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Unterrichtsstörung: Ursachen und Handlungsansätze

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 22 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsklärung

3 Gründe für Unterrichtsstörungen
3.1 Störfaktor 1 - Schule als Institution
3.2 Störfaktor 2 – Lehrerverhalten
3.2.1 Fallbeispiel: fehlende Präsenz
3.2.2 Subjektivität
3.2.3 Inkonsequenz/ ineffektive Ermahnungen
3.2.4 Vermittlung des Unterrichtsstoffes
3.3 Störfaktoren 3 - Schülerverhalten
3.3.1 Warum stören Schüler?
3.3.2 Warum stören sich für Klassenclowns lohnt

4 Prävention durch Reflexion

5 Intervention

6 Die Trainingsraummethode
6.1 Grundlagen
6.2 Praxis
6.2.1 Rechte und Pflichten
6.2.2 Vorgehen bei einer Unterrichtsstörung
6.2.3 Im Trainingsraum
6.2.4 Fallbeispiel
6.3 Kritik
6.4 Chancen

7 Resümee

8 Quellen

1. Einleitung

Wer kennt sie nicht? Ob aus Erfahrungen in der eigenen Schullaufbahn oder aus einem Schulpraktikum im Rahmen des Lehramtsstudiums – Unterrichtsstörungen sind allgegenwärtig und waren noch nie gefürchteter als heute.

In vielen Diskussionen wird der Ruf danach laut, Lehrern, wie in früheren Zeiten, wieder mehr Kontroll- und Disziplinierungsmöglichkeiten an die Hand zu geben, um die Schülerinnen und Schüler gegebenenfalls durch das Einsetzen von Gewalt in ihre Schranken zu weisen und somit die Kontrolle über die Klasse zurückzugewinnen.

Hierbei stellt sich jedoch die Frage, ob es sinnvoll ist, in einer Gesellschaft, deren Werte und Normen sich im Bezug auf den schulischen, aber auch familiären Umgang miteinander stark verändert haben, auf althergebrachte Disziplinierungsmaßnahmen zurückzugreifen, wo doch gerade heutzutage der Institution „Schule“ weitaus mehr Aufgaben zugerechnet werden, als die bloße Vermittlung von Lerninhalten.

Schülerinnen und Schüler sollen in der Schule vor allem auch bei der Persönlichkeitsbildung unterstützt werden, um ihnen die Orientierung in der Gesellschaft zu erleichtern. Hierzu gehören laut BRÜNDEL und SIMON Kompetenzen wie „Verantwortungsbewusstsein, die Anerkennung von Regeln im Umgang miteinander, Entscheidungs- und Antizipationsfähigkeit, Problemlöse-kompetenzen sowie Kooperations- und Kommunikationsbereitschaft“ (2003, S. 9). Somit sollten Unterrichtsstörungen nicht durch übertriebene Disziplinierungs-maßnahmen unterdrückt werden, sondern der Lehrperson vor allem als Feedback für die eigene Unterrichtsgestaltung dienen.

Der Lehrer ist also dazu angehalten, mit jeder Art von Unterrichtsstörung reflexiv umzugehen. Einerseits ist es ihm somit möglich herauszufinden, inwieweit die sozialen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler, wie Kooperations- und Kommunikationsbereitschaft, schon ausgebildet sind, andererseits besteht aber auch die Möglichkeit, sich selbst, als Lehrperson, zum Gegenstand der Reflexion zu machen. Lehrerinnen und Lehrer sind mit ihrem Verhalten in gewisser Weise immer Vorbild für die Schüler und sollten sich darüber im Klaren sein, dass sich dieses positiv, aber auch negativ auf das Verhalten der Schüler auswirken kann. Dies bedeutet, dass auch Faktoren wie Lehrerverhalten, Klassenmanagement oder Unterrichtsführung zu Unterrichtsstörungen führen können und die Ursachen nicht grundsätzlich bei den Schülern zu suchen sind.

