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Das 'Internet der Dinge' im kulturwissenschaftlichen Kontext. Eine Analyse mit Ausblick

Bachelorarbeit 2015 53 Seiten

Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungen und Fremdwortverzeichnis

Fremdsprachliche Kurzzusammenfassung

1. Einleitung

2. Das Internet der Dinge
2.1 Mark Weiser und Kevin Ashton als Wegbereiter
2.2 RFID - technische Voraussetzungen
2.3 Stand der Technik heute

3. Kulturwissenschaftliche Einbettung
3.1 Klassiker
3.1.1 Georg Simmel und der Exkurs zu Frank Schirrmacher
3.1.2 Max Weber und der Exkurs zu Jeremy Rifkin
3.1.3 Niklas Luhmann und die Systemtheorie
3.2 Subjekt - Objekt Betrachtungen: Andreas Reckwitz und die ANT

4. Abschließende Betrachtung: Entzauberung oder Verzauberung der Welt?

5. Literaturverzeichnis

Abkürzungen und Fremdwortverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Alle in dieser Arbeit verwendeten männlichen Personen und Funktionsbezeichnungen beziehen sich in gleicher Weise auf Frauen und Männer. Aus stilistischen und ästhetischen Gründen habe ich auf eine konsequente Doppelnennung (z.B. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen) verzichtet.

Fremdsprachliche Kurzzusammenfassung

In my bachelor thesis I am going to examine the so called concept of the ,Internet of Things‘ (IoT). Since my study background is cultural sciences with a great impact of social sciences, there is no question that all my investigations are implemented from a cultural and social perspective. The IoT is a term first introduced by Kevin Ashton in 1999 rooting back to Mark Weisers vision of the computer for the 21st century in 1991. Weiser imagined portable and wearable computer systems that slowly disappeared in our natural environment though assisting human beings in every possibly way. Nowadays the concept of the IoT can be seen as a network of physical objects that are enabled to communicate with each other, collect and transmit data. Many different technologies such as RFID, communication technologies and of course the internet itself come together in the realisation of this idea.

After a short look at the history, development and components of the IoT, I would like to point out three important theorists who were pioneers when it comes to establish- ing the academical sociology in Germany. Although modern technologies were no subject of interest back in their period of life, I want to show how their theories and discoveries in the field of society can be related to the concept of the IoT. Georg Simmel, Max Weber and Niklas Luhmann can all be seen as sociologists who had new approaches on the term society and examined cultural influences that af- fected society. Simmel and Weber are sceptical about developments around the be- ginning of the 20th century. Processes like urbanisation, differentiation and rationali- sation were responsible for magnificent changes as they proclaimed. Luhmann in- stead developed the system theory that can be used to investigate the modern con- cept of IoT even further. Comparing those writers from the 20th century to scientists and authors from the present we will find a lot of interesting connections between them. It seems also interesting to point out how IoT and human-machine-interaction in general influences the relation between subject and object. Andreas Reckwitz and the actor-network-theory are important to look at for this topic.

At the end I am trying to give a short summary and assess negative and positive thoughts and imaginations on digitalisation and the IoT.

1. Einleitung

Wir leben in einer Zeit, die von rapidem technischen Fortschritt geprägt ist. Der Computer hat seinen festen Bestandteil im Leben fast aller Menschen und ist im Büro, Zuhause und unterwegs in Form von Smartphones ein nützlicher und oft unverzichtbarer Wegbegleiter geworden. Eine Welt ohne das Internet ist heute kaum mehr vorstellbar. In den meisten Bereichen des modernen Lebens ist der Einfluss von Computertechnologien im Zusammenspiel mit dem Internet unbestreitbar. Die Globalisierung, zunehmender Medienkonsum, Echtzeit-Kommunikation über große Entfernungen, veränderte Arbeitsbedingungen auch im Sinne ganz neuer Berufsmodelle (u.a. Heimarbeit) und insgesamt eine unermesslich gestiegene Informationsfülle sind beobachtbare Resultate der fortschreitenden technologischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte, insbesondere der letzten 20 Jahre.

