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Günter Grass und sein Romanerstling

Seminararbeit 2000 5 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Die Blechtrommel« Günter Grass

Der außerordentlich erfolgreiche deutsche Gegenwartsautor Günter Grass, am 16. Oktober 1927 als Sohn polnisch-deutscher Eltern in Langfuhr bei Danzig geboren, setzte mit seinem Romanerstling »Die Blechtrommel« sein Markenzeichen. Mit diesem Prosawerk schaffte der bis dahin als Lyriker, Stückeschreiber und bildender Künstler hervorgetretenen G. Grass den Durchbruch zu einem führenden Autor der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur und zu weltweiter Resonanz. "Mit der Blechtrommel kehrte die deutsche Literatur, die man nach Auschwitz für irreparabel geschädigt, ja für tot hielt, auf einen führenden Platz in der Weltliteratur zurück."1 Grass´ Romanerfolg vollzog sich zu einem Zeitpunkt, als das Ende des erzählerischen Großformats geradezu unumstößlich schien und die literarische Avantgarde einen Bruch mit Traditionen verlangte. Obwohl das allgemeine Aufsehen und die internationale Beachtung, die dem Roman zuteil wurde, nicht nur auf der ungewöhnlich kraftvollen Sprache und suggestiven Bildmacht basierte, sondern auch auf der Themenauswahl und der epischen Darstellungstechnik, hat Günter Grass gezeigt, dass es einem vollständigen Bruch nicht bedarf, denn auch die Blechtrommel hat noch traditionelle Elemente, wie auktorialer Erzähler und eine chronologisch geordnete Raum- und Zeitstruktur in sich vereint. Bereits schon ein Jahr vor dem Erscheinen des Romans auf dem Büchermarkt fand Grass` Blechtrommel bei der Gruppe 47 nach der Lesung aus dem Manuskript sofort stürmische Anerkennung als eines der repräsentativen Werke der westdeutschen Literatur. Trotz heftiger Polemik eines Teils der Kritik gegen »Pornografie«, »Obszönität«, »Nihilismus« und »Gotteslästerung« wurde er als genuiner Erzähler gefeiert und erhielt den Preis der Gruppe 47.

Sein Roman entsprang der Zeit des Wirtschaftswachstums in Westdeutschland und der Adenauerpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg. In dieser Zeit engagierten sich neben Grass Schriftsteller wie Enzensberger oder auch Walser mit zunehmender Gesellschaftskritik. Damit vergrößerte sich die Kluft zu den Künstlern im »Elfenbeinturm«, die sich der reinen Artistik und Innerlichkeit gewidmet hatten und von der aktuellen Tagespolitik fern blieben. Neben anderen herausragenden Werken, war Grass` Blechtrommel eines der großen literarischen Sensationen des Jahres 1959 und eines der ,,Grund-Bücher der Nachkriegsliteratur"2. Dieses Werk erfüllte eine wichtige sozialpsychologische Aufgabe, in dem es sich mit der konkreten Schuld des Kleinbürgers am Nationalsozialismus auseinandersetzte. Das deutsche Kleinbürgertum, ohne das der Nationalsozialismus nicht genügend Nährboden gefunden hätte, wird aus intimer Innensicht, zugleich aber auch aus der nötige n Distanz erforscht. Auch das der Roman in einer Anstalt endet, ist ein Fingerzeig dafür, dass der Angstwahn einer gestörten Psyche konträr zu dem Wahn erreichter Sicherheit der Bevölkerung zu setzten ist. Die Geschichte von Oskar Matzerath, die in mehr als 24 Sprachen übersetzt wurde, blieb Grass` größter Bucherfolg.

Allgemeines zu dem Roman ,,Die Blechtrommel":

Die Blechtrommel beherbergt in ihren Grundzügen eine traditionelle Erzählform. Der ,,Romanheld" Oskar Matzerath übernimmt die Funktion des vorgeschobenen Erzähler-Ichs des Romanautors. Gegenstand dieses Romans ist die »Autobiografiefiktion« des zwergwüchsigen Oskars. In einer Heil- und Pflegeanstalt, die als Rückzugsrevier und Außenseiterposten dient, schreibt er in den frühen fünfziger Jahren mit Hilfe seiner blechernden Kindertrommel in der klassischen Rückblende seinen Lebensroman nieder und berichtet aus seinem Alltag. Aus dieser »Autobiografiefiktion« ergeben sich zwei ineinander verschränkte Zeitebenen: die Spanne der Niederschrift von 1952 bis 1954 in der Anstalt, die für Oskar zu einer Zeit der Reflexion wird. Zum anderen die Epoche von 1899 bis 1952, welche von Geschicken, Wirrnissen und Lebensgrotesken seiner Vorfahren und seiner selbst schildert in einem linearen gemächlich dahintreibenden Erzählfluss. Das bedingt eine Aufspaltung der Figur Oskar Matzerath in ein erlebendes und in ein erzählendes Medium. Am Schluss des Romans, zum 30. Geburtstag von Oskar, verschmelzen die beiden Zeitebenen wieder ineinander. Die Weite des Zeitraumes ergibt sich aus Oskars Devise ,,...vor dem Datieren der eigenen Existenz wenigstens der Hälfte seiner Großeltern zu gedenken..."3. Somit greift er über seine eigene Biografie hinaus, in dem er mit dem Bericht über die Zeugung seiner Mutter im Jahre 1899 beginnt. Einerseits wird das Zeit-Tableau seines Lebensrückblickes durch die Verbindung von Jahreszahlen mit den Lebensdaten der handelnden Personen organisiert, andererseits kann es vom Leser durch die historischen Ereignisse, wie der Kristallnacht, realisiert werden.

