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Hat die Globalisierung zur Entfesselung der Finanzmärkte geführt?

Zwischen Entgrenzung und politischer Steuerung

Hausarbeit 2011 20 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Der Weg zum freien Markt
2.1. Historischer Abriss
2.2. Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht

3.1. Eine neorealistische Perspektive nach Alexander Siedschlag
3.2. Mögliche Global Governance Mechanismen
3.3. Realistische Sicht auf eine globale Finanzmarkt-Architektur

4. Entgrenzung oder gewollte politische Steuerung?
4.1. Die Folgen der Globalisierung
4.2. Der Staat als handlungsfähiger Akteur

5. Die Finanzmärkte - Ein labiles Konstrukt?

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In einer sich kontinuierlich verändernden Welt in der die Entgrenzung der Märkte vom Einfluss der Nationalstaaten eine so enorme Eigendynamik entwickelt hat, dass sie das gesamte Weltfinanzsystem gefährdet, wird der Ruf nach Modellen der Regulierung der Finanzmärkte immer lauter. Die räumliche Entgrenzung der Märkte verschärft die Gefahr eines Systemkollapses, so kommt es, dass "die Risikolust einzelner Banken Kettenreaktionen hervorrufen, durch die negative externe Effekte weltweit verteilt werden" (Lütz 2000: 61). Die Handlungsfähigkeit einzelner Staaten, ja sogar ihre Souveränität - in denen die Staaten regulative Normen setzen konnten - wird ihnen zunehmend abgesprochen. Ihre Handlungsfähigkeit ist begrenzt, weil sie globale Probleme nicht mehr allein, sondern nur in Kooperation mit anderen Staaten, Internationalen Organisationen und zivilgesellschaftlichen Akteuren lösen können. Die Transnationalen Unternehmen entziehen sich staatlichen Regelungen, in dem sie ihre Firmensitze in offshore Länder verlegen.

Mit Hilfe von multilateraler Kooperation versuchten die Staaten, "die Reichweite von Regeln der Risikobegrenzung über das jeweilige nationale Territorium hinaus auszudehnen und Banken auf diese Weise die Möglichkeit zu nehmen, sich regulativen Auflagen zu entziehen" (ebd.: 67). Aber auch die Unternehmen, die nicht flüchteten, sondern in den Finanzmetropolen wie New York oder London geblieben sind, haben immer einen Weg gefunden, ihre risikoreichen Investments mit Bilanzierungstricks vor staatlicher Aufsicht zu verstecken und sich vor staatlichen Eingriffen zu schützen oder sogar gemeinsam mit ihren Regierungen eine ihnen dienliche Finanzmarktordnung zu entwickeln.

Doch ist es wirklich zu einer Handlungsunfähigkeit des Nationalstaates, sowie einer Entgrenzung des Marktes von politischer Steuerung und Kontrolle gekommen? Zu Beginn der Arbeit wird ein sehr vereinfachter historischer Abriss über den Einstieg in die freie Marktwirtschaft aufgeführt und ergänzt um die ersten Versuche der G10 Ländern, eine Finanzmarktregulierung einzuführen.

Mithilfe der neorealistischen Theorie, wird die Möglichkeit einer globalen Finanzmarktsteuerung genauer untersucht und mögliche Konstruktionen von realistischen Steuerungsmodellen abgebildet. Hierbei soll vor allem die Frage geklärt werden, ob es zu einer Handlungsohnmacht oder zumindest zu einer geteilten Souveränität der Nationalstaaten im Zuge der Globalisierung gekommen ist oder ob der Staat nicht immer noch der einzige relevante Akteur im internationalen System ist.

Darauf aufbauend werden im vierten Abschnitt die Folgen der Globalisierung für die

Finanzmärkte genauer beleuchtet und in wie fern sie zu einer Entgrenzung der Staaten vom Markt beigetragen hat.

Im letzten Teil wird kurz das labile Konstrukt “Finanzmarkt“ untersucht und versucht eine Erklärung für die Ursache der stetig wiederkehrenden Finanzkrisen zu finden.

2. Der Weg zum freien Markt

Im folgenden Teil der Arbeit soll ein sehr vereinfachter Ablauf der Versuche der Finanzmarktkontrolle und -regelung bis zu Basel II aufgezeigt werden, um die Gründe der Entfesselung der Märkte verstehen zu können. Aufgrund der unzähligen weiteren Versuche, neue Aufsichts- und Regelungsstandards zu etablieren, wird nur vereinzelt auf einige Initiativen der Staatengemeinschaft eingegangen.

2.1. Historischer Abriss

Die Gründung der Internationalen Finanzinstitutionen (IFIs) - des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Internationalen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (Weltbank) -war der Versuch nach Ende des zweiten Weltkriegs, Lehren aus den nationalstaatlichen Verirrungen zu ziehen. Nach den Grundsätzen des Bretton-Woods- Systems sollte ein "multilateral organisierter Welthandel, international koordinierte Währungsbeziehungen, die Absicherung ausländischer Investitionen und der geregelte Ausgleich wirtschaftlicher Ungleichgewichte"(Müller 2002: 92) einen wiederholten Rückfall in Abwertungswettläufe und nationale Autarkiebestrebungen verhindern.

