Lade Inhalt...

Das "British Empire" in Joseph Conrads Short Stories

Hausarbeit (Hauptseminar) 2000 11 Seiten

Anglistik - Literatur

Leseprobe

Inhalt

Verwendete Abkürzungen

1. Einleitung

2. Joseph Conrad

3. Karain: a Memory

4. The End of the Tether

5. Ergebnisse

6. Literatur

Verwendete Abkürzungen

Die folgenden Abkürzungen verwende ich für Zitatbelege (siehe Literaturnachweis).

TU Tales of Unrest

YE Youth and The End of Tether

Britischer Imperialismus in Joseph Conrads Short Stories

1. Einleitung

Joseph Conrad ist einer der herausragensten Schriftsteller der englischen Literatur, obwohl er Englisch als dritte Sprache lernte. Der geborene Pole war ein glühender Verehrer Englands, aber britischer Imperialismus wird in seinen Romanen und Kurzgeschichten durchaus kritisch gesehen. In dieser Arbeit werde ich nach einigen Worten zu Conrads Lebensgeschichte auf seine beiden Kurzgeschichten Karain: a Memory und The End of the Tether eingehen, diese vergleichen und in Bezug auf Conrads Einstellungen zum britischen Imperialismus untersuchen.

2. Joseph Conrad

Jozéf Teodor Konrad Korzeniowski (Joseph Conrad) wird 1857 in Polen geboren, das zu dieser Zeit zwischen Russland, Österreich und Preußen aufgeteilt ist. Da seine Eltern für die Unabhängigkeit Polens eintreten, wird die gesamte Familie verbannt. Conrads Eltern sterben während seiner Kindheit an den Strapazen der Verbannung und Conrad wurde ab 1870 von Verwandten großgezogen.1

Schon im Alter von 15 Jahren äußert Conrad den Wunsch zur See zu fahren, und zwar als englischer Seemann. Er heuert 1874 in Marseille als Schiffsjunge auf einem französischen Schiff an, fährt ab 1878 unter britischer Flagge und erwirbt 1886 die von ihm heißersehnte britische Staatsbürgerschaft und noch im selben Jahr das Kapitänspatent.. Seine polnische Abstammung scheint er gerne zu vernachlässigen - dies belegt allein schon seine Änderung seines polnischen Namens zu dem britisch klingenden ,,Joseph Conrad" - trotzdem bestehen weiter gute Verbindungen zu seiner Familie in Polen. 1889 gibt Conrad die Seefahrt auf und beginnt seinen ersten Roman, Almayer's Folly, der 1895 erscheint. In den folgenden Jahren produziert Conrad viele weitere Romane und Kurzgeschichten; er und seine Frau leiden aber an Geldnot.

Sein erster Kurzgeschichtenband, Tales of Unrest, erscheint 1898, zwei Jahre vor Lord Jim. Nach einer Finanzhilfe vom Royal Literary Fund bringt Conrad 1901 seine Kurzgeschichte The End of Tether zusammen mit Youth und Heart of Darkness heraus. 1924 stirbt Conrad im Kreise seiner Familie an Herzversagen.

Die genannten Werke spielen meist in Schwarzafrika oder Südostasien (Malaysisches Archipel) und wurden stark von seinen Seereisen geprägt. Conrad verfasst aber auch einige Romane und Kurzgeschichten, die in England stattfinden. In all seinen Werken - wie auch in den hier behandelten zwei Kurzgeschichten - geht es um existentielle Situationen, um Menschen, die außerordentlichen Entscheidungen treffen, die ,,scheitern mussten und dennoch als Menschen zu bestehen vermochten" (Wiggershaus, S. 41).

Er [Conrad] vermeidet psychologische Erklärungen, sucht keine Tiefen aufzuhellen. Das Entscheidende liegt in der dichten Metaphorik und atmosphärischen Intensität der Schilderung sinnlicher Eindrücke. (Wiggershaus, S. 41).

