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Strukturelle Ursachen der Jugendproteste 2011 in Spanien - Zusammenhänge und Hintergründe

Bachelorarbeit 2011 55 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Soziale Strukturen in Spanien
2.1 Vom Emigrations- zum Immigrationsland
2.2 Die Rolle der Frau
2.3 Religiosität, Politik und Toleranz

3. Die Wirtschaft Spaniens
3.1 Vor der Krise
3.2 Soziale Sicherung in Spanien
3.4 Die Weltwirtschaftskrise
3.5 Der Bauboom
3.6 Befristete Verträge
3.7 Die Rolle der Gewerkschaften in Spanien

4. Die verlorene Generation
4.1 Krise im Bildungssektor
4.2 Los Indignados

5. Resümee

Anhang

Literaturverzeichnis

Grafiken

Grafik 1. Global Player von der Iberischen Halbinsel

Grafik 2. Anzahl der Unternehmen in Spanien (absolute Zahlen)

Grafik 3. Umsatz nach Sektoren (in absoluten Zahlen)

Grafik 4. Beschäftigte nach Sektoren (in absoluten Zahlen)

Grafik 5. Die Entwicklung der Arbeitslogikeit

Grafik 6. Arbeitslose in Spanien

Grafik 7. Sparquote privater Haushalte in Spanien:

Grafik 8: Reale Hauspreise & Wachstumsrate der Nominalkredite relativ zum BIP

Grafik 9. Sektorale und regionale Strukturen

Grafik 10. Polarisierte urbane Zersiedlung um große Städte und an den Küsten Spaniens und Portugals (1990-2000)

Grafik 11. Befristete Verträge

Grafik 12. Häufigkeit von Zeitarbeitern nach Altersgruppe

Grafik 13. Jugendarbeitslosigkeit in Spanien im Verlauf und im Vergleich

Grafik 15. Verteilung der Jugendarbeitslosigkeit nach Bildungsniveau (2Q2010)

Grafik 16. Ausgaben für Ausgaben für Bildung

Grafik 17. Ausgaben für Forschung und Entwicklung

Grafik 18. ¿Y cuál es el problema que a Ud,, personalmente, le afecta más?

Grafik 19. Cuál es, a su juicio, el principal problema que existe actualmente en España?

Tabellen

Tabelle 1. Anzahl Unternehmen in Spanien nach Gewerbe

Tabelle 2. Umsatz nach Sektoren (in absoluten Zahlen)

Tabelle 3. Beschäftigte nach Sektoren (in absoluten Zahlen)

Tabelle 4. Arbeitslose in Spanien

Tabelle 5. Sparquote privater Haushalte

Tabelle 6. Ausgaben für Bildung

Tabelle 7. Ausgaben für Forschung und Entwicklung

Tabelle 8. ¿Y cuál es el problema que a Ud,, personalmente, le afecta más?

Tabelle 9. Cuál es, a su juicio, el principal problema que existe actualmente en España?

1. Einleitung

„Man wagt uns zu sagen, der Staat könne die Kosten dieser sozialen Errungenschaften nicht mehr tragen. Aber wie kann heute das Geld dafür fehlen, da doch der Wohlstand so viel größer ist als zur Zeit der Befreiung, als Europa in Trümmern lag? Doch nur deshalb, weil die Macht des Geldes – die so sehr von der Résistance bekämpft wurde – niemals so groß, so anmaßend, so egoistisch war wie heute, mit Lobbyisten bis in die höchsten Ränge des Staates. In vielen Schaltstellen der wieder privatisierten Geldinstitute sitzen Bonibanker und Gewinnmaximierer, die sich keinen Deut ums Gemeinwohl scheren. Noch nie war der Abstand zwischen den Ärmsten und den Reichsten so groß. Noch nie war der Tanz um das goldene Kalb – Geld, Konkurrenz – so entfesselt.“

- Stéphane Hessel,[1]

Das Eingangszitat stammt aus der Streitschrift „Empört euch“ aus dem Jahre 2010. Der Autor Stéphane Hessel gehörte einst der französischen Résistance an und ruft heute eindringlich zu friedlichem Widerstand und Empörung auf. „Widerstand kommt aus Empörung“,[2] schreibt er und wünscht, dass alle einen Grund dazu haben mögen. Das Zitat oben nennt einige mögliche Motive.

