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Mögliche Auswirkungen der Alkoholsucht von Eltern auf deren Kinder und mögliche therapeutische Umgangsformen

Zwischenprüfungsarbeit 2000 44 Seiten

Pädagogik - Familienerziehung

Leseprobe

Einleitung

1. Bedeutung und Definition von Sucht
1.1 Die Abhängigkeit als Form menschlichen Verhaltens
1.2 Sucht aus verschiedenen Sichtweisen
1.3 Merkmale einer Sucht
1.4 Stoffe mit Abhängigkeitspotential

2. Die häufigste Form der Sucht: Alkoholismus
2.1 Einstellungen eines Trinkers zum Alkoholkonsum
2.2 Die vier Phasen des Suchtverlaufs
2.3 Verschiedene Ansätze über die Voraussetzungen, alkoholkrank zu werden
2.4 Die Alkoholakzeptanz in der Gesellschaft

3. Interaktion des Süchtigen mit seinem Umfeld
3.1 Beruf und wirtschaftliche Situation
3.2 Kollegen
3.3 Freunde und Bekannte
3.4 Die Familie - die ,,Co´s"
3.4.1 Typisches Verhalten eines ,,Co´s"

4. Das typische Familienbild
4.1 Familienkrankheit Alkoholismus
4.2 Auswirkungen auf die Kinder
4.2.1 Erziehungsverhalten
4.2.2 Interaktion
4.2.3 Atmosphäre
4.2.4 Familienstrukturen
4.2.5 Familienregeln

5. Das Gefühlsleben und Verhalten der Kinder
5.1 Das Verhältnis zum alkoholkranken Elternteil
5.2 Das Verhältnis zum nichtabhängigen Elternteil

6. Rollenverhalten und Rollenkonflikte von mitbetroffenen Kindern S.
6.1 Der Held der Familie
6.1.1 Der Partnerersatz
6.1.2 Der Bundesgenosse
6.2 Der Sündenbock
6.3 Der Tagträumer / Das ,,verlorene" Kind
6.3.1 Der Friedensstifter
6.3.2 Das Chamäleon
6.4 Das Maskottchen

7. Hilfe für Kinder alkoholkranker Eltern
7.1 Ambulante Hilfe
7.1.1 Regelmäßige Gruppenarbeit anhand des Modellprojekts ,,Arbeit mit Kindern von Suchtkranken"
7.1.2 Therapeutische Freizeit mit Kindern abhängiger Eltern anhand einer Sommerfreizeit an der Nordsee
7.2 Stationäre Hilfe
7.2.1 Ein Modell stationärer Therapieeinrichtungen anhand des Kinderbereichs ,,Friedrichshof" Tübingen

8. Die Alkoholfrage in der Geschichte der Pädagogik Nachwort

Literaturverzeichnis

Erklärung

Einleitung

,,Die Hauptursache der verschiedensten Suchterkrankungen liegt in der heutigen Gesellschaft, die von Fortschritt und immer weitgehender Überforderung geprägt ist Alkoholismus ist keine Eigenart oder auffällige Verhaltensweise einzelner betroffener Menschen; ein abhängiger Mensch leidet unter einer Krankheit, die derselben Aufmerksamkeit und Behandlung bedarf wie Erkrankungen anderer Menschen"1

In den 60er Jahren wurde Alkoholismus offiziell als Krankheit anerkannt. Dennoch werden sowohl Alkoholiker als auch ihre Familie, hier besonders Kinder - im Gegensatz zu anderen Kranken oder Angehörigen dieser - als Randgruppe betrachtet, mit der es oft nicht notwendig erscheint, sich eingehender beschäftigen zu müssen.

Auch in der Wissenschaft schienen Forschungen und Analysen über Kinder von alkoholkranken Elternteilen bis Ende der 70er Jahre nicht von besonderer Relevanz. Die ,,Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren" schaffte es endlich, die Problematik der Kinder von alkoholkranken Eltern an die Öffentlichkeit zu tragen. Doch auch heute, über 20 Jahre später, bedarf es sehr großer Mühe, ausreichend Literatur zu diesem Thema zu erhalten. PädagogInnen in den unterschiedlichsten Einrichtungen werden immer wieder mit dieser Problematik konfrontiert. Bei vielen betroffenen Kindern und Jugendlichen zeigt sich das Problem der Sucht eines Elternteils durch Verhaltensauffälligkeiten, deren Ursachen den PädagogInnen oft unbekannt sind. Durch die nicht ausreichende Forschung und Öffentlichkeitsarbeit fällt es oft auch fachlich geschultem Personal sehr schwer, die Ursache hinter den Schwierigkeiten eines Kindes zu entdecken.

Mit dieser Arbeit kann ich keinen Anspruch darauf erheben, einen Änderungsprozeß für eine sehr geringe Sensibilisierung der Gesellschaft auf die Probleme betroffener Kinder einzuleiten. Ich möchte mich hiermit einfach selbst mit dem Thema beschäftigen. Zu Beginn der Arbeit versuche ich, die generellen Familienstrukturen von betroffenen Kindern und die daraus resultierenden Verhaltensmuster näher zu verstehen. Gleichzeitig möchte ich auch verschiedene Hilfsangebote an die Kinder direkt oder an die gesamte Familie kennenlernen, die es den Kindern ermöglichen, in ihrer Entwicklung gefördert zu werden und trotz der Sucht eines Elternteils ein geregeltes Leben zu führen.

1. Bedeutung und Definition von Sucht

Umgangssprachlich werden die vielfältigen Varianten und Ausprägungen von Abhängigkeitsformen in unserer Gesellschaft häufig mit dem Wort ,,Sucht" bezeichnet. Wir sprechen unter anderem von ,,Spielsucht", ,,Gefallsucht", ,,Gewinnsucht", ,,Naschsucht", ,,Sexsucht", ,,Drogensucht", In diesem Zusammenhang wird darauf hingewiesen, daß das Wort Sucht eigentlich vom Wort ,,siech"2abstammt, und damit so viel wie ,,krank", ,,krankhaft" oder ,,Krankheit" bedeutet. Diese ursprüngliche Bedeutung finden wir heute noch in einigen deutschen medizinischen Wörtern wie ,,Magersucht", ,,Gelbsucht", ,,Wassersucht",..

Hier hat sich also ein Bedeutungswandel vollzogen. Heute wird generell von ,,Sucht"

gesprochen, wenn alltägliche Tätigkeiten oder menschliche Verhaltensweisen zwanghaft übertrieben werden.3

1.1 Die Abhängigkeit als Form menschlichen Verhaltens

,,Im psychologischen und soziologischen Sinn wird unter Abhängigkeit ein Zustand

beschrieben, in dem der einzelne seelisch, und/oder körperlich in ,,seinem Dasein, Fühlen, Denken oder Handeln durch andere Menschen, Institutionen, Dinge oder Wertvorstellungen wesentlich bestimmt ist.""4

In jeder menschlichen Beziehung gibt es Abhängigkeiten, von denen der Großteil sozial sinnvoll, teilweise sogar unvermeidbar ist (z.B.: Abhängigkeit eines Kindes von seinen Eltern, Abhängigkeit von Regelmäßigkeiten im Leben, Abhängigkeit von eigenen Wertvorstellungen).5

Menschliche Abhängigkeitsdispositionen können u.U. zu zwanghaftem mitunter auch zu süchtigem Verhalten ausarten, wenn der Betroffene nicht sachgemäß und/oder folgenabschätzend mit seinen Abhängigkeiten umgeht. Viele Menschen sind nicht fähig, ihre eigenen Abhängigkeitsformen zu erkennen und realistisch abzuschätzen.6

1.2 Sucht aus verschiedenen Sichtweisen

Als Suchthaltung wird allgemein jede Neigung zu zwanghaftem Verhalten bezeichnet, die für bekannte unterschiedliche Ausprägungen einer Abhängigkeit steht. Eine Sucht entsteht einerseits ,,durch den Menschen selbst, denn die Neigungen zu zwanghaftem Verhalten sind potentiell in ihm vorhanden und stellen eine Prädisposition oder Bereitschaft zur Sucht dar,"7andererseits ,,durch das Suchtmittel und das süchtige Verhalten, weil seine negativen Eigenschaften und Gefahren nicht erkannt werden"8.

Die wichtigste Voraussetzung für die Entstehung einer Sucht ist die Habituation (Gewöhnung), sowohl in pharmakologischer wie in anthropologischer und psychologischer Hinsicht: Werden dem Betroffenen ständig dieselben Reize des selben Stoffes zugefügt, so entsteht eine graduelle Reizminderung durch die ständige Wiederholung.9 Man kann hier von keinem typischen Lernvorgang sprechen, da die Reaktionsminderung nach einiger Zeit zwangsläufig eintritt. Dabei tritt keine Generalisierung auf (In der gewohnten Reizsituation können z.B.: angeborene Schlüsselreize ihre auslösende Wirkung verlieren, behalten sie aber in allen anderen Situationen.). Durch Aktivitäten des Zentralnervensystems können Gewöhnungsprozesse gehemmt werden.10

Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) beschreibt Sucht durch ,,Dorgenabhängigkeit": als einen ,,Zustand seelischer oder seelischer und körperlicher Abhängigkeit von einer Droge mit zentraler Wirkung, der durch periodische oder kontinuierliche Aufnahme der Substanz charakterisiert ist"11

In der Medizin wird Sucht als ,,eine krankhafte Abhängigkeit von einem Giftstoff, in einer Weise, daß Physis und Psyche steigernd nach diesem Stoff verlangen, nicht mehr ohne ihn auskommen, und ... von ihm destruiert werden"12

1.3 Merkmale einer Sucht

a. ,,Ein intensives Verlangen, einen Wirkstoff zu konsumieren, sich in eine bestimmte Situation zu begeben (zum Beispiel immer nur für andere Menschen dazusein, um dadurch Lob und Anerkennung zu bekommen, die man sonst kaum oder gar nicht bekommt) oder sich in einen bestimmten Zustand zu versetzen, (betrunken zu sein), die/der immer wieder zwanghaft gesucht und als wohltuend erlebt wird.

b. Die Neigung, die Dosis des Wirkstoffes zu steigern, oder sich durch ein immer stärker werdendes Maß in einem dem Wirkstoff gemäßen Zustand zu versetzen und ihn dann immer häufiger herbeiführen zu müssen, oder nur noch in diesem verharren zu wollen.

c. Die physische, psychische und/oder soziale Abhängigkeit von der angenehmem Wirkung des Wirkstoffes oder des wohltuenden Zustandes und der Situation.

d. Die Entzugserscheinungen, wenn der Wirkstoff, der bestimmte Zustand oder die bestimmte Situation nicht erreicht werden kann; die Entzugserscheinungen führen dazu, sich den Wirkstoff unter allen Umständen wieder zu beschaffen."13

e. Den Sinn, den der Abhängige in der Sucht sieht, die praktisch sein Leben bestimmt.14

1.4 Stoffe mit Abhängigkeitspotential

Die WHO zählt sieben Stoffgruppen mit erhöhtem Mißbrauchpotential :

a. Morphine

b. Barbiturate und Alkohol

c. Kokain

d. Cannabis

e. Amphetamine

f. Khat

g. Halluzinogene

2. Die häufigste Form der Sucht: Alkoholismus

Eine mögliche Art der Sucht ist dieAlkoholsucht. Im weiteren Text wird daher auf jene Personen eingegangen, die jenes spezielle Suchtverhalten aufweisen und somit als Alkoholiker zu bezeichnen sind.

Nach WHO versteht man unter Alkoholiker ,,exzessive Trinker, deren Abhängigkeit vom Alkohol einen solche Grad erreicht hat, daß sie deutlich geistige Störungen oder Konflikte in ihrer körperlichen und geistigen Gesundheit, in ihren mitmenschlichen Beziehungen, ihren sozialen und wirtschaftlichen Funktionen - oder Vorzeichen einer solchen krankhaften Entwicklung - aufweisen."15

Es ist schwer, einen konkreten Unterschied zwischen einem Menschen, der regelmäßig Alkohol trinkt und einem Alkoholiker zu ziehen. Generell wird der Verlust der Selbstkontrolle in speziellen Situationen oder auch der Verlust der Fähigkeit, mit dem Trinken jederzeit aufhören zu können, als das ausschlaggebende Symptom angenommen.16Ab diesem Stadium spricht die Medizin von Sucht. Oftmals ist der körperliche und seelische Verfall so weit fortgeschritten, daß eine Heilung im Sinne einer Rückbildung zum Ausgangsstadium nicht mehr möglich ist. Die frühere Fähigkeit, in Mäßigkeit zu trinken ist in den meisten Fällen nicht mehr gegeben.

Am 18.6.1968 wurde der Alkoholismus als Krankheit anerkannt.17

2.1 Einstellungen eines Trinkers zum Alkoholkonsum

Generell kann man drei Grundeinstellungen bezüglich des Alkoholkonsums unterscheiden, die wiederum teilweise in Untergruppen eingeteilt werden können. In einzelnen Fällen können mehrere Einstellungsformen gleichzeitig auftreten, von denen allerdings immer eine die Führende darstellt.18

Als erster sei der rituelle Konsum genannt. Der Genuß von Alkohol steht im Vordergrund, er wird in zeremonielle Handeln eingebaut. Dies kann von geistlichen Handlungen während des christlichen Abendmahls in der Kirche bis hin zu Trinkzeremonien bei festlichen Anlässen (z.B.: Jubiläen, Abschlüsse) reichen.19

Der sozial-konviviale Konsum zeichnet sich dadurch aus, daß sich das Trinken von Alkohol zwar in Gesellschaft abspielt, der strenge zeremonielle Rahmen allerdings fehlt. Die Trinksitten spielen eine wesentliche, allerdings kaum formulierte Rolle. Damit ist eine soziale Kontrolle ebenfalls gegeben.20

Beim utilitaristischen Konsum wird hauptsächlich des Geschmacks oder der pharmakologischen Wirkung wegen getrunken. Alkohol wird einerseits dazu verwendet, Ängste sowie Spannungen abzubauen, sich enthemmter zu fühlen oder dient durch die gewonnene ,,Lockerheit" weiterführend Zielen wie dem Erreichen von Macht über andere Menschen; andererseits soll Alkohol oftmals auch hedonistische Ziele wie Genuß wegen Wohlgeschmacks oder Steigerung der sexuellen Aktivität mit ein schließen. Der utilitaristische Konsum geschieht in den meisten Fällen allein, oftmals sogar heimlich. Die soziale Kontrolle fehlt hier meistens, oft wird diese auch bewußt vermieden.21 Ausgangspunkt für viele Erklärungsversuche des Alkoholismus sind die utilitaristischen Modelle. Nach funktionalistischen Theorien besteht die Grundfunktion des Alkohols in der Spannungslösung.

