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Machtpolitik bei Veränderungsprozessen

Der Einfluss von machtpolitischen Spielen bei organisatorischen Veränderungen

Exzerpt 2004 11 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Das Scheitern technisch-organisatorischer Reorganisationen

Organisationen befinden sich im Wandel. Automatisierung und Computerisierung eröffnen Rationalisierungschancen, zunehmender Wettbewerbsdruck durch Internationalisierung der Märkte verstärkt den Zwang zu effizienten Organisationsstrukturen. Daneben ist ein Wertewandel innerhalb der Organisationen zu beobachten. Eine Bewegung von formalisierter Fremdbestimmung des Einzelnen hin zu mehr Selbstverwirklichung der Akteure und damit der Möglichkeit, steigende Handlungsspielräume zu nutzen, zumal der Optimierung des Arbeitsprozesses inzwischen oftmals eine größere Bedeutung zukommt als dem Wandel durch technische Veränderungen.

Einzelne Prozesse, komplette Arbeitsabläufe, bzw. ganze Abteilungen und Organisationen werden reorganisiert. Die ständige Veränderung wird zur Strategie der Unternehmensführung erklärt. Doch selten lässt sich von Beschreibungen gescheiterter Veränderungsprozesse lesen. Die Literatur zur Organisationsentwicklung ist voll von gelungenen Beispielen, eine „Kultur der schwarzen Zahlen“ (Fischer 1997) scheint vorzuherrschen.

„Liest man Berichte und Darstellungen über Veränderungsprojekte in Unternehmen, dann zeichnen sich diese durch ein hohes Maß an Konsistenz, Schlüssigkeit und Rationalität aus. [...] Zwar wird von Hindernissen, Widerständen, Unwägbarkeiten und Unvorhergesehenem berichtet, aber diese Probleme werden in der Regel von den Prozessverantwortlichen (die häufig identisch mit den Autoren der Beiträge sind) [...] erfolgreich bewältigt.“ (Kühl 2001a, S. 1).

Beschönigende Selbstbeschreibungen der Organisationen über sich selbst bzw. Berichte externer Experten über erfolgreich abgeschlossene Reorganisationen sind charakteristisch und stehen doch in auffälliger Diskrepanz zu den Beschreibungen distanzierter Beobachter von Veränderungsprojekten. Das Treiben in Organisationen ist vielfältiger, als auf den ersten Blick anzunehmen. Das traditionelle Bild der Organisation, in der alles »wie am Schnürchen« läuft, gerät ins Wanken.

Das Zahlenmaterial zu der Frage, wie viele Veränderungsmaßnahmen nicht nach Plan verlaufen ist vielschichtig. Die Akademie Bad Harzburg schätzt, dass 70% aller Veränderungsprojekte scheitern. In der wissenschaftlichen Literatur findet sich ebenfalls die hohe Zahl von 70% (Freudenberg 1999, S. 1). Nach Aussage von Unternehmensberatern ist die Zahl geringer, demnach erreichen »nur« die Hälfte der Reorganisationsmaßnahmen ihre Ziele nicht (Schirmer 2000, S. 1). Eines sagen diese Zahlen ganz deutlich: Der Erfolg von Veränderungsprojekten ist nicht gewiss. Es gibt keine conditio sine qua non, die jedem angestoßenen organisatorischen Veränderungsprozess auch ein glückliches Ende beschert. Genauere Zahlen zum Phänomen von Politik in Organisationen lassen nicht finden, denn „Fragen nach Macht und Politik widersprechen dem normativen Postulat rationaler und effizienter organisatorischer Entscheidungsprozesse.“ (Hanft 1995, S. 14). Unvorhergesehenes und begrenzte Kalkulierbarkeiten von Prozessen, Konflikte zwischen den Akteuren sind jedoch scheinbar nicht die Ausnahme sondern die Regel.

„In Organisationen tobt das Leben. [...] Die Machiavelli der Organisation sind umringt von Bremsern und Treibern, change agents und Agenten des ewig Gestrigen, Märtyrern und Parasiten, grauen Eminenzen, leidenschaftlichen Spielern und gewieften Taktikern: Mikropolitiker allesamt. Sie zahlen Preise und stellen Weichen, errichten Blockaden oder springen auf Züge, geraten aufs Abstellgleis oder fallen die Treppe hinauf, gehen in Deckung oder seilen sich ab, verteilen Schwarze Peter und holen Verstärkung, suchen Rückendeckung und Absicherung, setzen Brückenköpfe und lassen Bomben platzen, schaffen vollendete Tatsachen oder suchen das Gespräch. Daß es ihnen um die Sache nicht ginge, läßt sich nicht behaupten; aber immer läuft mit: der Kampf um Positionen und Besitzstände, Ressourcen und Karrieren, Einfluß und Macht.“ (Küpper/Ortmann 1988, S. 7).

Hinter dieser Beobachtung steht die Annahme, dass die Mitglieder einer Organisation informelle Gruppen bilden und Netzwerke der Einflussnahme aufbauen, durch die sie gezielt Macht akkumulieren, um ihre Ziele verwirklichen zu können. Zwischen den Strategieplänen für eine planbarere organisatorische Rationalität und der Organisationswirklichkeit bestehen nur sehr lockere Verbindungen, denn Organisationen sind keine Input-Output Maschinen, die den Strategien des Managements gehorchen, sondern Handlungsfelder, die durch Machtbeziehungen geformt werden. Daher sind sie immer auch Orte des Interessenkampfes zwischen verschiedenen Akteuren. Die Mikro-Politik, die Machtpolitik im Kleinen rückt bei der Veränderung bestehender organisatorischer Ordnung in den Fokus.

„Für die Entwicklung eines [...] angemessenen Verständnisses der Dynamik von Reorganisationen [...] ist die Analyse von Politik in Reorganisationsprozessen besonders relevant. Denn: Reorganisationen, mit denen Ressourcenumverteilungen oder –kürzungen und (Neu)Verteilungen von Macht und Einfluss [...] angestrebt werden, stellen i.d.R. wesentliche Interessen von Organisationsmitgliedern substantiell in Frage.“ (Schirmer 2000, S. 5).

Die Vernachlässigung des politischen Faktors bzw. die Ideologisierung von Macht als etwas »Anrüchiges« ist ein häufig geäußerter Kritikpunkt an den Methoden der Organisationsentwicklung. Die politischen Aspekte von Reorganisationen werden vielfach lediglich als Implementierungsprobleme aufgegriffen. Dabei ließe sich die Vermutung aufstellen, dass das Ignorieren von Mikropolitik in den Methoden der Organisationsentwicklung zu einem mangelnden Verständnis und damit (auch) zum Scheitern von organisatorischen Veränderungsprozessen führt.

[...]

Details

Seiten
11
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640133727
ISBN (Buch)
9783640320134
Dateigröße
630 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v113934
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
1
Schlagworte
Machtpolitik Veränderungsprozessen

Autor

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Titel: Machtpolitik bei Veränderungsprozessen