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Benn, Gottfried - D-Zug und August Stramm - Erinnerung - Gedichtvergleich #

Referat / Aufsatz (Schule) 2000 11 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Katrin Pöllath

Gedichtvergleich:

,,D-Zug" (Gottfried Benn) und ,,Erinnerung" (August Stramm)

Gottfried Benn (1912) August Stramm (1915)

D-Zug Erinnerung

Braun wie Kognak. Braun wie Laub. Rotbraun. Welten schweigen aus mir raus

Malaiengelb. Welten Welten

D-Zug Berlin-Trelleborg und die Ostseebäder. Schwarz und fahl und licht!

Licht im Licht!

Fleisch, das nackt ging. Glühen Flackern Lodern

Bis in den Mund gebräunt vom Meer. Weben Schweben Leben Reif gesenkt, zu griechischem Glück. Nahen Schreiten

In Sichel-Sehnsucht: wie weit der Sommer ist! Schreiten

Vorletzter Tag des neunten Monats schon! All die weh verklungenen Wünsche

All die harb zerrungenen Träume Stoppel und letzte Mandel lechzt in uns. All die barsch verlachten Ängste

Entfaltungen, das Blut, die Müdigkeiten, All die kalt erstickten Gluten die Georginennähe macht uns wirr. Durch den Siedstrom meines Blutes

Durch das Brennen meiner Sehnen

Männerbraun stürzt sich auf Frauenbraun: Durch die Lohe der Gedanken

Stürmen stürmen

Eine Frau ist etwas für eine Nacht. Bogen bahnen

Und wenn es schön war, noch für die nächste! Regen wegen Oh! Und dann wieder die Bei-sich-selbst-Sein! Dir

Diese Stummheiten! Dies Getriebenwerden! Den Weg

Den Weg

Eine Frau ist etwas mit Geruch. Den Weg Unsägliches! Stirb hin! Resede. Zu mir! Darin ist Süden, Hirt und Meer. Dir

An jedem Abhang lehnt ein Glück. Den Weg

Den ichumbrausten

Frauenhellbraun taumelt an Männerdunkelbraun: Dir

Den Weg

Halte mich! Du, ich falle! Den duumträumten Ich bin im Nacken so müde. Dir

Oh, dieser fiebernde süße Den Weg

Letzte Geruch aus den Gärten. Den flammzerrissenen

Dir

Den Weg

Den unbegangenen Nie

Gefundenen Weg Zu

Mir!

,,Was halten Sie von One-Night-Stands?" Diese Frage wurde in unserer heutigen Zeit schon bis ins kleinste Detail in Talkshows diskutiert. Es scheint immer häufiger zu werden, dass man das ,,kurze Abenteuer" als normal empfindet. Man könnte meinen, diese Tendenz habe sich erst in den Neunzigern entwickelt, jedoch wird heute nur offener darüber geredet. Denn auch schon 1912 und 1915 sind die Unterschiede zwischen der Liebe als Zeitvertreib und Befriedigung der Lust und der Liebe als Erfüllung der Seele in den expressionistischen

Gedichten ,,D-Zug" von Gottfried Benn und ,,Erinnerung" von August Stramm klar erkennbar, was ich im Folgenden in Hinsicht auf Form, Sprache, Inhalt und Intention des Autors vergleichen werde.

Bei der Betrachtung dieser beiden Gedichte lässt sich ein deutlicher Unterschied in Bezug auf den Aufbau erkennen. Während in Stramms Gedicht auf den ersten Blick keine Unterteilung erkennbar ist, kann man bei Benn eine Aufteilung in einzelne Strophen sehen. Jedoch ist es möglich, ,,Erinnerung" in Sinnabschnitte zu untergliedern: Z. 1-4 beschreiben den Ausbruch der Gedanken des Autors, der schließlich zu einem Hoffnungsschimmer führt. Z. 5-8 zeigen die Entfachung eines Feuers und die Vorausdeutung auf den Weg. Z. 9-12 erzählen von den Enttäuschungen, die das lyrische Ich erlitten hat. Z. 13-15 verdeutlichen sowohl die körperliche, als auch die geistige Sehnsucht, die das lyrische Ich verspürt. Z. 16-18 verstärken den Ausdruck der Aufgewühltheit des Sprechers. Z. 19-23 geben eine kurze Vorausdeutung auf den Weg. Und schließlich wird Z. 24-39 der gesamte Weg der Beziehung - oder Nicht- Beziehung - mit all seinen Gefühlsausbrüchen näher be- schrieben.

