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Apollinaires und Benns Großstadtlyrik

Wie werden das großstädtische Leben und die Großstadtbewohner in den Café-Gedichten "Nachtcafé 3" von Gottfried Benn und "Lundi Rue Christine" von Guillaume Apollinaire dargestellt?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 28 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einführung in Apollinaires und Benns Großstadtlyrik
2.1 Das Café-Motiv
2.2 Gottfried Benn
2.1.2 Nachtcafé
2.3 Guillaume Apollinaire
2.3.1 Lundi Rue Christine

3. Benns und Apollinaires Poetik im Vergleich
3.1 Gemeinsamkeiten
3.1.1 Die Montage-Technik
3.1.2 Dekadente Großstadtbewohner
3.1.3 Das Großstadtmotiv
3.2 Differenzen
3.2.1 Apollinaires Facetten und Benns Zweiteilung

4. Zusammenfassung

5. Bibliographie

1. Einleitung

Die Großstadtlyrik hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihren größten Höhepunkt erfahren, insbesondere im Zuge des deutschen Expressionismus[1] bei Benn (1886-1956) und in Frankreich insbesondere bei Guillaume Apollinaire (1880-1918), den man jedoch in keine Literaturepoche klar einordnen konnte. Benns naturalistisch-medizinische[2] Lyrik, in der im Sektionsstil Krankheit, Verfall und Tod geradezu mimetisch abgebildet sind und seine dabei häufig vulgäre Sprache wurde von vielen seiner Zeitgenossen kritisiert und seine lyrischen Werke gelten zum Teil bis heute als umstritten. Apollinaire heischte ebenfalls nicht nur Lob, da er die starren Regeln der Lyrik aufbrach. So findet man in vielen seiner Gedichte keinerlei traditionelle Metrik, keine Reimschemata und auch selten semantische Verknüpfungen der einzelnen Strophen. Während man bei Gottfried Benn jedoch tendenziell den Inhalt an den Pranger stellte, kritisierte man bei Apollinaire die teilweise völlige Missachtung der lyrischen Konventionen.

In dieser Hausarbeit wird die Darstellung des großstädtischen Lebens exemplarisch in Benns Gedicht Nachtcafé 3 [3] und Apollinaires Gedicht Lundi Rue Christine und untersucht und dargelegt, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede diese sowohl inhaltlich als auch stilistisch aufweisen. Im Fokus steht hierbei vor allem, in welcher Beziehung das Café und in welcher Beziehung die Großstadtbewohner zur Stadt stehen.

2. Einführung in Apollinaires und Benns Großstadtlyrik

2.1 Das Café-Motiv

Benn und Apollinaire hatten einen starken persönlichen Bezug zu Café-Häusern. Wie viele andere Künstler ihrer Zeit hielten sie sich gerne in Café-Häusern und anderen gastronomischen Örtlichkeiten auf. Apollinaire frequentierte diverse Lokalitäten, wohingegen Benn sich nur auf das „Café des Westens“ und „Romanisches Café“ beschränkte.[4]

Around 1900 the coffeehouses had a magnet attraction for intellectuals – and no longer only in Paris, Vienna and Prague but also in Berlin. […] Like in Paris, in Berlin the café had become a meeting place for circles of writers, musicians, artists or scientists to debate the latest news, incidents and inventions. […] Furthermore, they [the cafés] provided a box seat for the observation of people and city life.”[5]

Insbesondere der von Anglet genannte Beobachtungsaspekt spielt in Benns und Apollinaires Gedichten eine gewichtige Rolle. Das lyrische Ich in den jeweiligen Gedichten von Benn und Apollinaire beobachtet das Café-Geschehen und nimmt dabei, insbesondere bei Benn, eine kritische Haltung ein. Anglet fasst das Café- und Stadtmotiv der beiden Lyriker treffend zusammen: „In den Café-Gedichten von Gottfried Benn und Guillaume Apollinaire wird die moderne Stadt auf symptomatisch unterschiedliche Weise als Ereignis- und Sprachlandschaft erschrieben.“[6] Apollinaire und Benn widmeten mehrere ihrer Gedichte dem Café, da dieses ein Element des modernen Stadtlebens ist und man dort verschiedene Gesellschaftsschichten treffen kann, wobei beide Lyriker sich unterschiedlicher ästhetischer Umsetzungen bedienen.

