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Zu den Möglichkeiten und Grenzen des außerschulischen Lernens am Beispiel einer Stadtrallye in Potsdam im Fach Geschichte der 9. Klasse

Examensarbeit 2011 56 Seiten

Didaktik - Geschichte

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Theorie des außerschulischen Lernens
2.1 Außerschulische Lernorte – eine Begriffsbestimmung
2.2 Zur Notwendigkeit von Erfahrungen vor Ort im Geschichtsunterricht
2.3 Zum Besuch eines außerschulischen Lernortes in Form einer Stadtrallye im historischen Potsdam

3. Außerschulisches Lernen anhand einer Stadtrallye in Potsdam
3.1 Zur Wahl des Lernortes
3.2 Lernziele dieser Exkursion
3.3 Die Planung und vorbereitende Maßnahmen
3.4 Die Durchführung
3.5 Die Nachbereitung
3.6 Kritische Reflexion und Verbesserungsvorschläge

4. Schlussfolgerung

5. Quellenverzeichnis
5.1 Literaturverzeichnis
5.2 Internetquellen

6. Anhang

1. Einleitung

Typisch:

Der Lehrer nimmt den Bach durch.

Er zeigt ein Bild.

Er zeichnet an die Wandtafel.

Er beschreibt.

Er schildert.

Er erzählt.

Er schreibt auf.

Er diktiert ins Heft.

Er gibt eine Hausaufgabe.

Er macht eine Prüfung.

Hinter dem Schulhaus fließt munter der Bach vorbei.

Vorbei.[1]

Dieses Zitat beschreibt die gängige Unterrichtspraxis, welche vor 40 Jahren an vielen deutschen Schulen praktiziert wurde. Seitdem hat sich Vieles zum Positiven gewandelt. Neue schülerzentrierte und abwechslungsreiche Methoden wurden in den Unterricht integriert und demzufolge lernen die Schülerinnen und Schüler heute nicht mehr ausschließlich lehrerzentriert. Grundlegend dafür ist auch die Tatsache, dass in den letzten Jahren in der Pädagogik und den Fachdidaktiken zunehmend selbstständiges Lernen und die damit verbundene Öffnung von Schule gefordert wurden.[2] Zudem besteht die moderne Pädagogik darauf, dass die Lernenden zu aktiven Lernprozessen angeleitet werden.[3] Diesbezüglich stellte schon Comenius fest, dass „wenn wir […] den Schülern wahres und zuverlässiges Wissen von Dingen einpflanzen wollen, […] wir alles durch eigene Anschauung und sinnliche Demonstration lehren“[4] müssen.

Die Lehrkräfte von heute haben somit die wichtige Aufgabe, diesen Forderungen nachzukommen und den herkömmlichen Lernort, das Klassenzimmer, zu verlassen, so dass der Bach zum realen Lerngegenstand wird. Eine Möglichkeit zeitgemäßen Unterricht anzubieten, und fernab vom Lehrbuchunterricht Sachverhalte zu vermitteln, ist außerschulisches Lernen in den Unterricht zu integrieren.

In dieser Arbeit soll es nicht darum gehen, die verschiedenen Lernorte vorzustellen, sondern es wird exemplarisch anhand einer Stadtrallye durch die Landeshauptstadt Potsdam eine spezielle Möglichkeit des außerschulischen Lernens vorgestellt und mithilfe dieser erklärt, warum es unerlässlich ist, Lerngegenstände nicht nur theoretisch in der Schule zu behandeln.

Die vorliegende Arbeit besteht aus zwei Teilen. Um sich dem Thema zu nähern, sollen im ersten Teil zunächst die theoretischen Grundlagen zum außerschulischen Lernen bearbeitet werden. Nicht nur eine Begriffsbestimmung wird vorgenommen, sondern auch die didaktische Notwendigkeit von Erfahrungen vor Ort bezogen auf den Geschichtsunterricht werden dargelegt. Ebenso wird geklärt, welche Forderung das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg bezüglich des außerschulischen Lernens hat, indem der Rahmenlehrplan des Faches Geschichte für die Sekundarstufe daraufhin analysiert wird. Im Anschluss daran wird die historische Exkursion am Beispiel einer Stadtrallye als Form des außerschulischen Lernens vorgestellt und darauf eingegangen, was bei den einzelnen Phasen der Durchführung beachtet werden sollte.

