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Die »herzeliebe« als dritte Form der Minne im Minnesang des Walther von der Vogelweide

Essay 2012 3 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Die »herzeliebe« als dritte Form der Minne im Minnesang des Walther von der Vogelweide

Im vorliegenden Essay werde ich erklaren, was der mittelhochdeutsche Dichter Walther von der Vogelweide iiber die beiden gelaufigen Formen der Minne denkt, und zeige dann anhand seiner Lieder, wie seine eigene Vorstellung, sein Konzept von der Minne, in Form der »herzeliebe« aus- sieht. Verweise auf den Primartext beziehen sich dabei auf die Edition Gunther Schweikles. Zunachst aber muss die Minne mit ihren beiden gelaufigen Formen erklart werden.

Die »Minne« im Allgemeinen ist die hofische Liebe zur Zeit des Mittelalters. Der Begriff der Minne bedeutet, dass ein Mann um eine Frau wirbt, ihr seine Liebe schwort und ihr dienen will. Man unterscheidet die »hohe Minne« und die »niedere Minne«.

In der hohen Minne findet kein Geschlechtsverkehr statt. Die hohe Minne gilt als besonders tu- gendhaft und rein. Ein »Minnediener«, d. i. der werbende Mann, verehrt und preist eine (meist adelige) Dame in seinen Liedern und bekundet ihr seine Liebe, wodurch die Dame zu Ehre ge- langt. Allerdings bleibt diese Art von Minne unerfullt. Der Mann kann die begehrte Frau niemals bekommen, und alles, was ihm bleibt, sind die Lieder, die fur ihn als Triebsublimierung dienen. Das bedeutet, dass er durch die Kunst des Gesangs zu gesellschaftlichem Ansehen kommt.

Im Gegensatz zur hohen Minne wird die niedere Minne im Mittelalter abgelehnt, da sie als trieb- haftes Ausleben der sexuellen Bediirfnisse und somit als unethisch angesehen wird. Sie findet — anders als die hohe Minne — in den unteren sozialen Schichten statt, nicht aber im Adel, jener hofischen Gesellschaft, von der Tugenden wie »triuwe« (Treue), »stsete« (Zuverlassigkeit) etc. erwartet werden.

Der Minnesanger Walther von der Vogelweide versucht, die Ablehnung der niederen Minne in seinem Lied »aller werdekeit ein fuegerinne« (L 46,32) durch ein eigenes, neues Minnekonzept zu umgehen: die sogenannte »herzeliebe« (Herzensliebe).

Seinen Argumentationsgang beginnt Walther sehr geschickt damit, dass er auf die allgemein- giiltige Norm der »Maze« (MaEigung) hinweist, welche auch im Bereich der Minne gilt. Er selbst wolle ebenfalls danach leben und auf diese angemessene, bescheidene Weise um eine Frau wer- ben. Allerdings sagt er auch, dass beide bekannten Formen der Minne, sowohl die hohe als auch die niedere, ihm Schaden brachten, da er in der Vergangenheit bereits unter ihnen gelitten habe. Dies fiihrt er detailliert fur beide Formen der Minne aus.

Vernachlassigte er die Maze und gabe sich der niederen Minne hin, so kame er zu Schaden, da er den allgemeinen Spott und die Verachtung ertragen miisste. Er wiirde durch sein Streben nach »kranker liebe« (Strophe 2, Vers 2) geschwacht, weil beschamt, werden.

Uber die hohe Minne sagt Walther, dass er diese befurworten wiirde, da sie keine niedere, triebgesteuerte, sondern eine »werd[e] liebe« (ebd., Vers 5) beinhalte. Fur diese angesehenere, wertvollere Art der Liebe ware allerdings die Ziigelung der sexuellen Triebe notwendig, die Wal- ther nicht gelange. Diesen Umstand beklagt er.

