Lade Inhalt...

Bewältigung oder Verdrängung? Das deutsche Gewissen nach 1945

Seminararbeit 2000 17 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Neuere Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Von der verordneten Vergangenheitsbewältigung

3. Metamorphosen der Vergangenheitsbewältigung
3.1.Die politisch-institutionelle Dimension
3.2.Die juristisch-personelle Dimension
3.3.Die biographisch-existenzielle Dimension
3.4.Die theoretisch-geistige Dimension

4. Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik
4.1.Die Stunde der Kritischen Theorie

5. Schlußbemerkung: Von der intellektuellen Gründung der Bundesrepublik zur Vergangenheitsbewältigung?

6. Anmerkungen

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit befaßt sich mit der Fragestellung, in welchem Ausmaß die nationalsozialis- tische Vergangenheit in den westlichen Besatzungszonen und der späteren Bundesrepublik Deutschland nach dem Zerfall des Dritten Reiches bewältigt wurde. Dabei stützt sich die Argu- mentation im wesentlichen auf zwei Texte: Friedrich H. Tenbrucks Aufsatz “Von der verordneten Vergangenheitsbewältigung zur intellektuellen Gründung der Bundesrepublik [...]”1 und Michael Bocks Betrachtungen über die “Metamorphosen der Vergangenheitsbewältigung”2. Das zentrale Anliegen dieser Arbeit besteht darin, die Schlüsselargumente der genannten Autoren zu verdich- ten.

Im ersten Teil dieser Abhandlung werden die politischen Rahmenbedingungen darge- stellt, die die weitere Entwicklung der westlichen Besatzungszonen determinierten (Kap. 2). Die- ser Abschnitt endet mit der formalen Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1949. Anschließend behandelt der zweite Teil die Wandlung von der “institutionellen” zur “intellektuel- len” Gründung der Bundesrepublik (Kap. 3 & 4) in einem zeitlichen Rahmen von 1949 bis in die 60er Jahre. An dieser Stelle soll geklärt werden, warum eine “zweite Gründung” der Bundesrepu- blik überhaupt notwendig war und inwiefern hier ein Zusammenhang mit dem Problem der Ve r- gangenheitsbewältigung besteht. Auf dieser Grundlage wird das Wirken der Frankfurter Schule verdeutlicht. Dabei bedient sich die Arbeit des von Bock generierten, methodischen Vorgehens, das die Vergangenheitsbewältigung in vier Dimensionen gliedert, die kurz erläutert werden. Basie- rend auf diesem theoretischen Gerüst wird abschließend ein Diskussionsanstoß vorgestellt, der zentrale Thesen der vorangehenden Kapitel zu einem Fazit bündelt.

2. Von der verordneten Vergangenheitsbewältigung

Einleitend stellt Tenbruck fest, daß sich die Frage nach der Zukunft Deutschlands nach dem Zer- fall des Dritten Reiches für Sieger und Besiegte gleichermaßen stellte (Tenbruck 1999, S. 78). Auf der Seite der Besiegten galt es, das Ausmaß der Mitschuld an den Verbrechen des Dritten Reiches zu begreifen, an dessen Ende die unfaßbare Katastrophe stand, der ganz Europa ausgesetzt war (Tenbruck 1999, S. 78). Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust mußte eine Staatsord- nung gefunden werden, die eine verläßliche Abwehr gegen jede Wiederholung bot. Damit orien- tierte sich die Richtung der Fragestellung an der Vergangenheit, die Deutschland in das Dritte Reich geführt hatte. Die Frage nach Deutschlands Zukunft war demnach die Frage nach Deutsch- lands Vergangenheit (Tenbruck 1999, S. 78). Ausdrücklich weist Tenbruck darauf hin, daß von Anbeginn ausschließlich die Besatzungsmächte die Lösung dieses Problems nach ihrem Verständ- nis vom Ursprung des Dritten Reiches vorgaben.

Dabei waren sich die Besatzungsmächte einig über die Bestrafung aller Schuldigen; ferner bestand Einvernehmen über die Notwendigkeit, die sogenannte deutsche Frage ein für allemal zu lösen, umgehend mit der Ausrottung des Natio- nalsozialismus zu beginnen und entsprechende “Säuberungsmaßnahmen” einzu- leiten (Tenbruck 1999, S. 78/79). Tenbruck verweist u.a. auf die Bedeutung der von den Alliierten gemeinsam geführten Nürnberger Prozesse: “Es ging [...] um die Glaubwürdigkeit der Vorwürfe einer deutschen Kollektivschuld aufgrund ei- ner willentlichen und wissentlichen Teilnahme an einem verbrecherischem Re- gime.”3 In diesem Zusammenhang bedeutend ist Tenbruck zufolge die Tatsache, daß alle Medien unter strikter Kontrolle der Militärregierungen standen; dadurch wurde die Eintracht der Besatzungsmächte unterstrichen und temporär eine voll- ständige Entmündigung aller Deutschen verfolgt.

Keineswegs jedoch war man sich einig über das Vorgehen bei der Vergan- genheitsbewältigung, so daß der Lösung der deutschen Frage in den einzelnen Besatzungszonen unterschiedlich begegnet wurde. Auf dieser Beobachtung fu- ßend konstatiert Tenbruck “[...] schwerwiegende und tiefgreifende Folgen für den Fortgang der deutschen Geschichte”4, deren Konsequenzen bis heute spürbar sei- en.

