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Innovativer Sprachgebrauch bei Computervermittelter Kommunikation

Seminararbeit 1999 23 Seiten

Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

2. Einleitung
a) Zum Inhalt
b) Technische Vorbemerkungen

3. Was ist "Computervermittelte Kommunikation"?
a) Der Begriff und was er beinhaltet
b) Was ist so neu an den "neuen Kommunikationsformen" ?
c) Die kleinste Form von Massenkommunikation - Newsgroups und Mailinglists
d) Die größte Form von Konversation - Chatrooms, MUDs und MOOs

4. Untersuchung von Sprachwandelprozessen in Chatrooms
a) Zu den untersuchten Chatrooms
b) Zur Durchführung der Untersuchung
c) Beobachtete Sprachwandelprozesse
d) Analyse

5. Schlußfolgerungen

6. Literaturverzeichnis

2. Einleitung

a) Zum Inhalt

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, ob die Kommunikation in den sogenannten "Chatrooms" trotz ihrer Gebundenheit an die Schriftsprache (oder präziser formuliert : den ASCII-Zeichensatz) nicht als konzeptionell mündlich angesehen werden muß. Zur Klärung dieser Frage werden Daten herangezogen, die aus der Beobachtung von innovativem sprachlichen Verhalten in verschiedenen solcher "Chatrooms" resultieren. Der Schilderung und Auswertung der eigentlichen Untersuchung geht eine Auseinandersetzung mit der Frage voraus, was "computervermittelte Kommunikation" generell als eine neue Kommunikationsform auszeichnet; hierbei wird auf eine ausführliche Diskussion aller dem Begriff zuzurechnenden Arten elektronischer Verständigung verzichtet. Neben den kommunikativen Besonderheiten der "Chatrooms", die in der gesamten Arbeit umfangreich thematisiert werden, wird lediglich noch auf die sogenannten "Newsgroups" detaillierter eingegangen, da zwischen diesen und den "Chatrooms" einige interessante Gemeinsamkeiten bestehen.Alle anderen Formen computervermittelter Kommunikation werden zwar kurz angesprochen und erläutert, aber zugunsten der ausführlichen Diskussion der Untersuchungsergebnisse nicht erschöpfend dargestellt.

b) Technische Vorbemerkungen

Der Terminus "computervermittelte Kommunikation" wird häufig mit "CMC" (englisch : "computer mediated communication") abgekürzt; so auch in dieser Arbeit. Da die Begriffe "Chatroom", "Newsgroup","Snail Mail" und "Mailinglist" im Rahmen elektronischer Kommunikation vollkommen etabliert sind habe ich sie nicht ins Deutsche übertragen. Die Bedeutung der Begriffe ist wie folgt :

Als "Newsgroups" bezeichnet man themenorientierte Sammlungen von elektronischen Texten; jeder Besitzer eines Internetzugangs kann sowohl alle in einer Newsgroup gespeicherten Nachrichten lesen als auch neue Artikel verfassen oder auf bereits vorhandene reagieren. "Mailinglists" funktionieren prinzipiell ähnlich, nur bekommen hier alle Abonennten einer solchen Liste regelmäßig sämtliche neue Nachrichten und Reaktionen per E-Mail zugeschickt und können ihrerseits per E-Mail selbst aktiv an der Diskussion teilnehmen.

"Chatrooms", "MUDs" ("Multiple User Dimension") und "MOOs" ("MUD Object Oriented") unterscheiden sich kommunikativ nur wenig voneinander, im folgenden werden sie deshalb wie eine einzige Kommunikationsform behandelt. In allen dreien treffen viele räumlich distanzierte Menschen in einer virtuellen Umgebung zusammen und kommunizieren synchron mittels der Eingabe von Textbotschaften - es existieren lediglich einige technische Unterschiede, die aber für die vorliegende Arbeit nicht von Belang sind.

"Snail Mail" ist ein Begriff mit leicht abfälliger Konnotation und steht für konventionellen Briefverkehr.

3. Was ist Computervermittelte Kommunikation ?

a) Der Begriff und was er beinhaltet

"Computer-Mediated Communication (CMC) is the process by which people create, exchange, and perceive information using networked telecommunications systems (or nonnetworked computers) that facilitate encoding, transmitting, and decoding messages. Studies of CMC can view this process from a variety of interdisciplinary theoretical perspectives by focusing on some combination of people, technology, processes, or effects. Some of these perspectives include the social, cognitive/psychological, linguistic, cultural, technical, or political aspects; and/or draw on fields such as human communication, rhetoric and composition, media studies, human-computer interaction, journalism, telecommunications, computer science, technical communication, or information studies."

- December, John; What is computer mediated communication ?, Computer Mediated Communication Magazine An dieser Definition aus einem Internet-Magazin, das sich schwerpunktmäßig mit CMC befasst, lässt sich eins unschwer erkennen : der Bereich menschlicher Verständigung, der als "computervermittelte Kommunikation" bezeichnet wird, umfasst nicht etwa eine homogene Gruppe von Kommunikationsformen, sonder vielmehr zahlreiche sehr unterschiedliche Arten von Kommunikation, die als einziges allen Mitgliedern gemeinsames Merkmal ihre "Vermittelbarkeit" durch Computer teilen.

Allerdings sind nicht alle Formen von CMC im gleichen Maße abhängig von Computern als Übertragungsmedium. In dieser Hinsicht kann man zwei Arten von Kommunikationsformen unterscheiden, die "computervermittelt" sind : zum einen solche, die aus einem anderen Medium in eine digitale Form übertragen wurden und zum anderen solche, deren Entstehung erst mit der Entwicklung globaler Datennetzwerke möglich wurde. Die wichtigsten Vertreter der Gruppe der transferierten Kommunikationsformen sind E-Mails, Videokonferenzen, Telefonate und Fernsehübertragungen über das Internet und Online- Magazine. Der Gruppe der neuen Kommunikationsformen sind Newsgroups, Mailinglists, Chatrooms, MUDs, MOOs, Webcams und private Homepages zuzurechnen. Dabei ist zu beachten, daß auch die transferierten Kommunikationsformen sich teilweise in wesentlichen Punkten von ihren nicht-digitalen Äquivalenten unterscheiden, also wissenschaftlich keineswegs weniger interessant sind als die neuen Kommunikatiosformen. Der Briefwechsel per E-Mail beispielsweise ist meistens weniger formell und hat mehr Ähnlichkeiten mit mündlicher Kommunikation als der Nachrichtenaustausch über "Snail Mail" - die Ursachen hierfür liegen vor allen Dingen in der viel schnelleren Übermittlungsgeschwindigkeit der elektronischen Post (meisten ist eine E-Mail bereits nach wenigen Sekunden für ihren Empfänger abrufbar) und deren wesentlich geringeren Kosten (abgesehen von eventuell anfallenden geringen Telefongebühren ist das Versenden von E-Mails in den meisten Fällen umsonst), beides Merkmale die dazu führen, daß elektronische Post als weniger offiziell wahrgenommen wird als Briefe auf Papier.

