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Untersuchung der verborgenen Selektionsmechanismen im französischen Bildungssystem

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 31 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Prolog

2. Elite
2.1. Definition der Elite
2.2. Kritische Elitesoziologie: Elite und Klassen

3. Werkzeuge der kritischen Elitesoziologie
3.1. Die Kapitalsorten
3.1.1. Objektives Kapital
3.1.2. Subjektives Kapital
3.2. Sozialer Raum und Klassen
3.3. Der Habitus

4. Einführung in das französische Bildungssystem
4.1. Das französische Bildungssystem als Legitimation der Elite
4.2. Ansätze zur Untersuchung des französischen Bildungssystems

5. Ein zweigeteiltes System
5.1. Die ‚Classe prépatatoire aux Grande Ecole‘
5.2. Die französischen Elitehochschulen
5.3. Die entscheidende Aufnahmeprüfung - ‚Concours d’entrée
5.4. Die Sozialstruktur der ‚Grandes Ecoles‘
5.5. Die hervorragende Ausbildung der ‚Grandes Ecoles‘

6. Weihe
6.1. Forschung an den ‚Grandes Ecoles‘

7. Die französische Elite: Exklusive Besetzung der Spitzenpositionen
7.1. Verwaltung und ‚Grands Corps‘
7.1.1. Pantouflage
7.2. Politik
7.3. Wirtschaft
7.4. Ein perfektioniertes System

8. Fazit

9. Quellen

9.1. Online-Quellen

"Mein Ziel besteht darin, mit zu verhindern, daß beliebig über die soziale Welt gesprochen werden

kann. Schönberg sagte einmal, daß er komponiere, damit die Leute nicht mehr in der Lage sind, Musik zu schreiben. Ich schreibe, damit die Leute, und zunächst einmal jene, die das Wort haben, die Wortführer, nicht mehr in bezug auf die soziale Welt Lärm produzieren können, der den Anschein von Musik vermittelt."

(Bourdieu 1993: S.18)

1. Prolog

Die Chancengleichheit gehört in der modernen, westlichen Gesellschaft offiziell zu einem erstrebenswerten Grundwert. Als Wertevorstellung und zugleich politische Forderung wird damit die Auffassung vertreten, dass „allen Menschen die gleichen Möglichkeiten für die Entfaltung der eigenen Fähigkeiten zu gewähren“ (Hillmann 2007: S. 120) sei. Erziehung und Bildung sollen dahingehend ausgerichtet werden, dass, getreu dem Leitsatz ‚Erfolg durch Leistung‘, bei genügend Anstrengung, ein jeder die identische Aussicht auf Wohlstand, Aufstieg und Führungspositionen hat. Eine Bildungsreform folgt auf die nächste, nur um endlich mehr Chancengleichheit zu schaffen.

Dass diese nichtsdestotrotz faktisch nicht gegeben ist, deckt unter anderem der französische Soziologe Pierre Bourdieu in seinem Buch ‚Die Illusion der Chancengleichheit‘ auf. (vgl. Graf von Kruckow 1972) In diesem Werk setzt sich Bourdieu kritisch mit dem Bildungswesen in Frankreich auseinander und zeigt auf, dass dieses die Unterschiede zwischen den Individuen nicht aufhebt, sondern vielmehr weiter manifestiert.

Auch diese Hausarbeit setzt sich mit dem französischen Bildungssystem auseinander und verabschiedet sich von dem Trugbild der Chancengleichheit. Anhand der Leitfrage „Wie reproduziert sich die französische Elite?“ wird herausgearbeitet, dass keineswegs lediglich Fleiß und Leistung die Grundvoraussetzungen sind, die einem jeden Zugang zu Erfolg und Spitzenpositionen verschaffen. Dazu werden zuvörderst Bourdieus Konzepte der verschiedenen Kapitalsorten und des Habitus erläutert, um die gesellschaftlichen Selektionsmechanismen zu veranschaulichen, die sich vor allem im Verborgenen und unbewusst abspielen. Anschließend werden die speziellen Elitebildungseinrichtungen, die ‚Grandes Ecoles‘, und die dazugehörigen Vorbereitungsklassen, die ‚Classes Preparatoires‘, genauer betrachtet und anhand der Studien des Elitesoziologen Michael Hartmann ermittelt, inwiefern diese in der Elitenreproduktion eine Rolle spielen.