Man spricht vor allem in den hoch entwickelten Ländern von einer sogenannten Wis- sensgesellschaft, passender sogar noch von einer Informationsgesellschaft, in der wir leben. Lisa Bechers wissenschaftlicher Beitrag zur RFID-Technik, die ein grund- legender Bestandteil des heutigen ,Internet der Dinge‘ ist, lautet bezeichnenderweise Die informatisierte Gesellschaft. Kennzeichen wie die gestiegene Nachfrage nach immer schneller abrufbaren Informationen jeglicher Art beschreiben eine der wich- tigsten Voraussetzungen für das Konzept, dessen Untersuchung diese Arbeit gewid- met ist. Gegenstand der Analyse ist das ,Internet der Dinge‘, an anderer Stelle auch als „Ubiquitous / Continuous Computing“ bekannt, das als allgegenwärtige Compu- ter-Interaktion übersetzt werden kann.

Um vielleicht etwas einfacher in die sehr theoretische Komplexität dieses Konzepts einzuführen, möchte ich an dieser Stelle das amerikanische Science-Fiction Drama Her aus dem Jahr 2013 heranziehen, wohlwissend das es eine immense Fülle weite- rer kultureller Erzeugnisse gibt, die sich der oft futuristisch anmutenden Mensch- Computer-Interaktion annehmen. Mit der außergewöhnlichen britischen TV-Serie Black Mirror, dem auf einer Kurzgeschichte Philip K. Dicks basierenden Kinofilm Mi- nority Report und dem Science-Fiction-Klassiker 2001: Odyssee im Weltraum von Stanley Kubrick aus dem Jahr 1968 seien nur drei weitere Werke genannt.

Während in der Auseinandersetzung mit dieser Thematik häufig Themen wie Daten- schutz, Überwachung, Sicherheit, Effizienz und menschliche Ohnmacht gegenüber technischer Überlegenheit interessante und kontrovers diskutierte Untersuchungsfel- der darstellen, stehen im Film Her von Regisseur Spike Jonze menschliche Gefühle gegenüber einer computergesteuerten künstlichen Intelligenz im Mittelpunkt der Erzählung.1 Als Hauptfigur Theodore, ein introvertierter aber liebevoller Mann gefan- gen in einer Art Lebenskrise, seine neue persönliche Assistenz, das Betriebssystem Samantha, fragt, wie es zu seinem Namen kam, antwortet es: „Ich habe in einer Se- kunde ein Buch mit den beliebtesten Vornamen gelesen und mich für Samantha ent- schieden.“ Erstaunt entgegnet Theodore: „Wie funktionierst du?“ und Samantha ant- wortet: „Meine DNA beruht auf den 1000 Programmierern, die mich geschrieben ha- ben. Meine Besonderheit ist jedoch die, dass ich meine Persönlichkeit aufgrund von Erfahrungen weiterentwickeln kann. Genau wie du.“

Im Verlaufe der Handlung übernimmt Samantha die gesamte Organisation des Berufs- und Privatlebens von Theodore, hilft ihm bei Korrekturen seiner redaktionellen Tätigkeit und beginnt darüber hinaus philosophische Gespräche mit Theodore. Schließlich geht Theodore eine Art Liebesbeziehung mit der zusehends menschlicher werdenden Samantha ein.

Der Ausgang dieses interessanten Gedankenspiels ist für meine Arbeit zwar nicht relevant, doch bietet die Geschichte einige realitätsgetreue Ansatzpunkte. Zweifellos sind ,fühlende‘ Computer noch ein Produkt der Fantasie im Genre des Science-Fic- tion, doch haben wir mit den Sprachassistenten wie bspw. Siri der Apple-Geräte schon Vorboten jener nicht allzu fernen Zukunft in Benutzung.

Künstliche Intelligenz und damit auch ,intelligente Dinge‘, wie es die Pioniere des ,In- ternet der Dinge‘ versprechen, sind also nicht mehr reißerische Thesen von Technik- fanatikern und Science-Fiction Autoren, sondern haben bereits in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts Eingang in die Wissenschaft gefunden.2 Der Computer ist fortan mehr als eine automatisierte Rechenhilfe des Menschen. Die Beziehung in der beide heutzutage zueinander stehen ist schleichenden Veränderungen unterworfen, denen sich manche Menschen bewusst entziehen, andere hingegen wohlwollend hingeben. Unlängst verlassen sich viele Autofahrer auf ihr eingebautes Navigations- system und lassen damit die vermeintlich zeitintensivere Navigation ohne technische Hilfe durch fremdes Gelände hinter sich. Doch was passiert mit den Fähigkeiten, die der Mensch einmal entwickelte, schulte und anwendete um sich in fremder Umgebung zurecht zu finden? Nur eine der spannenden Fragen, die mich bei der Bearbeitung dieses Themas begleitet haben.