Der zweite Teil der Arbeit befasst sich mit der praktischen Durchführung der Stadtrallye. Zunächst soll kurz auf die Wahl des Lernortes eingegangen werden. Des Weiteren ist es auch von großer Wichtigkeit, die Lernziele für die Stadtrallye vorzustellen, da diese eine Legitimation für die Durchführung darstellen. Der Fokus dieses Kapitels ist allerdings auf die Vorbereitung und Planung, die organisatorischen Maßnahmen, die Durchführung sowie den Verlauf und letztendlich der Auswertung gerichtet. Weiterhin ist auch eine kritische Reflexion erforderlich. Diese beinhaltet nicht nur Hinweise, sondern auch Verbesserungsvorschläge beziehungsweise alternative Varianten.

Angemerkt werden sollte, dass es bezüglich des außerschulischen Lernens im Fach Geschichte wenig Literatur gibt, die sich intensiv und umfangreich mit dem Thema beschäftigt. Aus diesem Grund wurden in dem theoretischen Teil der Arbeit vor allem allgemeine Didaktikwerke und entsprechende Literatur aus den Bereichen Geographie und Sachkundeunterricht zu Rate gezogen.

Im Anhang der Arbeit befinden sich neben Darstellungen und Schemata, die zur genaueren Erklärung der dargestellten Sachverhalte benötigt werden, auch vom Autor selbstständig entwickelte Lehrerhandreichungen, die zur Durchführung einer Stadtrallye in Potsdam herangezogen werden können. Ebenso befinden sich ausgewählte Schülerergebnisse im Anhang. Zu den Formalien bleibt anzumerken, dass in den Fußnoten bei mehrmaliger Verwendung eines Werkes die bibliografische Kurzform verwendet wird, welche ein Verweis auf die ausführliche Bibliografie aller verwendeten Werke darstellt, die am Ende der Arbeit aufgeführt sind. Die gesamte Arbeit bezieht sich auf den Geschichtsunterricht an einer weiterführenden Schule in Brandenburg bzw. der 9. Klasse einer Oberschule.

2. Zur Theorie des außerschulischen Lernens

2.1 Außerschulische Lernorte – eine Begriffsbestimmung

Zuerst sollte angeführt werden, dass in der Literatur die verschiedensten Definitionen zum Begriff des außerschulischen Lernens bzw. für außerschulische Lernorte zu finden sind. Sauerborn und Brühne erklären diese Uneinheitlichkeit damit, dass in den letzten Jahren zahlreiche Schlagworte und Gegenstandsbestimmungen in Erscheinung getreten sind. Mit den Bezeichnungen Unterricht an Außenlernorten, Regionalem Lernen, Lernen vor Ort, Exkursion, Originalbegegnung und Lernen außerhalb des Klassenraums sind nur einige Beispiele für die Begriffsvielfalt angeführt, die letztendlich alle das Gleiche meinen: Lernvorgänge, die nicht im Klassenzimmer stattfinden.[5] Aus diesem Grund ließen sich hier zahlreiche gelungene und aussagekräftige Definitionen anführen. Das folgende Zitat von Mickel gehört zu denen, die das Grundverständnis der Didaktik des außerschulischen Lernens vor allem bezogen auf den Geschichtsunterricht, treffend zusammenfasst:

"Mit dem Begriff außerschulischer Lernort wird auf die didaktisch-methodische Möglichkeit aufmerksam gemacht, daß [sic!] die Lernenden die Schule […] verlassen können, um gezielt einen gesellschaftlich-politischen Problembereich durch eigene Erfahrungen, Beobachtungen, Erlebnisse gemeinsam zu erschließen."[6]

Aus dieser Definition geht hervor, dass nicht mehr nur die Schule als hauptsächliche Bildungsstätte dienen soll, sondern dass auch außerhalb die Chance besteht, dass Schülerinnen und Schüler einen Lernzuwachs erhalten und auch Kompetenzen, wie Selbstständigkeit und Eigenständigkeit gefördert werden. Ebenfalls wird deutlich, dass beim außerschulischen Lernen Probleme oder auch Lerninhalte unmittelbar an dem Ort bearbeitet werden, wo diese zu sehen, anzufassen oder zu beobachten sind.