Der Übergang in eine liberale Weltwirtschaftsordnung war die Folge der Außenwirtschaftspolitik der USA, welche auf Grund ihrer unangefochtenen Hegemonie im internationalen System die globale Wirtschaftspolitik diktierte und in Richtung multilaterale Kooperation drängte.

Mit dem Scheitern des Systems fixierter Wechselkurse im Jahr 1973 - und damit des Bretton- Woods-Systems - ist der Ausgleich von Zahlungsbilanzen an private Banken übergegangen und die Wechselkurse sind zum Spielball der Devisenmärkte geworden (vgl. Müller: 94). Die Globalisierung und Liberalisierung brachte immer weitere Krisen hervor, die die Staaten nun zu bewältigen hatten. Die Weltwirtschaftskrise der 70er Jahre, bei der alle G7 Länder bis auf

Japan auf die Mittel des IWF zurückgriffen und die Schuldenkrise der 80er Jahre führten dann schließlich zur Liberalisierung der Kapitalmärkte. Diese Liberalisierung gab den "neu industrialisierten Ländern die Möglichkeit, ihre oft überzogenen Entwicklungsprojekte durch Kreditaufnahme zu finanzieren - um sogleich die Erfahrung steigender Zinssätze, sinkender Rohstoffpreise und erratischer Wechselkurse zu machen" (ebd.: 96).

2.2. Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht

Die Entfesselung der Kapitalmärkte führte 1974 zur Einrichtung des Basler Ausschusses für Bankenaufsicht, von dem sich die Industrieländer versprachen, die Reichweite von Regeln global durchzusetzen. Dieses Expertengremium - bestehend aus Notenbankgouverneuren und Aufsichtsorganen der G10 Ländern sowie der Schweiz - entwickelte Empfehlungen der internationalen Bankenregulierung und trug so erstmalig zur Schaffung eines internationalen Ordnungsrahmens bei, da die Regimebeschlüsse von den beteiligten Staaten national umgesetzt wurden (vgl. Lütz 2000).

In der Folge weiterer Krisen kam es auch zur Verfestigung internationaler Kooperation und zur Festlegung weitergehender Standards zur Risikobegrenzung. Man einigte sich auf einen regelmäßigen Informationsaustausch zwischen den nationalen Aufsichtsinstitutionen . Die Herstatt-Krise und der Zusammenbruch der Franklin National Bank führten den Industrieländern einen weiteren Mangel in der Bankenaufsicht vor Augen, so dass sie sich 1979 zu einer konsolidierten Überwachung aller multinational tätigen Banken entschieden. Nun mussten in den Bilanzen erstmalig alle im Ausland getätigten Geschäfte in ihrer Bilanz berücksichtigt werden, die dann die Basis der Berechnung ihrer Kapitalrücklagen bildete.

Mit Eintreten der lateinamerikanischen Verschuldungskrise trat das Problem der zu geringen Kapitalrücklagen der Banken zum Vorschein, da viele gegen den Ausfall großer Schuldner nicht hinreichend abgesichert waren.

Der Behebung des Problems, durch eine "Standardisierung der Erfassung und kapitalmäßigen Absicherung von Finanzrisiken auf internationaler Ebene" (ebd.: 69) standen erst einmal die sehr heterogenen nationalen Regulierungskulturen entgegen. Erst nach langwierigen Verhandlung und einem drohenden Alleingang von seitens der USA und Großbritannien, kam es 1988 zur Basler Eigenkapitalempfehlung. Diese legte eine Standardquote für die Eigenkapitalbasis der Banken fest, die sich nach den eingegangenen Kreditrisiken richtete und weitaus höher war, als das bisherige Regulierungsniveau.

Basel II war eine Revision des Eigenkapitalstandards und wurde in Kooperation von Aufsichtsbehörden und Finanzinstituten entwickelt. Nun wurden auch erstmals zivilgesellschaftliche Akteure mit eingebunden bei denen es zu parallelen Konsultationen "zwischen Finanzindustrie und staatlichen Stellen sowohl auf nationaler, europäischer und globaler Ebene" (Walter/Speyer 2005: 317) kam. Basel II besteht aus einem drei Säulen Modell - Mindestkapitalanforderung; Bankaufsichtliche Überprüfungsprozesse ; Erweiterte Offenlegung - und hat als Hauptziel die staatlich geregelten Eigenkapitalanforderungen stärker am tatsächlichen Risiko auszurichten, welches die Finanzinstitutionen selbst ermittelt haben.

