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Aphasie bei Mehrsprachigkeit

Hausarbeit (Hauptseminar) 1999 14 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einteilung der verschiedenen Restitutionsverläufe

3. Faktoren, die für die nicht-parallele Restitutionsverläufe v

4. Mechanismen, die die unterschiedliche Benutzung der Sprachen
4.1. Der Switch Mechanismus
4.2. Inhibiton der Sprache
4.3. Die activation-threshold-hypothesis

5. Organization der Sprachen im Gehirn
5.1. 8
5.1. Hypothesen über die Repräsentation mehrerer Sprachen im Geh
5.2. Differentielle Lateralisation
5.3. Differentielle intrahemisphärische Loklisation

1. Einleitung

Wenn man bedenkt, daß die Hälfte der Weltbevölkerung zwei- oder mehrsprachig ist, wird deutlich, daß die Bedeutung der Aphasieforschung bei Mehrsprachigkeit nicht zu unterschätzen ist. Durch die Erforschung der Aphasie bei Mehrsprachigen hat man versucht

Rückschlüsse darauf zu ziehen, wo Sprache überhaupt im Gehirn situiert ist und inwieweit sich die Repräsentation von Sprache im Gehirn bei Ein- und Mehrsprachigen unterscheidet. Die Untersuchungen hierzu sind zahlreich und die Ergebnisse nicht immer unumstritten. Es ist auch beeindruckend, wieviele verschiedene Genesungsverläufe es bei mehrsprachigen Aphasikern gibt, die nicht dem "Normalfall" folgen. Der Normalfall liegt vor, wenn die verschiedenen Sprachen in Art und Ausmaß der Störung gleichermaßen betroffen werden und die Wiedererlangung der Sprachen gleichmäßig und in Relation zu der früheren Sprachbeherrschung verläuft. Albert Pitres schrieb 1895 mit der Monographie Etude sur l'aphasie chez les polyglottes 1 die erste systematische Studie über die neurolinguistischen Aspekte von Mehrsprachigkeit.2 Die Fragen, die Pitres darin stellt, waren und sind immer noch wichtige Anhaltspunkte für die Aphasieforschung bei Mehrsprachigen. Sie sind gleichzeitig ein Versuch, die Gründe für diese vom Normalfall abweichenden Fälle zu erklären. Diese Fragen lauten: 1) Warum gibt es Unterschiede bei der Wiedererlangung der verschiedenen Sprachen ? 2) Welchen Gesetzmäßigkeiten folgen sie ? 3) Welcher Mechanismus ist für diese Unterschiede verantwortlich?3. Paradis stellt eine in Pitres' Text implizierte vierte Frage: 4) Wie sind mehrere Sprachen im Gehirn repräsentiert?.4 Im Rahmen dieser Hausarbeit werden die wichtigsten Antworten auf diese Fragen dargestellt, die von der Forschung bis jetzt gegeben wurden.

Eine wichtige Begriffsbestimmung ist die Definition von Mehrsprachigkeit, die in dieser Arbeit benutzt wird. Da es viele Faktoren gibt, von denen die Mehrsprachigkeit abhängt, z. B. Grad der Beherrschung, Erwerbsalter (und Kontext, in dem die zweite Sprache gelernt wurde), Sprachpraxis, psychologische Aspekten (Gründe zum Erlernen der zweiten Sprache, bei Aphasie: prämorbide Einschätzung der beherrschten Sprachen), Bildungsfaktoren (Grad der formalen Ausbildung, formale Beherrschung in Wort und Schrift) usw., wird in dieser Arbeit eine weite Definition verwendet, und zwar Mehrsprachigkeit als " [...] the ability of a person to use here and now two or more languages as a means of communication in most situations, and to switch from one to another if necessary "5