Eng verbunden mit dem außerschulischen Lernen ist auch die Vermittlung von Handlungskompetenz. Durch den Erwerb dieser Schlüsselkompetenz werden die Schülerinnen und Schüler in der Lage sein, durchdachtes, verantwortungsbewusstes, selbstständiges, soziales sowie sach- und fachgerechtes Verhalten in und außerhalb der Schule zu zeigen, indem sie zur Handlung angeregt werden.[7]

Auch bezüglich des Begriffes des Lernortes gibt es verschiedene Kategorisierungen. Sauerborn und Brühne unterscheiden diesbezüglich zwischen freien Lernorten, zu denen u.a. der Wald, der Fluss und die Schlucht zählen und den gebundenen Lernorten, zu denen der Bauernhof, das Museum oder die Messe zu zählen sind. Allerdings kann mit gründlichen didaktischen Vorüberlegungen bezüglich der Realisierbarkeit, dem Lernziel und der Umsetzung fast jeder Ort außerhalb der Schule für das außerschulische Lernen genutzt werden.[8] Berücksichtigt werden sollten dabei Birkenhauers Grundsätze, die eine Lehrkraft beachten sollte, um geeignete Lernorte zu finden. Zunächst sollte der Ort die Möglichkeiten bieten sowohl zum entdeckenden und kreativen als auch zum originalen Lernen, um beispielsweise die Möglichkeit nachzuvollziehen, wie eine Stadt entstanden ist. Des Weiteren muss der außerschulische Lernort Neugierde und Fragewollen bei den Schülerinnen und Schülern wecken sowie das Lernen mit allen Sinnen ermöglichen. Schließlich sind die Behaltenswerte in solchen Lernsituationen wesentlich höher.[9]

In der modernen Geschichtsdidaktik versteht sich die Methode Geschichte vor Ort aufzusuchen als neuer Leitgedanke.[10] Dabei ist es wichtig, den Blick der Schülerinnen und Schüler auf die regionale Vergangenheit anhand einer noch heute teilweise sichtbaren Wirklichkeit zu sensibilisieren.[11] Die Begegnung mit realen historischen Objekten aus der Heimat findet zum Beispiel an historischen Orten statt. Das außerschulische Lernen leistet einen wichtigen Beitrag zum kulturhistorischen Verständnis der SchülerInnen und kann dort Neuzugänge schaffen, wo der Unterricht in der Schule an seine Grenzen stößt.[12] Weitere Aspekte, die das außerschulische Lernen notwendig machen und zeigen, dass es in den modernen Unterricht integriert werden muss, werden im nächsten Kapitel dargelegt.

Wenn im Folgenden von außerschulischen Lernorten, Exkursionen oder Lernen vor Ort gesprochen wird, so meint das, angelehnt an die vorhergehenden Ausführungen zu der Begriffsproblematik, eine schulische Veranstaltung, die das Ziel hat, Wissen und Kompetenzen außerhalb des Klassenzimmers zu vermitteln.

2.2 Zur Notwendigkeit von Erfahrungen vor Ort im Geschichtsunterricht

Bei der Beschäftigung mit außerschulischen Lernorten und der Frage nach der Notwendigkeit für den Geschichtsunterricht sollte auch der Rahmenlehrplan des Faches Geschichte für die Sekundarstufe I auf diesen Sachverhalt untersucht werden. Grundlegend verlangen alle Lehrpläne die „Orientierung in Raum und Zeit“ und bereits für die Jahrgangsstufen 5 und 6 fordert der Rahmenlehrplan Geschichte insbesondere, dass historische Schlüsselkompetenzen entwickelt werden, durch das Aufsuchen originaler Begegnungen und aktivem Erkunden der Geschichte.[13]

Im Rahmenlehrplan Geschichte für die Sekundarstufe I wird beispielsweise verlangt, dass das außerschulische Lernen zum festen Bestandteil des Geschichtsunterrichts gehört. Der Besuch von Gedenkstätten, Museen, Ausstellungen oder historischen Orten soll regelmäßig erfolgen.[14] Das Adjektiv regelmäßig lässt darauf schließen, dass dieser Forderung nicht nur sporadisch nachgegangen werden soll, sondern dass in jedem Geschichtsunterricht beispielsweise Exkursionen nicht nur als besonderes Highlight genutzt werden. Zudem ist es für alle GeschichtslehrerInnen verpflichtend, mindestens zwei außerschulische Lernorte während der beiden Doppeljahrgangsstufen zu besuchen. Lediglich frei ist die Entscheidung, zu welchem Zeitpunkt, an welchen Ort und mit welcher inhaltlichen Ausrichtung das außerschulische Lernen stattfinden soll.[15] Für die Lehrkraft ist diese Handlungsfreiheit auch notwendig, da die regionalen Voraussetzungen oftmals nicht für alle Themen der Geschichte gegeben sind.

