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Der Tango Argentino im heutigen Buenos Aires

Motive, Orte und Beziehungen am Fallbeispiel einer clase de tango

Forschungsarbeit 2002 123 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Das Feldforschungspraktikum
2.1 Vorbereitungen
2.1.1 Themafindung
2.1.2 Ursprüngliche Fragestellung
2.1.3 Methodenauswahl und geplante Durchführung
2.2 Der reale Verlauf der Feldforschung
2.2.1 Rahmenbedingungen
2.2.2 Auswahl der Untersuchungseinheit vor Ort
2.2.3 Modifizierung der Fragestellung
2.2.4 Auswahl der Informanten
2.2.5 Methoden
2.2.5.1 Zensus
2.2.5.2 Interviews
2.2.5.2.1 Semistrukturierte Interviews
2.2.5.2.2 Unstrukturierte Interviews
2.2.5.3 Netzwerkanalyse
2.2.5.4 Persönliche Aufzeichnungen und Auswertung schriftlicher Quellen
2.3 Nachbereitung
2.4 Schwierigkeiten der Forschenden

3 Tango Argentino im heutigen Buenos Aires: Motive, Orte und Beziehungen am Fallbeispiel einer clase de tango.
3.1 Geografische und geschichtliche Hintergründe
3.1.1 Argentinien
3.1.2 Buenos Aires
3.2 Tango Argentino
3.2.1 Entstehungsgeschichte
3.2.2 Der getanzte Tango
3.3 Tango als Subkultur und aspatial community
3.3.1.1 Subkultur
3.3.1.2 Der Tango als aspatial community
3.4 Motivation – Warum ausgerechnet Tango?
3.4.1.1 Die Möglichkeit die traditionellen Geschlechterrollen auszuleben
3.4.1.2 Wiederentdeckung eines typischen Elementes argentinischer Identität
3.4.1.3 Tango nach einer einschneidenden Veränderung im Leben
3.4.1.4 Die clase als club de solos y solas
3.5 Milongas
3.5.1 Rituale
3.5.1.1 El Cabeceo
3.5.1.2 La Tanda
3.5.1.3 Die Uhrzeit
3.6 Unterricht
3.6.1 Tangounterricht in Buenos Aires allgemein
3.6.2 Tango bei Luis
3.6.2.1 Unterrichtsort
3.6.2.2 Spell Café
3.6.2.3 Bar Sedón
3.6.3 Luis
3.6.4 Die Klassenmitglieder
3.6.5 Ablauf einer typischen Klasse
3.7 Das Netzwerk der Teilnehmer – Persönliche Beziehungen durch den Tango
3.7.1 Persönliche Netzwerke
3.7.2 Das Gesamtnetzwerk

4 Fazit

5 Nachwort

Literaturverzeichnis

Anhang
A. Ursprünglicher Zeitplan der Feldforschung
B. Zensus Fragebogen
C. SPSS-Daten des Zensus
D. Interview: Semistrukturiertes Interview mit Ángela und Laura
E. Milongas in Buenos Aires September 1999
F. Leitfaden für semistrukturierte Interviews
G. Fragebogen - Netzwerkanalayse
H. Beispiel Antworten Neztwerkanalyse

Abbildungen und Tabellen

Abbildung 1 Argentinen

Abbildung 2 Buenos Aires: barrios

Abbildung 3 El Caminito im barrio La Boca

Abbildung 4 Luis und Adela bei der Weihnachtsfeier

Abbildung 5 Tänzer der alten Generation auf der Plaza Dorrego

Abbildung 6 Der Mann hat die Frau im Griff?

Abbildung 7 Zentrum von Buenos Aires

Abbildung 8 Unterricht im Spell Café

Abbildung 9 Unterricht in der Bar Sedón

Abbildung 10 Wohnorte der Teilnehmer

Abbildung 11 Barrios der Arbeitsplätze der Teilnehmer

Abbildung 12 Luis zeigt einen neuen Schritt, eine barrida

Abbildung 13 Gespräch unter Frauen während des Unterrichts

Abbildung 14 Gesamtnetzwerk aller auch asymmetrischen Beziehungen

Abbildung 15 Gesamtnetzwerk aller symmetrischen Beziehungen

Tabelle 1 Fragestellungen und relevante Methoden

Tabelle 2 Alter der Teilnehmer

Tabelle 3 Crosstabulation: Alter und Geschlecht der Teilnehmer

Tabelle 4 Crosstabulation: Geschlecht * Anzahl der alleinstehenden Teilnehmer

Tabelle 5 Crosstabulation: Geschlecht * Zeitraum, seitdem Teilnehmer tanzt

Tabelle 6 Tage pro Woche, die der Teilnehmer lernt

Tabelle 7 Milongabesuche pro Woche crosstabelliert mit Unterricht pro Woche

Tabelle 8 Ausgeübter Beruf

Tabelle 9 Warum Tango bei Luis?

Tabelle 10 Besondere Attribute der clase laut ihrer Teilnehmer

Tabelle 11 Homophilie hinsichtlich des Geschlechts

Tabelle 12 Crosstabulation: Geschlecht von Alter * F1 Instrumentelle Hilfe

Tabelle 13 Crosstabulation: Geschlecht von Alter * Instrumentelle Hilfe

Tabelle 14 Crosstabulation: Geschlecht von Alter * F2 Instrumentelle Hilfe

Tabelle 15 Crosstabulation: Geschlecht von Alter * F7 Ökonomische Unterstützung

Tabelle 16 Crosstabulation: Geschlecht von Alter * F8 Ratgeber in wichtigen Lebensentscheidungen

Tabelle 17 Crosstabulation: Geschlecht von Alter * F9 emotionale Unterstützung

Tabelle 18 Crosstabulation: Ego und Alter tanzen bei Luis vor oder nach Deutschland

1 Einleitung

Der Tango, Ende des 19. Jh., in den Einwanderervierteln von Montevideo und Buenos Aires entstanden, erlebte im letzten Jahrhundert einen Wandel hinsichtlich seiner Rezeption und seiner Bedeutung für die porteños, die Einwohner[1] von Buenos Aires. War der Tango ab den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts fast von der Bildfläche verschwunden, setzte in den 90er Jahren ein erneuter Tangoboom ein, aber mit verändertem Gesicht.

In der vorliegenden Arbeit werden die Ergebnisse meines Feldforschungspraktikums August 1999 bis Februar 2001 in Buenos Aires, Argentinien, präsentiert. Der Tango als Gesellschaftstanz manifestiert sich vor allem in zwei Räumen, den clases de tango, dem Tangounterricht, und den milongas, den Tanzlokalen. Anhand einer clase de tango und mehrerer von mir besuchter Tanzlokale möchte ich aufzeigen, wer heutzutage Tango tanzt und was die Hauptmotive sind, welche die von mir begleiteten Personen veranlassen, in ihrer Freizeit Tango tanzen zu lernen.