Zu den Unterschieden zwischen E-Mail und "Snail Mail" ließe sich noch viel sagen, genauso wie zu den anderen Formen transferierter Kommunikation; im Rahmen dieser Arbeit sollen aber lediglich die neuen Kommunikationsformen ausführlich diskutiert werden, da sie durch die neuen Anforderungen, die sie an Sprache stellen bzw. die neuen Möglichkeiten, die sie Sprache zur Entfaltung bieten innovatives sprachliches Verhalten gradezu herausfordern.

b) Was ist so neu an den neuen Kommunikationsformen ?

So sehr sie sich im einzelnen auch unterscheiden, so teilen die vor allem mit der Verbreitung des Internets entstandenen neuartigen Formen von elektronischer Kommunikation doch einige gemeinsame Besonderheiten, die sie von allen anderen Formen menschlicher Kommunikation unterscheiden. So sind sie, bedingt durch die immer noch relativ geringen Übertragungsgeschwindigkeiten, meist vollkommen textbasiert. Zur Einschätzung der Diskussionspartner stehen deshalb keinerlei non-verbale Informationen zur Verfügung. Eigenschaften, die die äußere Erscheinung einer Person betreffen und in face-to- face Kommunikation relativ offensichtlich sind (Geschlecht, ungefähres Alter, Hautfarbe, Kleidung, Frisur, etc.) stehen zur Beurteilung der Kommunizierenden nur dann zur Verfügung, wenn sie von diesen verbalisiert werden. Und selbst dann gibt es keinerlei Möglichkeit, die gemachten Angaben zu überprüfen - sogenannte "gender switches" (Männer geben sich als Frauen aus und umgekehrt) sind vor allen Dingen in Chatrooms sehr beliebt. Dieses Fehlen non-verbaler Informationen macht sich im Internet vor allem deshalb viel stärker bemerkbar als bei anderen Kommunikationsformen ohne visuellen Kontakt zwischen den Beteiligten, da bei elektronischen Diskussionen fast immer Menschen aufeinandertreffen, die sich noch nie persönlich begegnet sind. Dies ist bei Telefonaten und beim Briefwechsel nur selten und wenn, dann meist in offiziellen oder geschäftlichen Kontexten der Fall - daß eine Privatperson willkürlich eine Nummer aus dem Telefonbuch wählt, um sich mit einem Wildfremden zu unterhalten, ist eher die Ausnahme, genauso wie man Unbekannten nur selten Briefe schreibt.

Schließlich sei noch angemerkt, daß internetbasierte Kommunikation einen Meinungsaustausch in bisher nicht gekannten Dimensionen ermöglicht - im Falle der Chatrooms, MUDs und MOOs in Form einer Konversation mit ungewöhnlich vielen Teilnehmern, und bei den Newsgroups und Mailinglists als eine Art Massenkommunikation mit vergleichsweise wenigen Beteiligten.

c) Die kleinste Form von Massenkommunikation - Newsgroups und Mailinglists

Mit Hilfe nicht-computervermittelter Medien ist es sowohl zeitlich als auch finanziell sehr aufwendig, ein großes Publikum zu erreichen. Fernseh- und Radiosendezeit sind für die meisten Privatleute unbezahlbar, allenfalls per Zeitungsinserat oder Leserbrief kann eine Person ohne journalistischen Beruf relativ viele Menschen auf einmal erreichen - allerdings mit nur sehr eingeschränkten Möglichkeiten zur Diskussion der geäußerten Meinung, bedingt durch die relative Langsamkeit des Mediums.

Mit dem Aufkommen der ersten digitalen Netzwerke entstand auch eine neue Form von Gruppendiskussion, die hinsichtlich der öffentlichen Diskussion von Privatmeinungen völlig neue Möglichkeiten eröffnet : die Newsgroups bzw. Mailinglists. Theoretisch ist die Anzahl der Personen, die man mit einer Newsgroup-Nachricht erreichen kann, unbegrenzt - de facto hängt sie stark vom Thema der jeweiligen Newsgroup ab und kann überall im Bereich von "keine" bis "einige Tausend" liegen. Das plazieren einer Nachricht in einer Newsgroup ist kostenlos und erfordert nicht mehr Aufwand als das Schreiben einer gewöhnlichen E-Mail; eine vergleichbare nicht-digitale Form der Massenkommunikation gibt es nicht, wobei die erreichte "Masse" im Vergleich zu Medien wie dem Fernsehen natürlich sehr klein ist, aber nichtsdestotrotz weit über der Größe einer face-to-face Diskussionsgruppe liegt. Je nach Thema der jeweiligen Newsgroup unterscheidet sich der Schreibstil und auch die Tendenz zu sprachlicher Innovation sehr stark - bei einer Gruppe wie "de.alt.dummschwatz" (die sich im wesentlichen mit Small-Talk befasst) geht es ungleich weniger formell zu als bei "de.sci.mathematik" (eine wissenschaftliche Diskussionsgruppe).

