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Betrachtung zum Melusine-Motiv im Werk Fontanes

Hausarbeit (Hauptseminar) 1999 26 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung:

II. Der Melusine-Mythos:

III. Melusine bei Fontane:

IV. Melusine von Barby:

V. Exkurs: Zum Realismusbegriff Fontanes:

VI. Die Bedeutung des Melusine-Symbols im `Stechlin`:

VII. Literaturverzeichnis:

I. Einleitung

Marie Kniehase, Effi Briest, Ebba von Rosenberg, Hilde Rasmussen, Cecile und Melusine von Barby - sind Frauengestalten, denen Theodor Fontane in den ihnen zugeordneten Romanen eine besondere Rolle zugedacht hat. Liebevoll und lebendig von ihrem Autor geschildert, verbindet diese weiblichen Protagonisten ein Zug ins Geheimnisvolle, eine märchenhafte Distanzierung von der Realität.

Gemeinsam ist ihnen das Aparte und im „Sinnbezirk des Aparten bündeln sich die Restbestände des Infernalischen, Dämonischen, Languissanten und Elementaren“[1]. Das Elementare, das Hingezogensein zu den Elementen und die Bedrohung der menschlichen Ordnung durch diese ist ein Charakteristikum Fontanescher Frauengestalten. In zwei Romanentwürfen aus den Jahren 1877 und 1882[2] hat Fontane diese Eigenschaft des Elementaren, das sich besonders in einer starken Affinität zum Element Wasser offenbart, programmatisch mit einem Mädchen, das ausdrücklich als eine Art Wassernixe, eine Melusine, bezeichnet wird, verbunden. Die Melusine tritt jedoch schon erheblich früher in das Fontanesche Romanwerk ein. Im `Schach von Wuthenow` erwähnt Josephine von Carayon ihrer Tochter Victoire gegenüber das Geschlecht der Lusignans, aus der nach der Volkssage die schöne Melusine stammt, als mit dem Hause der Carayons verwandt, und auch in `Frau Jenny Treibel` wird der Name der Lusignans als Inbegriff alles altadlig Vornehmen verwendet. Die Melusine als Typus durchzieht, meist in verschlüsselter Form, nahezu das gesamte Romanwerk Fontanes, doch erst in seinem letzten Roman, dem `Stechlin`findet sich ihr ausdrücklich genannter Name in Melusine von Barby wieder. Die Melusine-Frauen bei Fontane sind zwar nicht auf eine einheitliche Form festgelegt, aber sie verbinden bestimmte, immer wiederkehrende, teilweise auch metamorphisierte Züge.

Dieses Charakteristikum des nixenhaft Elementaren am Beispiel der Melusine von Barby herauszuarbeiten, soll das Ziel dieser Arbeit sein. Weiterhin soll die Frage erörtert werden, wie Fontane die Melusine im `Stechlin` im Gegensatz zur programmatischen Entfaltung des Melusine-Typus in den oben genannten Fragmenten, zu denen sich noch das der `Melusine von Cadoudal`gesellt, verwandelt.

Ein kurzer Abriß über den Inhalt und die Überlieferung des Melusine-Mythos, ein kleiner Einblick in die `Melusine-Fragmente`und eine ausführlichere Betrachtung der Melusine von Barby sollen diesem Ziel dienen. Eine weitere Problemstellung, die sich diesem Thema anschließt, ist die Frage nach dem Interesse des Realisten Fontane am Mythos. Sind für Fontane Mythos und Realismus vereinbar? Ein kurzer Exkurs über den Fontaneschen Realismusbegriff soll die Basis für die abschließende Frage bilden, welchen Stellenwert das Mythische als Darstellungsmittel in Fontanes letztem Roman, dem `Stechlin` haben könnte.