Besonders im Bereich der Methodenkompetenz der Jahrgangsstufen 9/10 wird das recherchieren an Lernorten und die anschließende Präsentation der Ergebnisse als grundlegende Schlüsselqualifikation genannt.[16] Die SchülerInnen lernen nicht nur Fragen an die Geschichte zu stellen, sondern diese auch mithilfe von Quellen zu beantworten.

Auch werden beim außerschulischen Lernen viele Kompetenzen vermittelt, die vom Rahmenlehrplan gefordert sind: das Protokollieren, das Dokumentieren, die Informationsbeschaffung und das Recherchieren, die Ergebnisgestaltung in Sprache, Bild und Grafik. Demnach ist der Erwerb nicht nur von fachlichen, sondern auch von überfachlichen praktischen Kompetenzen und kommunikativen Fähigkeiten durch das außerschulische Lernen abgedeckt.

Eine weitere Notwendigkeit, die das außerschulische Lernen fordert, ist die Tatsache, dass viele Schülerinnen und Schüler nur wenig über das Bundesland, in dem sie wohnen, wissen. Insbesondere über die politischen und historischen Gegebenheiten in der Vergangenheit ist ihnen wenig bekannt. Somit ist ein aktives Erkunden der nahen Heimat und das Verlassen des Schulortes eine grundlegende Forderung in den Rahmenlehrplänen. Denn der Mensch wird durch seine Umgebung geformt und kann somit als historisches Wesen bezeichnet werden. Deshalb ist das Wissen um die Heimat und die aktive Auseinandersetzung mit der Entwicklungsgeschichte von großer Bedeutung.[17]

Die Begegnung mit dem realen Lerngegenstand oder einer Situation vor Ort fördert nicht nur die Neugier der Lernenden, sondern ruft auch Fragestellungen hervor, die selbstständig von den Lernenden beantwortet werden können. Besonders bezüglich des Geschichtsunterrichts sollen die Schülerinnen und Schüler realisieren, dass Geschichte sie auf Schritt und Tritt begleitet, demnach an jeder Ecke zu finden ist. Durch die Begegnung und Auseinandersetzung mit einem Objekt an seinem ursprünglichen Standort gewinnen die Schülerinnen und Schüler einen Eindruck der räumlichen Dimensionen von Geschichte.[18] Dies lässt sich nur mit der sonst so gängigen Lehrbucharbeit oder bei der Auseinandersetzung mit Quellen nicht realisieren. Wenn Schüler beispielsweise die Strecken zwischen Schloss, Kirche und Rathaus selbst ablaufen, sind Körper und Geist an der Erschließung dieses historischen Ortes beteiligt. Zugleich entsteht eine Erlebnissituation, die eine positive Wirkung auf die Motivation haben kann.[19]

Besonders bei Schülern, die noch keinen Zugang zur Geschichte gefunden haben, könnte die Begegnung mit authentischen Lerngegenständen im realen Umfeld Interesse für den Fachunterricht hervorrufen. Hierbei spielt auch die Imagination eine wesentliche Rolle. Früheres Leben können sich die Lernenden besser vorstellen, gefördert durch Anschaulichkeit und Authentizität vor Ort und somit ist auch eine höhere Nachhaltigkeit des Lernens gegeben, die mit getragen wird in das Klassenzimmer.[20]

Ebenso wird ein Bezug zwischen der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler und dem Lerngegenstand hergestellt, indem Orte und Gebäude aus ihrem unmittelbaren Umfeld in den Unterricht einbezogen werden. Demnach wird auch gezeigt, dass der Geschichtsunterricht nicht nur der Vermittlung von Fakten und Daten dient. Ein gut ausgewählter Lernort vermittelt den Lernenden auch Authentizität, indem sie diesen im originalen Zustand kennen lernen und somit eine wirklichkeitsnahe Begegnung stattfindet.[21] Die ortsfesten, bleibenden gegenständlichen Quellen sind wirkliche, reale und nicht erdachte oder fiktive Überreste aus der Vergangenheit. Diese originalen Gebäude haben eine Anschaulichkeit in Form, Größe und Dreidimensionalität, die kein anderes Medium ersetzen kann.[22] Folglich vermitteln außerschulische Lernorte Echtheit und Glaubwürdigkeit. Also grundlegende Faktoren, die Geschichte lebendig machen und durch die Nutzung eines Lehrbuches nicht ausreichend vermittelt werden können. Das Fach Geschichte kann die Inhalte nicht wie die naturwissenschaftlichen Fächer mit der Durchführung von Experimenten oder Analysen von konkreten Gegenständen veranschaulichen. Aus diesen Gründen ist es unerlässlich, Relikte aus der Vergangenheit aufzusuchen, um eine originale Annäherung zumindest in Ansätzen zu ermöglichen. Ebenfalls wird in solchen Lernsituationen nicht nur Sachwissen vermittelt, sondern auch die Methodenkompetenz der Schülerinnen und Schüler gefördert.[23] Besonders das Vermögen, aus verschiedenen historischen Quellen historisches Wissen aufzubauen und dabei ebenso die Wirklichkeit zu erschließen, wahrzunehmen und sich mit ihr auseinanderzusetzen und dabei die gewonnenen Informationen und Erkenntnisse selbstständig zu ordnen sowie die eigenständige Verarbeitung zu einer Dokumentation zusammen zu fügen, können Ergebnisse des außerschulischen Lernens sein.[24]