2. Einteilung der verschiedenen Restitutionsverläufe

Die erste Frage von Pitres lautet "Why these differences?", d. h. wodurch wird das Vorkommen eines bestimmten Restitutionsverlaufs bei einem Aphasiker bedingt ? Zunächst werden die verschiedenen möglichen Verläufe dargestellt. Seit 1977 liegt eine systematische Einteilung der verschiedenen bisher dokumentierten Restitutionsverläufe vor.6 Nach Paradis lassen sich sechs Restitutionsmuster unterscheiden: 1) parallel: wenn die Sprachen gleichzeitig und gleichermaßen gestört sind und ebenso wiedererlangt werden; 2) differentiell: wenn die Störung bei den Sprachen unterschiedlich ist und die Wiedererlangung dennoch beide betrifft. Diese zwei ersten Verläufe werden auch synergistic recovery genannt (synergistisch = zusammenwirkend, weil bei allen Sprachen Fortschritte zu bemerken sind ). Die meisten Fälle von Aphasie bei Mehrsprachigen verlaufen parallel, aber es gibt auch solche, in denen die zweite (dritte, vierte, usw) Sprache keine Fortschritte zeigt. In diesem Fall spricht man von 3) sukzessiver Restitution: die zweite Sprache wird wiedererlangt, nachdem die erste sich maximal restituiert hat, und 4) selektive: eine Sprache (oder mehrere) zeigt zu keinem Zeitpunkt Fortschritte; 5) antagonistisch: zunächst restituiert sich eine Sprache; wenn eine andere Sprache Fortschritte zeigt, verschlechtert sich die Leistung in der ersten wiedererlangten Sprache wieder. Eine weitere Möglichkeit dieses Musters ist, daß es sich alternierend zeigt (auch seesaw recovery genannt- zu engl. seesaw”schaukeln”): Beide Sprachen werden wiedererlangt, aber es ist zu einem bestimmten Zeitpunkt jeweils nur eine verfügbar, wobei Intervalle von 24 Stunden bis zu 8 Monaten vorkommen. Bei diesen Fällen von alternierend antagonistischer Wiedererlangung kann es noch zusätzlich zur paradoxer Ü bersetzung (paradoxical translation behavior) kommen: Eine Sprache A wird in der Spontansprache beherrscht und kann fehlerfrei in eine Sprache B übersetzt werden, umgekehrt gelingt dies jedoch nicht, obwohl Sprache B verstanden wird. Der sechste Restitutionsverlauf wird als 6) gemischt bezeichnet, weil die Sprachen systematisch auf allen linguistischen Ebenen (Phonologie, Morphologie, Syntax und Lexikon) gemischt werden.

Diese verschiedene Typen der Restitutionsverläufe schließen sich nicht gegenseitig aus. "Es kann sowohl geschehen, daß sich zunächst ein Muster beobachten läßt, das später durch ein anderes abgelöst wird, als auch, daß z.B. zwei Sprachen einem Muster folgen, die dritte jedoch einem anderen."7

Außerdem gibt es auch Unterschiede in den Ausprägungen der Aphasien. Es ist z.B. möglich, daß eine Sprache gar nicht betroffen ist, wie im Falle einer selektiven Aphasie. Paradis und Goldblum8 berichten diesbezüglich über einen Fall von Dreisprachigkeit, in dem nur eine Sprache aphasische Symptome zeigte, die nicht die Muttersprache war. Dieser Fall wiederlegt die These Freuds, die lautet "Es kommt nämlich nie vor, daß durch eine organische Läsion eine Störung in der Muttersprache gesetzt wird, der eine später erworbene Sprache entginge."9 Eine differentielle Aphasie ist auch von Albert und Obler (1975) postuliert worden. Diese äußert sich so, daß bei jeder der Sprachen ein anderes aphasisches Syndrom auftritt, wie z. B. ein Patient mit einer Broca-Aphasie in einer Sprache und mit einer Wernicke-Aphasie in der anderen. Doch Paradis führt das auf einen unterschiedlichen Grad der Beherrschung der verschiedenen Sprachen zurück:

"It could also be that the apparent dissociation of aphasic symptoms reflects the patient's differential mastery of the various components of each language before the aphasia. Some speakers of foreign languages could easily pass for Broca or Wernicke patients!"10

Diese Darstellung ist eine Auswertung aller möglichen Restitutionsverläufe, die in der Forschung bis jetzt beschrieben worden sind. Das Klassifikationskriterium ist der zeitliche Verlauf bei der Genesung eines mehrsprachigen Aphasikers. Eine Antwort auf die erste Frage von Pitres ist damit dennoch nicht gegeben, denn die Gründe, warum ein Aphasiker diesen und nicht jenen Restitutionsverlauf zeigt, sind immer noch nicht geklärt worden; dazu Paradis:

"No correlation has been found between pattern of recovery and neurological, etiological, experiential or linguistic parameters: not site, size or origin of lesion, type of severity of aphasia, type of bilingualism, language structure type, or factors related to acquisition or habitual use."11

Die Faktoren aber, die für die verschiedenen Restitutionsverläufe verantwortlich sind (oder sein könnten), sind mehrfach von der Forschung behandelt worden, und die Ergebnisse sind zahlreich. Sie sind Thema des folgenden Kapitels.