Hingegen ist bei Benn bereits eine klare Struktur vorgegeben. Die ersten beiden Zeilen deuten auf Veränderung und auf eine Reise hin. Z. 3-7 vermitteln eine typische Urlaubsatmosphäre, die sich allerdings dem Ende zuneigt, da der Sommer bereits fast vorüber ist. Z. 8-10 erklären die Auswirkungen des Sommers auf das lyrische Ich. Z. 11 beschreibt wie ein Mann auf eine Frau zugeht. Z. 12-15 erklären die Einstellung des Mannes, der eine Frau für einen kurzen Moment genießen kann, sich jedoch auf Dauer nur mit sich selbst beschäftigen möchte. Z. 16- 19 erläutern weiter, wie der Mann die Frau als Abenteuer sieht, das zu einem gelungenen Abenteuer dazugehört. Z. 20 beschreibt wie eine Frau auf einen Mann zugeht. Z. 21-24 vertiefen die Einstellung der Frau, die vom Mann gehalten werden möchte, während die Gärten verblühen.

Weitere Unterschiede lassen sich in der Sprache feststellen. Vor allem die Interpunktion ist verschieden. ,,D-Zug" ist deutlich mit Satzzeichen ausgestattet, besonders kann man eine Anhäufung von Ausrufungszeichen erkennen, wie z.B. in Z. 13-15. In diesem Abschnitt möchte der Sprecher verdeutlichen, wie sehr er die Befriedigung körperlicher Verlangen schätzt, dass es ihm aber weitaus wichtiger ist, sein Inneres - seine Gedanken - für sich zu behalten.

,,Erinnerung" dagegen hat - ausgenommen von zwei Ausrufungszeichen - keinerlei Satzzeichen. Diese Abwesenheit von klar strukturierten, untergliederten Aussagen bestätigt nur umso mehr die innere Gedankenwelt des Dichters. Durch seine Liebesenttäuschung fällt es ihm schwer, einen klaren Gedanken zu fassen und somit auch klare Aussagen zu formulieren.

Des weiteren haben die beiden Gedichte keine typischen, durchgängigen Reimschemata. In beiden Gedichten sind jedoch vereinzelt bestimmte Reimarten zu finden. In ,,D-Zug" kommt ein identischer Reim in Z. 11 und Z. 20 vor: ,,Frauenbraun" und ,,Männerdunkelbraun", beide Male die Endung auf -braun. In ,,Erinnerung" gibt es sowohl einen zweifachen Binnenreim -

,,Regen wegen" (Z. 18) - als auch einen dreifachen: ,,Weben Schweben Leben" (Z. 6). Großzügig betrachtet kann man auch einen Reim in den Zeilen 19, 23, 24 und 39 erkennen:

,,Dir" und ,,mir".

Darüber hinaus zeigt sich ein gravierender Unterschied in der Syntax. Benn benutzt einen sehr simplen, parataktischen Schreibstil, um dem Leser das Ganze in kleinen Portionen zu servieren, was ein weiterer Hinweis auf diese Urlaubsstimmung ist, denn im Urlaub bevorzugt wohl die Mehrheit die Einfachheit der Dinge und keine herausragenden philosophischen Denkprozesse.

Demgegenüber stellt Stramm einen sehr verwirrenden, hypotaktischen Schreibstil, der den Leser zum eigenständigen Mitdenken zwingt. Ebenfalls geht daraus hervor, wie kompliziert und verwinkelt die Gefühlslage des Schreibers ist.

Ein weiterer Vergleichspunkt der Sprache sind die Stilmittel; ein Bereich, bei dem man sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede entdecken kann.