Die Situation in der sowjetischen Besatzungszone wiederum war geprägt durch die Erfas- sung der deutschen Frage im Sinne des Marxismus-Leninismus. Der Nationalsozialismus wurde dort als eine Abart des Faschismus interpretiert, durch den die Arbeiterklasse an der Erfüllung ihrer historischen Aufgabe (der Überwindung der Klassengesellschaft) gehindert worden sei. An- ders als im Westen ging man hier davon aus, daß allein durch die bereits stattgefundene Entmach- tung der kapitalistischen Klasse die Gefahr eines Rückfalls gebannt sei. Der Faschismus galt als ein aus dem (Spät-)Kapitalismus entstandenes Phänomen; das Dritte Reich wurde praktisch als “Werk des Kapitalismus” verstanden (Tenbruck 1999, S. 79). Daraus ergab sich eine simple Kon- sequenz: Wer den Kapitalismus abschafft, schafft auch die Gefahren des Faschismus ab. Davon ausgehend konnte Straffälligkeit – wie auch die übergeordnete Frage nach der Schuld – nach Klas- senzugehörigkeit ermittelt werden, so daß, je nach dem, ob man zur reaktionären Klasse gezählt wurde oder nicht, die Menschen mehr oder minder grob kategorisiert wurden. Als eine wesentliche Folge dieser Methode bezeichnet Tenbruck die Eliminierung individueller Schuld: Der Einzelne war schuldig, sofern er nicht glaubhaft versichern konnte, zur Arbeiterklasse zu gehören, die ins- gesamt von jeglicher Schuld befreit war (Tenbruck 1999, S. 81). Das bedeutet, daß auf dem Bo- den der sowjetischen Besatzungszone eine Kollektivschuld ausgeschlossen wurde. In den Augen Tenbrucks ist dieser Weg der Vergangenheitsbewältigung eine Einbahnstraße.

Tenbruck bringt deutlich zum Ausdruck, daß im Resultat dieser Behand- lung der deutschen Frage keine Denazifizierung stattgefunden habe. Die gesamte Schulbildung, das Erziehungs- und Umerziehungswesen, die Organe der Öffent- lichkeit und die politische Struktur der späteren DDR wurden ausnahmslos auf den marxistisch-leninistischen Duktus der Sowjetunion ausgerichtet. Wie während des Nationalsozialismus wurde auch hier eine Gleichschaltung praktiziert, die die Be- völkerung auf die aktuelle Ideologie einschwören sollte. Die anfänglich skeptische ostdeutsche Allgemeinheit machte sich die sozialistische Interpretation der Ge- schichte schnell zu eigen. Somit erklärten die Sowjets bereits im Februar 1948 die Denazifizierung offiziell für beendet. Spätestens mit der Gründung der DDR sieht Tenbruck diese Erklärungsvariante der deutschen Frage als erfolgreich verbreitet und im Bewußtsein der Menschen verankert (Tenbruck 1999, S. 82).

Im Gegensatz zur russischen Besatzungsmacht glaubte der Westen nicht, daß das Dritte Reich aus den Klassenverhältnissen zu erklären sei. Damit waren die ursächlichen Gründe für den Nationalsozialismus – und damit die Vergangen- heitsbewältigung – weniger klar zu identifizieren, als dies in der DDR der Fall war. Tenbruck zeigt zur Erklärung der Situation in den westlichen Besatzungszonen ein facettenreiches Bild auf, das nachvollziehbar werden läßt, inwiefern hier die Vergangenheitsbewältigung zum verordneten, dauerhaften Schuldbewußtsein wurde: “Diese folgenschwere Entwicklung war weder selbstverständlich, noch zufällig; sie stand auch nicht von vornherein fest, sondern trat langsam ein und wurde dann festgeschrieben”5, so Tenbruck über die prozeßhafte Entwicklung der Lage in den Westzonen. Diese war geprägt von einem tiefen Mißtrauen allen

Deutschen gegenüber, die besonders von den Amerikanern als unbelehrbare, “hit- lerhörige Nationalsozialisten”6 gesehen wurden. Tenbruck geht an dieser Stelle nicht näher auf die “Sonderwegthese”7 ein, deren Einschätzungen aber durchaus die theoretische Grundlage des beschriebenen Bildes der Deutschen liefern. Durch strenge Kontrollen und die Trennung der Besatzungszonen wurde den Besiegten die Möglichkeit zur Einflußnahme auf die öffentliche Meinungsbildung genom- men, wenn man die privaten Gespräche dabei nicht berücksichtigt. Als fernes Ziel stand die geistige Umerziehung der Deutschen, die sich von ihrer Geschichte komplett lossagen sollten. “Man verlangte kurzweg Schuldbekenntnisse”, schreibt Tenbruck, “die auf eine kollektive Ächtung des ganzen Volkes hinausliefen. Man erwartete Einsicht in die Schuld von einem Volk, dem man die Fähigkeit zur mo- ralischen Einsicht absprach.”8 Statt Einsicht resultierte aus der “verordneten Ver- gangenheitsbewältigung”, die nichts weiter war als ein Eingeständnis der Kollek-

tivschuld des deutschen Volkes, ein nahezu umfassendes Gefühl der Ohnmacht, das die zumeist physisch und psychisch stark angeschlagene Bevölkerung in den westlichen Besatzungszonen in einen Zustand der Lähmung versetzte, der weniger die Schmach der Büßer als vielmehr Ratlosigkeit ausstrahlte. Die Ächtung des ganzen Volkes (mit Ausnahme der Emigranten) machte aus der deutschen Katast- rophe ein Trauma, das fortan den Verlauf der deutschen Geschichte entscheidend bestimmte.