3. Faktoren, die für nicht-parallele Restitutionsverläufe verantwortlich sind

Paradis teilt die zweite Frage von Pitres - welche Gesetzmäßigkeiten folgen die unterschiedlichen Restitutionsverläufe?- in zwei: 2a) welche Sprache wird am besten oder bevorzugt wiedererlangt?, und 2b) wie ist die systematische Evolution bei mehrsprachigen Aphasiker?12 Die Antwort auf die Frage 2a) hat Pitres (1895) selbst gegeben. Er ging davon aus, daß, wenn ein nicht-paralleler Restitutionsverlauf vorkommt, die Sprache, die sich zuerst restituiert, diejenige ist, die dem Patient zum Zeitpunkt der Erkrankung geläufiger war.13 Später wurde diese These als die "Regel von Pitres" genannt.

Vor Pitres hatte Théodule Ribot (1881) behauptet, daß "immer die Muttersprache am besten wiederhergestellt wird"14, weil die ältesten Gedächtnisinhalte gegenüber Störungen und Verletzungen am resistentesten sind. Seine These nannte man das "Gesetz von Ribot" Beide Thesen wurden oft konfrontiert. Zu diesen zwei Möglichkeiten der Erklärung , warum eine Sprache sich bevorzugt restituiert, kommen zahlreiche dazu. Freud (1891) nennt beide Faktoren, Erwerbsalter und Sprachpraxis. Bei gleichstarker Einflußnahme beider Faktoren erweist sich jedoch das Erwerbsalter als entscheidender.15 Pötzl (1925) behauptet, daß die Sprache, die während des Anfalls oder direkt vor dem Anfall gebraucht wird, sich bevorzugt restituiert. Nach Lebrun (1976) haben die "linguistic surroundings" einen großen Einfluß, vor allem ist die verbale Stimulierung in der unmittelbaren Umgebung des Patienten von

Bedeutung für die Wiedererlangung einer bestimmten Sprache. Minkowski (1927; 1928; 1965) betont den entscheidenden Einfluß psychologischer Faktoren, zu denen die

Einstellung zu einer bestimmten Sprache zählt, wie z.B. wegen früherer positiven oder negativen Liebesbeziehungen oder wegen des Wunsches nach Statusaufwertung durch die Wahl von Hochsprache gegenüber Dialekt, usw. Krapf (1955) ist auch der Meinung, daß die affektiven Bedeutungen der beherrschten Sprachen eines Patienten dementsprechend die Restitutionsverläufe beeinflußen werden: die Sprache, die am wenigsten angstauslösend wirkt, wird dann bevorzugt. Der visuelle Faktor ist auch von Minkowski (1927) erwähnt worden: Standardsprache wird gegenüber Dialekten bevorzugt wiedererlangt, weil die Visualisierung der geschriebenen Sprache die Restituttion erleichtert. Der Grad der Informalität und Formalität beim Erwerb einer Sprache ist nach Paradis (1989) von Bedeutung bei den verschiedenen Restitutionsverläufe, je nachdem, ob durch einen informellen Erwerbskontext stärker limbische Strukturen einbezogen sind oder ob ein formaler Erwerbsrahmen überwiegend auf neokortikalen Strukturen basiert. Es gibt noch andere Faktoren, die von verschiedenen Autoren behandelt wurden, wie der Schweregrad der Erkrankung (je schwerer, desto eher nicht-paralleler Restitutionsverlauf), die Lerngeschichte jeder Sprache, usw.

Zusammnenfassend lässt sich sagen, daß keiner von diesen Faktoren als einziger Maßstab gilt, der für die unterschiedliche Restitutionsverläufe verantwortlich sein könnte. Wenn man die Einzigartigkeit jeder Person und ihre ganz individuelle Lebens- und Krankengeschichte betrachtet, kann man besser verstehen, daß ganz verschieden Faktoren zu unterschiedlichen Zeitpunkten und in nicht vergleichbarer Weise zum Tragen kommen.