3. Karain: a Memory

Karain: a Memory, die "fable of exile and betrayal" (GoGwilt, S. 44), ist Conrads dritte Kurzgeschichte, zuerst erschienen in Blackwood's Magazine, später in Conrads Kurzgeschichtenband Tales of Unrest. Dort schreibt Conrad in seinem Author's Note:

Reading it after many years Karain produced on me the effect of something seen through a pair of glasses from a rather advantageous position. In that story I had not gone back to the Archipelago, I had only turned for another look at it. (TU, S. 11)

In diesem Sinne beginnt Karain auch. Im ersten der sechs Kapitel der Short Story leitet der Ich-Erzähler seine Geschichte damit ein, dass er eine Geschichte aus seiner Jugend niederschreiben2 will: "We knew him in those unprotected days when we were content to hold in our hands our lives and our property" (TU, S.13). In diesem ersten Satz der Short Story steckt eine erste Deutung des Titels: Eine Erinnerung an Karain.

Der Erzähler beginnt nun, von seinen Erlebnissen mit Karain zu schreiben, einem Stammesoberhaupt einer unbedeutenden Region im malaysischen Archipel. Zu jener Zeit, so berichtet der Erzähler, schmuggelte er regelmäßig Gewehre und Kanonen dorthin. Karain wird detailliert beschrieben:

His smallest acts were prepared and unexpected, his speeches grave, his sentences ominous like hints and complicated like arabesques. He was treated with a solemn respect accorded in the irreverent West only to the monarchs of the stage, and he accepted the profound homage with a sustained dignity seen nowhere else but behind the footlights and in the condensed falseness of some grossly tragic situation. It was almost impossible to remember who he was - only a petty chief of a conveniently isolated corner of Mindanao, where he could in comparative safety break the law against the traffic in firearms and ammunition with the natives. (TU, S.16)

In ähnlicher Weise wird Karain mehrmals charakterisiert: Er ist zwar würdevoll und beeindruckend, aber gleichzeitig wird etwas herablassend darauf hingewiesen, dass er nur in seiner eigenen kleinen Welt, seinem Landstrich, wichtig ist.

Die gesamte Beschreibung Karains und des Landstriches, über den er herrscht, ist aus westlicher Sicht östlich-exotisch. Der Westen - das britische Imperium - wird von Karain und seinen Leuten respektlos ignoriert.

Im zweiten Kapitel der Short Story berichtet der Ich-Erzähler von einer anderen Seite Karains. Des Abends besucht Karain, nur von seinem treuen Schwertträger begleitet, die weißen Männer auf ihrem Schiff und kann "the exactions of his stage" (TU, S. 18) vergessen. Während Karain und die weißen Männer des Schiffes sich über Themen wie das britische Empire unterhalten - besonders fasziniert ist Karain von der englischen Königin - legt Karain auch seine absonderliche Verhaltensweise ab, sich ständig nach seinem Gefolgsmann umzusehen, so als ob er Angst habe, das dieser ihn verlassen könne. Conrads Erzähler beschreibt dies als "strange obsession that wound like a black thread through the gorgeous pomp of his public life".(TU, S. 20).

Im dritten Kapitel werden Karains Vorbereitungen zu einem Krieg beschrieben. Während im zweiten Kapitel Unterhaltungen fast auf gleichgestellter Ebene beschrieben werden, legt der Erzähler hier wieder Wert auf den Rassenunterschied: "He was plotting and preparing a war with patience, with foresight - with a fidelity to his purpose and with a steadfastness of which I would have thought him racially incapable." (TU, S. 25)

Der Erzähler begleitet seine Erzählung weiterhin mit rassistischen Vorurteilen, die seine britische Überlegenheit untermauern sollen, so schreibt er Karain "a concentrated lust of violence which is dangerous in a native" (TU, S. 25) zu. Dass Lust an Gewalt gefährlich ist, ist verständlich; dies sollte sich nicht nur auf Eingeborene beziehen.

Dennoch wird eine humanistische Grundhaltung ersichtlich, da der Erzähler folgendes klarstellt:

There are those who say that a native will not speak to a white man. Error. No man will speak to his master; but to a wanderer and a friend, to him who does not come to teach or rule [...] words are spoken that take no account of race or colour. One heart speaks - another one listens [...] (TU, S. 32).