Anzumerken ist auch, dass neben der Vermittlung von all den dargestellten kognitiven und methodisch-instrumentellen Kompetenzen auch das soziale Miteinander gefördert werden kann. Teamwork, gegenseitige Rücksichtsnahmen, Verlässlichkeit, das Treffen von Entscheidungen sind nur einige soziale Kompetenzen, die durch das außerschulische Lernen gestärkt werden können. Laut Tischner begeistern sich die Schülerinnen und Schüler besonders in der Sekundarstufe I für Neues, Fremdes und Andersartiges. Somit besteht auch aus entwicklungspsychologischer Sicht eine Legitimation für das Lernen außerhalb der Schule.[25] Infolgedessen lässt sich schlussfolgern, dass die Heranwachsenden an außerschulischen Lernorten nicht nur authentische Situationen wahrnehmen können, sondern auch selbstständig lernen bzw. Lernen mit allen Sinnen, was nach neueren lernpsychologischen Überlegungen die Behaltensleistungen und auch die Wissensbildungsprozesse in besonderer Weise fördert.[26] Auch weitere Untersuchungen belegen die Notwendigkeit für das Lernen an außerschulischen Orten. So hat eine Studie ergeben, dass der Mensch sich ,,ungefähr 10% neuen Wissens durch Lesen, 20% durch Hören, 30% durch Sehen, 50% durch Sehen und Hören, 80% durch eigenes Sprechen und 90% durch eigenes Handeln"[27] aneignet. Auch Bergmann und Rohrbach verweisen auf ihre Erfahrung, dass eine Exkursion nicht, wie oft behauptet, nur Freizeitcharakter hat und deswegen kein Lernen stattfindet. Sie befragten regelmäßig ihre ehemaligen Schülerinnen und Schüler, an welche Themen sie sich noch erinnern können. Als Antwort erhielten sie zwar, dass es wenige sind, aber diese waren immer eng verbunden mit einer Exkursion, einem Projekt und einer Handlung.[28] Kohl und Stahl sprechen in diesem Zusammenhang von einer höheren Behaltensleistung. Ein wichtiger Grund dafür liegt in der Tatsache, dass Exkursionen normalerweise nicht zum Schulalltag gehören, sondern nur sporadisch, in manchen Klassen auch gar nicht durchgeführt werden. Somit heben sie sich vom üblichen Unterricht innerhalb der Schule ab und stellen oft Erlebnisse für die SchülerInnen dar, die stärker in Erinnerung bleiben.[29]

Auch das Lehrer-Schüler-Verhältnis kann durch die Änderung des situativen Kontextes gestärkt werden. Die Schülerinnen und Schüler nehmen die Lehrerperson nicht primär als Wissensvermittler des regulären Unterrichts wahr, sondern als Begleiter und Berater sowie zum Teil auch als Privatperson.

Natürlich hat das außerschulische Lernen auch Grenzen, diese sind jedoch meist nur in den organisatorischen Problemen zu finden. Die Planung und die Vorbereitungen umfassen einen erheblichen zeitlichen Aufwand und besonders das Finden eines passenden Lernortes zu dem jeweiligen Thema kann sehr aufwendig sein.[30] Auch kann nicht jeder Lernort bei bestimmten Witterungsverhältnissen aufgesucht werden, einige sind aufgrund der Wegstrecke nicht realisierbar oder es finden sich nicht genügend Begleiter. Ebenso sind finanzielle Aspekte, Prüfungszeiträume und schulinterne Veranstaltungen oft ein Grund dafür, dass außerschulisches Lernen nicht durchgeführt werden kann. Außerdem sind häufig Disziplinprobleme einiger Schülerinnen und Schüler ein Grund, warum viele Lehrkräfte selten Lernorte außerhalb der Schule aufsuchen.