2.2 Die vier Phasen des Suchtverlaufs

Der Verlauf einer Alkoholkrankheit kann zeitlich und in seinen Ausprägungen sehr

verschieden sein. E.M. Jellinek22hat an Hand von Fragebogenuntersuchungen festgestellt, daß man vier Phasen der Alkoholsucht an Hand der Symptome festmachen kann: Während der ersten Phase wird der Übergang vom einmaligen ,,erleichternden" Gläschen zum regelmäßigen Trinker beschrieben. Dieser Prozeß erfolgt über einen Zeitraum zwischen sechs Monaten und fünf Jahren.

Die zweite Phase ist gekennzeichnet durch heimliches Trinken und die Verleugnung des Verlangens anderen Mitmenschen gegenüber. Die ersten Gedächtnislücken treten auf. In der dritten Phase - die sogenanntekritischePhase23- wird bereits von Alkoholkranken gesprochen. Diese Phase ist hauptsächlich durch den Kontrollverlust während des Trinkens gekennzeichnet. Oftmals kommt es hier zu Interessenseinengungen, zwischenmenschliche Beziehungen gehen auseinander, es kann zu Konflikten am Arbeitsplatz bis hin zum Verlust dieses kommen.

Die vierte - diechronischePhase24- zeichnet sich hauptsächlich durch verlängerte Rauschzustände aus, die je nach zuvorigem Konsum einige Tage lang anhalten können.2526 Vor allem die kritische und die chronische Phase führen oft zu einem Abbau ethischer Werte. Logisches und verantwortungsbewußtes Denken und Kontrolle des Verhaltens setzen hier zunehmend aus. Viele Trinker benötigen teilweise morgens Alkohol, um ihre Entzugssymptome zu bekämpfen, gleichzeitig tritt durch derartiges Verhalten schnell ein weitere Kontrollverlust ein.

2.3 Verschiedene Ansätze über die Voraussetzungen, alkoholkrank zu werden

Ausgangspunkt der heutigen wissenschaftlichen Forschungen zum Thema Alkoholismus ist inzwischen, daß es keine genetischen oder soziale Voraussetzungen gibt, die eine Sucht begünstigen. Alkoholismus ist in Westeuropa innerhalb jeder sozialen Schicht gleichrangig nachweisbar. Nach neuen Untersuchungen kann jeder Mensch unter bestimmten Bedingungen unabhängig von Intelligenz, sozialer Position oder Geschlecht suchtkrank werden.27

DiePsychoanalysesieht die Entstehung von Sucht primär in der Persönlichkeit des Süchtigen selbst. In der Psychoanalyse wird generell nicht davon ausgegangen, daß ,,Kultur oder Gesellschaft süchtiges Verhalten im Sinne einer direkten Kausalität mitbewirken"28. Ausschlaggebend für Suchtgefährdung seien Persönlichkeitsdefizite, die teilweise seit früher Kindheit nicht aufgearbeitet wurden. Das Suchtmittel wird hier als Ausgleich dieser Defizite betrachtet; gesellschaftliche Faktoren scheinen hier irrelevant.

DieLerntheorieversucht die Alkoholsucht so zu erklären, daß das Individuum die Erfahrung macht, daß Alkohol Spannungen löst und Ängste beseitigt. Alkohol wird als positiver Verstärker benutzt, es entsteht ein klassisches Konditionieren.29

Weitere Ansichten beschreiben die Droge als eine Lebensanleitung bzw. Ersatzbefriedigung des nicht größtmöglich ausgelebten Lebens gehemmter Menschen. Diese könnten infolge ihrer Hemmungen keine normale Auseinandersetzung mit der Realität eingehen, weshalb das Suchtmittel auf diesem Weg ein Mittel zur Daseinsbewältigung darstellt.30

Lange Zeit war die Frage aktuell, ob Alkoholismus erblich bedingt sei aktuell. Nach genaueren Untersuchungen wurde festgestellt, daß eine gewisse Disposition vorliegt, eine Erblichkeit allerdings nicht nachweisbar ist.31

Sämtliche Versuche, das Vorkommen und Entstehen von Sucht zu erklären, sehen die Gründe dafür in der Persönlichkeit oder Veranlagung des Betroffenen; gesellschaftliche Bedingungen werden kaum berücksichtigt. Alkoholsucht kann jedoch ein Individuum selten isoliert treffen, dieses steht immer in einem sozialen Gefüge und ist durch Interaktion gekennzeichnet.

2.4 Die Alkoholakzeptanz in der Gesellschaft

Unsere heutigen Trinksitten entstammen aus einem jahrhundertealten Brauch. Durch die Veränderung dieses Brauchs wurde im Laufe der Zeit ein gesellschaftliches Problem. Den Großteil unserer Geschichte hindurch diente Alkoholkonsum als Trinkspezialität von Festlichkeiten; Alkohol wurde also zu besonderen Anlässen in Gesellschaft getrunken.32 Im Vergleich zum alten Brauch unterstützt die heutige Gesellschaft den Alkoholkonsum,

indem sie diesem zur Gewohnheit werden läßt, die oft einen festen Bestandteil in unserem Leben ausmacht. Durch die Werbung wird die Akzeptanz und teilweise Anerkennung von Alkohol verstärkt. Durch Werbesprüche wie ,,Der Tag geht - Johnny Walker kommt" wird Alkohol teilweise zu einem festen Bestandteil unseres Tagesablaufs gemacht.33

Wird ein Gesellschaftsmitglied allerdings alkoholkrank, projeziert die Gesellschaft oftmals Schuldgefühle und ihr schlechtes Gewissen auf den Erkrankten, indem dieser verachtet wird. Es wird deutlich, daß aber genau in der Struktur dieser Gesellschaft ein großer Teil der Ursachen für Alkoholismus liegt. ,,Der Suchtkranke befindet sich in einem inneren Widerstreit zwischen Sehnsucht nach sozialer Anerkennung und Ächtung durch eben diese Gesellschaft"34

3. Interaktion des Süchtigen mit seinem Umfeld

Wie schon anfangs erwähnt, ist Alkoholismus keine Krankheit, die nur Süchtige isoliert betrifft. Der Erkrankte lebt meist in einem sozialen Gefüge. Die Krankheit hat dadurch nicht nur Schäden für den Süchtigen selbst zu Folge. In den meisten Fällen sind auch Kinder, Lebenspartner und -partnerinnen, Geschwister, Eltern sowie Freunde und Arbeitskollegen betroffen. Oft werden auch diese nicht nur psychisch sondern auch physisch stark belastet, gekränkt und in vielen Fällen auch selbst krank.35

3.1 Beruf und wirtschaftliche Situation

Die berufliche Leistungsfähigkeit wird durch den Alkoholkonsum in vielfältiger Weise ungünstig beeinflußt: Durch die zusätzlichen gesundheitlichen Leiden, die durch en übermäßigen Alkohol entstehen, fällt es auch einem nüchternen Alkoholiker schwer, Arbeiten zu verrichten, die ein hohes Konzentrationsvermögen oder Geschicklichkeit bedürfen. Den meisten Süchtigen fällt es auch schwer, das selbe Tempo einzuhalten, indem die Kollegen arbeiten.36

Neben erheblichen psychischen und physischen Einschränkungen haben viele Alkoholiker aber auch noch mit anderen Problemen zu kämpfen: Durch die ständige gedankliche Ablenkung auf den Alkohol kann es zu einer immer weiterführenden Entfremdung vom Beruf kommen. Die Folgen sind neben weiterer Tempoverringerung auch teilweise lebensbedrohliche Unfälle. Oft geschieht es, daß Süchtige durch ihre Krankheit unentschuldigt der Arbeit fernbleiben und während der Arbeitszeit übermäßige Pausen für sich beanspruchen.

3.2 Kollegen

Durch die Krankheit kommt es im Betrieb meist zu erhöhten zwischenmenschlichen Spannungen, unter denen Arbeitskollegen, Vorgesetzte und Untergebene zu leiden haben. Alkoholiker werden gerade im Betrieb durch die geschilderten Abbauerscheinungen und dem durch die Krankheit bedingten psychischen Druck nüchtern zu unberechenbaren und gereizten Menschen. Unter geringem Alkoholeinfluß verhalten Alkoholiker sich oft überangepaßt und überkompensierend. Die Kombination aus diesen verschiedenen Verhaltensweisen führt zu einer Verunsicherung der Beziehungen zwischen den ,,gesunden" Mitarbeitern und den Alkoholikern, die oft in gegenseitiger Angst und Ablehnung endet.

In ihrer Anfangsphase wirkt das Verhalten mancher Alkoholiker auf einige Kollegen sehr anziehend: Viele der Süchtigen zeigen unter sehr geringem Alkoholeinfluß ein sehr kontaktfreudiges und freundschaftliches Verhalten.37Schreitet allerdings der Prozeß der Krankheit fort, so wird der Alkoholiker meist von seinen Kollegen abgelehnt und ,,zum Gegenstand einer negativen Stereotypprojektion gemacht"38Eine zusätzliche Erscheinung ist noch, daß der Alkoholiker durch seine Krankheit meist zunehmend an Autorität verliert und somit auch ein Abstieg innerhalb des Betriebes beginnen kann.

3.3 Freunde und Bekannte

Ähnliche soziale Prozesse wie am Arbeitsplatz wurden auch in Freundeskreisen beobachtet: Auch hier tritt oft der Effekt ein, daß zu Beginn der Sucht die Freundschaft intensiviert wird, da sich der Kranke überaus kooperativ und interessiert zeigt. Nach Fortschreiten der Krankheit nehmen meist auch der Großteil der Bekannten Abstand zu dem Süchtigen, da dieser zunehmend unberechenbarer wird. Es entstehen auch hier soziale Spannungen, die oft in absolutem Mißtrauen enden. Oft werden die Kranken Bekannte für Komplikationen innerhalb der Freundschaft, die durch andere Mißstände als die Krankheit entstanden sind, verantwortlich gemacht.

In einigen Fällen brechen Alkoholiker auch Kontakte mit Freunden, die für den Süchtigen vor der Erkrankung sogar als angenehm empfunden werden, unkommentiert ab oder verringern sie auf das Notwendigste. Dies geschieht einerseits als Vorsichtsmaßnahme, damit sie selbst die Entscheidung darüber behalten, welche Freundschaften sie erhalten möchten; andererseits meist aus Angst, sich tiefergehend für die Sucht rechtfertigen zu müssen oder sich gar ein Versprechen abnehmen zu lassen, diese nun ungewollt für einen anderen Menschen aufgeben zu müssen.39

In einigen Fällen beginnen (meist sehr enge) Freunde, die Sucht zu unterstützen und richten ihr gesamtes Leben nach dem Kranken ein. Dieses Verhalten entspricht ziemlich genau dem eines Co-Abhängigen, das unten näher beschrieben wird.

Viele Süchtige leiden dennoch unter einem schlechten Gewissen, da sie abschätzen können, in wieweit die betroffenen Freunde unter der Krankheit zu leiden haben.

3.4 Die Familie - die ,,Co´s"

Ende der 70er Jahre wurden in den USA die ersten Materialien veröffentlicht, in denen typische Entwicklungen beschrieben wurden, in denen die Abhängigkeit von einem chemischen Mittel eine Rolle spielt. Die Mitbetroffenheit der Angehörigen wurde somit als ,,co-depency" bezeichnet, also Co-Abhängigkeit genannt.40

Meist werden unter Co-Abhängigen Menschen oder eine gesamte Personengruppe verstanden, die ,,willentlich oder unwillentlich, bewußt oder unbewußt dazu beitragen, daß die Krankheit des Abhängigen bestehen bleibt."41

3.4.1 Typisches Verhalten eines ,,Co´s"

Die betroffenen Mitglieder haben es mit einem Mitglied der Familie zu tun, das sich meistens unvorhersagbar und oft auch unverantwortlich verhält.42

Dadurch, daß der Co-Alkoholiker meist eine sehr enge Beziehung mit dem Alkoholkranken hatte, ist sein Verhalten im Umgang mit anderen oft gestört. Meistens spielt es keine Rolle, ob der Alkoholiker Elternteil, ein sehr enger Freund oder Ehepartner ist - die besonders enge Beziehung zum Erkrankten bewirkt meistens, daß beim Co-Alkoholiker bestimmte Gefühle und Verhaltensweisen auftreten:

Ein niedriges Selbstwertgefühl ein starkes Verlangen danach, andere zu kontrollieren und zu verändern, und eine Bereitschaft zu leiden.43Oft entwickelt sich die Beziehung zu der süchtigen Person in eine Form von Abhängigkeit, die die co-abhängige Person in allen Beziehungen beeinträchtigt.44

Die Co-Abhängigkeit zeichnet sich zusätzlich oft durch zwei Seiten aus: Die co-abhängige Person unterstützt einerseits die Sucht, sie macht sie teilweise erst möglich oder versucht, den Anschein vorzutäuschen, die Sucht sei legitim. Dieses Verhalten nennt man auch ,,enabling". Auf der anderen Seite leiden die Betroffenen auch selbst unter dem Verhalten des süchtigen Angehörigen.45Durch den Versuch, sich den Süchtigen anzupassen, fallen viele Familienmitglieder in eine Rolle, in die sie sich hinein gezwungen fühlen und eigentlich gar nicht spielen möchten. Sie erfahren Störungen und Beeinträchtigungen in vielen Bereichen ihres Lebens und ihrer Persönlichkeitsentwicklung. So können sich zum Beispiel Kinder in die Rolle des Erziehungsberechtigten für kleinere Geschwister gedrängt fühlen, wenn dieser durch die Sucht in der Funktion seiner Familie ausfällt.