Als Ausweg schlagt er nun sein Konzept der herzeliebe vor, welche man als eine Mischung aus hoher und niederer Minne sehen konnte, da sie Elemente von beiden hat: wahre Liebesgefiihle und erotische Handlungen. Walther argumentiert, wenn jene von Herzen kommende, iiberwalti- gende Liebe ihn iibermanne, so habe er keine Wahl mehr, er konne nicht anders, als der Versu- chung auch in sexueller Hinsicht zu erliegen. Dies wird nicht explizit gesagt, lasst sich aber aus den Worten »so bin ich verleitet« (ebd., Vers 8) herauslesen. Aufgrund der Starke dieser Liebe falle die bewusste Entscheidung zum triebhaften Verhalten weg, und folglich konne der Liebende auch nicht fur dieses verantwortlich gemacht werden.

Obwohl Walther diese Meinung vertritt, befiirchtet er, von anderen dafiir verurteilt zu werden. Man konnte ja missverstandlicherweise die herzeliebe mit der niederen Minne verwechseln. So schreibt Walther in den letzten Versen der zweiten Strophe, ihm konne wohl »schade von ir [der Liebe] geschehen«. Dieser Schaden bestiinde dann aus dem Spott und der Verachtung, welche die hofische Gesellschaft einem vermeintlich niedere Minne Betreibenden entgegenbrachte.

Betrachten wir nun zwei weitere Lieder Walthers, in welchen er die hohe Minne kritisiert und eigene Forderungen an die Liebe formuliert, die in sein Konzept der herzeliebe passen.

Schon der Titel unseres ersten Beispielliedes »Staste ist ein angest und ein not« (L 96,29) behaup- tet einen Zusammenhang zwischen der Bestandigkeit, welche eine hofische Tugend ist, und den negativen Begriffen Angst und Not. Jene Tugend ist ein Bestandteil der hohen Minne, der Wal­thers Meinung nach durchaus zu Spott fiihren kann und entgegen der gelaufigen Meinung nicht unbedingt ehrenhaft sein muss. Walther formuliert im zweiten Vers der ersten Strophe vorsichtig, dass er nicht wisse, ob die Bestandigkeit ehrenhaft sei. Er fiihrt weiter aus, dass er selbst bestandig sei und dadurch jede Menge Leid erfahren habe (vgl. ebd., Verse 5-6). Mit Leid ist hier der Spott gemeint, der einem Mann zuteilwerden konnte, wenn er eine Frau lieben und alles fur sie tun wiirde, ohne von ihr zuriickgeliebt zu werden. Er geht sogar noch weiter und meint, wegen seiner Bestandigkeit und den damit verbundenen Komplikationen zugrunde gehen zu miissen: »[I]ch muoz von miner sttete sin verlorn (...)« (ebd., Vers 10).

Dies liebe sich jedoch verhindern, wenn seine Angebetete seine Liebe zu ihm erwidern und ebenfalls bestandig sein wiirde (vgl. ebd., Vers 10). Eine auf Gegenseitigkeit beruhende Liebe widerspricht dem Konzept der hohen Minne, die i. d. R. unerfiillt bleibt. Nun begriindet Wal­ther seine Forderung nach gegenseitiger, gleichwertiger Liebe. Er sagt in der zweiten Strophe, ein Mann, welcher trotz ausbleibenden Erfolges weiterhin die Tugend der Bestandigkeit besitze, sei aufrichtig und seine Liebe echt (vgl. Verse 4-7). Ein so tugendhafter Mann diirfe natiirlich nicht verspottet werden. In Strophe drei erklart Walther, dass der unerfiillt liebende Mann sich nicht selbst von dem Spott und dem Leid befreien konne. Wiirde er namlich aufhoren, die Frau zu lieben, so ware er ebenfalls nicht mehr froh und miisste an Liebeskummer leiden: »[S]olt ich dan- ne min herze von dir scheiden, so miieste ich mir selben leiden.« (Verse 8-9) Die einzige Mog- lichkeit, das Leiden des Mannes zu beenden, lage folglich bei der Frau und ohne gegenseitige Liebe miisse das ungerechtfertigte Leid des Mannes ewig fortbestehen.