2. Elite

Zu Beginn der Hausarbeit ist es notwendig, den Begriff der Elite, der auch oft mit der ‚herrschenden Klasse‘ gleichgesetzt wird, näher zu erläutern.

2.1. Definition der Elite

Der Terminus Elite geht auf das französische Wort élite (Auswahl) bzw. das lateinische eligere (auswählen) zurück. Es handelt sich dabei um die „Inhaber höchster Führungspositionen einer Gesellschaft, die insgesamt eine soziokulturell, polit.(isch) und wirtschaftl.(ich) gestaltend tätige Minderheit bilden.“ (Hillmann 2007: S.177) Dabei deckt sich diese weitgehend mit der Oberschicht. (vgl. ebd.: S.177) Historisch gesehen war der Elitebegriff einigen Wandelungen unterworfen. So diente er im 18. Jahrhundert noch als Kampfbegriff des revolutionären, französischen Bürgertums gegen den von ihm verhassten Adel und Klerus. Im 19. Jahrhundert hingegen wiederspiegelte er den Wunsch der bürgerlich-akademischen Intelligenz nach Abgrenzung: Sie sah sich und die gesellschaftliche Ordnung von der aufstrebenden, städtischen Masse bedroht. Nachdem im Faschismus die Elite in direkter Verbindung mit dem Führerprinzip und vielen rassistischen Gräueltaten stand, wurde eine Neubestimmung des Begriffs nötig. (Hartmann 2002: S.9) Im Vordergrund stand nun die Wertelite, die „eine durch bestimmte moralische und ethische Qualitäten ausgezeichnete Minderheit“ (ebd.: S.9) umfasst. Dieses Verständnis wurde jedoch schnell von dem bis heute aktuellen Ansatz der Positions- oder Funktionselite abgelöst. Ihr zufolge gibt es „keine herrschende Klasse, sondern nur noch funktionale Sektor- und Teileliten.“ (ebd.: S.10) Die ihr Zugehörigen unterscheiden sich vom „Rest der Bevölkerung dadurch, dass sie wegen der von ihnen besetzten Spitzenpositionen in den verschiedenen Bereichen (z.B. in Medien, Politik, Justiz) in der Lage seien, die gesellschaftliche Entwicklung maßgeblich zu beeinflussen.“ (ebd.: S.10) Die Mitglieder der Elite seien vor allem aufgrund der individuellen Leistung zu ihrer Position gelangt. (vgl. ebd.: S.10-11)

Zur Untersuchung der Elite basiert diese Hausarbeit allerdings auf einem weiteren, gegenwärtigen Forschungsansatz: Der kritischen Elitesoziologie nach Pierre Bourdieu, die insbesondere dem Leistungsprinzip der Funktionseliten widerspricht. Diese Betrachtungsweise soll im Folgenden näher dargelegt werden.

2.2. Kritische Elitesoziologie: Elite und Klassen

Der zentrale Bezugspunkt der kritischen Elitesoziologie ist das „Verhältnis zwischen Eliten und Klassen“ (Hartmann 2004: S.76), beziehungsweise der Versuch, „die Eliten und deren Legitimation aus ihrem Verhältnis zu den anderen gesellschaftlichen Klassen heraus zu klären.“ (Müller 2009 S.6) Pierre Bourdieu legt seinen Schwerpunkt auf die Offenlegung der Reproduktionsmechanismen der Elite und macht dabei zwei Feststellungen: Zum einen vollzieht sich in der Wirtschaft ein Strukturwandel, der die herrschende Klasse, die ihre Macht über die Unternehmen ausübt, zunehmend dazu zwingt über exklusive Bildungsabschlüsse Spitzenpositionen zu erringen. Gleichzeitig ist die Erlangung eines bestimmten Bildungsabschlusses stets von der sozialen Herkunft eines Individuums abhängig; die Chancen auf einen sozialen Aufstieg sind in der Bevölkerung also von vornherein ungleich verteilt. (vgl. Hartmann 2004: S.85-86) Obwohl Bourdieu einen simplen Ökonomismus1 ablehnt und stattdessen innere Differenzen zwischen den Eliten der Wirtschaft, Verwaltung und Politik sieht, geht er dennoch von einer herrschenden Klasse bzw. Macht-Elite aus, die sich nach außen sehr einheitlich und durch starken Zusammenhalt auszeichnet. Hohe gegenseitige Anerkennung und eine starke Vernetzung sind für sie charakteristisch. (vgl. Hartmann 2004: S.98-99/ S.103-105)

