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Die Bindungstheorie von John Bowlby

Ausarbeitung 2000 5 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Die Bindungstheorie (von John Bowlby)

Die Bindung ist die besondere Beziehung eines Kleinkindes zu seinen Eltern oder beständigen Betreuungspersonen.

I. Die Fremde-Situation (nach Ainsworth und Wittig)

Die Fremde-Situation ist ein Versuch, bei dem herausgefunden werden sollte, welche Qualität die Bindung zwischen Bindungsperson und Kind hat. (Kinder im Alter zwischen 12 und 24 Monaten)

Versuchsanordnung:

Kind mit Bindungsperson in fremden Raum mit Spielsachen, als Anreiz des Erkundungsverhaltens.

- Belastungen für das Kind: freundliche, fremde Person, die mit Mutter spricht, dann mit Kind; Mutter verläßt das Zimmer, Kind ist mit Fremder alleine; Mutter kommt wieder, dann gehen Mutter und Fremde, Mutter kommt wieder.

- Wie reagiert das Kind, wenn die Mutter geht, bzw. kommt?

B-Typ: (ca. 50%)

- sichere Bindungsbeziehung:
- Kind zeigt kaum Kummer
- wenn Kummer, dann ist deutlich, daß sie die Mutter vermissen; Fremde kann nicht trösten;
- Mutter kommt zurück: Kind sucht Nähe und Körperkontakt, mehr Interesse an Mutter als an Spielsachen oder Fremder.
- Kind läßt sich bereitwillig hochnehmen, zeigt keinen Widerstand und entspannt in ihren Armen

A-Typ: (ca. 30%)

- vermeidend-unsichere Bindungsbeziehung
- Kind zeigt kaum Kummer über das Weggehen der Mutter; höchstens Unmut über sein Alleinsein
- Mutter und Fremde werden fast gleich behandelt
- Bei der Rückkehr der Mutter grüßt es sie nur beiläufig oder wendet sich ab > sucht nicht die Nähe der Mutter
- Wenn das Kind hochgenommen wird, wehrt es sich nicht, schmiegt sich aber auch nicht an.

C-Typ: (ca.10-20%, in Israel und Japan ein Drittel)

- ambivalent-unsichere Bindung
- schon zu Beginn sehr ängstlich, schwer von der Mutter zu lösen
- Kind zeigt Kummer deutlich und lautstark (wütend, schreiend,...)
- Nach Rückkehr: Kind sucht Kontakt und will auf den Arm, ist aber dort ärgerlich und aggressiv gegen Mutter und läßt sich nur schwer beruhigen

D-Typ: (ca.10%)

- desorientierte/ desorganisierte Bindung
- Bizarre, stereotype oder anderweitig auffällige Verhaltenselemente
- A, B und C Verhaltensmuster werden überlagert

II. Versuchserklärung:

B- Typ:

- Kind hat Vertrauen in die Verfügbarkeit der B.figur
- es kann die B.person als sichere Basis benutzen, um die fremde Umgebung zu erforschen
- Kind empfindet Mutter als noch verfügbar, es sorgt sich nur, wenn sie länger wegbleibt
- Rückkehr bestärkt das Kind in seinem Glauben an ihre Zuverlässigkeit
- >Kind sucht Trost bei der Mutter, läßt sich beruhigen und setzt Erkundungsverhalten fort
- negative Gefühle (Trennung) werden in eine insgesamt positive gefühlsmäßige Erwartung über einen guten Ausgang integriert
- aus früheren Erfahrungen weiß das Kind, daß Mutter verläßlich ist bei Not, Hunger... und auch freundlich und zugewandt

A-Typ:

- Kind ist während der Fremden Situation nicht beunruhigt, vermeidet Nähe
- Es hat die Erfahrung gemacht, daß B.figur es in kummervollen Situationen zurückweist
- > um Wahrscheinlichkeit für die schmerzhafte Zurückweisung zu verringern, hat das Kind die Strategie der Vermeidung entwickelt
- Kind erwartet keine Hilfe bei der Auflösung der Verunsicherung > zeigt möglichst keine Verunsicherung, sucht nicht körperlich Nähe und nicht die Zuwendung durch Trost
- Negative Gefühle werden nicht mehr ausgedrückt
- Kind kann die zurückweisenden Reaktionen der B.person recht zuverlässig vorhersagen >
Strategie der Vermeidung hilft, das Risiko von Zurückweisung zu minimieren und Nähe zu dieser speziellen B.figur optimal zu regulieren
- Kind hat früh gelernt, seine Bedürfnisse nicht zu sehr zu äußern, weil Mutter gestreßt wird und ungehalten reagiert

C- Typ:

- B.figur ist nicht berechenbar
- > Situation ist hoch belastend
- Bindungssystem wird schon wegen der fremden Umgebung aktiviert
- Unsichere, innere Einstellung, aufgrund der bisherigen Erfahrungen mit der B.figur > Kind sucht schon vor Trennung Nähe
- Durch chronische Aktivierung des Bindungssystems ist Erkundungsverhalten stark eingeschränkt
- B.person verläßt den Raum > Kind wird in Erwartung bestätigt, daß B.figur wieder nicht verfügbar ist
- Trennung belastet das Kind bes. stark
- Kind verhält sich der wiederkehrenden B.figur sehr widersprüchlich
- > Kind sucht Nähe, ist aber zugleich ärgerlich und wütend
- Kind kann negativen Gefühle nicht auf ein positives Ziel hin richten
- Mutter war mal sehr zugewandt und herzlich, mal nicht ansprechbar > sie verhielt sich in ihrer Zuwendung unberechenbar