Gemeinsam haben beide Gedichte die Alliteration. Bei ,,D-Zug" ist es in Z. 14 ,,dies Bei-sich- selbst-Sein", was die Bedeutung dieses Zustandes für diesen Mann betont. Und bei ,,Erinnerung" gibt es eine doppelte Alliteration in Z. 16/17: ,,Stürmen stürmen Bogen bahnen", was wiederum das Chaos der Gefühlswelt des lyrischen Ichs ausdrückt. Wichtig für beide Gedichte sind auch die Neologismen. Bei Benn sind dies die ,,Sichel- Sehnsucht" (Z. 6), die ,,Georginennähe" (Z. 10) und besonders das ,,Frauenhellbraun" und ,,Männerdunkelbraun" (Z. 20). Die beiden letzten haben gerade deswegen eine große Bedeutung, weil sie durch diese ungewohnte Ausdrucksweise die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und so die eigentliche Anonymität der Frau und des Mannes betont wird.

Bei Stramm gibt es drei Neologismen, die zusätzlich noch parallel stehen: ,,ichumbrausten" (Z. 26), ,,duumträumten" (Z. 29) und ,,flammzerrissenen" (Z. 32). Diese drei Wörter charakterisieren den Weg näher; sie zeigen Zorn in Form des Aufbrausens, Zärtlichkeit und Sanftheit in Form des Träumens und Chaos und Untergang in Form des Zerreißens. Damit wird betont, dass der Weg nicht nur ein einfaches und stures Geradeaus gewesen ist, sondern durchaus seine Höhen und Tiefen gehabt hat.

Diese unterschiedlichen Auffassungen werden bei beiden Gedichten auch mit einer Personifizierung unterstrichen. Bei ,,D-Zug" ist es das ,,Fleisch, das nackt ging" (Z. 3), was sehr deutlich hervorhebt, dass sich in diesem Werk alles um das Fleisch, sprich den Körper, dreht. Aber nicht der Körper einer einzelnen Person ist entscheidend, sondern das Kennenlernen einer großen Vielfalt, denn ,,An jedem Abhang lehnt ein Glück" (Z. 19). Die Herausforderung liegt darin, das Glück - ein Abenteuer für eine Nacht - zu greifen ohne dass man den Abhang - eine feste Bindung - hinunterstürzt.

Bei Stramm gibt es eine Personifizierung gleich in der ersten Zeile: ,,Welten schweigen aus mir raus". Dadurch werden diese Welten in eine besondere, hohe Position gestellt, um ihre Wichtigkeit zu betonen. Denn diese Welten stehen für etwas wahnsinnig Großes im Gedankentum des Schreibers, das dieser nicht in einer komplexen Art und Weise darstellen kann.

Ein anderes Stilmittel, das von beiden Autoren gebraucht wurde, ist die Farbsymbolik oder streng genommen das Spiel mit Licht und Schatten.

Bei Benn überwiegt ganz klar die Farbe braun. Bereits in Z. 1 gibt er Beispiele für drei verschiedene Brauntöne, ,,wie Kognak", ,,wie Laub" und ,,Rotbraun", diese Töne tragen schon eine Aufhellung in sich - als Abschluss noch ,,Malaiengelb", das aber nicht ein typisches gelb darstellt, sondern die Hautfarbe der Einwohner Malaysias. In Z. 4 spricht Benn vom Fleisch, das ,,gebräunt" ist; und auch bei der Auswahl und Charakterisierung der Personen sind die Brauntöne bestimmend: ,,Männerbraun" und ,,Frauenbraun" (Z. 11), ,,Frauenhellbraun" und ,,Männerdunkelbraun" (Z. 20). Der Begriff, der durch dieses immer wiederkehrende braun gemeint sein könnte, ist die Demut, die im Mittelalter durch braun symbolisiert wurde. Jedoch übernimmt Benn diese Bedeutung nicht, sondern betont dadurch, eher das Gegenteil - ein Leben in Saus und Braus, bei jeder Handlung um den eigenen Vorteil bedacht. Diese Verdrehung der bestehenden Ordnung ist ein typisches Merkmal des Expressionismus - die Farbe braun wird als Symbol zweckentfremdet.

Bei Stramm hingegen ist keine bestimmte Farbe so dominant, jedoch spielt er auch mit Lichteffekten. Er beschreibt die Welten in Z. 3 als ,,Schwarz und fahl und licht", ebenfalls eine Aufhellung wie in Benns erster Zeile. Dafür macht Stramm aber die Symbolik dieses Licht- und Schattenspiels klarer. Zuerst befindet sich die Person wie in einem dunklen Loch, nach der Liebesenttäuschung kommt ihm alles trist und schrecklich vor, aber nach einer Weile erhellt sich die Situation bis er am Ende einen Lichtstrahl entdeckt, der ihm neue Perspektiven eröffnen wird.

