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Wie können wir Lisa beim Vortragen eines Gedichts helfen?

Eine Unterrichtsstunde in der Klassenstufe 5

Unterrichtsentwurf 2011 19 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Lernbedingungen
1.1 Lerngruppenbeschreibung
1.2 Lernvoraussetzungen – Lernausgangslage und Lernstand

2. Didaktische Überlegungen
2.1 Didaktische Begründung des Themas
2.2 Didaktische Analyse des Materials
2.3 Didaktisches Zentrum der Stunde

3. Methodische Überlegungen zur Stunde

4. Anhang
4.1 Literaturverzeichnis
4. 2 Tabellarische Übersicht über den Verlauf der Unterrichtseinheit
4.3 Geplanter Stundenverlauf
4.4 Folie 1 (Einstieg)
4.5 Arbeitsblatt
4.6 Folie 2
4.7 Sprechweisen für die Gedichte
4.8 Hausaufgabe

1. Lernbedingungen

1.1 Lerngruppenbeschreibung

Die Klasse ist mir vorwiegend durch Hospitationen sowie sieben selbst gehaltenen Unterrichts-stunden bekannt. Sie setzt sich aus 14 Schülerinnen und 13 Schülern[1] zusammen.

Die Klasse ist dem Fach Deutsch gegenüber aufgeschlossen. Es handelt sich um eine sehr heterogene Gruppe[2], daher arbeiten einige SuS sehr interessiert und aufmerksam mit, während andere SuS große Schwierigkeiten haben, den Unterrichtsinhalten zu folgen. Deshalb arbeite ich in dieser Gruppe stets binnendifferenziert oder kooperativ, um der Heterogenität Rechnung zu tragen (Konsequenz 1). In den ersten beiden Stunden, in denen ich die Klasse unterrichtet habe, waren die SuS sehr unruhig und laut und versuchten mich durch falsche Vornamen zu verwirren[3]. Inzwischen hat sich die Klasse jedoch an mich gewöhnt und als Lehrkraft akzeptiert. Die Klasse ist jedoch nach wie vor sehr unruhig.

Aufgrund der großen Heterogenität variiert die mündliche Beteiligung stark. Zwei besonders leistungsstarke Schüler heben sich durch ihre stets zielführenden Beiträge deutlich vom Rest der Klasse ab. Fünf weitere SuS beteiligen sich mündlich sehr regelmäßig, eine Schülerin hat jedoch noch Probleme ihre Beiträge zielführend zu formulieren. Daneben sind vier SuS im oberen, elf SuS im mittleren bis unteren Mittelfeld anzusiedeln. Fünf SuS erbringen schwache bis sehr schwache Leistungen. Um den leistungsschwächeren SuS Beteiligungsräume zu schaffen, werden „Murmel-runden“ eingebaut und Vorentlastungen geschaffen (Konsequenz 2).

Die Klasse ist daran gewöhnt, das Wort untereinander weiterzugeben, dies führt jedoch häufig dazu, dass die sieben SuS, die sich regelmäßig am Unterrichtsgespräch beteiligen, überdurchschnittlich oft zu Wort kommen. Die ebenfalls konstruktiven Beiträge der stilleren SuS können auf diese Weise nicht eingebracht werden. Daher ist es mir wichtig, diesen stilleren SuS durch Partner- und Gruppenarbeit die Möglichkeit zu bieten, ihre Ideen integrieren und sich aktiv am Unterrichtsgeschehen beteiligen zu können (Konsequenz 3). Die SuS sind es gewohnt, in Einzel-, Partner- und Gruppenarbeit zu arbeiten. Weiterhin sind sie damit vertraut, beim Vortragen von Gedichten allein oder zu zweit vor der Klasse zu stehen.