So lässt sich zusammenfassen, dass außerschulisches Lernen notwendig ist für ganzheitliches Lernen und für die Verknüpfung von Schule und Lebenswirklichkeit. Die Schülerinnen und Schüler lernen in diesen Lernsituationen mit allen Sinnen. Aus diesem Grund ist die Integration für den zeitgemäßen Unterricht unentbehrlich. Des Weiteren trägt der handlungsorientierte Umgang mit Fragen zu einer ausgewählten Thematik dazu bei, dass Sachwissen entdeckend und anschaulich vermittelt wird.

2.3 Zum Besuch eines außerschulischen Lernortes in Form einer Stadtrallye im historischen Potsdam

Die Stadtrallye ist eine Form der historischen Exkursion, die es den Schülerinnen und Schülern ermöglicht, eigenständig und selbstständig Informationen und Zusammenhänge bezüglich der Überreste der preußischen Geschichte in Potsdam zu erarbeiten.

„Unter einer „historischen Exkursion" wird ein zeitlich beschränkter Besuch von geschichtsrelevanten Orten, der Historizität und Authentizität vermittelt und den Schülern Realbegegnungen mit Geschichte ermöglichen soll, verstanden. Die Wortbedeutung […] beinhaltet unter anderem Begriffe wie Wanderung, Besichtigung, Studienfahrt, Unterrichtsgang […]. Historische Themen werden an außerschulischen Lernorten, abseits des Klassenzimmers behandelt und von den Schülern bearbeitet.“[31]

Die historische Exkursion hat demzufolge zum Ziel, den Geschichtsunterricht an außerschulischen Lernorten durchzuführen, die selbst als Quellen genutzt werden können. Demnach ist die historische Exkursion eine Methode, bei der Informationen aus dem Lebensumfeld der Lernenden beschafft oder bestätigt werden. Konkretes und abstraktes Lernen werden miteinander verbunden, denn die Lernenden müssen u.a. Informationsgespräche führen, Protokolle verfassen, Skizzen anfertigen, fotografieren, Informationen entnehmen, diese auswerten und reflektieren sowie Texte formulieren. In den verschiedenen Stationen der Stadtrallye müssen die SchülerInnen miteinander kommunizieren und kooperieren. Sie haben dabei die Chancen verschiedene Rollen, wie Interviewer, Berichterstatter, Gruppenleiter oder Stadtführer anzunehmen.[32]

Die Stadtrallye ist eine Kombination aus Zielfindung und Fragen zur Allgemeinbildung sowie zu konkreten Sachverhalten der preußischen Geschichte. Dabei können die Schülerinnen und Schüler eine nahegelegene Stadt erkunden und dabei die Sehenswürdigkeiten und Besonderheiten entdecken. Des Weiteren üben die Lernenden Stadtpläne zu lesen, Entfernungen zu schätzen und Orientierungspunkte zu finden. Nebenbei beschäftigen sie sich mit der Potsdamer Stadtgeschichte und erhalten Informationen über wichtige historische Orte und Plätze der Innenstadt. Darüber hinaus wird auch das sinnentnehmende Lesen geübt, da die SchülerInnen die Aufträge für die einzelnen Stationen bewältigen und dabei oft von Informations- und Anschauungstafeln Erläuterungen entnehmen müssen.

Eine Exkursion sollte laut Haubrich immer einem bestimmten Ablauf folgen. Dieser Ablauf gliedert sich in drei Phasen: der Vorbereitung, der Durchführung und der Nachbereitung.[33] Das folgende Schema soll diese Phasen veranschaulichen und als Grundlage zur nachfolgenden kurzen Beschreibung dienen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Ablaufschema einer Exkursion[34]

In der Vorbereitungsphase müssen, wie auch bei einer Planung einer Unterrichtssequenz bzw. einer Einzelstunde, zunächst die Lernziele festgelegt werden. Anhand dieser Ziele kann ein geeigneter Exkursionsort und die inhaltlichen Themenschwerpunkte festgelegt werden. In der anschließenden Durchführungsphase kann gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern das Material gesucht oder hergestellt werden, welches bei der folgenden Erkundung genutzt wird. Hierbei soll die Lehrkraft nur die Rolle eines Beraters innehaben. In der letzten Phase, der Nachbereitung, steht die Auswertung, Sicherung und Präsentation der gesammelten Informationen im Vordergrund. Dabei soll auch die gesamte Exkursion reflektiert werden. Diese Nachbereitung kann sowohl vor Ort stattfinden als auch im Klassenzimmer.