Paradis (1977) hat deswegen auch den Multiple-factors-view vorgeschlagen, wo alle Faktoren interagieren. Im Anschluß an Lambert und Fillenbaum (1959) scheint der Restitutionsverlauf in komplexer Weise abhängig zu sein von der Reihenfolge des Spracherwerbs, der Sprachbeherrschung und der affektiven Werten. Die Komplexität dieser Faktoren ergänzt Paradis (1977) mit der Lage und dem Ausmaß der Läsion, der Rolle psychologischer Faktoren und der allgemeinen biologischen Verfassung des Patienten.

Die Antwort auf die Frage 2b) hat Pitres auch vorgeschlagen: Die Sprache, die sich bevorzugt restituiert, ist diejenige, die für den Patienten am geläufigsten war. Und zwar, zuerst das Verständnis dieser Sprache, dann die Fähigkeit sie zu sprechen, gefolgt von dem Verständnis und der Fähigkeit zu sprechen in allen anderen Sprachen. Bei den verschiedenen Restitutionsverläufen kann man sehen, daß diese Hypothese nicht mehr haltbar ist. Nicht immer wird die geläufigste Sprache wiedererlangt und diese Hypothese erklärt weder die antagonistische noch die gemischte Restitutionsverläufe, abgesehen von der paradoxen Übersetzung.

Die Antwort auf die Frage zu den Mechanismen, die es ermöglichen, daß eine bestimmte Sprache zuerst wiedererlangt wird statt eine andere, erklärt auch teilweise die Frage 2b), denn hier geht es auch um die anderen noch nicht wiedererlangten Sprachen. Was passiert mit den Sprachen, die nicht parallel bzw. keine Fortschritte zeigen? Gehen sie verloren? Zu der Antwort kommen wir im folgenden Abschnitt.

4. Mechanismen, die die unterschiedliche Benutzung der Sprachen ermöglichen

Hier werden die verschiedene Hypothesen dargestellt, die zu erklären versuchen, wie die Evolution der Sprachen, die prämorbid benutzt wurden, verläuft.

4.1. Der Switch Mechanismus

Pötzl schlug 1925 die Existenz eines automatischen arbeitenden Mechanismus vor, der einem Mehrsprachigen den Wechsel von einer Sprache zur anderen erlaubt. Nach einer Verletzung dieses Mechanismus könnten Probleme wie das Vermischen mehrerer Sprachen oder die Wahl der unangemessenen Sprache auftreten. Leischner lokalisierte diesen Mechanismus wie Pötzl im Gebiet des Gyrus supramarginalis, schloß sich aber später Albert und Obler (1978) später an, die die Position vertreten, daß beim Umschalten von einer Sprache in die andere viele Teile des Gehirns beteiligt werden. Die Existenz dieses Mechanismus postuliert man heute nicht mehr.16

4.2. Inhibiton der Sprache

Pitres' Erklärung für das temporäre Ausbleiben einer Sprache war die Inhibition. Dernach, ist die Sprache, die nicht wiedererlangt wird, nicht verlorengegangen, sondern nur zeitlich inhibiert. Die graduelle Verbesserungen in einigen Sprachen sind ein Hinweis, daß die Beeinträchtigungen in der bestimmten Sprache ein Resultat funktionaler Störungen sind, die die kortikalen Zentren vorübergehend inhibieren. Bei Pitres folgen diese graduelle Verbesserungen in allen Sprachen das Muster: zuerst wird eine Sprache verstanden, dann wird sie gesprochen. Paradis schreibt, daß es hier nicht um einen Alles-oder-Nichts- Phänomen handelt, was bedeutet, daß nicht alle Elemente einer Sprache inhibiert werden. Nur das Element, daß produziert wird, bekommt erregende Impulse, alle andere werden inhibiert bzw. ihre Schwellenwerte werden erhöht. Es wird angenommen, daß diese Schwellenwerte bei der Sprachproduktion höher sind als beim Sprachverständnis. Nach Paradis (1993) diese Hypothese erlaubt, daß zwei oder mehrere Sprachen innerhalb desselben kortikalen Bereichs organisiert und miteinander verwoben sind, während sie gleichzeitig neurofunktional voneinander getrennt sein und von verschiedenen neuronalen Kreisläufen versorgt werden können. Und so, "The inaccessibility of one of the languages would thus not be caused by the physical destruction of its substrate, but by the neurophysioglogical inhibition of its neural network"17 Der Vorteil darin sei, daß diese Hypothese mit einer großen Bandbreite von Fällen und Restitutionsverläufen zu vereinbaren ist. Sie ist auch in der Lage das normale bilinguale Verbalverhalten, wie die Fähigkeit eine bestimmte Sprache zu sprechen, zwischen anderen zu wechseln und sie nach Willen zu vermischen.