In diesem Sinne nimmt die Erzählung eine Wendung. Der Erzähler berichtet von einem bestimmten Besuch in Karains Bucht: Nachdem bekannt wird, dass Karains Schwertträger kürzlich verstorben war und Karain selbst sich zunächst nicht blicken lässt, taucht dieser eines Nachts plötzlich und ohne den üblichen Pomp an Bord auf. Karain ist völlig verstört und leidet unter Verfolgungswahn, und anscheinend hat ihn der Tod seines Gefolgsmannes sehr mitgenommen.

Nachdem die weißen Männer Karain etwas beruhigt haben, fängt dieser an, seine Geschichte zu erzählen, deren Anfang das vierte Kapitel bildet. Hier wird die zweite Bedeutung des Titels deutlich: Karains Erinnerung. Durch diesen Wechsel der Erzählperspektive - indem er den vorher durch seinen Erzähler mehr oder weniger erniedrigten Eingeborenen zu Worte kommen lässt - spielt Conrad mit seinen vorher evozierten rassistischen Bemerkungen (s.u.). Karains Erzählung ist seine Lebensgeschichte: Sein Bruder ist das Oberhaupt seines Stammes, und als Holländer Handelsbeziehungen aufnehmen wollen, so geschieht dies vorsichtig, denn er weiß, dass er den Holländern nicht trauen kann. Conrads Kritik am holländischen Imperium kommt hier deutlich zutage.

Ein holländischer Händler lässt sich in der Nähe von Karains Stamm nieder. Genüsslich lässt nun Conrad den Weißen aus Karains Sicht beschreiben, so wie er vorher die Malaien aus der Sicht des Erzählers beschreiben ließ:

He despised our joys, our thoughts, and our sorrows. His face was red, his hair like flame, and his eyes pale, like a river mist; he moved heavily and spoke with a deep voice; he laughed aloud like a fool, and knew no courtesy in his speech. He was a big, scornful man, who looked into women's faces and put his hand on the shoulders of free men as though he had been a noble-born chief. (TU, S. 34)

Anzumerken ist hier, dass Conrad den Erzähler am Anfang der Short Story das Schulterklopfen aus seiner Perspektive beschreiben lässt: "At night we treated him in a free and easy manner, which just stopped short of slapping him on the back, for there are liberties one must not take with a Malay" (TU, S. 20).

Karain erzählt weiter, dass die Schwester (interessanterweise nennt er ihren Namen nie) seines besten Freundes Pata Matara sich anscheinend in diesen Holländer verliebt und mit diesem zusammen flieht. Matara Und Karain nehmen die Verfolgung auf, um ihre Ehre zu retten, denn sie war einem anderen versprochen. Karain und Matara verfolgen die beiden jahrelang. Während dieser Reisen hat Karain Visionen von der schönen Schwester, in denen er ihr verspricht, dass er sie verschonen wird, und in diesen Visionen dankt sie ihm lächelnd. Als Matara und Karain den Holländer und Mataras Schwester tatsächlich finden, sprechen sie sich ab, dass sie den beiden auflauern und dass Matara seine Schwester und Karain den Holländer töten soll. Doch Karain schießt stattdessen auf Matara, um sein Versprechen an dessen Schwester zu erfüllen. Doch sie, in den Armen des Holländers, erkennt ihn nicht und Karain zieht sich zurück. Karains Betrug und sein Drang, die schreckliche Tat zu gestehen, bildet den Höhepunkt der Erzählung.

Es folgt mit Anfang des fünften Kapitels eine Zäsur, in der Conrad zu dem eigentlichen Erzählrahmen zurück geht und den Erzähler zu Wort kommen lässt, der Karains momentanen Zustand beschreibt. Nach einer Pause fängt Karain wieder an zu reden. Diesmal bleibt die Perspektive jedoch bei dem Erzähler, der Karains Worte wiedergibt und sie mehrmals mit Beschreibungen der aktuellen Situation kommentiert.