Die Kommunikation in Newsgroups und Mailinglists lässt sich beschreiben als asynchron, räumlich distanziert, medial schriftlich und konzeptionell schriftlich. Hierzu sei angemerkt, daß die konzeptionelle Schriftlichkeit je nach Diskussionsgruppe und Thema variieren kann; es kommen durchaus auch konzeptionell eher mündliche Äußerungen vor.Allerdings ist die Diskrepanz zwischen Medium und Konzeption nicht annähernd so groß wie bei der im folgenden besprochenen Chatroom-Kommunikation, die konzeptionelle Schriftlichkeit ist, grade da es sich um asynchrone Kommunikation handelt, vergleichsweise Eindeutig. Trotzdem wäre es falsch, diese als erwiesen darzustellen; im Rahmen dieser Arbeit kann sie aber nicht ausführlich diskutiert werden.

d) Die größte Form von Konversation - Chatrooms, MUDs und MOOs

In den seltensten Fällen sind an einer mündlichen Konversation wesentlich mehr als 5 Personen gleichzeitig beteiligt; in größeren Gruppen wird die Organisation des Turn-Takings sehr kompliziert, und es ist wahrscheinlich, daß sich mehrere kleine Gesprächsgruppen bilden, die überschaubarer sind. Außerdem ist es nur sehr schwer möglich, sich aktiv an mehr als einer mündlichen Diskussion gleichzeitig zu beteiligen - der Grund hierfür ist, daß eine mündliche Äußerung während sie artikuliert wird auch rezipiert werden muß. Gleichzeitig geäußerte mündliche Botschaften sind deshalb akustisch schwer zu interpretieren. Die Konversation in einem Chatroom, MUD oder MOO dagegen ist textgebunden, auch wenn sie viele Eigenschaften einer mündlichen Konversation aufweist. Durch diese Textgebundenheit ist es sowohl möglich, sich problemlos an mehreren Diskussionen gleichzeitig zu beteiligen, als auch mit einer großen Anzahl von Personen gleichzeitig über dasselbe Thema zu "sprechen". Allerdings nicht ohne Begrenzung - je mehr Menschen sich einem Chatroom "unterhalten", desto schneller verschwinden gesendete Äußerungen wieder vom Bildschirm. Trotzdem bleiben schriftliche Nachrichten wesentlich länger lesbar als akustische hörbar, außerdem werden alle Botschaften der Reihe nach angezeigt; es kommt zu keinen Überschneidungen, die die Interpretation erschweren.

Was die kommunikative Situation in Chatrooms für die Beobachtung von Sprachwandel besonders interessant macht, ist ihre Verbindung von schriftlichen und mündlichen Elementen bei gleichzeitigem Fehlen von non-verbalen Informationen wie Mimik und Gestik.Die Kommunikation in einem Chatroom lässt sich als synchron,räumlich distanziert,medial schriftlich und konzeptionell mündlich beschreiben.Allerdings hat der Terminus "synchron" hier nicht dieselbe Bedeutung wie bei nicht-computervermittelter Kommunikation; eine mündliche Unterhaltung ist auf eine zwar vergleichbare, aber doch andere Art und Weise synchron als eine textbasierte Diskussion. Bei einem lautvermittelten Gespräch laufen die Vorgänge des Artikulierens einer Aussage und dessen Aufnahme durch die jeweiligen Adressaten synchron ab - wir hören jeden Laut, während er gesprochen wird, und nicht erst wenn die Gesamtaussage komplett ist ( auch wenn wir nicht jeden einzelnen Laut schon während seiner Artikulation interpretieren können, da er erst in einem größeren Zusammenhang interpretierbar wird ).

Ganz anders liegen die Dinge bei einer Chatroom-Diskussion : hier wird jede Aussage zunächst fertig getippt und erscheint dann als ganzes auf den Bildschirmen aller Beteiligten, ohne daß ihre Entstehung wahrnehmbar ist. Senden und Empfangen von Botschaften laufen hier also asynchron ab; dafür ist aber die synchrone Konstruktion verschiedener Nachrichten möglich, was bei einem mündlichen Gespräch zu einem schwer verständlichen akustischen Durcheinander führen würde. Diese spezielle Art der Synchronie ist eines der Kennzeichen von Chatroom-Konversation als neue Kommunikationsform.

4. Untersuchung von Sprachwandelprozessen in Chatrooms

a) Zu den untersuchten Chatrooms

Bei den von mir untersuchten Chatrooms handelt es sich um verschiedene Räume der sogenannten "Giga-Community", zu finden unter http://www.giga.de ."Giga" ist eine deutschsprachige Fernsehsendung, die täglich von 15 bis 20 Uhr auf NBC Europe ausgestrahlt wird. In dieser Sendung werden von verschiedenen Redakteuren Seiten zu unterschiedlichen Themengebieten vorgestellt. Entsprechend dieser Themengebiete sind die insgesamt 6 Chatrooms der "Giga-Community" aufgeteilt; jeder Redakteur ist für einen dieser Bereiche zuständig und auch tatsächlich ab und an virtuell dort anzutreffen.

Die Namen und Themen der Räume sind : "Giga-Lounge" (Small Talk) ,"Giga-Gallerie" (Small Talk),"Giga-Stars" (Medienstars),"Giga-Sport & Fun" (Trendsport), "Giga-Netbeat" (Internet),"Giga-Help" (Computerprobleme) und "TV-Room" (Small Talk; wird alle halbe Stunde für ein paar Minuten im Fernsehen gezeigt). Bevor man einen der Räume betreten kann, muss man sich registrieren lassen indem man sich einen Benutzernamen und ein Passwort gibt. Neben der Vielzahl an "gewöhnlichen" Chatteilnehmern (insgesamt um die 64000, meist um die 200 gleichzeitig online) gibt es noch sogenannte "Superuser" und "VIPs". Beide können andere User aus einem Raum oder sogar der Community "hinauswerfen", wobei ein Superuser seine Sonderrechte verliert, sobald er die Community verlässt; ein VIP hingegen behält seine Privilegien dauerhaft.

b) Zur Durchführung der Untersuchung

Zur Sammlung der Daten für das Korpus dieser Arbeit habe ich mich drei Wochen lang jeweils von Montag bis Freitag zwischen 13 und 18 Uhr in der "Giga-Community" eingeloggt und den Verlauf der Konversationen in verschiedenen Räumen beobachtet. Besonders aufschlußreiche Sitzungen habe ich anschließend zwecks genauerer späterer Analyse gespeichert; insgesamt handelt es sich dabei um 13 Dateien mit zusammen über 800 KB Daten.

Die meisten der protokollierten Diskussionen fanden in der "Giga-Lounge" statt, da dieser Raum zum einen besonders gut besucht und zum anderen thematisch ungebunden ist.

c) Beobachtete Sprachwandelprozesse

An dieser Stelle sollen zunächst alle von mir beobachteten Formen innovativen Sprachgebrauchs vorgestellt und durch Beispiele illustriert werden. Eine statistische Auswertung des Korpus hätte den Rahmen dieser Arbeit gesprengt; aus diesem Grund sind die im folgenden gemachten Beobachtungen nicht mit konkreten Angaben zur Häufigkeit ihres Auftretens versehen. Die Unterscheidung zwischen gewöhnlichem "fehlerhaftem" bzw. unkonventionellem Sprachgebrauch und tatsächlicher Innovation basiert auf meiner intuitiven Einschätzung, sollte aber anhand der beigefügten protokollierten Chatraum-Sitzungen nachvollziehbar sein.

