Lade Inhalt...

Origenes und die griechischen Apologeten. Das Paradigma des Logos in der Christologie des 3. Jahrhunderts

Essay 2016 8 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Das Paradigma des Logos in der Christologie des dritten Jahrhunderts

Origenes und die griechischen Apologeten

Die Geschichte des frühen Christentums zeigt auf, dass für die Verbreitung des Glaubens in die ganze Welt hinein, die Heidenmission des Paulus von entscheidender Bedeutung war. Erst über diesen Wege konnte sich das Christentum aus einer innerjüdischen Gruppierung heraus zu einer selbständigen Glaubensrichtung emanzipieren. Diese Entwicklung musste folglich mit einer Inkulturation des christlichen Kerygmas in das Denken der antiken, hellenistischen Umwelt einhergehen. Obwohl die frühe Kirche immer wieder Abgrenzungen, Ausgrenzungen und Verfolgungen unterlag, bemisst sich der Erfolg dieser Lehre wohl vor allem darin, dass es sich bei ihr um einen die Menschen liebenden und ihnen verzeihenden Vater-Gott handelt. Die Forderung der Nächstenliebe war nicht auf bestimmte Angehörige eines bestimmten Volksstammes oder einer Klasse gerichtet, sondern bezog sich allgemein auf alle Menschen.

Der Logos als Bindeglied von hellenistischer Philosophie und christlichem Glauben

In der Entfaltung der christlichen Glaubenslehre kamen die griechischen Apologeten mit der damals vorherrschenden griechischen Philosophie in Berührung, mit der man nun eine sinnvolle Synthese finden musste, um die Glaubwürdigkeit und Wahrheit des christlichen Kerygmas hinreichend darlegen zu können. Dabei war der Terminus des λόγος (lógos) eine besonders wegweisende Größe. Mit seinem Einfließen in die Christologie der ersten Jahrhunderte, wurde in der Apologetik eine reiche Tradition aufgegriffen. In der Philosophie Platons ist darunter die Vernunft gemeint, als eine argumentativ begründete Wahrheits-aussage, oder aristotelisch verstanden die vernunftgemäße Rede.

In der Heiligen Schrift der Christen tritt der Logos im Prolog des Johannesevangeliums auf (Joh 1, 1 - 18). Dem Prolog zufolge war der Logos in Präexistenz mit dem einen Gott von Anfang an eins. Im Akt der Schöpfung kam ihm eine Mittlerrolle zu. Er war die Aussage der Güte Gottes und seiner Schöpfung. Durch die Inkarnation nimmt er „Fleisch“ an und wird so zum Mittler der Gotteskindschaft an die Menschen. Dieser Logos des Johannesprologs ist als eine Person der göttlichen Sphäre zu verstehen, die auf Aussagen der frühjüdischen Weisheits-tradition zurückgeht. Mit dieser Logostheologie der Inkarnation wendet sich das johanneische Schrifttum vermutlich gegen zwei Glaubensrichtungen. Zum einen gegen eine reine „Geist-christologie“, der nach Christus seine Göttlichkeit erst nach der Taufe vom Heiligen Geist erhielt, zum anderen gegen solche, die eine wirkliche Inkarnation Christi von Gott her in Frage stellen und bezweifeln.

Den ersten Versuch einer Synthese der (johanneischen) Logostheologie mit dem hellenis-tisch-philosophischen Terminus unternimmt Justin der Märtyrer (+165). So sei der göttliche Logos schon von Beginn der Schöpfung an, also noch vor dem Auftreten Jesu in der Geschichte, am Werk und verstreut so die Keime des Heils (logoi spermatikoi) in die Welt.