Konkrete Antworten auf Fragen wie diese, werden in dieser Arbeit nicht zu finden sein. Vielmehr soll versucht werden, die Überlegungen und Konzepte zu einem ,Internet der Dinge‘ vor kulturwissenschaftlichem Hintergrund zu untersuchen. Dazu ist es notwendig nach einer kurzen Skizze der technischen Voraussetzungen und des heutigen Standes der Technik, das Konzept in seine Einzelteile zu zerlegen und diese Einzelteile mit soziohistorischem Abgleich zu analysieren.

Zielführend ist eine Betrachtung des ,Internet der Dinge‘ im Kontext sozialwissenschaftlicher Überlegungen, die es seit Ende des 19. und schließlich im weiteren Verlaufe des 20. Jahrhunderts gab. Eine Verknüpfung des im Vergleich eher jungen technologischen Konzepts mit Klassikern der Kulturwissenschaft wie Max Weber, Georg Simmel und Niklas Luhmann scheint auch im Hinblick auf die Subjekt-Objekt Terminologie vielversprechend.

Untersucht werden soll inwieweit sich die gesellschaftstheoretischen Konstrukte je- ner Vordenker auf das jetzige Aufeinandertreffen von Individuum und künstlicher In- telligenz in gesellschaftlichem Rahmen übertragen lassen. Haben wir es vielleicht sogar mit einer Umkehrung der Subjekt-Objekt-Beziehung zu tun, wenn wir die fort- schreitende Ermächtigung technischer Geräte und künstlicher Intelligenz etwas wei- ter spinnen? Sind klar getrennte Begriffe wie Subjekt und Objekt überhaupt noch haltbar in der Beschreibung relativer Verhältnisse zwischen Mensch und Computer? Ein Blick auf jüngste Entwicklungen der Science and Technology Studies (STS) gibt beachtenswerte Anhaltspunkte zu dieser Problematik. Allen voran Bruno Latours Ak- teur-Netzwerk-Theorie (ANT) soll später an passender Stelle kurz vorgestellt werden. Schließlich werde ich mit einer persönlichen Bewertung düsterer aber auch begeis- ternder Prognosen bezüglich der rasant wandelnden Mensch-Maschinen-Beziehung diese konzeptuelle Untersuchung abschließen.

2. Das ,Internet der Dinge‘

2.1 Mark Weiser und Kevin Ashton als Wegbereiter

Der Ausdruck ,Internet der Dinge‘ geht auf den Titel einer Firmenpräsentation von Kevin Ashton aus dem Jahr 1999 zurück.3 Eine mögliche Kombination der damals aufkommenden RFID-Technik (siehe 2.2) und dem wachsenden Internetboom wurde zu dieser Zeit in den Geschäftsräumen des Unternehmens Procter & Gamble disku- tiert. Rückblickend kann dieser Moment als Geburtsstunde der Realisierung eines Konzepts gelten, das Mark Weiser bereits 1991 in seinem visionären Aufsatz zum Computer des 21. Jahrhunderts voraussagte und als „Ubiquitous Computing“ betitel- te. Weiser hatte beschrieben, dass die beständigsten Technologien, jene seien, die verschwänden, da sie sich perfekt in das Pattern des alltäglichen Lebens einwebten, bis sie von diesem nicht mehr zu unterscheiden seien. Als prominentes und erfolg- reichstes Beispiel galt ihm dabei die Implementierung der Schrift in das Leben der Menschen.4 Erstaunlich präzise beschreibt der amerikanische Informatik- und Kom- munikationswissenschaftler Technologien, die 20 Jahre später aktueller Stand der Technik sein sollten. Der Computer werde nicht mehr an einen festen Standort ge- bunden sein, sondern transportabel den Menschen überall hin mit begleiten. Zur Er- innerung: 1991 waren Computer noch unhandliche Rechentürme und längst nicht allgegenwärtig. Es gab weder Laptops, noch Notebooks oder gar Tablets. Haupt- sächlich in Firmen und Universitäten begann man erstmals die grauen Kästen in größeren Netzwerken zu verknüpfen, um somit dem Zeitalter des Internets den Weg zu bereiten. Weisers Vision ging jedoch noch weiter.