2.2 Gottfried Benn

2.1.2 Nachtcafé 3

Gottfried Benn war einer der Hauptvertreter des deutschen lyrischen Expressionismus. Benn und die neue Dichtergeneration lehnte die bisherige literarische Tradition des Naturalismus ab. Die traditionelle Naturlyrik wurde von der Großstadtlyrik ersetzt. In dieser neuen Lyrik überwiegt die expressive Ebene gegenüber der ästhetischen, appellativen und sachlichen Ebene. Die Lyrik galt als repräsentativste Gattung des Expressionismus, denn das lyrische Produkt konnte schneller und leichter publiziert werden und das Gedicht war dem aktuellen Stadterleben näher. Isernhagen bezeichnet die expressionistische Lyrik deshalb als „Augenblickskunst“[7]. Ähnlich wie der Expressionismus in der bildenden Kunst befasste sich der literarische Expressionismus primär mit den Themen Großstadt, Krieg, Vergänglichkeit, Angst, Ich-Verlust und Apokalypse. Die Motive Café, Restaurant oder Bar tauchen insbesondere in Benns ersten lyrischen Produkten auf und später noch einmal nach dem Zweiten Weltkrieg.

Benns Café-Gedicht Nachtcafé 3 besteht aus vier Strophen mit jeweils drei Versen. Dieses Gedicht enthält weder ein Reimschema, noch ein Metrum. Dieser Verzicht auf traditionelle Formalia ist typisch für den Expressionismus. Der Dichter lehnt sich damit gegen die Konventionen auf und sorgt mit Hilfe des Gedichtes für Zerstreuung und versucht mit dieser eine moderne Haltung beim Leser zu erreichen, welche das Traditionelle ablehnt. Ebenso die Verwendung von Enjambements innerhalb mancher Strophen, wie zum Beispiel: „Ein Medaillon des Mittelstandes staunt/ von Fett umträumt das Kinn: da bist du ja. (V. 1 und 2) oder: „Ein Lied wölbt eine Kuppel in die Decke/aus Glas: Die kalte Nacht verwölkt die Sterne (V. 6 und 7).Einerseits dienen Enjambements der Abkehr vom Konventionellen und andererseits kann der Dichter den Versanfang anders gestalten als in früheren Zeiten beziehungsweise eine andere Betonung auf den Versanfang legen, d.h. eine Zäsur innerhalb eines Verses setzen. Für diese Zäsur bzw. die Betonung hat man zuvor die Metrik benötigt. Nachtcafé 3 ist zwar in Strophen untergliedert, könnte jedoch auf Grund der Enjambements und auf Grund der Formulierungen der Prosa entstammen, zum Beispiel dem Bewusstseinsstrom, welcher Ende des 19.Jahrhunderts in der Gegenbewegung zum Naturalismus und Realismus erstmals verwendet wurde.

Der Titel Nachtcafé weckt Assoziationen mit einem verruchten Ort, der von Nachtgestalten und Außenseitern besucht wird. Wenn man den Titel mit dem Inhalt vergleicht, erkennt man, dass die Assoziation stimmig ist. Das lyrische Ich beschreibt das Gesellschaftsgeschehen in einem städtischen Nachtcafé. Dabei beobachtet es, dass sich eine Prostituierte mit ihrem Freier trifft.[8] Die beiden Besucher kommunizieren im Berliner Dialekt miteinander: „Ick hab schon gehabt“ (V. 5) und „Ick man mir doch mein Brot mit Schinken kofen.“ (V. 6). Die Verwendung von Dialekt und Jargon ist ebenfalls ein typisches Stilmittel des Expressionismus. Benn, der selbst in Berlin gelebt hat, gibt damit seinen Milieubezug zu erkennen und stellt seine subjektive Großstadtwahrnehmung dar. Überdies war die Stadt Berlin das Zentrum der Expressionisten. „Like in Paris, in Berlin the café had become a meeting place for circles of writers, musicians, artists or scientists to debate the latest news, incidents and inventions.”[9]