Die Besatzungspolitik im Westen geriet in einen unlösbaren Widerspruch. Einerseits sollte das deutsche Volk für einen demokratischen Staat gewonnen werden, andererseits traute man ihm kein zuverlässiges Bekenntnis zur Demokra- tie zu (Tenbruck 1999, S. 86/87). Aus Furcht vor dem Fortleben des Nationalsozi- alismus wurde den Deutschen keine Gelegenheit zur Emanzipation gegeben; Tenbruck spricht von einer “Behinderung der Selbstbestimmung”9 durch das ver- ordnete Schuldgefühl. Die Verweigerung des Selbstbestimmungsrechts wirkte wie ein Unrecht, zumal die von alliierten Militärgerichten geführten Prozesse (sowohl die Nürnberger Prozesse als auch die Strafkammerprozesse gegen Zivilisten, die unter Umständen die Öffentlichkeit direkter trafen) aus Sicht der Deutschen nicht überzeugten. Durch die ganz offensichtlichen wirtschaftlichen Interessen der A- merikaner entstand ein Gefälle in der Rechtsprechung, das massiv zuungunsten der Besiegten verlief; Sieger und Besiegte wurden mit zweierlei Maß gemessen, so daß der westliche Weg der Vergangenheitsbewältigung zunehmend unglaub- würdig erschien (Tenbruck 1999, S. 87).

Für die Westmächte hatte die Umerziehung der deutschen Bevölkerung absolute Priorität; aus Nationalsozialisten sollten verläßliche Demokraten ge- macht werden. Diese erste Phase der “verordneten Vergangenheitsbewältigung” endete mit der Gründung der Bundesrepublik. Die sich in atemberaubendem Tempo vollziehende Veränderung der weltpolitischen Lage schien die Gründung zweier deutscher Staaten unumgänglich werden zu lassen10. Mit der Teilung Deutschlands waren das Scheitern der gemeinsamen Besatzungspolitik und das weitere Schicksal der Deutschen besiegelt.

Nicht zuletzt sahen beide Seiten der Siegermächte ihr Handeln in den je- weiligen Interpretationen von der deutschen Geschichte gerechtfertigt – aus sow- jetischer Sicht die Theorie, Faschismus sei eine logische Folge des Kapitalismus; aus westalliierter Sicht vor allem die Interpretation, daß die sowjetische Sicht nicht zuträfe. Einerseits sorgte dies für die “Verewigung der Vergangenheitsbe- wältigung”11 im Westen, d.h. nach dem Eingestehen einer Kollektivschuld eine nicht enden sollende Auseinandersetzung mit der Geschichte. Andererseits gab es im Osten als Resultat den vermeintlichen Schlußstrich unter den deutschen Son- derweg: “Für die DDR war der deutsche Irrweg erledigte Geschichte, aber keine Schuld, an die sie sich stets in Buße zu erinnern hatte. Sie brauchte die Vergan- genheit nicht zu bewältigen, sie hatte sie bewältigt.”12

Die zwei neuen Staaten bedurften einer Ordnung, die den politischen und weltanschaulichen Vorstellungen der Besatzungsmächte genügte. Diese neue Ordnung sollte vor allem durch Ideologien und durch moderne intellektuelle Ar- gumente gefestigt werden. Im Westen wuchs – vor allem auf Drängen der Ameri- kaner – die Bedeutung der Sozialwissenschaften als Trägerinnen der Vergangen- heitsbewältigung. In besonderer Weise wollte man die junge Generation fördern, die sich in der “Gnade der späten Geburt”13 und als Garant der Demokratie verstand, was der Darstellung der Westmächte durchaus entsprach. Abgesehen vom Aufbau der Bundesrepublik gab es auch eine andere Motivation: Alle woll- ten so schnell wie möglich aus der bisherigen Ächtung entlassen werden, was sich beispielsweise durch das politische Bestreben äußerte, wieder in den Völkerbund aufgenommen zu werden.

Tenbruck läßt nach seiner Analyse der historischen Fakten keinen Zweifel daran, daß durch die Nachkriegspolitik der Besatzungsmächte eine Klärung des Nationalsozialismus weder im Osten noch im Westen stattgefunden hat (Tenbruck 1999, S. 89, 91, bes. 93). In der BRD waren es insbesondere zwei Faktoren, die die Vergangenheitsbewältigung verhinderten. Erstens vereitelte die Verweigerung des Selbstbestimmungsrechts die Möglichkeit, aus eigenem Antrieb und freiwillig die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu suchen. Zweitens implizierte die “Verewigung” der Vergangenheitsbewältigung die Unmöglichkeit, den Teufels- kreis von Schuld und Beschuldigung jemals zu verlassen. Die verordnete Bewäl- tigung wurde zu einem “unbewältigten Dauerthema”14, das auch nach der Grün- dung der Bundesrepublik weiterhin den Vorwurf schürte, “[...] die Bundesrepu- blik sei noch keine wahre, sondern eine formale Demokratie mit faschistoiden Zügen.”15 Tenbruck schließt seinen Aufsatz mit dem Ende der ersten Phase der Vergangenheitsbewältigung (der Gründung der Bundesrepublik 1949) an der Schwelle zur zweiten Phase, die er als “intellektuelle Gründung der Bundesrepu- blik” bezeichnet, in die das Scheitern der ersten Phase führte.