Innerhalb der Stadtethnologie diskutiert man darüber, ob sich "die Stadt insgesamt stärker in räumlich verankerten communities mit gemischter Bevölkerung gliedert, oder ob sich jegliche räumliche Verankerung sozialer Beziehungen zugunsten nicht mehr eindeutig verorteter Netzwerke auflösen wird" (Welz 1991). Mein Anliegen war es zu untersuchen, ob die milongas als gemeinsamer Raum für eine aspatial community diese Theorie bestätigen oder ob sie ein Treffpunkt sind für eine community, die sich durch das Miteinanderwohnen in dem selben barrio identifiziert. Weiterhin wird versucht, die wichtigsten Merkmale und Kodexe der milongas, der Tangolokale, darzustellen und den Ablauf einer Tangoklasse sowie deren soziales Netzwerk zu analysieren.

Die Arbeit gliedert sich in zwei Bereiche. Der erste Teil gilt dem Feldforschungspraktikum und seiner praktischen Durchführung. Es wird Vor- und Nachbereitungsphase besprochen, sowie die genaue Fragestellung und die angewandten Methoden reflektiert. Im zweiten Teil wird das Forschungsergebnis vorgetragen.

2 Das Feldforschungspraktikum

2.1 Vorbereitungen

2.1.1 Themafindung

Wie wahrscheinlich jeden Studenten am Institut für Ethnologie beschäftigte mich nach den ersten Semestern sehr bald die Frage nach dem Thema und den Untersuchungsort des zu erbringenden Feldforschungspraktikums. Da ich im zweiten Hauptfach (zu dem Zeitpunkt noch mein erstes Hauptfach) Spanisch studierte, stand für mich fest, mein Forschungsgebiet geographisch auf den spanischsprachigen Raum einzugrenzen, womit das Zielgebiet immer noch Spanien und fast den gesamten südamerikanischen Kontinent umfasste.

Im Oktober 1998 wurde mir, zumindest im Bezug auf das Zielgebiet, die Entscheidung ein wenig erleichtert, denn ich bekam eine Zusage für ein dreimonatiges Praktikum in der Kulturabteilung des Goethe-Instituts in Buenos Aires. Ich beschloss diese Gelegenheit zu nutzen und, einmal in Argentinien, auch dort mein Feldforschungspraktikum zu absolvieren. Nun wusste ich über das Land nicht besonders viel, außer dass Argentinien das Land der Gauchos und des Tangos ist. Nach der Literaturrecherche in der Staatsbibliothek, der Bibliothek des Völkerkundemuseums und dem Institut für Iberoamerika-Kunde war ich etwas besser informiert, der argentinischen Tango als Untersuchungsthema interessierte mich aber weiterhin.

Bei der Literaturrecherche wurde schnell deutlich, dass es eine große Anzahl an historischen und musikwissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Tango zwischen 1890 und 1940 gab. Kaum jemand hatte sich aber mit der Frage beschäftigt, wie es zum aktuellen Zeitpunkt um den Tango Argentino in Buenos Aires gestellt war.

2.1.2 Ursprüngliche Fragestellung

Mein Hauptaugenmerk sollte nicht dem Tanz Tango an sich gelten, sondern den Orten, an denen er getanzt wird. Ich wollte mich darauf konzentrieren zu untersuchen, wer die milongas, so werden die Tangosalons genannt, besucht und welche Art von Nutzen der Besucher daraus zieht.

Die von mir hinsichtlich dieses Themas vor Beginn der Feldforschung aufgestellten Fragestellungen lauteten folgendermaßen:

- Welche Rolle spielt der salón de baile in der Identitätsbildung innerhalb einer community ?
- In wie weit kommt es hier zur nationalen Identitätsbildung als Argentinier?
- Lässt sich anhand von biographischen Daten ein Wandel innerhalb der Werte und Normen feststellen, in denen der salón de baile eine spezifische Bedeutung spielt?
- Welche Bedeutung haben die sozialen Beziehungen, die in den salones de baile geknüpft werden, über sie hinaus für den normalen Alltag?
- Gibt es eine bestimmte soziale Gruppierung, die in den Tanzsalons überwiegt?
- Hat es hier im Laufe der Zeit einen Wandel gegeben?
- Aus welchem räumlichen Umfeld kommen die Teilnehmer? Aus dem gleichen barrio oder von außerhalb?
- Welche Wertesysteme teilen sie?
- Welche Sittenkodexe herrschen vor und welche Rituale werden immer noch praktiziert?
- Gibt es so etwas wie ein Zugehörigkeitsgefühl zu einem bestimmten salón de baile, das eventuell auch von Generation zu Generation weitergegeben wird?
- Gibt es regelrechte Tangoclans; Musikerfamilien, die schon seit mehreren Generationen mit dem Tango verwachsen sind?
- Welchen Stellenwert nehmen der Tango und der salón de baile im Leben der einzelnen Personen ein?
- Wie hat sich die Beziehung zwischen Mann und Frau verändert?
- Welche Bedeutung hat der Tango gerade für die Frau, und in wie weit konstruiert sie mit Hilfe des Tangos ihre Identität als Frau und als Argentinierin?

2.1.3 Methodenauswahl und geplante Durchführung

In der folgenden Tabelle ist aufgelistet, welche der o.g. Fragestellungen anhand welcher Methode analysiert werden sollte. Diese Tabelle wurde vor Antritt der Feldforschung angefertigt. Sie zeigt, dass vor allem die teilnehmende Beobachtung und das Durchführen von semistrukturierten Interviews, also Interviews mit einem Leitfaden, im Vordergrund stehen, aber auch andere Methoden sollten angewendet werden. Hierzu zählten die Erstellung persönlicher Netzwerke einiger Teilnehmer sowie deren Genealogie und die Durchführung einer Konsensanalyse.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1 Fragestellungen und relevante Methoden

Für den Verlauf der Feldforschung habe ich mir einen Plan erstellt[2] ; der den genauen zeitlichen Rahmen festsetzte, in dem die einzelnen Untersuchungsblöcke durchgeführt werden sollten. Er umfasste folgende Punkte:

- Literaturrecherche (2.08.-15.08)
- Auswahl des Untersuchungsobjekts (2.08.-15.08)
- Kontaktaufnahme zu Betreibern der Veranstaltung (16.08.-22.08)
- Skizzieren des Lokals (16.08.-22.08.)
- Entwicklung des Interviewleitfadens (16.08.-05.09.)
- Erste Auswahl der Interviewpartner (23.08.-05.09.)
- Zensus (30.08.-12.09)
- Konsensanalyse (13.09.-26.09.)
- Auswahl der Informanten (06.09.-03.10.)
- Genealogieerstellung (27.10.-10.10.)
- Biographien (11.10.-31.10.)
- Diskursanalyse (11.10.-14.11.)
- Semistrukturierte Interviews (25.10.-14.11.)
- Mental Maps (01.11.-14.11.)
- Teilnehmende Beobachtung (über den gesamten Zeitraum)
- Tagebuch (über den gesamten Zeitraum)