Das Nachtcafé 3 enthält wenige rhetorische Figuren.[10] Die bei Benn am häufigsten anzutreffende Figur ist die ‚Synekdoche‘[11] Das lyrische Ich reduziert die beobachteten Menschen vorrangig auf ihre Aussehensmerkmale und ihren Sexualtrieb[12] bzw. ihre Kreatürlichkeit. Die „Depersonalisierung“[13] des Menschen spielt in Benns Lyrik eine entscheidende Rolle. Der Mensch ist nur noch mit personifizierten Körperteilen gleichzusetzen.. Zum Beispiel: „vom Fett umträumt das Kinn“ (V. 2), „Ein Schnäuzchen schmiert ein Lachen in die Luft“ (V. 4) oder „Besambar sitzt an jedem Tisch mit Federn“ (V. 7). Der Mensch als Ganzes wird durch seine prägnanten optischen Merkmale und durch seinen Sexualtrieb ersetzt. Diese Pars pro toto-Ersetzungen sind Synekdochen.[14] Die Menschen als solche werden nie benannt, sondern sie treten nur durch ihre optischen Merkmale hervor. Bei den hervorgehobenen Aussehensmerkmalen handelt es sich jedoch nicht um optische Vorzüge, sondern um abstoßende Merkmale, die ein ekelerregendes Bild des nächtlichen Café-Hausbesuchers erzeugen. Das Körperliche drängt bei Benn stark in den Vordergrund und prägt das zwischenmenschliche Geschehen. Der Sexualtrieb, der dabei eine tragende Rolle spielt, äußert sich jedoch nicht in der Erotik, sondern wird auf den reinen Trieb, i.e. z.T. auf eine verhässlichte Sexualität reduziert. Benns Lyrik wird gemeinhin mit der „Ästhetik des Hässlichen“[15] in Verbindung gebracht. Genau wie in Benns anderen Gedichten, insbesondere den (Nacht-)Café-Gedichten, findet man in diesem Gedicht den für ihn typischen medizinisch-naturalistischen Stil.[16] Anacker schreibt hierzu: „Es ist bei genauerer Betrachtung der Texte aber ganz unbestreitbar, dass sich ein physiologischer Subtext durch das gesamte Bennsche Werk zieht.“[17] Er beschönigt keinen Sachverhalt und viele seiner Gedichte weisen eine große Ähnlichkeit mit Anatomiebüchern auf.

In vielen Gedichten Benns kommt das Vergänglichkeitsmotiv zum Tragen, worauf in dieser Arbeit mehrfach eingegangen wird. Benn weist grotesk-parodistisch mit Hilfe einer „physiologischen Ästhetik“[18] auf die Vergänglichkeit des Menschen hin und übt in diesem Zusammenhang ebenfalls Kritik daran, dass das Individuum in der Gesellschaft maßgeblich durch sein äußeres Erscheinungsbild wahrgenommen und in vielen Fällen nur darauf reduziert wird. Das Hässlich-ekelerregende sticht dabei natürlich heraus.[19] Im Zuge der Vielfältigkeit der Großstadt fällt tendenziell das hässliche optische Merkmal mehr auf als die gemeinhin als ästhetisch geltenden Merkmale. Benn kritisiert somit, dass in der Großstadt und in der Heterotropie[20] Café die Individuen bevorzugt über ihr Aussehen definiert werden.

[...]


[1] Die zeitliche Einordnung liegt etwa zwischen 1910-1925. Expressionismus steht für lat. Expressio = Ausdruck.