Damit hat er wohl, drei Jahre nach der Weltwirtschaftskrise, einen Nerv getroffen: 2011 scheint ein Jahr zu werden, welches unter dem Zeichen des Protestes steht. Den Beginn machte die „Jasmin-Revolution“ in Tunesien und schnell breitet sich der „Funke des Widerstandes“ aus und wird zu dem, was in Zeitungen manchmal „Arabische Revolution“ genannt wird. Gespannt und fasziniert blickt man von Europa aus auf die nordafrikanischen Länder, erwartet, was geschehen wird.

Doch auch auf der anderen Seite des Mittelmeeres regen sich Unzufriedene. Am 15. Mai 2011 kommt es landesweit in Spanien zu Demonstrationen, im Anschluss werden zentrale Plätze in mehr als 40 Städten besetzt; am prominentesten: Hunderte campen auf der Plaza del Sol mitten in Madrid.[3] Die Bewegung nennt sich zunächst 15-M, nach dem ersten großen Protesttag. Ursprünglicher Anlass der Proteste für Reformen und gegen soziale Missstände waren die Kommunal- und Regionalwahlen am 22. Mai.[4] Die Zeitungen berichten, dass in alleine dieser Woche 60.000 Menschen an den Protesten beteiligt gewesen sind, davon alleine 25.000 in Madrid.[5] Die hohe Beteiligung führte dazu, dass sich an die 200 Organisationen zu einer Bewegung vereinigten: „!Democracia real ya!“ – „Echte Demokratie jetzt“. Der Name ist Programm. In Anlehnung an Hessel nennen sie sich „Los Indignados“- „Die Empörten“ und fordern auf „Indiginaté!“ – „Empör dich!“

Hessel rät in seiner Schrift: „Seht euch um, dann werdet ihr die Themen finden, für die Empörung sich lohnt […] Ihr werdet auf konkrete Situationen stoßen, die euch veranlassen, euch gemeinsam mit anderen zu engagieren. Suchet, und ihr werdet sie finden!“[6]

Spaniens Jugend hat sich umgesehen und sie hat eine ganze Liste von Gründen gefunden:[7]

“Porque no somos mecancía en manos de políticos y banqueros” – “Denn wir sind keine Ware in den Händen von Politikern und Banken”

“Porque la acutual ley electoral beneficia a los grandes paritidos, los mismos que tienen más de 700 juicios por corrupción” – “Denn das momentane Wahlgesetz nutzt den großen Parteien, denselbsen gegen die es mehr als 700 Urteile wegen Korruption gibt”

“Cuando no tengas trabajo, tus padres no tengan pensión, suban los hipotecas, te quiten la casa y sigas debiendo dinero al banco...” – “Wenn du keine Arbeit hast, deine Eltern keine Pension, die Hypotheken steigen, dann nehmen sie dir das Haus weg und du schuldest der Bank noch immer Geld...”

“Porque no tendrás jubilación sin un trabajo continuo durante más de 35 año” – “Denn du bekommst keinen Ruhestand ohne eine kontinuierliche Arbeit für mehr als 35 Jahre”

“Porque el salario mínimo de un disputado es de 3.996 €” – “Denn der umstrittene Mindestlohn beträgt 3.996 €”

“Porque casi el 50 % de los jovenes españoles estarán en paro” – “Denn fast 50 % der Jugendlichen sind arbeitslos”

“Porque mientras tú pagas impuestos, las grandes fortunas desvían su dinero a paraíso fiscales” – “Denn während du Steuern zahlst, legen die mit großen Vermögen ihr Geld in Steuerparadisen ab”

“Porque los cinco principales bancos españoles obtuvieron durante el 2010 unos beneficios de 14.000 milliones de euros” – “Denn die fünf größten spanischen Banken erhielten währen 2010 Einkünfte über 14.000 Millionen Euro”

“Porque ahorra los beneficios empresiales son causa de despidio (telefónica)“ –“Denn jetzt sind geschäftliche Vorteile Grund für Endlassungen”

Einige der Themen, die mit diesen Aussagen formuliert werden, sind auch in andern Ländern Europas präsent. Dazu gehören vor allem jene, welche sich gegen die Banken richten und eine Folge der Weltwirtschaftskrise allgemein sind. Einige Probleme sind aber ganz spezifisch für Spanien und diese sind es, welche hier genauer untersucht werden sollen. Ziel der Arbeit wird es sein, die Proteste im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang zu verorten.