2. Begriffsklärung

Störungen in der Klasse können einen großen Teil des Unterrichts ausmachen, wobei nicht nur die Beeinträchtigung durch den Schüler, sondern auch die darauf folgende Reaktion des Lehrers oft sehr viel Zeit in Anspruch nimmt.

Natürlich ist ein „störungsfreier Unterricht eine didaktische Fiktion“ (Lohmann, 2003, S.13), dennoch ist es wichtig zu wissen, durch welche Faktoren eine Beeinträchtigung des Unterrichts entstehen kann, um dieser schon im Vorfeld entgegenzuwirken oder vorzubeugen.

Wann genau von einer Störung des Unterrichtsgeschehens zu sprechen ist, ist wohl nicht definitiv festzulegen. Dennoch lassen sich aus einigen Definitionen Kriterien herausarbeiten, welche für die Begriffsklärung des Terminus „Unterrichts-störung“ existenziell sind.

Im Folgenden möchte ich auf Definitionen einiger Autoren eingehen, um deren unterschiedliche Ansichten aufzuzeigen und ihre divergenten Maßstäbe zu verdeutlichen.

WINKEL erläutert in seinem Werk „ Der gestörte Unterricht“, dass eine Unterrichtsstörung dann vorliegt, wenn „der Unterricht gestört ist, d.h., wenn das Lehren und Lernen stockt, aufhört, pervertiert, unerträglich oder inhuman wird“ (2009, S. 29).

Somit legt der Autor sein Augenmerk auf den Akt des Lehrens und Lernens an sich, der durch eine Unterrichtsstörung negativ beeinflusst wird. Auf Personen, welche den Unterricht stören oder auf solche, welche durch eine Beeinträchtigung des Unterrichts gestört werden, wird nicht eingegangen. Durch diese Art der Definition möchte der Autor verdeutlichen, dass seiner Meinung nach der Begriff „Unterrichtsstörungen“ am besten beschrieben werden kann, wenn er unabhängig von Personen ist.

Genau diese Subjektivität ist es jedoch, die das Thema „Unterrichtsstörungen“ so schwer greifbar macht. Ob eine entpersonalisierte Definition hilfreich ist, um Lehrern zu verdeutlichen, worin die Probleme bei Beeinträchtigungen des Unterrichts liegen, ist fraglich.

Im alltäglichen Unterrichtsgeschehen ist natürlich zu erkennen, wann der Lehr-Lern-Prozess stockt oder abbricht, offen bleibt jedoch bei WINKELs Definition, ab welchem Moment der Unterricht nicht mehr seinen ursprünglichen Zielen folgt und ab wann bzw. für welche Personen er unerträglich oder inhuman wird. Natürlich mag es an der subjektiven Meinung einer Lehrperson liegen, ob er eine bestimmte Schülerhandlung als störend erachtet oder nicht, wichtig ist jedoch für eine Begriffsklärung zuerst einmal, sich darüber klar zu werden, dass diese Subjektivität überhaupt existiert.

Genau um dieses Element erweitert ein anderer Autor, NOLTING, seine „normative Definition“, indem er einräumt: „Was Lehrer X als unruhig bezeichnet, nennt seine Kollegin Y vielleicht lebhaft“.

Daraus lässt sich schließen, dass der Autor Unterrichtsstörungen als subjektiv ansieht, was ihm zufolge oft dazu führt, dass es von der Lehrkraft abhängig ist, ob eine Handlung überhaupt als Störung angesehen wird. Laut NOLTING s „normativer Definition“ liegt eine solche nur dann vor, wenn eine Schülerhandlung gegen eine existierende Regel für das Verhalten im Unterricht verstößt (2002, S. 13). So ist es also möglich, dass bei normativer Betrachtung beispielsweise das Kaugummikauen von einem Lehrer als Unterrichtsstörung aufgefasst wird, da bei ihm keine Kaugummis im Unterricht erlaubt sind, wohingegen es von einem anderen Lehrer nicht als Beeinträchtigung aufgefasst wird.