3. Metamorphosen der Vergangenheitsbewältigung

Nachdem im vorangegangenen Kapitel die politischen Rahmenbedingungen erläutert wurden, ist nun die Grundlage geschaffen, von der aus ein weiteres Vorgehen bei der Annäherung an das Thema “Vergangenheitsbewältigung” möglich ist. Michael Bocks Aufsatz “Metamorphosen der Vergangenheitsbewältigung” setzt genau dort an, wo Friedrich Tenbruck schließt: Bei der intellektuellen Gründung der Bundesrepublik. Was darf man sich unter einem hochgradig abstrakten Modell wie einer “intellektuellen Gründung” vorstellen? Um der Klärung dieser Frage näher zu kommen, geht Bock streng methodisch vor und stellt an den Beginn seiner Überlegungen ein Konzept, das zunächst die Mehrdeutigkeit des Begriffes “Vergangenheitsbewältigung” aufschlüsselt. “Vergangenheitsbewältigung” ist für Bock ein ideenpolitischer Terminus, dessen Bezug, oder genauer: dessen Bedeutung stets an der “Legitimität der Nachfolgestaaten des Dritten Reiches”16 gemessen wurde. Konkret gilt es dabei zu klären, welche Leistungen zur Bewältigung der Vergangenheit gefordert und welche erbracht wurden. Und welche Mißstände, Ursachen oder Defizite galt es überhaupt zu bewältigen? Bock unterscheidet vier Dimensionen des Begriffes nach seiner Bedeutung: Die politisch-institutionelle, die juristisch-personelle, die biographisch-existenzielle und schließlich die theore- tisch-geistige Dimension (Bock 1999, S. 531–534). Die letztgenannte soll hier schwerpunktartig und ein wenig ausführlicher als die übrigen behandelt werden.

3.1. Die politisch-institutionelle Dimension

Darunter faßt Bock beispielsweise die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland. Diese sei nicht nur von einem tiefen Mißtrauen gegenüber dem Volk gekennzeichnet, sondern sichere dar- über hinaus in erster Linie die Vermeidung der Wiederkehr totalitärer Politik (Bock 1999, S. 531). Dazu gehören selbstverständlich auch die Leistungen des wirtschaftlichen Wiederaufbaus, nament- lich die Einführung der sozialen Marktwirtschaft (Bock 1999, S. 531). Die neue Wirtschaftsord- nung sollte nicht eine bloße “Technik des Wirtschaftens”17 sein, sondern vor allem (nach amerika- nischen Vorbild) das Bewußtsein der Menschen durchdringen und mit neuem “Glauben” erfüllen. Weiter stand die Außenpolitik im Zeichen der Aussöhnung mit dem Ausland, insbesondere der europäischen Nachbarn, Israel und dem Judentum (Bock 1999, S. 531).

3.2. Die juristisch-personelle Dimension

Hierunter fällt für Bock alles Handeln, das im Zusammenhang mit der sogenann- ten Entnazifizierung steht: Die “Säuberung” der Gesellschaft von verantwortli- chen Personen, Nürnberger Prozesse (1945) etc. Sollten belastete Personen über- haupt – und wenn, wie – am Wiederaufbau von Verwaltung, Justiz und Armee beteiligt werden? Als Gegenstück zu dieser Form der “Säuberung” nennt Bock die Wiedergutmachungsleistungen gegenüber den unmittelbaren Opfern des National- sozialismus (Bock 1999, S. 531/32).

3.3. Die biographisch-existenzielle Dimension

Biographisch-existenzielle Vergangenheitsbewältigung im Rahmen eines rechts- staatlichen Verfahrens betrachtet Bock als nur sehr eingeschränkt möglich, da es hauptsächlich um die Form der Auseinandersetzung jedes Deutschen mit morali- schen Werten gehe (Bock 1999, S. 532). Hier geht es im wesentlichen um die Annahme einer Kollektivschuld in einer psychologisch-metaphysischen Dimensi- on, die überwiegend auf Erklärungsmodellen der analytischen Psychologie basiert und bis in die heutige Zeit einen heftig umstrittenen Bereich der deutschen Ver- gangenheitsbewältigung darstellt (und hier nicht weiter behandelt werden kann). Zu dieser Dimension zählt Bock auch die Generationenschwelle: Die Trennung zwischen der Vatergeneration und der “vaterlosen Generation”, zwischen Da- heimgebliebenen und Emigranten habe die Vergangenheitsbewältigung entschei- dend beeinflußt.

3.4. Die theoretisch-geistige Dimension

Neben den zahlreich geführten Debatten politischer, rechtlicher und ökonomischer Art, die sämt- lich in der ersten Phase der Vergangenheitsbewältigung begründet liegen (und demnach ihren Beitrag zur formalen, institutionellen Gründung der Bundesrepublik geleistet haben), existieren übergreifende Geschichtsdeutungen, die den Nationalsozialismus umfassend historisch einzuord- nen versuchen, um Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen (Bock 1999, S. 533). Oberste Priorität bei allen Deutungsversuchen hat dabei die Verhinderung (einer Wiederkehr) des Nationalsozialis- mus in all seinen Formen. Damit steht der Umgang mit dem, was Tenbruck die “Furcht vor dem unausrottbaren deutschen Ungeist”18 nennt, im Vordergrund. Im Zentrum dieser Überlegungen stehen die umfangreichen Umerziehungsmaßnahmen, die “Reeducation” der alten Deutschen (der Vatergeneration) und die politische Erziehung der jungen Deutschen zu zuverlässigen Demokraten (Bock 1999, S. 534).

