedlichen Faktoren ab. (vgl. Mortimore, 2008, S. 37)

Somit kann man sagen: jeder Mensch ist grundverschieden und jeder lernt auf seine individuelle Art und Weise, hat sein eigenes Tempo und Potential sowie gewisse Vorlieben. (vgl. Breaux, 2010, S. 141) Doch auf der anderen Seite finden sich auch viele Parallelen, denn ohne diese ware ein gemeinsames Lernen kaum moglich. Da der Mensch uber verschiedene "Kanale" lernt, hat auch jeder einen solchen "Kanal", den er bevorzugt. So gesehen konnte man entsprechend unserer funf Sinne Sehen, Horen, Reichen, Schmecken und Tasten von funf Lerntypen ausgehen. (vgl. Koppelin & Schirrmacher, 2005, S. 18)

Jedoch sind die menschlichen Sinneskanale in Aufnahme und Verarbeitung von Informationen sehr unterschiedlich. So sind die beiden Sinneskanale Sehen und Horen die Kanale, die die meisten Informationen innerhalb der kurzesten Zeit auf- nehmen und verarbeiten konnen. Unsere Augen sind in der Lage, 10Mbit/s zu verarbeiten, die Ohren schaffen immerhin noch ein Zehntel dessen. (vgl. Koppelin & Schirrmacher, 2005, S. 18) Wird eine Information nur gehort, behalt man davon 20%, wird diese nur gesehen, merkt man sich 30%. Kommen Sehen und Horen zusammen, bleiben sogar 50% der neuen Information im Gedachtnis haften. Wird die neue Information zusatzlich diskutiert, behalt man 70% davon und wenn noch Be- wegung und Ausprobieren hinzu kommt, wird man sogar 90% der Information wiedergeben konnen. (vgl. Sylvia Behrmann, 2007, p. 10)

Die Lernleistung liegt nun in der Kombination aller Sinne und ist ein Zusammenwirken aller Sinneseindrucke, die beim Lernvorgang ablaufen. Doch grundsatzlich gilt, dass fast immer auf verschiedenen Kanalen wahrgenommen wird und es vielmehr "Mischtypen" gibt, als dass eine vollige Wahrnehmung auf nur einem einzigen Kanal stattfindet. (vgl. Koppelin & Schirrmacher, 2005, S. 18)

Das lasst sich auch auf den Schulbereich ubertragen. Ein Teil der Schuler hat einen Gehirnbereich, mit dem Lernstoff besonders gut aufgenommen, verarbeitet oder abgerufen werden kann. Sie werden Hor- Lese-, Seh- oder Handlungstypen genannt. Bei den anderen Schulern arbeiten wiederum mehrere Gehirnbereiche gleichmaGig, diese stellen die Mischtypen dar. (vgl. Keller, 2005, S. 89)

Wenn ein Lehrer also nur auf eine bestimmte Art und Weise unterrichtet und dabei immer die gleichen Methoden anwendet, schlieGt er samtliche Schuler aus, die nicht genauso lernen wie der Lehrer es vorgibt. Wer sich das bewusst macht, erkennt, dass auf die verschiedenen Lerntypen eingegangen und der Unterricht entsprechend strukturiert werden muss. Nur durch eine gewisse Differenzierung kann man allen Schulern gerecht werden. Hier kommt naturlich die Frage auf: Wie soll dies in der Praxis bei einer KlassengroGe von durchschnittlich 30 Schulern funktionieren? In keiner Einrichtung ist es machbar, dass fur jeden Schuler eine individuelle Unterrichtsstunde vorbereitet wird. Jedoch kann eine Lernumgebung geschaffen werden, in der sich viele verschiedene Methoden vermischen, denn nur mit Abwechslung und Vielfalt kann jeder Schuler erreicht werden. Somit muss sich von dem Gedanken, dass es eine Universallosung fur Unterricht gibt, gelost werden. Denn wenn Stunden nur nach einem einzigen Schema geplant werden, konnen nur die Schuler erreicht werden, die genau in dieses Schema passen. (vgl. Breaux, 2010, S. 141-142) Somit stellt sich beim Lernen also die Frage, welchem Lerntypen man angehort.