II. Der Melusine-Mythos

Melusine- eine schöne Meerfee, der Sage nach Stammmutter des Adelsgeschlechtes der Lusignans, ist Hauptfigur eines altfranzösischen Sagenkreises. Die älteste Fassung der Melusine-Sage ist die `Historie de Lusignan`des Jean d`Arras, aufgezeichnet in den Jahren 1387-94 im Auftrag des Schloßherren Jean de Berry. In dieser Geschichte heiratet die in menschliche Gestalt verwandelte Nixe Melusine, Tochter der Fee Persine, den Ritter Raimund und gründet mit ihm Schloß und Geschlecht der Lusignans. Die zehn Söhne, die sie ihrem Gatten schenkt und die sich allesamt durch Kampfesmut auszeichnen, tragen jedoch als Zeichen ihrer nichtmenschlichen Abkunft ungewöhnliche körperliche Merkmale. Auf Melusine selbst lastet der Fluch, daß sie sich allwöchentlich samstags in ihre ursprüngliche Gestalt, ein Schlangenweib, zurückverwandeln muß. An diesem Tag muß ihr Gatte sie meiden, um sie vor ewiger Verdammnis zu bewahren. Doch Raimund bricht das Gebot, indem er Melusine eines samstags heimlich im Bade beobachtet und ihr dies in einem unbedachten Moment mitteilt. Melusine verliert daraufhin ihre menschliche Gestalt und entweicht als Schlange. Diese Sage des weiblichen Lohengrin, das eine Meerfee mit Fischschwanz im Wappen trug, auf das Geschlecht der Lusignans fixiert, erfuhr in der Folgezeit eine Vielzahl von Bearbeitungen und Umarbeitungen. Während die Melusine-Chronik des Jean d` Arras zum Volksbuch wurde, das auch spanische, englische und holländische Versionen erhielt, erlangte die kurz darauf von dem französischen Troubadour Couldrette verfaßte metrische Fassung des Melusinen-Stoffes zunächst kaum Aufmerksamkeit. Erst ein halbes Jahrhundert später schuf der Schweizer Thüring von Ringoltingen eine Prosafassung des Stoffes in deutscher Sprache, die auf dem Couldretteschen Versepos beruhte. Thüring von Ringoltingen variierte seine Vorlage dahingehend, daß er Melusine auf Kosten ihres Mannes idealisierte und ihr den Charakter des Wunderbaren zugunsten einer größeren Wirklichkeitsnähe nahm. Dieser Ausgangstext wurde zur Grundlage eines deutschen Volksbuches, das den zahlreichen Nachdichtungen deutschsprachiger Dichter als Vorlage diente. Dramatisierungen durch H. Sachs (1556) und J. Ayrer (1598) folgten. In der neueren deutschen Literatur erfuhr der Stoff zahlreiche Umgestaltungen. F.W. Zachariae griff 1772 als erster den Stoff wieder auf, L.Tieck verfaßte eine Art Chantefable (1800) und hinterließ ein Dramenfragment, Grillparzer schuf 1833 ein Opernlibretto mit dem Titel `Melusina`, und Goethe kehrte mit seiner `Neuen Melusine` das Thema ins Heitere.

Hielt sich Tieck noch, abgesehen von einigen kleineren Veränderungen an das Volksbuch, so verwandelte sich das Melusine-Motiv bei den nachromantischen Dichtern zunehmend; die Verwendung wurde freier.

Auch in unserem Jahrhundert hat die Melusine-Sage ihre Faszination nicht verloren. Neben zahlreichen bildlichen Darstellungen, besonders in der Epoche des Jugendstils, in denen Melusine vorwiegend als `femme enfant` oder `femme fatal` dargestellt wurde, verfaßte C. Zuckmeyer 1920 ein Verspiel über Melusine, das jedoch nur Fragment geblieben ist.

