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Nation und Nationalismus in Irakisch-Kurdistan

Über die Notwendigkeit der politischen Konstruktion eines kurdischen Nationalismus im Irak

Hausarbeit 2015 15 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Naher Osten, Vorderer Orient

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der Nationalstaat, die Nation und der Nationalismus

2. Die Kurden als ethnische Gemeinschaft

3. Die Kurden als fragmentierte Zivilgesellschaft

4. Die Kurden als politische Schicksalsgemeinschaft

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die kurdische Quasi-Staatlichkeit im Nordirak ist eine prominente Fragestellung im gegenwärtigen wissenschaftlichen Diskurs. Auch die vorliegende Arbeit widmet sich dieser Thematik, jedoch losgelöst von ordnungspolitischen Ansätzen, welche die Möglichkeit einer Konstituierung eines kurdischen Nationalstaates anhand von institutionstechnischen Gegebenheiten untersuchen.[1] Vielmehr wird die Konstruktion eines kurdischen Nationalismus innerhalb dieses quasi-staatlichen Gebildes, als entscheidende normative Voraussetzung für die Etablierung eines Nationalstaates, analysiert.

Hierzu werden im ersten Kapitel die theoretischen Grundlagen bezüglich der Wechselwirkungen zwischen den Konzepten des Nationalstaates, der Nation sowie des Nationalismus erarbeitet. Darauf aufbauend werden im zweiten Kapitel die Kurden als ethnische Gemeinschaft, sowie die daraus resultierenden Folgen für den kurdischen Nationalismus, beleuchtet. Das dritte Kapitel setzt sich mit elementaren Strukturen innerhalb der kurdischen Gesellschaft im Nordirak auseinander, welche nicht nur die Rahmenbedingungen für ein nationalistisches Solidaritätsempfinden vorgeben, sondern dieses auch nachhaltig beeinflussen. Abschließend werden im vierten Kapitel die zentralen zeitgeschichtlichen Ereignisse im Irak des 20. Jahrhunderts beleuchtet, welche für die Konstruktion des gegenwärtigen kurdischen Nationalismus im Nordirak unerlässlich sind.

Aufgrund arbeitstechnischer Restriktionen verzichtet diese Arbeit auf die ausführliche Darstellung des historischen Kontexts sowie aktueller machtpolitischer Fragestellungen im föderalen Irak.[2] An erforderlicher Stelle werden jedoch entsprechende Hinweise zu vertiefender Fachliteratur gegeben. Ferner können viele der in dieser Arbeit aufgeworfenen Fragen aufgrund ihrer Komplexität nicht abschließend behandelt werden. Eine abschließende Klärung dieser Fragestellungen muss die Zielsetzung vertiefender wissenschaftlicher Arbeiten sein.

1. Der Nationalstaat, die Nation und der Nationalismus

Dieser Arbeit liegt in weiten Teilen die kritische Nationalismustheorie, in welcher eine Nation grundsätzlich als eine soziale Konstruktion betrachtet wird, zu Grunde.[3] Die soziale Konstruktion der Nation ist hierbei das Ergebnis der Nationalismen, welche in der jeweiligen Gesellschaft vorherrschen. Der Nationalstaat selbst ist dementgegen lediglich der machtpolitische Rahmen, welche die Nation zwecks Durchsetzung ihrer nationalen Interessen konstruiert.[4] Hieraus wird die wechselseitige Abhängigkeit der Konzepte des Nationalstaates, der Nation und des Nationalismus klar ersichtlich. Mit Hinblick auf die kurdische Gesellschaft im Nordirak verneint diese Arbeit somit die Annahme einer historischen Kontinuität[5], welche zwangsläufig in einem kurdischen Nationalstaat endet, und verweist vielmehr auf die Notwendigkeit der gezielten Konstruktion einer kurdischen Nation.