Als zweites Beispiel schauen wir uns das Lied »Kann min frouwe siieze siuren?« (L 69,22) an. Zwar gibt es verschiedene Uberlieferungen in Bezug auf die Reihenfolge der Strophen, doch in jeder Lesart wird deutlich, dass Walrhcr der hohen Minne vorwirft, ungerechtfertigtes Leid fur den Werbenden zu bewirken, welcher aufgrund seines tugendhaften Minnedienstes eigentlich Besseres verdient hatte.

In Strophe eins klagt Walther an, dass ein Werbender der hohen Minne fur seine Bemiihungen und seine Liebe nichts als Leid zuriickbekommt. Er schlussfolgert, dass dies nicht richtig sein konne. Das Urteilsvermogen eines Liebenden ware getriibt, wenn er diese Ungerechtigkeit nicht erkennen wiirde: »[D]en diu minne blendet, wie mac der gesehen?« (ebd., Vers 7)

Ganz deutlich wird die Kritik an der hohen Minne in Strophe vier der Fassungen EFO, in welcher Walther zweierlei anklagt. Erstens tadelt er, dass der um eine Geliebte werbende Mann keinen Dank fur seine Lieder von der Frau zu erwarten habe: »[D]es gedankest du mir niemer (...)« (ebd., Vers 3) Dass die umworbene Frau durch diese Loblieder ihres Verehrers auch noch zu gesellschaftlichem Ansehen gelange, missfallt Walther ebenfalls (vgl. ebd., Verse 4-7), schlieb- lich sei das so erworbene Ansehen ja gar nicht ihr eigenes Verdienst.

Wenn die hohe Minne derlei Leid iiber einen Mann bringt, dann habe sie die Bezeichnung »Minne« laut Walther gar nicht verdient (vgl. Strophe 2, Vers 6). Er sagt, man konne Minne nur dann als solche bezeichnen, wenn sie »wol [tuot]« (Vers 5). In letzterem Fall miisste die Minne dann aber beidseitig vorhanden sein, und zwar zu gleichen Teilen (vgl. Strophe 3, Vers 4).

Ich fasse zusammen: Walther von der Vogelweide ist kein Anhanger der allgemein verponten niederen, moralisch verwerflichen Minne. Gern entschiede sich Walther stattdessen fur die hohe Minne, da diese als rein und tugendhaft gilt. Allerdings beklagt er in seinen Liedern den Urn- stand, dass die Liebe des Mannes beim hohen Minnedienst nicht erwidert wird, obwohl ein tu­gendhaft Werbender dies verdient hatte. Somit sei die hohe Minne ungerecht, wodurch sich ihr Anspruch auf Tugend und Ehrbarkeit eriibrige. Auch sei es schwer fur einen Mann, die sexuellen Triebe zu ziigeln und die fur die hohe Minne notwendige MaEigung zu iiben.

Wir sehen also, dass die beiden im Mittelalter bekannten Formen der Minne, namlich die der hohen und die der niederen, beide nicht das sind, was Walther als perfekte Form der Liebe be­zeichnen wiirde. Deshalb bringt er sein eigenes Konzept hervor: Die herzeliebe soil die positiven Aspekte der anderen beiden Formen in sich vereinen und besser als beide sein. Walther definiert Liebe als eine aufrichtige, von Herzen kommende Zuneigung zweier Menschen, welche sich beide gleichermafien intensiv lieben. Auch Geschlechtsverkehr sei zwischen ihnen erlaubt, da der Drang dazu ohnehin iiberwaltigend sei.

Fraglich bleibt, ob es nach dieser Definition nicht moglich ware, unter dem Deckmantel der herzeliebe den Trieben der niederen Minne zu fronen.

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Details

Seiten
3
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656228561
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v196042
Institution / Hochschule
Universität Kassel – Germanistik
Schlagworte
form minne minnesang walther vogelweide

Autor

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