4. Das typische Familienbild

4.1 Familienkrankheit Alkoholismus:

Wie anfangs schon erwähnt, weiß man inzwischen, daß sich die Alkoholkrankheit immer auf alle Familienmitglieder auswirkt.46Die Einwirkung der Krankheit auf die Familie ist jedoch abhängig vom jeweiligen Stadium der Krankheit und der Grundpersönlichkeit des Alkoholikers.

Bevor sich die Familie darüber im Klaren ist, daß ein Familienmitglied abhängig ist, vergehen oft viel Jahre, in denen die Sucht verharmlost wird oder nicht ,,wahrgehabt gewollt" wird. Immer wieder werden Hoffnungen, es wäre doch keine Sucht zerstört.47Oft ist die Suchterkrankung aber auch Ausdruck von Beziehungsstörungen innerhalb einer Familie.48 Während es in der ersten Phase des Alkoholismus noch zu sehr ambivalentem Verhalten der anderen Familienmitglieder kommen kann (öfteres Wechseln zwischen Sympathie und Abwendung zum Alkoholiker), kommt es in der kritischen und verstärkt in der chronischen Phase zur immer weiteren Ablehnung durch den Ehepartner.49Kinder, die die Sucht noch nicht als solche erkennen können, fühlen sich oft in einem Gefühlszwiespalt. Einerseits wird die Liebe dem Kind, die durch die Ablehnung durch den gesunden Ehepartner nicht erwidert wird, gerne entgegengenommen und erwidert, andererseits fühlen auch gerade Kinder die Veränderung des Elternteils, mit der sie oftmals gar nicht zurecht kommen. Ein weiteres Problem stellt die Geheimhaltung der Sucht dar. Aufgrund der Stigmatisierung ist allen Familienmitgliedern klar, daß die Alkoholkrankheit geheimgehalten werden muß. Für die Kinder bedeutet dies, nach außen hin die Familiensituation vertuschen zu müssen. Kinder können sich niemals sicher sein, was bei ihrer Rückkunft, zu Hause auf sie wartet. Aus Schamgefühl werden oft Freunde nicht mehr mitgebracht; oft ist es auch für diese Kinder unmöglich, mit weiteren Personen über die Krankheit des Elternteils zu sprechen - aus Schamgefühl und gleichzeitig auch aus Angst, das betroffene Familienmitglied in eine unangenehme Situation zu bringen oder gar zu ,,verraten". Dadurch, daß weder außer Haus noch innerhalb der Familie über die Sucht gesprochen werden darf, wird daraus gefolgert, daß das Kind sich auch selbst gegenüber verschweigt, was es gerade durchlebt.50

4.2 Auswirkungen auf die Kinder

Generell ist es schwer, von einem speziellen ,,Typus" eines Alkoholikerkindes zu sprechen. Kinder, die in einer Familie mit einem alkoholkranken Mitglied aufwachsen können in den unterschiedlichsten Entwicklungs- oder Persönlichkeitsbereichen in sehr verschiedenen Ausprägungen geschädigt werden. Generell kann man jedoch davon ausgehen, daß Kinder, deren Eltern unter der Alkoholsucht leiden, in ihrer gesamten Entwicklung - sowohl seelisch, als auch körperlich - gefährdet sind. In vielen Fällen kommt eine durch die Sucht bedingte unterdurchschnittliche ökonomische Ausgangsbasis hinzu, was die Entwicklung oft zusätzlich erschwert.51

Wie gut Kinder die Situation in der Familie verarbeiten können, hängt unter anderem vom jeweiligen Entwicklungsstand des Kindes ab. Es ist jedoch nachgewiesen, daß das Verarbeiten an die Phasen der kognitiven Entwicklung gebunden ist: a. ,,Bis zurprälogischen Stufewird nur das Phänomen des Alkoholmißbrauchs von Kindern wahrgenommen, es kann jedoch kein Zusammenhang zwischen Alkoholgenuß und den Folgen hergestellt werden. Die Kinder erleben die Eltern oftmals mit unterschiedlichen Reaktionen, was sie letztlich unsicher und hilflos macht.

b. Auf derkonkret-logischenStufe sieht das Kind zwar schon einen Zusammenhang zwischen dem Trinkverhalten der Eltern und den Folgen, es kann aber noch nicht die spezifischen Wirkungen des Alkohols erfassen. In dieser Phase verbünden sich die Kinder oftmals mit dem jeweiligen nichtabhängigen Elternteil, um den Süchtigen vom Trinken abzuhalten. Da dies nicht gelingen kann, wird seine Hilflosigkeit und Ohnmacht immer größer.

c. Dieformal-logischeStufe beginnt im Jugendalter, wo Kinder die Fähigkeit erlangen, logisch zu denken, welche Auswirkungen das Trinkverhalten der Eltern auf sie persönlich und auf die gesamte Familie haben kann. In dieser Phase ist die Gefahr besonders groß, Störungen in der Persönlichkeitsfindung zu entwickeln."52

4.2.1 Erziehungsverhalten

Das Erziehungsverhalten von Eltern hat immer Auswirkungen auf das Verhalten und die Entwicklung der Kinder. In einer Alkoholikerfamilie ist das Erziehungsverhalten vorwiegend unbeständig. Einmal wird ein bestimmtes Verhalten der Kinder bestraft, ein anderes Mal kann es passieren, daß dasselbe Verhalten gar nicht beachtet oder sogar gelobt wird. Die Eltern versuchen meistens, die Fehler seitens der Kinder durch fast explosionsartige Wutausbrüche zu verurteilen. Auch Körperliche Mißhandlungen sind oft nicht mehr auszuschließen.

Der ständige Alkoholkonsum läßt die Persönlichkeit des Alkoholikers teilweise derart verändern, daß dieser kaum noch Kontrolle über eigene Handlungen und Reaktionen halten kann. Das Verhalten vieler Alkoholiker zeichnet sich durch Unberechenbarkeit, Impulsivität oder häufiges Nichteinhaltung von Versprechen aus. In vielen Fällen wird das Einfühlungsvermögen oder Konfliktfähigkeit zusätzlich eingeschränkt, daß Meinungsverschiedenheiten oft ausschließlich durch Gewaltanwendung beendet werden können. Durch den überhöhten Suchtmittelkonsum kommt es zusätzlich oft zu einem Statusverlust innerhalb und außerhalb der Familie, den der Kranke häufig durch überhöhte Autorität auszugleichen versucht.53Oft herrscht zusätzlich ein knapper, bestimmter Ton mit Befehlscharakter, der es den Kindern unmöglich macht, eigene Wünsche zu äußern. ,,Dieses Erzieherverhalten verursacht bei den Kindern Angst, eine große Unsicherheit in ihren Wahrnehmungen und Gefühlen und erzeugt Desorientierung, denn sie finden nicht die notwendige Führung. Zusätzlich bewirkt diese Wechselhaftigkeit des Erziehungsverhaltens eine instabile und unzuverlässige Beziehung zwischen den Eltern und Kindern."54

4.2.2 Interaktion

In Alkoholikerfamilien ist die Kommunikation häufig weit mehr gestört, als es in nicht suchtkranken Familien mitunter zu beobachten ist. Zumeist ist das Thema Alkohol in diesen Familien tabuisiert, so daß oft das schwerwiegendste Problem der Familie nicht zur Sprache kommt, obwohl dieser den Großteil des Alltags bestimmt und aus ihm viele der Familienprobleme entstehen. Diese in diesem Themenbereich besonders gestörte Kommunikation führt oftmals zur Unterdrückung von Gefühlen, schürt Ängste und läßt die durch die Alkoholsucht hervorgerufene Familiensituation unverändert weiterbestehen. Oft kann man anstelle von intakten Gesprächen Unehrlichkeit und Lügen, doppeldeutige Aussagen, Beschimpfungen sowie Drohungen beobachten. Eine derartige Form der Kommunikation führt häufig zu einem großen Unbehagen.55Meist wird die Gesprächsführung auch nicht durch feste Regeln bestimmt, sondern in den Inhalten und der Art des Gesprächs durch das gerade stärkste Mitglied der Familie, das meistens der Alkoholiker darstellt. Dadurch verlieren Worte häufig ihre Bedeutung und ihren Wert, so daß es oft geschieht, daß Kinder beginnen, sich ausschließlich auf Tatsachen zu verlassen; gesprochenen Worten wird meistens mißtraut.

Die Kinder ziehen sich häufig zurück und schweigen. Aus eigener Motivation werden kaum noch Gespräche innerhalb der Familie gesucht. Durch die Laune und Wechselhaftigkeit des Alkoholikers kommt es zu keiner verbalen Kommunikation mehr. Dies hat einerseits zur Folge, daß dem Kind nötige Ansprechpartner verloren gehen, andererseits verstärkt dies die ohnehin schon vorhandene soziale und emotionale Entfremdung.

,,Kinder stehen inmitten dieser Kommunikationslosigkiet, ohne die Situation ändern zu können. Ihre Unsicherheit, wie der betrunkene Vater oder die nervöse Mutter reagieren, hält sie zurück, aus eigener Motivation Gespräche zu beginnen. Besonders die Wechselhaftigkeit und Launen des Alkoholikers verhindern jeden verbalen Kontakt. Die Folge davon ist, daß die Kinder innerhalb der Familie keinen Ansprechpartner für ihre Probleme und Sorgen haben."56

4.2.3 Atmosph äre

Die Atmosphäre einer Alkoholikerfamilie kann oft als angespannt bezeichnet werden. Die Kinder finden sich bloß schwer zurecht. Die Spannungen zwischen den beiden Elternteilen bewirken eine gestörte emotionale Beziehung zu den Eltern, da sie zwischen den eigenen Gefühlen zu den einzelnen Elternteilen ständig hin- und hergerissen werden. Die Kinder versuchen oft, sich den Stimmungen der Eltern anzupassen, um nicht aus dem gerade passenden Bild der Situation herauszufallen. Deshalb werden auch die Stimmungsschwankungen oft auf das Kind übertragen, das sich dagegen nicht wehren kann.

Der abhängige Elternteil ist oft mit seiner gesamten Aufmerksamkeit auf seine eigene Sucht gelenkt, daß er dem Kind nichts von dieser abgeben kann. Doch auch der ,,gesunde" Elternteil kann meistens nicht für das Kind in dem Ausmaß da sein wie er gerade gerne möchte oder wie es ohne die Sucht zumindest möglich wäre, da dieser sich auch hauptsächlich um den Kranken kümmern und Teile seiner Aufgaben übernehmen muß. Die Kinder fühlen sich dadurch selten in einer richtigen familiären Atmosphäre, sondern müssen oft Wege finden, alleine mit ihren Problemen zurechtzukommen.57

Oftmals werden Kinder auch für das gesamte Familiäre Elend verantwortlich gemacht.

,,...wenn du dich so benimmst, muß Mama/Papa ja trinken..."sind häufig verwandte Sätze.

Als zusätzlich belastend für die Kinder kommt die Ungewißheit hinzu, wie sich die Eltern verhalten werden, wenn sie aus der Schule oder die Eltern von der Arbeit kommen. Die Kinder schwanken zwischen der Hoffnung, daß dieses Mal alles gewohnt anzutreffen ist, oder ob sie sich wiederum auf neue Situationen einstellen müssen.

Häufiger als in nicht-alkoholischen Familien kommt es in Alkoholikerfamilien zu Streitigkeiten zwischen den Ehepartnern. Diese verursachen bei den Kindern nicht nur ein unwohles oder beklemmendes Gefühl. Viele fühlen sich für die Auseinandersetzungen zwischen den Eltern verantwortlich oder werden gar dafür verantwortlich gemacht, weshalb sie diese gerne beenden möchten, wissen aber nicht wie. Durch die meistens oft mißlungenen Versuche, Streitigkeiten zu schlichten, kommt es oft zu Frustration, nach längerer Zeit auch zu depressivem Verhalten.58Die häufigen Auseinandersetzungen verursachen im Kind aber auch die Angst vor einer möglichen Trennung.

Oft leiden Kinder auch unter ständigen Widersprüchen an Gefühlen, die ihnen entgegengebracht werden:

Der Widerspruch zwischen

-Liebe - Zurückweisung: Das Kind bekommt einerseits signalisiert, geliebt zu werden, andererseits erfährt es gleich darauf Ablehnung.

- Verläßlichkeit - Enttäuschung: Versprochene Abmachungen werden nicht gehalten. Folglich erlebt das Kind massive Enttäuschungen und lernt, sich auf Versprechen der Eltern nicht verlassen zu können.

-Wahrheit - Lüge: Wahrheit wird für das Kind oft zu dem, was die Eltern gerne hören möchten. Damit wird Lüge zur Realität gemacht und entwickelt sich dadurch zur Alltagsroutine.

-InOrdnung - nichts stimmt: Das Kind erlebt den Widerspruch, daß es einerseits gesagt und vermittelt bekommt, daß die Familie intakt sei, die Realität für das Kind ist aber Angst und Unsicherheit.