Wie mir die Deutschlehrerin berichtete, gab es vor drei bis vier Wochen in der Klasse einen Fall von Cyber-Mobbing, in dem ein Mädchen sehr massiv beschimpft wurde. Die Mädchen in der Klasse bildeten zwei Gruppen und zogen auch Schülerinnen aus anderen Klassen hinzu. Daraufhin gab es ein Klärungsgespräch mit der Deutschlehrerin und es wurde ein Vertrag geschlossen, in dem sich die Schülerinnen verpflichten, dass es zu keinen körperlichen Tätlichkeiten kommt und die Beleidigungen sofort eingestellt werden. Die Mädchen sind jedoch nach wie vor bei Gruppenbildungen besonders sensibel, weshalb ich stets Neigungsgruppen bilden lasse (Konsequenz 4).

1.2 Lernvoraussetzungen – Lernausgangslage und Lernstand

In der ersten Einheit des zweiten Halbjahres wurden anhand der Geschichte „Der Sprach-abschneider“ die Satzglieder erarbeitet. Den schwachen SuS fiel es schwer, die Satzglieder zu benennen und zuzuordnen. Gegen Ende der Einheit fragten die leistungsstärksten SuS immer wieder nach, welches Thema denn nun als nächstes kommen würde und freuten sich, als mit der aktuellen Unterrichtseinheit begonnen wurde. Im Einstieg der Unterrichtseinheit wurde deutlich, dass die Vorerfahrungen und das Vorwissen der SuS stark divergieren[4]. Bisher wurde die Form von Gedichten und insbesondere der Aufbau der Gedichtform Elfchen erarbeitet, zudem haben die SuS verschiedene Reimordnungen kennengelernt. Den schwächeren SuS fiel es schwer, die Form eines Elfchens eigenständig zu erarbeiten und sie benötigten viele Hilfestellungen. Anhand der unterschiedlichen Betonung von Wörtern wurde geübt, dass ein Vers verschiedene Bedeutungen haben kann. An dem Gedicht Der Februar von Erich Kästner wurde geübt, Pausen- und Betonungszeichen zu setzen und das Gedicht unter diesen Gesichtspunkten vorzutragen. Viele SuS hatten gute Ideen, und setzen die Zeichen an sinnvollen Stellen, jedoch hatten sie teilweise noch Schwierigkeiten, diese Zeichen in der Praxis, sprich beim Vortragen, angemessen umzusetzen. In der 6. Stunde wurden ausgehend von einer Fantasiereise Sinneseindrücke zum Frühling gesammelt, die die Grundlage zur Eigenproduktion eines Gedichts darstellten. Hier wählten viele SuS die Gedichtform Elfchen oder verfassten Gedichte mit der Reimordnung Paarreim, die leistungsstärksten Schüler verfassten sogar ein Akrostichon, das wir im Unterricht nicht behandelt haben, das sie aber aus der Grundschule kannten. Beim Vortragen der eigenen Gedichte meldeten sich vor allem viele schwächere SuS freiwillig, sodass ich in der heutigen Stunde in dieser Hinsicht keine Probleme erwarte[5].

In den letzten drei Stunden haben die SuS im Rahmen eines Stationenlernens verschiedene Übungen bearbeitet[6]. Im Zentrum standen das Erkennen, Beschreiben und Gestalten von Sprechweisen, es gab aber auch Übungen zum Zuordnen von Sprecherrollen und zum Umgang mit Satzakzentuierungen. Die verwendeten Texte waren Unsinnssilben, Dialoge oder SMS, also alltagssprachliche Texte, die den SuS den Zugang zu Sprechweisen erleichtern sollten, bevor in der heutigen Stunde die Sprechgestaltungen in Gedichten im Zentrum stehen.

Das für die heutige Stunde relevante Gedicht wurde in der letzten Stunde ausgeteilt und sollte als Hausaufgabe vorbereitend gelesen werden.