5. Organisation der Sprachen im Gehirn

In der Monographie von Pitres (1895) sieht Paradis im letzten Teil der Versuch eine vierte implizite Frage zu beantworten, die in der Einleitung schon erwähnt wurde.18 Wie sind mehrere Sprachen im Gehirn repräsentiert? Hier werden die Antworte dargestellt.

5.1. Hypothesen über die Repräsentation mehrerer Sprachen im Gehirn

Im Anschluß an Pitres' Hypothese zur Inhibition der Sprachen erklärt Paradis (1993) seine eigenen Hypothesen zur Organisation mehrerer Sprachen im Gehirn. Er diskutiert vier Hypothesen:

Extended system hypothesis : die Sprachen sind in ihrer Repräsentation nicht differenziert. Sie beinhalten lediglich mehr Elemente (z.B. Phoneme, Morpheme, lexikalische Einheiten), die dabei als Allo-Elemente behandelt werden. Der Mechanismus, der einem Sprecher erlaubt, zwischen "Broccoli" und "Blumenkohl" zu unterscheiden , ist derselbe, der ihm erlaubt, zwischen "cauliflower" und "Blumenkohl" zu differenzieren. Dual system hypothesis : jede Sprache ist unabhängig von allen anderen in eigenen neuronalen Systemen repräsentiert. Phonemen, Morphemen und syntaktischen Regeln einer Sprache liegt ein unabhängiges Netzwerk neuronaler Verbindungen zugrunde. Tripartite system hypothesis : die Elementen, die in den jeweiligen Sprachen identisch sind, sind in einem gemeinsamen System repräsentiert, während die Elementen, die unterschiedlich sind, sind in jeweils eigenen sprachspezifischen Systemen repräsentiert.

Subsystems hypothesis :jede Sprache hat ein eigenes Subsystem innerhalb eines größeren Sprachsystems, nämlich der "Sprachkompetenz". Die Sprache als System könnte als Ganzes inhibiert werden, aber auch jedes Subsystem könnte auch selektiv inhibiert werden. Nur diese Hypothese ist mit allen Restitutionsverläufe vereinbar, wie auch mit der Fähigkeit verschiedene Sprachen nach Willen zu mischen.

Paradis integriert die "subsystems hypothesis" mit der "activation threshold hypothesis", die besagt, daß Sprachverständnis und Sprachproduktion dieselbe neuronalen Susbstrate zugrunde liegen. Jedes Sprachelement ("Spur" oder "Engramm") hat einen Schwellenwert, dessen Höhe sich abhängig davon ändert, wie oft dieses Element gebraucht wird. Bei der Sprachproduktion (Aktivierung) braucht man mehr "Energie", um den Schwellenwert zu erreichen, als beim Sprachverständnis (Aktivierung durch externe Reize). Hier sieht man die Parallele die Paradis zur Pitres' Hypothese der Inhibition aufstellt, was die unterschiedlichen Schwellenwerten in der Produktion bzw. dem Verständnis der Sprache betrifft (vgl. Abschnitt 4.2.). Bei längerem Nichtgebrauch, kann der Schwellenwert so hoch sein, daß ein Sprachelement nur noch verstanden aber nicht produziert werden kann. Diese Hypothese erklärt auch das "passive Beherrschen" einer Sprache exemplarisch. Paradis macht aber die Fähigkeit, eine Sprache länger beherrschen zu können, von der Zeit abhängig, ab der die Sprache nicht mehr verwendet wird. Wenn man die Sprache im jungen Alter nicht mehr benutzt, ist die Chance größer, sie schneller nur zu verstehen (Sprachverständnis) bzw. zu vergessen, als wenn man sie bis in höheres Alter, also längere Zeit, benutzt hat. Wenn nun ein Mehrsprachiger sich für eine bestimmte Sprache entscheidet, wird der Schwellenwert der anderen Sprache(n) erhöht. Mit dieser Hypothese distanziert sich Paradis von der Annahme, nicht-parallele Restitutionsverläufe sind als Resultat der selektiven Zerstörung der Repräsentation einer Sprache im Gehirn zu verstehen. Seine Erklärung dazu basiert auf der Annahme, daß diese Restitutionsverläufe als die temporäre oder permanente Störung von aktivierenden und inhibierenden Prozessen zu verstehen sind:

