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Der interkulturelle Kalender. Ein Materialangebot zur Verwirklichung des interkulturellen Lernens?

von Katharina Sonnenschein (Autor)

Hausarbeit 2013 25 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Interkulturelles Lernen
2.1. Zum Begriff des interkulturellen Lernens
2.2. Ziele, Aufgaben und Inhalte des interkulturellen Lernens
2.3. Die Schule und insbesondere der Sachunterricht als Ort interkulturellen Lernens
2.4. Einordnung des interkulturellen Lernens in die bestehenden Richtlinien
2.5. Kriterien für die Auswahl der Unterrichtsmaterialien zum interkulturellen Lernen

3. Der interkulturelle Kalender
3.1. Zeitrechnung und Kalendersysteme als kulturspezifische Konventionen
3.2. Einführung in den Aufbau des interkulturellen Kalenders
3.3. Kalenderarbeit mit Grundschulkindern
3.3.1. Thema Zeit und Zeitrechnung
3.3.2. Thema Feste und Feiertage

4. Interkultureller Kalender als Materialangebot zum interkulturellen Lernen

5. Fazit

6. Literatur

1 Einleitung

„Die Zuwanderungen haben die deutsche Gesellschaft vor neue Herausforderungen gestellt und vielfältig verändert. Neben den Betrieben waren die Schulen meist die ersten Institutionen, die mit den Migrationsfolgen konfrontiert waren. Mit den verschiedenen Kulturen, die in die Klassenzimmer Einzug hielten, wandelten sich auch die Lernvoraussetzungen und -bedingungen der Schülerinnen und Schüler“ (Lange 2008: 124).

An diese Voraussetzungen, die auch noch Jahrzehnte nach dem Anwerben von ausländischen Arbeitskräften vorherrschen, versuchen die Konzepte des interkulturellen Lernens anzuknüpfen. Die Wichtigkeit interkulturellen Unterrichts wird auch durch die Ergebnisse des Mikrozensus von 2011 begründet. Diesem zu Folge hatten in 2011 knapp 16 Millionen in Deutschland lebende Menschen einen Migrationshintergrund. Das entspricht 19,5 % der Gesamtbevölkerung Deutschlands (vgl. Statistisches Bundesamt Pressestelle 2012: 1).

Die vorliegende Hausarbeit nimmt Bezug auf die Tatsache, dass Mitglieder unterschiedlichster Kulturen, Konfessionen und Ethnien das deutsche Bildungssystem besuchen und Vorurteile sowie Klischees weiterhin vorherrschend sind. Diese emotional begründeten und irrationalen Ansichten der Umwelt können für die Entwicklung erster politischer Grundorientierungen und Einstellungen von Kindern prägend sein. Interkultureller Unterricht will dem aufklärend entgegenwirken. „Jede Klasse bietet ein breites Spektrum an Erfahrungen“ (Kaiser 2007: 77), da unterschiedliche kulturelle und konfessionelle Hintergründe vertreten sind. Diese Vielfalt von Lebenseinstellungen und Verhaltensweisen gilt es produktiv für den Unterricht zu nutzen, um fremdenfeindliche Ansichten abzuwehren, Neugier an kultureller Unterschiedlichkeit zu wecken und Aufgeschlossenheit und Toleranz gegenüber Fremden und Fremdem zu ermöglichen (vgl. Kaiser 2007: 77f).

Das umfangreiche Thema des interkulturellen Lernens wird den formalen Vorgaben der Hausarbeit angepasst und auf die wesentlichen Aspekte reduziert. Die vorliegende Arbeit verfolgt den Anspruch am Beispiel des interkulturellen Kalenders eine Zuordnung dieser Gestaltungsmöglichkeit anhand von eigenständig erarbeiteten Kriterien dem interkulturellen Lernen vorzunehmen. Daraus ergibt sich für die Arbeit folgende thematische Fragestellung: Der interkulturelle Kalender – Ein Materialangebot zur Verwirklichung des interkulturellen Lernens?