Dabei handelt es sich natürlich um eine Auswahl einzelner Felder oder Aspekte, welche für das Verständnis der Lage in Spanien insgesamt relevant erscheinen. Dabei sollen zuerst einige grundlegende gesellschaftliche Strukturen geklärt werden: der Wandel zu einem Immigrationsland und der Rolle der Frau sowie einige allgemeine Fakten über die soziale Landschaft Spaniens aufgegriffen werden. Diese sind wichtig, um ein allgemeines und differenziertes Verständnis für die Entwicklungen Spaniens in den letzten Jahren zu entwickeln.

Anschließend wird speziell auf verschiedene Aspekte der Wirtschaftsstruktur Spaniens eingegangen werden. Dies ist sinnvoll, da die Probleme, welche die Bewegung „¡Democracia real ya!“ anspricht, alle in Zusammenhang mit der Wirtschaftsstruktur Spaniens stehen. Hierbei wird gezeigt werden, dass die Krise Spaniens mehrschichtig ist. Dazu wird zuerst der Boom und Aufstieg Spaniens zur Wirtschaftsmacht vor der Finanzkrise 2008 betrachtet. Dann wird ein besonderer Blick auf die soziale Sicherung und das wohlfahrtsstaatliche System geworfen werden. Anschließend wird auf die Weltwirtschaftskrise und ihre Folgen einzugehen sein. Einige Punkte bedürfen dann einer tiefgehenderen Betrachtung. So wird zunächst der Bausektor, Motor des Wirtschaftswachstums, genauer erläutert. Dabei werden seine Bedeutung für die Wirtschaft einerseits und die Gründe und Konsequenzen für seine Krise andererseits herausgestellt. Anschließend wird die ungewöhnlich hohe Zahl der befristeten Verträge in Spanien analysiert. Der Vollständigkeit halber soll noch kurz die Rolle der Gewerkschaften dargestellt werden.

Wenn die Ausgangslage, in welcher sich Spanien befindet, geklärt ist, dann werden die „Verlorene Generation“ und damit die unmittelbaren Gründe für die Jugendproteste in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Zu guter Letzt wird die Protestbewegung selbst betrachtet werden. Hierbei wird zu klären sein, welche der dargestellten strukturellen Fakten implizit und explizit mit der Protestbewegung zusammenhängen, was von den jungen Menschen angesprochen wird und welche konkreten Forderungen und Selbstverständnis hinter der Bewegung steht.

Die Frage nach den wirklichen Hintergründen der Protestbewegung ist natürlich schwer – wenn nicht unmöglich – endgültig zu klären. Die gesellschaftlichen Zusammenhänge sind äußerst vielschichtig und die „¡Democracia real ya!“ ist eine heterogene Bewegung, mit vielen Anliegen, sowie verschiedensten konkreten Vorschlägen zur Lösung. Die Vielfältigkeit der Bewegung wird auch in ihrem Selbstverständnis deutlich:

„Wir sind normale Menschen.

Wir sind wie du: Menschen, die jeden Morgen aufstehen, um studieren zu gehen, zur Arbeit zu gehen oder einen Job zu finden, Menschen mit Familien und Freunden. Menschen, die jeden Tag hart arbeiten, um denjenigen, die uns umgeben eine bessere Zukunft zu bieten.