Anhand dieser Beispiele zeigt sich eine jahrhundertelange Tradition der Verwendung des Melusine-Mythos in der deutschen Literatur. Fontane steht mit seiner Faszination an dieser Meerfee somit nicht allein. Doch wie tritt die Melusine in sein Werk ein? Bleibt sie eine wunderbare Märchenfee, wie dies bei dem Romantiker L. Tieck, der die bedeutendste deutsche Fassung der Melusine-Sage verfaßt hat, der Fall ist? Welche Varianten erfährt die Figur der Schlangenfrau bei Fontane und wie verwandelt sie sich innerhalb seines Romanwerkes?

III. Melusine bei Fontane

In drei Romanentwürfen steht sie im Vordergrund, ein Mädchen, das als eine Art Wassernixe charakterisiert wird, deren Element das Wasser ist und deren Vorlieben aufs engste mit diesem verbunden sind – „baden, schwimmen, fahren, schlittschuhlaufen“[3] sind ihre Passion – es ist Melusine.

Die ausdifferenzierteste programmatische Entfaltung der Melusine-Figur hat uns Fontane in dem zeitlich mittleren der drei Fragmente, der 1882 entstandenen`Oceane von Perceval`[4] hinterlassen. Gibt uns der erste Entwurf eines Melusine-Romans, der ursprünglich den Titel `An der Kieler Bucht`[5] tragen sollte, den Rahmen für die Melusine-Gestalt vor, ihr Hingezogensein zum Elementaren und ihre Distanz zum Menschlichen, die sich ihrer Sonderrolle in der Gesellschaft durchaus bewußt ist: „Sie weiß, daß es viele Melusinen gibt; aber Melusinen, die nicht wissen, daß sie`s sind, sind keine; sie weiß es, und die Erkenntnis tötet sie“[6]. Sie gehört zu den Unglücklichen, die „statt des Gefühls nur die Sehnsucht nach dem Gefühl haben und das macht sie reizend und tragisch“[7]. Oceane ist eine Melusine, eine Nixe, die „sich einreihen möchte ins Schön-Menschliche und doch nicht kann“[8]. Sie schwankt in ihrer Befindlichkeit zwischen nixenhafter Kühle und dem Bedürfnis nach menschlicher Wärme, zwischen Empfindung und Nichtempfindung. In einem ersten Gespräch mit ihrem Verehrer kommt Oceane gleich auf dieses Hin- und Hergerissensein zu sprechen, „daß die Welt der Empfindung das Eigentliche sei, das Schöne, das Glückliche. Aber gleich dahinter komme die Welt der Nichtempfindung und wenn man glücklich sein könne ohne zu fühlen, so möchte sie beinahe sagen, diese Nicht-Empfindungs-Welt sei auch ein Glück“[9]. Und doch bricht die Sehnsucht nach dem Gefühl immer wieder hervor: „Eine Sehnsucht ist da, die Kluft zu überbrücken; ich kann es nicht; ich habe keine Träne, kein Gebet, keine Liebe. Ich habe nur die Sehnsucht nach allem.“[10] Diese Bemerkung entweicht Oceane anläßlich einer Landpartie, bei der die Reisegesellschaft in einer kleinen Waldkapelle ein altes katholisches Kruzifix betrachtet. Oceane wendet sich halb angewidert, halb betroffen ab. Sie verletzt auf der einen Seite die Zurschaustellung der Leiden Christi, auf der anderen Seite wird sie sich durch dieses Erlebnis ihres Mangels an religiösem Empfinden bewußt, ihrer tiefen Areligiosität. Oceane hat kein Gebet, aber auch keine Liebe, und der Mangel an Liebesfähigkeit ist es letztlich, der sie tötet. Sie ist ein Mensch ohne Herz, an der tragische Ereignisse, wie der Tod eines jungen Fischers nach einer Sturmnacht, wie Bilder vorüberziehen. Sie kann die liebe des Helden nicht erwidern, und die Erkenntnis dessen läßt sie untergehen: „Ich gehe fort. Es war doch recht mit dem Elementaren. Es fehlt mir etwas für die Erde, dessen ich bedarf um sie zu tragen. Ich hatt` es nur gefühlt; als ich Dich sah, wußt ich es. Ich gehe nun unter in dem Reich der Kühle, daraus ich geboren war“[11].