-Schuld - Entschuldigung: Das Verhalten des Alkoholikers wird oftmals entschuldigt. So lernt das Kind, daß Alkoholiker generell nicht für ihr Verhalten und Handeln verantwortlich zu machen sind, es selber sich aber nach außen für die gesamte Familie rechtfertigen und teilweise entschuldigen muß.

Zur sozialen Isolation trägt zudem noch bei, daß Kinder das Stigma des ,,Säuferkindes" deutlich zu spüren bekommen, da Alkoholiker in der Gesellschaft noch immer als soziale Randgruppe betrachtet werden.59

4.2.4 Familienstrukturen

Die Rolle, die jedes einzelne Familienmitglied in dieser Gemeinschaft spielt, wechselt. Durch den Ausfall der süchtigen Person in der Aufgabenverteilung, müssen deren Aufgaben neu vergeben werden. Meist übernehmen die Ehepartner des Süchtigen den Großteil dessen Funktionen einfach mit. Ehefrauen, deren Ehemänner den kranken Part der Familie spielen, treten in ihren Einstellungen ,,maskuliner" auf, da sie oft den Rollenverlust des Erkrankten nutzen, die Führung der Familie zu übernehmen. Ein Kind übernimmt beispielsweise die Rolle des umsorgenden großen Geschwisterchens, das sich um das Wohl des Kleineren kümmert (zu Bett bringen, füttern) oder teilweise die der Mutter, indem es den Großteil des Haushalts erledigt oder den nicht-alkoholkranken Elternteil tröstet.60Bei Gewaltanwendung im Alkoholrausch müssen Kinder oft die Rolle der Schlichter spielen. Merkwürdig und Unverständlich erscheinen Kindern immer dann Situationen, wenn der ,,gesunde" Elternteil trotz aller Bemühungen und Fürsorge seitens des Kindes dem erkrankten Elternteil mehr Zuwendung schenkt und damit das Kind im Glauben läßt, diesen mehr zu lieben. Kinder glauben in solchen Situationen oft, selbst schuld an der gesamten Familiensituation zu sein.61

4.2.5 Familienregeln

Ein wichtiger Bestandteil des Alltags sind die Familienregeln, an die sich alle Familienmitglieder halten sollten. Den Zweck stellt die Geheimhalten und Nichterörterung der Problematik der Sucht dar. Eine Ausnahme bildet der Alkoholkranke selber: Dieser erstellt zwar größtenteils die Regeln für sein Umfeld. Durch diese Funktion steht ihm allerdings auch das Recht zu, diese zu durchbrechen. Die Regeln beeinflussen alle übrigen Familienmitglieder in ihrem Handeln, Denken und Fühlen und üben damit sehr große Macht über die Betroffenen aus.

Diese Regeln haben vier Funktionen zu erfüllen:

- Verbindliche Werte, Erwartungen und Ziele der gesamten Familie werden festgelegt.

- Das ,,Familienoberhaupt" wird festgelegt. Der Gebrauch von Macht und Autorität wird legitimiert.

- Regelung des Umgangs mit Veränderungen

- Sie legen die Kommunikationsmuster innerhalb der Familie fest.62

Die wichtigsten fünf Regeln:

-,,Regel der Gefühlskontrolle: Die meisten Kinder in Suchtfamilien wachsen in einem Gefühlschaos auf. Sie fühlen sich verantwortlich und schuldig für die Alkoholkrankheit.

Hinzu kommt das Gefühl, nicht geliebt und wahrgenommen zu werden, da sich alles um den alkoholkranken Elternteil dreht. Das unzuverlässige Verhalten der Eltern schafft Verunsicherung, Mißtrauen und Angst. Es wird vom Kind erwartet, diese Gefühle jedoch zu verleugnen und nach außen immer beherrscht und sicher zu wirken.

-Regel der Rigidität: Die Unflexibilität wirkt sich auf die einzelnen Familienmitglieder aus. Niemand darf sich verändern. Für Kinder bedeutet dies, daß kein Platz für Emotionen vorhanden ist.

-Regel des Schweigens: Das Familiengeheimnis Alkoholismus muß gewahrt bleiben, deshalb

wird es verleugnet und nicht darüber gesprochen. Auch Gefühle, die in Verbindung mit dem Alkoholismus stehen, dürfen vom Kind nicht ausgedrückt werden. Dadurch lernen die Kinder, daß über bestimmte Dinge nicht gesprochen wird.

-Regel der Verleugnung: In der Alkoholikerfamilie erhalten die Kinder die Botschaft, daß alles ,,normal" und intakt ist. Das Kind gerät in Konflikte, weil es die Realität anders erlebt als das, was ihm erzählt wird. Die Realität stimmt mit der Wahrnehmung nicht überein, so kommt es zur Verleugnung der Realität. Selbst Gefühle werden verleugnet, so lernt das Kind auch nicht, Gefühle auszudrücken. Sie lernen, weder sich, noch anderen zu trauen.

-Regel der Isolation: Trotz emotionaler Nähe haben die Familienmitglieder keine Vertrautheit und Offenheit zueinander. Die einzelnen Mitglieder fühlen sich einsam, und lernen, sich von anderen Menschen zu isolieren um sich zu schützen. So können keine vertrauten Beziehungen entstehen, was sich für Kinder oft bis ins Erwachsenenalter nachhaltig auswirkt."63

5. Das Gefühlsleben und Verhalten der Kinder

Das Gefühlsleben und Verhalten mitbetroffener Kinder wird stark von der familiären Situation geprägt. Unter dem Zwang der Geheimhaltung der Krankheit nach außen, müssen viele Kinder nicht nur die Problematik der Sucht, sondern auch die eigenen Gefühle geheimhalten; sie werden dazu gezwungen, Situationen nicht mehr bewußt wahrzunehmen, ihre Gefühle nicht mehr zu äußern bzw. sie zu verdrängen; teilweise werden die eigenen Gefühle auch vor sich selbst verleugnet. Oft entsteht dadurch Unsicherheit, mit den eigenen Gefühlen und Mitmenschen umzugehen, die sich bis zu einem allgemeinem Mißtrauen gegenüber Anderen steigern kann.64

Unvorhersehbares Verhalten von Seiten des alkoholkranken Elternteils oder Überforderung seitens des anderen Elternteils bestimmenden Alltag eines Kindes. Es ist verpflichtet, sich ständig neuen Situationen anpassen zu müssen. Für viele - vor allem jüngere Kinder - ist es schwer, jede Stimmungsschwankung mit dem Alkoholkonsum des Elternteils in Verbindung zu setzen. Die Kinder entwickeln jedoch sehr schnell eine gute Beobachtungsgabe für Veränderungen, lernen sehr geschickt, sich diesen anzupassen und erlernen schließlich auch die Fähigkeit, dieses Anpassen auch in anderen Lebensbereichen und bei anderen Personen anzuwenden.65Oft verhalten sich Kinder als Vorsicht vor Sanktionen auch überangepaßt; d.h. sie widersprechen niemals, versuchen eventuelle Wünsche der anderen Personen schneller zu erfüllen, als daß sie artikuliert werden, versuchen, sich in ihrem Verhalten makellos zu geben, damit zumindest sie selbst keinen Grund für Ärgernisse darstellen.

Prägend sind auch die immer wieder enttäuschten Hoffnungen eines Kindes: Kinder, deren Eltern trinken, hoffen permanent, daß diese ihre Sucht unter Kontrolle bekommen oder gar aufhören. Mit jeden Versuch, die eigene Sucht zu stoppen, erzeugen Eltern die Hoffnung in ihren Kindern, daß sie es diesmal vielleicht doch schaffen werden, ihre Abhängigkeit zu besiegen. Zeitweise schaffen es viele Elternteile, einige Zeit lang völlig abstinent zu leben; doch jedes Mal, wenn das jeweilige Elternteil rückfällig wird, wird das Kind erneut enttäuscht. Solange Kinder nicht begreifen können, daß Trinkpausen und Phasen von Trinkexzessen ein Teil des Verlaufs dieser Krankheit sind, werden die Kinder niemals aus dem Kreislauf des Hoffens und Enttäuscht-werdens ausbrechen können.66 Oft versuchen mitbetroffene Elternteile die Aufgabenverteilung innerhalb der Familie umzudrehen. Sie versuchen, Aufmerksamkeit und vor allen Hilfe seitens des Kindes zu bekommen, die eigentlich das Kind vom jeweiligen Elternteil erwartet und vor allem nötig hätte. In Gesprächen mit mitbetroffenen Müttern stellte sich heraus, daß diese es aufgrund ihrer Position als ihr Recht ansehen, Kinder als Ersatz für Gespräche zu benützen. Doch oftmals merken die Eltern gar nicht, daß sie hiermit die Ich-Grenze ihres Kindes überschreiten und es damit überfordern.67Kinder vertrauen generell darauf, daß ihre Eltern auf ihre Fragen eine möglichst passende Antwort für sie finden werden. Durch die Rollenumverteilung wird dieses Vertrauen gebrochen, was das Kind in tiefes Mißtrauen stürzen kann. Aus Verlassensängsten sorgen sich Kinder mehr um andere als sich selbst. Dem Wunsch nachkommend, akzeptiert und geliebt zu werden, schenken viele anderen die selbst nicht erhaltene Liebe, ohne auf ihre eigenen Bedürfnisse zu achten. Dies hat das Ziel, vielleicht etwas von dieser geschenkten Zuwendung zurückzubekommen.

Aus Angst vor einer möglichen Trennung der Eltern gehen viele Kinder mit ihren Bedürfnissen in einer beinahe selbstzerstörerischen Weise um, wodurch meist ihr Selbstwertgefühl gemindert wird. Andere Kinder bevorzugen aggressives oder angebendes Verhalten, mit dem diese versuchen, die Aufmerksamkeit anderer, die sie in der Familie vermissen, auf sich zu ziehen.68

Im Gegensatz zu diesem Verhalten bevorzugen es einige Kinder, sich lieber aus ihrer sozialen Umgebung völlig zurückzuziehen, manche neigen dadurch zu Introvertiertheit. Dieses Verhalten entsteht hauptsächlich durch ein sehr geringes Selbstbewußtsein, das durch etliche erlebte Enttäuschungen und die sich ständig ändernde Atmosphäre hervorgerufen wird. Die meisten Kontakte, die nicht als lebenswichtig angesehen werden, werden somit vermieden oder abgebrochen, viele Kinder werden somit zu Einzelgängern.

Aus angst, auch von anderen Personen, die nicht zur Familie gehören, in einer Beziehung enttäuscht zu werden, läßt manchmal sogar eine angst vor nähe entstehen.

Dadurch, daß Kinder sich oft selbst die Schuld an der Alkoholsucht des Elternteils geben oder zugeschoben bekommen, kann dies auch zu Angstsymptomen, Depressionen, geringem Selbstwertgefühl und unsicherem Verhalten führen. Auch aus dem Gefühl heraus, wertlos und nicht liebenswürdig zu sein, nehmen Kinder sich oft immer weniger wichtig und vermitteln anderen gegenüber unbewußt dieses Gefühl. So können sie die Liebe anderer Menschen nur schwer annehmen bzw. wahrnehmen, da sie sich nicht vorstellen können, trotz ihrer vorgestellten ,,Nichtliebenswürdigkeit" dennoch geliebt zu werden.69 Einige Kinder verhalten sich bewußt hilflos und schutzbedürftig, um so Mitleid und Zuwendung zu erhalten. In vielen Fällen, wenn sie die Zuwendung annehmen können, bekommen sie ein übermäßiges und unersättliches Verlangen nach dieser Zuneigung, daß es für viele Menschen überfordernd wird, diese auch zu geben.70

In dem meisten Dingen, die betroffene Kinder tun, hegen sie den Anspruch, perfekt zu sein. Oft weitet sich dieser Anspruch auch auf weitere Mitmenschen aus, da sie schon früh gelernt haben, mit großen Belastungen zu leben und diese bewältigen zu müssen. Aufgrund der Alkoholsucht des einen Elternteils und der daraus resultierenden Überforderung des anderen Elternteils müssen die Kinder schon früh den Großteil des Haushaltes übernehmen, teilweise auch einen Elternersatz für die jüngeren Geschwister spielen. Aus diesem Grund wirken diese Kinder häufig ,,reifer" als altersentsprechende andere Kinder. Viele haben niemals gelernt, sich auf Abmachungen oder Regeln verlassen zu können; deshalb entwickeln sich diese meist schneller zu selbständigen kleinen Erwachsenen.

Nach außen hin, außerhalb des Familiensystems, fällt diese Selbständigkeit meist positiv auf und wird oft lobend zu Kenntnis genommen.

5.1 Das Verhältnis zum alkoholkranken Elternteil

Eine oft beobachtete Tatsache ist es, daß Kinder den alkoholkranken Elternteil zwar eher als belastend, ekelhaft und angsteinflößend erlebt wird, aber sich dennoch mehr zu ihm hingezogen fühlen, als zum nichabhängigen Elternteil. Dieses Verhalten ist hauptsächlich durch Abwehr- und Verdrängungsmechanismen zu erklären: Die seltenen Momente, in denen der Elternteil nüchtern erlebt werden und Kinder hauptsächlich positives Verhalten in ihm erkennen, werden zu besonderen Momenten, in denen erkannt werden möchte, daß sich der Elternteil doch nicht endgültig verändert hat. Dieses nüchterne Verhalten wird glorifiziert und teilweise noch weit positiver erlebt, als es teilweise wirklich ist. Die erlebte Realität wird oft bewußt nicht wahrgenommen, damit das Kind das Bild des liebenden Vaters oder der liebenden Mutter aufgeben oder zumindest drastisch verändern muß; was einen gewaltigen Einschnitt in das herrschende Elternbild darstellen würde.71

In seltenen Fällen gibt es Kinder, die die positiven Eigenschaften des alkoholkranken Elternteiles gänzlich ausblenden und nur noch die schlechten Seiten betrachten und wahrnehmen.