Karain beschreibt sein weiteres Leben und anstelle von Visionen über Mataras Schwester verfolgt ihn nun Matara selbst. Karain findet keine Ruhe, bis er einen alten Mann trifft, der Mataras Geist von ihm fernhalten kann; er ist anscheinend eine Art von Zauberer. Dieser unterhält er sich über Karain, dessen Geschichte und das Sixpence-Stück. Jackson sind Zweifel an der Richtigkeit ihrer westlichen Perspektive gekommen:

`Do you know, I sometimes think that -`

I stood still and looked at him.

'Yes ... I mean, whether the thing was so, you know ... whether it really happened to him ... What do you think?' (TU, S. 55)

Doch der Erzähler lacht ihn, mit Hinweis auf die geschäftig bevölkerten Straßen, auf denen sie sich befinden, allerdings geradezu aus:

'My dear chap,' I cried, 'you have been too long away from home. What a question to ask! Only look at all this.' (TU, S. 55)

Jackson lenkt zögernd ein, doch weicht nicht von seiner Meinung ab:

'Yes; I see it,' said Jackson, slowly. `It is there; it pants, it runs, it roles; it is

strong and alive; it would smash you if you didn't look out; but I'll be hanged if it is yet as real to me as ... as the other thing ... say, Karain's story.' (TU, S. 56)

Mit "it" meint Jackson die Essenz des westlichen britischen Empires, die Macht des weißen Mannes, die Karain bewunderte, den Glauben an das Materielle. Für ihn, der erst an jenem Tag nach England zurückgekehrt ist, erscheint dies auf einmal genauso real - oder unreal - wie die östliche Geisterwelt Malaysias. GoGwilt sieht hier "the metropolis as a monstrous manifestation, a sort of live machine" (GoGwilt, S. 49).

Obwohl der Erzähler mit dem letzten Satz der Short Story, "I think that, decidedly, he had been too long away from home" (TU, S. 56), auf seinem vehementen Widerspruch gegen diese Idee beharrt, hinterlässt Conrad doch einen vagen Zweifel an den festen Mauern westlichen Denkens.

Ost und West, der Unterschied der Kulturen, ist ein zentrales Thema dieser Kurzgeschichte. Kolonialismus spielt hierbei nur eine indirekte Rolle in der Erzählung selbst, da die weißen Seeleute zwar Briten sind, aber Waffen schmuggeln und hiermit keine Repräsentanten des Empires sind. Doch die Geschichte selbst ist imperial erzählt, aus westlicher Perspektive für ein westliches Publikum: "a light piece directed toward a popular market. [...] It contains all the ingredients of popular imperial adventures stories [...]" (GoGwilt, S. 44).

Conrad gestaltet seine Short Story jedoch nicht stereotyp, sondern, "grasping the complicity of exotic tales in the advertisement of inflated ideas of Empire, [he] produced a tale that turns it popular material against the assumptions of the genre" (GoGwilt, S. 44).

4. The End of the Tether

Diese Erzählung ist mit rund 130 Seiten eine ungewöhnlich lange Short Story. Wie Karain findet sie hauptsächlich im Malaysischen Archipel statt. Diesmal ist die Erzählperspektive jedoch rein westlich und das Thema - ein alternder Kapitän, der allmählich seine Sehkraft verliert und versucht, dies geheim zu halten - hat zunächst wenig von der östlichen Exotik Karains.

Der Titel der Geschichte wird auf der letzten Seite ausgesprochen: In einem Brief an seine Tochter schreibt Whalley: ,,My dear, I am at then end of my tether" (YE, S. 172). Doch er bezieht sich nicht nur auf das nahende Lebensende Whalleys, sondern er kann auch für das Schiff Sofala 3 und ihr Ende bezogen werden, denn beide Schicksale sind eng verknüpft: beide alt - oder sogar veraltet - und nicht mehr gebraucht bzw. erwünscht werden. Im Vordergrund steht die weiße Schiffsbesatzung der Sofala. Captain Whalley, Massy, den Schiffsingenieur und Besitzer der Sofala, und Sterne, der aufstrebende erste Offizier. Der auktoriale Erzähler berichtet hauptsächlich aus Whalleys Perspektive von der letzten Fahrt der Sofala, mit dazwischengestreuten Rückblenden in Whalleys Leben. Nach und nach findet Sterne, der gerne an Whalleys Stelle treten würde, heraus, dass Whalley - der nur noch zur See fährt, um seine Tochter finanziell zu unterstützen - allmählich blind wird und nur mit Hilfe seines Serangs (eine Art Diener), die Fassade aufrecht erhalten kann. Der konspirative Sterne will Whalley entlarven, doch bevor er dazu kommt, lässt Sterne absichtlich durch eine Kursfälschung das veraltete Dampfschiff sinken, um die Versicherungssumme dafür zu kassieren. Whalley begeht Selbstmord3, indem er sich mit dem sinkenden Schiff untergehen lässt.