D- Typ:

- wenig konkrete Aussagen
- wahrscheinlich hat die B.person selbst noch nicht verarbeitete Probleme, z.B. eigener
Mißbrauch oder andere traumatische Ereignisse > deshalb halten sich ihr eigenes
Bindungssystem aktiviert und so ist das Pflegesystem eingeschränkt >Funktion als feinfühlige Bindungsperson wird nur unvollständig ausgeführt
- Kind kann keine klare Bindungsstrategie oder Erwartungen an die Bindungsperson entwickeln
- Oft tritt Rollenumkehr ein > Sechsjährige fühlen sich verantwortlich für B.person

III. Funktion:

- B.verhalten erhält Nähe zur B.person aufrecht
- > Gewährleistung des Schutzes vor Gefahren. Kind hat in der Nähe der Mutter die Möglichkeit, alles zu erkunden, was es für sein Überleben braucht.
- Bindungsverhalten von Geburt bis Tod.
- Kind ist mit Reihe von Verhaltensweisen oder Signalen ausgestattet: weinen, nachfolgen, rufen... > sie sollen Kind mit B.person in Verbindung bringen.
- Bindungsverhaltenssystem wird nur aktiviert, wenn Kind negative Emotionen hat (Verunsicherung, Angst...).
- Kind erhält Information über Wirksamkeit seiner Aktionen bzw. Einfluß; Vermittlung von der Qualität der Bindung.
- > Wird sich liebevoll und zuverlässig gekümmert, entwickelt Kind Urvertrauen, wenn nicht Urmißtrauen > Beginn der Entwicklung von Selbst und Selbstwertgefühl.
- Je nach Verfügbarkeit der Bezugsperson im Bezug auf Signale entwickelt Kind Verhaltenssysteme.
- Pflegeverhalten der Eltern ist Komplement zum Bindungsverhalten. Beide Systeme sind aufeinander abgestimmt.
- Ab ca. sechs Monaten entwickelt sich eine Bindung zu einer best. Person. Aber auch zu anderen
Personen können Verhaltenssysteme entwickelt werden.
- Über Bindungsverhalten und Reaktionen entsteht das sog. Innere Arbeitsmodell von Bindung.
- Wichtigste Funktionen: Reaktionen vorwegnehmen und Verhalten vorausschauend zu planen. Um so besser die Simulation ist, um so richtiger ist das Verhalten.

IV. Folgen:

Zentrales Thema: welche Bedingungen führen zu Auswirkungen im Lebenslauf?

1. - Kinder entwickeln unterschiedliche Arbeitsmodelle, je nachdem welche Erfahrungen sie gemacht haben.

- Sicher gebundene zweijährige Kinder: freundlicher, kooperativer (Mutter, Testleiterin und Fremde), zugewandter gegen ihre Mütter; bessere Steuerungs- und Kommunikationsstrategien; freudig-engagierter im Spiel

- Fünfjährige: zuversichtlicher, geschickter und hilfsbereiter im Umgang mit Gleichaltrigen

- Sicher gebunden = soziale Kompetenz

- erfolgreiche Integration belastender Erfahrungen > Toleranz für negative Erfahrungen

- Vorstellungsmodell: Person ist in der Lage sich selbst zu helfen, als auch wert, daß andere ihr helfen

- Sichere Bindung keine Garantie für lebenslanges Wohlbefinden, aber wichtiger Schutzfaktor

- Menschen mit unsicher vermeidender Beziehung: Bindungsgefühle- und verhalten werden unterdrückt.

- Verleugnen jedes Verlangen nach engen Beziehungen, Mißtrauen und Angst, sich auf jemanden zu verlassen

- Menschen mit unsicher ambivalenter Beziehung: verstrickt, konfus, idealisieren ihre Kindheit, aber Erinnerungen decken sich nicht mit Wirklichkeit

- Menschen mit desorganisierter Bindung: Zusammenhang: emotional desorganisierten Kindern und unüberwundenes Trauma der Mütter

- Es entsteht häufig zwanghaftes Fürsorgeverhalten

- In Beziehungen sind sie die Fürsorge Gebenden

- Problem: große Angst vor Verlust und Trennung; Weitergabe von Fürsorgeverhalten über Generationen hinweg, z.B. Mißhandlungen > durch erfolgreiche Therapien kann geholfen werden

2. - Arbeitsmodelle als kognitive Landschaften von Umwelt, eigener und anderen Personen

- Ältere Kinder versuchen mit Arbeitsmodellen Bindungspläne zu verwirklichen

>Angst vor Verlust von Zugänglichkeit

- Arbeitsmodelle sind unbewußt, stabil, lassen sich aber auch verändern

- Frühe, andauernde Bindungserfahrungen werden verinnerlicht und beeinflußt Beziehungen zu bes. Mitmenschen später im Leben > bes. in belastenden Situationen

- Frühkindliche Erfahrungen best. Selbst- und Weltbild > ist für spätere Verhaltenstendenzen verantwortlich

- Person- Umwelt- Interaktionen erfordern ständig neue Integrationen in die Arbeitsmodelle

Details

Seiten
5
Jahr
2000
Dateigröße
382 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v98884
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
Schlagworte
Bindungstheorie John Bowlby

Autor

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