„Therefore we are trying to conceive a new way of thinking about computers in the world, one that takes into account the natural human environment and allows the computers themselves to vanish into the background.“5

Ganz wie die Schrift, würden Rechner also unmittelbarer Bestandteil der Lebenswirklichkeit des Menschen werden, indem sie unsichtbar im Hintergrund der natürlichen Lebensumgebung funktionieren und dienen.

1999 kam Kevin Ashton in seiner Präsentation bei Procter & Gamble mit den Vor- schlägen zu vernetzten Gegenständen den Vorstellungen Mark Weisers sehr nahe und entwarf den Begriff des ,Internet der Dinge‘.

„Nach Ashtons Vision sollten Computer fähig sein, unabhängig vom Menschen Informationen beschaffen zu können. Computer müssten die reale Welt begreifen - ohne von Menschen bedient zu werden.“6

In einem Fachartikel des RFID Journal schreibt Ashton dazu: man müsse Computer befähigen, die Welt in all ihrer Pracht zu sehen, zu hören und zu riechen. Auf Grund- lage der RFID- und Sensortechnologien könnten technische Geräte die Welt be- obachten, identifizieren und schließlich auch verstehen, ohne dass es Menschen be- dürfe, die diese Informationen bzw. Daten erst eingeben müssten.7 Das Ziel eines ,Internet der Dinge‘ ist es folglich, die virtuelle Welt mit der realen Welt zu verschmel- zen, um die Lücke des Informationsaustausches zwischen beiden zu verringern. Um dies zu erreichen stellten sich David Brook und Senjay Sarma vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) die Frage, welcher Technologien es bedarf jeglichen Gegenstand auf der Welt zu identifizieren. Seit 1999 wird am dort gegründeten Auto- ID Center in Kooperation mit Industriepartnern „das Potenzial der RFID-Technologie und der drahtlosen Sensornetzwerke erforscht(...).“8 Einer der dort beteiligten Mitar- beiter zu dieser Zeit ist Kevin Ashton.

Die Dinge, also Alltagsgegenstände bzw. Objekte, sollen nicht nur identifiziert (z.B. geortet) werden, sondern in der Folge auch untereinander Informationen austauschen können. Es wird davon gesprochen, dass die Dinge beginnen zu ,kommunizieren‘. Der Austausch der Informationen erfolgt über das Netzwerk, in dem all diese Gegenstände vernetzt sind, das Internet. Auch das World Wide Web hat sich in den letzten Jahren mehreren Entwicklungen unterzogen. Informationsethiker Rafael Capurro beschreibt in der Themensendung Scobel zum ,Internet der Dinge‘ eine Transformation des Netzes vom anfänglichen Internet der Texte zum Internet der Personen, auch als „social web oder Web 2.0 bekannt. Der nächst logische Schritt sei nun die Entwicklung zum ,Internet der Dinge‘, dem Web 3.0.9

Mit der Möglichkeit selbstständig Daten über die sie umgebende Umwelt zu sam- meln, zu verarbeiten und auszutauschen machen Computer einen evolutionären Schritt. Sie imitieren dabei in gewisser Weise die Sinneswahrnehmungen der Men- schen. Jeder Gegenstand, so die Vision der Forscher, wird zu einem Mini-Computer und kann je nach gewünschter Funktion mit diesen Fähigkeiten ausgestattet werden. Mithilfe von Sensoren und der RFID-Technologie, auf die ich im folgenden Kapitel genauer eingehen werden, sammeln die Gegenstände jedoch nicht nur Daten, sie können durch Algorithmen und programmierte Regeln, auf den Daten basierende Auskünfte und Anweisungen erteilen. Handlungsabläufe je nach technischer Voraus- setzung sogar selbst in die Wege leiten. Das ist das theoretische Konzept des ,Inter- net der Dinge‘. Die Dinge werden intelligent und treten letztlich nicht nur in Kontakt untereinander, sondern vor allem mit dem Menschen. Objekte könnten somit als physische Zugangspunkte zu Dienstleistungen des Internets dienen, die der Nutzer bspw. über sein Smartphone aktivieren kann. Völlig neue Services, Geschäftsmodel- le und Anwendungsmöglichkeiten werden durch die universelle digitale Vernetzung der Objekte denkbar.10