"In cases of aphasia, it sometimes becomes impossible to desinhibit (i.e., to sufficiently lower the activation threshold of ) one of the languages, either permanently (as in selective recovery), temporarily (as in successive recovery), or alternatingly (as in antagonistic recovery). The activation threshold may be higher for one language than for the other (differential recovery). Deactivation of one language (raising its activation threshold) may be difficult, resulting in abundant inadvertant mixing or hybridization."19

Mit dieser Hypothese werden alle Muster nicht-paralleler Restitutionsverläufe erklärt. Was diese Hypothese dennoch nicht erklären kann, ist, wie Paradis (1993, 285) selbst darauf hinweist, wie und auf welcher Grundlage die Verteilung der Energie-Ressourcen funktioniert, die es all diese verschiedenen Restitutionsverläufe ermöglicht. Mit dieser offenen Frage kommen wir wieder zum Anfangspunkt, zu der ersten Frage von Pitres: wodurch wird das Vorkommen eines besonderen Restitutionsverlaufs bei einem Aphasiker statt einen anderen der möglichen Verläufe bestimmt ? (vgl. Kapitel 2.), die wieterhin offen bleibt.

5.2. Differentielle Lateralisation

Zu Anfang der Aphasieforschung haben sich verschiedene Forscher mit der Frage der Lokalisation der Sprache im Gehirn auseinandergesetzt. Mit Paul Pierre Broca (1824-1880) wird eine Theorie der zerebralen Dominanz der linken Hemisphere für die Artikulationsfähigkeit vorgeschlagen, die Carl Wernicke (1848-1905) erweitert, als er das Sprachverständnis auch in die linke Hemisphäre lokalisiert. Mit Wernicke beginnt die Periode des "klassischen Konnektionismus" (1860-1905), der in der Verbindung zwischen dem Läsionsortes und der von ihm hervorgerufenen Symptome als Begründung für die Lokalisation verschiedener Teilbereiche des menschlichen Sprachvermögens sieht. Dann folgt die Zeit des "Klassischen Holismus" (1905-1940). John Hughlings Jackson (1835- 1911) war gegen die Gleichsetzung eines Läsionsortes mit der anatomischen Lokalisation der Sprachfähigkeit und unterscheidet die verschiedenen Funktionen der Hemisphären: die linke ist sowohl für die automatisierte Sprache als auch für den willkürlichen Sprachgebrauch, die rechte nur für den automatisierten Sprachgebrauch.