Die gezielte Konstruktion einer Nation bedarf einer gewissen objektiven Grundlage, welche zumeist in ethnischen Gemeinsamkeiten gesucht wird. Diese ethnischen Gemeinsamkeiten können aus Selbst- oder Fremdzuschreibung resultieren, wobei jeweils unterschiedliche ethnische Merkmale für die Bestimmung von Relevanz sein können.[6] Eine solche ethnische Gemeinschaft, welche „eine Einheit mit einem gemeinsamen Gesellschaftsbewusstsein, Sprache, Kultur und nicht zuletzt Gemeinschaftsgefühl“[7] sein kann, wird in der Literatur auch mit dem Terminus Volk bezeichnet. Nichtsdestotrotz konstituieren ethnische Gemeinsamkeiten nicht zwangsläufig eine Nation.[8]

Die Nation entsteht vielmehr aus einem subjektiven Gemeinschafts- und Solidaritätsempfinden, welches die politische (und nicht die ethnische) Gemeinschaft für sich in Anspruch nimmt. Dementsprechend ist die Nation mehr eine imaginäre als objektive Erscheinung, welche sich aus ihrem eigenen subjektiven Empfinden heraus selbst konstituiert.[9] Folglich basiert die Nation primär auf dem individuellen Solidaritätsempfinden zumeist heterogener Menschengruppen.[10] Diese Tatsache macht den Begriff der Nation zu einem überaus komplexen Konstrukt, welches der Wertsphäre zuzuordnen ist[11] und zwangsläufig einem steten Wandel unterliegt.[12]

Ferner ist zu beachten, dass die Etablierung einer Nation konträr zu etablierten gesellschaftlichen Strukturen verlaufen kann. Die Nationalisierung verfolgt nämlich gerade das Aufbrechen eigenständiger und zumeist isolierter Gesellschaftsgruppen auf lokaler, regionaler, politischer oder sozialer Ebene. Dadurch sollen neue Partizipations- und Reflexionsmöglichkeiten eröffnet[13] sowie fragmentierende Loyalitäten innerhalb der Gesellschaft verdrängt werden.[14] Die soziale Gesellschaft soll zur Nation werden.

Die zuvor erläuterten Konzepte zur Nationalstaatlichkeit nehmen im Kontext des Nahen Osten eine besondere Rolle ein. Zum einen handelt es sich bei dem originär europäischen Modell um einen politischen Fremdimport.[15] Zum anderen erscheint die durch europäische Hegemonialmächte erzwungene Implementierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Nahen Osten aus heutiger Sicht überaus fragwürdig.[16] Dementsprechend fasst die vorliegende Arbeit bei der Analyse des kurdischen Nationalismus im Nordirak primär die Entwicklungen und Gegebenheiten ab Mitte des 20. Jahrhunderts ins Auge. Die vor dieser Zeit stattgefundenen Aufstände der Kurden lassen sich aufgrund der Neuheit und Fremdartigkeit der nationalstaatlichen Konzepte nur schwer auf einen kurdischen Nationalismus mit dem Ziel der politischen Selbstbestimmung zurückzuführen.[17] Vielmehr lagen die Intentionen dieser Aufstände vermehrt auf der Verteidigung des islamischen Glaubens, der Abwehr imperialistischer Einflussnahme sowie der Durchsetzung lokaler oder regionaler Interessen.[18] Wenn überhaupt gegeben, waren die nationalen Ziele solcher Bewegungen zweitrangig.

2. Die Kurden als ethnische Gemeinschaft

Das folgende Kapitel beleuchtet die Kurden als ethnische Gemeinschaft. Ohne alle relevanten ethnischen Determinanten an dieser Stelle abhandeln zu können, bleibt zunächst festzustellen, dass es sich bei der kurdischen Gesellschaft um eine überaus heterogene handelt.[19] Nicht ohne Grund wird die Definition einer möglichen kurdischen Ethnie vermehrt in Abgrenzung zu den anderen Ethnien in ihrer Umgebung vorgenommen. So gehören die Kurden ethnisch weder zu den Arabern noch zu den Turkvölkern.[20] Des Weiteren repräsentieren die Kurden mit einer Anzahl von 25 – 30 Mio. Menschen in dem Länderviereck zwischen Türkei, Irak, Iran und Syrien das größte Volk ohne Staat.[21] Diese zumeist territorialen Bezüge sind auch schon die größten objektiven Gemeinsamkeiten, welche auf alle Kurden in diesem Gebiet zutreffen.[22] Im Folgenden sollen dennoch Sprache[23] und Religion[24] als fundamentale Merkmale einer ethnischen Gemeinschaft analysiert werden.