Der Imperialismus bestimmt weniger die Handlung als das allgemeine Setting. Die Sofala kreuzt durch malaysische Gewässer und Conrad gibt unter anderem detaillierte Beschreibungen von Singapur, einer Kolonialsiedlung und der östlich-exotischen Landschaft. Singapur selber wird nicht mit Namen genannt; Sherry legt jedoch nahe, dass die östliche Hafenstadt, in der Whalley auf der Sofala anheuert, nur Singapur sein kann (Sherry, S. 173 f.). Obwohl Conrad die Stadt nicht beim Namen nennt, ist die Beschreibung von Whalleys Gang durch die Stadt meist sehr detailgetreu, aber auch teilweise "impressionistic in its descriptive technique, designed by Conrad to give the reader a general idea of the west side of the Singapore river, rather than an accurate account" (Sherry, S. 178).

Mann bekommt Karains Gefolgsmann, sein Schwertträger, und mit ihm reist er umher und kämpft in verschiedenen Ländern, bis es sie beide schließlich in den Landstrich verschlägt, über den Karain jetzt herrscht - ein Exil. Karains Erzählung endet damit, dass mit dem Tode seines Schwertträgers der Geist Mataras wieder erschienen ist und ihn überall verfolgt und bedroht - nur nicht auf dem Schiff der Weißen, die durch ihren Unglauben Matara fernhalten. Deswegen möchte Karain mit den Weißen gehen:

With you I will go. To your land - to your people. To your people, who live in unbelief; to whom day is day, and night is night - nothing more, because you understand all things seen, and despise all else! To your land of unbelief, where the dead do not speak, where every man is wise, and alone - and at peace! (TU, S. 46)

Nachdem die Weißen Karain davon überzeugt haben, dass er bei seinen Leuten bleiben muss, die ihn brauchen, bittet er sie um ihre Hilfe, um einen Talisman oder einen Zaubertrank. Eine Weile lang sind die Weißen ratlos, doch dann kommt Hollis, einem der weißen Zuhörer Karains, eine Idee, und holt eine Kiste hervor.

In diesem spannungsgeladenen Moment fängt das sechste Kapitel an. Für der Erzähler, der diese Kiste noch nie vorher gesehen hat, erscheint sie nahezu mystisch, da sie mit Amuletten und anderen Talismanen gefüllt ist. Nachdem Hollis einen Moment lang in ihr herumgewühlt hat, holt er Sixpence-Stück hervor, eine gewöhnliche englische Münze, in die aber ein Loch eingestanzt worden war. Mit einigen theatralischen Gesten erklärt Hollis mit Hilfe der anderen weißen Seemänner diese Münze zu einem starken Talisman, da das Profil der englischen Königin eingraviert ist. Zusammen mit einem Band übergibt Hollis die Münze feierlich an Karain, der von der Zauberkraft der Münze überzeugt ist und unter anfeuerndem Jubelgeschrei der Besatzung sofort an Land zurückkehrt.