3. Werkzeuge der kritischen Elitesoziologie

Zur Erforschung der Elite wendet Bourdieu seine Konzepte der verschiedenen Kapitalsorten, des sozialen Raums und des Habitus, dem Mittler zwischen der Stellung im sozialen Raum und des schließlich praktizierten Lebensstils eines Individuums, an. Diese theoretischen Konstrukte werden an dieser Stelle erläutert.

3.1. Die Kapitalsorten

Pierre Bourdieu führt als Grundlage für seine Arbeiten den Kapitalbegriff wieder ein. Dabei konstatiert er eine „allgemeine Wissenschaft von der Ökonomie der Praxis“ (Bourdieu/ Steinrücke 1992: S.53), mit der er den Marx‘schen Kapitalbegriff, der sich auf den ökonomischen Aspekt beschränkt, um weitere Dimensionen ergänzt. Diese Erweiterung ermöglicht es ihm die zwei Kräfte, die vis insita, also die „Kraft, die den objektiven und subjektiven Strukturen innewohnt“ (Bourdieu/ Steinrücke 1992: S.49), als auch die lex insita, als „grundlegendes Prinzip der inneren Regelmäßigkeiten der sozialen Welt“ (Bourdieu/ Steinrücke 1992: S.49) zu enthüllen und somit zu veranschaulichen, dass die soziale Welt kein Glückspiel, sondern vielmehr ein Strategiespiel mit ungleich verteilten Chancen, zu sein scheint. Die Kapitalformen prägen die Wahrnehmung der sozialen Welt und lassen sich in objektives und subjektives Kapital differenzieren. (vgl. Bourdieu 1985: S. 16)

3.1.1. Objektives Kapital

Bourdieu unterscheidet auf der objektiven Ebene zwischen dem ökonomischen, dem kulturellen und dem sozialen Kapital.

Das ökonomische Kapital „ist unmittelbar und direkt in Geld konvertierbar und eignet sich besonders zur Institutionalisierung in der Form des Eigentumsrechts“ (Bourdieu/ Steinrücke 1992: S.52) Es ist die Form die zwar „allen anderen Kapitalarten zugrundeliegt“ (ebd.: S.71), auf die dennoch niemals ganz reduziert werden kann.

