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Ein Exkurs in die historische Vergangenheit, die Ideen und Ideale der Olympischen Spiele des Altertums

Hausarbeit 2000 13 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportgeschichte

Leseprobe

Gliederung

Vorbetrachtung

1. Begriffsfindung

2. Ursprünge und Anfänge

3. Gründungssagen

4. Friedensvertrag von Olympia

5. Die Geburtsstunde des Mythos ,Olympia`

6. Niedergang der Olympischen Spiele

7. Schlusswort

Ein Exkurs in die historische Vergangenheit,

die Ideen und Ideale der Olympischen Spiele des Altertums

Von einem herrlicheren Kampfspiel als zu Olympia können wir nicht singen!1

Pindar

Vorbetrachtung

Die Olympischen Spiele der Neuzeit sind aus unserem heutigen Leben nicht mehr wegzudenken. Seit der hohe technische Stand der Kommunikationsmitttel alle vier Jahre die Menschen an allen Orten unserer Erde unmittelbar in Wort, Ton und Bild teilnehmen läßt, beeinflussen die sportlichen Ereignisse einige Tage lang weitgehend das Leben vieler Menschen. Die Vorbereitungen auf diese relativ kurze Zeit des olympischen Wettstreits nehmen für die Stadt, der die Ehre zugefallen ist, die Spiele austragen zu dürfen, einen enormen Aufwand an Zeit, baulichen Veränderungen und organisatorischen Maßnahmen in Anspruch. Oft genug sind sie auch Anlaß für zahlreiche Probleme und Schwierigkeiten. Die moderne Olympische Bewegung erlebt derzeit eine schwere Krise, die in den vergangenen Jahren immer stärker wurde. Zum Zeitpunkt ihres mehr als hundertjährigen Bestehens überschatten Bestechungsaffären, mißliche Dopingfälle, fragwürdige Vermarktung, maßloser Gigantismus und Hochleistungssport im Kindesalter - um nur einige der brisanten Themen zu nennen - die Olympischen Spiele, die einst ein so glanzvolles und erhabenes Ereignis waren. Nur zu schnell könnten die Spiele selbst in absehbarer Zeit am Ende sein und das historische Kapital bedrohen, wenngleich die ehrenvolle internationale Idee des französischen Barons Pierre de Coubertin dies nicht verdiente.

Dennoch könnte eine solch negative Entwicklung dem griechischen Sport des Altertums nichts anhaben. Als einzigartiger Modellfall einer Sportkultur schlechthin stellt er eine überzeitliche Größe in der Sportgeschichte dar, die so lange von Wert sein dürfte wie Menschen Sport treiben und historisch denken werden. Im kulturellen Bewußtsein der heutigen Gesellschaft ist der Sport im antiken Griechenland ein fester Bestandteil. Obwohl auch er den Untergang der Antike nicht überleben konnte, spielt er in der europäischen Geistesgeschichte seit Humanismus und Renaissance wieder eine bedeutsame Rolle. Über den griechischen Sport ist man besser informiert als über irgendeine andere Sportkultur der Alten Welt. Spätestens mit dem Beginn der deutschen Ausgrabungen unter Ernst Curtius in Olympia im Jahre 1875 setzte eine gezielte Aufdeckung seiner archäologischen Quellen ein. So läßt sich auf Grund derartiger Forschungen nicht nur das äußere Erscheinungsbild des antiken Sports nachzeichnen, sondern auch seine Rolle in der Gesellschaft. Ohne Über- treibung kann man sagen, daß der Sport in der Menschheitsgeschichte in nur wenigen Kulturen eine vergleichbar hohe Stellung einnahm.

1. Begriffsfindung

Daß der hellenische Sport immer wieder im Blickpunkt von Altertumskunde und Sportgeschichte steht, mag auch damit begründet werden, daß wir uns im griechischen Sport wiedererkennen. Die offene griechische und die moderne Gesellschaft stehen sich mittels der Begriffe Leistung (Arete) und Konkurrenz (Agon) über die Zeiten hinweg recht nahe. So haben auch antiker Wettkampfsport und moderner Spitzensport vieles gemeinsam. Als Sportler, Zuschauer oder allgemein Sportinteressierte können wir die Mentalität antiker Athleten unmittelbar verstehen.