Die Lateralisation (Ortsbestimmung der Sprache auf einer bestimmten Seite im Gehirn) der Sprachfunktionen bei Mehrsprachigen ist eines der am meisten diskutierten Themen in der neurolinguistischen und neuropsychologischen Literatur seit Ende der siebziger Jahre bis heute. Die zentrale Fragestellung besteht darin, ob es Unterschiede zwischen Einsprachigen und Mehrsprachigen gibt, was die zerebrale Lateralisierung der Sprachfunktionen betrifft. Die Diskussion wurde besonders entfacht, als die Monographie von Albert und Obler The bilingual brain (1978) erschien, wo die Autoren zu dem Ergebnis kommen, daß die Organisation von Sprache im Gehirn eines Mehrsprachigen sich von der eines Einsprachigen unterscheidet: bei Mehrsprachigen ist generell eine größere Beteiligung der rechten Hemisphäre für Sprachfunktionen und Zweitspracherwerb im Erwachsenenalter zu beobachten. In der Folgezeit ergeben sich jedoch zunehmend Zweifel an dieser Hypothese. Paradis (1995) macht einen Unterschied zwischen den Funktionen der Hirnhälften: je nach dem, wie man Sprache definiert. Wenn man unter Sprache nur die implizite linguistische Kompetenz ( Phonologie, Morphologie, Syntax und Lexikon) versteht, dann kann man nicht von einer differentiellen Lateralisation sprechen. Versteht man aber unter Sprache noch zusätzlich die pragmatischen Aspekten des Sprachgebrauchs (Inferenzen aus dem situativen Kontext, Weltwissen, Gestik, usw.), dann kann man bei Bilingualen mit einer weniger beherrschten zweiten Sprache eine Beteiligung der rechten Hemisphäre bemerken. Denn, wie bei früheren Stadien der Sprachentwicklung und analog zu seiner activation threshold hypothesis (wo Sprachverständnis weniger Energie benutzt als Sprachproduktion), Sprachverständnis hat Vorrang vor Sprachproduktion, und bei einer weniger beherrschten Sprache, würde man dann auf pragmatischen Aspekten zugreifen, um die fehlende syntaktischen Aspekten auszugleichen

"It is also the case that comprehension precedes production because implicit linguistic competence is less essential for comprehension than for production, as pragmatic cues may compensate where syntax is not available. A good deal of comprehension need not involve linguistic decoding but can be inferred from the situational and paralinguistic context of the speech event. Production, on the other hand, necessarily relies on the linguistic system for encoding. For that reason, comprehension skills precede production skills during the early stages of language development."20

Ein weiteres Problem bei der differentiellen Lateralisation liegt in den experimentellen Untersuchungen. Sie sind meistens widersrpüchlich in ihren Ergebnissen wie auch in der Art der Stimuli, die bei den Methoden verwendet werden. Obler, Zatorre et al. (1982) fanden in den bis damals vorliegenden Untersuchungen in allen Bereichen methodologische

Ungenauigkeiten und schlugen vor, bei den nächsten Untersuchungen Variablen wie den Grad der Beherrschung der Sprachen, das Erwerbsalter und die Art des Erwerbs mit einzubeziehen, um auf Ergebnisse zu kommen, die für möglichst alle Gruppen Mehrsprachiger gelten können. Was die Stimuli betrifft, sagt Paradis (1994), daß es unzulässig ist, aufgrund der Experimenten mit Einzelsliber, Zahlen oder Einzelwörter , die Lateralisation sprachlicher Strukturen zu verallgemeinern.

5.3. Differentielle intrahemisphärische Lokalisation

Paradis (1992) ist der Überzeugung, daß angesichts der inkonsistenten experimentellen Ergebnisse, keine eindeutige Beweise für eine differentielle Lateralisation zwischen Ein- und Mehrsprachigen behauptet werden kann. Ein Thema, das nach Paradis (1995) noch weiter in der Forschung untesucht werden sollte, ist das über den Zeitpunkt zum Erwerb einer zweiten Sprache. Das würde auch die Frage beinhalten, ob Sprachen, die nach einem bestimmten alter erworben wurden, anders verarbeitet werden als die Muttersprache. Einige Studien (Penfield, 1959; Lebrun,1971) machen die verschiedene Räpresentation der Sprachen im Gehirn davon abhängig, wie die Sprachen erworben wurden. Neville, Nills & Lawson (1992) postulieren auch Verarbeitungsunterschiede zwischen Bilingualen mit frühem und spätem Zweitsprachenerwerb. Zatorre (1989) postuliert, daß verschiedene Sprachen in der sprachdominanten Hemisphäre in unterschiedlichen, aber überlappenden Regionen bei Mehrsprachigen repräsentiert sein könnten. Diese Hypothese steht im Einklang mit der von Kim et al. (1997) erzielte Ergebnisse zur Repräsentation von Sprachen bei Mehrsprachigen: Bei Bilingualen mit spätem Zweitsrpacherwerb, fanden sich anatomisch separate Repräsentationen beider Sprachen im Broca-Areal, bei den Bilingualen mit frühem Zweitspracherwerb, überlappten sich die Repräsentationen beider Sprachen. Im Wernicke-Areal war bei beiden Gruppen eine komplette Überlappung. Der Rückschluß lautet: Der frühe Lauterwerb könnte eine bestimmte Repräsentation der Muttersprache bewirken, so daß beim Zweitspracherwerb sie nicht abzuändern ist, was die Benutzung der nächstliegende kortikale Areale für die zweite Sprache benützt werden müßten. Diese Hypothese ist mit der "context of acquisition"-Hypothese vereinbar, die besagt, daß Sprachen, die in unterschiedlichen Kontexten erworben wurden (z.B. Elternhaus gegenüber Schule) stärker getrennt repräsentiert sind, als die, die im selben Kontext erworben wurden. Was Paradis einwendet (1995) ist, daß die Organisation eines individuellen linguistischen Systems eines "compound"-Bilingualen (Zweitspracherwerb im selben Kontext) nicht zu einer zerebralen Organisation führen muß, die sich von der eines "coordinate"-Bilingualen (Zweitspracherwerb in verschiedenen Kontexten) unterscheidet: die innere Struktur der Grammatik mag sich unterscheiden, das sie bedienende Substrat mag aber identisch sein.