Beachtet werden muss bei der Vorbereitung, dass bei einer Stadtrallye auch sachgerechte Methoden der freien Arbeit angewendet werden. Den Schülerinnen und Schülern soll es ermöglicht werden, sich motivierend und aktiv mit den gestellten Fragen auseinanderzusetzen. Nebenbei sollen unterschiedliche sinnvolle Möglichkeiten genutzt werden, die zur Erschließung historischer Sachverhalte nützlich sind. Das Landesinstitut für Schule und Medien Brandenburg schlägt u.a. das „Skizzieren von […] Gegenständen, das Notieren von Antworten, das Sammeln von Fundstücken, das freie Zeichnen oder Aufschreiben von Eindrücken, das Fotografieren oder das Durchführen einer Befragung“[35] vor.

Im zweiten Teil der Arbeit soll nun ein Beispiel außerschulisches Lernen anhand einer Stadtrallye in Potsdam vorgestellt werden. Grundlegend für die Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung ist das theoretische Wissen, welches in diesem ersten Teil der Arbeit zusammengefasst und beschrieben wurde.

3. Außerschulisches Lernen anhand einer Stadtrallye in Potsdam

3.1 Zur Wahl des Lernortes

Im November 2008 wurde in der Zeitschrift National Geographic Traveler ein Ranking veröffentlicht, in dem eine Fachjury von 280 unabhängigen Reiseexperten 110 historische Orte auf der ganzen Welt bewertete. Potsdam erreichte als beste deutsche Stadt den achten Platz, da das Kriterium Erbe der Vergangenheit beispielhaft und authentisch zu erhalten, erfolgreich umgesetzt wird.[36]

Potsdam ist nicht nur ein Ort mit einer mehr als tausendjährigen Vergangenheit, sondern geriet auch immer wieder in den Blickpunkt deutscher Geschichte seitdem sie die Residenz- und Garnisonstadt preußischer Könige wurde. Sie bietet somit viele Möglichkeiten, den Schülerinnen und Schülern die historische Vergangenheit nahe zu bringen, welche zumeist nur theoretisch im Geschichtsunterricht vermittelt wird. Außerdem ist Potsdam ein Lernort, der an die unmittelbare Alltags- und Lebenswelt der SchülerInnen anknüpft. Viele der Lernenden kennen die Landeshauptstadt nur als Ort zum Shoppen, zum Ausgehen am Abend oder als Verbindungsort nach Berlin. Schon bei der Unterrichtssequenz Preußische Geschichte wurde deutlich, dass die Lernenden oft nicht wussten, dass Potsdam ein zentraler historischer Ort ist, an dem viele der Ereignisse, über die sie Wissen erlangt haben, stattfanden.

Auch ist das außerschulische Lernen eine Chance, den gängigen Geschichtsunterricht attraktiver zu gestalten. Zu oft verstehen die Schülerinnen und Schüler unter dem Fach Geschichte nur die Arbeit mit dem Geschichtsbuch. Dies hat zur Folge, dass den Lernenden die Ereignisse und Vorgänge aus der Vergangenheit fern bleiben. Ein Unterricht, welcher die SchülerInnen dazu anleitet, das unmittelbar eigene Lebensumfeld auch als historischen Ort zu entdecken, kann das Geschichtsinteresse fördern.

[...]


[1] Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung: Handreichung zum Lernen an außerschulischen Lernorten (Hauptschule). München 1991, S. 29.

[2] Vgl. Günther-Arndt, H. (Hrsg.): Geschichtsdidaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II. 8. Auflage, Berlin 2003, S. 14.

[3] Vgl. Sauerborn, Petra; Brühne, Thomas: Didaktik des außerschulischen Lernens, Baltmannsweiler 2009, S. 11.

[4] Comenius, Johann Amos: Große Didaktik. Übersetzt und herausgegeben von Andreas Flitner, Stuttgart 1970, S. 9.

[5] Vgl. Sauerborn; Brühne, S. 12.

[6] Mickel, Wolfgang W. (Hrsg.): Handbuch der politischen Bildung. Grundlagen, Methoden, Aktionsformen, Schwalbach 1999, S. 526.

[7] Vgl. Sauerborn; Brühne, S. 11.

[8] Vgl. Sauerborn, Brühne, S. 17.

[9] Vgl. Birkenhauer, Joseph: Außerschulische Lernorte. In: Geographiedidaktische Forschungen, Band 26, München 1995, S. 9 -15.