Während das Christentum nun die vollkommene Verwirklichung der göttlichen Heilsgegen-wart in der Welt verkörpert, war der Logos schon vor der Zeit des Christentums und seiner Offenbarung am Werk. Nach diesem Gedankengang haben die großen Denker wie Sokrates, Heraklit oder Platon christliche Lehren vorweggenommen, indem sie logosgemäß lebten. So seien sie schon immer hingeordnet gewesen auf die Heilsgegenwart Gottes, die sich im historischen Jesus vollkommen verwirklicht habe. Offen bleibt jedoch bei Justin, ob der Logos wesensgleich mit Gott zu verstehen sei, oder nur als Moment an ihm, der bei der Schöpfung aus Gott herausgetreten und hervorgegangen sei. In der Frühzeit würde über das genaue Verhältnis noch nicht spekuliert. Justin ging daher von einer Unterordnung des Logos unter den Vater aus. Diese Unterordnung war jedoch funktional und als konsequente Ergänzung der Logos-Christologie des Justin zu verstehen. Erst später sollte diese funktionale Unterordnung des Logos essentiell durch Arius als heilsgeschichtlicher Subordinatianismus wieder aufgegriffen werden.

Das erste systematische Modell einer wissenschaftlichen Theologe bei Origenes

Der für die weitere Entwicklung der Christologie bedeutendste Entwurf wurde von dem seiner Zeit wohl größten Denker und Theologen aus Alexandrien – Origenes ausgearbeitet. Wie Justin versucht er griechische Philosophie und Christentum synthetisch zusammenzubringen. Man kann daher geteilter Ansicht sein, ob es den griechischen Apologeten dabei um eine Versöhnung von Christentum und Hellenismus ging, oder ob ihr Anliegen nicht vielmehr eine Aufhebung des Hellenismus ins Christentum war. Das Christentum selbst war in seinen Anfängen keine Philosophie, sondern vielmehr eine religiöse Heilslehre. Erst das Bedürfnis, das Christentum als dem Heidentum ebenbürtig, ja als diesem überlegen darzustellen, war der eigentliche Anlass zur Auseinandersetzung mit der griechischen Philosophie. Fest steht aber: Eine Christianisierung des Hellenismus muss einher gehen mit einer Hellenisierung des Christentums.

Das Einfließen hellenistischer Elemente in die Christologie ist wesentlicher Bestandteil in der Entwicklung der christlichen Lehre. Mit Origenes vollzieht sich eine erste systematische Vollendung der bereits bei Paulus grundgelegten heidenchristlich-hellenistischen Heilslehre. Origenes gelang es alle bisherigen theologischen Ansätze und Materialien kritisch und zugleich konstruktiv zu verarbeiten und damit das erste Modell einer wissenschaftlichen Theologie zu entwerfen. So versucht er eine wissenschaftliche Durchdringung des Inkar-nationsgeheimnisses. Er konzipiert eine soteriologische Grundlegung des christlichen Wirk-lichkeits- und Wahrheitsanspruches. Wenn Gott Das Heil als Einigung mit dem Menschen will, dann muss Christus als Heilsmittler demzufolge sowohl ganz Mensch als auch ganz Gott sein. Somit ist der Logos wesensmäßig und von Natur aus ewiger Sohn des Vaters. Das schließt aber nicht aus, dass heilsökonomisch eine bestimmte Ordnung der Abstufung (taxis) anzunehmen ist (vgl. princ. I, 3, 6). Hier zeigt sich besonders die neuplatonische Prägung des Alexandriners. Aus der Annahme, alle Menschen haben bereits schon immer einen Funken Anteil an dem einen göttlichen Logos, der in Christus offenbar geworden ist, folgert Origenes, dass der Sohn als Mittler die volle Menschen-Natur angenommen haben muss. Der Logos muss dem Menschen in Christus in „Leib und Seele“ begegnen, um ihn heimzuholen zu Gott, dem Ursprung und Vollender des Menschen. Letzter Sinn ist eine Vergöttlichung des Menschen. Philosophisch setzt Origenes hier das neuplanonische exitus-reditus -Schema in seine Christologie um.

Origenes veranschaulicht diese Vergöttlichung des Menschen an seinem berühmt gewor-denen Vergleich vom Feuer und Eisen. So wie das Feuer ein Stück Eisen zum glühen bringt, beide Elemente aber nicht ihre ursprüngliche Form verlieren, so durchdringe der Logos den Menschenleib und die Menschenseele. Jedoch wird das Eisen vom Feuer so eingenommen, dass nur noch die Wirkung des Feuers zu vernehmen ist. Am Ende steht nur noch eine einzige Realität – der „Gott-Mensch“ (vgl. princ. II, 6, 6).