Oft wissen Kinder selbst gar nicht, ob das unangenehm erlebte Verhalten des Alkoholikers selbstgesteuert ist oder ob dieser es letztlich gar nicht selbst steuern kann. Diese Unsicherheit bewirkt oft den Drang, trotz der häufig erlebten Enttäuschungen, Hilfe leisten zu wollen.72

5.2 Das Verhältnis zum nichtabhängigen Elternteil

Auch gegenüber dem nichtabhängigen Elternteil entwickeln die Kinder oft ein ambivalentes Verhalten. Einerseits erleben sie diesen Elternteil als sehr belastet und teilweise sehr niedergeschlagen, was den Drang erweckt, auch diesem Hilfe zu leisten. Andererseits ist sich das Kind oft nicht sicher, ob nicht gerade dieser Elternteil die Schuld am herrschenden Familiensystem oder am gesamten Suchtkreislauf des Abhängigen trägt. Erscheint der kranke Teil der Familie als hilfsbedürftig, wird dem anderen Elternteil oft der Vorwurf gemacht, auch für das Suchtverhalten verantwortlich zu sein.73

Da es in Alkoholikerfamilien generell ständig wechselnde Aufgabenverteilungen gibt und die Mitglieder selten genau wissen, welcher Verantwortungsbereich in ihren fällt, geben sich auch die Kinder oft die Schuld an der Situation. Oft versuchen sie, unaufgefordert Probleme selbst zu lösen, was sich allerdings meistens als unmöglich erweist. Durch das nicht gelöste Problem entsteht im Kind in eine Konfusion darüber, was wessen Verantwortung ist und wann jeder selbständig handeln soll.

Gelingt es dem Kind ein Problem des Suchtkranken zu lösen, das er durch seine Erkrankung nicht mehr zu lösen vermag, kann es passieren, daß dieser sich ausgeschlossen und isoliert fühlt, was ihn erneut dazu veranlassen könnte, zur Flasche zu greifen und beim Kind zu Schuldgefühlen führen kann.74

Für die Kinder ist es kaum möglich, sich gegenüber beiden Elternteilen gerecht zu verhalten; oft geraten sie in Loyalitätskonflikte, da sie nicht wissen, wessen Meinung und Einstellung beider Elternteile nun an angebrachtesten erscheint. Sie fühlen sich gezwungen, Situationen genau abzuschätzen, um danach für einen der beiden Partei zu ergreifen können.

Alle Verhaltensweisen können bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben und können selbst dann noch Denk- und Handlungsmuster beeinflussen.

6. Rollenverhalten und Rollenkonflikte von mitbetroffenen Kindern

In beinahe jeder Familie übernehmen die einzelnen Mitglieder spezielle Rollen, um einen Gleichgewichtszustand innerhalb der Familie herzustellen.

Die Rollenübernahme in Alkoholikerfamilien dient dazu, ,,...sich an den gestörten Familienrhythmus anzupassen, um zu ,,überleben". Die Übernahme einer Rolle stellt kein kalkuliertes Verhalten dar, sondern geschieht langsam und unmerklich für die Betroffenen. Sie entwickelt sich aus den...Abwehrmechanismen und hilft den Kindern, im Chaos der Familie mit einem suchtkranken Elternteil zu überleben."75

Welche Rolle welches Kind übernimmt, hängt von der Geschwisterreihenfolge, Alter, Geschlecht, und der individuellen Persönlichkeit ab. Die Rollen können sich nach einiger Zeit verändern, außerdem können auch Mischformen aus verschiedenen Rollen entstehen. Hauptsächlich in Familien mit vier Kindern kommt es zur ,,üblichen" Rollenentfaltung; in Familien mit weniger Kindern werden Segmente aus anderen Rollen übernommen; bei mehr Kindern können je nach Familienlage einige Teile mehrfach auftreten. Die vier am häufigsten festgestellten Charaktereigenschaften:

6.1 Der Held der Familie

Die Rolle des Familienhelden übernimmt meist das erste Kind, das meist schon früh gelernt hat, in wichtigen Situationen den ,,gesunden" Elternteil zu vertreten; Aufgaben zu übernehmen, denen das nichtabhängige Elternteil nicht nachkommen kann.76Durch besonders erfolgreiches Verhalten versucht dieses Kind den Makel der Familiensituation auszugleichen und nach außen hin die Familie zu repräsentieren. Im Vergleich zu den Geschwistern erhält dieses Kind ziemlich viel Zuwendung und Aufmerksamkeit.77

Der ,,Held der Familie" nimmt seine Aufgaben und Pflichten oft sehr ernst, teilweise zu ernst, so daß sich das Nachkommen dieser Aufgaben zu zwanghaftem Verhalten entwickeln kann. Dieses Kind übernimmt oft Funktionen der ,,Enabler Person (s.o.) oder fühlt sich verpflichtet diese zu unterstützen.78

Das Kind untersagt sich selbst die eigenen Bedürfnisse und Gefühlsreaktionen, woraus sich häufig eine frühreife, disziplinierte Haltung entwickelt.

Für unbeteiligte Personen wirken diese Kinder oft sehr erfolgreich und ,,cool"; sie wirken, als ob sie über ihren Problemen stehen könnten. Dadurch, daß sie oft nach Anerkennung streben, entwickeln sie rasch Maßnahmen, um trotz der beständigen Belastungen, dennoch gute Leistungen in der Schule erbringen können.79

Viel dieser Kinder errechnen sich ihren Wert in ihrem sozialen Umfeld durch Hilfeleistungen, die sie erbracht haben. In diesem Zusammenhang suchen sie sich später oft Partner, wo sie Verantwortung und Fürsorge übernehmen können, um dadurch Abhängigkeit zu vermeiden. In vielen Fällen werden auch soziale Berufe als Kompensationsversuch gewählt.

6.1.1 Der Partnerersatz

Da in Alkoholikerehen oftmals ein sehr unbefriedigendes Zusammenleben herrscht, in dem der ,,gesunde" Elternteil seine Bedürfnisse selten wahrgenommen sieht, versuchen viele, genau diese Defizite durch intensivere Kontakte zu dem Kind zu kompensieren. Häufig entstehen dadurch Verwirrung und Überforderung der Kinder. Sie werden häufig dazu benutzt, damit Erwachsene ihre Sorgen bei ihnen abladen können.

6.1.2 Der Bundesgenosse

Aus Unsicherheit und Überforderung versuchen viele der nichtabhängigen Elternteile mit ihren Kindern ein ,,Kriegsbündnis" gegen den Alkoholkranken einzugehen. In manchen Fällen wird diese Rollenverteilung derart übertrieben, daß die betroffenen Kinder ausschließlich als Kampfgefährten betrachtet werden und auf deren Bedürfnisse ein Eingehen nicht mehr wichtig wird.

Dadurch, daß in vielen Familien jedoch beide Elternteile das Kind auf ihrer Seite sehen möchten, gerät dieses in massive Loyalitätskonflikte. Das Kind kann oft noch nicht entscheiden, ob es richtig ist, sich auf eine Seite zu stellen oder sich auf beiden Seiten gleich zu engagieren.

6.2 Der Sündenbock

Im klaren Gegensatz zum Helfer steht die Rolle des Sündenbocks. Dieser ist oft das zweitgeborene Kind der Familie. Es hat die Funktion, die Aufmerksamkeit der Familie auf sich zu lenken und damit von deren Problemen abzulenken. Da der Held derart eng mit dem elterlichen Ehesystem verbunden ist, versucht der Sündenbock sich daraus zurückzuziehen. Sein ,,schlechtes" Verhalten zeichnet damit mehr das ,,gute" des Helden aus. Im Gegensatz zu diesem, der es oft genießt, etwas besonderes für die Eltern zu sein, agiert der Sündenbock aus80, um die gewünschte Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Dadurch bringt er die Familie oft in Schwierigkeiten, was ihm selbst das Gefühl verleiht, ein Versager zu sein. Der ursprüngliche Partnerkonflikt verschiebt hier sich auf die Problematik des Kindes.

Dadurch wird das Beziehungsgefüge im Gleichgewicht gehalten, da Konfliktsituationen auf andere Begebenheiten umgelenkt werden, für welche der Sündenbock verantwortlich gemacht wird.81

Oft wird auch gerade dieses Kind aufgrund seines Verhaltens als Hauptsache für die gesamte Familienkrise angesehen.82

Das Kind verspürt meist kein besonderes Verlangen danach, die Rolle aufzugeben, da es durch sein auffälliges Verhalten wenigstens Aufmerksamkeit, wenn auch negative, bekommt. Durch dieses Verhalten wird oft auch die Suchterkrankung des Elternteils für Außenstehende erkenntlich. Dies bietet oft den Auslöser dafür, den Beginn einer Therapie zu starten. Laut Statistik sind diese Kinder im Vergleich zu ihren Geschwistern am ehesten gefährdet, selbst suchtmittelabhängig zu werden.

6.3 Der Tagträumer / Das ,,verlorene" Kind

Diese Rolle übernimmt meist das drittgeborene Kind. Es hat gelernt, sich an die chaotischen Familiensituationen anzupassen. Es versucht, möglichst unauffällig zu sein und niemandem in die Quere zu kommen. Die Reaktionen des Kindes bestehen darin, keinen Widerstand zu leisten und allen Konflikten aus dem Weg zu gehen sowie keine eigene Meinung zu vertreten. Kontaktaufnahme und das Äußern von Bedürfnissen empfinden sie als sinnlos und belastend für den Rest der Familie. Diese Kinder werden schnell zu Einzelgängern und Tagträumern83. Ihre Traumwelt schafft Distanz zum familiären Belastungskreislauf, was auf die Familie wiederum entlastend wirkt. Dadurch, daß sie kaum Anforderungen stellen, werden sie zwar als Hilfe für die Familie angesehen, entgehen aber auch oft jeglicher Beachtung oder gar Förderung. Da sie selten oder gar nie Zuneigung und Wärme erfahren haben, sind diese Kinder nicht erfahren genug, um Freundschaften zu schließen oder sich an soziale Beziehungen anzupassen.8485

Dadurch, daß wenig Erwartungen an sie gestellt werden, entwickeln diese Kinder auch ein geringes Selbstwertgefühl, trauen sich häufig wenig zu und fühlen dadurch sich oft als Versager.

Einige versuchen durch übermäßige körperliche Anfälligkeit und andauernder Krankheit auf sich aufmerksam zu machen. Emotionale Leere wird oft ,,gefüllt" und kompensiert durch übermäßiges Essen. Hier wurde schon ein gehäuftes Vorkommen von Eßstörungen wie Bulimie (Eß-Brechsucht) oder Adipositas (Fettsucht) beobachtet.86

6.3.1 Der Friedensstifter

Eine besondere Charakterausprägung der Tagträumer ist der sogenannte Friedensstifter. Wie auch der Tagträumer versuchen auch die Kinder, Konflikten und Streitigkeiten aus dem Weg zu gehen. Im Gegensatz zu diesem aber, flüchten sie aber nicht vor ihren Problemen, sondern spielen diese vor anderen Menschen herunter. Die Unstimmigkeiten anderer können in einigen Fällen derart belastend auf das Kind wirken, so daß dieses versucht, einen Lösungsweg für diese Probleme zu finden. Für andere Menschen gelten diese Kinder als besonders einfühlsam und verständnisvoll. Doch auch sie pflegen häufig nur Kontakt mit anderen Menschen, wenn dieser unumgänglich ist oder Mitmenschen ihn brauchen.87

6.3.2 Das Chamäleon

Auch diese Rolle ist der vorherigen sehr ähnlich. Kinder, die sich in dieser Rolle wiederfinden, versuchen so zu sein, wie es von den Mitmenschen gerade gewünscht wird. Ihr Ziel ist es, es allen recht zu machen, überangepaßt zu handeln und daß der Großteil der Mitmenschen gut über sie redet. Auch sie scheuen Konflikte und fungieren eher als Vermittler und Berater. Situationen, in denen von ihnen verlangt werden könnte, Stellung zu beziehen, gehen sie aus dem Weg.88

6.4 Das Maskottchen

Das Maskottchen wird meist vom jüngsten Kind gespielt. Es sieht seine Funktion in der Verteilung der Familienaufgaben darin, für Erleichterung und Unterhaltung zu sorgen. Es lernt meist sehr schnell, die Familie durch gezielte Ablenkungsmanöver von ihren herrschenden Problemen abzulenken und für eine gelöstere Stimmung zu sorgen. Durch die Fähigkeit, Spannung zu erzeugen und Situationen gut einschätzen zu können, erreicht es schnell einen schwer ersetzbaren Stellenwert in der Familie und kann dadurch auch auf sein Umfeld Kontrolle ausüben.89Das gibt ihm ein Gefühl von Sicherheit; durch Lachen oder auch Verstimmtheit über die Witze des Kindes werden die übrigen Familienmitglieder zumindest für kurze Zeit ehrliche Gefühle zu zeigen.

Da das Maskottchen das jüngste Mitglied der Familie ist, wird dieses oft übermäßig beschützt und gleichzeitig nicht ernst genommen. Es erhält nur teilweise oder nur unzureichende Informationen über das, was sich gerade in der Familie abspielt. . Oft werden gerade diese Kinder auch noch im Jugendalter als zu jung, oder gar ,,das Baby" angesehen. Dies erzeugt oft Angst, die das Kind oft durch weitere Witze zu kompensieren versucht. Oft endet dieses Spiel in einer Hyperaktivität, die in vielen Fällen nur durch Medikamente90behandelt werden kann.