Die vorliegende Hausarbeit gliedert sich in einen einleitenden allgemeinen, einen weiterführenden auf den interkulturellen Kalender bezogenen sowie in einen vertiefenden analytischen Teil. Die allgemeinen Grundlagen dieser Arbeit werden mit der Erläuterung der Definition von interkulturellem Lernen eröffnet. Diese Begriffsklärung umfasst sowohl den Kulturbegriff an sich als auch den historischen Ursprung des interkulturellen Lernens. Daran anschließend werden Ziele, Aufgaben und Inhalte des interkulturellen Lernens, seine Ansiedlung in der Schule, sowie die Einordnung des interkulturellen Lernens in die bestehenden Richtlinien präsentiert. In diesem Teil der Ausarbeitung werden zudem Kriterien für eine differenzierte Auswahl und Bewertung von Unterrichtmaterialien bezüglich des interkulturellen Lernens erarbeitet.

Basierend auf den zuvor aufgeführten kulturspezifischen Konventionen bezüglich der Kalendersysteme und Zeitrechnungen wird im zweiten Teil der Arbeit der Aufbau des interkulturellen Kalenders mit seinen beiden grundlegenden Aspekten, Zeitsystemen und Feiertagen, präsentiert.

Vor diesem Hintergrund erfolgt im dritten Teil die Anwendung der in Kapitel 2.5 benannten Kriterien auf den interkulturellen Kalender. Abgeschlossen wird die vorliegende Arbeit mit einem Fazit.

2 Interkulturelles Lernen

Zu Beginn dieser Arbeit wird der Begriff des interkulturellen Lernens vorgestellt und eingeordnet. Obwohl es bezüglich der Begriffe interkulturelle Erziehung, interkulturelle Bildung, interkulturelle Pädagogik und interkulturelles Lernen in der einschlägigen Literatur kleinere Unterschiede gibt, wird in dieser Arbeit auf eine Unterscheidung verzichtet und die Begriffe werden synonym verwendet.

2.1. Zum Begriff des interkulturellen Lernens

Eine Definition des interkulturellen Lernens erfordert eine vorangegangene Klärung des darin enthaltenden Kulturbegriffes. Die Vielzahl der Begriffsbestimmungen von Kultur veranschaulicht die Schwierigkeit einer eindeutigen Konkretisierung dieser umfassenden und vieldeutigen Bezeichnung (vgl. Nieke 1995: 36). Dieser Arbeit wird somit eine Definition von Kultur zugrunde gelegt, die sich aus mehreren Kulturvorstellungen ergänzend ergibt.

Kultur wird als „Prozess und Ergebnis aller menschlichen Gestaltung der Natur“ (Ebd.: 40) begriffen und kann somit als die „Gesamtheit der geistigen und materiellen, der verstandes- und gefühlsmäßig unterschiedlichen Merkmale, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen, [verstanden werden]. Sie umfasst neben den Künsten und der Literatur die Lebensweisen, die Grundrechte des Menschen, die Wertesysteme, die Traditionen und Überzeugungen“ (Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport 2001: 24). Dadurch ergibt sich für Kultur eine Art Zusammenstellung von Symbolen, welche kulturspezifische „Interpretations-, Ausdrucks- und Orientierungsmuster“ verkörpert (Nieke 1995: 46). Dies macht eine permanente Deutung der kulturellen Lebenswelt nötig, die nicht selten auch zu Missverständnissen und Konflikten führen kann.

Die Grenzen zwischen den verschiedenen Kulturen sind hierbei nicht mit sprachlichen oder nationalen Grenzen vergleichbar. Eine Kultur kann somit in mehreren Nationen vertreten sein, aber auch mehrere Kulturen können innerhalb einer Nation existieren (vgl. ebd.: 48). „Eine komplexe Gesellschaft wie die der Bundesrepublik Deutschland besteht deshalb aus vielen Kulturen“ (Ebd.).

Für das interkulturelle Lernen ist es von Relevanz, dass die als Kind erlernten kulturellen Vorstellungen eines Menschen kaum veränderbar sind und dadurch auch im Erwachsenenalter bestehen bleiben. Kulturelle Orientierungen prägen zudem die spätere Persönlichkeitsentwicklung und das Selbstbewusstsein eines Menschen (vgl. Claessens 1972, zit. In: Dühlmeier/Sandfuchs 2007: 191). So heißt es bei Dühlmeier und Sandfuchs: „Erst das Fremde, die Differenz gebe die Grundlage für das Erkennen der eigenen Identität ab“ (Dühlmeier/Sandfuchs 2007: 192).

