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Eine Übersicht über die wichtigsten dualistischen Positionen im Leib-Seele-Problem

Seminararbeit 2002 10 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Dualismus
2.1 Allgemeine Grundlagen
2.2 Geschichtliche Entwicklung
2.3 Interaktionistischer (kartesischer) Dualismus
2.3.1 Position
2.3.2 Gegenargumente
2.4 Epiphänomenalismus
2.4.1 Position
2.4.2 Gegenargumente
2.5 Psychophysischer Parallelismus
2.5.1 Position
2.5.2 Gegenargumente
2.6 Fazit

3. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Selbst als Erstsemester und blutigem Anfänger wird einem relativ rasch klar, daß man es mit dem Leib-Seele-Problem mit einem der ältesten und neben der Gottesfrage vielleicht sogar dem zentralsten Problem der Philosophie zu tun hat. Ein Problem, daß die Philosophie in ihrer mehr als 2.500 jährigen reflektierten Geschichte immer begleitet hat und nach wie vor einer Lösung harrt. Diese, sollte es eine geben, wird jedoch vermutlich nicht von philosophischer, sondern wahrscheinlich wieder einmal von naturwissenschaftlicher Seite zu erwarten sein.

Durch diese Proseminararbeit ist man also gezwungen seine ersten täppischen Schritte auf dem glatten und häufig frustrierendem Parkett der philosophischen Auseinandersetzung zu gehen. Dabei ist man zunächst von dem Gedanken beseelt sich mit irgendeiner Detailfrage des Dualismus auseinanderzusetzen, um nur ja nicht noch mal das zu schreiben, was sowieso schon x-mal geschrieben wurde. Bei der ersten Sichtung der Literatur und Beschäftigung mit dem Thema geht einem jedoch auf, daß man ganz gut beraten wäre, zunächst einmal die Grundlagen halbwegs zu durchdringen, ehe man sich in Details verliert. Deshalb beschäftigt sich auch diese Arbeit ‘nur‘ mit einer Darstellung der wichtigsten dualistischen Positionen und den Schwächen in ihren Argumentationen.

Die Zielsetzung war ganz eindeutig das Verstehen der grundlegenden Unterschiede und dieses Verstehen schriftlich zu dokumentieren.

Da ich jedoch relativ optimistisch bin, daß das Leib-Seele-Problem in den nächsten ca. 4 Jahren meines Studiums nicht von der philosophischen Bühne verschwinden wird, besteht durchaus die berechtigte Hoffnung, sich zu einem späteren Zeitpunkt nochmals fundierter, detaillierter und hoffentlich auch qualifizierter mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

2. Dualismus

2.1 Allgemeine Grundlagen

Der Duden definiert den Begriff Dualismus als "philosophisch-religiöse Lehre, nach der es nur zwei voneinander unabhängige ursprüngliche Prinzipien im Weltgeschehen gibt".[1] Auf das Leib-Seele-Problem bezogen, bedeutet dies, daß die unabdingbare Grundvoraussetzung für den Aufbau einer wirklich dualistischen Position die Verschiedenheit von Gehirn (als Vertreter des Leibes) und Bewußtsein (als Vertreter für Seele oder Geist) ist. Die Art der Verschiedenheit und vor allen Dingen die Beziehung zueinander bestimmt dann weitestgehend, welche Position eingenommen wird. Jedoch muß immer eine Unterscheidbarkeit zwischen physischen und mentalen Entitäten verbleiben. Denn wer diese Verschiedenheit aufgibt und beispielsweise die Meinung vertritt, daß erlebte Bewußtseinszustände wie Freude, Angst, Erregung etc. ausschließlich auf bio-chemische Prozesse im Gehirn zurückzuführen seien, kann niemals zu einer dualistischen Haltung gelangen.

Andererseits scheint uns unsere Alltagserfahrung ganz eindeutig zu zeigen, daß unser Bewußtsein sehr eng mit unserem Gehirn verbunden ist. Dies wird auch durch die Hirnforschung gestützt, die beispielsweise bestimmte mentale Zustände bestimmten Gehirnregionen zuordnen kann. Aus dieser Gehirn-Bewußtsein-Beziehung heraus ergeben sich eine Reihe von Problemen und Fragestellungen. Diese werden in den verschiedenen Positionen, die unter den Überbegriff Dualismus fallen, unterschiedlich interpretiert und beantwortet.