Da viele dieser Kinder allerdings auch im Erwachsenenalter zu eher kindlichem Verhalten neigen, um ihre Rolle aufrecht zu erhalten, entwickeln diese nur häufig nur geringe erwachsene Bewältigungsstrategien. Viele sind daher in ihrer Kommunikations- und Konfliktfähigkeit eingeschränkt und werden nicht ernst genommen. Viele leiden auch noch im Erwachsenenalter unter unerklärbaren Ängsten, die durch den Informationsmangel innerhalb der Familie entstanden sind.91

Auffallend ist, daß ,,Maskottchen" weder in der Kindheit, noch im Erwachsenenalter Gefühle der Traurigkeit und Ernsthaftigkeit richtig ausleben können.

Obwohl viele als nicht fürsorglich erscheinen, sind sie oft für andere da und verhalten sich teilweise in sozialen Bereichen überverantwortlich, in funktionalen gelten sie allerdings als eher unterverantwortlich.92

7. Hilfe für Kinder alkoholkranker Eltern

Innerhalb der Gesellschaft und auch teilweise in der heutigen Suchtberatung herrscht die Vorstellung, daß ausschließlich der Suchtkranke selbst als ,,Störfaktor" der Familie eine Therapie nötig hätte. Erst in den letzten 20 Jahren fand eine zunehmende Veränderung der Sichtweise der Suchthilfe statt, indem erkannt wurde, daß nicht nur die Symptomträger sondern auch der Großteil der Betroffenen und hier vor allem Kinder Bedarf an einer Therapie haben.

Die bereits beschriebenen Belastungen der Kinder in Alkoholikerfamilien führen oftmals dazu, daß die betroffenen Kinder weder zu sich selbst noch zu Bezugspersonen ein stabiles Vertrauensverhältnis aufbauen können. Ihre Lebenssituation zwingt sie oft dazu, sich mit ihren Schwierigkeiten alleine auseinanderzusetzen, was in vielen Fällen ein Verlassen ihrer eigenen sozialen Isolation verhindert.93Da offene Gespräche oft als Verrat gezählt werden, fehlt es zusätzlich vielen der betroffenen Kindern an Ansprechpartnern.

Ohne kompetente Hilfe sind viele betroffene Kinder selbst gefährdet, in ihrem weiteren Leben einmal süchtig zu werden, als ,,Enabler" zu dienen oder unter anderen psychischen Störungen zu leiden. Hilfen schon in der Kindheit können hier zu einer anderen Weichenstellung führen.

Generell wird zwischen ambulanten und stationären Therapien unterschieden.

7.1 Ambulante Hilfe

In der Ambulanten Hilfe gibt es bis jetzt noch sehr vereinzelt Angebote für Kinder von suchtkranken Eltern. Diese sind häufig an psychosoziale Beratungs- und Behandlungsgruppen angeschlossen. Die meisten Angebote entstanden durch Initiativen von einzelnen Mitarbeitern, die als Modelle konzipiert wurden und heute unter erheblichen finanziellen Schwierigkeiten leiden.

Die Konzeption jener Modelle besteht darin, daß sich Kinder und Jugendliche regelmäßig in Gruppensitzungen treffen oder gemeinsam auf Seminare oder Freizeiten fahren. Den Beratungs- und Behandlungsgruppen kommt hier eine hohe Verantwortung zu. Sie besteht darin, durch spezielle Hilfsangebote Kindern Suchtkranker eine soziale Nachreifung zu ermöglichen und eine sich anbahnende Suchtgefährdung zu verhindern. Die Arbeit hat also zwei Zielsetzungen: Bearbeitung der bereits sichtbaren Probleme und Prävention.94

7.1.1 Regelm äßige Gruppenarbeit anhand des Modellprojekts ,,Arbeit mit Kindern von Suchtkranken"

Der AGJ (Arbeitsgemeinschaft für Gefährdetenhilfe und Jugendschutz in der Erzdiözese Freiburg e.V.) bietet Hilfe für suchtkranke Menschen an. Während sich hier der Bereich der direkt Betroffenen stetig weiterentwickelt hat, entstanden im Bereich der des sozialen Umfeldes, d.h. nahe Bekannte und vor allem Familie von Suchtbetroffenen nur wenige Angebote.

Ende 1990 wurde in Zusammenarbeit mit dem AGJ und dem Deutschen Caritasverband das Modellprojekt ,,Arbeit mit Kindern von Suchtkranken" gegründet. Dieses ist an eine psychosoziale Beratungsstelle angegliedert und bietet ambulante Hilfe für Kinder von Suchtkranken an.

Die Schwerpunkte der Hilfe beziehen sich auf die

- ,,Entlastung der Kinder von ihren Schuldgefühlen

- Entlastung der Kinder von ihrer ,,Elternfunktion" gegenüber den Eltern

- Ermöglichung von ,,Kind sein" im strukturierten Rahmen

- Bestärkung der Kinder in ihrer situativen emotionalen Wahrnehmung

- Kindgerechte Aufklärung über Suchtmittelmißbrauch und -gefahren"95

Die Kinder haben teilweise Störungen unterschiedlichen Grades im Sozial- und im Leistungsbereich, wie beginnende soziale und sexuelle Verwahrlosung, Verhaltensauffälligkeiten, Kontaktstörungen, schulische Leistungsstörungen sowie Mangel an Identifikation. Viele leiden zusätzlich noch unter psychosomatischen Beschwerden wie Magenschmerzen oder Asthma.96

Schon während des Erstgespräches wird die Problematik der Suchtkrankheit angesprochen, damit dem Kind signalisiert wird, daß es hier nicht gezwungen wird, Geheimnisse für sich zu behalten, sondern frei sprechen zu können, was es beschäftigt. Einige Zeit vor diesem Gespräch findet eine Unterredung mit den Eltern des betroffenen Kindes statt, in der geklärt werden sollte, daß das Kind angeregt wird, über diese Problematik zu sprechen und auch eine ,,Erlaubnis" der Eltern dazu erhält.97Wichtig ist jedoch, daß sich beide Elternteile damit einverstanden erklären, daß ihr Kind diese Gruppe besucht. Hiermit wird vermieden, das Kind in Loyalitätskonflikte zwischen dem ablehnenden Elternteil und der Gruppe zu stürzen. Durch den Kontakt in der Gruppe mit anderen Kindern wird versucht, den Kindern klarzumachen, daß sie nicht unter einem Einzelschicksal leiden, sondern daß alle versammelten mit ähnlichen oder gleichen Problemen zu kämpfen haben. Ziel ist es, daß die Kinder erkennen, daß es sich bei ihren Problemen nicht um ein selbstverschuldetes Einzelschicksal, sondern daß es sich um die Symptome einer Suchtkrankheit handelt. Die Gruppen bestehen aus sechs bis zehn Kindern und finden einmal in der Woche zu einem festen Zeitpunkt für eineinhalb Stunden statt. Die Zusammensetzung einer Gruppe sollte sich nicht ändern, bei Nichterscheinen sollten sich die Kinder vorher abmelden98, damit die Verbindlichkeit bestehen bleibt.

Oft sind die übernommenen Familienrollen derart internalisiert, daß es den Kindern nicht möglich ist, diese auch in gänzlich anderem Umfeld abzulegen. Sie nehmen Verhaltensmuster in sich auf, an denen sie sich orientieren, was ihre Flexibilität und ihre eigenständige Entwicklung sozialer Fähigkeiten sehr einschränkt. Keine der Rollen steht für sich alleine, sondern sie ergänzen sich wechselseitig. Die Rolle des Helden ist jedoch immer besetzt, auch wenn Kinder in dieser Rolle in der Gruppe fehlen würden. Das Zwangsverhalten, eine Rolle spielen zu müssen und sich aufgrund unverarbeiteter Erlebnisse zwanghaft zu verhalten, trifft auf alle dieser Kinder zu.

Im Rahmen der Gruppe wird es den Kindern möglich gemacht, die internalisierten, eingeengten Rollenmuster zu erweitern und auch einmal Eigenschaften anzunehmen, die nicht unmittelbar zu der gewählten Rolle passen. Hier muß es allerdings möglich sein, dem Kind zu ermöglichen, jederzeit wieder in seine eigene Rolle zurückzuschlüpfen und Sicherheit zu suchen. In der Gruppe sollen Interaktionen zwischen den Kindern entstehen, um mit anderen mitbetroffenen Kindern zu lernen, über Gefühle, Emotionen und andere Probleme zu sprechen. In Fällen, in denen offensiver agierende Kinder zu viel oder zu drängende Fragen aufwerfen, wird versucht, diese zurückzuhalten, damit sich schüchternere Kinder nicht unter Druck gesetzt fühlen.

Sowohl Regeln als auch Unternehmungen werden zusammen besprochen, wodurch tragfähige Beziehungen entstehen können. Durch die Gespräche und den Gefühlsaustausch untereinander sollen die Kinder lernen, selbst herauszufinden, was sie selbst möchten bzw. was andere von ihnen fordern.99

Unterschiedliche Interessen werden gefördert, auch wenn dadurch Konflikte entstehen können. Die Kinder sollen dadurch lernen, daß die Auseinandersetzung mit einem Problem nicht einen bedingungslosen Abbruch der Beziehung bedeuten muß. Es wird nur in Interessenkonflikte eingegriffen, wenn das Wohlergehen eines Kindes verletzt werden könnte (Bildung von Machtstrukturen, Gewaltanwendung).

Ein Rahmen und der Ablauf einer Gruppe werden zwar gemeinsam geplant, können aber durch aktuelle Anlässe oder Konflikte umgestoßen werden. Die Kinder haben neben und während jedes Themas die Möglichkeit, ihre eigenen Probleme vorzubringen und diese auch einmal anstelle des eigentlich geplanten Themas darzulegen. Es wird allerdings auch darauf geachtet, daß ein gewisser Rahmen vorhanden bleibt, damit Stabilität und Verläßlichkeit weiterhin bestehen bleiben.

Während der gemeinsamen Gruppenstunden entstehen seit Beginn des Projekts Freundschaften, die teilweise auch außerhalb des Gruppenbereichs fortbestehen. Intensiviert werden diese Freundschaften auch auf Freizeiten, die regelmäßig drei Mal im Jahr stattfinden. Diese Freizeiten sind oft die einzigen Möglichkeiten für einige Kinder, auf Urlaub zu fahren und andere Bereiche als Schule, Gruppe und Zuhause kennenzulernen. Um den Kindern zu beweisen, daß sie etwas besonderes sind und um den Gruppenplan etwas aufzulockern werden auch regelmäßig Feste gefeiert. Viele Kinder lernen hiermit zum ersten Mal die Bedeutung kennen, einmal im Mittelpunkt (z.B.: am Geburtstag) zu stehen.100

7.1.2 Therapeutische Freizeit mit Kindern abhä ngiger Eltern anhand einer Sommerfreizeit an der Nordsee.

Die therapeutische Freizeit wird seit Sommer 1978 von einer ambulanten Beratungs- und Behandlungsstelle in Zusammenarbeit mit einem ehrenamtlichen Team bestehend aus Pädagogen und Sozialarbeitern durchgeführt. Generell nehmen ca. 20 Kinder im Alter von acht bis zwölf Jahren beiderlei Geschlechts teil. Die Einbeziehung der Kinder in die Therapie der Eltern wird als Schwerpunkt der Beratungsstelle gesehen.

Die Freizeit ist auf eine Dauer von drei Wochen konzipiert und findet in einem Familienferienheim an der Nordsee statt, das den therapeutischen Anforderungen entspricht. Während dieser Zeit leben zwei Gruppen zu je zehn Kindern mit zwei Betreuern in zwei kleinen Wohneinheiten zusammen. Die Gruppen setzen sich alters- und entwicklungsentsprechend zusammen.

Die Ziele der therapeutischen Freizeit der Beratungs- und Behandlungsstelle besteht darin:

- ,,Kindern eine schöne und erlebnisreiche Freizeit zu bieten

- den Kindern Erfolgserlebnisse zu vermitteln, wodurch das Selbstwertgefühl gesteigert und

die Selbstbestätigung gefördert werden sollen

- das Gefühl zu haben, von den Betreuern angenommen zu werden

- die Auseinandersetzung in der Gruppe Gleichaltriger zu haben, um sich und andere besser kennenzulernen

- Kindern neue Möglichkeiten der Freizeitgestaltung zu eröffnen

- Verhalten und Erleben der Kinder kennenzulernen und die daraus resultierenden Ergebnisse mit in die Beratung und Behandlung der Eltern einzubeziehen

- Unterbrechung des Kreislaufs: suchtkranke Eltern - suchtkranke Kinder101

Die Freizeit wird in drei Bereiche geteilt, die mit der zeitlichen Abfolge identisch sind. Sie haben die Aufgabe, eine gewisse Übersicht und einen stabilen Rahmen für das Unternehmen zu schaffen:

1. Kennenlernphase

2. Intensivphase

3. Abschlußphase

Die Vorbereitungszeit besteht hauptsächlich aus Gesprächen mit und zwischen den Eltern der Kinder. Nach dem gemeinsamen Kennenlernen werden Ziele und Bedeutung der Freizeit vorgestellt. Wichtig ist hierbei die Phase, in der die Eltern gebeten werden, über ihre Kinder zu sprechen, da diese hier teilweise zum ersten Mal zur eigenen Sucht und ihre Auswirkungen auf ihr eigenes Kind Stellung nehmen müssen. Meist entscheiden sich die Eltern während dieser Vorgespräche, daß es dem Prozeßverlauf überlassen werden soll, ob und wann die Kinder über die Krankheit der Eltern reden sollen.

In weiteren Treffen wird gemeinsam mit den Kindern der grobe Ablauf und die geplanten Aktivitäten zusammengestellt. Hierbei soll den Kindern das Gefühl vermittelt werden, wichtig zu sein und selbst über Teile ihres Lebens bestimmen zu dürfen.