Wie kann so eine Welt aussehen und was bedeuten ,intelligente‘ Dinge konkret für den Alltag des Menschen? Das deutsche Fraunhofer-Institut stellt sich praktische Ü- bersetzungen in den Alltag wie folgt vor:

„Kühlschränke, die eigenständig Milch und Butter nachkaufen, Waschmaschinen, die genau dann waschen, wenn der Strom gerade günstig ist und Fleisch, das alle Daten über seine Herstellung und seine Lieferwege speichert (...).“11

2.2 RFID - technische Voraussetzungen

Um einer Einführung in das Konzept ,Internet der Dinge‘ gerecht zu werden, sollen auch die technischen Voraussetzungen und Möglichkeiten beleuchtet werden, die in der Diskussion eines allumspannenden Objekt-Netzwerks maßgeblich sind. RFID ist die englische Abkürzung für radio-frequency identification und bezeichnet eine Technologie der Identifizierung von beliebigen Objekten mittels elektromagneti- scher Wellen. Vorstellbar ist jedoch nicht nur eine Identifizierung von Dingen, auch Menschen und Tiere können über diese Technologie geortet und erkannt werden. Bei letzteren ist der Einsatz von RFID-Chips sogar in vielen landwirtschaftlichen Betrie- ben bereits Realität (siehe auch 2.3).12

RFID ist die Basis für das einfache ,Internet der Dinge‘. Objekte, die mit RFID-Chips versehen sind, tragen in diesen Chips Informationen über sich wie bspw. Herkunfts- ort, Typ, Ziel, Verwendungsart etc.. Elektromagnetische Wellen werden über kurze Distanz vom Chip empfangen und bei Abruf gesendet. Sogenannte Reader, also Le- segeräte, sind in der Lage die Informationen eines RFID-Chips bei Kontakt auszule- sen. In der Praxis sind Informationsübermittlungen zwischen Chip und Lesegerät je nach Stärke des Chips in Entfernungen von 0-1cm und 1-15m möglich.13 Indem den Dingen Informationen zugewiesen und auf Chips gespeichert werden, verleiht man ihnen eine Identität, die später an theoretisch jedem Ort der Welt und zu jeder Zeit ausgelesen und erkannt werden kann.

Die Idee, das Sammeln von Informationen über Dinge voran zu treiben und Computer zu ermächtigen, diese Daten selbstständig also autonom zu erfassen, bekräftigt Kevin Ashton 10 Jahre nach seinem Vortrag bei Procter & Gamble erneut.

„If we had computers that knew everything there was to know about things—using data they gathered without any help from us—we would be able to track and count everything, and greatly reduce waste, loss and cost. We would know when things needed replacing, repairing or recalling, and whether they were fresh or past their best.“14

Der offensichtliche Vorteil für Logistik und Handel bei der Nutzung von RFID-Chips, wäre seiner Meinung nach auch für die generelle Reduzierung von Müll, Verlust und Kosten einschlägig. Gegenstände könnten ersetzt, repariert oder zurück gerufen werden, wann immer dies nötig werden würde und wir würden mithilfe der RFID- Technologie und dem ,Internet der Dinge‘, sofort wissen, wann dies geschehe.