Kaum ein anderer ethnischer Marker dient so gut zur Verdeutlichung der kurdischen Diversität wie die Sprache. So ist die sprachliche und literarische Vielfalt innerhalb der kurdischen Gemeinschaft hoch und eine einheitliche kurdische Sprache oder Schrift in der Realität nicht anzutreffen.[25] Vielmehr sorgt die Heterogenität an lokalen Dialekten dafür, dass Kurden aus verschiedenen Regionen sich oftmals nicht verständigen können.[26] In Bezug auf die kurdische Bevölkerung im Nordirak wird jedoch im Allgemeinen von einer möglichen Verständigung, obwohl auch hier lokale Dialekte vorherrschen, ausgegangen.[27] Dementgegen basiert die literarische Uneinheitlichkeit der Kurden primär auf der Verwendung verschiedener Schrifttypen und Alphabete in den jeweiligen Staaten.[28]

Religion dient an dieser Stelle als das zweite Kriterium zur Bestimmung einer möglich ethnischen Gemeinschaft der Kurden. In diesem Zusammenhang ist zunächst die elementare Rolle der Religion in der kurdischen Gesellschaft festzuhalten.[29] Und obwohl auch hier eine gewisse Pluralität[30] unter den Kurden anzutreffen ist, spielt der Islam die dominierende Rolle. So bekennen sich über 90% der gläubigen Kurden zum Islam[31], wobei besonders im Nordirak die sunnitische Konfession die Mehrheit stellt.[32] Der Islam dient somit zweifellos als verbindendes Element innerhalb der kurdischen Gesellschaft. Nichtsdestotrotz kann er nicht zu der Schaffung eines rein kurdischen Gemeinschaftsgefühls beitragen, da er keine Differenzierung zu den anderen Ethnien der Region zulässt.[33] So ist der Islam auch dort die vorherrschende, wenn nicht sogar staatsleitende Religion.

Auch ist die dominierende Rolle des Islam in der kurdischen Gesellschaft für die Etablierung eines kurdischen Nationalismus nicht förderlich. Einerseits verstanden sich besonders Kurden in den ländlichen Gebieten lange Zeit primär als Muslime, und nicht als Kurden.[34] Andererseits spielte der Islam seit seiner Etablierung in Kurdistan im 7. Jahrhundert auch immer eine politische Rolle, wobei religiöse und politische Führerschaft oftmals miteinander verbunden waren.[35] Folgerichtig ist die Verhinderung einer nationalen Bewegung, welche etablierte Herrschaftsmuster in Frage stellt, ein der politisch-religiösen Führerschaft inhärentes Anliegen.[36] In diesem Zusammenhang konnte sich die Religion als die weitaus größere Solidargemeinschaft über einen langen Zeitraum gegen die ethnische Gemeinschaft sowie die Nation durchsetzen.[37]

Abschließend lässt sich an dieser Stelle feststellen, dass ethnische Gemeinsamkeiten in der kurdischen Gesellschaft nur schwer greifbar sind. Ferner dienen weder Sprache noch Religion als verbindende ethnische Merkmale. Dies macht die Konstruktion der kurdischen Nation nicht unmöglich, erschwert diese jedoch erheblich.

[...]