6. Schluß

Wie im Laufe der Darstellung der Forschungsergebnisse zu entnehmen ist, findet man viele Möglichkeiten, die vier oben genannten Fragen von Pitres, zu antworten. Dennoch kann man sagen, daß die meisten Fragen offen bleiben müssen. Die erste Frage ist bis jetzt noch nicht geklärt worden. Wie oben schon erwähnt, man weiß die Gründe nicht, warum ein Aphasiker einen bestimmten Restitutionsverlauf zeigt, und nicht einen anderen. Die zweite Frage ist nur teilweise beantwortet worden. Die These des Multiple-factors-view scheint die beste Erklärung zu der bevorzugten Wiedererlangung einer Sprache zu sein. Die Mechanismen, die die unterschiedliche Benutzung der Sprache ermöglichen (Frage 3) ist gleichzeitig eine Antwort auf Frage 2b) über die systematische Entwicklung der Sprachen. Die Hypothese der Inhibition einer Sprache ist im Einklang mit der activation threshold hypothesis von Paradis, die fast wie einer Weiterverarbeitung jener anzusehen ist. Was offen bleibt, ist woher die Energie zur Aktivierung der Sprachelementen kommt und warum sie zu diesen Restitutionsverläufe führen. Zu der vierten Frage bleiben die Möglichkeiten offen, durch neue Forschungsparadigmen der Antwort näher zu kommen. Weiter Studien im Bereich des Spracherwerbsalter scheinen dafür am geiegnesten zu sein.

7. Literaturverzeichnis

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[...]


1 ins Englische übersetzt: "Aphasia in polyglots", in: Paradis, M., 1983, S. 26-49.

2 Paradis, M., 1995, im Vorwort.

3 Aus dem Englischen frei übersetzt: 1) Why these differences?, 2) What laws do they obey?, 3) What is the mechanism underlying their occurrence?, in: Paradis, M., 1983, S. 26.(vgl. Fußnote 1)

4 ebd., S. 211.

5 Oksaar, E., 1983, S. 19. (zit. n.: König-Linek, C., 1995, S.5).

6 Paradis, M., 1977, S. 65ff. (später modifiziert: Paradis 1989: 117, Paradis 1993: 278f)

7 König-Linek, C. 1995, S. 46.

8 Paradis, M./ Goldblum, M.-C., 1989, S. 67.

9 Freud, S:, 1891/1992, S. 104/132.

10 Paradis, M., 1977, S. 113.

11 Paradis, M., 1995, S. 211.

12 frei übersetzt, in:Paradis, M., 1995, S. 212.

13 Paradis, M., 1983, S. 48.

14 König-Linek, C., 1995, S. 22.

15 Freud, S:, 1891/1992, S. 104/132.

16 Dittman, J., 1997, S.34.

17 Paradis, M. 1993, S 281.

18 Paradis, M., 1995, S. 211.

19 Paradis, M., 1993, S. 283.

20 Paradis, M. 1995, S. 214.

Details

Seiten
14
Jahr
1999
Dateigröße
359 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v99061
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,5
Schlagworte
Aphasie Mehrsprachigkeit Sprache Gehirn

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Titel: Aphasie bei Mehrsprachigkeit