Zusätzlich zur RFID-Technik bedarf es aber noch weiterer Komponenten, um die Vi- sionen von ,intelligenten‘ Dingen und damit ,intelligenter‘ Lebensumgebungen des Menschen zu verwirklichen. Bisher sind Objekte nur in der Lage identifiziert zu wer- den. Damit diese untereinander kommunizieren können und bestimmte Parameter in ihrer Umwelt messen können, werden Sensoren und eine geeignete Kommunikationsmöglichkeit über nahe aber auch ferne Distanz gebraucht. Das In- ternet bietet hierbei ein ideales Netzwerk, um Informationen auf schnellstem Wege

über möglichst weite Strecke zu transferieren. Aber auch auf kurze Entfernung be- nutzen wir heutzutage bereits Technologien, die in der Lage sind, die erwähnten An- forderungen zu erfüllen. Mit der Bluetooth-Technologie sei nur eine weitere Option erwähnt, die bereits seit einigen Jahren in Mobiltelefonen und Computern Gebrauch findet um Daten kabellos auszutauschen. Jedoch stellt die Reichweite hierbei einen begrenzenden Faktor dar.15

Ein größeres Problem in der Umsetzung stellen allerdings die benötigten Sensoren dar. Sie sollen die Lebenswirklichkeit des Menschen so gut wie möglich erfassen, um auf ihr basierende Rückschlüsse für Aktionen zu treffen. Zwar existieren mit soge- nannten „Sensortags bereits technische Sinnesorgane, doch reicht deren Leistung und Entwicklungsstand noch nicht für ,intelligente‘ Objekte aus.16 Weiterhin werden Computer und Prozessoren immer leistungsfähiger (Mooresches Gesetz), doch hinkt die Entwicklung Energie liefernder Batterien und Akkus für technische Geräte noch hinterher. Gerade für Mini-Computer und Etiketten wie sie in und an den Objekten zum Einsatz kommen könnten ist das Problem der Energieversorgung noch nicht gelöst.17

Eine Vielzahl von Entwicklungen, Ideen und Technologien konkurrieren im Moment demnach bei der Realisierung eines ,Internet der Dinge‘, in dem smarte Objekte Um- gebungsparameter messen und untereinander kommunizieren. Lisa Becher schreibt:

„Auf dem Weg zum Internet der Dinge in seiner komplexesten Form und darüber hinaus auch zu intelligenten Umgebungen können z.B. rechnergestützte Sensoren und Aktuatoren bzw. Sensornetzwerke die technologische Lücke der RFID-Technologie schließen. In diesem Verbund wäre die RFID-Technik in der Lage, Basis für Kommunikation autonomer Objekte und für selbstorganisierte Systeme sein.“18

2.3 Stand der Technik heute

Wie bereits an einigen Stellen zuvor erwähnt gibt es inzwischen Bereiche des tägli- chen Lebens in denen, die RFID-Technologie als Basis und Wegbereiter des ,Internet der Dinge‘ in Benutzung ist. Aufgrund des großen Potenzials in der Echtzeit-Erken- nung und Verfolgung von Gegenständen ist die Logistikbranche ein Vorreiter in der Implementierung der RFID-Systeme. Eine Vielzahl von Unternehmen nutzt nicht nur in Pilotprojekten die Möglichkeiten den Transport und die Warenübergabe zwischen Herstellern und Empfängern zu vereinfachen. Die Sendungsverfolgung eines Pakets bei der DHL ist ein simples Beispiel, bei dem der Nutzer das an ihn adressierte Paket über das Internet „tracken“ also verfolgen und im Falle einer Verzögerung nachvoll- ziehen kann, an welchem Ort sich das Paket zuletzt befand. Der nächste Schritt im Sinne des ,Internet der Dinge‘ sind ,intelligente‘ Pakete. DHL äußert dazu selbst:

„Die Vision ist, ein Paket mit Wissen auszustatten, so dass es sich seinen eigenen Weg suchen kann. Die Zielinformationen werden in einem RFID-Tag gespeichert, der am Pa- ket angebracht ist. Die Anlage steuert also nicht mehr das Paket, sondern das Paket steuert die Anlage. Es bewegt sich zielsicher von allein in einem riesigen Logistik-Netzwerk.“19

Ein automatisiertes Management von mobilen Ressourcen ist mithilfe der RFIDTechnologie möglich geworden und steht in vielen Pilotprojekten amerikanischer aber auch deutscher Firmen kurz vor dem Ende der Testphase und ist damit bereit für eine breite Einführung auf Unternehmensebene.20