Das moderne Wort ,Sport` ist jedoch nicht griechischen Ursprungs. Aus dem spätlateinischen deportare (sich vergnügen) abgeleitet, wanderte es über das Mittelfranzösische in die englische Sprache (to disport), von wo es im 19. Jahrhundert in seiner heutigen Form zusammen mit dem Gegenstand, den es bezeichnet, nämlich die Leibesübungen, in die ganze Welt exportiert wurde.2 Heute wird dieses Wort als interkultureller Oberbegriff überall verstanden und darf auch ohne weiteres auf frühere Kulturen bezogen werden, obwohl dies historisch gesehen inkorrekt ist.

Die Griechen selbst kannten eine Vielzahl von Begriffen im Bedeutungsfeld Sport und brachten eine eigene Terminologie hervor. Wenn sie beispielsweise vom Wettkampfsport sprachen, verwendeten sie das Wort Agon. Ursprünglich meinte man damit eine Versammlung von Männern, insbesondere zu homerischer Zeit. Die Etymologie3 beschreibt die griechische Sitte, daß wichtige Versammlungen jedoch gleichzeitig mit sportlichen Veranstaltungen verbunden waren. Bewohner einer Landschaft, eines Stammes oder einer Kultgenossenschaft trafen sich mit der Erwartung, neben dem Hauptanlaß religiöser oder politischer Natur sich auch eines sportlichen Programms zu erfreuen. Dieses Nebenprogramm, in dem für viele wahrscheinlich sogar die eigentliche Attraktion gelegen haben mag, entwickelte sich in zahlreichen Fällen zum Hauptanziehungspunkt einer derartigen Zusammenkunft. Mit anderen Worten: Wo man sich versammelte, gehörte auch der Sport im allgemeinen dazu. Hier liegt also ein Entstehungsanlaß der großen Agone, der regelmäßig an zentralen Kultstätten angesetzten Sportfeste, die mit der Verehrung der gemeinsam anerkannten Gottheit einhe rgingen.

Ein weiterer zentraler Begriff des antiken Sports war die Gymnastik, die anders als heute die Bedeutung von Training hatte. Hinzu kommt, das Gymnasten nicht nur wissenschaftlich gebildet, sondern auch auf dem Gebiet der Medizin bewandert sein mußten.

So muß man streng genommen sagen, das Wort beinhaltet das Training unter Kenntnis der Wirkungsweise der Übungen. Im Laufe der Geschichte durchlief der Begriff jedoch einen mehrfachen Bedeutungswandel, der auch in den verschiedenen Sprachen anders gekennzeichnet ist. Spricht man heute von der antiken Gymnastik , bezieht man sich größtenteils auf den Gymnastikos des Philostratos, der einzig vollständig erhaltenen trainingswissenschaftlichen Fachschrift der Antike.

Die griechische Gymnastik entsprach dem damaligen Bildungs- und Erziehungsziel, das in der Arete, dem Adelsideal der männlichen Tugend, gipfelte. Die Arete hatte in der frühen Adelszeit vor allem militärische Tüchtigkeit und Tapferkeit gefordert, ihr Schwergewicht lag also zunächst auf der körperlichen Ausbildung, der gegenüber geistige und sittliche Eigenschaften zurücktraten. Diese körperliche Ertüchtigung benötigte die Adelsklasse, um als dünne Oberschicht ihre militärische Überlegenheit zu sichern. Es war also eine klassenmäßige Verpflichtung, hohe körperliche Leistungsfähigkeit zu erstreben, um ,,immer der Erste zu sein und den anderen voranzuleuchten", wie es Homer in der Ilias formuliert hat.4

2. Ursprünge und Anfänge

Der Mensch hat zu allen Zeiten seinen Körper trainiert und geübt. Die Veranlassung dazu ergab sich für ihn bereits in der Urgesellschaft aus der Notwendigkeit, durch Sammeln, Fischen und Jagen seinen Lebensunterhalt zu erwerben. Zugleich waren Körperübungen aber auch ein Ausdruck der Freude des gesunden Menschen an Sport und Spiel, darüber hinaus wurden sie später eine wichtige Vorbereitung zur Schulung für das Waffenhandwerk und den Kampf. Daher verwundert es nicht weiter, daß wir scho n in vor- und frühgeschichtlicher Zeit bei allen Völkern, von denen wir durch Funde, Ausgrabungen oder literarische Über- lieferungen Kenntnis haben, seien es nun die Ägypter, die Babylonier, die Perser, die Inder oder die Chinesen, einer bewußten Körpererziehung begegnen. Einen interessanten Beleg bieten uns für die Welt der Griechen, die in die sagenhafte Frühgeschichte Griechenlands zurückführenden Epen Homers.