2.2 Geschichtliche Entwicklung

Im Laufe der Geschichte des Leib-Seele-Dualismus hat sicherlich eine Schwerpunkt-verschiebung von der Seele hin zum Leib, bzw. vom Mentalen zum Physischen stattgefunden. "In der Antike ist die Seele, psyche, in erster Linie das, was das Lebende vom Toten unterscheidet. ... Es ist der Besitz einer Seele, der den Unterschied ausmacht zwischen Pflanzen, Tieren und Menschen auf der einen und z.B. Steinen, Tischen und Häusern auf der anderen Seite ...".[2] Platon ist der Meinung, daß die Seele das eigentliche Selbst des Menschen ausmache. Dies bedeutet, daß der Mensch eigentlich nur durch seine Seele definiert ist.[3] Bekannt ist auch das Wort Aristoteles, nachdem der Körper nur der Kerker für die Seele sei. Auch die Scholastik des Mittelalters stützt sich im wesentlichen auf diese Auffassung, da sie mit den ihr eigenen religiösen Überzeugungen gut vereinbar war.

Der erste große Sprung in der Neuzeit erfolgt bei Descartes, der die Seele nicht mehr als das Prinzip des Lebens ansieht und deshalb natürlich viel direkter als Platon oder Aristoteles unter Rechtfertigungsdruck gerät, weshalb diese Seele denn überhaupt existieren müsse.[4] Durch den seitdem anhaltendem Siegeszug der Natur-wissenschaften scheint die Notwendigkeit einer Seele mehr und mehr in Frage gestellt zu werden und der Mensch mit seinen Bewußtseinszuständen nur noch als System bio-chemischer und neuronaler Vorgänge verstehbar zu werden.

2.3 Interaktionistischer (kartesischer) Dualismus

2.3.1 Position

Der interaktionistische Dualismus ist untrennbar mit dem Namen Rene Descartes' (1596 – 1650) verbunden. Ausgehend von seiner bekannten Grundthese cogito ergo sum zeigt Descartes, daß er notwendigerweise ein denkendes Wesen ist. Dabei versteht er unter Denken die gesamte Vielfalt unseres bewußten mentalen Lebens.[5] Dieses Denken ist jedoch Träger von Eigenschaften die sich grundsätzlich von seinen körperlichen unterscheiden. Dies ergibt sich alleine bereits daraus, daß seinen mentalen Eigenschaften (res cogitans) keine körperliche Ausgedehntheit zukommt, jedoch seinem Körper sehr wohl (res extensa). Descartes wird somit zum Vertreter eines radikalen Substanzendualismus und widerlegt mittels seines metaphysischen Argumentes die psychophysische Identitätsthese. Vereinfacht dargestellt, schließt Descartes aus der Möglichkeit der Verschiedenheit von Körper und Geist, bereits auf deren tatsächliche Verschiedenheit.

Nachdem der erste Schritt getan und die Verschiedenheit von Körper und Geist erwiesen scheint, stellt sich natürlich die Frage nach der Beziehung dieser beiden unterschiedlichen Substanzen zueinander. Die Vertreter des interaktionistischen Dualismus verfechten die These einer gegenseitigen Wechselbeziehung zwischen der physischen und mentalen Welt. Begründet wird dies durch die Alltagserfahrung, nach der unsere Wünsche und Bedürfnisse unser Handeln zu wesentlichen Teilen zu bestimmen scheinen. So lässt uns beispielsweise der Wunsch nach einem bestimmten Musikstück zu einer CD greifen. Auch umgekehrt spricht viel dafür, daß Einflüsse aus der physischen Welt unsere Bewußtseinszustände mitbestimmt. Der Schmerz, den wir fühlen, wenn wir auf eine heiße Herdplatte greifen ist ein einfaches Beispiel.

Ein anderer Argumentationsstrang verfolgt einen evolutionsgeschichtlichen Weg. Warum, so lautet die Frage, sollte der Mensch in seiner Entstehungsgeschichte ein Bewußtsein entwickelt haben, wenn es nicht auch in die physische Welt hinenwirken würde und nicht zum 'survival of the fittest' beitrüge.