Die Funktion der vier Dimensionen hat weitgehend theoretischen Charak- ter: Es wird vorausgesetzt, daß sich in der empirischen Wirklichkeit die Leistun- gen sowohl verstärken als auch behindern (Bock 1999, S. 534). Als Beispiel führt Bock die Strafprozesse der 60er Jahre an, die als möglicher, indirekter Auslöser für eine Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit gesehen werden kön- nen, durchaus aber auch konträre Reaktionen provoziert haben (Bock 1999, S. 534). Die relevante Bedeutung für die Frage nach den Leistungen einer Vergan- genheitsbewältigung liegt darin, daß kaum eine Möglichkeit zur Gesamtbeurtei- lung besteht, d.h. man weiß nichts darüber, ob zuviel oder zuwenig bewältigt wurde: “Die vielen Fragen nach Interdependenzen, die sich unwillkürlich einstel- len, [...] machen die Schwierigkeiten deutlich, zu einem realistischen Gesamtbild zu kommen [...].”19

Bock analysiert mit Hilfe der Unterscheidung jener vier Dimensionen die Veränderungen in der “Relevanz- und Chancenstruktur”20 der Vergangenheitsbe- wältigung (Bock 1999, S. 536). Durch dieses Verfahren versucht der Autor, auf dem Grund der politischen Rahmenbedingungen die Argumente für und wider den Sinn und Zweck der ergriffenen Maßnahmen zur Bewältigung der Vergangenheit zu differenzieren. Woraus ergaben sich Möglichkeiten? Und an welchen Stellen drohte die Vergangenheitsbewältigung in eine Sackgasse zu geraten? Die Über- forderung der Deutschen mit der Aufgabe der Selbstkasteiung durch ein kollekti- ves Schuldbekenntnis lief tendenziell zunehmend darauf hinaus, der Kritischen Theorie in die Hände zu arbeiten.

Die Hauptziele der Alliierten waren: “Demilitarization”, “Decentralizati- on”, “Democratization” und “Denazification”21. Bei der “Neuorientierung” wurde zunehmend auf die humanistische Tradition zurückgegriffen, die vor allem eine “Erneuerung der Wertorientierungen” bewirken sollte (Bock 1999, S. 536ff). Auch dies geschah – wie alle Bemühungen der Nachkriegspolitik der Alliierten – vor dem Hintergrund einer “inneren Struktur” der historischen Deutung, die als Schlüssel zur Vergangenheitsbewältigung gesehen wurde (Bock S. 536ff). Die Politik der “Reeducation”/“Reorientation” verlief nach Bocks Einschätzung ab den 50er Jahren in eine Richtung erfolgreich, indem belastete Lehrkräfte aus dem Dienst entfernt wurden (Bock 1999, S. 539). In einer anderen, nicht weniger be- deutsamen Richtung allerdings muß die “Reeducation” als gescheitert betrachtet werden, da die Hauptakteure, die Amerikaner, die Einführung eigener Bildungs- konzepte nicht durchsetzen konnten (Bock 1999, S. 539) und daher die Einfluß- nahme auf das Denken der Bevölkerung nicht vollzogen wurde. Mit der Wieder- eröffnung der Universitäten aber wurde in den westlichen Besatzungszonen bald ein Rückgriff auf die humanistische Tradition in die Wege geleitet, wenngleich sich die Bedeutung für die Gesellschaft zunächst sehr vage darstellte (Bock 1999, S. 542ff). Für die weitere Entwicklung der Vergangenheitsbewältigung wurden hingegen an diesem Punkt die Weichen gestellt. Inwiefern diese den Zug der deutschen Geschichte durch eine zweite Gründung der Bundesrepublik in die Zu- kunft lenkten, ist Gegenstand des folgenden Kapitels.

4. Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik

Mit der institutionellen Gründung der Bundesrepublik erfuhr die Vergangenheitsbewältigung eine Revision: Aus der Vergangenheitsbewältigung wurde die Kritik an der Vergangenheitsbewält i- gung (Bock 1999, S. 547). Mit der institutionellen Gründung der Bundesrepublik war wieder ein deutlich umrissener Feind vorhanden, nämlich die bestehende Gesellschaftsordnung und die polit i- schen und sozialen Ereignisse im Land, kurzum: die Bundesrepublik selbst. Ihr wurde die neuerli- che Vermeidung geschichtlicher Notwendigkeiten unterstellt und damit wurden alle Dimensionen als nicht ausreichende Vergangenheitsbewältigung angegriffen. Dazu Bock: “Die institutionelle Gründung der Bundesrepublik konnte als Restauration angegriffen werden, als erneutes (nach 1848 und 1918) Auslassen historischer Chancen.”22 In diese Zeit fällt die Bildung einer bundesre- publikanischen Linken, die die DDR als Vorbild einer besseren Vergangenheitsbewältigung dar- stellte. Zugleich zerbrach die “abendländische Einheitsfront” und damit der “Burgfrieden” zwi- schen den politischen Lagern (Bock 1999, S. 548). Nach einer scheinbar langen Zeit einheitlicher Interessen hatte man es nun wieder mit einer kontroversen politischen Situation zu tun, die Werte, Deutungsmuster und Erklärungsmodelle der jeweiligen Lager scharf trennte. Das Novum dabei war das politische Interesse der westdeutschen Bevölkerung, die sich zunehmend eine kritische Einmischung in das staatliche Vorgehen zutraute.

