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Artikulationskodifikation im Deutschen. Vergleich und Entstehung verschiedener Aussprachewörterbücher

Hausarbeit 2011 10 Seiten

Rhetorik / Phonetik / Sprechwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Deutsche Standardvarietät

3. IPA: Entstehung und Zweck

4. Deutsche Aussprachewörterbücher
4.1 Viëtor
4.2 Siebs
4.3 WDA
4.4 Duden
4.5 DAWB

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit soll sich mit der Artikulationskodifikation, vor allem im Rahmen der Aussprachewörterbücher beschäftigen. Im Laufe der Geschichte wurden diverse Aussprachewörterbücher entwickelt, zu nennen sind hier vor allem das Duden- Aussprachewärterbuch, der Siebs, sowie das Deutsche Aussprachewörterbuch und das Wörterbuch der deutschen Aussprache, auf deren Entstehung ich im Folgenden eingehen werde. All diese Werke versuchen dem Anspruch zu genügen, Norm für eine Standardaussprache zu bilden, dabei divergieren sie jedoch in ihrer Definition derselbigen, sowie sowohl inhaltlich als auch methodisch. Im Rahmen der verschiedenen Varietäten des Deutschen ist hier ferner die Frage aufzuwerfen, ob es überhaupt eine einheitliche Aussprachenorm geben kann. Anhand des Phonems /r/ werde ich exemplarisch auf Unterschiede zwischen den einzelnen Aussprache- wörterbüchern eingehen.

2. Deutsche Standardvarietät

Die deutsche Standardsprache (auch: Gemeinsprache, Hochsprache, Schriftsprache, Bühnensprache, allgemeine deutsche Hochlautung, wobei die verschiedenen Begriffe nicht alle semantisch gleichsetzbar sind) bildet ein theoretisches Konstrukt zur Erfassung von überregional bzw. überdialektal verständlichem Sprachgebrauch (vgl. Földes, 2005, S.38; Helbig et al., 2001, S.162). Sie wird unter anderem nach grammatischen, stilistischen, orthografischen Normen kodifiziert (vgl. Földes, 2005, S.39). Orthographie von Alphabetschriften kann hilfreich zur Erkennung der Aussprachenorm sein, es lässt sich jedoch feststellen, dass ein Laut nicht immer einem bestimmten Buchstaben zugeordnet ist, bzw. umgekehrt (vgl. Ritter, 2005, S.176). Es ist für die Standardsprache also nicht nur notwendig, orthographische Normen zu kodifizieren, sondern auch orthoeptische. Dies geschieht in der Regel durch Aussprachewörterbücher, auf die im Folgenden eingegangen werden soll.

Als plurizentrische Sprache verfügt Deutsch über mehrere Standardvarietäten, die Merkmale unterschiedlicher Nationen oder Kulturgemeinschaften bilden können (drei nationale Standardvarietäten im Deutschen) (vgl. Földes, 2005, S.46f.; Helbig et al., 2001, S.162). Sofern die Standardaussprachevarietäten differieren, bezieht sich die Arbeit im Folgenden auf die binnendeutsche Standardaussprache.

3. IPA: Entstehung und Zweck

Zur Erfassung der Aussprache dient das Internationale Phonetische Alphabet (IPA). Es wurde durch die 1886 in Paris gegründete International Phonetic Association mit der Absicht entwickelt, alle weltweit möglichen distinktiven sprachlichen Laute symbolisch darzustellen und bezüglich ihrer Produktion zu kategorisieren (vgl. International Phonetic Association, 1999, S.3).

Das IPA verwendet vornehmlich Buchstaben des lateinischen Alphabets, um zur allgemeinen Lesbarkeit beizutragen. Zur Modifikation nicht-distinktiver, einander ähnlicher Laute werden Diakritika verwendet, die zudem auf Intonation hinweisen (vgl. International Phonetic Association, 1999, S.25f.). Suprasegmentalia kennzeichnen die Länge von über Lauten hinausgehenden Einheiten. Dabei wird eine Differenzierung zwischen Konsonanten und Vokalen vorausgesetzt, welche nach Artikulationsart, Stimmbeteiligung, Aspiration (Konsonanten), Öffnungsgrad, Lippenbeteiligung (Vokale) und Artikulationsort klassifiziert werden.

Das IPA bildet somit Basis und unabdingbares Hilfsmittel, um verschiedene Aussprachestandards und -variationen zu kodifizieren. Durch seine internationale Gültigkeit bildet es zudem auch ein wichtiges Hilfsmittel beim Fremdsprachenerwerb.