Bisher konnte man sehr gut eine stilistische Parallele zwischen den epochengleichen Gedichten erkennen, jedoch sind auch unterschiedliche Punkte zu nennen.

Im ,,D-Zug" gibt es den Vergleich ,,Braun wie Kognak. Braun wie Laub." (Z. 1). Kognak ist ein alkoholisches Getränk, das zwar auf den Genuss im Urlaub hinweisen kann, vordergründig steht es aber für eine dunkle, schwere und deprimierende Farbe. Auch das Laub wird in der Regel eher als bunt charakterisiert, da es eine große, fröhliche Farbenvielfalt aufweist. Die beiden negativen Vergleiche könnten darauf hinweisen, dass diese ganze wunderbare Urlaubswelt auch ihre negativen Aspekte hat, vor allem die Beziehung, die sich rein auf das Körperliche bezieht. Im Grunde sucht jeder nach einer intensiven Liebe, die gerade dieses körperliche übersteigt. Auch deutet das Laub auf Vergänglichkeit hin. Es ist nichts Beständiges in dieser Beziehung. Da der Autor dies aber nicht wahrhaben möchte, schenkt er diesem Aspekt nur geringe Beachtung.

Ein weiterer Punkt, der auf eine gewisse Erschöpfung deutet, ist das Asyndeton in Z. 9-10:

,,Entfaltungen, das Blut, die Müdigkeiten, die Georginennähe macht uns wirr." Benn schiebt so die Schuld am Zustand der Verwirrung auf die Müdigkeit und die Pflanze; er verdrängt somit, dass es sein eigenes Handeln, dieses gleichgültige Handeln, sein könnte, das ihn in die Verwirrung stürzt.

Als Bestätigung für diese egozentrische Einstellung benutzt er eine Art ,,Depersonifizierung" in Z. 12 und Z. 16: ,,Eine Frau ist etwas für eine Nacht." Und: ,,Eine Frau ist etwas mit Geruch." Dies zeigt nicht nur, dass der Sprecher Frauen als Zeitvertreib zu seinem Vergnügen ansieht, sondern auch dass er in ihnen nichts weiter als ein Objekt, eine Sache sieht.

Ganz im Gegensatz dazu stehen die Stilmittel in Stramms Gedicht. Eine starke Betonung seiner Emotionalität erzeugt er in Z. 9-12 mit der Anapher ,,All die... ." Diese Textstelle macht deutlich, wie sehr er enttäuscht wurde, wie intensiv seine Gefühle verletzt wurden, wie sehr seine Träume und Leidenschaften ignoriert wurden.

Mit dem Polysyndeton in Z. 3, ,,Schwarz und fahl und licht," hatte man den Eindruck erhalten, er wäre bereits darüber hinweg, jedoch hat die Anapher demonstriert, dass ihn die Situation noch immer sehr beschäftigt. Dieselbe Textstelle (Z. 9-12) stellt ebenfalls einen Parallelismus dar, der wiederum betont, wie stark seine Gefühle waren, vielleicht noch sind, und sicherlich wie stark seine Enttäuschung ist.

Besonders die Wiederholung in Z. 20-22 (,,Den Weg") zeigt, wie sehr er sich an die Erinnerung an den (gemeinsamen) Weg klammert, dass er sogar noch daran denkt und es auch hofft, dass sich ihre beiden Wege nochmals kreuzen könnten, um den Weg wieder/endlich gemeinsam fortzusetzen.

Als Ausdruck seiner Leidenschaft verwendet Stramm auch eine Klimax in Z. 5: ,,Glühen Flackern Lodern". Diese Steigerung stellt dar, wie sich ein kleines Licht zu einem riesigen Feuer entfachen kann. In Bezug auf eine Beziehung kann das bedeuten, dass zwei Menschen die Möglichkeit haben, mit ihrer Liebe ein großes Feuer zu entfachen, das sie auch weiterhin im gegenseitigen Geben und Nehmen am Leben erhalten können. Allerdings kann das Feuer auch erlöschen, wenn ein Partner aufhört, seinen Teil zu der Beziehung beizutragen.