Im Vergleich zu WINKELs Definition liefert NOLTING s Begriffsklärung weitaus mehr Anhaltspunkte, obwohl auch hier als auslösende Faktoren für Störungen nur die Schüler genannt werden und die Lehrer ausschließlich dazu angehalten sind, eine Schülerhandlung als störend bzw. nicht störend zu bewerten.

Die weitaus treffendste Definition liefert meines Erachtens LOHMANN in seinem Werk „Mit Schülern klarkommen“.Der Autor beschreibt den Begriff zuerst so, dass Unterrichtsstörungen Ereignisse sind, „die den Lehr-Lern-Prozess beeinträchtigen, unterbrechen oder unmöglich machen, indem sie die Voraussetzungen, unter denen Lehrern und Lernen erst stattfinden kann, teilweise oder ganz außer Kraft setzen.“

LOHMANN fügt jedoch im Gegensatz zu den anderen Autoren noch hinzu, dass zu diesen Voraussetzungen „äußere und innere, das Lernen ermöglichende Bedingungen, wie z.B physische und psychische Sicherheit, Ruhe, Aufmerksamkeit und Konzentration“ zählen.

Als Verursacher der Störung gibt er Schüler und Lehrer an, wobei Beeinträchtigungen auch von außen hereingetragen werden könnten. Als Beispiele hierfür nennt er „laute Zwischenrufe, verbale oder physische Attacken, Herumlaufen von Schülern; Hektik, Herumbrüllen oder Sarkasmus von Lehrern; Durchsagen, Baustellenlärm, Tiefflieger, plötzlichen Schneefall“ (2003, S. 12).

Somit sieht LOHMANN die Auslöser für Beeinträchtigungen des Unterrichts nicht nur aufseiten der Schüler, sondern räumt auch ein, dass der Grund dafür oft im Lehrerverhalten liegt oder Störungen aus dem Außenbereich des Unterrichts auftreten. Ein wichtiger Punkt ist auch, dass Bedingungen genannt werden, unter denen Lehren und Lernen überhaupt erst möglich sind. Daraus lässt sich schließen, dass es, wenn häufig Unterrichtsstörungen auftreten, für jede Lehrperson wichtig ist, sich zu überlegen, ob noch alle, das Lernen bedingende Voraussetzungen gegeben sind.

3. Gründe für Unterrichtsstörungen

Natürlich ist es als Lehrer oder Lehrerin nicht sinnvoll, den Grund für Unterrichtsstörungen nur in sich selbst zu suchen. Es sind immer mehrere Faktoren, welche zusammenspielen. Sich darüber im Klaren zu sein ist schon ein wichtiger Schritt zu einem Unterricht mit weniger Störungen.

Häufig werden gesellschaftliche Gründe für die Erklärung der Zunahmen von Unterrichtsstörungen herangezogen. Jedoch ist es nicht sinnvoll, die immer schnellerlebigere Zeit oder die veränderten Familienverhältnisse als alleinige Begründung für das Schülerverhalten zu bringen, vor allem deshalb, weil wir als Lehrer nur einen sehr geringen Einfluss auf diese Faktoren haben. Deshalb ist es angebrachter, Erklärungen heranzuziehen, welche direkt mit der Schule zu tun haben. NOLTINGbeschreibt 3 auf die Schule bezogene Erklärungsansätze.

3.1 Störfaktor 1 - Schule als Institution

Der wohl allgemeinste Grund für Störungen im Unterricht kann in der Schule als Institution selbst gesehen werden. Viele Jugendliche sind der Meinung, dass sie ihre Zeit nicht freiwillig in der Schule verbringen, da die allgemeine Schulpflicht in Deutschland sie quasi dazu zwingt, ihre Freizeit dafür zu „opfern“. Durch die verschiedenen Interessen von Lehrern und Schülern kommt es zu Interessenkonflikten, welche sich in Unterrichtsstörungen wie Arbeitsverweigerung oder Aggressivität manifestieren können.