Was bei der Beobachtung von Konversationen in Chatrooms zunächst auffällt, sind zahlreiche veränderte Schreibkonventionen. So werden von vielen Teilnehmern Nomina bzw. Eigennamen mit kleinem Anfangsbuchstaben geschrieben, ebenso Wörter am Satzanfang. Häufig werden Satzzeichen am Satzende ausgelassen, vor allen Dingen wenn eine Aussage nur aus einem einzigen Satz besteht. Bei Konstruktionen aus einem Haupt- und mehreren Nebensätzen werden Konjunktionen und Kommata gerne ausgelassen; bei Gefügen aus mehreren Hauptsätzen, eventuell ebenfalls mit eingebetteten Nebensätzen, werden oftmals einfach alle Satzzeichen und Konjunktionen kategorisch durch Kommata ersetzt. Beispiel 1 : Veränderte Schreibkonventionen

(Marex) deswegen verpulverisiere ich mich von hier (Freelancer) mit den cheats versteh ich auch nicht (Elvie) ist der meister des bösen also auch online?

(dubstar) karina wenn du ein schimpfwort hören willst komm in den violetten raum

(Sebdata) @Eric: Ich denke viele wollen etwas verarschung, sonst bleibt im Internet der Spaß auf der Strecke, das ist doch das was das Inet von der Zeitung abhebt oder?

> Eminator ist süchtig, weil es hier viel mehr coole leutz gibt, als auf der strasse, weil die nämlich auch zu hause vor dem rechner sitzen, und chatten!

(Zwerg12) Nur Coke, ist ja langweilig, wir trinken Ramazotti

Häufig zu beobachten ist eine "quasi-phonetische" Orthographie, wobei ich darunter die

Imitation der Aussprache eines Wortes durch seine Schreibung ohne Verwendung eines

phonetischen Alphabets verstehe. Dabei wird nicht unbedingt die Standard-Lautung zugrunde gelegt, sonder auch dialektale oder ideolektale Varianten.

Beispiel 2 : quasi-phonetische Orthographie

(thierry) meine Leserin ist net mehr da kann wieder frei chatten

Flipmody schreit: VON WEM KRIECH ICH NOCHMA DAS KLO? (Eggcake) DAS HAB I GMERKT!

(Hamm) glob ich dir

(Cybob) Da bin I wieda

Aufeinander folgende Pronomina und Verben werden nicht selten zu einem Wort zusammengezogen,das Pronomen fällt häufig auch ganz weg. Das Prädikat wird ebenfalls oftmals ausgelassen, vornehmlich dann, wenn es aus dem Kontext der Konversation erschlossen werden kann.

Beispiel 3 : Auslassung und Zusammenziehen von Verben und Pronomina

(Junglestricker) ne da isser wieder

(Robertorus) Zwerg12 warum willste nicht mein Friend sein? (Sprite) screamfan: kannst mir ein Gefallen tun? (Tuetchen) Gut und selbst?

Der Charakter einer Äußerung kann durch Wiederholung und Kombination von Satzzeichen betont werden. "!!!!!" kennzeichnet eine sehr energische Aussage, "??????" eine entweder sehr wichtige oder aus großer Unwissenheit resultierende Frage. Mit "?!?!?!?" wird Verwirrung zum Ausdruck gebracht. Es ist auch möglich, Satzzeichen alleinstehend im Bezug auf vorangegangene Äußerungen zu verwenden mit der sinngemäßen Bedeutung von "dem stimme ich zu" ("!!!!!!!"), "ich bin verwirrt" ("!?!?!?!?") oder "das verstehe ich nicht" ("???????"). Pausen werden meist durch "..." symbolisiert.

Beispiel 4 : innovativer Gebrauch von Satzzeichen

(fatone99) was meintest du????????????????

(NOLPille) ich fragte: ist hier zufällig jemand mit linux erfahrung anwesend? !!!!!!!!!!!! (sommersuchtsprosse) ich bin doch daaaa!!!!!!

(Pennywise15) HALLO?!?!?!?!!?!?!?!?!?!

(hicks19) AAAAAAAAAAAAAAAHHHHHHHHHHHHH seid mal ruhig!!!!!!!

Von Asteriksen ("*") umgebene Ausdrücke dienen zur Darstellung von Zuständen oder während der Kommunikation ausgeführter Handlungen. Sie enthalten immer mindestens ein Verb (in den meisten Fällen ohne Konjugationsendung), sind aber in ihrer Länge und Komposition prinzipiell unbegrenzt.Für häufig gebrauchte Konstruktionen dieser Art hat sich der Gebrauch der ersten Buchstaben der jeweiligen Wörter als Abkürzung etabliert; die drei häufigsten Kurzformen sind *lol* ("laughing out loud"), *rofl* ("roll on floor laughing") und *g* ("grin") wobei diese trotz ihrer englischen Herkunft auch in deutschsprachigen

Chatrooms verwendet werden. Diese Kurzformen werden - im Gegensatz zu ausformulierten Konstruktionen - gelegentlich sogar flektiert, sind dann aber meist nicht mehr von Asteriksen umgeben.In den meisten Chatrooms gibt es zusätzlich einen speziellen Befehl, der einer Aussage vorangestellt werden kann und diese dann in der Form Benutername + Aussage ("> befa bedankt sich ganz artig", s.u.) erscheinen lässt.

Beispiel 5 : Verbalisierung von Handlungen und Gemütszustände

(PAINE) *heulflennfreujubel*

> zip *lol*t auch

> befa bedankt sich ganz artig!!!!!!!! * verbeugunddanksag * > Samson2000 reicht ne Schale Weintrauben rum

> MacSkywalker kommt gerade von ... nix ich sitzte hier seit stunden *lol* > bloodhoundgirl findet das lecker gut singen kann *g*

> bloodhoundgirl haut ihm noch eine rein und lacht dann über seine Bilder *rofl*

> Artur hat zuhause ... ahh lassen wir das... *angsthabwennerandasdingdenkwaszuhausesteht* *zitter*

Komplett in Großbuchstaben verfasste Ausdrücke gelten als "geschrien"; einzelne groß geschriebene Wörter signalisieren meist lediglich eine besondere Betonung. In den meisten Chatrooms gibt es auch hierfür einen eigenen Befehl, den man einem Satz voranstellen kann, um ihn als "geschrien" zu kennzeichnen; dieser Befehl erscheint nicht mit der Äußerung zusammen auf den Bildschirmen der Teilnehmer, sondern wird meist in Form von Benutzername+"schreit : "+ Aussage in Großbuchstaben umgesetzt.