An dieser Stelle interagiert der Erzähler zum einzigen Mal direkt mit seiner Leserschaft:

He [Karain] stood up in the boat, lifted up both his arms, then pointed to the infallible charm. We cheered again; and the Malays in the boats stared - very much puzzled and impressed. I wondered what they thought; what he thought; ... what the reader thinks? (TU, S. 53)

Hier könnte die Geschichte enden und Karain als naiven Eingeborenen dastehen lassen, doch der Erzähler berichtet noch von einer Episode die mehrere Jahre später stattfindet. Zufällig trifft in London auf einen Seemann namens Jackson aus der damaligen Crew. Mit ihm Die andere Ortschaft, die beschrieben wird ist Batu Beru: ,,the centre of a prosperous tobacco- growing district, a tropically suburban-looking little settlement of bungalows in one long street". (YE, S.125). Der einzige Weiße dieses Örtchens ist der Holländer Van Wyk, der sich dort recht einsam fühlt und mit den Eingeborenen keinen persönlichen Kontakt hat. Er wird regelmäßig von dem dortigen Sultan besucht, der Angst hat, dass die Weißen ihm vor seinem Tode das Land abnehmen könnten.

He crossed the river frequently (with never less than ten boats crammed full of people), [...] There was a certain chair on the verandah he always took: the dignitaries of the court squatted on the rugs and skins between the furniture: the inferior people remained below on the grass-plot between the house and river in rows three or four deep all along the front. (YE, S. 126)

Der Unterschied zwischen dieser Kultur und der Van Wyks wird von Conrad unterstrichen, indem er nur wenige Zeilen später Van Wyks übliche Reaktion beschreibt:

Mr Van Wyk tolerated these inroads. He would nod out of his bedroom window, toothbrush or razor in hand, or pass through the thong of courtiers in his bathing robe. He appeared and disappeared humming a tune, polished his nails with attention, rubbed his shaved face with eau-de-Cologne, drank his early tea, [...] read a page or two in a book or sat before his cottage piano leaning back on the stool [...] (YE, S. 126).

Van Wyk ignoriert nicht nur die - ungebetenen - Besucher so gut es geht, er zeigt auch demonstrativ typisch westliche Verhaltensweisen und spielt sich damit, um seine Macht wissend, geradezu als imperialer Herrscher auf - wie auch in Karain wird holländischer Imperialismus ins schlechte Licht gerückt.

Van Wyks einzige Verbindung zur Außenwelt ist die Sofala, die alle vier Wochen in Batu Beru landet., um Post, Zeitungen und andere Dinge abzuliefern. Whalley, ist seine einzige wirkliche Kontaktperson. Den anderen Weißen gegenüber verhält er sich fast so arrogant wie zu den Eingeborenen, zum Beispiel als der Schiffsbesitzer Massy ihm sein Leid klagt: "Mr Van Wyk, examining with a faint grimace his polished fingernails, would say, ,H'm. Very unfortunate,' and turn his back on him" (YE, S. 127).

In der gesamten Short Story haben die Eingeborenen eine untergeordnete Rolle, nur Whalleys Serang kommt etwas Bedeutung zu, wenn auch eher in seiner Eigenschaft als Whalleys als Assistent bei der Navigation als seiner Person, denn ihm werden keine individuellen Persönlichkeitsmerkmale attribuiert, weder von der Schiffsbesatzung noch von Conrad selbst.

Obwohl er Whalley schon mehrere Jahre dient, haben sie keinerlei persönliche Beziehung zueinander. Ansonsten treten Nicht-Weiße nur als Randfiguren auf, als niedere Bedienstete.

5. Ergebnisse

Die beiden behandelten Short Stories handeln hauptsächlich im malaysischen Archipel, haben jedoch unterschiedliche Intentionen. Während in Karain: a Memory der Unterschied zwischen West und Ost, dem britischen Imperium und den malaysischen Eingeborenen thematisiert wird, so ist es in The End of the Tether lediglich Handlungsschauplatz. Unterschiedlich ist demnach auch der Stellenwert, den der Zusammenprall der ,,primitiven" malaysischen Kultur mit der westlichen Zivilisation einnimmt.