Die Griechen der Antike haben die Körperübungen ganz systematisch entwickelt. Höhepunkte dafür wurden die von ihnen an verschiedenen Orten veranstalteten öffentlichen Spiele, vor allem die panhellenischen Festspiele in Olympia auf dem Peloponnes sowie die Wettkämpfe in Delphi, Nemea und am Isthmus von Korinth.

Die Olympischen Spiele sind seit dem Jahre 776 v. Chr. mit dem Beginn der schriftlichen Aufzeichnung der Namen der Sieger, urkundlich belegt. Aus diesem ersten Jahr ist jedoch nur der Name des Gewinners Koroibos, einem Koch aus Elis bekannt. Er gewann den Stadionlauf, der über die traditionelle Strecke von 192 m führte.5 Statt der vielen verschiedenen Jahreslisten der griechischen Staaten, wurde von einigen Historikern der vierjährige Zyklus der Festspiele (Panegyris) auch als anerkanntes chronologisches Bezugs- system verwandt.6 Alle Forschungsergebnisse stimmen aber mit den überlieferten Berichten altgriechischer Schriftsteller darin überein, daß die Spiele mit ihrer Entstehung bis weit in die Frühgeschichte des alten Hellas zurückgehen, in eine Zeit also, in der sich auch auf griechischem Boden der Übergang von der Urgesellschaft zur Sklavenhalterordnung vollzog.

In Olympia, im abgeschiedenen Tal des Flusses Alpheios und am Hügel des Kronos, sind, wie die von Pausanias (um 170 n. Chr.), Philostratos (um 200 n. Chr.) und anderen griechischen Schriftstellern aufgezeichneten mündlichen Überlieferungen besagen und wie die archäologischen Forschungen bestätigen, schon von den Pelasgern, den vorgriechischen Bewohnern, eine den Göttern geweihte Naturquelle und Heiligtümer der Göttermutter Rhea und des Kronos verehrt worden. Auf einem Aschealtar wurde auch die noch ältere Erdmutter Gaia angebetet, mit der ähnlich wie in Delphi ein Orakel verbunden war.

Im Zusammenhang hiermit sind die Untersuchungen aufschlußreich, die der englische Althistoriker George Thomson angestellt hat. Er geht davon aus, daß die Olympischen Spiele abwechselnd in alternierenden Intervallen von neunundvierzig und fünfzig Mondmonaten am Vollmondtag stattfanden. Sie fielen deshalb nicht immer in den gleichen Monat, sondern abwechselnd in den Apollonios, den achten Monat nach der Wintersonnenwende, und in den ihm folgenden Parthenios.7 Da ferner der olympische Siegespreis lange Zeit ein Kranz aus einem Zweig der in den Einhegungen wachsenden heiligen Ölbäume war, vermutet Thomson, daß der ursprüngliche Kern des olympischen Festes eine Einweihungszeremonie gewesen ist, die mit der Obsternte verbunden war.

3. Gründungssagen

Eine Fülle von Sagen und sagenhaften Berichten, von den antiken Schriftstellern und Dichtern vielfach ausgeschmückt, liegt über den Ursprung der Spiele vor. Sie zeigen, wie stark die Griechen sich schon in früher Zeit mit allem, was Olympia betraf, beschäftigten. In jedem von ihnen kommt zum Ausdruck, daß die Spiele der körperlichen Ertüchtigung und zugleich der Verehrung der Götter dienten. Zweifellos liegen den Gründungssagen gewisse geschichtliche Ereignisse zugrunde, die von Generation zu Generation weitererzählt und ,verarbeitet`, umgestaltet, geheimnisvoll ausgedeutet und schließlich ins Übermenschliche gesteigert wurden.