Die Kennenlernphase wird größtenteils durch Spiele und kreative Neigungsgruppen gestaltet. Alle Aktivitäten werden unter Berücksichtigung der Altersstufe und des Entwicklungsgrades ausgewählt. Da es viele Kinder nicht gewohnt sind, sich in eine Gemeinschaft einzufügen, kommt es öfters zu handgreiflichen Auseinandersetzungen. Ziel ist es, den Kindern die Angst davor zu nehmen, derartige Konfrontationen selbst zu beenden. Ist dies nicht möglich, da sich eventuell Machtstrukturen bilden könnten, ist eine Intervention der Betreuer dennoch erforderlich.

Schon während der Kennenlernphase entstehen meist die ersten Freundschaften unter den Kindern und die ersten Gesprächsversuche über ihre familiäre Problematik gegenüber den Betreuern.102

In Gruppengesprächen wird versucht, den Kindern die Möglichkeit zu geben, so weit, wie diese möchten, über ihre Probleme zu sprechen. Durch das gemeinsame Erzählen von Ängsten und Unsicherheiten entdecken die Kinder, daß sie nicht alleine unter ihren Problemen leiden oder gar selbst schuld daran wären. Oft ist es bereits hier möglich, zusammen Lösungsmöglichkeiten zu suchen.

Gleichzeitig besteht oft der Wunsch der Kinder, viel Bewegungsspiele im Freien durchzuführen, um wiederum Abstand von der gewonnen Nähe zu bekommen.

Die Aktivitäten der Intensivphase sollten als weitere Lernprozesse hinsichtlich der Entwicklung des Kindes und der Gruppe geplant werden. Die Zielsetzung der Kennenlernphase bleibt bestehen, dennoch sind die Aktivitäten nicht zwangsläufig für alle

Gruppenmitglieder bindend. Möchten kleine Grüppchen von Kindern lieber in die Stadt laufen oder ein Gespräch führen, so wird darauf Rücksicht genommen. Während dieser Phase tritt meist eine Beruhigung zwischen den einzelnen Kindern ein, einzelne Konflikte werden bereits selbst gelöst.

Während Abend- oder anderen dunklen Aktivitäten, in denen Blickkontakt nicht unmittelbar erforderlich ist, schaffen es meist immer mehr Kinder, sich alleine oder zusammen mit anderen an die Betreuer zu wenden, um über ihre Probleme zu sprechen. Auch wenn diese bis spät in die Nacht hinein reichen und somit die Zu-Bett-Geh-Zeit überdauern, werden diese solange weitergeführt, bis die Kinder das Gespräch von selbst beenden. Während dieser Phase ist oft eine Sensibilisierung und ein aufkommendes Einfühlungsvermögen der Kinder zu beobachten.103

Die Abschlußphase steht unter dem Ziel, die bisher erfahrenen Rollenerfüllungen der Kinder in der Gruppe weiter zu festigen oder weitere Rollen zu erproben, um die damit verbundene Befriedigung weiter zu festigen oder um Bestätigung zu finden. Diese Phase zeigt sich sehr durch das kommende Ende der Freizeit geprägt; hier muß besonders darauf geachtet werden, die entstandenen Beziehungen durch die Angst vor einer möglichen Trennung nicht zerbrechen zu lassen. Den Abschluß bildet ein Fest, für das beide Gruppen getrennt voneinander etwas vorbereiten sollen.

Während dieser drei Wochen entstehen oft tiefgehende Freundschaften, die in manchen Fällen die einzigen Kontakte außerhalb der Familie und der Schule darstellen. Deshalb besteht in den meisten Fällen seitens der Kinder der Wunsch, sich auch nach der Freizeit regelmäßig weiter zu treffen. Deshalb werden an die Freizeit weiterführend einmal in der Woche Gruppentreffen angeboten, die nach der gleichen Konzeption ablaufen. Das bietet den Kindern die Möglichkeit, in bekanntem Rahmen sich mit ihrem Problem auseinanderzusetzen und gleichzeitig Kontakte außerhalb der Familie aufrecht zu erhalten.104

Sowohl während der Vorbereitungszeit, als auch während der Freizeit finden regelmäßig, während des Meeraufenthalts sogar täglich, Teambesprechungen der Betreuer statt. Hier werden konkrete Probleme der einzelnen Kinder besprochen, um bestmöglich intervenieren zu können.

7.2 Stationäre Hilfe

In der stationären Hilfe werden Kinder zusammen mit deren Eltern in einer Fachklinik aufgenommen. Hier werden nicht nur für die Eltern, sondern auch speziell für die Kinder Therapiemöglichkeiten angeboten. In vielen Einrichtungen besteht heute noch das Problem, daß diese hauptsächlich auf eine fachkompetente Betreuung der Erwachsenen eingestellt sind und somit den Anforderungen einer Betreuung der Kinder nicht ausreichend gerecht werden können.

In diesen Fachkliniken wird besonders darauf geachtet, in den Kindern nicht ein neues Klientel zu diagnostizieren. Den Kindern soll einerseits Regelmäßigkeit und Beständigkeit in Tagesabläufen beigebracht werden, andererseits werden gezielte primärpräventive Maßnahmen gesetzt, um eine eventuelle Alkoholkrankheit des Kindes von Beginn an zu verhindern.

7.2.1 Ein Modell stationärer Therapieeinrichtungen anhand des Kinderbereichs ,,Friedrichshof" Tübingen

Der ,,Friedrichshof" wurde 1979 als therapeutische Wohngemeinschaft für Drogenabhängige von der Drogenhilfe Tübingen e.V. gegründet. Die Entscheidung, eine Kindergruppe dem Projekt anzuschließen und nicht ausschließlich die Suchtkranken selbst zu therapieren entstand durch die ansteigende Nachfrage nach Kinderplätzen seitens der Eltern. Da sich viele Elternteile durch die Sucht nur sehr oberflächlich um ihre Kinder kümmern konnten, haben sie nun durch den gemeinsamen Therapieaufenthalt die Möglichkeit, sich mit ihren Kindern unter Anleitung von Fachkräften, zu beschäftigen. Schwierigkeiten in der Eltern-Kind-Beziehung können hier während der Therapie bearbeitet werden. Die Elternteile sollten wöchentlich an einer Gruppensitzung teilnehmen. Während dieser Sitzungen werden Themenbereiche aus Pädagogik, Hygiene, Ernährung und Gesundheit besprochen,105gleichzeitig wird hier auch gezielt auf Fragen der Eltern bezüglich ihres Kindes eingegangen.

Durch intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Problematik, Schwierigkeiten mit dem Kind und Erziehungsinhalten, lernen die Eltern mit der Zeit, ihr Kind als Partner zu akzeptieren. Durch viel Beschäftigung mit dem eigenen Kind soll die emotionale Beziehung zwischen Eltern und Kind wachsen.

Die pädagogische Konzeption orientiert sich an den Schwierigkeiten der größtenteils suchtbedingten Eltern-Kind-Beziehung. Während der Aufnahme befinden sich die Kinder häufig in einem verwahrlosten Zustand, sowohl psychisch als auch körperlich. Durch die Sucht der Eltern bedingt, zeigen sich auch bei den Kindern Defizite und ein großes Nachholbedürfnis, besonders im emotionalen und sozialen Bereich. Die Aufgabe des Kinderbereiches liegt in erster Linie in der Aufarbeitung dieser Defizite.106Das Ziel der Einrichtung besteht darin, den Kindern ein Zuhause zu geben, in dem diese sich geborgen fühlen und langsam Vertrauen und Sicherheit zu sich und ihrer Umgebung entwickeln können. Teilweise sind auch die Eltern in den Kinderbereich integriert. Die Schwerpunkte der Erziehung liegen im

- Sozialen und emotionalen Bereich

- Kognitiven Bereich

- Physischen Bereich

Davon ausgehend, daß jedes Kind sowohl ein eigenständiges Individuum und gleichzeitig einen Teil einer Gemeinschaft darstellt, werden die Kinder soweit als möglich in ihrer Eigenwahrnehmung, Selbstachtung, sowie in ihren Fähigkeiten gefördert. Gleichzeitig werden aber auch Verhaltensweisen eingeübt, die den Kindern Fähigkeiten vermitteln sollen, sich mit ihren Mitmenschen auseinanderzusetzen, sich solidarisch mit anderen zu zeigen und Konflikte auszutragen. Dadurch, daß die Kinder konstante Aufmerksamkeit und Zuwendung erhalten, gewinnen viele soviel an Selbstvertrauen, daß auf dieser Basis neue Verhaltensmuster geübt werden können. Jedes Kind wird darin bestärkt, seine Wünsche und Gefühle zu äußern,

dadurch sollen Kinder von alleine lernen, eigene Grenzen zu bilden und diese gleichzeitig gegenüber anderen einzuhalten.107

Durch die Vergabe von kleineren Aufgaben, die teils einzeln, teils in kleineren Grüppchen vergeben werden, sollen die Kinder Selbständigkeit erfahren und gleichzeitig erlernen, mit neuen Anforderungen umzugehen. Hier ist es wichtig, jedem Kind stets Hilfe zu leisten, damit es sich niemals unbeachtet und überfordert fühlt. Ein besonderes Augenmerk wird auch auf Rollenspiele, malen und basteln gelegt. Kreative Spiele sollen den Kindern nicht nur helfen, neue Ideen zur Lösung von Problemen zu finden, sondern auch in ihrer kognitiven Entwicklung bestärken.

Im physischen Bereich wird besonderer Wert darauf gelegt, ein positives Gefühl zum eigenen Körper zu entwickeln (z.B.: Sexualaufklärung)...,"den vertrauten Umgang mit dem Körper zu erlernen (Sauberkeit Gymnastik), die eigenständige Regulierung der Nahrungsaufnahme bei den Mahlzeiten und die Wahrnehmung der Einheit von Körper, Geist und Seele."108 Einmal pro Woche besuchen die Kinder eine Gruppe, in der sie über ihre Probleme und Interessen innerhalb der Einrichtung sprechen sollen. Diese setzt sich sowohl aus den Kindern, als auch aus Eltern und den Erziehern zusammen. Die Themenbereiche dieser Gruppen sind sehr variabel, sie reichen je nach aktuellem Anlaß von Problemen der Kinder mit ihren Eltern, Entwicklungsstufen der Kinder, Ernährungslehre oder medizinische Versorgung.

Trotz der ungewohnten neuen Situation der Kinder werden schnell Kontakte geschlossen. Nachdem die anfängliche Unsicherheit, in der die Kinder sich hauptsächlich an den Erziehern orientieren, überwunden ist, lösen sich viele Kinder von den Erwachsenen und versuchen, sich eigenständig mit ihrer Umwelt zu beschäftigen. Hier entstehen oft schon die ersten Schritte in Richtung Kontaktaufnahme zu den anderen Kindern. Mit der Zeit finden sie ihren Platz in der Gruppe und schließen die ersten Freundschaften. Es wird versucht, den Kindern ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu vermitteln, das einer Familie ähnlich sein sollte. Die Gruppen sind sowohl in Alter als auch im Geschlecht gemischt. Hiermit soll einerseits das Verantwortungsgefühl der Kinder zu erhöhen, andererseits möchte man damit vermeiden, daß sich Machtstrukturen innerhalb der Gruppe bilden. Durch einen geregelten Tagesablauf und Wochenrhythmus wird versucht, Verbindlichkeit zu üben, an die sich sowohl Erzieher als auch Kinder halten sollten.

Die Arbeit im Kinderbereich wird gemeinsam von Personal und von Eltern gestaltet. Das bietet den Pädagogen die Möglichkeit, als direktes Vorbild zu fungieren. Durch demokratische Erziehungsziele wird versucht, den Eltern und Kindern vorzuleben, wie partnerschaftliches Umgehen miteinander möglich wäre. Es wird versucht, den Kindern genügend Freiraum für eine positive Persönlichkeitsentwicklung zu bieten, in dem eine familiäre Umgebung geschaffen wird, um den Kindern..."Geborgenheit und Schutz (zu) bieten, ihr Selbstvertrauen durch Ermutigung und Lob zu stärken, Hilfen bei der Lösung von Problemen und Konflikten zu geben, Anregungen zum Spielen zu zeigen und Ermutigungen zum Experiment zu geben." Durch die Mitarbeit der Eltern ist es auch möglich, Probleme zwischen ihnen und Kindern unmittelbar anzugehen. Oft ist es möglich, eingefahrene Verhaltensmuster aufzubrechen und durch kreatives einfühlsames Verhalten zu ersetzen.109

8. Die Alkoholfrage in der Geschichte der Pädagogik

In der Geschichte der Pädagogik stößt man durchwegs auf Forderungen nach ,,Mäßigung als Erziehungsstil"110. Die heutige kapitalistische Wirtschaftsordnung, die u.a. darauf aufgebaut ist, höchstmöglichen Gewinn durch den Konsum der Bevölkerung zu erzielen, stößt mit dem Wunsch nach Mäßigung zusammen. Die pädagogischen Bemühungen nach Mäßigkeit im Konsum alkoholischer Getränke und die wirtschaftlichen Versuche, auch diesen Wirtschaftsbereich durch vermehrten Konsum auszuweiten, widersprechen sich.111

Das gesamte letzte Jahrhundert hindurch stößt man in den verschiedensten pädagogischen Wissenschaftsrichtungen auf die Forderung nach Mäßigkeit. Bis in die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde damit eine ,,Mäßigung aus religiöser und materiell-ökonomischer Sicht" gemeint.112. Im Sinne der emanzipatorischen Pädagogik dient die Mäßigkeit selbst zur Befreiung des einzelnen Menschen.