Vergleichbar mit dem Kulturbegriff ist auch die Definition des interkulturellen Lernens Inhalt zahlreicher Diskussionen und kann deshalb noch nicht als abgeschlossen gelten. In dieser Arbeit sollen hauptsächlich die Auslegungen des interkulturellen Lernens von Kaiser und Nieke berücksichtigen werden.

Die interkulturelle Erziehung hat sich als Konsequenz auf die entstandene und auch in Zukunft währende multikulturelle Gesellschaft entwickelt, mit dem Ziel zu einem beiderseitig angemessenem und verständnisvollem Zusammenleben zu kommen (vgl. Nieke 1995: 30). In diesem Punkt unterscheidet sich die interkulturelle Pädagogik von der Ausländerpädagogik.

Die Ausländerpädagogik verlangt von den Mitgliedern der Minderheiten einen höheren Lern- und Anpassungseinsatz als von den Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft (vgl. Dühlmeier/Sandfuchs 2007: 191).

Im Gegensatz dazu wird beim interkulturellen Lernen ein gegenseitiger Anpassungs- und Lernprozess der Mitglieder verschiedener Kulturen verlangt. Somit wird gewährleistet, dass alle Beteiligten gleichermaßen gefordert und alle unterschiedlichen kulturellen Vorstellungen berücksichtigt werden. Dies soll durch die Anerkennung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden sowie durch den gemeinsamen Dialog und den geforderten Perspektivwechsel ermöglicht werden (vgl. Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport 2001: 29). Erst der Perspektivwechsel vergrößert die Wahrnehmung durch den veränderten Blickwinkel und kann somit zur reflektierten Selbst- und Fremdwahrnehmung führen (vgl. KMK 1996: 6).

Kaiser fordert demnach, dass „von einem Begriff interkultureller Bildung in weltweiter Perspektive ausgegangen werden [muss], bei dem […] das Ziel der Enthierarchisierung zwischen den Kulturen im Vordergrund steht und nicht eine sich wohltätig gebende Sichtweise, bei der andere Kulturen zum Objekt werden und in eurozentristischer Perspektive gedacht wird. Vielmehr sollen alle Kulturen in ihrer jeweiligen Verschiedenheit und Spezifität gleichrangig betrachtet werden“ (Kaiser 2004: 120). Es geht um ein gemeinsames Leben und Lernen von und mit Menschen unterschiedlicher Kulturen und Ethnien sowie der Akzeptanz der daraus resultierenden Lebensformen und Weltanschauungen mit dem Ziel zu einer förderlichen und langfristigen Interaktion der verschiedenen Kulturen und deren Mitglieder zu kommen (vgl. Glumpler 1996: 75).

2.2. Ziele, Aufgaben und Inhalte des interkulturellen Lernens

„Zur Entwicklung interkultureller Kompetenzen sind Kenntnisse und Einsichten über die identitätsbildenden Traditionslinien und Grundmuster der eigenen wie fremder Kulturen eine notwendige Grundlage“ (KMK 1996: 8) . Nicht nur das Kennenlernen dieser Unterschiede sondern vor allem das Verstehenlernen steht hierbei im Vordergrund, um zu einer respektvollen und toleranten Einstellung gegenüber Fremden und Fremdem zu gelangen (vgl. Michalik 2004: 80). „Mutmaßungen und Vorurteilen [können demnach] nur mit differenzierter Wahrnehmung, reflektierter Klärung und selbstkritischer Beurteilung begegnet werden“ (KMK 1996: 8).

Einen differenziert ausgearbeiteten Leitfaden bezüglich der Ziele des interkulturellen Lernens hat Wolfgang Nieke präsentiert (vgl. Nieke 1995: 198ff). Diese aus zehn Zielsetzungen bestehende Aufstellung soll hier verkürzt und aus Gründen der Übersicht in Form einer Auflistung mit dazugehörigen Beschreibungen dargestellt werden.

1. Erkennen des eigenen, unvermeidlichen Ethnozentrismus

Die interkulturelle Erziehung soll dazu führen, den eigenen unumgänglichen Ethnozentrismus zu erkennen. Mit Ethnozentrismus ist die Tendenz gemeint, eigene kulturelle Vorstellungen als Bewertungsgrundlage bzw. sogar als Selbstverständlichkeit anzusehen. Diese unvermeidliche „Eingebundenheit in die Denk- und Wertgrundlagen der eigenen Lebenswelt“ können und sollen allerdings nicht komplett überwunden werden (Nieke 1995: 200). Nieke fordert hingegen von der interkulturellen Pädagogik einen so genannten aufgeklärten Ethnozentrismus, um sich der eigenen Eingebundenheit, ebenso wie die der anderen, bewusst zu werden.