Viel wichtiger ist es bei der Suche nach Gründen für die Unterrichtsstörungen jedoch, sich auf die Personen zu fokussieren, welche an einer solchen beteiligt sind (2002, S. 16-17).

3.2 Störfaktor 2 – Lehrerverhalten

Schon in der eigenen Schulzeit ist jedem bestimmt aufgefallen, dass der Stör- und Geräuschpegel bei verschiedenen Lehrern variieren kann. In der Mathematikstunde noch können die Schülerinnen und Schüler „auf den Tischen tanzen“, wohingegen sie in der Englischstunde „lammfromm“ ihre Aufgaben bearbeiten. Deshalb stellt sich die Frage, inwieweit und auf welche Art und Weise, das Lehrerverhalten das Verhalten der Schüler beeinflusst.

3.2.1 Fallbeispiel: fehlende Präsenz

Zunächst möchte ich ein Beispiel aus meiner Tätigkeit in einem Nachhilfeinstitut anbringen, welches meiner Meinung nach einigen Aufschluss darüber gibt, wie sich das Lehrerverhalten negativ auf das Verhalten einiger Schüler auswirkt.

Während einer Mathematiknachhilfestunde zu Beginn des Schuljahres erzählte mir eine Schülerin der 7. Klasse einer Realschule, dass ihre neue Mathematik-lehrerin„total blöd“ sei. Aus Interesse fragte ich sie, worin ihrer Meinung nach der Grund dafür liege – ob sie vielleicht zu streng sei oder schlecht erklären könne.

Daraufhin erwiderte sie, dass es nicht daran liegen würde. Sie und ihre Freundin würden jedoch die ganze Mathematikstunde über private Themen sprechen und die Lehrerin würde einfach so tun, als merke sie es nicht. Nach einigen Wochen fragte ich die Schülerin erneut, ob es ihr im Mathematikunterricht nun besser gefalle, woraufhin sie mir erklärte, dass nun fast die ganze Klasse im Unterricht Unsinn mache und sogar schon der Rektor in den Unterricht kommen müsse, da die Lehrerin mit den Schülern nicht mehr zurechtkäme.

An diesem Beispiel lässt sich deutlich erkennen, dass das Versäumnis der Lehrerin, auf Unterrichtsstörungen konsequent zu reagieren, dazu führt, dass das Verhalten einiger weniger Schüler Einfluss auf das gesamte Verhalten der Klasse hat. Durch das Ignorieren der Konversation werden die Schüler in ihrem Verhalten bestärkt, da auf dieses keine negative Konsequenz für sie folgt. Der Lehrperson fehlt somit die wichtige Eigenschaft der Präsenz, welche den Schülern eigentlich den Eindruck vermittelt sollte, die Lehrkraft habe alles im Blick und ihr entginge nichts (Nolting, 2002, S. 33). Durch diese Gleichgültigkeit fühlen sich auch potenziell ruhigere Schüler dazu animiert, den Unterricht zu stören. Diese Situation ist ein Teufelskreis, der sich nur sehr schwer unterbrechen lässt. Hat die Lehrperson ihre Autorität erst einmal verloren, ist es schwierig, diese wieder zu gewinnen. Auch das Einschalten des Rektors war in dieser Situation nicht förderlich, da dies den Einfluss der Lehrerin auf die Klasse nur weiter verminderte.

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Details

Seiten
22
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656526292
ISBN (Buch)
9783656527251
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v263615
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Note
1,5
Schlagworte
unterrichtsstörung ursachen handlungsansätze

Autor

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Titel: Unterrichtsstörung: Ursachen und Handlungsansätze