Das Elementare entfernt Oceane sowohl von Gott als auch vom menschlichen, sie untersteht unwandelbar dem elementaren Gesetz, das sie fesselt: „Elementar ist alles. Alles an und in uns ist Teil vom Ganzen und dieser Teil will ins ganze zurück“[12]. Das Wasser, das bei Oceanes Geburt eine geheimnisvolle Rolle gespielt hat, das Reich der Kühle, der Nichtempfindung, fordert sie zurück. Das Element siegt über das Menschliche. Aus dieser Bestimmung kann sich Oceane nicht lösen, und das macht sie tragisch.

Fassen wir die Eigenschaften zusammen, die Oceane als Melusine kennzeichnen, so steht an erster Stelle ihr Gefesseltsein an das Element, das die Grundlage ihrer Befindlichkeit darstellt. Schon der Name drückt ihre eigentümliche Verbindung zum Wasser aus: "„Omen est omen. Und die Leute knüpfen auch eine Geschichte daran“[13]. Trotzdem stammt sie aus adligem Hause, was ihr eine gesellschaftliche Sinngebung verleiht. Aufgrund ihrer Abstammung – „die Mutter ist von der Insel Jersey, also halb Französin halb Engländerin, Oceane wurde in Dänemark geboren und in Deutschland leben sie (...) Und in Italien waren sie natürlich auch“[14] – haftet ihr etwas Kosmopolitisches an, das sich aufgrund ihres Lebensstils auf natürliche Weise mit Apartem paart . Sie ist zutiefst unreligiös, unfähig zu einer menschlichen und gesellschaftlichen Bindung wie der Ehe, doch die Sehnsucht nach all diesem bleibt, dadurch, daß Oceane sich ihrer Zwischenstellung zwischen Elementarem und Menschlichen bewußt ist. Sie möchte sich in die Gesellschaft einreihen, aber das Element fordert seinen Tribut und Oceane muß ebenso wie ihre Urmutter in der Sage, Melusine von Lusignan, in das Reich der Nixen, der Elementarwesen, zurück.

[...]


[1] Vgl. Frei, Norbert: Theodor Fontane. Die Frau als Paradigma des Humanen. Königstein Ts. 1980. S.114

[2] Fontane, Theodor: `Melusine`und `Òceane von Perceval` . In: Allerlei Glück. Plaudereien., Skizzen und unvollendetes. Hrsg. Von Otto Drude. Frankfurt a. m. 1982. S.179-180 u. 181-196.

[3] Vgl. Fontane, Theodor: Melusine. In: Allerlei Glück. Plaudereien, Skizzen und Unvollendetes. Hrsg. Von Otto Drude. Frankfurt a. M. 1982. S. 179

[4] vgl. Anm. 2.

[5] Dieses erste Melusine-Fragment findet sich unter dem Titel ``Melusine` in der unter Anmerkung 2 erwähnten textsammlung `Allerlei Glück`. S. 179-180

[6] vgl. Fontane, Theodor: Oceane von Perceval. In: Allerlei Glück. S. 181

[7] vgl. Oceane. S. 181.

[8] vgl. Oceane. S. 181.

[9] vgl. Oceane. S. 185.

[10] vgl. Oceane. S. 191.

[11] vgl. Oceane. S. 196.

[12] vgl. Oceane. S. 192.

[13] vgl. Oceane. S. 187.

[14] vgl. Oceane. S. 182.

Details

Seiten
26
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638164719
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v9876
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – FB Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
Betrachtung Melusine-Motiv Werk Fontanes Naturpoesie Naturphilosophie Umkreis Romantik

Autor

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