2. Umgang mit der Befremdung

Das zweite Ziel thematisiert den Umgang mit dem Unbekannten und Fremden der anderen Kultur. Durch interkulturelles Lernen sollen Gefühle der Befremdung, Bedrohung und Konkurrenz in Neugier oder Faszination umgewandelt werden.

3. Grundlegung von Toleranz

Nieke fordert weiterhin eine über bloße Akzeptanz hinausgehende Toleranz gegenüber Mitgliedern anderer Lebenswelten und Kulturen, auch wenn sich die unterschiedlichen kulturellen Vorstellungen widersprechen.

4. Akzeptanz von Ethnizität

Die Vorstellung, dass Anpassung und Eingliederung anderer Kulturen und deren MItgliedern in die bestehende Gesellschaft unauffällig verlaufen sollte, ist weiterhin vorherrschend. Demnach ist es notwendig zu einer Akzeptanz von Ethnizität, also einer Bewusstmachung und Präsentation der eigenen Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur oder Ethnie, zu kommen.

5. Thematisierung von Rassismus

Eine weitere Aufgabe der interkulturellen Erziehung sollte die Thematisierung und Aufdeckung von Feindseligkeiten gegenüber Angehörigen von Minderheiten sowie von Rassismus sein. Die in der Gesellschaft kritische und abwehrende Haltung gegenüber diesen Feindseligkeiten soll hierdurch verdeutlicht und eventuell übernommen werden.

6. Das Gemeinsame betonen

Die Herausstellung der Besonderheiten einer Kultur und der damit einhergehenden Kontrastierung zu anderen Kulturen kann leicht dazu führen, dass folkloristische Vorstellungen überbetont werden und es zu einer fälschlichen Gleichstellung von Kultur und Nation kommt. Sinnvoller ist es, die Gemeinsamkeiten der Kulturen zu betonen. Nieke schlägt vor, dass „die beiden Ausgangspunkte für Interkulturelle Erziehung und Bildung, die Wahrnehmung und Erlebnisse von Befremdung und Konkurrenz, so [aufgegriffen werden sollten], dass über das Sichtbarwerden von Gemeinsamkeiten die Relativität dieser Deutungen hergestellt wird“ (Nieke 1995: 207). Hierdurch sollen die Konkurrenzgedanken und Gefühle der Befremdung gemindert werden.

7. Ermunterung zur Solidarität

Interkulturelles Lernen soll zur Solidarität innerhalb der kulturellen Gruppen, aber auch zwischen den Kulturen ermuntern.

8. Einübung in Formen vernünftiger Konfliktbewältigung – Umgang mit Kulturkonflikt und Kulturrelativismus

Konflikte, die aufgrund von widersprüchlichen Handlungsanweisungen durch unterschiedliche kulturelle Verhaltensdimensionen und Wertevorstellungen entstehen können, zählen zu dem schwierigsten Teil der interkulturellen Erziehung. Nieke führt dazu ein Beispiel eines türkischen Vaters an, der seiner Tochter die Teilnahme am Schwimmunterricht verwehrt. Hierdurch gelangt nicht nur die Tochter selbst sondern auch die Lehrkraft in einen Konflikt zwischen zwei miteinander unvereinbaren kulturellen Vorstellungen. Derartige Konflikte erfordern begründete Lösungen, die beide Sichtweisen berücksichtigen.

9. Aufmerksamwerden auf Möglichkeiten gegenseitiger kultureller Bereicherung

Das interkulturelle Lernen soll das Interesse an Elementen anderer Kulturen zur Bereicherung der eigenen kulturellen Vorstellungen bewusst machen und fördern. Hierbei müssen die Grenzen und Probleme dieser Bereicherung beachtet werden, da die währende Vorstellung der Rückständigkeit anderer Kulturen existiert.

[...]

Details

Seiten
25
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656878049
ISBN (Buch)
9783656878056
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v287577
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,0
Schlagworte
interkultureller Kalender interkulturelles Lernen Materialangebot für den Sachunterricht

Autor

  • Katharina Sonnenschein (Autor)

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