Wie bereits schon in der Einleitung erwahnt, existieren viele verschiedene Theorien uber Lerntypen und Lernstile. Die theoretischen Modelle, mit deren Hilfe Lernverhalten klassifiziert und Lerntypen beschrieben werden konnen, sind hochst unterschiedlich. Eine Einigkeit daruber, welche Handlungsweisen oder Merkmale als charakteristisch in eine mogliche Lernerklassifikation einbezogenen werden, bestehen nicht. (vgl. Mandl, 2006, S. 365)

Schwerpunkt in meiner Arbeit stellt die Lerntyptheorien nach Vester dar, jedoch werde ich Gagne und Arnold nicht auGer Acht lassen und zum Vergleich auch deren Klassifikationen kurz beleuchten.

3.2. Die Lerntypentheorie nach Frederic Vester

3.2.1. Frederic Vester

Der bekannteste Ansatz der Lerntypenklassifikation stammt von Frederic Vester (* 23. November 1925 in Saarbrucken; f 2. November 2003 in Munchen). Mit seinem literarischen Werk und der gleichnamigem Fernsehserie «Denken, Lernen, Vergessen» hat Vester der Gesellschaft nahe gebracht, dass Menschen auf unter- schiedliche Art und Weise lernen. Dabei geht er besonders auf die neurobiologischen Grundlagen der Gehirntatigkeit ein und kritisiert die mangelnde Berucksichtigung der Padagogik und Psychologie im schulischen Alltag. „Er machte das Phanomen individueller Lerntypen anfangs an der Bevorzugung unterschiedlicher sensomotorischer Verarbeitungsformen („Eingangskanale“) fest, die bereits durch die Erfahrungen der ersten Lebensmonate entscheidend gepragt seien.“ (Schrader, 2008, S. 17)

Hieraus konnte nun geschlossen werden, dass es vier Lerngruppen gibt: den visuellen Sehtyp, den auditiven Hortyp, den haptischen Fuhltyp und den verbalen Typ. Doch weitere Forschung seinerseits fuhrte zu der Ansicht, dass diese Klassifikation zu kurz greift, denn auGer den Eingangskanalen wird Lernen noch von einigen weiteren Faktoren beeinflusst. (vgl. Schrader, 2008, S. 17)

Mit dieser Erkenntnis steht der Lehrer vor der schwierigen Aufgabe auf alle Lerntypen einzugehen. Doch allein das Wissen um die Vielfalt und Unterschiede im Lernen (vgl. Konig, 2007, p. 16) ist nach Vester fur den Lehrer ausgesprochen wichtig, „da es ihn davor schutzt, die Ursachen fur Erfolge oder Misserfolge allein beim Schuler, in dessen Intelligenz, FleiG oder Interesse, zu sehen. Stattdessen wird der Blick auf die Ubereinstimmung zwischen den Vermittlungsformen des Lehrers und den Verarbeitungsformen des Schulers gelenkt." (Schrader, 2008, S. 17)

Wie kann man diesem Problem also entgegenwirken? „Vester ladt, wenn schon der Lehrer als aktiver Faktor ausscheidet, «das ganze Problem» auf den Schuler ab." (Schrader, 2008, S. 17). So ist sein Ziel, diesen in die Lage hinein zu versetzen, sich seines eigenen Lerntyps bewusst zu werden, um damit das Beste aus sich heraus zu holen. Denn das Wissen um den eigenen Lerntyp verbessert nicht nur die schulische Leistung, sondern ebenso die gesamte emotionale Struktur des Lerners. (vgl. Schrader, 2008, S. 18)

Jedoch spielt der Lehrer an anderer Stelle wiederum eine groGe Rolle: Vesters Hauptforderung ist, die „Fixierung des traditionellen Schulsystems auf das verbale Lernen zu uberwinden" (Schrader, 2008, S. 18). Laut ihm muss, wenn schon nicht auf jeden Lerntypen einzeln eingegangen werden kann, ein wirksames Schulsystem die Entfaltung der verschiedenen Lerntypen erlauben und fordern. So soll etwa dem „lesenden Einzelganger, den ganz auf den Lehrer fixierten "Mitarbeiter", den diskutie- renden Gesprachstyp, den durch praktische Anwendung motivierten, den durch Wettbewerb angeregten wie den durch Wettbewerb frustrieren Typ, den sich bei Musik Entspannenden und den, der sich im dicksten Betrieb am besten konzentriert, oder den durch Tatigkeit speichernden, den mit bereits vorhanden wie auch mit spater moglichen Assoziationen arbeitenden Typ" (Schrader, 2008, S. 18) sowie hundert anderen Typen die Moglichkeiten geboten werden, den Lernstoff in die Ge- dankenverknupfungen seines eigenen Grundmusters zu ubersetzten. (vgl. Schrader, 2008, S. 18)