Eine von Pausanias mitgeteilte örtliche Tradition führte die Olympischen Spiele auf den älteren, idäischen Herakles zurück, der nicht mit dem uns geläufigen thebanischen Volkshelden gleichen Namens verwechselt werden darf.8 Er soll der Sage zufolge mit seinen Brüdern vom Idagebirge in Kreta nach Olympia gekommen sein. Dort ließ er einen Wettlauf veranstalten und den Sieger mit einem Zweig vom wilden Ölbaum bekränzen. Diese Überlieferung stützt üb rigens zugleich die erwähnte Hypothese vom ursprünglichen Zusammenhang des olympischen Festes mit der Obsternte Einer anderen Überlieferung Pausanias zufolge, soll nicht der idäische Herakles selbst, sondern einer seiner Abkömmlinge, Klymenos mit Namen, von Kreta nach Olympia gekommen sein und hier die Spiele eingerichtet haben. Ihm wird auch die Einführung der ursprünglich in Kreta lokalisierten Verehrung des Zeus zugeschrieben, die von den Achaiern übernommen und so in historischer Zeit, in der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr., nach Olympia gebracht wurde. Später im sogenannten Homerischen Zeitalter, als sich die olympische Götterwelt in der uns aus den klassischen griechischen Sagen vertrauten Gestalt herausgebildet hatte, sind dann der Heratempel, das Heraion, und der Zeustempel in Olympia entstanden.9

Nach einer weiteren überlieferten Sage soll es kein Geringerer als Zeus selbst gewesen sein, der die Olympischen Spiele begründet hat. Es heißt, der Göttervater habe nach seinem über Kronos und die Titanen errungenen Sieg, der ihm und seinen Brüdern Poseidon und Hades die Herrschaft über die Welt eingebracht hatte, aus Freude und Dankbarkeit angeordnet, auf dem Boden Olympias, dessen Name an den Götterberg Olymp erinnert, Kampfspiele abzuhalten. An diesen Wettkämpfen nahmen alle Götter teil, die Rang und Namen hatten. Zur Verehrung des Zeus und der Hera gesellte sich in Olympia ferner die Erzählung des erwähnten thebanischen Volkshelden Herakles. Er soll in kriegerischen Auseinander- setzungen mit dem König Augeias Elis erobert und seinem Großvater Pelops zu Ehren, die Spiele in Olympia erneuert haben, indem er mannigfache Wettbewerbe, wie Wettlauf, Faustkampf, Ringen, Reiten, Fünfkampf und Wagenrennen, durchführen ließ. Die mythische Für Pindar ist Herakles sogar der eigentliche Begründer der Olympischen Spiele. Von ihm wird übrigens berichtet, er habe bei der Bewältigung einer seiner zwölf Aufgaben einen Steckling des wilden Ölbaums mitgebracht und in Olympia eingepflanzt, wo er prächtig gedieh und zu besonderer Ehre gelangte. Es sei der gleiche Baum gewesen, dessen Zweige später dazu dienten, die Sieger der Spiele ehrenvoll zu bekränzen. Die Sage mag darin ihre Begründung finden, daß der Ölbaum oft ein außerordentlich hohes Alter - nicht selten tausend Jahre und mehr - erreichen kann. Daß im Zeitalter des Massentourismus noch kein Geschäftemacher auf die Idee gekommen ist, heutzutage einen anderen dafür auszugeben, mag wohl an einer gewissen Art von Pietät oder an bloßer Einfallslosigkeit liegen. Die auffallenden Parallelen der beiden Gründungssagen lassen sich eventuell damit erklären, daß im Laufe der Jahre und den variierenden Schilderungen der Menschen, die Verdienste des kretischen Herakles auf den thebanischen übertragen wurden.

Aus der Fülle der Sagen und Überlieferungen, die sich mit Olympia beschäftigen, kann man zunächst nur wenige greifbare Daten gewinnen - über die Anfänge der Spiele in historischer Zeit vermitteln sie kaum ein klares Bild. Wenn auch Olympia, ursprünglich ,nur` eine Kultstätte gewesen ist, wo man den Göttern opferte, so reicht doch mit großer Wahrscheinlichkeit der Beginn der hier durchgeführten sportlichen Wettkämpfe bis in die frühe griechische Adelszeit zurück. Zahlreiche antike Quellen sprechen von einer Erneuerung der Spiele. Sie müssen demnach schon lange vor dem Beginn der überlieferten Zählung einmal bestanden haben, dann aber über einen längeren Zeitraum in Vergessenheit geraten sein.