Beispiel 6 : Schreien

(gummibaerle) SORRY NOCHMAL WAS KANN MAN NOCH MACHEN ?? blacklight schreit: HALLO ICH BIN ZUM REDEN DA!!!!!! (JaJaBings) WO IS`N SSSSUUUUNNNIIIEEE

DJTaLiN schreit: ISSES DENN? HAMM HEUTE EIGENTLICH ALLE EINEN AN DER

SCHLEUDER? *FG*

Nale schreit: STEFFFIIIIIIII

Hotjump schreit: GENAU MEINE MEINUNG

Einzelne Wörter oder komplette Sätze können durch Wiederholung von Buchstaben als besonders betont oder emotional hervorgehoben werden. Dabei signalisiert diese Wiederholung oft, aber nicht immer eine entsprechend gedehnten Aussprache. Wesentlich seltener werden Leerzeichen zwischen einzelnen Buchstaben eines Wortes eingefügt, um es zu betonen. Schließlich werden Wörter noch als besonders emotional gekennzeichnet, indem eine stark übertriebene bzw. phonetisch leicht abgewandelte Aussprache einzelner Laute nachgeahmt wird. Die Abwandlungen betreffen meistens nur ein phonetisches Merkmal eines Lautes (häufig wird "e" durch "ä" ersetzt, "i" durch "ü" und "g" durch "k").

Beispiel 7 : Betonung

(MrMuskel) Hallo Zwerk!!!

SteffiS schreit: BIIIIIIIIINGOOOOOOOOOOOOOOOOOOO ;) Eggcake schreit: FRIDEFROIDEEIAKUCHEN! TOKISURF schreit: CU GÄME

(Mullmann) IHHHHHHHHR SEITT ALLLLLLLLE ZZZZWWWWEEERRGGGE > Leus @ mullmann: F A N G - A N !

> Lorien ist w e c h !!!

Um eine oder mehrere bestimmte Personen direkt anzusprechen reicht es aus, der eigenen Nachricht die Benutzernamen der Adressaten voranzustellen; meistens werden Angesprochene und Botschaft durch ein Komma oder einen Doppelpunkt voneinander getrennt. Häufig wird zusätzlich ein bestimmtes Wort oder Zeichen ("@","2","²","an","zu","to") den Namen der Adressaten vorangestellt. Ebenfalls möglich, aber seltener zu beobachten ist daß Anhängen der Namen der Betreffenden an eine Äußerung, wobei hier zur Trennung von Aussage und Adressaten ebenfalls die obengenannten Zeichen verwendet werden. In den meisten Chatrooms kann man außerdem durch Eingabe eines bestimmten Befehls Nachrichten "flüstern" - diese werden dann nur der angegebenen Person übermittelt und nicht allen im Raum anwesenden.

Beispiel 8 : Direktes Ansprechen und Flüstern

(befa) @pepsi, danke

(Schlomo) @ forsberg weist du schon wann du gehst

> Freezia 2 Compigirl ich hab dort 3 wochen sommerferien gemacht (schnufel) 2 huski18 woher kommst du??

> Dennis27 ² Mav dann geh Schneeschaufeln

> Helpman007 to Lutz22 lass das.. zum letzten mal! > CompiGirl zu Firestarter: Das ignoriere ich einfach.

Zur Darstellung von Emotionen werden häufig die sogenannten "Emoticons" benutzt.

Hierbei handelt es sich um aus Satzzeichen (selten auch Buchstaben) zusammengesetzte Gebilde, die für verschiedene Gesichtsausdrücke stehen. Es gibt zahllose solche "smilies" und "frownies" für die verschiedensten Situationen, wirklich gebräuchlich sind aber nur drei : " :-) " für "ich lächle", " :-( " für "ich bin traurig" und " ;-) " für "Augenzwinkern" (wird meistens dazu verwendet, eine Äußerung als ironisch zu kennzeichnen). Die Intensität der dargestellten Emotion kann durch Wiederholung der abschließenden Klammer beliebig intensiviert werden; " :-)))))))) " bedeutet soviel wie "ich bin sehr fröhlich". Der Gedankenstrich in der Mitte, der die Nase symbolisiert, wird häufig weggelassen.

Beispiel 9 : Emoticons

(Pennywise15) endlich redet jemand mit mir :-)

(TomP1000) bei mir auh, endlich frei aber ich muss am wochende lernen :-( MadMike) :-))))

> Decoy kitzelt mal evil bis sie keine luft mehr bekommt :)

> Helpman007 to Emintor ich geb kein Geld aus.. kann eigentlich 24 std hier sein.. und das 365 Tage im Jahr, und

zahle im Monat nur paar DM ;)

> ILLEST flüstert: ja da haste recht aufhören (ich hab damit angefangen und ihr hört jetz auf damit) ;)))

Bei der Konversation in Chatrooms werden zahlreiche Lehnwörter aus dem Englischen und diverse Abkürzungen verwendet; hier die wichtigsten im Überblick :

"see you","cu",c ya" Verabschiedung

"re" Begrüßung

"@ll" wird häufig an Stelle von "alle" verwendet "w" Abkürzung für "weiblich"

"m" Abkürzung für "männlich"

"flooden" Störung der Chatteilnehmer durch ständiges Wiederholen einer Nachricht, die der Bildschirme "überflutet"