Eine zentrale Rolle beim gesellschaftlichen Neuaufbau spielten die Emigranten, die Im- munität in allen Fragen der persönlichen Verantwortung genossen (Bock 1999, S. 549). Da für Linke, wiedergekehrte Exilanten und Angehörige der jüngeren Generation der Nationalsozialismus weder etwas persönlich Erlebtes noch etwas persönlich Verschuldetes war (biographisch- existenzielle Dimension), gewann die Meta-Ebene in der Diskussion um die Vergangenheitsbe- wältigung zunehmend an Bedeutung. Innerhalb der nun relevanteren theoretisch-geistigen Dimen- sion bekam die systematische und grundsätzliche Auseinandersetzung mit der deutschen Ge- schichte mehr und mehr Gewicht (Bock 1999, S. 551ff).

Denn auch nach der institutionellen Gründung der BRD blieb die Vergangenheitsbewälti- gung die erklärte Daueraufgabe der Deutschen: “Aus den vorgetragenen Geschichtsdeutungen”, schreibt Bock, “[...] hatte man die Folgerungen für die Gegenwart zu ziehen, aus denen sich auch bei kritischer Nachfrage ergeben mußte, ob die Bundesrepublik die Gewähr bot, dauerhaft gegen Rückfall gefeit zu sein.”23 Die Klärung dieser Frage wurde den Sozialwis senschaften und der Pä- dagogik überlassen. Prominente “Angehörige der skeptischen Generation”24 einerseits und zu- rückkehrende Emigranten wie Horkheimer und Adorno andererseits vertraten das Denken der jüngeren Generation.

Die von den USA stark geförderten Sozialwissenschaften wurden plötzlich und schnell sehr wichtig und erhielten “Definitionsmacht” über die Maßnahmen der Vergangenheitsbewält i- gung (Bock 1999, S. 552). Zunächst stand hier die jüngere Vergangenheit Deutschlands im Vo r- dergrund; langfristig zeichnete sich eine Entwicklung in Richtung empirische Forschung ab. Die Einsicht, daß es zu den humanistisch-traditionellen Erklärungsmodellen keine praktikable Alterna- tive gab, führte zum einen zu einer Renaissance staatstheoretischer Ansätze. Darüber hinaus war jedoch nun auch eine “Repolitisierung” in der westdeutschen Bevölkerung zu bemerken. Diese “Repolitisierung” äußerte sich durch die in- und ausländischen Reaktionen auf insbesondere zwei Ereignisse: die “[...] Welle der antisemitischen Ausschreitungen und Schmierereien von 1959”25 und die Spiegelaffäre, die “[...] wie kein anderes Ereignis [...] die Repolitisierung der politikmüden älteren und der skeptischen jüngeren Generation beschleunigt und die intellektuelle Opposition geeint (hat).”26

Zudem gewann die Studentenbewegung international zunehmend an Bedeutung, was be- kanntlich wenig später zu handfesten Revolten führte. Der von den Studierenden erhobene An- spruch auf Mitbestimmung und Gleichstellung wurde in Seminaren und Arbeitsgruppen diskutiert und gelangte damit an eine breitere Öffentlichkeit. In einem sich verselbständigenden Prozeß ent- stand eine “Fundamentalopposition”27 gegen die bestehende Gesellschaftsordnung. Die “Scheu vor übergreifenden politischen Fragen”28 wurde nun von Politik- und Sozialwissenschaften themati- siert und in einen größeren gesellschaftlichen Kontext gestellt. Besonders Horkheimer und Adorno wollten mehr als Demokratie und Marktwirtschaft. Die “greifbaren Gefahren”29 lauerten aus ihrer Sicht in der modernen Technik – die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik fällt in die Zeit der Atombombe – und erwuchsen allgemein aus der kapitalistischen Produktionsweise.30

Als populärste Vertreter der Frankfurter Schule folgten Horkheimer und Adorno nicht der westalliierten Idee von der Verewigung der deutschen Schuld, sondern glaubten an eine Vergan- genheitsbewältigung durch permanente Wachsamkeit und tiefgreifenden Wandel: “Aus dem Wil- len, den Mängeln der bisher stattgefundenen Vergangenheitsbewältigung abzuhelfen, entstand so etwas wie die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik.”31

4.1. Die Stunde der Kritischen Theorie

Mit der Gründung der Bundesrepublik war die Problematik der Gesellschaftsord- nung jedoch noch nicht gelöst. Hier kam die Kritische Theorie ins Spiel, die schon in den 30er Jahren von Horkheimer und Adorno entworfen und in den 60er Jahren wiederbelebt wurde. Ursprünglich eine interdisziplinäre Faschismustheorie, schien die Kritische Theorie ohne weiteres anwendbar auf den aktuellen Kontext, zumal der thematische Abschied vom Marxschen Basis-Überbau-Schema bereits vollzogen war: “Auf die demokratische Verfassung kam es [...] nicht an. Die ent- sprechenden Texte konnten daher in den 60er Jahren gelesen werden, als seien sie unmittelbar aktuell”32, bemerkt Bock. Horkheimer war in den 30er Jahren über- zeugt, daß auch Amerika auf den Faschismus zusteuern würde. Diese Annahme wurde auf die 60er Jahre und den Adenauerstaat übertragen.