Von diesen Kapitalquoten - die auf "die besondere Geschäfts- und damit auch Risikosituation einer Bank abgestimmt sind" (Lütz 2000: 74) - versprach sich der Ausschuss größere Genauigkeit der Risikoerfassung und -absicherung. Beispielsweise wurde bei Krediten an Nicht-OECD-Länder eine höhere Eigenkapitalrücklage - gemäß des Basler Akkords - gefordert. In der EU erfolgte durch eine Richtlinie 2007 die Implementierung von Basel II. Die USA hingegen haben auf Grund der Finanzkrise eine Verschiebung der Umsetzung angekündigt.

3.1. Eine neorealistische Perspektive nach Alexander Siedschlag

Zu Beginn der 80er Jahre ging man davon aus, dass die kapitalistische Weltwirtschaft die Staaten, sowie nichtstaatliche Akteure in der internationalen Politik gleichmäßig einbindet und es so zur Entstehung eines integrierten globalen Weltsystem kommt. Die Internationalen Organisationen würden eine den Nationalstaaten vergleichbare souveräne Rolle spielen und zur Lösung der globalen Probleme beitragen. Dies würde dazu führen, dass "die Essenz der Macht als Motor internationaler Politik (…) so der Essenz der rational verwalteten Interdependenz weichen" (Siedschlag 2005: 99) würde.

Heute befindet sich das internationale System immer noch im Übergang und steht nach Siedschlag immer noch zwischen den Polen "Staatenwelt und Weltgesellschaft". Als Vertreter des Neorealismus geht er davon aus, dass wir es strukturell gesehen mit einem ungeordneten Zusammenspiel verschiedenster globaler Modernitäten zu tun haben und nicht mit der einen Welt oder einer neuen Moderne, in der es Zeit für eine Weltdemokratie mit einem Weltbürgerethos ist. Die Realisierung von Global Governance wird in der neorealistischen Schule tatsachenorientiert untersucht und nicht zivilgesellschaftlich - emanzipatorisch.

Die Frage ist, welche Mechanismen erforderlich sind, um politische Ordnungskonzepte zu verwirklichen? Er plädiert für eine technische Definition von Global Governance und möchte an den Begriff der postinternationalen Politik anknüpfen. Dieser weist auf die Weite sowie die immanenten Grenzen des Möglichkeitsraums in dem sich Global Governance abspielen kann, hin.

"Der Begriff postinternationale Politik soll klar machen, dass globale politische Herausforderungen und globale politische Strukturen weder etwas neues noch das Ende staatlichen Handelns oder der Staatenwelt bedeuten" (ebd.: 100).

In seinem Ansatz geht er nicht vom klassischen Modell der Billardkugeln als Staaten nach Waltz, dass von der Struktur des internationalen Systems direkt auf das Verhalten von Staaten schließt. Er bezieht sich auf einen Neorealismus, durchdacht von europäischen Beiträgen der von einer Akteursvielfalt ausgeht und in der wir es mit „einem pluralistisch organisierten internationalen System zu tun haben, in dem von einzelnen Akteuren keine durchgreifenden Steuerungsleistungen, sondern höchstens bestimmte Managementtätigkeiten erbracht werden können" (ebd.: 101).

Internationale Politik wird als ein dynamisches und pluralistisches Interaktionssystem betrachtet. Es ist immer noch ein anarchisches System, dass aber ohne zentrale Entscheidungs- und Vollzugsorgane sowie ohne erzwingbare Rechtsordnung besteht. Anarchie bedeutet hier "Nichtherrschaft", da es keine übergeordnete Zentralinstanz gibt die verbindliches Recht setzt.

Daraus resultiert für die Staaten eine stetige Unsicherheit, die sie nach ihren nationalen Eigeninteresse - Streben nach Macht und Sicherheit - handeln lässt.

In diesem anarchischen System sind internationale Institutionen keine souveränen Problemlösungsinstanzen oder Normsetzer, sondern erfüllen nur eine von den Interessen ihrer Mitglieder abgeleitete Funktion. Sie besitzen keine Kompetenz Kompetenz, sondern sind auf Handlungsvollmachten angewiesen und somit in ihrem Handeln beschränkt. Ein Ordnungswandel kann im internationalen System nur „spontan und selbstorganisiert, nicht aber durch Global Governance herbeigeführt werden" (ebd.).

Trotzdem ist staatliches Handeln den Prozessen der Globalisierung unterworfen, da diese systemischen Druck auf die Akteure ausübt. Dieser Strukturwandel wirkt sich auf die Ergebnisse ihrer Interaktionen und ihr Verhalten aus, wobei die Staaten selbst die Systemstruktur beeinflussen können.

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Details

Seiten
20
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640731862
ISBN (Buch)
9783640732425
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v160188
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt
Note
2,0
Schlagworte
Finanzkrise Globalisierung Finanzmarkt Global Governance globale Finanzmarkt-Architektur Global governance Mechanismen

Autor

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