"kicken" Hinauswerfen eines Chatteilnehmers aus einem Raum

Beispiel 10 : Lehnwörter und Abkürzungen

(sommersuchtsprosse) also: bist du w oder m? (NOKIA) re toki

(thierry) cu Steffis (Perling) C U

Cyber19 schreit: HI@ALL

d) Analyse

Genau wie alle anderen Formen menschlicher Kommunikation durch Sprache ist auch die Konversation in Chatrooms von bestimmten, vom jeweiligen Kommunikationsmedium relativ unabhängigen Sprachwandelprozessen betroffen. Hierzu zählen lexikalischer und syntaktischer Wandel ebenso wie Veränderungen in morphologischen Kategorien. Natürlich sind die genannten Sprachwandelprozesse im Bereich der computervermittelten Kommunikation nicht identisch mit denen in der Laut- oder Schriftsprache; die Mechanismen, die ihnen zugrunde liegen, sind aber vergleichbar, und eine Übertragung solcher Innovationen von einem Medium ins andere ist eben aufgrund ihrer medialen ungebundenheit vergleichsweise problemlos möglich. Hierzu sei angemerkt, daß aufgrund der immer noch vergleichsweise geringen Anzahl regelmäßiger Internetnutzer ein Übertragung von sprachlichen Veränderungen aus anderen Medien in die computervermittelte Kommunikation ungleich viel häufiger vorkommt als umgekehrt; dies wird sich aber möglicherweise schon in näherer Zukunft ändern. Aus der Gruppe der im Rahmen dieser Arbeit beobachteten Innovationen fallen in diese Kategorie die veränderten Schreibkonventionen (teilweise), die quasi-phonetische Orthographie, das Auslassen oder Zusammenziehen von Verben und Pronomina,Schreien, Betonung sowie die Abkürzungen und Lehnwörter.

Die Kennzeichnung von Satzanfang und Nomina durch Großbuchstaben wie sie in der Schriftsprache üblicherweise vorgenommen wird, hat in der gesprochenen Sprache keine Entsprechung. Auch bei der Konversation in Chatrooms wird diese Kontrastierung zunehmend aufgehoben; stattdessen wird der Unterschied zwischen großen und kleinen Buchstaben zur Kontrastierung verschiedener Betonungsgrade genutzt, eine Unterscheidung die auch in der Lautsprache existiert. In ähnlicher Art und Weise wurde auch der Gebrauch von Satzzeichen so verändert, daß er zur Kennzeichnung von prosodischen Merkmalen, die typisch für mündliche Kommunikation sind, geeignet ist : Frage- und Ausrufezeichen symbolisieren ein Heben bzw. Senken der Stimme am Satzende; der Punkt als Schriftsprachliches Kennzeichen eines Aussagesatzes wird häufig weggelassen, da daß Fehlen eines Satzzeichens für eine neutrale Aussprache steht.Hier hat also eine Übernahme von Merkmalen mündlicher Konversation stattgefunden. Gleiches gilt für die quasi-phonetische Orthographie, die per definitionem eine Angleichung an die Lautsprache darstellt und ebenso für den veränderten Umgang mit Pronomina und Verben.

Wie bei einem mündlichen Gespräch ist es bei einer Chatroom-"Unterhaltung" auch oft nicht nötig, Personen und Handlungen explizit zu nennen, weil diese aus dem Verlauf der Konversation erschließbar sind. Allerdings kommt es häufig zu Mißverständnissen, wenn viele Gespräche parallel verlaufen, da dann nicht immer klar ist, auf welche der vorhergehenden Äußerungen sich eine Nachricht nun bezieht.

Die verschiedenen Lehnwörter und Abkürzungen die bei Diskussionen in Chatrooms verwendet werden sind eher selten direkte Übertragungen aus der Lautsprache; sie sind aber durchaus aktuellen Trends in der Jugend-, Werbe- und Computerfachsprache vergleichbar, insbesondere was die große Zahl von Anglizismen betrifft.

Besonders interessant sind solche sprachlichen Innovationen, die sich aus den kommunikativen Besonderheiten des Mediums "computer" ergeben. Diese resultieren nicht aus Übertragungen von Sprachwandelprozessen aus anderen Kommunikationsformen und sind wissenschaftlich noch weitgehend unerforscht.Diese Gruppe umfasst alle sprachlichen Innovationen, die der Kompensation der nicht vorhandenen non-verbalen Informationen dienen - Emoticons, direktes Ansprechen und Flüstern, Verbalisierung von Handlungen und Gemütszuständen und teilweise die veränderten Schreibkonventionen. Betrachten wir zunächst die non-verbalen Informationen, die bei computervermitteltem Diskurs fehlen. Da kein visueller Kontakt zwischen den Beteiligten besteht, ist es nicht möglich, anhand deren Mimik und Gestik Rückschlüsse auf ihre Stimmungslage oder Einstellung zur eigenen Äußerung zu ziehen. In Online-Konversationen ist es deshalb üblich, die Diskussionspartner entweder durch von Asteriksen umgebene Verbwurzeln oder Emoticons über das eigene Befinden in Kenntniss zu setzen.Dabei wird der jeweilige Gesichtsausdruck bei den Asteriks-Konstruktionen verbalisiert; zwar werden die dafür benutzten Verben meistens nicht konjugiert, sie stellen aber trotzdem eine sprachliche Paraphrase und keine ikonische Repräsentation der von ihnen beschriebenen Aktivität dar. Emoticons sind dagegen eine Übertragung von non-verbaler Information in ein verbales Medium, bei der die non-Verbalität erhalten worden ist - ein Emoticon ist kein Wort, es ist nicht artikulierbar. Zwar läßt sich die durch ein Emoticon dargestellte Stimmung bzw. der entsprechende Gesichtsausdruck verbalisieren (eben durch Begriffe wie "grinsen", "lächeln", "weinen") , nicht aber das Emoticon an sich - " :-) " hat nichts zu tun mit "Doppelpunkt Bindestrich Klammer zu". Emoticons werden auch nicht als Worte wahrgenommen, sie werden beim Lesen nicht gedanklich verbalisiert. Dies ist im Selbstversuch leicht festzustellen :

(Pennywise15) endlich redet jemand mit mir :-)

Beim Lesen dieses Satzes aus dem Korpus wird das Emoticon nicht in Worte "übersetzt", sonder als Ausdruck einer Stimmungslage wahrgenommen. Am ehesten sind Emoticons mit Satzzeichen vergleichbar, aus denen sie bezeichnenderweise auch konstruiert sind. Sie verändern bzw. unterstreichen die Bedeutung einer Aussage, ohne selbst eine konkrete Bedeutung zu besitzen oder verbalisiert zu werden.