In der Landwirtschaft sind RFID-Tags insbesondere zum Zweck der Tieridentifikation schon seit geraumer Zeit fester Bestandteil. Von Geburt an tragen bspw. Schweine in den Ohren befestigte Marken, in denen sich RFID-Chips befinden. Über Funkkommunikation mit den Futterautomaten lässt sich so das Fressverhalten der Tiere nachvollziehen und kontrollieren. Auch Schrittzähler und Körpertemperatur-Überwachung der Tiere mittels RFID werden in einigen Betrieben bereits eingesetzt.21

Später wäre es theoretisch möglich Informationen wie Herkunft, Futterart und -men- ge, sowie Daten über den Schlachtbetrieb für den Endkonsumenten zugänglich zu machen, indem dieser den Chip an der Verpackung im Geschäft ausliest. Von großem Nutzen erweist sich die Einführung von Verwaltungssystemen auf Grundlage der RFID-Technik ebenso in Bibliotheken. So setzt bspw. die Vatikanische Bibliothek RFID zur Identifikation ihrer zwei Millionen Bücher und Manuskripte ein. Die Praktikabilität und Zeitersparnis sprechen für sich. „Musste die Bibliothek früher jedes Jahr einen ganzen Monat für die Inventur schließen, so wird die Prüfung in Zu- kunft in einem halben Tag mit weniger Mitarbeitern möglich sein.“22 Nicht nur Medi- enidentifikation und Verwaltung sind inzwischen in vielen Bibliotheken dank RFID e- norm vereinfacht, auch die Diebstahlsicherung ist durch Funktechnik auf ein höheres Level gehoben worden.

Der Gebrauch fortschrittlicher Technologien findet neben Wirtschaft und öffentlichen Einrichtungen inzwischen auch im Leben des einfachen Konsumenten statt. Ein gern zitiertes Zukunftsprojekt war viele Jahre das ,intelligente‘ Zuhause (,Smart Home‘). Ab Herbst 2015 soll in Hamburg Rotherbaum ein Wohnquartier mit dem Namen „A- partimentum“ eröffnen, das Wohnungen nach dem neuesten Stand der Technik bie- ten soll.23 Sämtliche elektronischen Einrichtungsgegenstände und Geräte werden dort vernetzt und über das Internet für den Bewohner bedienbar sein. Das Bundes- ministerium für Wirtschaft und Energie sieht im ,intelligenten‘ Haus die Möglichkeiten zu mehr Komfort und Sicherheit, Energieeinsparung und besseren Unterstützung des altersgerechten Lebens.

„Angeboten werden bereits Lösungen zur Fernbedienung von Heizung, Herd und Licht via Smartphone. Künftig soll die Waschmaschine selbstständig den günstigsten Stromta- rif über den Tag finden und sich zu passender Zeit in Gang setzen. Bewohner sollen aktiv dabei unterstützt werden, ein gesundes Leben zu führen. Vieles mehr ist denkbar.“24

Aktuell wird die Entwicklung ,smarter‘ Dinge vor allem durch die immense Nachfrage nach sogenannten „Wearables“ im Verbraucherbereich voran getrieben. „Wearables“ sind ,intelligente‘ Objekte, die der Mensch im alltäglichen Leben am Körper trägt, um u.a. Vitalfunktionen zu überprüfen und aufzuzeichnen. Nicht zuletzt der Siegeszug des internetfähigen Mobiltelefons (Smartphone) hat diesen Trend eingeleitet und be- wiesen, dass das Marktpotenzial vernetzter Alltagsgegenstände riesig ist. Immer mehr Menschen nutzen im „Wearables“-Segment, die sogenannten Fitnesstracker, die meist in Form von Armbändern als Schrittzähler fungieren, aber auch Puls und Kalorienverbrauch messen. Fortschrittlichere Geräte (bspw. Jawbone UP 25 ) verspre- chen darüber hinaus, auch die Schlafqualität des Trägers zu analysieren und mittels zusätzlicher Applikationen auf dem Smartphone Einfluss auf diese nehmen zu kön- nen.