[10] Vgl. Schreiber, Waltraud: Versuch einer Typologie für historische Exkursionen. In: Schönemann, B., Uffelmann, U. und Voit, H.: Geschichtsbewußtsein und Methoden historischen Lernens. Schriften zur Geschichtsdidaktik Bd. 8. Deutscher Studienverlag, Weinheim 1998, S. 213.

[11] Vgl. Treml, Manfred: Ausgestellte Geschichte. In: Schönemann, B., Uffelmann, U. und Voit, H.: Geschichtsbewußtsein und Methoden historischen Lernens. Schriften zur Geschichtsdidaktik Bd. 8. Deutscher Studienverlag, Weinheim 1998, S. 204.

[12] Vgl. Günther-Arndt, S. 145.

[13] Vgl. Landesinstitut für Schule und Medien Brandenburg (Hrsg.): Außerschulische Lernorte. Materialien zur Rahmenlehrplanimplementation, Grundschule Geschichte, Jahrgangsstufe 5/6, Ludwigsfelde 2005, S. 3.

[14] Vgl. Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg (Hrsg.): Rahmenlehrplan für die Sekundarstufe I. Jahrgangsstufen 7-10. Geschichte, gültig ab 1. August 2010, S. 12.

[15] Vgl. RLP, S. 23.

[16] Vgl. RLP, S. 20.

[17] Vgl. Landesinstitut für Schule und Medien Brandenburg, S. 3.

[18] Vgl. Hey, Bernd: Die historische Exkursion. Zur Didaktik und Methodik des Besuchs historischer Stätten, Museen und Archive, Stuttgart 1978, S. 31.

[19] Vgl. Günther-Arndt, S. 145.

[20] Vgl. Mayer, S. 8.

[21] Vgl. Birkenhauer, Joseph; Kestler, Franz: Notwendige Vorwegüberlegungen zur Planung und Evaluation geodidaktischer Exkursionen und von Geoprojekten. In: Geographiedidaktische Forschungen, Band 40: Exkursionsdidaktik – innovativ, Nürnberg 2006, S. 143-152.

[22] Vgl. Mayer, Ulrich; Klassenfahrten und historisches Lernen. In: Geschichte lernen 113, Stuttgart 2006, S. 7.

[23] Vgl. Langer-Plän, Martina: Außerschulische Lernorte im Geschichtsunterricht, Neuried 2005, S. 3.

[24] Vgl. Tischner, Christian: Exkursionen, Erkundungen und Expertengespräche im Sozialkundeunterricht, Wittenberg 2005, S. 8.

[25] Vgl. Tischner, S. 5.

26 Vgl. Günther-Arndt, S. 145.

[27] Vgl. Schreiber, 1998, S. 213.

[28] Vgl. Bergmann, Klaus; Rohrbach, Rita: Chance Geschichtsunterricht. Eine Praxisanleitung für den Notfall, für Anfänger und Fortgeschrittene, Schwalbach 2005, S. 95.

[29] Kohl, Heinrich; Stahl, Werner: Lernen am Nahraum. Die Bedeutung des Nahraumes im Sachunterricht der Hauptschule, München 1983, S. 53.

[30] Die Internetseite des Bildungsserver Berlin Brandenburg bietet eine gute und stets aktuelle Übersicht für außerschulische Lernorte in der Region und kann behilflich sein beim Finden eines passenden außerschulischen Lernortes. http://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/lesen_auerschulische_lernorte.html (Stand 4.10.2010).

[31] http://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb04/institute/geschichte/didaktik/aktivitaeten-didaktik-geschichte/geschichtsdidaktische-pruefungsthemen/exkursion/definition-von-historischer-exkursion (Stand 24.10.2010).

[32] Vgl. Detjen, Joachim: Erkundung/Sozialstudie/Praktikum. In: Wolfgang W. Mickel (Hrsg.): Handbuch zur politischen Bildung. Grundlagen, Methoden, Aktionsformen. Schwalbach 1999, S. 401 - 403.

[33] Vgl. Haubrich, Hartwig: Geographie unterrichten lernen. Die neue Didaktik der Geographie konkret, München 2006, S. 135.

[34] Haubrich, S. 135.

[35] Landesinstitut für Schule und Medien Brandenburg, S. 5.

[36] Vgl. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,588623,00.html (Stand 1.10.2010).

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Titel: Zu den Möglichkeiten und Grenzen des außerschulischen Lernens am Beispiel einer Stadtrallye in Potsdam im Fach Geschichte der 9. Klasse