Andererseits besteht aber auch die Gefahr, dass das Feuer zu groß wird und außer Kontrolle gerät. Eventuell verbrennt sich dann auch einer am Feuer. In diesem Fall scheint es eher, dass sich das lyrische Ich am Feuer verbrannt hat.

Da es sich über dieses Geschehen nicht klar ausdrücken kann, benutzt es ein Oxymoron, um diesen Gegensatz noch zu verdeutlichen: ,,Welten schweigen aus mir raus" (Z. 1). Es ist in der Regel nicht möglich, aus sich heraus zu schweigen, aber dennoch drücken sich diese Welten in ihm aus, jedoch sind sie nicht fassbar, weshalb sie ,,rausschweigen".

Abgesehen von den Stilmitteln gibt es aber auch noch in beiden Gedichten Schlüssel-begriffe die die jeweiligen Atmosphären klarer erscheinen lassen.

Im ,,D-Zug" sind die Schlüsselbegriffe ,,Meer" (Z. 4 und 18), ,,Glück" (Z. 5 und 19) und ,,Süden" (Z. 18), der Gedanke des ,,Süden[s]" wiederholt sich auch in sinnverwandten Wörtern wie ,,griechisch" (Z. 5) oder den Pflanzennamen ,,Resede" (Z. 17) und ,,Georginen" (Z. 10), die alle vom Mittelmeerraum, und somit dem Süden, handeln. Diese Begriffe verdeutlichen dieses oberflächliche Glück, das in der Urlaubsidylle erzeugt wird.

Dagegen sind die Schlüsselbegriffe bei ,,Erinnerung" ,,Welten" (Z. 1 und 2), ,,Licht" (Z. 5 und 6) und ,,Weg" (Z. 20-22, 25, 28, 31, 34 und 37). Die ,,Welten" symbolisieren die unsagbare Größe des Leids und der Enttäuschung, das ,,Licht" den Hoffnungsschimmer, den es trotz allem gibt; und der ,,Weg" ist der Inhalt der Erinnerung, denn er beinhaltet sowohl das positive als auch das negative der gemeinsam erlebten Erfahrung.

Auch kann man in beiden Gedichten als Parallele feststellen, dass die Titel jeweils eine große Bedeutung im Hinblick auf das gesamte Gedicht haben.

Benn wählte ,,D-Zug". Ein D-Zug ist ein Personenzug, der Menschen für eine kurze Strecke begegnen lässt. Man schließt Bekanntschaften, weil man für einen kleinen Abschnitt denselben Weg zurücklegt. Jedoch sind diese Bekanntschaften nur sehr oberflächlich und werden in den seltensten Fällen vertieft, denn keiner der Beteiligten legt Wert darauf. So ist dieser Titel eine perfekte und prägnante Zusammenfassung des Gedichts, da dessen Inhalt ja auch die kurze, lebhafte Beziehung ist, auf deren Weiterführung kein Wert gelegt wird.

Im absoluten Gegensatz dazu steht Stramms ,,Erinnerung", was ebenfalls ein sehr aussagekräftiger Titel ist. Personen oder Ereignisse, die wir in unsere Erinnerung miteinbeziehen, haben meist einen sehr prägenden und bedeutenden Eindruck auf uns hinterlassen; es deutet alles auf eine sehr intensive Begegnung hin. Auch die Enttäuschung in Stramms Gedicht war eine wenn auch schmerzliche, dennoch eine prägende Erfahrung, mit der er abschließen musste und die jetzt nur noch in seiner Erinnerung existiert.

Aber nicht nur an Aufbau und Sprache lassen sich die Gedichte vergleichen, sondern auch inhaltlich.

In ,,D-Zug" haben Raum und Zeit eine gewisse Bedeutung. Der Urlaubsort bzw. die Strecke wird genannt: ,,Berlin - Trelleborg und die Ostseebäder" (Z. 2) und auch die späteren Andeutungen an südliche Gefilde sind wichtig, denn würde es sich um einen anderen Ort handeln, z.B. eine hektische Großstadt, dann würde niemand bis zu diesem Extrem in Urlaubsstimmung geraten.

Auch ist es wichtig, zu wissen, dass man sich gerade am Ende des Sommers befindet. Es gibt immer noch laue Nächte und allgemein herrscht eine angenehme Temperatur. Mit einer Winterkulisse würde man das Interesse an diesem Gedicht sicherlich verlieren.