Einige von uns bezeichnen sich als fortschrittlich, andere als konservativ. Manche von uns sind gläubig, andere wiederum nicht.
Einige von uns folgen klar definierten Ideologien, manche unter uns sind unpolitisch, aber wir sind alle besorgt und wütend angesichts der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Perspektive, die sich uns um uns herum präsentiert: die Korruption unter Politikern, Geschäftsleuten und Bankern macht uns hilf- als auch sprachlos.“[8]

Das einzig Verbindende ist also die Empörung über Missstände. Um dieser vielschichtigen Gruppe gerecht zu werden, wird sich in der Arbeit bemüht, einen möglichst differenzierten Blick auf die Gesamtlage Spaniens zu werfen.

Eine Untersuchung der plausiblen strukturellen Ursachen soll aus diesem Grund vorgenommen werden. Dabei werden einige Aspekte detailliert beleuchtet, während andere nur kurz angerissen werden, um die Analyse dem Umfang der Arbeit anzupassen.

Die Arbeit soll dazu beitragen, einen Überblick über die Strukturprobleme Spanien, besonders solche die junge Menschen in Spanien betreffen, zu liefern.

2. Soziale Strukturen in Spanien

In den letzten Jahren hat Spanien eine Vielzahl von politischen, wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen erlebt. So ging der Direktor des World Value Surveys sogar so weit zu sagen, dass „in keinem Land der Welt in den vergangenen 20 Jahren ein so großer Wertwandel […] wie in Spanien“[9] stattfand.

Einzelne Aspekte dieser Veränderungen sollen im Folgenden genauer erörtert werden. Dabei wurden einige Faktoren gewählt, die besonders klar den Wandel darstellen, beziehungsweise besonders relevant zum Verständnis der jungen Menschen sind. Wichtig ist der Wandeln Spaniens für die Thematik der Arbeit vor allem deswegen, weil durch ihn die Situation, aus der heraus die Proteste entstanden sind, besser zu verstehen ist. Ohne diese Strukturen zu betrachten, sind die jungen Menschen Spaniens und ihre Motivationen nicht zu begreifen.

2.1 Vom Emigrations- zum Immigrationsland

Ein wichtiger Faktor, welcher gleichzeitig Ergebnis wie Ursache der Veränderungen ist, ist der Wandel Spaniens von einem Auswanderungs- zu einem Einwanderungsland.[10] War der Ausländeranteil an der Gesamtbevölkerung 1997 noch bei nicht einmal 2 %, so liegt er 2008 zwischen 9 % und 11%.[11] Damit hat Spanien nach den USA die größte Einwanderungsrate der Welt.[12] Die Rolle, die dieser Faktor in der Gesellschaft und der politischen Debatte spielen, ist dementsprechend bedeutend.

Die Gesetzgebung zur Einwanderung lässt sich grob in vier Phasen unterteilen:

Legte man 1978 in der Verfassung erstmals Rechte für Ausländer und ein Asylrecht fest,[13] so erweiterte man dies 1984 um das „sehr restriktiv gehaltene und stark polizeiorientierte“[14] Gesetz „über die Rechte und Freiheiten der Ausländer“ und das Asylgesetz. Dieses war allerdings auf Kriminalität ausländischer Banden ausgerichtet und nicht auf Einwanderung, da diese zu diesem Zeitpunkt noch kein Thema war.[15]

Erst gegen Ende der Achtziger Jahre, in der zweiten Phase, stiegen die Einwanderungszahlen an und eine Überarbeitung wurde notwendig. 1990 schuf man deswegen „Grundlinien für die Einwanderungspolitik“.[16] Bei dem weiteren Ausbau der Gesetzeslage war die europäische Komponente von Bedeutung, aufgrund von Spaniens Beitritt zum Schengener Vertrag. 1993 führte man dann Quoten für ausländische Arbeitskräfte ein und begann eine Integrationspolitik durch die Schaffung von Rechtssicherheit durch Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen sowie Reglungen zu Familienzusammenführungen. Diese Phase lässt sich auch als „Phase der Differenzierung, Konkretisierung und Konsolidierung in fast allen migrationsrelevanten Rechtsbereichen“[17] zusammenfassen.