2. Didaktische Überlegungen

2.1 Didaktische Begründung des Themas

Die heutige Stunde gliedert sich als 10. Stunde in die Einheit Welche Erfahrungen können wir beim Sprechen und Hören von lyrischen Texten machen ? ein. Der Schwerpunkt der Unterrichtseinheit liegt auf dem Einfühlen in Gedichte. Die Handlungs- und Produktionsorientierung der Einheit bietet den SuS die Möglichkeit sich selbst auszuprobieren. Den SuS soll bewusst werden, dass aus der unterschiedlichen Betonung von Wörtern in Versen eine Bedeutungsveränderung resultierenden kann. Die SuS lernen, dass und warum es sinnvoll ist Pausen zu machen. Im Vordergrund steht dabei das Vortragen, denn „viele Gedichte kommen erst im Vortrag zur Wirkung“[7]. Spinner fordert[8], dass das spielerische und experimentierende Vortragen von Gedichten besondere Berücksichtigung finden soll. Durch das eigene Experimentieren mit Sprechweisen[9] werden die subjektiven Anteile des Verstehensprozesses betont[10], denn es gibt immer verschiedene Möglichkeiten der Realisierung. Dabei spielen „das erlebnishafte Aneignen von Sprache […], das Ausprobieren von Betonungen, die Stimmmodulation und die Intonation von Gedichten“[11] eine Rolle. Jedes Vortragen ist immer schon ein Akt der Textdeutung und meist sind mehrere Lösungen möglich, wenn es auch wahrscheinlichere und unwahrscheinlichere Lösungen gibt. Durch das Ausprobieren verschiedener Sprechweisen wird auch der Forderung der Bildungsstandards Rechnung getragen, dass die SuS am Ende der Jahrgangs-stufe 6 vorbereitete Redebeiträge leisten können, indem sie „bekannte und kurze unbekannte Texte zügig und gestaltend vorlesen und vortragen“[12].

Das Vortragen eines Gedichts richtet sich in der Regel an eine Zuhörerschaft. Sie soll den Vortrag nicht passiv aufnehmen, sondern aktiv rezipieren. Der Hörsinn ist im Gegensatz zu anderen Sinnen nicht steuerbar, doch bedeutet Hören nicht automatisch zuhören. Unsere heutige Lebenswelt ist von einer permanenten Geräuschkulisse geprägt. Die SuS nehmen viele Geräusche der Umwelt nicht bewusst wahr und trainieren auf diese Weise eine „Weghörkompetenz“. Die Zuhörkompetenz spielt demnach nicht nur im Deutschunterricht, sondern auch im alltäglichen Leben eine wichtige Rolle. Sie ist von grundlegender Bedeutung für das Gelingen zwischenmenschlicher Kommunikation[13] und muss daher gezielt geschult werden (Zukunftsbedeutung). Schmid-Stockenberg schreibt dazu, dass „die Schulung der Zuhörkompetenz […] eine wesentliche Grundlage für die Herausbildung einer Hörverstehenskompetenz“[14] ist. Aktives Zuhören erfordert ein hohes Maß an Konzentration. Das Tempo ist vorgegeben, ein Zurückblättern, wie wir es von Büchern gewohnt sind, ist nicht möglich. Aus diesem Grund kann es sehr viel anstrengender und ermüdender als das Lesen eines Textes sein. Aktives und vor allem kritisches Zuhören kann nicht als gegeben vorausgesetzt werden, sondern muss gelernt und geübt werden. Gerade im 5. Schuljahr sollte besonderer Wert auf diese Fertigkeit gelegt werden, sodass die SuS im Laufe ihrer Schulkarriere Sprech- und Zuhörkompetenz kumulativ aufbauen können. Das haben auch die bisherigen SuS-Beiträge gezeigt. Nach jedem Vortragen vor der Klasse wurde applaudiert. Dies würdigt natürlich die Anstrengung des Vortragenden, doch wird das Vortragen dabei undifferenziert wahrgenommen. Daher sind es beide Aspekte, das Vortragen und das Zuhören, die geschult werden müssen, nicht zuletzt um die Vorgaben des hessischen Lehrplans[15] zu erfüllen, der für das 5. Schuljahr unter Leseförderung sowohl das sinngerechte und flüssige Lesen, eine deutliche Artikulation, angemessenes Lesetempo mit Pausen und Betonungen als auch die Hörerziehung, nämlich das konzentrierte Aufnehmen von Texten, fordert.