Diese beiden Argumente machen zwar die Interaktion plausibel, jedoch sind sie weder ein Beweis noch klären sie, wie diese Interaktion von statten geht. Auch Descartes muß an dieser Stelle passen. Er vermutete in der Zirbeldrüse die Schnittstelle zwischen Körper und Geist. Sein aus seinem damaligen Wissen logischer Lösungsvorschlag beruht hauptsächlich darauf, daß die Zirbeldrüse im Gehirn nur einmal vorhanden ist und sich deshalb für diese Aufgabe anbietet.[6] Aus heutiger naturwissenschaftlicher Sicht ist diese Annahme völlig unhaltbar, da wir wissen, daß die Zirbeldrüse Aufgaben in der Hormonsteuerung übernimmt.

2.3.2 Gegenargumente

Die Kritik am interaktionistischen Dualismus richtet sich gegen zwei Punkte. Zum einen gegen die Beweisführung, daß es mit Körper und Geist wirklich zwei verschieden Substanzen gibt und zum anderen an der Funktionsweise der Interaktion.

Descartes Substanzendualismus beruht unter Zuhilfenahme des leibnitzschen Identitätsgesetzes auf dem Argument, daß wenn Körper und Geist möglicherweise nicht identisch sind, sie dann tatsächlich nicht identisch sein können. Ryle entgegnet in seiner Analyse des kartesischen Argumentes, daß dieser einen Kategorienfehler begehe und die Schlüssigkeit entfalle.[7]

Auch lassen sich einige Prämissen, von denen Descartes ausging, durchaus angreifen. So weist er Körpern die Eigenschaft 'ist ausgedehnt' zu, wobei er mit Körpern die physische Welt meint. Elektromagnetische Felder jedoch, die Bestandteile der physischen Welt sind, besitzen weder Ausdehnung noch waren sie ihm bekannt.

Auch unterstellte Descartes, daß es widerspruchsfrei denkbar sei, nur mit der Eigenschaft 'ist denkend' und ohne die Eigenschaft 'ist ausgedehnt' existieren zu können.[8] Damit leugnet er jede physisch-materielle Basis für das Denken und es kann bezweifelt werden, ob wir uns dies wirklich vorstellen können.

Der andere große Ansatzpunkt der Kritik richtet sich gegen den Ablauf der Interaktion. So ist völlig offen, wie mentale Entitäten, die sich ja lt. Descartes radikal von der physischen Welt unterscheiden, in diese hinenwirken können. Dies gilt natürlich genauso umgekehrt. Physische Ereignisse sollen sich auf Entitäten auswirken, die sich den Gesetzen der Physik entziehen und nicht ausgedehnt sind.[9] Das auch Descartes von den Steuerungsmechanismen keinerlei Vorstellung hatte, zeigt das folgende Zitat:

"Jedenfalls, daß die Seele, die körperlos ist, den Körper bewegen kann, dies wird uns weder durch irgendwelche Überlegungen gezeigt, noch durch Vergleiche mit irgend etwas anderem, sondern durch eine völlig gewisse und offensichtliche Erfahrung, die wir jederzeit machen können; dies ist eine der Sachen, die wir durch sie selbst kennen und die wir nur verdunkeln würden, wenn wir versuchen sie durch andere erklären zu wollen."[10]

[...]


[1] o.V.: Der Duden in 10 Bänden; Band 5 Fremdwörterbuch 4. Aufl.; Manheim; 1982; Bibliographisches Institut;

[2] Beckermann, Ansgar: Descartes´metaphysischer Beweis für den Dualismus; Freiburg; 1986; Alber; S. 11

[3] vgl. Beckermann, A.: a.a.O.; S. 14

[4] vgl. Beckermann, A.: a.a.O.; S. 14-15

[5] vgl. Brüntrup, Godehard: Das Leib-Seele-Problem 2. Auflage; Stuttgart; 2001; Kohlhammer; S. 29

[6] vgl. Pauen, Michael: Grundprobleme der Philosophie des Geistes; Frankfurt am Main; 2001; Fischer; S. 42-43

[7] zitiert nach: Beckermann, A.: a.a.O.; S. 35 ff.

[8] vgl. Brüntrup, G.: a.a.O.; S. 32

[9] vgl. Pauen, M.: a.a.O.; S. 45

[10] zitiert nach Pauen, M.: a.a.O.; S. 46

Details

Seiten
10
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638165259
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v9946
Institution / Hochschule
Hochschule für Philosophie München – Philosophie
Note
1,7
Schlagworte
Dualismus Leib-Seele-Problem

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