Im Jahre 2000 wurde ein „Gesetz über die Rechten und Freiheiten der Ausländer und ihre soziale Integration“ verabschiedet. Dieses zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass es in Zusammenarbeit mit vielen gesellschaftlichen Gruppen erarbeitet wurde und neben restriktiven Migrationskontrollen „viele Regelungen so aufeinander abgestimmt hatte, dass Wege legaler Einwanderung sowie sozialer Integration der Einwanderer ermöglicht werden sollten.“[18] Eine zentrale Neuerung war dabei, dass auch irreguläre Einwanderer einige soziale Rechte zugestanden wurden, wenn sie sich im padrón municipal (Einwohnermelderegister) registrierten. Für die Einschreibung sind nur einige allgemeine Angaben zur Person notwendig, eine Aufenthaltsgenehmigung darf nicht verlangt werden. Auch eine Weitergabe der Angaben an die Polizei war ursprünglich nicht gestattet.[19] Doch kurz vor der Verabschiedung des Gesetzes schwenkte die regierende PP um und wollte eine Verschärfung des Gesetztes. Da die regionalen Parteien die Unterstützung verweigerten, wurden die Reglungen trotzdem angenommen, allerdings dann, nachdem die PP bei den Wahlen desselben Jahres die absolute Mehrheit erlangte, im Nachhinein doch noch verschärft. Besonders umstritten war eine Veränderung 2003, welche es zulassen sollte, dass die Polizei mit den Daten des patron muncipal illegale Einwanderer aufspürt.[20]

Nach dem Regierungswechsel 2004 rückte das Bestreben nach Integration wieder in Vordergrund. Man bemühte sich wieder verstärkt um Konsens mit den beteiligten Gruppen. Zwei wesentliche Maßnahmen waren zum einen die Familienzusammenführung wieder zu erleichtern, gleichzeitig aber schärfer gegen illegale Beschäftigung vorzugehen, zum anderen wurde ein Integrationsfonds eingerichtet, welcher zur Förderung speziell Jugendlicher mit Migrationshintergrund verwendet werden sollte. Darüber hinaus wurde die Rolle der Autonomen Gemeinschaften formalisiert und deren Rolle bei der Integration ausdifferenziert.[21]

41 % der Einwanderer in Spanien stammen nicht aus der EU-27.[22] Die zahlenmäßig größte Einwanderergruppe sind die Rumänen, gefolgt von den Marokkanern.[23] Dabei soll aber erwähnt sein, dass für viele Spanier der Marokkaner die stereotype Verkörperung eines Einwanderers ist.[24] Obwohl die Spanier „im Großen und Ganzen […] eine positive und tolerante Sicht auf Einwanderer“[25] haben, kommt es dennoch auch immer wieder zu Spannungen, vor allem mit jenen, die aus islamischen Ländern stammen.[26] Dennoch: „Dezidiert fremden-feindliche und/oder rechtsextreme Parteien wie in anderen Staaten Europas finden sich in Spanien so gut wie nicht.“[27]

Zu bemerken ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Arbeitslosenquote vor der Krise unter den Einwanderern Spaniens unter der gesamtspanischen Quote lag.[28] Doch, so behauptet zumindest Kreienbrink: „Die ausländischen Arbeitskräfte stehen dabei in keinem Verdrängungswettbewerb zu den einheimischen, vielmehr stellen sie eine komplementäre Ergänzung, vor allem in den Bereichen Haushalt und Landwirtschaft dar.“[29] Nicht zuletzt mag dieser Umstand dem geschuldet sein, dass die Einwanderung auf die Wirtschaft einen durchaus positiven Effekt hat:

„Einen Bericht des Amtes des Ministerpräsidenten zufolge sind 30% des Wachstums des Bruttoinlandsproduktes der letzten zehn Jahre auf die Einwanderung zurückzuführen. Beschränkt man den Blick auf die letzen fünf Jahre erhöht sich der Anteil sogar auf 50%.[…] Die strukturelle Arbeitslosigkeit wurde gesenkt, und die öffentlichen Haushalte profitieren von den Steuern und Abgaben, da die ausländischen Bürger gegenwärtig noch deutlich mehr einzahlen, als sie an Leistungen beziehen.“[30]

Die Entwicklung im Bereich der Einwanderung ist damit geradezu exemplarisch für den Wandel in Spanien: Sowohl die beständigen Änderungen in der Politik, als auch die Entwicklung der Einstellung insgesamt zeugen von den Prozessen, welche das Land seit dem Ende der Diktatur durchgemacht hat.