So soll einige Jahre nach dem schon erwähnten Klymenos der sagenhafte König Pelops nach seinem im Wagenrennen errungenen Sieg über den pisatischen König Oinomaos in Olympia Zeus zu Ehren ein Fest von einer bis dahin nicht gekannten Pracht gefeiert und zugleich die Spiele erneuert haben.10 Ihm war später in der Altis von Olympia ein Grabdenkmal, das Pelopion, geweiht, und jährlich wurde ihm ein schwarzer Widder geopfert. Die Auffindung seines Grabes an der von Pausanias bezeichneten Stelle deutet darauf hin, daß diese Überlieferung einen realen historischen Kern enthält und daß wir es bei den Leichenspielen zu Ehren des Pelops wahrscheinlich mit einer frühen Form der Olympischen Spiele zu tun haben.11

4. Der Friedensvertrag von Olympia

Lange Zeit hindurch stritten sich die aitolischen Eleer, die Achaier von Pisa und die etwas entfernter wohnenden dorischen Spartaner in kriegerischer Weise um die Leitung der Spiele in Olympia, bis sie sich schließlich wenigstens zeitweise im Gefühl ihrer gemeinsamen Herkunft, Sprache und Kultur beim olympischen Fest zusammenfanden. Dieses Geschehen verknüpft die Überlieferung mit dem Wirken des sagenhaften Königs Iphitos von Elis, über dessen Lebensumstände sonst nichts bekannt ist. Ihm wird der Abschluß eines Vertrages (angeblich um 884 v. Chr.) mit den Herrschern von Sparta und Pisa zugeschrieben, der für Olympia die Ekecheiria, den ,heiligen Frieden`, verkündete, durch den die Spiele vor kriegerischen Handlungen geschützt werden sollten. Elis, Sparta und Pisa waren nach diesem Vertrag gleichberechtigte Partner. Erst Jahre später fanden, infolge der selbstverschuldeten Ausschaltung Spartas und nach der Vernichtung Pisas, die Olympischen Spiele unter der alleinigen Leitung von Elis statt.

Dieser allgemeine heilige Friede während der Olympischen Spiele, die Ekecheiria, erhob jene Spiele über die aller anderen griechischen Städte. Den Vertrag über diesen Frieden faßte man in altertümlicher Schrift in Form eines Kreises auf dem sogenannten Iphistos-Diskus ab, der im Tempel der Göttin Hera in Olympia aufbewahrt wurde. Der Friedensvertrag garantierte die ewige Neutralität und Unantastbarkeit von Elis und Olympia als auch den freien und ungestörten Zugang aller Griechen, selbst wenn ihr Weg durch feindliche Staaten führte. Vor allem aber verbot der Vertrag für die Zeit der Spiele Kriege, Gewalttaten und sogar Hinrichtungen von Verbrechern. In der mehr als tausendjährigen Geschichte der antiken Spiele wurde der ,heilige Frieden` wohl nur dreimal gebrochen.

Auch der bedeutende griechische Philosoph Aristoteles soll, Plutarch zufolge, diesen legendären Diskus gesehen haben. Der Text lautete: ,,Olympia ist ein heiliger Ort. Wer es wagt, diese Stätte mit bewaffneter Macht zu betreten, wird als Gottesfrevler gebrandmarkt. Ebenso gottlos ist aber auch jeder, der, wenn es in seiner Macht steht, eine Untat nicht rächt."12 Wenn auch die hier verkündete Ekecheiria die ständigen Kriege zwischen den griechischen Stämmen und Staaten nicht verhindern konnte, so übte sie doch, indem sie über Jahrhunderte hinweg die Durchführung der Olympischen Spiele sicherte, einen befriedenden Einfluß auf die griechische Welt aus und diente zugleich ihrer kulturellen Einheit.