2.2 Der reale Verlauf der Feldforschung

2.2.1 Rahmenbedingungen

Ursprünglich sollte mein Aufenthalt in Buenos Aires vom 17.Juli 1999 bis 21. November 1999 dauern. Mein Praktikum begann am 01. August und endete am 30. Oktober. Ich hatte mir vorgenommen, einen Teil der Studie durchzuführen während ich tagsüber am Goethe-Institut arbeitete. Dies entpuppte sich allerdings als Illusion. Ich begann zwar schon während meiner Zeit im Institut, selbst Tango zu tanzen und Kontakt zu meinen Informanten aufzunehmen, musste aber bald feststellen, dass es mir nicht möglich sein würde, aufgrund der intensiven Tätigkeit am Institut, die Arbeit in dem von mir geplanten Zeitraum durchzuführen. Da sich mir sowohl finanziell als auch zeitlich die Möglichkeit bot, verlängerte sich mein Aufenthalt bis zum 09. März. Während des Praktikums, das bis zum 30. November verlängert wurde, knüpfte ich die ersten Kontakte innerhalb der Tangoszene. Die verbleibenden drei Monate nutzte ich zur Auseinandersetzung mit meinem Forschungsthema. Ab dem 09. November verteilte ich den Fragebogen für den Zensus, den ich teilweise erst im Februar zurück erhielt. Im Dezember und Januar führte ich die semistrukturierten Interviews durch. Im Februar verteilte ich den zweiten Fragebogen zur Netzwerkanalyse.

2.2.2 Auswahl der Untersuchungseinheit vor Ort

Meine Untersuchungen sollte sich auf die salones de bailes beschränken, so dachte ich dass die Tanzveranstaltungen in Buenos Aires hießen. Also bestand mein erster themenrelevanter Arbeitsschritt in Buenos Aires darin, diese Tanzveranstaltungen ausfindig zu machen. Das dauerte allerdings deutlich länger als geplant war, denn die erste Woche in Argentinien war ich mit ganz anderen Dingen beschäftigt: Ich musste mich an die Zeitumstellung gewöhnen, mich in der neuen Stadt orientieren und ich musste in erster Linie eine Unterkunft finden. Nachdem ich die erste Woche mit der Lösung dieser Probleme verbrachte hatte anstatt salones de bailes zu suchen, ergab sich in der zweiten Woche eine neue Schwierigkeit: mein Praktikum begann und beanspruchte mich mehr als ich vermutet hatte. So vergingen die ersten drei Wochen in Buenos Aires, ohne dass ich eine milonga von innen gesehen hatte. Im Café Tortoni, einem bekannten Caféhaus, in dem auch Tanzveranstaltungen stattfinden und Broschüren über Tangoveranstaltungen ausgegeben werden, hatte ich mir zwei solche Broschüren geben lassen. Diese waren nicht sehr informativ. Die eine enthielt nur Adressen von sogenannten Cenashows, teure, professionelle Tangodarbietungen für Touristen, aber ich lernte, dass die salones de baile eigentlich milongas genannt wurden. Die andere enthielt eine mehrsprachige Liste von Unterrichtsorten und Tanzveranstaltungen, allerdings von März 1998. Die Mitarbeiter im Institut konnten mir nicht weiterhelfen, und auch die ältere Dame, bei der ich zur Untermiete wohnte, wusste nichts über milongas zu berichten. Auch in den Veranstaltungskalendern der Tageszeitungen wurden nur Tangoshows und Tango-Konzerte erwähnt. Nur so viel wusste ich inzwischen, dass die meisten Veranstaltungsorte in San Telmo lagen, einem barrio, das von meinem Wohnort verhältnismäßig weit entfernt war, und das man zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln nachts nicht unbedingt aufsuchen sollte.

Nach drei Wochen berichtete mir meine Vermieterin, dass sie sich bei Freunden erkundigt hätte, wo in der Nähe eine dieser merkwürdigen milonga s stattfinden könnte, die ich aus für sie nicht nachvollziehbaren Gründen unbedingt aufsuchen wollte. Eine Freundin hatte ihr die Adresse des Clubs Almagro mitgegeben , und ich machte mich am folgenden Wochenende auf den Weg zum Besuch meiner ersten milonga. Der Club Almagro erschien mir allerdings nicht geeignet als Untersuchungsort. Das Publikum und das Ambiente entsprachen nicht den Vorstellungen, die ich zu dem Zeitpunkt von Tangotänzern hatte. Doch kehrte ich zurück mit meinem ersten Exemplar des Tangomagazins „El Tangauta“, in dem alle Arten von Tanzveranstaltungen aufgeführt waren.

Es war allerdings auch weiter schwierig, als Nichttangotänzer und dazu noch als Frau bei den Tanzveranstaltungen mit den Tänzern in Kontakt zu treten. Als ein sehr großes Hindernis erwies sich, dass keine Tanzveranstaltung vor 23 Uhr begann. Dies entsprach weder meinem gewohnten Rhythmus, noch ließ es sich mit meinen Arbeitszeiten vereinbaren. Auch das Busfahren zu den m ilongas um diese Uhrzeit erschien mir (zu Recht) nicht ganz ungefährlich, und das Taxifahren auf dem Heimweg war aus ökonomischen Gründen nicht ständig möglich. Es war auch weiterhin äußerst unüblich, sich als Frau allein in die m ilongas zu begeben. Ich hatte zwar mit dieser Schwierigkeit gerechnet, doch ich fühlte mich so unbehaglich, dass ich mir sicher war, dies nicht über einen längeren Zeitraum durchhalten zu können.

Diese Schwierigkeiten veranlassten mich, mein Forschungsthema zu modifizieren und mein Augenmerk verstärkt auf die clase de tango zu richten, der Ort, an dem Tango als Tanz gelehrt wird. Denn zum Tango tanzen gehört nicht nur das abendliche Tanzen in den milongas, sondern auch im gleichen Maße der Prozess des Tanzenlernens. In der weniger formalen Atmosphäre einer Tangoklasse, die auch früher stattfindet als die milonga, erschien es mir einfacher Kontakte zu knüpfen. Da die clases meist schon um 20:30 begannen, war es mir möglich, unter der Woche auch neben meinem Praktikum fast täglich zum Unterricht zu erscheinen.