Eine wohl eher als Werbe-Gag einzustufende Erfindung für Teilnehmer des Tokyo- Marathons zeigt, dass die Entwicklung ,intelligenter‘ Gegenstände selbst auf Le- bensmittel übertragbar scheint. Bananen wurden mit Sensoren und einem LED- Screen ausgestattet, um dem Läufer unterwegs Laufzeit, Herzschlagrate und Tipps zum richtigen Zeitpunkt des Verzehrs der Banane anzuzeigen.26 Einen wirklich sinnvollen Beitrag leistet die RFID-Technologie dagegen in einem Pi- lotprojekt im Klinikum Saarbrücken. Seit April 2005 wird dort RFID-Technik einge- setzt, um die korrekte Medikamentenvergabe zu kontrollieren. Schließlich würden laut einer Studie der Medizinischen Hochschule Hannover jedes Jahr 29.000 Patien- ten durch falsche Medikamentengabe versterben. Mithilfe mobiler Endgeräte ist das Pflegepersonal des Pilotprojekts in der Lage Informationen wie Alter, Gewicht und Größe des Patienten, sowie Mess- und Laborwerte von einem RFID-Chip auszule- sen. So kann unmittelbar vor Verabreichung eines Medikamentes überprüft werden, ob der Patient die richtige Arznei zur richtigen Zeit in der richtigen Dosis bekommt.

„Ein Expertenprogramm von RpDoc Solutions überprüft die vorgeschlagene Medikation und Dosierung. Bei Gefahr schaltet es auf Rot und erklärt warum. So kann sich der intelligente Helfer als Lebensretter erweisen, etwa bei Krankheiten wie Niereninsuffizienz, wo schon geringe Fehldosierungen tödlich sein können.“27

Für weitere Anwendungsbeispiele zur RFID-Technologie und ,intelligenten‘ Umgebungen empfehle ich den sehr ausführlichen Beitrag von Lisa Becher aus Die infor matisierte Gesellschaft.

Die Möglichkeiten für den Einsatz der RFID-Technologie bis hin zur Vernetzung ,intel- ligenter‘ Objekte im ,Internet der Dinge‘ scheinen schier unbegrenzt. Schon heute laufen weltweit Pilotprojekte in denen die Technologien auf ihre Praktikabilität im All- tag getestet und eingesetzt werden. Es ist aus Sicht der Befürworter also nicht mehr weit bis zur totalen Vernetzung der Gegenstände. Die Vision Mark Weisers ist 25 Jahre später im Begriff Realität zu werden. Die technischen Grundlagen jedenfalls sind geschaffen.

„Letztlich wird das Leben in einer Welt des ,Continuous Computing‘ sein wie das Tragen einer Brille: Der Rahmen ist eigentlich immer sichtbar, aber der Träger vergisst einfach, dass er eine Brille trägt, obwohl sie das einzige ist, was die Welt klar erscheinen lässt.“28

[...]


1 Vgl. Internet Movie Database (2015).

2 Vgl. Local Organized Multitude (2015).

3 Vgl. Ashton (2009).

4 Vgl. Weiser (1991).

5 ebd.

6 Fraunhofer-Gesellschaft (2015).

7 Vgl. Ashton (2009).

8 Hellenschmidt/Wichert (2007: 91).

9 Vgl. 3sat (2015).

10 Vgl. Becher (2011: 77).

11 Fraunhofer-Gesellschaft (2015).

12 Vgl. 3sat (2013).

13 Vgl. Becher (2011: 54).

14 Ashton (2009).

15 Vgl. Augel/Steffen (2007: 43f.).

16 Vgl. Hupp/Pflaum (2007: 107f.).

17 Vgl. Mattern (2005: 42f. u. 53).

18 Becher (2011: 81).

19 Deutsche Post DHL Group (2014).

20 Vgl. Eisen/Strassner (2005: 221ff.).

21 Zur RFID-Nutzung bei Tieren vgl. auch Forschung und Wissen (2013) u. 3sat (2013).

22 Gillert/Thiesse (2005: 292ff.).

23 Vgl. Hasse (2014).

24 Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (2015).

25 Vgl. Jawbone (2015).

26 Vgl. Dole (2015).

27 Ahle (2007: 340).

28 Becher (2011: 5) u. Gardner Writes (2005).

Details

Seiten
53
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668220379
ISBN (Buch)
9783668220386
Dateigröße
583 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v295712
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) – Kulturwissenschaftliche Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
Internet der Dinge IoT Max Weber Georg Simmel Niklas Luhmann Rifkin

Autor

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Titel: Das 'Internet der Dinge' im kulturwissenschaftlichen Kontext. Eine Analyse mit Ausblick