5. Die Geburtsstunde des Mythos ,Olympia`

Zu Beginn des 5. Jh. v. Chr. unternahmen die Perser mehrfache Versuche, die Städte des griechischen Festlandes zu unterwerfen. Legendär hierbei ist die Schlacht der Griechen 490 v. Chr. bei Marathon, in der ihre Armeen nur knapp einer Katastrophe entgingen. Ein Krieger brachte die Siegesbotschaft nach Athen. Er lief in voller Rüstung über das Drilessosgebirge, am Fuße des Hymettosflusses entlang, 42 Kilometer! Es ist nicht bekannt wie lange er dafür brauchte, oder wie sein Name war, nur ein Satz ist überliefert: ,,Athener wir haben gesiegt", den er noch ausstieß bevor er tot zusammenbrach.13 Heutzutage wird diese Strecke in weniger als zweieinhalb Stunden bei den Olympischen Spielen gelaufen - ohne Rüstung und Waffen. Höhepunkt der kriegerischen Auseinandersetzungen sind jedoch die Jahre 480/479 v. Chr., in denen sich zunächst zahlreiche der zerstrittenen Städte den angreifenden Persern und ihrem Schicksal ergaben. Erst spät fanden sich einige Städte, darunter Sparta, Athen und Korinth, in einem Zweckbündnis zusammen und erzielten erste Erfolge im Kampf gegen die so übermächtig erscheinenden Perser. Erst errang die Flotte bei Salamis und Mykale, später auch das Heer an Land in der Ebene von Platää entscheidende Siege und konnten so dem drohenden Untergang noch knapp entgehen. Die Bevölkerung verehrte ihre Retter, die Feldherren, und ihre Leistungen auf dem Schlachtfeld, die so zu großem Ruhm gelangten. Als Themistokles, einer von ihnen, das Kultfest im Jahr 476 v. Chr. in Olympia besuchte, wurde er von einer tobenden Menge empfangen, die ihren Helden den ganzen Tag hindurch umjubelte. Sehr zum Unbehagen der Athleten, die diesmal nicht wie gewohnt im Mittelpunkt des Interesses standen. Doch blieb es nicht nur bei diesem freudigen Jubel. Man war nach der glücklich überstandenen Gefahr nachdenklich geworden. Hätte man nicht alle inneren Streitigkeiten und Feindschaften zurückgestellt und hätte man nicht Seite an Seite gegen die Perser gekämpft, wäre die Niederlage unausweichlich gewesen.

Diese neugewonnene Einsicht war die Geburtsstunde der Idee, künftig innergriechische Zwistigkeiten nicht mehr mit Waffen auszutragen. Statt dessen sollte ein neutrales Schiedsgericht das letzte, entscheidende Wort erhalten. Diese ehrenvolle Aufgabe fiel dem Zeusheiligtum von Olympia zu, welches ein entsprechendes Gremium aus seinen Kultbeamten berufen sollte. Mit diesem von allen Griechen anerkannten Schiedsgericht wurde Olympia zum Symbol der Eintracht in der griechischen Staatenwelt.14

Obwohl diese mahnende Friedensidee in der Praxis jedoch bald scheitern sollte, blieb dieses Kultfest des Jahres 476 v. Chr. doch ein unvergessener Glanzpunkt in der Geschichte des Heiligtums. Auch in der Geschichtsschreibung und der Chronik des Historikers Hippias nimmt dieses Jahr eine Schlüsselstellung ein. Dies gilt insbesondere für die zeitliche Festsetzung der ersten Olympiade. Aufgrund fehlender oder unvollständiger Aufzeichnungen mußte er besonders für die Frühzeit einige freie Ergänzungen vornehmen. Nach moderner Chronologie datiert er den Beginn der uns bekannten Olympischen Spiele, wie bekannt, auf das (fiktive) Jahr 776 v. Chr. Man kann nur vermuten, daß er sich bei seinen Berechnungen zum Ende des 5. Jh. v. Chr., die er über die Zeit der Frühgeschichte anstellte, sich sehr stark von der beschriebenen Jubel-Olympiade inspirieren ließ, die als die glänzendste und feierlichste in die Geschichte der Olympischen Spiele des Altertums eingegangen ist.15 Dies spiegelt sich auch im äußeren Erscheinungsbild Olympias, beispielsweise in Form des von den Eleern erbauten gigantischen Zeustempel wider.

6. Niedergang der Olympischen Spiele

Die Glanzzeit der Spiele fällt mit dem Höhepunkt der klassischen griechischen Kultur zusammen, dem ein langsamer und lange andauernder Niedergang folgte. Mit dem Aufstieg Roms zur bestimmenden Macht im Mittelmeer verblaßte der Glanz des sportlichen Wettbewerbs und der olympischen Ideale. Der römische Kaiser Nero ließ so zum Beispiel 67 n. Chr. die Spiele zwei Jahre früher beginnen, nur damit er selbst daran teilnehmen konnte. Heute werden jene Spiele bei der allgemeinen Rechnung nicht mehr berücksichtigt. Damit sich seine Teilnahme auch lohnte, ließ er sich eine ganze Reihe olympischer Siege zusprechen, nachdem er seine Konkurrenten zur Aufgabe gezwungen hatte oder die Tatsachen verdrehte. Die wohl bekannteste Anekdote ist die, bei der er im Wagenrennen siegte obwohl er aus seinem Wagen gefallen war.