Inzwischen war ich immerhin mit den nötigen Informationsquellen ausgestattet, und ich wollte von vornherein praktische Gesichtspunkte in die Auswahl der clase miteinbeziehen: der Ort musste gut mit Bus oder Bahn zu erreichen sein und nicht zu weit von meinem Arbeitsplatz und meinem Wohnort entfernt liegen. Inzwischen war die erste Septemberwoche vergangen. Ich war also schon seit fünf Wochen in Buenos Aires und hatte immer noch keinen Kontakt zu Tangotänzern, als ich mit dem Leiter der Sprachabteilung des Goethe-Instituts ins Gespräch kam und ihm von meinem Vorhaben erzählte. Wie sich nun herausstellte, tanzte er Tango bei einem jungen Lehrer in der Nähe des Instituts. Wenige Tage später suchte ich das erste mal diesen Lehrer auf, und so fand ich mich bei der clase von Luis[3] wieder. Der erste Kontakt war hergestellt.

2.2.3 Modifizierung der Fragestellung

Da sich nun mein Hauptaugenmerk von der milonga auf die clase de tango verlagert hatte, sah ich mich gezwungen, auch meine Fragestellungen zu modifizieren. Inzwischen hatte ich festgestellt, dass es mindestens zwei Arten von Räumen gab, in denen sich der Tango manifestierte: zum einen die milonga s, aber eben auch die clase s de tango. Und da das Tangotanzen nicht in kurzer Zeit zu lernen ist, gehört der Weg, also das Erlernen, mit zum Ziel. Die milonga als Veranstaltungsort sollte nicht ganz aus dem Fokus verschwinden, denn ohne sie als Ort, wo das Erlernte Anwendung findet, würde man ein wichtiges Element des Tangos nicht beachten.

Folgende Fragestellungen standen nun im Mittelpunkt: Wie viele milongas gibt es in Buenos Aires und wie ist ihre Verteilung in der Stadt? Welche Rituale werden in der m ilonga praktiziert? Ist sie von Bedeutung für die Identitätsbildung innerhalb eines barrios? Gibt es eine bestimmte soziale Gruppierung, die in der clase de tango überwiegt, und durch welche Faktoren wird die soziale Stratifikation innerhalb der clase de tango beeinflusst? Welchen Stellenwert nimmt der Tango bei den Klassenmitgliedern ein? Welche Faktoren beeinflussen die sozialen Beziehungen, die in den clases de tango geknüpft werden und welche Motivationen bewegen die Lernenden, anzufangen Tango zu tanzen?

2.2.4 Auswahl der Informanten

Da die Anzahl der Teilnehmer der clase von Luis sehr klein war und es mir nicht sinnvoll erschien, innerhalb dieser kleinen Gruppe durch spezielle Verfahren die Informanten auszuwählen, ergab sich die Auswahl der Informanten mehr zufällig. Den ersten Monat ging ich an allen vier Abenden, an denen Luis Unterricht anbot, zu den clases, und erzählte noch niemandem von meinem Vorhaben, eine Forschungsarbeit zu verfassen. Nach zwei Wochen sprachen mich Lara und Àngela an, ob ich mit ihnen am Freitagabend zum Tanzen in eine milonga gehen wollte. Dem stimmte ich freudig zu. Lara und Ángela wurden zu meinen Hauptinformanten und gleichzeitig zu meinen besten Freundinnen in Argentinien.

Insgesamt besteht mein Informantenkreis aus 20 Personen, die über einen Zeitraum von mehreren Monaten mindestens zweimal im Monat an der clase von Luis teilgenommen haben. Mein Kontakt war nicht zu allen Teilnehmern gleich stark. Die Gruppe von Hauptinformanten, mit denen ich regelmäßig informelle und unstrukturierte Gespräche führte, und die ich über einen längeren Zeitraum kennen gelernt habe, besteht aus sieben Personen. Diese sieben Personen wurden zu meinen Hauptinformanten, da sie am regelmäßigsten die clase aufsuchten und sich so ein sehr enges Verhältnis innerhalb der clase untereinander und auch zu mir entwickelte. Im folgenden möchte ich diese Personen hier vorstellen:

Luis, 31, ist eigentlich selbständiger Grafikdesigner. An vier Abenden in der Woche ist er aber auch der profesor[4] der Tangoklasse. Er tanzt seit 10 Jahren und unterrichtet seit drei Jahren.[5] Er war Anfang 1999 für drei Monate mit seiner Tanzpartnerin und Freundin in Leipzig, um dort Tango zu unterrichten. Für diese Möglichkeit gab er seine Festanstellung als Graphiker in einem Zeitungsverlag auf. Seit seiner Rückkehr arbeitet er freiberuflich, der Tango nimmt als Einnahmequelle zunehmend an Bedeutung zu.

Lara, 27, ist Anwältin und lebt seit einem Jahr in Buenos Aires. Sie tanzt seit August 1999, besucht also erst seit kurzem die clase von Luis. Sie lebt allein in einem kleinen Einzimmer-Appartement im Barrio Norte, einem zentral gelegenen Viertel der Mittelschicht, und arbeitet in einem Notariat im Microcentro. Lara ist eine begeisterte Salsatänzerin. Von ihrem Freund, den sie aus der Salsaszene kannte, hatte sie sich, zum Zeitpunkt als ich sie kennenlernte, vor einigen Wochen getrennt.

Ángela, 33, Biochemikerin, hat zusammen mit Lara im August 1999 angefangen bei Luis Tangounterricht zu nehmen. Sie lebt allein in Palermo, ebenfalls ein zentral gelegenes Viertel der Mittelschicht. Auch sie stammt nicht aus der Capital Federal, sondern aus einem Dorf in der Provinz Buenos Aires. Sie lebt und arbeitet seit vier Jahren in Buenos Aires. Sie hat eine seit einiger Zeit eine recht lockere Beziehung, die anscheinend von beiden Seiten nicht sehr ernst genommen wird.

Lola, 49, ist selbständige Geschäftsführerin eines Markt-forschungsintitut. Sie ist gelernte Bauingenieurin und seit dem Studium mit Rolando befreundet. Seit einigen Jahren ist sie geschieden und lebt mit ihren zwei Töchtern in Palermo und arbeitet im Barrio Norte. Sie tanzt seit August 1999, und ist über Rolando zu Luis gekommen.

Rolando, 55, ist leitender Bauingenieur in einem großen argentinischen Bauunternehmen. Er wurde zweimal geschieden und zur Zeit alleinstehend. Rolando hat sechs Jahre in der Schweiz gearbeitet, und dort angefangen Tango zu tanzen. Seit einem Jahr lebt er wieder in Argentinien und tanzt seit ungefähr einem halben Jahr bei Luis. Er lebt in einem Penthouse im 13. Stock in Palermo, was darauf schließen lässt, dass Rolando sehr wohlhabend ist.