2.2 Die Rolle der Frau

Dem Bevölkerungswachstum durch Immigration steht gegenüber, dass Spanien neben Italien die niedrigste Geburtenrate der Welt hat.[31] Dazu kommt, dass das Alter der Erstgebärenden in Spanien weit über dem EU-Durchschnitt liegt.[32] Das derzeitige Durchschnittsalter für Erstgebärende ohne Migrationshintergrund beträgt 31,9 Jahre.[33]

Dies ist nicht zuletzt durch die veränderte Rolle der Frau zu begründen. So hat sich die Präsenz von Frauen in der Politik verfünffacht.[34] Auch das Bildungsniveau von Frauen ist gravierend gestiegen. Heute sind 60 % aller Hochschulabsolventen in Spanien Frauen[35] und, während bei den 58 bis 62 Jahre alten Frauen ca. 85 % keinen Schulabschluss oder nur eine Primärausbildung haben, besitzen heute 65 % eine abgeschlossene Berufsausbildung.[36] Trotz der weiterhin bestehenden Benachteiligungen der Frau – besonders stark beim Lohngefälle zwischen Mann und Frau zu sehen[37] - stellt Vallespín fest, dass „der Eindruck [überwiegt, H.H.], dass in den vergangenen Jahren die Frau hinsichtlich der Gleichstellung mit dem Mann entscheidende Fortschritte erzielen konnte, obwohl damit noch keinesfalls alle traditionellen Diskriminierungen überwunden sind.“[38] Dennoch befindet sich Spanien bei den Sach- und Geldleistungen, welche werdende Mütter erhalten, noch immer auf niedrigem Niveau im europäischen Vergleich. Auch das Kindergeld mit 24,25 € im Monat ist als sehr niedrig einzustufen.[39]

Noch immer sind es weitgehend Frauen, welche informelle, sprich unbezahlte Pflegedienste im familiären Umfeld wahrnehmen. Mitunter schuld daran ist das mangelhaft ausgebaute Gesundheits- und Sozialsystem.[40] Auch hat Spanien mit die niedrigste Quote der Teilzeitbeschäftigten in der EU. Dies erschwert die berufliche Entwicklung der Frauen auch heute noch stark, da eine Teilzeittätigkeit hilft, die Anforderungen von Familie und Arbeit zu vereinbaren. Darüber hinaus wird in Spanien Teilzeit besonders schlecht im Verhältnis zu Vollzeittätigkeiten bezahlt.[41]

2.3 Religiosität, Politik und Toleranz

Insgesamt gibt es starke Anzeichen, dass sich neben diesen offensichtlichem Wandel auch subtile Veränderungen in den Einstellungen der Menschen eingestellt haben. So zeigen Spanier in Befragungen zum einen Ausländern gegenüber große Toleranz[42] als auch Homosexuellen:[43] Vor allem Letzteres zeugt von den Veränderungen in dem traditionell katholischen Land und ist auch eng mit dem Wandel der religiösen Praxis verknüpft.

Denn, obwohl sich noch immer ca. 77 % der Spanier als Katholiken definieren,[44] besuchen von diesen nur noch ein Drittel den Gottesdienst regelmäßig, womit Spanien unter dem EU-Durchschnitt liegt.[45] Auch wird der Kirche selbst großes Misstrauen von den Spaniern entgegengebracht[46] und Religion hat bei Befragungen den vorletzten Platz unter den Interessenssphären.[47]

[...]


[1] Hessel, Stéphane (2011): Empört Euch! 9. Aufl. Berlin: Ullstein, S. 9.

[2] Ebd. S. 9

[3] DIE ZEIT Online: Spaniens Frustrierte begehren auf, 18.05.2011. Online verfügbar unter: http://pdf.zeit.de/politik/ausland/2011-05/spanien-jugend-proteste.pdf. Zuletzt geprüft: 22.08.2011.

[4] Vgl. Ebd.