[2] Man findet bei Benn oft medizinische Fachwörter, wie bspw. Krankheiten oder anatomische Bezeichnungen.

[3] Benn hat durch seine gesamte Schaffensperiode hindurch nur acht Café-Gedichte geschrieben, obwohl er zeitlebens ein regelmäßiger Café-Haus-Besucher war. Zu seinen Café-Gedichten gehören u.a.: Nachtcafé (1912) , Nachtcafé 1, Nachtcafé 2, Café des Westens (1913) oder Café (1921) , wobei Nachtcafé 3 am deutlichsten die Dialektik der Ekel auslösenden Wirklichkeit und der Sehnsucht nach dem Ästhetischen verdeutlicht.

[4] Beide Cafés von Anglet (2007), S. 216 übernommen.

[5] Anglet, Andreas, „The Café in Benn's and Apollinaire's Lyrical Focalisations of the City“, in: KulturPoetik (Ausgabe 2), Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht,:2007, S. 215.

[6] Anglet 2007, S. 215.

[7] Isernhagen, Hartwig: „Die Bewußtseinskrise der Moderne und die Erfahrung der Stadt als Labyrinth.“ In: Die Stadt in der Literatur. Hg. von Cord Mecksepeter u. Elisabeth Schraut, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht Verlag 1983, Seite 93.

[8] Ohne Hintergrundwissen ist es schwierig, die beiden Café-Besucher als Dirne und Freier zu identifizieren. In Anglets Aufsatz wird jedoch deutlich, dass das Dirnenmotiv in allen Café-Gedichten zum Tragen kommt. Cf: Anglet (2007), S. 219.

[9] Anglet 2007, S. 215.

[10] Dies gilt ebenso für Apollinaires Lyrik. Cf: 2.1.

[11] Synekdoche: [aus: Metzler Literatur Lexikon]: „[gr. = Mitverstehen], […] Tropus: Ersetzung des eigentlichen Begriffes durch einen zu seinem Bedeutungsfeld gehörenden engeren oder weiteren Begriff, z.B. steht der Teil für das Ganze (pars pro toto: Dach für Haus) oder seltener das Ganze für den Teil (totum pro parte: ein Haus führen) […].

[12] Dies ist ein Beobachtungscharakteristikum von allen Café-Gedichten Benns.

[13] Begriff übernommen von: Große, Wilhelm, Literaturwissen – Gottfried Benn, Stuttgart: Reclam Verlag, 2002, S. 30.

[14] Die synekdochische Darstellung der Café-Besucher kommt in Nachtcafé und Nachtcafé 2 noch stärker zum Einsatz.

[15] Während des Expressionismus wurde die bürgerliche Ästhetik von der Ästhetik des Hässlichen abgelöst.

[16] Benns Café-Gedichte sind nicht das beste Beispiel für den medizinisch-naturalistischen Stil, wenngleich diese viele medizinische Elemente enthalten. Gedichte wie Schöne Jugend oder Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke, welche ebenfalls beide aus Morgue (1912) stammen, verdeutlichen den für Benn charakteristischen präzisen Sektionsstil.

[17] Anacker, Christine, Aspekte einer Anthropologie der Kunst in Gottfried Benns Werken, Würzburg: Königshausen und Neumann, 2004, S.11.

[18] Begrifflichkeit stammt von Anacker 2004, S. 14.

[19] Gottfried Benn war selbst Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten.

[20] Dieser Begriff ist auf Michel Foucault zurückzuführen. Cf: Foucault, Michael, „Andere Räume“, in Martin Wentz (Hrsg.), Stadt-Räume. Campus Verlag Frankfurt:1991, Seite 225.

Details

Seiten
28
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640710461
ISBN (Buch)
9783640710430
Dateigröße
653 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v157591
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Romanistik
Note
1,3
Schlagworte
Apollinaires Benns Großstadtlyrik Leben Großstadtbewohner Café-Gedichten Nachtcafé Gottfried Benn Lundi Christine Guillaume Apollinaire

Autor

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