Der berühmt gewordene Ausspruch Adornos: “Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung”33, stellte eine direkte Verknüpfung von Faschismus und Holocaust her, denn “‚Auschwitz‘ er- schien ihm als ‚Ausdruck einer überaus mächtigen gesellschaftlichen Tendenz‘, nämlich der im Zivilisationsprozeß angelegten Barbarei. In anderer Gestalt kann sich die Massenvernichtung schuldloser Menschen daher überall und jederzeit wiederholen.”34

Der Kampf gegen den Faschismus wurde erst durch diese Gedanken zur wichtigsten Pflicht der Frankfurter Schule. Habermas u.a. etablierten die Kritische Theorie zum “Träger des Aufbruchs”35 der intellektuellen Gründung der Bundes- republik. Im Geist der 30er Jahre zeigte sich Habermas in der Gestaltung und Verbreitung der Kritischen Theorie der 60er Jahren besonders offensiv. Dies war jedoch unvereinbar mit der eher abwartenden Haltung der Väter eben dieser Theo- rie; namentlich der Heidegger-Schüler Habermas (aber auch Hayek und Popper) fiel durch diese Bezugnahme bei Horkheimer in Ungnade (Bock 1999, S. 562 / Wiggershaus 1997, S. 597ff). Der Zwist zwischen Horkheimer und Adorno auf der einen und der jüngeren, nachwachsenden Generation der Frankfurter Schule auf der anderen Seite hat einen augenfälligen Hintergrund: Nicht der Faschismus, sondern die (post-)faschistische Demokratie ist Habermas’ Thema (Bock 1999, S. 562) – und damit das Anliegen der Kritischen Theorie der 60er Jahre.

Die gemeinschaftsbildende, identitätsstiftende Wirkung der Kritischen Theorie in den 70er Jahren hatte mit den Ideen der klassischen Vertreter der Frankfurter Schule kaum mehr etwas gemein. Vielmehr entstand eine eigenstän- dige, den neuen Lebenssinn selbst erschaffende Kritik an der Vergangenheitsbe- wältigung (Bock 1999, S. 566), zu der die Kritische Theorie der 30er Jahre nur noch die theoretisch-geistige Steilvorlage lieferte. Insgesamt hat die Frankfurter Schule das Selbstverständnis der Bundesrepublik Deutschland als dominante Richtungsgeberin bestimmt – nicht primär philosophisch, sondern funktional: Als aufmerksame Wächterin der Gegenwart.

5. Schlußbemerkung: Von der intellektuellen Gründung der Bundesrepublik zur Vergangenheitsbewältigung?

Angesichts der gegenwärtig nicht enden wollenden gewaltsamen Übergriffe “von rechts”, der erneuten öffentlichen Debatte um ein Verbot demokratiegefährdender Parteien, der vielerorts geglückten Einzüge derselben in Landesregierungen und der besonders beunruhigenden Duldung quasi-faschistischer Äußerungen in brei- ten, relevanten Gruppen der Gesellschaft erscheint die Frage nach einer gelunge- nen Vergangenheitsbewältigung in West- und Ostdeutschland so aktuell wie je zuvor. Hat der “unausrottbare deutsche Ungeist”36 fortexistiert? Fördert er nun wieder die Neigung der “unverbesserlichen” Deutschen zum Extremismus? Nach der vorangegangen Betrachtung des Verlaufs der Vergangenheitsbewältigung in Westdeutschland kann eine solche Frage weder bejaht noch verneint werden. Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind – im Gegensatz zu zahlreich publizier- ten Behauptungen – nicht ausschließlich deutsche Phänomene; tatsächlich gibt es sie in allen Völkern der Welt, wenn auch in variierenden Ausprägungen.

Faschismus ist ein Phänomen, das in Europa zwischen den 20er und 40er Jahren in nahezu allen Regimes die Staatsform stellte. Die These vom deutschen “Sonderweg” ist mehrfach und überzeugend widerlegt worden. Unterstrichen werden soll an dieser Stelle aber noch einmal Theodor W. Adornos Verweis auf die unfaßliche Barbarei des Holocaust. Dieser muß als spezifische Ausprägung des deutschen Faschismus gesehen werden, und diesem muß – wie Adorno richtig erkannte – ursächlich entgegengewirkt werden, und zwar mithilfe der Auseinan- dersetzung mit der deutschen Geschichte.

Friedrich Tenbruck und Michael Bock kommen einhellig und unzweifel- haft zu dem Schluß, daß die gemeinsame Besatzungspolitik der Alliierten samt aller hehren Umerziehungsvorhaben (die teilweise an den Machtinteressen der Amerikaner orientiert waren) gescheitert ist. Auch die Entnazifizierung, die die Grundlagen zu einer wirksamen Vergangenheitsbewältigung hätte legen sollen, ist in letzter Konsequenz mißlungen. Eine abschließende Klärung des Nationalsozia- lismus hat in keinem der Nachfolgestaaten des Dritten Reiches stattgefunden. Die genannten Ursachen in den westlichen Besatzungszonen (die Verweigerung der Selbstbestimmung, die andauernde Ächtung eines Volkes, das kollektiv für schul- dig gehalten wurde, die beginnende Politik des Kalten Krieges etc.) haben ein Trauma bewirkt, dem allenfalls auf linksintellektueller Ebene begegnet wurde.

Die Bedeutung dieser Tatsache ist ebenso offensichtlich wie folgenschwer: Eine wirksame Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus hat in der DDR und Österreich (mit Ausnahme der “Säuberungsmaßnahmen”) überhaupt nicht und in der Bundesrepublik lediglich für eine relativ kurze Dauer stattgefunden – und in der gebührenden Intensität nur in als akademisch zu bezeichnenden Krei- sen. Zwar soll hier der entscheidende, für die Bewältigung der deutschen Vergan- genheit maßgebliche Einfluß der Frankfurter Schule (insbesondere durch Jürgen Habermas) auf die Staatsbildung der Bundesrepublik nicht negiert werden. Fest- zustellen bleibt jedoch, daß die “Daueraufgabe” der Vergangenheitsbewältigung bis heute weder gelöst noch abgeschlossen ist.