[5] Süddeutsche.de: Die "verlorene Generation" kämpft, 21.05.2011. Online verfügbar unter: http://www.sueddeutsche.de/politik/proteste-vor-den-wahlen-spaniens-verlorene-generation-kaempft-um-ihre-zukunft-1.1100130. Zuletzt geprüft: 22.08.2011.

[6] Hessel, Stéphane (2011): Empört Euch! a.a.O., S. 15.

[7] Siehe: Aufklebervorlagen auf: http://democraciarealya.es/wp-content/uploads/2011/04/Diapositiva2.jpg. Zuletzt geprüft am 22.08.2011.

[8] Democracia real ya: Manifest. Online verfügbar unter: http://www.democraciarealya.es/manifiesto-comun/von-democracia-real-ya-aleman/. Zuletzt geprüft: 19.08.2011.

[9] Vallespín, Fernando (2008): Gesellschaftliche Veränderungen der letzten Jahre. In: Bernecker, Walther L.; Kügler, Clementine (Hg.): Spanien heute. Politik, Wirtschaft, Kultur. 5., vollst. neu bearb. Aufl. Frankfurt am Main: Vervuert (Bibliotheca ibero-americana, 125), S. 273.

[10] Vgl. Ebd. S. 273-282.

[11] Vgl. Ebd. S. 274.

[12] Vgl. Ebd. S. 274.

[13] Vgl. Die Spanische Verfassung (1978), Artikel 13. Im Internet verfügbar unter: http://www.boe.es/aeboe/consultas/enlaces/documentos/ConstitucionALEMAN.pdf. Zuletzt geprüft 29.07.2011.

[14] Kreienbrink, Axel (2008): Spanien als Einwanderungsland: Eine Zwischenbilanz nach zwei Jahrzehnten. In: Bernecker, Walther L.; Kügler, Clementine (Hg.): Spanien heute. Politik, Wirtschaft, Kultur. 5., vollst. neu bearb. Aufl. Frankfurt am Main: Vervuert (Bibliotheca ibero-americana, 125), S. 250.

[15] Vgl. Kreienbrink, Axel (2008): Spanien als Einwanderungsland: Eine Zwischenbilanz nach zwei Jahrzehnten. a.a.O., S.250.

[16] Vgl. Ebd. S. 250.

[17] Vgl. Ebd. S. 250.

[18] Vgl. Ebd. S. 251.

[19] Vgl. Kreienbrink, Axel (2004): Migration in Spanien – ein Sonderfall unter den südeuropäischen Staaten. In: Haug, Sonja; Swiaczny, Frank (Hg.): Migration in Europa. Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Wiesbaden (Material zur Bevölkerungsforschung, 115), S. 29–30.

[20] Vgl. Ebd. S.30.

[21] Vgl. Kreienbrink, Axel (2008): Spanien als Einwanderungsland: Eine Zwischenbilanz nach zwei Jahrzehnten. a.a.O., S.252-253.

[22] Stand: Januar 2010.

[23] Vgl. Elias, Joan: Inmigración y mercado laboral: antes y después de la recesión. La Caixa. Online verfügbar unter http://www.pdf.lacaixa.comunicacions.com/de/esp/de20_esp.pdf, zuletzt geprüft am 21.05.2011, S. 38.

[24] Vgl. Kreienbrink, Axel (2008): Spanien als Einwanderungsland: Eine Zwischenbilanz nach zwei Jahrzehnten. a.a.O., S. 259.

[25] Ebd. S. 254.