Fedi, 30, Schiffsingenieur, alleinstehend, wohnt und arbeitet im Microcentro, und tanzt seit zwei Jahren. Fedi ist der besessenste Tänzer aus der clase: er widmet fast seine gesamte Freizeit dem Tango und geht an mindestens vier Abenden in der Woche entweder in die milonga oder zum Unterricht. Er ist freundlich und hilfsbereit, aber so introvertiert, dass es hier erwähnt werden muss.

Alejandro, 32, Anlageberater, alleinstehend, wohnt und arbeitet im Microcentro. Er tanzt seit 2,5 Jahren Tango, aber erst seit einem halben Jahr bei Luis. Er war längere Zeit mit einer der Klassenteilnehmerinnen liiert. Alejandro tanzt neben dem Tango auch Rock und Salsa.

Bei den aufgeführten Personen handelt es sich um die Teilnehmer, zu denen ich während meiner Forschung den engsten Kontakt hatte. Insgesamt bestand die Gruppe der regelmäßigen Klassenteilnehmer aus 20 Personen. Mit allen Teilnehmern habe ich Gespräche geführt und alle sind im Zensus aufgeführt.

2.2.5 Methoden

2.2.5.1 Zensus

Um Daten über die einzelnen Klassenmitglieder zu erheben und so Auskunft über die soziale Stratifikation und weitere demografische Informationen zu erhalten, habe ich mit Hilfe eines Fragebogens einen Zensus[6] durchgeführt. Gefragt wurde nach allgemeinen Daten wie Wohnort, Geschlecht, Alter, Geburtsort, Nationalität, erlernter und ausgeübter Beruf, Familienstand, Anzahl der Personen des Haushalts. Weiterhin wurde nach tangospezifischen Informationen gefragt: Seit wann nimmt der Teilnehmer Unterricht bei Luis, wie häufig besucht er die clase, was gefällt ihm speziell an der clase von Luis, nimmt der Teilnehmer an anderen clase s de tango teil, wie oft im Monat besucht er eine milonga, und welche milonga besucht der Teilnehmer.

Die Fragebögen verteilte ich in den letzten beiden Oktoberwochen in der clase. Die Teilnehmer konnten sie mit nach Hause nehmen, mit der Bitte, sie mir in einer der nächsten Sitzungen wieder mitzubringen. Dies entwickelte sich zu einem großen Fiasko. Es wurde einfach immer wieder vergessen, die Fragebögen ausgefüllt zurückzugeben. Ich wollte auch nicht zu vehement ihre Wiedergabe einfordern, da die Teilnahme an der Befragung eine rein freiwillige Angelegenheit war. Es dauerte sechs Wochen, bis ich von den 20 Kursteilnehmern die Fragebögen zurück erhielt. Es handelt sich hierbei um die Teilnehmer, die mindestens einmal pro Woche und/oder seit über einem halben Jahr am Unterricht teilnehmen. Touristen, die nur für ein paar Tage Unterricht nahmen, sind in der Befragung nicht erfasst, ebenso wenig sind Luis, der Lehrer, und ich erfasst.

2.2.5.2 Interviews
2.2.5.2.1 Semistrukturierte Interviews

Interviews sind in der Ethnologie eine der wichtigsten Forschungsmethoden. Wie schon Grant McCracken (1951) feststelle, geben sie dem Forscher bewegliches Instrument, mit dem man sichtbar machen kann, wie die Befragten die Welt sehen und erleben. Auch für mich stellten sie eine wichtige Methode dar. Mit Lara, Ángela, Lola, Alejandro und Rolando habe ich jeweils ein semistrukturiertes Interview geführt, mit einer Dauer von ungefähr 90 Minuten, dass ich mit einem Aufnahmegerät aufgezeichnet habe. Vor der Durchführung der Interviews habe ich einen ungefähren Leitfaden entwickelt, mit den Fragen, die ich stellen wollte. Diesen Leitfaden betrachtete ich aber nicht als einen unbedingt einzuhaltenden Fragenkatalog, sondern er sollte mir als Anregung und Hilfestellung dienen, damit ich in etwa die Themen abdecke, die für mich relevant sind und ich nicht unter Zeitdruck gerate oder das Thema verfehle.

Mit Lara und Ángela habe ich ein gemeinsames Interview durchgeführt[7]. Da beide sehr gut miteinander befreundet sind und wir schon häufig Dreiergespräche geführt hatten, glaubte ich nicht, dass die Anwesenheit der anderen die Meinung, die sie vertreten, oder ihre Aussage beeinflussen würde. Ein positiver Effekt dieses „Gruppeninterviews“ war, dass sich so etwas wie eine Diskussion zwischen den beiden entwickelte. Dadurch waren beide gezwungen, über ihre eigenen Aussagen nachzudenken, und das Interview wurde vielschichtiger als die Einzelinterviews, die ich geführt habe. Bei semistrukturierten Interviews besteht aber immer die Gefahr, dass man von den Fragestellungen abweicht und anfängt, wie üblich, zu „tratschen“. Dieses Problem ist bei Gruppengesprächen noch größer, da noch eine weitere Person die Dynamik des Gesprächs beeinflusst.

2.2.5.2.2 Unstrukturierte Interviews

Da fast alle Gesprächsthemen innerhalb der clase beinahe ausschließlich den Tango als Kernpunkt enthielten, waren unstrukturierte „Interviews“ bzw. Gespräche eine meiner Hauptinformationsquellen. Die meisten dieser Gespräche entstanden während der gemeinsamen Milonga besuche und gingen oft bis in die frühen Morgenstunden. Meistens waren wir mindestens zu dritt während dieser Gespräche, oft gesellten sich im Laufe des Abends noch weitere Bekannte dazu. Nicht nur mir gegenüber war der Tango Hauptgesprächsthema, auch zwischen den anderen Teilnehmern wurde kaum über etwas anderes gesprochen, dass nicht in irgendeiner Weise mit dem Tango in Relation stand. Diese Gespräche sind nicht auf Tonband aufgezeichnet, da dies aufgrund des hohen Lärmpegels in der milonga nicht möglich war und ein Tonbandgerät auch von den Teilnehmern als störend empfunden worden wäre. Teilweise habe ich mir während der Gespräche Notizen gemacht oder ich habe wichtige Informationen am folgenden Tag in dem von mir geführten Tagebuch nachgetragen.

Ein Großteil meiner Erkenntnisse über die Abläufe in der milonga und über die Empfindungen der Tänzer beim Tanzen mit unterschiedlichen Partnern ist auf diese Art von Gesprächen zurückzuführen. Das sind teilweise Informationen, die man in einem Interview mit laufendem Tonbandgerät nicht erfährt. In erster Linie war ich für meine Informanten eine Freundin, und auch ich empfand umgekehrt ähnlich. Solche weichen Daten sind natürlich schwer auswertbar und beweisbar. Sie gehören dringend zur Erhebung dazu, aber, anders als bei Fragebögen oder aufgezeichneten Interviews, hat der Wissenschaftler keine Möglichkeit seine Aussagen zu beweisen.