Im Jahre 267 n. Chr. wurden erstmals Gebäude abgerissen, um Material für eine Schutzmauer zur Verfügung zu stellen. Dies war ein Zeichen für die neuen Gefahren, die dem vormals geheiligten Boden zu drohen begannen. Mit dem Aufkommen des frühen Christentums und der Vormacht der Goten kam schließlich das endgültige Ende. Die Verehrung des Körpers wurde verachtet und Feiern für die alten griechischen Götter galten als heidnische Rituale. Im Zuge dessen ließ Kaiser Theodosius die Olympischen Spiele, nach einer mehr als tausend- jährigen Geschichte, 393 n. Chr. verbieten.

Der letzte uns heute bekannte Olympionike war bezeichnender Weise auch kein griechischer Athlet mehr, sondern der armenische König Varazdates.16 Schon kurze Zeit später begann die Plünderung der Stätten in Olympia. Man nimmt an, daß die große Statue des Zeus nach Konstantinopel gebracht und dort später bei einem Brand zerstört wurden ist. Die großen Tempel wurden von Plünderern beschädigt und zwei Erdbeben im sechsten Jahrhundert ließen sie schließlich einstürzen, der Alpheios trat über seine Ufer und begrub das fruchtbare Tal unter gewaltigen Schlammmassen. So verschwand Olympia langsam aus dem Gedächtnis der Menschen.

Erst im späten achtzehnten Jahrhundert wurde der Ort von den Europäern wiederentdeckt. Im Jahre 1805 begann der britische Archäologe Leake mit Ausgrabungen in der Gegend des antiken Olympia. Dies löste eine ganze Reihe weiterer Untersuchungen durch andere britische Forscher aus, die 1813 einen ersten Lageplan der ant iken Anlagen zeichnen konnten. Dennoch verging sehr viel Zeit, bis die alten Stätten vollständig freigelegt worden waren und die lange vergessene Geschichte der Olympiaden des Altertums erzählt werden konnte. Der Hauptanteil der Ausgrabungen und Rekonstruk tionen fand unter Aufsicht deutscher Archäologen statt, die 1874 einen Vertrag mit der griechischen Regierung geschlossen hatten. Schon bald wurde die ganze Schönheit des antiken Olympia offenbart. Einige Idealisten begannen sogar über die Wiederbelebung der Festspiele nachzudenken.

Einer von ihnen war der in Paris lebende Erziehungsreformer und vermögende Aristokrat Baron de Coubertin, der Führer der modernen Olympischen Bewegung, Gründer des IOC und Initiator der Wiedereinführung der Spiele der Neuzeit 1896 in Athen. ,,Bei Olympia zählt nur eins: Dabei sein ist alles - so wie im Leben nicht der Sieg zählt sondern das Streben danach. Das Wesentliche ist nicht zu gewinnen, sondern gut gekämpft zu haben."17 Dies war der Satz den er voller Stolz und Überzeugung 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin öffentlich verkündete und ihn damit schließlich zu einer festen Einrichtung im modernen Sport und zum olympischen Kredo machte.

7. Schlußwort

Viele Erzählungen und Mythen gibt es also von den Olympischen Spielen des Altertums, die uns das sagenhafte Leben und die Kämpfe der alten Griechen schildern. Der Glanz und die Geheimnisse des Antiken Olympia sind es, die so faszinierend auf uns wirken und uns staunen lassen über die Welt, wie sie vor zwei Jahrtausenden war. Vielleicht waren die Menschen damals auch ethisch und moralisch besser als wir. Sie kämpften zwar beim Ringkampf ohne Rücksicht und mit für uns übertrieben erscheinender Brutalität, nahmen dabei auch schwere Verletzungen und sogar den Tod des Gegners in Kauf, aber sie blieben im Rahmen der offiziellen Regeln. Es war legitim und in der Gesellschaft anerkannt. Zu verlieren war keine Schande, solange man mit höchstem Einsatz gekämpft hatte.

Die Idee des ehrenvollen Sieges ohne wirtschaftlichem Interesse der Athleten, das Ringen nach Erfolg für einen einfachen Olivenzweig und den Jubel der fast 50.000 Zuschauer im Stadion, ist auch im Olympia der Antike jedoch nur eine Idealvorstellung, die genau wie heute, vom Streben nach Profit und finanziellen Vorteilen überdeckt wird. So waren die Teilnehmer, damals und jetzt, keine Amateure, sondern spezialisierte Profis mit eigenen Trainern, Ärzten und Köchen. Bereits Monate vorher wurde mit den Vorbereitungen und dem Training begonnen, man zog durch das ganze Land, von einem Wettkampf zum nächsten um dort die hohen Prämien zu gewinnen. Die Olympioniken erhielten nach den Spielen und ihrer Heimkehr enorme Geldsummen von ihren Städten, dazu eine Rente und fast alle durften ihr Leben lang am täglichen Mittagsmahl ihrer Heimatstadt teilnehmen.18 Dennoch bin ich der Auffassung, daß es bei den alten Griechen Ideale gab, die in der modernen Zeit verloren gegangen sind und uns mit Wehmut oder Anerkennung auf die Vergangenheit zurückblicken lassen.