Während Conrad in Karain mehrmals Stellung bezieht, seine humanistische Grundhaltung darlegt und zeigt, dass er sich mit malaysischer Kultur befasst hat, werden in The End of the Tether die malaysischen Eingeborenen fast ausschließlich als Hintergrundbild benutzt. In keiner der beiden Erzählungen jedoch kritisiert Conrad den britischen Imperialismus selbst.4 Er zweifelt an keiner Stelle an, ob die britische Kolonialherrschaft und die dazugehörende Ausbeitung von Land und Menschen gerechtfertigt ist. Im Gegenteil, in Karain deutet er an, dass die britischen Waffenschmuggler den Eingeborenen sogar helfen, indem sie Waffen für Kriege untereinander liefern. Conrads politische Einstellung gegenüber Großbritannien und auch britischem Imperialismus ist eher positiv: "Britain's imperialism seemed to Conrad relatively paternalist and less ruthlessly exploitative than that of other nations." (Watts, S. 59), während er dem Imperialismus anderer Staaten negativ gegenübersteht, z.B. dem Belgiens im Kongo (Watts, S. 58).

Auch den holländischen Imperialismus kritisiert Conrad in beiden Geschichten. In The End of the Tether muss der eingeborene Herrscher Angst um sein Land haben, von dem er weiß, dass die Weißen - Holländer - es ihm früher oder später wegnehmen werden (YE, S. 125), und auch Karain berichtet davon, dass sein Volk Angst vor den Holländern und ihren Kriegsschiffen hat und ihren Handelsabsichten nicht ganz traut (TU, S. 33f.). Der von Karain beschriebene Holländer wird zudem auch sehr negativ im Äußeren und im Verhalten dargestellt.

Wie Watts anmerkt, ist Conrads Einstellung zum Imperialismus verknüpft mit seinen Einstellungen zu rassistischen Vorurteilen (Watts, S. 63). An der Oberfläche folgt Conrad in beiden Short Stories den gängigen Vorurteilen gegenüber den malaysischen Eingeborenen, aber gleichzeitig untergräbt er sie auch mit der Erzählung Karains einerseits, aber auch unterschwelliger mit dem namenlosen Serang auf der Sofala, der das Schiff nahezu allein steuert, da Whalley dazu nicht in der Lage ist.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Conrad in beiden Short Stories eine ambivalente Stellung gegenüber Imperialismus und besonders dem dazugehörenden Rassismus einnimmt. Einerseits ist seine Grundhaltung imperialistisch und er folgt auch gängigen rassistischen Vorurteilen, aber gleichzeitig widerlegt er diese Vorurteile auch an mehreren Stellen, teilweise subtil (Whalleys Serang) und teilweise sehr deutlich (Karain).

6. Literatur

6.1. Primärliteratur

Conrad, Joseph: ,,Karain: A Memory". Tales of Unrest. London: Penguin Books, 1977

Conrad, Joseph: ,,The End of the Tether". Youth and The End of the Tether. London: Penguin Books, 1975

6.2. Sekundärliteratur

GoGwilt, Christopher: The Invention of the West. Joseph Conrad and the Double-Mapping of Europe and Empire. Stanford: Stanford University Press, 1995.

Sherry, Norman: Conrad's Eastern World. Cambridge: Cambridge University Press, 1966. Watts, Cedric: A Preface to Conrad. London: Longman 1993.

Wiggershaus, Renate: Joseph Conrad. München: dtv, 2000.

[...]


1 Alle biographischen Daten sind Wiggershaus entnommen.

2 Dass es eine schriftliche Erzählung ist, wird auf Seite 53 deutlich, da er dort seine Leserschaft - zum einzigen Mal - direkt anspricht.

3 Laut Watts ist der Name Sofala eine mythische Allegorie: "the kings of Sofala in Africa would kill themselves if they suffered physical disability. In the tale, Whalley attempts to conceal his blindness but commits suicide when he realises tardily that it has been detected." (Watts, S. 196)

4 Laut Watts zeigt Conrad allerdings in anderen Werken, z.B. Almayer's Folly, eine grundsätzlich antiimperialistische Einstellung (Watts, S. 60).

Details

Seiten
11
Jahr
2000
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v99136
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
3
Schlagworte
British Empire Joseph Conrads Short Stories Hauptseminar English Story

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Das "British Empire" in Joseph Conrads Short Stories