2.2.5.3 Netzwerkanalyse

Die Netzwerkanalyse, eine Analysemethode der Sozialethnologie, dient der „Aufklärung sozialer Ordnung“ (Schnegg/Lang 2001). Das Hauptanliegen der Netzwerkanalytiker ist es "soziale Beziehungen zu erfassen, das ihnen unterliegende Muster zu entwirren und das Handeln der Akteure aus der Struktur des umgebenden Beziehungsmusters zu klären" (Foster 1978/79). Man unterscheidet zwischen persönlichen Netzwerken und Gesamtnetzwerken. Zur Anwendung beider Analysearten muss man eine endliche Menge von Akteuren festlegen und eine soziale Beziehung herausgreifen, welche die Akteure dieser festgelegten Menge teilen könnten. Bei Gesamtnetzwerken untersucht man die Beziehungen aller Akteure innerhalb der festgelegten Menge zueinander. Bei persönlichen Netzwerken untersucht man, welche Beziehungsart ein Akteur einer bestimmten Untersuchungsmenge zu welchen anderen Akteuren hat. (Schnegg/Lang 2001)

Die so ermittelten Informationen werden relationale Daten genannt, die üblicherweise in Matrix- oder Graphenform festgehalten werden. In der Graphendarstellung werden die einzelnen Akteure durch Punkte repräsentiert, während die Beziehungen zwischen den einzelnen Akteuren durch Linien dargestellt werden, welche die einzelnen Punkte miteinander verbinden. Länge und Anordnung der Punkte ist hierbei beliebig. „Ein Graph ist eine inhaltlich offene, formale Struktur, während ein soziales Netzwerk eine inhaltliche Deutung dieser formalen Struktur darstellt, indem den Punkten Akteure und den Linien soziale Beziehungen zugewiesen werden.“(Schweizer 1996)

Zur bildlichen Darstellung der Graphen wurde eine Reihe von Computerprogrammen entwickelt. Besonders erwähnenswert ist hier UCINET, welches die Hauptverfahren der Netzwerkanalyse und einige statistische Standardverfahren umfasst. Weitere Programme sind ANTHROPAC, KRACKPLOT, SONIS 3.0, GRADAP sowie Pajek 0.83. Zur Auswertung persönlicher Netzwerke empfiehlt sich besonders das Statistikprogramm SPSS.

Meine Idee war es, innerhalb der Tangoklasse von Luis die dort herrschenden Beziehungsgeflechte transparent zu machen. Welche Personen beziehen eine besonders zentrale Position? Gibt es Akteure, die als Bindeglied zwischen einzelnen Cliquen fungieren? Welche Position bezieht Luis innerhalb des Netzwerkes? Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Zeitraum, seitdem an der clase teilgenommen wird, und der Zusammensetzung des Netzwerkes oder welche anderen Attribute beeinflussen die Art der Beziehung zwischen den Akteuren?

Mir erschien es daher sinnvoll, für jedes Mitglied der Gruppe sein persönliches Netzwerk innerhalb der Gruppe zu erstellen. Um zu dieser Information zu gelangen, bediente ich mich der in Schweizer (1996) abgebildeten Liste von Namensgeneratoren aus der Costa Mesa-Sudie. Dieser Fragenkatalog, Namensgeneratoren genannt, dient zur Ermittlung von Egos persönlichem Netzwerk (ibid.). Beziehungen außerhalb der clase habe ich nicht berücksichtigt. Es war meine Intention, durch die Ermittlung möglichst vieler persönlicher Netzwerke einen Überblick über das Gesamtnetzwerk innerhalb der clase zu erhalten. Zusätzlich zum Fragebogen habe ich eine Teilnehmerliste erstellt, auf der die auf die jeweilige Frage zutreffende Person anzukreuzen war. Mehrfachnennungen waren möglich, genauso wie die Angabe, dass keine Person zutreffend sei. Auf der von mir erstellten Teilnehmerliste, sind alle Personen, die zweimal im Monat oder häufiger über einen Zeitraum von 6 Wochen am Unterricht teilgenommen haben.[8] Ich habe mich selbst auf der Liste als Antwortmöglichkeit mit angegeben, da ich von den übrigen Teilnehmern als vollwertiges Klassenmitglied angesehen wurde und um meine eigene Rolle innerhalb des Netzwerks zu ermitteln.[9]

Mehrere Probleme resultierten aus meiner Vorgehensweise. Vielen Teilnehmern war es unangenehm, diesen Fragebogen auszufüllen, da ich mich im Laufe der Zeit zu einem festen Bestandteil der Gruppe entwickelt hatte und nicht mehr als beobachtende Person, sondern als integriertes Mitglied mit eigenen Interessen wahrgenommen wurde. Weiterhin bezog sich das von mir ermittelte Beziehungsgefüge ausschließlich auf die Tangoklasse. Der Stellenwert der Tangobeziehungen innerhalb des gesamten persönlichen Netzwerks der Teilnehmer wurde so nicht erfasst, und durch die Einschränkung der Antwortmöglichkeiten sind m. E. die Aussagen der Akteure rein hypothetischer Natur. Ein weiteres Problem resultierte aus der extremen Dynamik dieses Gefüges: Viele der Schüler hatten selbst erst seit kurzer Zeit mit dem Tanzen angefangen, so dass zu dem Zeitpunkt, als ich mit meiner Untersuchung anfing, eigentlich noch überhaupt kein „stabiles“ Beziehungsgeflecht vorlag. Zum einem war mir dies in jenem Moment nicht bewusst, da ich ja selbst noch Neuling war, des weiteren war ich derartig bemüht, soziale Strukturen und Beziehungen auf dem Wege der teilnehmenden Beobachtung zu entdecken und Anschluss zu finden, dass ich zu einem äußerst aktivem Mitglied dieser Gemeinschaft wurde und im nachhinein feststellen musste, dass viele der zu einem späteren Zeitpunkt existierenden Freundschaften auf meine eigenen Bemühungen, ein soziales Geflecht festzustellen, zurückzuführen waren. Das von mir ermittelte Netzwerk war eine statische Momentsaufnahme eines dynamischen Prozesses.

Um derartigen Problemen entgegenzuwirken, sollte sich der Forschende genau überlegen, was er durch die Analyse erreichen möchte und welche Analyseart daher am sinnvollsten ist. Und da soziale Beziehungen nun einmal etwas dynamisches sind, sollte man im Idealfall mehrere Momentaufnahmen des gleichen Netzwerks zu verschiedenen Zeitpunkten erstellen.