Der Vergleich des Origenes mit dem glühenden Eisen verleitet zur Annahme, dass zugunsten der Einheit im Gott-Menschen die menschliche Natur von der göttlichen geradezu aufgesogen wird. Das Durchdringen der menschlichen Natur durch den Logos und seine Vereinigung mit ihm ist unter dem Aspekt einer konkreten Seins- und Handlungseinheit des Logos zu sehen und nicht etwa als eine Auflösung der menschlichen Natur in die göttliche hinein zu verstehen, wie es dann später im Monophysitismus der Fall war.

Mit der Betonung eines autonomen Fortbestandes der menschlichen Natur während der Einigung mit dem Logos im Gott-Menschen bleibt eine Frage offen: Wie kann sich die menschliche Natur von sich aus an die göttliche Natur binden? Origenes sieht hier die Seele des Menschen als Bindeglied zwischen den beiden Naturen. Sie ermöglicht die Einigung mit dem Logos. Im Rückgriff auf die Psalmen ist es für Origenes die Seele, welche mit dem Freudenöl, das heißt mit dem Wort und der Weisheit Gottes gesalbt ist (vgl. Ps 45, 8f). Die Seele ist demzufolge wie ein Gefäß, in dem das kostbare Salböl (das Göttliche) aufbewahrt wird und durch dessen Duft sie die göttliche Würde erlangt. So wie aber der Duft des Salböls von seiner Substanz zu unterscheiden ist, so auch Christus von denen, die an ihm Anteil haben (vgl. princ. II, 6, 6). Diese Unterscheidung von Duft und Substanz markiert hier so zu sagen den Fortbestand der menschlichen Natur.

Indem Origenes an der Trennung zwischen menschlicher und göttlicher Natur festhält, wird das bedeutende soteriologische Anliegen einer ganzheitlichen und realen Menschwerdung Gottes gewahrt. Letztlich wäre der Mensch nicht ganzheitlich erlöst worden, wenn der Logos (in Christus) nicht die ganze Menschennatur angenommen hätte. Anders gesagt würde man das Heil des menschlichen Leibes unterschlagen, wenn man den Körper des Erlösers für einen nur rein geistigen Leib erklärt.

Anlass für weitere Spekulationen bietet aber die in dieser Weise ausgeprägte Präexistenz der menschlichen Seele in Christus. Nach Origenes habe diese schon vor dem Auftreten des historischen Jesus bei der Erschaffung der Welt existiert. Vor seinem neuplatonischen Hinter-grund geht Origenes von einem Abstieg der Seelen in die Leibeswelt aus. Davon hatte die Seele Christi den „Abdruck des Urbildes“ auf einzigartige Weise in sich. Diese hat ihm von Anfang der Schöpfung schon immer untrennbar angehangen. Sie war schon immer Teil der Weisheit Gottes und seinem Logos. Die Einigung in den einen Geist vollzog sich schon von Anfang an (vgl. princ. II, 6, 3). Folgt man nun dieser Annahme einer präexistenten Einigung der beiden Naturen von Beginn der Zeit an, untergräbt man letzten Endes die reale Mensch-werdung Gottes. Die Inkarnation scheint somit keine echte Fleischwerdung des göttlichen Logos zu sein, der dadurch wie durch ein Tor in unsere Welt eintritt, sondern eher die Hinzufügung eines Menschenleibes zu einer schon vorher existierenden Vereinigung von Logos und Seele. In diesem Punkt blieb der große Denker weiterhin umstritten.

[...]

Details

Seiten
8
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668423022
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v356369
Institution / Hochschule
Universität Salzburg – Katholisch-Theologische Fakultät
Note
Sehr gut
Schlagworte
Logos antikes Christentum Theologiegeschichte Origines Apologeten Geschichte Philosophie Antike Dogmatik Kirchengeschichte

Autor

Zurück

Titel: Origenes und die griechischen Apologeten. Das Paradigma des Logos in der Christologie des 3. Jahrhunderts