Genau wie Mimik und Gestik können auch alle Tätigkeiten, die man entweder tatsächlich während einer computervermittelten Konversation ausführt oder "virtuell" tätigt (alle Aktionen, die Teilnehmer der Konversation mit einbeziehen, sind solcher Natur), von den Beteiligten nicht direkt visuell zur Kenntnis genommen werden. Prinzipiell besteht natürlich die Möglichkeit, solche Handlungen in Form von Aussagesätzen zu verbalisieren; de facto wird dies aber nur äußerst selten gemacht. Viel öfter wird auf Asteriks-Konstruktionen und Sätze mit Prädikat in der 3. Person Singular zurückgegriffen, und das obwohl zwischen den drei Varianten inhaltlich kein Unterschied besteht. Betrachten wir zum besseren Verständnis folgendes konstruiertes Beispiel :

eine Person mit dem Benutzernamen Pennywise möchte den anderen Chatteilnehmern mitteilen, daß sie grade Kaffee trinkt. Das kann sie tun, indem sie einen dieser drei Sätze tippt :

a) "Ich trinke grade Kaffee."
b) "Pennywise trinkt grade Kaffee."
c) "*kaffeetrink*

Welche dieser Varianten sie wählt, hängt von pragmatischen Gesichtspunkten ab. Wurde sie von einem anderen Teilnehmer gefragt was sie grade macht, wird sie wahrscheinlich mit a) antworten, da in diesem Fall die beschriebene Tätigkeit Gegenstand des Gesprächs ist.

Möchte sie ohne Bezug zur aktuellen Diskussion allen anderen Anwesenden mitteilen, was sie im moment tut, wird sie wahrscheinlich Variante b) wählen; und möchte sie eine Äußerung durch die Feststellung, daß sie grade Kaffee trinkt, ergänzen so wird sie an diese c) anhängen.

Bei der Verbalisierung einer Tätigkeit in Form von Satz a) wird dieser sehr viel Aufmerksamkeit entgegengebracht, die Handlung ist Gesprächsgegenstand. Sätze in Form von b) kennzeichnen Aktionen, die zwar für die Situation im Raum von Belang sind, aber nicht diskutiert werden sollen. Konstruktionen wie c) schließlich dienen dazu, eine Tätigkeit als nebenbei durchgeführt darzustellen; hier kommt der Handlung am wenigsten Aufmerksamkeit zu. Dementsprechend reagieren anderen Chatteilnehmer auf eine Aussage wie a) mit großer Wahrscheinlichkeit direkt, während eine Äußerung im Stil von c) meistens nicht weiter kommentiert wird.

"Virtuelle" Handlungen, die andere Chatteilnehmer mit einbeziehen, werden fast immer als dritte Person Singular-Konstruktionen verbalisiert. Auf diese Art und Weise werden die beschriebene Handlung und der Verlauf des aktuellen Gesprächs voneinander getrennt. In einer face-to-face Kommunikation ist es sehr unüblich, Tätigkeiten die für alle sichtbar sind zu beschreiben während man sie durchführt (es sei denn, man hält sie für besonders bedeutsam oder tätigt einen indirekten Sprechakt); und obwohl solche Handlungen bei computervermittelter Kommunikation nicht mehr sichtbar sind, würde eine Beschreibung derselben in der 1. Person Singular irritierend wirken, eben weil eine solche Äußerung als Äquivalent einer lautlichen Artikulation wahrgenommen wird.

Die 3. Person Singular-Konstruktionen hingegen werden nicht als "verschriftlichte" lautsprachliche Äußerungen aufgefasst, sondern als auf einer Ebene über dem eigentlichen Diskurs stehende Feststellungen. Die folgenden Beispiele aus dem Korpus lassen diese Differenzierung erkennbar werden; die Beteiligten unterscheiden klar zwischen als sprachlich intendierten Kommentaren zu ihrer "virtuellen" Situation und non-verbalen Veränderungen derselben.

Beispiel 1 : "Taschentücher"

> Thumb : Mich mag keiner!! *schnieeeffff*

> Leckerschmecker klopft Thumb auf die Schulter. (Thumb) danke @ leckerschmecker...

> FollowTheLeader bemitleidet THUMB > Thumb muß sich mal die Nase putzen... (Thumb) *schnoooorrrtz*

> Leckerschmecker reicht Thumb ein Taschentuch. (Thumb) Hab genug, danke...

(Leckerschmecker) man kann nie genug Taschentücher haben !

(Leckerschmecker) ist genau wie mit Geld.

Beispiel 2 : "Herz und Nieren"

> Dennis27 schenkt Mavilein sein Herzchen *gg*

> MavR25 nimmt Dennis Herz entgegen und brät es in einer Pfanne an *ggg* > Dennis27 brät dafür Mavi´s Nierchen

> MavR25 2 Dennis: besser als die Leber

(Dennis27) stimmt Mav schmeckt nit so gut

Beispiel 3 : "Zigaretten"

(wwwmaster) wer hat eine Ziegarette für mich?

> mischascha hat zigaretten aber er gibt keine her! (DickeQualle) ich hab eine

> DerweisseStern gibt ne rund kippen! (wwwmaster) Bitte!

> Fishbone14 ist Nichtraucher

> TQ19 reicht www.master eine (____(_______________((() > mischascha nimmt sich auch gleich eine

(DickeQualle) ich enm mir auch eine

> DaFreak sollte mit dem Rauchen aufhören (müsste aber erst ,mal anfangem) (wwwmaster) Danke schön haste auch Feuer

(mischascha) lol@freak

(DickeQualle) hier

DerweisseStern schreit: GERN GESCHEHEN! (DaFreak) (_____________(____((() > DickeQualle gibt wwwmaster feuer (TQ19) *feuerreich*

(wwwmaster) Thanks! (wwwmaster) Tschüß

> mischascha holt sich mal schnell eine zigarette...und aschenbecher einen mom > DerweisseStern holt sich erstmal einen Kaffe!

(DaFreak) (________(________________________(((() =====?????

Außerdem werden solche Konstruktionen gerne zur indirekten Äußerung von Gedanken und Empfindungen genutzt, besonders häufig dann, wenn Aussagen von allgemeiner Gültigkeit gemacht oder sich regelmäßig wiederholende Ereignisse geschildert werden. Häufig werden aber auch nur die konkrete Unterhaltung betreffende Gedanken so geäußert, und zwar vor allen Dingen solche, die eher als Kommentar verstanden und nicht zur Diskussion gestellt werden sollen. Durch Verwendung der 3. Person Singular ist es möglich, sich in einem gewissen Maß der Verantwortung für die eigene Meinung zu entziehen, da man diese ja nicht direkt geäußert hat; tatsächlich kommt es wesentlich seltener vor, daß ein Chatteilnehmer aufgrund einer solchen unpersönlichen Konstruktion "hinausgeworfen" wird, als dies bei direkten Äußerungen der Fall ist.