Trotz ungezügelter Brutalität bei den Kämpfen wurden die Absprachen im Rahmen des ,heiligen Friedens` eingehalten. Dreihundertmal ruhten während der Olympischen Spiele die Waffen! Betrachtet man hingegen die wenigen Spiele der Neuzeit stellt man fest, daß wir uns weit entfernt haben von den einstigen Ideen der Neugründer. Wie oft mußten die Spiele wegen kriegerischer Auseinandersetzungen der Völker ausfallen, wie oft störten politische, rassische oder religiöse Feindschaften diesen friedlichen Wettstreit der Nationen, wie oft wurden sie in der knapp mehr als hundertjährigen Geschichte zum Zwecke der Propaganda oder der Vermarktung mißbraucht...?

Literaturverzeichnis:

- Augusta, Pavel: Zivilisationen des Altertums. Artia Verlag, Prag 1988
- Barthel, Manfred: Glanz und Geheimnis der Antike. Econ Verlag, Düsseldorf 1992
- Burkert, Walter in: Gebauer, Gunter (Hrsg.): Olympische Spiele - die andere Utopie der Moderne. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 1996, S. 27 - 38
- Veyne, Paul: a.a.O., S. 39 - 61
- Decker, Wolfgang: Sport in der griechischen Antike. Verlag C. H. Beck, München 1995
- R ö thig, Peter u.a. (Hrsg.): Sportwissenschaftliches Lexikon. Verlag Karl Hofmann, Schorndorf 1992
- Rudolph, Werner: Olympische Spiele in der Antike. Urania Verlag, Leipzig 1975
- Sch ö bel, Heinz: Olympia und seine Spiele. Urania Verlag, Leipzig 1980
- S.E.A. Multimedia: OSG - 100 years olympic summer games. IBM Microsoft, 1999
- Sinn, Ulrich: Olympia - Kult, Sport und Fest in der Antike. Verlag C. H. Beck, München 1996

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1 P. Veyne, Was faszinierte die Griechen an den Olympischen Spielen? (1996), 59

2 W. Decker, Sport in der griechischen Antike. (1995), 10

3 Wissenschaft der Wortgeschichte

4 H. Sch ö bel, Olympia und seine Spiele. (1980), 19

5 S.E.A. Multimedia, OSG - 100 years olympic summer games. (1999), CD - Rom

6 Vorher orientierte man sich an der Generationenfolge oder an Naturereignissen

7 Etwa später August zur Zeit der Obsternte; vgl. Sportwissenschaftliches Lexikon. (1992), 346

8 vgl. H. Sch ö bel, Olympia und seine Spiele. (1980), 14 f.

9 In ihm stand die 15m hohe Zeusstatue des Pheidias, eines der sieben antiken Weltwunder Überlieferung darüber, die offenbar bis ins 13. Jh. v. Chr. zurückgeht, besagt daß Herakles selbst sich am Ringkampf und am Pankration beteiligt und in beiden Kämpfen (natürlich) den Sieg davongetragen haben soll.

10 P. Augusta, Zivilisationen des Altertums. (1988), 110

11 vgl . W. Burkert, Das Opferritual in Olympia. (1996), 32 f

12 H. Sch ö bel, Olympia und seine Spiele. (1980), 18

13 P. Augusta, Zivilisationen des Altertums. (1988), 108

14 vgl. U. Sinn, Olympia - Kult, Sport und Fest in der Antike. (1996), 42 f

15 Bei der Festsetzung der ersten OS nahm er als Grundlage die Rundzahl von 75 Olympiaden ( = 300 Jahre) an

16 Bei der 291. Olympiade im Jahre 385 n. Chr. errang er den Sieg im Boxen

17 S.E.A. Multimedia, OSG - 100 years olympic summer games. (1999), CD - Rom

18 M. Barthel, Glanz und Geheimnis der Antike. (1992), 177

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Friedrich-Schiller-Universität Jena
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