Vester geht in seiner Theorie also davon aus, dass das Lernen uber verschiedene Sinneskanale erfolgt. Dabei ist jedoch nie die Rede von einem ausschlieGlichen Lerntyp. Denn ganz gleich, welchen Grundlerntyp man fur sich herausgefunden hat, ist es grundsatzlich besser uber moglichst viele Wahrnehmungskanale zu lernen, da die sogenannte Erinnerungsquote ansteigt, je mehr Sinneskanale am Lernprozess beteiligt sind. Bei dieser Aussage von Vester handelt es sich jedoch bis heute um eine These, die bisher weder empirisch noch argumentativ bewiesen worden, jedoch trotzdem weit verbreitet ist. (vgl. Hamann, 2007, S. 24)

Somit hat Vester mit seinen Theorien 1975 bereits fruh erkannt, dass Menschen Wissen unterschiedlich aufnehmen (vgl. Vester, 2004, S. 50ff). Er kommt zu dem Schluss, dass unendlich viele Kombinationen von Lerntypen existent sind, die sich grob in Lerngruppen einteilen lassen. Nach Vester sind vier unterschiedliche Lerntypen vorhanden. Dies sind die visuellen, auditiven, haptischen und intellektuellen Lerntypen. Im Folgenden werden die Lerntypen nach Vester beschrieben:

3.2.2. Der auditive Lerntyp

Auditive Lerntypen lernen am besten durch Kommunikation, also durch Horen und Sprechen. Diese Schuler fuhren oft Selbstgesprache beim Lernen, sagen sich die Lerninhalte laut vor, erzahlen anderen davon, erfinden ein Lied dazu und singen es vor sich hin. (vgl. Sylvia Behrmann, 2007, p. 11) Durch Umgebungsgerausche fuhlen sie sich jedoch schnell gestort, genauso wie durch Musik im Hintergrund. (vgl. Arnold & Mels, 2007, S. 14) Besonders gut konnen sie ihr Wissen durch gezieltes und aktives Zuhoren erweitern. Zudem liegen ihnen mundliche Aufgaben und sie konnen sehr gut auswendig lernen. Das Prinzip der Vektorrechnung konnen sie sich zum besseren Verstandnis zum Beispiel von einem Mitschuler erklaren lassen. So konnen Beispiele gemeinsam besprochen und Unklarheiten unmittelbar geklart werden. Aber auch das Horen von selbst bespielten Kassetten, CDs oder lautes Vorlesen erleichtert dem auditiven Lerntyp das Lernen. (vgl. Sutterlin, 2004)

Somit konnen Schuler des auditiven Lerntyps dem klassischen vortragenden Unterricht am besten folgen, da sie bei Vortragen am nachhaltigsten lernen. Zu dieser Gruppe gehoren jedoch nur 20% wenige Schuler. (vgl. Remmler-Bellen, 2010, S. 111)

3.2.3. Der visuelle Lerntyp

Der visuelle Lerntyp lernt am leichtesten, wenn er optisch angesprochen wird und ihn Informationen uber das Auge erreichen. Er nutzt Bilder, Grafiken und Beobachtungen um Neues zu lernen, denn einmal gesehene Bilder kann er sich gut merken. Die besten Lernerfolge erreicht er durch die Beobachtung von Ablaufen, das Lesen ent- sprechender Texte sowie durch grafische Darstellung. (vgl. Ettmayer & Padagogisches Institut des Landes Tirol <Innsbruck>, 2006, S. 4) Im Mathematikunterricht wurde dies bedeuten, dass er sich mit Hilfe von Zeichnungen und farbiger Strukturierung besser vorstellen kann, wie die Vektorrechnung funktioniert. (vgl. Sutterlin, 2004). Wichtige Lernhilfen fur diesen Wahrnehmungstypen stellen Bucher, Lernposter, Videos und Karteikarten dar. (vgl. Remmler-Bellen, 2010, S. 112)

Der visuell veranlagte Schuler braucht eine geordnete Lernumgebung und arbeitet gerne mit Tafelbildern und schriftlichen Unterlagen. Dann arbeitet er auch gerne mit und nimmt Informationen durch Sehen und Zeigen lassen auf. Dabei erinnert er sich besonders an das, was er selbst gelesen und gesehen hat. (vgl. Sutterlin, 2004) Allerdings lasst sich dieser Lerntyp auch leicht durch visuelle Unordnung ablenken, wodurch Lernerfolge schnell ausbleiben. (vgl. Sutterlin, 2004)