2.2.5.4 Persönliche Aufzeichnungen und Auswertung schriftlicher Quellen

Über den gesamten Zeitraum wurde ein Feldtagebuch geführt, dass auch mein persönliches Tagebuch war. Ein Großteil der Aufzeichnungen resultiert also aus der teilnehmenden Beobachtung während der clase, während privater Treffen und während der regelmäßigen Besuche in der milonga. In den ersten 8 Wochen besuchte ich mindestens dreimal in der Woche als aktives Mitglied den Tanzunterricht, in den ersten vier Wochen viermal. An zumeist drei bis vier Abenden in der Woche besuchte ich zusammen mit anderen Klassenteilnehmern milongas. Meist habe ich am selben Abend oder am nächsten Morgen, meine Beobachtungen notiert. Doch nicht nur objektive und themenrelevante Feststellungen fanden Eingang in das Feldtagebuch, viele Einträge handeln auch von meiner jeweiligen persönlichen Verfassung und von meinen eigenen Erfahrungen während des Tanzenlernens.

Zusätzlich sammelte und sichtete ich die beiden Tangomagazine, die in den milongas ausliegen, wie auch verteilte Werbebroschüren, Informationen der Regierung zum Tango, sowie die örtlichen Tageszeitungen hinsichtlich themenbezogener Artikel und Veranstaltungen. Während der gesamten Vor-, Durchführungs- und Nachbereitungsphase habe ich das Internet nach ergänzenden Informationen durchsucht.

2.3 Nachbereitung

Zurück in Deutschland wurden die Unterlagen in elektronische Form gebracht, d.h. ich transkribierte die Interviews, gab mein Feldtagebuch, das ich auf Papier geschrieben hatte, in den Computer ein, ebenso die ausgefüllten Fragebögen „Zensus“ und „Netzwerk“. Tagebuch und Interviews hatte ich als Wordtext angelegt, und ich fing nun an, die Inhalte zu kategorisieren: ich suchte nach bestimmten Kategorien, in die sich die Texte einteilen ließen, und ordnete dann die so gebildeten Abschnitte thematisch an. Folgende Kategorien habe ich gebildet: Tangogruppe, Unterrichtsort, Unterricht, Tangotanzen, Tangofestival, Rituale, Motive für den Tango, milonga s, materielle Kultur, Luis, Mann-Frau-Beziehungen, Lunfardo[10], Feldforschung, und Geschichte. Die Erhebungsdaten aus den „Netzwerkfragebögen“ und dem „Zensus“ erfasste ich in Exceltabellen und analysierte sie mit Hilfe von UCINET IV und Pajek 0.83[11] sowie dem Statistikprogramm SPSS.

2.4 Schwierigkeiten der Forschenden

Zwei Arten von Schwierigkeiten möchte ich hier noch ansprechen: äußere Faktoren, die meine Forschung störend beeinflussten, und fachliche Schwierigkeiten, mit denen sich wohl jeder Ethnologe konfrontiert sieht.

Eine meiner ersten Erkenntnisse war, dass Feldforschen viel Geld kosten kann. Ich wollte Luis für meine Teilnahme an seiner clase bezahlen, da ich nicht glaubte, dass er es gern gesehen hätte, wenn ich nur zum Unterricht gekommen wäre, um zuzusehen und zu kommunizieren. Diese Möglichkeit stand nicht im Raum, und ich hätte sie auch als inakzeptabel empfunden. Weiterhin wollte ich mich nicht aus den nächtlichen Aktivitäten ausschließen, um keine neuen Entwicklungen zu verpassen. Es waren also fast täglich über einen langen Zeitraum Eintrittsgelder, Taxifahrten und Getränke zu bezahlen.

Problematisch war auch, dass die intensivste Forschungszeit mit den argentinischen Sommerferien zusammenfiel.[12] Daraus resultierte, dass der normale Ablauf der clase gestört war, da sich viele Teilnehmer aufgrund der Ferien abwesend waren. Auch waren Bibliotheken und öffentliche Institutionen geschlossen, deren Besuch ich eigentlich in dieser Zeit geplant hatte. Ein weiteres Hindernis wurde für mich die damals schon fatale ökonomische Situation der Stadt. So wollte ich, als die Ferienzeit vorüber war, wieder die Universitätsbibliothek besuchen, wurde aber erneut daran gehindert: Diesmal, weil sich das Bibliothekspersonal im Streik befand, da es seit Monaten seine Gehälter nicht ausbezahlt bekommen hatte.

Außer den äußeren Faktoren ergaben sich auch fachspezifische Probleme. Wann ist zum Beispiel der richtige Zeitpunkt, an dem der Forscher sein Vorhaben öffentlich macht? .Erst nachdem ich schon einen Monat regelmäßig die clase von Luis aufgesucht hatte, offenbarte ich den Klassenmitgliedern mein Forschungsvorhaben. Inzwischen war ich aber ein integriertes Mitglied der clase und hatte über den Unterricht hinausgehende Freundschaften geknüpft. So geriet ich, nachdem ich meine Absichten verdeutlicht hatte, ständig in den Konflikt zwischen den Rollen als Ethnologiestudentin, die Gespräche, Treffen und Handlungen im Konsens ihrer Arbeit sieht, und der Rolle als Freundin und Mitglied der clase. In einer Tagebuchaufzeichnung beschreibe ich die Situation folgendermaßen:

„Ich fühle mich nicht gut dabei, Sachen für die Feldforschung zu verwenden, die man mir als Freundin erzählt. Die meisten wissen zwar, dass ich eine Arbeit über die clase mache, aber es ist ihnen, glaub ich, nicht bewusst, dass ich so einige Informationen aus dem schöpfe, was sie mir anvertrauen. Und ethisch finde ich dies nicht in Ordnung. Problem ist wahrscheinlich, dass ich als „normaler“ Mensch in der Kasse angefangen habe und mich inzwischen mit einigen angefreundet habe.“
(Tagebucheintragung vom 30.10.1999)

Ich war außerdem derart Teil der Gruppe, dass es mir nicht gelang, immer die Objektivität zu bewahren, das heißt, dass mein Verhältnis nicht zu allen Klassenmitgliedern gleich war. Auch der Tango faszinierte mich derartig und involvierte mich emotional, dass mir die zur sachlichen Analyse nötige Distanz während der Feldforschung und auch noch Monate später während der Ausarbeitung, wieder zurück in Deutschland, fehlte.