Das Erzählmuster des Romans, dass sich über 46 Kapitel streckt, ist in drei Bücher unterteilt. Diese drei Abschnitte entsprechen einmal den historischen Zeitabschnitten (Vorkriegs-, Kriegs-, Nachkriegszeit), die jeweils gesondert behandelt werden. Zum anderen spiegeln sich in den drei Büchern die einzelnen Lebensabschnitte des Ich- Erzählers wieder, nämlich Kindheit, Jugend und das Erwachsenendasein, wobei sie aber nicht aufeinander aufbauen im Sinne einer Entwicklung von ,,Kindheit" zur ,,Reife". Die Gleichzeitigkeit, die zwischen dem historischen Geschehen und dem ,,Schicksal" des Ich-Erzählers stattfindet, ist ein Beleg für die Auswirkungen historischer Ereignisse, vor allem des Kriegsgeschehens auf ihn und seine Umwelt. Diese Gleichzeitigkeit entpuppt sich somit als Moment der Erzählreflexion, ein besonderes Kennzeichen der Autobiografie, womit Oskar seinen spezifischen Standpunkt verdeutlicht. Wie die Überschrift des Romans schon darauf hinweist, wird Oskars` Kinderblechtrommel, die ihn seit seinem dritten Geburtstag mit einer kurzen Unterbrechung sein ganzes Leben hindurch begleitet, eine besondere Funktion übertragen. Schon Oskars Geburt vollzieht sich unter der Deutung des flügelschlagenden Nachtfalters auf den beiden Sechzig-Watt-Glühbirnen und dem spätsommerlichen Gewitter im Zeichen der Trommelrhythmen. So kann auch nur die Blechtrommel, als Gegengewicht zur kleinbürgerlichen Lebenswelt, Oskars Existenzmodus werden. Für den 94 cm großen Oskar ist dieses Requisit kriegerischer Zeiten ein Instrument der Selbstvergewisserung und des Überlebens. Oskar, der auf seiner Trommel seine seelischen Empfindungen meisterhaft wiedergeben kann, benutzt sie auch als Vehikel des Protests und der Weigerung, sich in der kleinbürgerlichen Lebenswelt zu fügen. Als Erinnerungskatalysator folgen den Trommelrhythmen die Bilder vergangener Zeiten vor Oskars geistigem Auge. Weiterhin dient die Blechtrommel einem erzähltechnischem Trick, denn nicht Oskar, sondern die Trommel ist die wahre Verkörperung des auktorialen, allwissenden Erzählers, mit dessen Hilfe sich die Geschehen erst darstellen lassen. Mit der erfundenen Kunstfigur Oskar Matzerath beschreibt »Die Blechtrommel« die spezifische Perspektive von unten und mustert die Welt aus schützenden Infantilismus und Scheinnaivität. Oskar ist keine realistische, sondern eine phantastische Gestalt, die dem Leser keine Möglichkeit der Identifikation bietet. Eine weitere Unterbindung einer möglichen Vereinnahmung der Hauptfigur vom Leser, sind die Stilelemente von gegensätzlicher Art (teils realistische, teils surrealistische) mit welcher der Erzähler arbeitet. Die stattfindenden Wechsel zwischen dem vorwiegendem Ich-Bericht, der komisch distanzierenden Erwähnung von sich in der dritten Person oder der Einschub fremder Erzähler fördert zusätzlich die Verwirrung beim Leser.

Mit der Niederschrift seiner Biografie entzieht sich Oskar Matzerath ,,...dem kollektiven Gedächtnisschwund der in den Zeiten des Adenauer-Staats und des Wirtschaftswunders zur reflexhaften Selbstverständlichkeit geworden ist."4 Der Erzähler der »Blechtrommel« wendet sich mit seiner ausgiebigen Trommelarbeit gegen den allgemeinen Gedächtnisschwund wie gegen das eingefahrene Muster der Vergangenheitsbewältigung. Unter Rückgriff auf Elemente des Schelmen-, des Entwicklungs- und des Künstlerromans, mit sinnlicher Sprachfülle und virtuosem Phantasiereichtum ausgestattet, wird hier eine exemplarische Vergangenheitsbewältigung geleistet. Die Blechtrommel ist damit nicht nur ein ,,[...] Forum der Zeitgeschichte, sondern auch [...] ein Medium der Zeitkritik."5

,,Wer jene Fäulnis, die lange hinter der Zahnpasta lebte, freigeben, ausatmen will, muß seinen Mund aufmachen" «6 (Günter Grass)

Literaturverzeichnis:

Günter Grass: Die Blechtrommel. (Roman.) 9. Aufl. München Dezember 1999.

Dietz-Rüdiger Moser (Hrsg.): Neues Handbuch der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seit 1945. München 1990.

Walter Jens (Hrsg.): Kindlers Neues Literatur Lexikon. Band 6 (GA-GR) München 1989. Volker Neuhaus : »Günter Grass« In: Hartmut Steini>G. Albrecht, K. Böttcher, H. Greiner-Mai, P.G. Krohn: Deutsches Schriftstellerlexikon, Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Weimar 1962.

[...]


1 Volker Neuhaus, S. 719

2 Heinz Ludwig Arnold, S.11

3 Günter Grass, S.12

4 Walter Jens (Hrsg.), S.795

5 Dietz-Rüdiger Moser (Hrsg.), S.236

6 Deutsches Schriftstellerlexikon, S. 189

Details

Seiten
5
Jahr
2000
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v99875
Note
Schlagworte
Günter Grass Romanerstling Proseminar

Autor

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Titel: Günter Grass und sein Romanerstling