Weitere Vertreter (z.B.: Gamm) stellen generell Forderungen nach Askese, denn ,,...ohne Askese droht die Gefahr, daß Begierden mit Bedürfnissen verwechselt werden, denn die Begehrlichkeit des Menschen ist vermutlich unbegrenzt und trägt deutlich infantile Züge..."113Diese Forderung nach Askese bedeutet aber nicht unbedingt absolute Enthaltsamkeit. ,,Durch ,,Selbstführung" sei der Genuß von Gewohnheit und diese wiederum von der Sucht zu unterschieden."114Mit Selbstführung ist gemeint, daß der Mensch Herr seines ihn bestürmenden Angebotes bleiben sollte.

Staatliche pädagogische Maßnahmen finden sich hauptsächlich im Schulwesen. Sie beziehen sich fast ausschließlich auf die Alkoholprävention. Den ersten Erlaß gab es bereits 1902 durch den preußischen Minister für geistige Angelegenheiten: ,,Die Bekämpfung der Trunksucht ist gegenwärtig zu einer Aufgabe geworden, an deren Lösung die weitesten Kreise sich beteiligen. Auch die Schule kann hierzu mitwirken im Sinne einer Bekehrung des Volkes, die schon bei der Jugend einzusetzen hat..."115

Weiters wurden die schulischen Bemühungen in den 20er Jahren auch durch Gesetze unterstützt, die die Branntweinausschank oder den Verkauf an Jugendliche unter 18 Jahren und den Verkauf alkoholischer Getränke an Jugendliche unter 16 Jahren ohne elterliche Aufsicht verboten.116

Nachwort

Auch (oder gerade) heute noch werden Kinder von alkoholkranken Elternteilen in weiten Teilen der Gesellschaft scheel angesehen. Viele dieser Kinder werden auch als längst Erwachsene oft noch durch ihre daraus resultierenden Verhaltensauffälligkeiten als ,,geisteskrank", ,,behindert" oder auch nur ,,seltsam" betrachtet. Daß aber betroffene Menschen gerade unter solchen Reaktionen ihrer Umwelt leiden, daß die für uns natürlichsten Dinge des Lebens (wie zum Beispiel Diskussionen, Konflikte, teilweise auch einfach Gespräche) zu unüberwindbaren Schwierigkeiten ausufern können, daß sich durch ihre jeweilige Mitbetroffenheit Denk- und Erlebnisstrukturen von anderen Menschen grundlegend unterscheiden, registrieren nur wenige.

Da ich selbst zwei sehr gute Freundinnen (Schwestern) habe, die unter den Folgen der Sucht ihres Vaters zu leiden hatten, lernte ich auch sehr schnell die Problematik der wenigen geeigneten Therapieplätze und den geringen Finanzierungswillen dieser seitens der Krankenkassen kennen. Wenn man bedenkt, daß alleine in Deutschland über 3,5 Millionen Kinder und Jugendliche in Familien mit zumindest einem alkoholkranken Elternteil leben, ist die Anzahl der Hilfsangebote viel zu gering. Ich betrachte es als das Recht eines jeden Kindes, sich in seiner Persönlichkeit bestmöglich zu entwickeln zu können und in seinen Interessen weitgehendst gefördert zu werden. Doch gerade diese Chancen werden jenen Kindern teilweise nicht nur durch die Familiensituation sondern auch durch die Gesellschaft verhindert.

Literaturverzeichnis

1. Arenz-Greiving, Ingrid; Auswirkungen der Suchterkrankung auf die Kinder; in: Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren; Sucht und Familie; Freiburg, 1993

2. Bertling, Annette; Wenn die Eltern trinken, Mögliche Auswirkungen der Alkoholsucht der Eltern auf deren Kinder; Berlin, 1993

3. Aliabadi, Christiane; Lehnig, Wolfgang; Wenn Essen zur Sucht wird: Ursachen, Erscheinungsformen und Therapie von Eßstörungen; München, 1982

4. Dilger, Helga; Ambulante Arbeit mit Kindern von Suchtkranken; in: Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren; Sucht und Familie; Freiburg, 1993

5. Dober, Reinhardt; Sünkel, Gerald; Droge Alkohol; Donauwörth, 1982

6. Fachlexikon der sozialen Arbeit; Frankfurt, 1997

7. Feldmann, Marile; Therapeutische Freizeit mit Kindern abhängiger Eltern; in: Kuypers, Ursula; Familienbehandlung bei Suchtkranken; Freiburg, 1979

8. Feuerlein, Wilhelm; Alkoholismus - Mißbrauch und Abhängigkeit; Stuttgart, New York, 1989

9. Gedig, Udo; Alkoholkonsum und Alkoholismus als pädagogisches Problem; Ingelheim am Rhein, 1979

10. Gittinger, Dorothea; Kinderbereich Friedrichshof, ,,Aufbau, Konzept und Erfahrungen"; in: Hilfe für Kinder drogenabhängiger Eltern: Modelle und Erfahrungen von Kinderbereichen stationärer Therapieeinrichtungen; Berlin, 1988

11. Hurrelmann, Klaus; Einführung in die Sozialisationstheorie; Weinheim, Basel, 1995

12. Landesstelle gegen Suchtgefahren in Schleswig- Holstein; Kinder suchtkranker Eltern; 1990

13. Noack, Karl Adolf; Lehrmaterial des Gesundheitsministeriums, Gesundheitserziehung und Schule, Abhängigkeit, Sucht, Drogen; Stuttgart, 1985

14. Reinhold, Pollak, Heim, Pädagogik-Lexikon; München, Wien, 1999

15. Rennert, Monika; Rollenverteilung in belasteten Familien und die Entdeckung von CoAbhängigkeit in Familien von Suchtkranken; in: Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren; Sucht und Familie; Freiburg, 1993

16. Schmidtobreik, U.; Die Familie des Suchtkranken; Hamburg, 1972

17. Scholz, Herwig; Rehabilitation bei chronisch Alkoholkranken; Stuttgart, 1986

18. Wegscheider, Sharon; Es gibt doch eine Chance: Hoffnung und Heilung für die Alkoholikerfamilie; Wildberg, 1988

Erklärung

Hiermit erkläre ich, Sonja Fertinger, die Arbeit selbst verfaßt sowie außer meinem erlernten Wissen und der angeführten Literatur keine anderen Hilfsmittel verwendet zu haben.

Stuttgart, 18.4.2000 Unterschrift:

[...]


1 Horvarth, Ken; Sucht in der Gesellschaft der 90er Jahre; Wien, 1998; S.14, 42

2 Feuerlein, Wilhelm; Alkoholismus - Mißbrauch und Abhängigkeit; Stuttgart, New York, 1989; S.4

3 Noack, Karl Adolf; Lehrmaterial des Gesundheitsministeriums, Gesundheitserziehung und Schule, Abhängigkeit, Sucht, Drogen; Stuttgart, 1985; S.13

4 Noack, Karl Adolf; S.13

5 Noack, Karl Adolf; S.13

6 Noack, Karl Adolf; S.13

7 Bertling, Annette; Wenn die Eltern trinken, Mögliche Auswirkungen der Alkoholsucht der Eltern auf deren Kinder; Berlin, 1993; S.28

8 Bertling, Annette; S.28

9 Feuerlein, Wilhelm; S.4

10 Feuerlein, Wilhelm; S.5

11 Bertling, Annette; S.29

12 Bertling, Annette; S.29

13 Bertling, Annette; S.27, 28

14 Bertling, Annette; S.28

15 Fachlexikon der sozialen Arbeit; Frankfurt, 1997

16 Bertling, Annette; S.30

17 Bertling, Annette; S.30

18 Feuerlein, Wilhelm; S.60

19 Feuerlein, Wilhelm; S.61

20 Feuerlein, Wilhelm; S.61

21 Feuerlein, Wilhelm; S.61

22 Dober, Reinhardt; Sünkel, Gerald; Droge Alkohol; Donauwörth, 1982; S.17

23 Dober, Reinhardt; Sünkel, Gerald; S.17,18

24 Dober, Reinhardt; Sünkel, Gerald; S.17,18

25 Bertling, Annette; S.31

26 Scholz, Herwig; Rehabilitation bei chronisch Alkoholkranken; Stuttgart, 1986; S.15ff.

27 Bertling, Annette; S.29

28 Schmidtobreik, U.; Die Familie des Suchtkranken; Hamburg, 1972; S.11

29 Feuerlein, Wilhelm; S.76-81

30 Schmidtobreik, U.; S.11

31 Feuerlein, Wilhelm; S.7ff

32 Bertling, Annette; S.45

33 Bertling, Annette; S.48

34 Bertling, Annette; S.46

35 Rennert, Monika; Rollenverteilung in belasteten Familien und die Entdeckung von CoAbhängigkeit in Familien von Suchtkranken; in: Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren; Sucht und Familie; Freiburg 1993; S.27

36 Feuerlein, Wilhelm; S.149ff

37 Feuerlein, Wilhelm; S.151

38 Feuerlein, Wilhelm; S.151

39 Rennert, Monika; 28ff

40 Rennert, Monika; S.27,28

41 Bertling, Annette; S.24,25

42 Rennert, Monika; S.28

43 Bertling, Annette; S.25

44 Bertling, Annette; S.24

45 Rennert, Monika; S.28

46 Hurrelmann, Klaus; Einführung in die Sozialisationstheorie; Weinheim, Basel, 1995; S.239, 240

47 Bertling, Annette; S.50

48 Arenz-Greiving, Ingrid; Auswirkungen der Suchterkrankung auf die Kinder; in: Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren; Sucht und Familie; Freiburg, 1993; S.270ff

49 Feuerlein, Wilhelm; S.148

50 Landesstelle gegen Suchtgefahren in Schleswig- Holstein; Kinder suchtkranker Eltern; 1990; S.30

51 Feuerlein, Wilhelm; S.149

52 nach Piaget in: Landesstelle gegen Suchtgefahren in Schleswig- Holstein; Kinder suchtkranker Eltern; 1990; S.24

53 Arenz-Greiving, Ingrid; S.270ff

54 Bertling, Annette; S.55

55 Bertling, Annette; S.53

56 Bertling, Annette; S.53

57 Bertling, Annette; S.54,55

58 Bertling, Annette; S.54,55

59 Landesstelle gegen Suchtgefahren in Schleswig- Holstein; S.29ff

60 Bertling, Annette; S.56

61 Bertling, Annette; S.56

62 Wegscheider, Sharon; Es gibt doch eine Chance: Hoffnung und Heilung für die Alkoholikerfamilie; Wildberg, 1988; S.55

63 Wegscheider, Sharon; S.88,89

64 Bertling, Annette; S.61

65 Bertling, Annette; S.61

66 Bertling, Annette; S.62

67 Bertling, Annette; S.62

68 Wegscheider, Sharon; S.60

69 Arenz-Greiving, Ingrid; S.278ff

70 Bertling, Annette; S.57

71 Bertling, Annette; S.64

72 Bertling, Annette; S.64

73 Bertling, Annette; S.65

74 Bertling, Annette; S.66

75 Bertling, Annette; S.70

76 Bertling, Annette; S.71

77 Wegscheider, Sharon; S.114

78 Rennert, Monika; S.31

79 Rennert, Monika; S.31

80 Rennert, Monika; S.32

81 Wegscheider, Sharon; S.126

82 Bertling, Annette; S.72

83 Rennert, Monika; S.32

84 Bertling, Annette; S.72

85 Wegscheider, Sharon; S.142

86 Aliabadi; Christiane; Lehnig, Wolfgang; Wenn Essen zur Sucht wird: Ursachen, Erscheinungsformen und Therapie von Eßstörungen; München 1982; S.180

87 Bertling, Annette; S.74

88 Bertling, Annette; S.73

89 Rennert, Monika; S.32

90 Bertling, Annette; S.72, 73

91 Wegscheider, Sharon; S.154

92 Rennert, Monika; S.32

93 Dilger, Helga; Ambulante Arbeit mit Kindern von Suchtkranken; in: Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren; Sucht und Familie; Freiburg, 1993; S.282

94 Dilger, Helga; S.283

95 Dilger, Helga; S.283,84

96 Dilger, Helga; S.295

97 Dilger, Helga; S.290

98 Dilger, Helga; S.284

99 Dilger, Helga; S.290

100Dilger, Helga; S.297

101 Feldmann, Marile; Therapeutische Freizeit mit Kindern abhängiger Eltern; in: Kuypers, Ursula; Familienbehandlung bei Suchtkranken; Freiburg 1979; S.113,115

102 Feldmann, Marile; S.117-119

103 Feldmann, Marile; S.120-124

104 Feldmann, Marile; S.125, 126

105 Gittinger, Dorothea; Kinderbereich Friedrichshof ,,Aufbau, Konzept und Erfahrungen"; in: Hilfe für Kinder drogenabhängiger Eltern: Modelle und Erfahrungen von Kinderbereichen stationärer Therapieeinrichtungen; Berlin, 1988; S.11

106 Gittinger, Dorothea; S.15

107 Gittinger, Dorothea; S.15

108 Gittinger, Dorothea; S.18-20

109 Gittinger, Dorothea; S.22,23

110 Gedig, Udo; Alkoholkonsum und Alkoholismus als pädagogisches Problem; Ingelheim am Rhein, 1979; S.32

111 Gedig, Udo; S.32

112 Reinhold, Pollak, Heim, Pädagogik-Lexikon; München, Wien; 1999

113 Gedig, Udo; S.37

114 Gedig, Udo; S.32

115 Gedig, Udo; S.34

116 Notgesetz vom 24.2.1923

Details

Seiten
44
Jahr
2000
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v98854
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart
Note
3
Schlagworte
Mögliche Auswirkungen Alkoholsucht Eltern Kinder Umgangsformen Zwischenprüfung

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Titel: Mögliche Auswirkungen der Alkoholsucht von Eltern auf deren Kinder und mögliche therapeutische Umgangsformen