Beispiel 4 : Kommentare, Gedanken, Empfindungen

> ARNI ist der Coolste den er außer seinem Kater kennt

> Ostbam weiß alles ! (Hat ja auch u.a. den Brockhaus gefressen...)

> Flipmody liebt es glatt rasiert zu sein. Is so´n taubes Gefühl um den Mund

> Dennis27 ist Bayern - Fan

> thierry hat niemals Pause

> befa registriert, dass arnie ein schnellfreundschaftschliessenwoller ist > Netbeater fragt sich ob mannson die wahrheit sagt

> Eminator fragt sich , ob alle in der Community heut spinnen > TOKISURF ist immer fröhlilch

> fatone99 ist traurig *heul*

> Danman2000 istfertig mit dem nerven und > Insektuit findet alles hier stinkelangweilig

5. Schlußfolgerungen

Die mediale Schriftlichkeit der Kommunikation in Chatrooms scheint zunächst völlig offensichtlich zu sein - jede Form von Text ist schließlich per definitionem medial schriftlich. Allerdings ist die Zuordnung von den zahllosen häufig in Chatrooms gebrauchten Emoticons zu medialer Schriftlichkeit problematisch; hier sollte man eher von medial graphisch sprechen, da solche "smilies" und "frownies" zumindest nicht ohne weiteres als äquivalent zu aus Buchstaben konstruierten Worten angesehen werden können - allein schon deshalb, weil es für die einzelnen Elemente, aus denen ein solches Symbol besteht, keine Lautlichen entsprechungen gibt; ein "smiley" ist nicht artikulierbar, er ist eine ikonische Repräsentation eines Gefühls bzw. eines Gesichtsausdrucks. In einigen fortschrittlichen Chatrooms sind die aus Satzzeichen zusammengesetzten Emoticons sogar schon durch gezeichnete Symbole ersetzt worden, was ein Indiz dafür ist, daß sie auch nicht als Teil der Schriftsprache wahrgenommen werden.

Viele der beobachteten Sprachwandelprozesse sind Hinweise darauf, daß die Kommunikation in Chatrooms konzeptionell wesentlich mehr Anteile von mündlicher als von schriftlicher Konversation hat. Zu allererst fallen die vielen Angleichungen der Schreibung an die Lautung auf, die bei anderen Formen medial schriftlicher Kommunikation nicht zu beobachten sind. In Chatrooms wird wesentlich mehr Wert auf eine möglichst genaue Wiedergabe der Aussprache eines Wortes als auf dessen korrekte Schreibung gelegt; auch der Gebrauch von Satzzeichen wurde weg von schulgrammatischer Richtigkeit und hin zu einer Nutzung der zusätzlichen Symbole zur Verdeutlichung von prosodischen Merkmalen verändert. Der Punkt ist als Satzzeichen in Chatroom-Unterhaltungen fast ausgestorben, da seine Verwendung fast immer redundant ist - steht am Ende einer Äußerung weder ein Fragenoch ein Ausrufezeichen, wird sie als Aussage angesehen.

Die fehlende Möglichkeit zur Differenzierung zwischen neutraler und energischer Aussprache von Wörtern und Sätzen wurde durch eine Abwandlung der Gebrauchskonventionen für Groß- und Kleinbuchstaben ersetzt; in den meisten Chatrooms gibt es sogar spezielle Kommandos, die den Beteiligten das "Schreien" ermöglichen. Es haben sich in Chatrooms zahlreiche Mechanismen zur Kompensation der nicht vorhandenen non-verbalen Informationen entwickelt, ein Vorgang, der sich bei keiner anderen schriftlichen Form von Kommunikation beobachten lässt. Offenbar wurde es von vielen Chatteilnehmern als Defizit angesehen, daß ihre Diskussionspartner keine Möglichkeit zur direkten Wahrnehmung ihrer Mimik und Gestik besaßen; und darüber hinaus bemerkten sie auch, daß sich dies nicht einfach durch eine direkte Verbalisierung der jeweiligen Empfindungen kompensieren ließ. Aus diesem Grunde wurden andere, indirektere Methoden entwickelt, wie zum Beispiel die Emoticons und die Asteriks-Konstruktionen.

Offenbar wird die Kommunikation in Chatrooms von den Beteiligten als eher mündlich denn schriftlich wahrgenommen - daß alle die geschilderten Sprachwandelprozesse nur zufällig Angleichungen an die Lautsprache bzw. Kompensationen bei mündlichen Unterhaltungen vorhandener Informationen sind, ist kaum wahrscheinlich. Es ist also durchaus gerechtfertigt, Chatroom-Unterhaltungen als konzeptionell mündlich zu bezeichnen; medial sind sie primär offensichtlich schriftlich, wobei mittlerweile auch einige graphische Anteile zu beobachten sind. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß diese graphischen Elemente mit den zunehmenden Übertragungsgeschwindigkeiten in naher Zukunft an Bedeutung gewinnen werden.

6. Literatur

Bechar-Israeli, Haya : From <Bonehead> to <cLoNehEAd>: Nicknames, Play & Identity on IRC

Danet, Brenda : Playful Expressivity and Artfulness in Computer-mediated Communication

Danet, Brenda; Ruedenberg-Wright, Lucia; Rosenbaum-Tamari, Yehudit : Writing, Play &Performance on IRC

Donath, Judith; Karahalios, Karrie; Viégas, Fernanda : Visualizing Conversation

Haase, Martin; Huber, Michael; Krumeich, Alexander; Rehm, Georg : Internetkommunikation und Sprachwandel

Hentschel, Elke : Communication on IRC

Marvin, Lee-Ellen : Spoof, Spam, Lurk and Lag: the Aesthetics of Text-based Virtual Realities

Paolillo, John : The Virtual Speech Community: Social Network and Language Variation on IRC

Rafaeli, Sheizaf & Sudweeks, Fay : Networked Interactivity

Reid, Elizabeth M. : Electropolis : Communication and Community on IRC

Serpentelli, Jill : Conversational Structure and Personality Correlates of ElectronicCommunication

Wenz, Karin : Formen der Mündlichkeit und Schriftlichkeit in digitalen Medien

Details

Seiten
23
Jahr
1999
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v99996
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
sehr gut
Schlagworte
Innovativer Sprachgebrauch Computervermittelter Kommunikation Proseminar Neuere Theorien Sprachwandel

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Titel: Innovativer Sprachgebrauch bei Computervermittelter Kommunikation