Mein Wunsch, so etwas wie einen Freundeskreis zu finden, der auch außerhalb des Tangounterrichts existiert, führte dazu, dass ich mich aktiv daran beteiligte, Treffen außerhalb der clase zu organisieren. Ich war mir dessen damals nicht bewusst, sondern dachte, dass diese Treffen üblich wären und ich nur als neues Mitglied daran Teil hätte. Die ersten Male, bis es selbstverständlich geworden war, dass man sich Freitag- und Dienstagabend in der milonga traf, fragten mich Lara und Ángela, die zu zweit abends ausgingen, ob ich mich ihnen anschließen wollte. Ich war, dadurch dass ich viermal die Woche zur clase ging, wiederum mit Rolando, Alejandro und Fedi in Kontakt, die ich fragte, ob sie sich uns anschließen wollten. Rolando war wiederum mit Lola befreundet, die sich uns auch anschloss. So bildete sich schnell eine große Gruppe, die regelmäßig zusammen tanzen ging. Rolando zumindest betonte immer wieder, dass er mich als diejenige wahrgenommen hätte, die zur Bildung dieser Freundschaften beigetragen hätte. Seiner Meinung nach war es für mich deutlich leichter, die Männer in diese Gruppe zu integrieren, da ich als Deutsche in bezug auf intergeschlechtliche Beziehungen eine andere Rolle einnähme als eine Argentinierin. Mir war es möglich, mich mit Männern zu verabreden oder aktiv auf Männer zuzugehen ohne dass dies als kompromittierend verstanden wurde.[13] Lara und Ángela wäre dies eventuell in dem Maße nicht möglich gewesen. Ich nehme an, dass, als durch mich erst einmal der erste Kontakt hergestellt war und sich eine größere Gruppe bereits geformt hatte, auch der Kontakt zwischen den Geschlechtern ohne kompromittierende Wirkung möglich war. Dies ist allerdings nur eine Vermutung. Fest steht aber, dass man mein Bemühen, eine Gruppe zu finden, als gruppenbildendes Element nicht zu unterschätzen ist.

Trotz des langen Aufenthalts habe ich den Eindruck, nur an der Oberfläche gekratzt zu haben. Viele Regeln und Rituale sind noch nicht erkannt worden. Luis war kein klassischer profesional, und ich fand keinen Einstieg in die Tiefen der Tangoszene der profesionellen Tänzer. Auch die Informanten aus der clase waren Freizeittänzer oder relative Anfänger, brachten also auch nicht das kulturelle Wissen mit sich, was mir Tänzer hätten vermitteln können, die seit Jahren fest in der community verankert sind. Viele Dinge wurden mir auch während meiner Zeit in Buenos Aires gar nicht bewusst, sondern erst in Deutschland, nachdem ich hier noch eine Weile weiter getanzt habe.

Direkt nach der Feldforschung war ich nicht in der Lage, mein Material anzufassen und reflektiert zu bearbeiten. Es vergingen Monate, bis ich meine Aufzeichnungen zur Hand nehmen konnte, ohne dass sie einen Berg an Emotionen loslösten. Ich denke, dass, hätte ich sofort nach der Wiederkehr angefangen, diese Arbeit zu schreiben, so wäre das Ergebnis weniger reflektiert und sehr viel emotionaler. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es für mich notwendig war, ein halbes Jahr vergehen zu lassen, bevor ich mich einigermaßen sachlich mit der Thematik auseinandersetzen konnte. Das mag nicht besonders effizient sein, und es könnte ein Problem darstellen, wenn jedes Forschungsprojekt so behandelt werden müsste. Das halbe Jahr in Argentinien hat aber auch im privaten Bereich, mitunter durch den Tango, enorme Veränderungen mit sich gebracht, mit deren Verarbeitung ich einige Zeit beschäftigt war. Ich hoffe, nie wieder auf ein Forschungsthema zu stoßen, in das ich mich emotional so involvieren lasse.

[...]


[1] Der besseren Lesbarkeit halber wird im folgenden immer dann die maskuline Form verwandt, wenn von der Gesamtheit bestimmter Personen die Rede ist

[2] Siehe Anhang A

[3] Die Namen der Informanten wurden geändert

[4] span.: Lehrer

[5] Meine Beziehung zu Luis war leider nicht ganz unproblematisch, da sich zu Beginn auch noch andere Emotionen in diese Beziehung einschlichen, die fernab jegliches neutralen Verhaltens zueinander standen. Ich bekam diese Emotionen im Laufe der Zeit in den Griff, und schaffte es das Miteinander von Luis und mir auf eine neutrale Ebene zu bringen, aber es war mir nicht möglich die Mann-Frau-Komponente vollkommen aus unserem Verhältnis zueinander zu verbannen. Damals beschloss ich trotz der aufgetretenen Schwierigkeiten den Unterricht bei Luis fortzusetzen, was denke ich auch die richtige Entscheidung war, doch trotz vieler guter Gespräche innerhalb der Gruppe, war ich nicht in der Lage mich allein mit ihm zu einem semistrukturierten Interview zu treffen.

[6] Siehe Fragebogen im Anhang B.

[7] Siehe Anhang D

[8] Es kam immer wieder vor, dass vor allem Touristen für einige Male der clase beiwohnten, dies aber entweder nicht regelmäßig oder über einen kurzen Zeitraum taten.

[9] Mein Interesse, mit allen Teilnehmern in Kontakt zu stehen, war natürlich sehr hoch, so dass ich die Angaben, die ich persönlich hätte machen müssen, für nicht realistisch halte. Nicht alle Teilnehmer hatten aber eine starke Beziehung zu mir, die über die Basis meiner Studie hinausging. Mit wem ich in enger Beziehung auf freundschaftlicher Ebene stand, geht also aus den Angaben der Teilnehmer hervor.

[10] „Als lunfardo bezeichnet man die Ganovensprache hauptsächlich aus Buenos Aires, ein Idiom, das es heute nicht mehr gibt (...). Ursprünglich war es ein Kauderwelsch gebildet aus der Sprache der Immigranten und die der unteren Bevölkerungschicht, das sich zu typischen Ausdrücken entwickelt hat, die heute allerdings nur noch im Tango zu hören sind.“ (In: www.goethe.de/hs/bue/desa1.htm#lunfa)

[11] http://vlado.fmf.uni-lj.si/pub/networks/pajek/

[12] Buenos Aires ist zwei Monate - von Mitte Dezember bis Mitte Februar - fast wie gelähmt. Sämtliche Akademien und Bibliotheken schließen, im Januar finden keine Gerichtsverhandlungen statt, die meisten öffentlichen Einrichtungen sind geschlossen und wer kann, der flüchtet vor der schwülen Hitze in eines der an der Küste liegenden Badeorte.

[13] Ich habe dies allerdings zu Beginn meiner Forschung in den milongas anders empfunden. Wahrscheinlich spielt hier der sichere „Hafen“ der clase de tango auch eine Rolle.

Details

Seiten
123
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638164931
ISBN (Buch)
9783638723022
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v9903
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Ethnologie
Note
sehr gut
Schlagworte
Tango Argentino Buenos Aires Feldforschungspraktikum

Autor

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Titel: Der Tango Argentino im heutigen Buenos Aires