4. Deutsche Aussprachewörterbücher

Standardaussprache differiert strukturalistisch hinsichtlich diatopischer (geographisch), diastratischer (sozial), diaphasischer bzw. diasituativer (situativ) Merkmale (vgl. Földes, 2005, S.38). Bei Kodifikationen der deutschen Standardaussprache ist es also notwendig, kontextimmanente Erwartungen an den Sprechgebrauch mit einzubeziehen, sodass diese regelmäßig aktuell überarbeitet bzw. überprüft werden müssen. Für Kodifikationen notwendig sind vorherige deskriptive Erfassungen der Aussprache. Kodifikationen schaffen dann eine Regulierung bzw. Norm für die Standardaussprache (vgl. Krech et al., 2009, S.6).

4.1 Viëtor

Bereits ein Jahr nach der deutschen Reichsgründung 1871 stand zur Debatte, die Orthographie einheitlich zu regeln. Zu dieser Diskussion kam kurze Zeit später auch die Forderung nach einer Normierung der Aussprache und die Frage nach dem Verhältnis von Aussprache und Schrift hinzu (vgl. Krech et al., 2009, S.8).

Unter dem starken Einfluss Preußens wurde zunächst das niederdeutsche Lautsystem befürwortet (vgl. Helbig et al., 2001, S.162f.). Die erste systematische Orthoeptie wurde schließlich von Wilhelm Viëtor (1850 - 1918), einem Marburger Professor entwickelt. Auf Basis einer Befragung zu den Aussprachegewohnheiten von Lehrern und Studenten verfasste er bereits 1885 „Die Aussprache der in dem Wörterverzeichnis für die deutsche Rechtschreibung zum Gebrauch in den preußischen Schulen enthaltenen Wörter“, in dem er die Laut-Buchstabenbeziehungen im Deutschen anhand phonetischer Darstellung von rund 4000 Wörtern darlegte und Ausspracheempfehlungen gab. Von Viëtor diskutiere in diesem Rahmen bereits Aussprachenormen, die auch heute noch Relevanz besitzen, sind zum Beispiel die Unterscheidung der Vokale nach Qualität und Quantität, die Elision des Schwa - Lautes bei unbetonten Endungen auf <-en, -el, -em, -er>, sowie die Aspiration der Fortisplosive nur vor und nach betontem Vokal, außer bei sehr deutlicher Artikulation. Da für ihn als Norm die Bühnenaussprache galt, die er als Maßstab auf Schule, Kirche und allgemeine Gebildetensprache anwenden wollte, fanden Lautreduktionen jedoch keinen Eingang in sein Werk. Es wurde bis 1941 wiederholt aufgelegt, zuletzt unter dem Titel „Die Aussprache des Schriftdeutschen“. Zudem erarbeitete Viëtor 1912 das „Deutsche Aussprachewörterbuch“, in dem er verschiedene Stichwörter nun nach IPA transkribierte und welches sich vermehrt auch auf Nord- und Süddeutschland sowie Österreich bezog (vgl. Helbig et al., 2001, S.163f.; Krech et al., 2009, S.9).

4.2 Siebs

Wie Viëtor legte auch Theodor Siebs (1862 - 1941) seinen Darstellungen zur Standardaussprache die Bühnensprache als frei von Mundarten einheitlich realisierte Aussprache zu Grunde. Auf Basis der Aussprache der Schauspieler verfasste er 1898 ein Werk über die „Deutsche Bühnenaussprache“. Durch die „Beratung zur ausgleichenden Regelung der Deutschen Bühnenaussprache“ mit Vertretern des deutschen Bühnenvereins, der Genossenschaft Bühnenangehöriger, des allgemeinen deutschen Sprachvereins sowie der Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner verfügte Siebs über ausreichenden institutionellen Rückhalt. Es fanden zunächst Kodifizierungsberatungen statt, deren Ergebnisse in der „Deutschen Bühnenaussprache“ dargestellt wurden. Erst ab 1908 wurde auch ein Verzeichnis mit transkribierten Wörtern angehängt (vgl. Helbig et al., 2001, S.164; Krech et al., 2009, S.10). Siebs schrieb präzise Artikulation und einheitliche Aussprache der Schauspieler vor, somit verboten sich auch hier Assimilation, Reduktion, Elision und weitestgehend Koartikulation. Zudem legte er eine von der Lautumgebung unabhängige Aspiration der Plosive nahe.

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Details

Seiten
10
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783956872310
ISBN (Buch)
9783668003583
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v301619
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
artikulationskodifikation deutschen vergleich entstehung aussprachewörterbücher

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Titel: Artikulationskodifikation im Deutschen. Vergleich und Entstehung verschiedener Aussprachewörterbücher