Ein Arbeitsbereich des Deutschunterrichts ist der Umgang mit Texten. Beim Umgang mit literarischen Texten geht es um die Vermittlung literarischer Kompetenz, Spinner spricht hier vom literarischen Lernen. Ein Aspekt des literarischen Lernens ist es, „beim Lesen und Hören Vorstellungen entwickeln[16] “. Diese Vorstellungen sollen jedoch nicht beliebig sein, sondern sich immer daran orientieren, was im Text angelegt ist. In der heutigen Übungsstunde steht neben der Zuordnung von Sprechweisen die Art und Weise des Vortragens im Zentrum. In der Folgestunde wird der Inhalt des Gedichts geklärt. Durch die Zuordnung der Sprechweisen haben sich die SuS, wenn auch noch unbewusst, in das Gedicht eingefühlt und es interpretiert. Die unterschiedlichen Interpretationen[17] der einzelnen Gruppen bieten dabei Anlass zur Diskussion. Abschließend wird die Frage geklärt inwiefern die gehörten Vortragsweisen wirklich mit dem Text übereinstimmen, denn es kommt „[…] bei der Textarbeit darauf an, das Feld der möglichen Sprechgestaltungen von den nicht-möglichen abzugrenzen“[18].

[...]


[1] Im Folgenden als „SuS“ angegeben.

[2] Die SuS werden im Fach Deutsch im Klassenverband unterrichtet. Eine Einteilung in A-, B- oder C-Kurse erfolgt erst ab Jahrgangsstufe 7.

[3] Dies führe ich darauf zurück, dass es sich dabei um zwei Vertretungsstunden handelte, in denen die Deutschlehrerin nicht anwesend war.

[4] Dies führe ich sowohl auf das unterschiedliche Leistungsvermögen der einzelnen SuS als auch auf den Besuch unterschiedlicher Grundschulen zurück.

[5] Bisher hat sich jedoch an das Vortragen keine Diskussion über die Art und Weise des Vortragens angeschlossen. Sollte es dazu kommen, dass einzelne SuS kritisiert werden, weise ich darauf hin, dass es sich um ein Gruppenergebnis handelt (Konsequenz 5).

[6] Die Materialien zum Stationenlernen finden sich unter: http://www.loesener.de/uebungen/index.htm

[7] Spinner, Kasper H.: Umgang mit Lyrik. Baltmannsweiler 2008. S. 62.

[8] ebd.

[9] Lösener/Siebauer unterschieden hier zwischen drei Ebenen der Sprechgestaltung: Sprechformen, Sprechstimmungen und Sprechhaltungen. Da sie jedoch oft ineinander übergehen, werde ich hier die Terminologie Sprechweisen verwenden.

[10] vgl. Hessisches Kultusministerium (Hrsg.): Lehrplan Deutsch. Gymnasialer Bildungsgang. Jahrgangsstufen 5 G bis 9 G und gymnasiale Oberstufe. Wiesbaden 2010. S. 11.

[11] Schmid-Stockenberg, Monika: Sprechen und Zuhören. Hörverstehen im Deutschunterricht. Pädagogisches Zentrum Rheinland-Pfalz 2009. S. 11.

[12] Hessisches Kultusministerium (Hrsg.): Bildungsstandards und Inhaltsfelder. Das neue Kerncurriculum für Hessen. Sekundarstufe I – Gymnasium. Entwurf. Deutsch. Wiesbaden 2010. S. 32.

[13] vgl. Schmid-Stockenberg. S. 5.

[14] Schmid-Stockenberg. S. 11.

[15] vgl. Lehrplan. S. 16.

[16] Spinner, Kasper H.: Literarisches Lernen. Basisartikel. In: Praxis Deutsch200/2006. S. 8. Lösener/Siebauer sprechen in ihren Arbeiten vom hörenden Lesen.

[17] Ich gehe davon aus, dass die Gruppen bei der Zuordnung der Kärtchen zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen werden.

[18] Lösener, Hans/Siebauer, Ulrike: Sprechgestaltungen in Gedichten entdecken. In: Praxis Deutsch 213/2009. S. 24.

Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640876334
ISBN (Buch)
9783640876389
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169265
Institution / Hochschule
Studienseminar für Gymnasien in Offenbach
Note
13
Schlagworte
Gedichte Sprechstimmungen Die Kaulquappe Michael Ende 5. Klasse

Autor

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