3.2.4. Der haptisch-motorische Lerntyp

Dieser Lerntyp lernt am besten wenn er etwas anfassen, selbst ausprobieren oder fuhlen kann. (vgl. Ettmayer & Padagogisches Institut des Landes Tirol <Innsbruck>, 2006, S. 4) Die direkte Beteiligung am Lernprozess und „learning by doing" ist fur diese Art von Lerner besonders wichtig. (vgl. Sylvia Behrmann, 2007, p. 13)

Schuler, die handelnd lernen, probieren lieber selber etwas aus, bevor sie lange Anleitungen oder Texte lesen. Ebenso ziehen sie es vor, wenn man ihnen etwas praktisch vormacht oder erklart. Sie wollen beim Lernen selbst aktiv werden und lernen leichter, wenn sie selbst mitmachen konnen, zum Beispiel in Rollenspielen und Gruppenaktivitaten. (vgl. Remmler-Bellen, 2010, S. 111) Nach Vester wurde ein solcher Wahrnehmungstyp die Vektorrechnung mit Hilfe von zwei Bleistiften und einem aufgemalten Koordinatensystem selbst testen. (vgl. Sutterlin, 2004)

Die groGten Erfolge beim Lernen erreichen diese Schuler durch ein sich-bewegen wahrend dem Lernen, beispielsweise indem sie beim gedanklichen Wiederholen des Lernstoffs im Zimmer hin und her laufen und ihn evtl. noch durch Gesten und Mimik unterstreichen. (vgl. Remmler-Bellen, 2010, S. 111)

3.2.5. Lernen durch den Intellekt

Anders als bei den bisher genannten Lerntypen, die sich durch die Art des Wahr- nehmungskanals fur eine Information und deren damit verbundene Verarbeitung unterscheiden, wird hier kein Sinneskanal angesprochen. Dieser Lerntyp bezieht sich rein auf den Verstehensprozess.

Schuler des Typs Lernen durch den Intellekt genugt die mathematische Formel, die die Vektorrechnung beschreibt, um das ganze Konzept zu verstehen. Im Gegensatz zu den anderen Lerntypen hat es der "Lerner durch den Intellekt" in der Schule grundsatzlich leichter, da Unterricht in der Regel nach diesem Prinzip gehalten wird (vgl. Vester, 2002, S.52).

Der so genannte intellektuelle Lerntyp taucht zudem in den meisten Lerntypentests gar nicht mehr auf. (vgl. Sutterlin, 2004)

3.2.6. Kritik an der Lerntypologie nach Vester

Aufgrund ihrer Inkonsistenz und Oberflachlichkeit wird Vesters Lerntypologie oft nicht ernst genommen. Oberflachlich sei Vester, da er ungeklart lasst, ob sich seine Typisierung auf Vorlieben fur bestimmte Informationsangebote oder fur bestimmte mentale Formate und Prozesse bezieht. Inkonsistent sei seine Theorie, da sich die ersten drei Lerntypen durch die Art des Wahrnehmungskanals fur eine Information unterscheiden, wahrend sich der vierte Lerntyp auf den Verstehensprozess bezieht. Durch diese Art der Einteilung versagt Vester den ersten drei Lerntypen die intellektuelle Leistung und suggeriert, dass der Verstand bei ihnen keine groGere Rolle fur Denken oder Verstehen spiele. Stattdessen behalt er dies ausschlieGlich dem Typ „Lernen durch Intellekt" vor. (vgl. Quast, 2011) Dies wirft die Frage auf, was die anderen Lerner mit ihren Sinnesdaten anfangen und woher die Lerner kognitiven Typs ihren Lernstoff beziehen. (vgl. LooG, 2001)

Auditiv und optisch kann der Lerninhalt als Abfolge von Buchstaben und Zeichen aufgenommen werden, haptisch konnte dies allenfalls durch Blindenschrift geschehen. Jedoch erst alles zusammen ist Voraussetzung fur das Verstehen und Lernen von Informationen. (vgl. Quast, 2011) „So gesehen ist Lerntyp 4 die Folge von 1-3 und unverzichtbar notwendig fur das Verstandnis, wie naturlich umgekehrt die pure Information als Buchstaben- oder Lautfolge erst einmal wahrgenommen werden muss." (Quast, 2011) Dies bedeutet, dass die Voraussetzung fur erfolgrei- ches Lernen der affektiven Lerntypen aus der Prasenz von Lerntyp vier besteht, was dem Bestreben der Lerntypenklassifikation jedoch widerspricht.

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Details

Seiten
50
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656283980
ISBN (Buch)
9783656284192
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v198960
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,7
Schlagworte
Lerntypen

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