Das kulturelle Kapital unterteilt Bourdieu weiterhin in drei Unterkategorien. (1) Im inkorporierten Zustand ist es personengebunden und kann nicht weitergegeben werden. Es kann mit der Bildung gleichgesetzt werden, die sich nur durch persönlich investierte Lernzeit aneignen lässt und nicht kurzfristig übertragbar ist. Dazu zählt nicht nur die Lehre in Bildungsinstitutionen, sondern insbesondere auch der exklusive Wissenstransfer, der innerhalb der Verwandtschaft und sozialer Netze, erworben wird. Durch ihn werden spezielle Eigenschaften wie „z.B. die typische Sprechweise einer Klasse oder Region“ weitergegeben. Letzterer Prozess der sozialen Vererbung vollzieht sich zumeist unbewusst und entgeht dadurch der öffentlichen Debatte. Somit umfasst das inkorporierte, kulturelle Kapital nicht nur die Anhäufung von Qualifikationen und Fachwissen sondern die Sozialisation als Ganzes, die sich nach Bourdieu in ihrem speziellen Habitus2 äußert und einen Rückschluss auf das Herkunftsmilieu ermöglicht. Es wird von Kindesalter an ungleich verteilt und stellt, wie weiter unten verdeutlicht wird, die Basis der folgenden, gesellschaftlichen Selektionsprozesse dar, auf Grund derer vielen die Möglichkeit eines sozialen Aufstiegs verwehrt wird. (vgl. Bourdieu/ Steinrücke 1992: S.55-59) (2) Das objektivierte Kulturkapital umfasst materialisierte Kulturgüter (z.B. Gemälde, Antiquitäten etc.), die zwar durch ökonomisches Kapital angeeignet werden können, während jedoch die Fähigkeit der sinngemäßen Verwendung und der speziellen Wertschätzung, also die symbolische Aneignung, nur durch das zugehörige, inkorporierte Kulturkapital möglich wird. (vgl. Bourdieu/ Steinrücke 1992: S.59-61) (3) Das institutionalisierte Kapital entspricht der „Objektivierung von inkorporiertem Kulturkapital in Form von Titeln“ (Bourdieu/ Steinrücke 1992: S.61). Mit schulischen Titeln wird die kulturelle Kompetenz formal konserviert, sodass sein Träger sich nicht mehr allezeit bewähren muss. Das soziale Kapital beinhaltet das Beziehungsgeflecht einer Person, das auf „dem Besitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen gegenseitigen Kennens oder Anerkennens“ (Bourdieu/ Steinrücke 1992: S.63) beruht. Die einzelne Person zieht ihren Nutzen aus dem Rückgriff auf diese Kontakte; der Austausch basiert hierbei sowohl auf materieller, als auch auf symbolischer und sozialer Ebene. Die sozialen Beziehungsnetze können auch in einer institutionalisierten Form (z.B. Familie, Klasse, Partei, Korp, elitärer Club etc.) auftreten, die durch bestimmte Aufnahmevoraussetzungen verschiedenen Individuen verschlossen sind. Während in diesem Fall das Auswahlverfahren noch offensichtlich ist, vollzieht es sich zumeist eher verdeckt. Insbesondere ein ähnlicher Habitus führt zum gegenseitigen Anerkennen und Wohlbefinden. Auf diese Weise finden sich Menschen, wie von unsichtbarer Hand geführt, zusammen. Das Beziehungsnetz sieht Bourdieu als ein „Produkt individueller oder kollektiver Investitionsstrategien, die bewußt oder unbewußt auf die Schaffung und Erhaltung von Sozialbeziehungen gerichtet sind, die früher oder später einen unmittelbaren Nutzen versprechen“ (Bourdieu/ Steinrücke 1992: S.65) Es kann somit nicht mit dem ökonomischen Kapital erworben, jedoch vom Nutzen her als gleichwertig angesehen werden. (vgl. Bourdieu/ Steinrücke 1992: S.63-70)

3.1.2. Subjektives Kapital

Eine übergeordnete und zugleich abstrakte Rolle nimmt das symbolische Kapital ein; als subjektive Reaktion auf die „immaterielle Gewalt, die andere Kapitalformen auf das Bewusstsein ausüben“ (Rehbein 2011: S.192).

Das symbolische Kapital verleiht den objektiven Kapitalstrukturen ihre Legitimation. Durch die Sozialisierung und Inkorporierung der Kapitalstrukturen eignet sich das Individuum die herrschenden Wahrnehmungskategorien an. (vgl. Bourdieu 1985 S.22) Es reproduziert die Denk- und Handlungsmuster, die den Herrschenden ihre Distinktion und Macht verleihen und gleichzeitig von den Beherrschten als legitim anerkannt werden. So nimmt das symbolische Kapital in Bourdieus Soziologie eine wichtige Stellung ein: Es ist der subtile, doch massive Zwang, der die bestehenden Herrschaftsstrukturen aufrechterhält. (vgl. Rehbein 2011: S.192- 193)

[...]


1 Der simple Ökonomismus geht davon aus, dass die Verfügung über wirtschaftliche Macht unmittelbar auch zu politischer Herrschaft führe. (vgl. Hartmann 2004: S.103-104)

2 Die Funktionsweise des Habitus wird im weiteren Verlauf näher erklärt.

Details

Seiten
31
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656936763
ISBN (Buch)
9783656936770
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v295700
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt – FB2 Gesellschaftswissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Elite Elitesoziologie sozialer Raum Habitus Objektives Kapital Subjektives Kapital Grande Ecole Pantouflage Chancengleichheit Elitebildung Elitebildungssystem Grandes Ecoles Classes Preparatoires Michael Hartmann Oberschicht Kapitalsorten Ökonomisches Kapital Kulturelles Kapital Bourdieu Symbolisches Kapital Chancenungleichheit Klasse Schicht Wahrnehmungskategorie Herrschaft Bildungssystem Klassifizierung

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Titel: Untersuchung der verborgenen Selektionsmechanismen im französischen Bildungssystem