[26] Bsp. Salt. Ein Beispiel für Konflikt mit Migranten: Carranco, R. (2010): Políticos, policía y jueces se culpan por la tensión en Salt. La Generalitat refuerza la presencia de agentes tras los incidentes racistas. In: El País, 27.02.2010, S. 17. (“Politiker, Polizei und Richter geben sich gegenseitig die Schuld für die Spannungen in Salt. Die Regierung verstärkt die Präsenz von Polizisten nach rassistischen Vorfällen”) In Salt kam es 2010 wochenlang zu Spannungen zwischen Migranten und Polizei, wobei es zu erheblichen Vandalismus kam. In Salt sind ca. 43% der Bevölkerung Migranten, die meisten stammen aus Marokko. Salt hat eine sehr hohe Kriminalitätsrate. Siehe auch: Carranco, Rebeca (2011): “El carné del PP para inmigrantes me suena a certificado franquista”. La alcaldesa de Salt se suma a la marcha de hoy por la convivencia. In: El País, 22.01.2011, S. 18. (Die Karte der PP für Immigranten klingt für mich wie ein Franco-Zertifikat. Die Bürgermeisterin von Salt schließt sich dem Marsch von heute für ein Miteinander an“) Ebenso wie: Carranco, Rebeca (2011): Salt clama en silencio por la convivencia. 3.000 personas se manifiestan por la paz tras una noche en la que fueron incendiados otros dos coches. In: El País, 23.01.2011, S. 19. (Salt weint stumm für ein Miteinander. 3.000 Personen demonstrieren für den Frieden nach einer Nacht in der weitere zwei Autos angezündet wurden“)

[27] Kreienbrink, Axel (2008): Spanien als Einwanderungsland: Eine Zwischenbilanz nach zwei Jahrzehnten. In: a.a.O., S. 254.

[28] Vgl. Ebd. S.248.

[29] Vgl. Ebd. S. 249.

[30] Ebd. S. 249.

[31] Vgl. Vallespín, Fernando (2008): Gesellschaftliche Veränderungen der letzten Jahre, a.a.O. S. 274.

[32] Vgl. Ebd. S. 274.

[33] Siehe: Movimiento Natural de la Población e Indicadores Demográficos Básicos (2011). Instituto Nacional de Estadística. Online verfügbar unter http://www.ine.es/prensa/np666.pdf, zuletzt geprüft am 30.07.2011. Bei Frauen mit Migrationshintergrund liegt das Alter um einiges niedriger bei 28,7 Jahren.

[34] Vgl. Vallespín, Fernando (2008): Gesellschaftliche Veränderungen der letzten Jahre. a.a.O., S. 284.

[35] Vgl. Ebd. S. 283.

[36] Vgl. Ebd. S. 284.

[37] Vgl. Ebd. S. 285.

[38] Vgl. Ebd. S. 283.

[39] Vgl. Schmid, Josef (2010): Wohlfahrtsstaaten im Vergleich. Soziale Sicherung in Europa: Organisation, Finanzierung, Leistungen und Probleme. 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften / Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH Wiesbaden, S. 251.

[40] Näheres hierzu siehe in: Casado-Marín, David; García-Gómez, Pilar; López-Nicolás, Angel (2011 ): Informal care and labour force participation among middle-aged women in Spain. In: SERIEs: Journal of the Spanish Economic Association, Jg. 2, H. 1. Online verfügbar unter http://www.springerlink.com/content/0h066122378p48g5/fulltext.pdf, zuletzt geprüft am 27.08.2011, S. 1–29

[41] Vgl. Fernández-Kranz, Daniel; Rodríguez-Planas, Núria (2010): The Part-Time Pay Penalty in a Segmented Labor Market. (IZA Discussion Paper, No. 4342). Online verfügbar unter http://ftp.iza.org/dp4342.pdf, zuletzt geprüft am 28.08.2011, S. 39-43

[42] Vgl. Vallespín, Fernando (2008): Gesellschaftliche Veränderungen der letzten Jahre a.a.O., S. 276-282.

[43] Vgl. Ebd. S. 285-287.

[44] Vgl. Ebd. S. 288.

[45] Vgl. Ebd. S. 289.

[46] Vgl. Ebd. S. 290.

[47] Vgl. Ebd. S. 291. Hinter der Religion kommt nur noch die Politik. An erster Stelle kommt die Familie.

Details

Seiten
55
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656378853
ISBN (Buch)
9783656378990
Dateigröße
1009 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v209725
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Soziologie
Note
1,7
Schlagworte
Stéphane Hessel Jugendproteste Democracia real ya Plaza del Sol Empört euch Indignados Empörten Wirtschaftskrise Spanien Arbeitsmarkt Gewerkschaften 15-M Sozialer Wandel Protestkultur

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