[1] Eine kompakte Darstellung zur ordnungspolitischen Situation bietet Natali (2010), S. 103-126

[2] Eine kurze Übersicht zu zentralen Konflikten zwischen kurdischer Regionalregierung und irakischer Zentralregierung bietet Steinberg (2011), S. 11-15

[3] Vgl. Oberdörfer (2011), S. 13

[4] Vgl. Hobsbawm (2005), S. 20f

[5] Ebenfalls kritisch gegenüber der Annahme einer historischen Kontinuität ist Halliday (2006), S. 13

[6] Vgl. Jasberg (2009), S. 12

[7] Kanjori (1992), S. 9

[8] In Bezug auf die Sprachgemeinschaft und Religion vgl. Weber (1985), S. 528; Weber (1980), S. 242; bestätigend vgl. Aziz (2011), S. 21

[9] Vgl. Anter (2014), S. 132; bestätigend vgl. Jabar (2006), S. 281

[10] Vgl. Weber (1985), S. 528, 530

[11] Vgl. Weber (1980), S. 244

[12] Vgl. Jasberg (2009), S. 11; bestätigend vgl. Leezenberg (2006), S. 153

[13] Vgl. Jasberg (2009), S. 28f

[14] Vgl. Zubaida (2006), S. 96; vertiefend vgl. Aguicenoglu (1997), S. 115f

[15] Vgl. Özdemir (2006), S. 91; vertiefend vgl. Jabar (2006), S. 277ff und Kanjori (1992), S. 7

[16] Vgl. Aziz (2011), S. 3; bestätigend vgl. Dingley (2011), S. 31 und Bozarslan (2006), S. 136

[17] Vgl. Aziz (2011), S. 62f und Natali (2005), S. 44ff; vertiefend vgl. McDowell (2000), S. 87-95

[18] Vgl. Oberdörfer (2011), S. 19; ebenso Strohmeier und Yalcin-Heckmann (2010), S. 88; auch vgl. Özdemir (2006), S. 93; vertiefend zum Islam vgl. Zubaida (2006) S. 94f

[19] Vertiefend vgl. Bruinessen (2006), S. 21

[20] Vgl. Dingley (2011), S. 32

[21] Vgl. Copur (2013), S. 44; bestätigend vgl. Aziz (2011), S. 4 sowie Halliday (2006), S. 11 und Vali (2006), S. 49

[22] Eine Einführung bietet Jasberg (2009), S. 30ff

[23] Zur Bedeutung der Sprache vgl. Strohmeier und Yalcin-Heckmann (2010), S. 28 sowie Jasberg (2009), S. 12ff

[24] Zur Bedeutung der Religion vgl. Zubaida (2006), S. 95 und Bruinessen (2006), S. 30

[25] Eine Übersicht zu Vielfalt und Restriktionen bieten Strohmeier und Yalcin-Heckmann (2010), S. 28-41

[26] Vgl. Strohmeier und Yalcin-Heckmann (2010), S. 32; ebenso vgl. Özdemir (2006), S. 17f

[27] Vgl. Jasberg (2009), S. 34

[28] So findet im Iran das persische Alphabet Anwendung, während im Irak und Syrien das arabische Alphabet verwendet wird. Hierzu vgl. Özdemir (2006), S. 20; ebenso vgl. Aguicenoglu (1997), S. 183

[29] Zur Dominanz des Islam vgl. Strohmeier und Yalcin-Heckmann (2010), S. 42-49

[30] Diese umfasst neben Sunniten und Schiiten auch christliche, jüdische, yezidische und alewitische Kurden.

[31] Vgl. Özdemir (2006), S. 21; ebenfalls vgl. Kanjori (1992), S. 20

[32] Vgl. Özdemir (2006), S. 21

[33] Vgl. Strohmeier und Yalcin-Heckmann (2010), S. 42; bestätigend vgl. Bruinessen (2006), S. 25f

[34] Vgl. Aziz (2011), S. 11; bestätigend vgl. Özdemir (2006), S. 93

[35] Vgl. Aziz (2011), S. 10f

[36] Vgl. Özdemir (2006), S. 21

[37] Vgl. Jasberg (2009), S. 21

Details

Seiten
15
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668370333
ISBN (Buch)
9783668370340
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v350467
Institution / Hochschule
Universität Erfurt – Staatswissenschaftliche Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
Irak Kurdistan Kurden Föderalismus Nation Nationalismus Staatlichkeit Tribalismus Religion Zivilgesellschaft Mittlerer Osten Türkei Syrien Iran

Autor

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Titel: Nation und Nationalismus in Irakisch-Kurdistan