Auch haben sich die Koordinaten auf der politischen Landkarte nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten seit 1990 verschoben: Einerseits ist der “klar kontuierte Gegner”37 der bundesrepublikanischen Linken der 60er Jahre längst verschwunden, und die “Revolutionäre” von einst sind nicht bloß im System der Bundesrepublik voll etabliert, sondern sogar teilweise durch vormals verhaßte Machtstrukturen korrumpiert. Die Revolution hat ihre Kinder nicht nur gefressen, sondern längst verdaut und wieder ausgeschieden. Bis heute ist es nicht gelungen, mit verklärten, mythologisierten Geschichtsbildern aufzuräumen; min- destens bis zum Ende der Regierung Helmut Kohls herrschte in einflußreichen Kreisen der deutschen Gesellschaft ein konservatives Geschichtsverständnis der “großen Männer”, das zu einer wirkungsvollen Auseinandersetzung mit der Ver- gangenheit in höchstem Maße ungeeignet ist. Andererseits hat die Bevölkerung der ehemaligen DDR noch nicht einmal damit angefangen, die eigene nationalsozi- alistische Vergangenheit aufzuarbeiten, geschweige denn zu bewältigen. Aller Voraussicht nach wird damit auch im 21. Jahrhundert nicht begonnen werden. Die beiden deutschen Staaten nach 1945 haben die Vergangenheit nicht bewältigt, sondern in entscheidenen Punkten verdrängt. Bei allen Unterschieden im Umgang mit der eigenen Vergangenheit, ist ihnen dies zumindest gemein.

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

Bock, Michael: Metamorphosen der Vergangenheitsbewältigung, in: Albrecht u.a., Kap. 15, Frankfurt / New York 1999.

Horkheimer, Max und Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung. Politische Fragmente. Frankfurt am Main 1969.

Mulisch, Harry: Strafsache 40/61. Eine Reportage über den Eichmann-Prozeß. Berlin 1996.

Taylor, Telford: Die Nürnberger Prozesse. Hintergründe, Analysen und Erkennt- nisse aus heutiger Sicht. München 1994.

Tenbruck, Friedrich H.: Von der verordneten Vergangenheitsbewältigung zur in- tellektuellen Gründung der Bundesrepublik: Die politischen Rahmenbedingungen, in: Albrecht u.a., Kap. 4, Frankfurt / New York 1999.

Wehler, H.-U.: Bibliographie zur neueren deutschen Sozialgeschichte. München 1993.

Wiggershaus, Rolf: Die Frankfurter Schule. Geschichte, Theoretische Entwick- lung, Politische Bedeutung. München 1997.

[...]


1 Tenbruck, Friedrich H.: Von der verordneten Vergangenheitsbewältigung zur intellektuellen Gründung der Bundesrepublik: Die politischen Rahmenbedingungen, in: Albrecht u.a., Kap. 4, Frankfurt / New York 1999.

2 Bock, Michael: Metamorphosen der Vergangenheitsbewältigung, in: Albrecht u.a., Kap. 15, Frankfurt / New York 1999.

3 Tenbruck 1999, S. 89.

4 Ebd., S. 79.

5 Ebd., S. 82.

6 Ebd., S. 89.

7 Mit den Stichworten “Machtübernahme”, “preußischer Militarismus”, “Obrigkeitsstaat”, “Kritik an der Aufklärung”, “romantische Realitätsvergessenheit der Deutschen” können hier die argu- mentativen Grundlagen der Sonderwegthese gefaßt werden.

8 Ebd., S. 88.

9 Ebd., S. 88, 90.

10 Hier wäre ferner u.a. das Drängen der Alliierten auf Wiederbewaffnung der Bundesrepublik zu nennen (1950). Aufgrund des beiderseitigen politischen “Nutzens” eines eisernen Vorhangs be- gann sich ein kalter Wettbewerb zweier Weltanschauungen stellvertretend in den beiden deutschen Staaten zu vollziehen.

11 Ebd., S. 82.

12 Ebd., S. 81.

13 Ebd., S. 96.

14 Ebd., S. 84/5/6; S. 96.

15 Tenbruck 1999, S. 96.

16 Bock 1999, S. 530.

17 Ebd., S. 531.

18 Tenbruck 1999, S. 96.

19 Bock 1999, S. 534.

20 Ebd., S. 536.

21 Ebd., S. 536.

22 Ebd., S. 548.

23 Ebd., S. 551.

24 Ebd., S. 550.

25 Ebd., S. 557; heute gilt als sicher, daß es sich hierbei um Inszenierungen der STASI handelte.

26 Ebd., S. 557.

27 Ebd.; S. 557.

28 Ebd., S. 556ff.

29 s. hierzu Kap. “Kulturindustrie”, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, in: “Die Dialektik der Aufklärung”, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1969.

30 Bock 1999, S. 557.

31 Ebd., S. 558.

32 Ebd., S. 561.

33 Ebd., S. 561.

34 Ebd., S. 561.

35 Ebd., S. 562.

36 Tenbruck 1999, S. 96.

37 Bock 1999, S. 547.

Details

Seiten
17
Jahr
2000
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v99742
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
Schlagworte
Bewältigung Verdrängung Gewissen Wirkungsgeschichte Frankfurter Schule

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Bewältigung oder Verdrängung? Das deutsche Gewissen nach 1945