Dagegen spielen Raum und Zeit bei ,,Erinnerung" keine große Rolle. Eine Liebesenttäuschung kommt auf der ganzen Welt vor und auch geschieht es unabhängig von Jahreszeiten.

Ein interessante Beobachtung erfährt man auch bei der Aussage über die beteiligten Personen. Bei Benn wird der Mann als sehr rationaler, introvertierter, egoistischer Charakter dargestellt. Er bemüht sich nur um sein Vergnügen und um seine körperliche Befriedigung, aber möchte auf keinen Fall etwas von sich preisgeben: ,,Eine Frau ist etwas für eine Nacht... Oh! Und dann wieder dies Bei-sich-selbst-Sein!" (Z. 12-14). Er denkt, wenn er einer Frau mehr als seinen Körper geben würde, z.B. seine Gefühle äußern, dann er würde er sich selbst verlieren, wovor er eine große Angst hat. Deshalb wahrt er eine Distanz zu den Frauen und wechselt sie beinahe täglich.

Im Kontrast dazu steht der Mann (= Mir) in Stramms ,,Erinnerung". Er ist absolut emotional, der sämtliche Gefühle an sich heranlässt, was ihn verwundbar gemacht hat und schließlich auch beinahe vollständig zerstört. Für ihn ist Liebe nicht nur ein oberflächliches Spiel, sondern eine intensive Hingabe: Zum einen in der Hingabe des Körpers, zum anderen aber auch, indem er einem anderen Menschen grenzenloses Vertrauen entgegenbringt und ihm somit seine tiefsten Wünsche, Träume und schrecklichsten Ängste offenbart.

Während der Mann sehr offensichtlich dargestellt wird, bleibt die Rolle der Frau in beiden Gedichten eher im Hintergrund. Benn charakterisiert sie durch die Augen des Mannes als eine Sache, aber auch die Frau selbst stellt sich so dar, dass sie die Nähe und den Halt des Mannes sucht, weil sie ansonsten fallen würde. Sie verkörpert in diesem Fall wirklich das schwache Geschlecht.

Im Gegensatz dazu erscheint die Frau (= Dir) bei Stramm als die Stärkere. Sie ist diejenige, die die Kontrolle hat, denn sie wird nicht verletzt, sondern sie fügt dem anderen Schmerzen zu. Auch wenn keine Charaktereigenschaften von ihr genannt werden, kann man aus dem Gesagten schließen, dass sie eine sehr herzlose Frau ist, die das ihr entgegengebrachte Vertrauen schamlos ausnutzt, und die die ihr anvertrauten Gefühle eiskalt verlacht.

Der bedeutendste Gegensatz der beiden Gedichte ist wohl die unterschiedliche Einstellung zu Beziehung und Liebe.

,,D-Zug" verkörpert ganz eindeutig die Meinung, dass das Zusammenleben von Menschen, speziell von Mann und Frau, zu nichts führt. Man(n) muss zwar akzeptieren, dass es gewisse körperliche Schwächen gibt, aber dennoch hat dieses Verlangen nach Sexualität keinerlei Verbindung zu Gefühlen. Im Gegenteil, das Eingestehen von Gefühlen würde nur Gleichstehen mit einer Selbstaufgabe. Deshalb ist die Anonymität sehr wichtig: ,,Eine Frau ist etwas für eine Nacht" (Z. 12), ,,Eine Frau ist etwas mit Geruch" (Z. 16), ,,Frauenbraun" (Z. 11) und ,,Frauenhellbraun" (Z. 20). Die Frau ist keine Person für ein Leben, die Frau ist keine Person mit einem ganz bestimmten Duft und ganz besonders ist die Frau keine Person mit einem eigenen Haarstil oder einer anderen individuellen Eigenheit. Denn alles, was näher definierbar ist und was anders ist als der Rest, ist gefährlich, weil das Risiko besteht, davon abhängig zu werden.

,,Erinnerung" im Gegenzug dazu zeigt einen Mann, der bereits gerade davon abhängig ist. Stramms Gedicht beinhaltet die Meinung, dass die einzige Liebe, die existieren kann, eine wirkliche, wahre und ganze Liebe ist, d.h. man muss alles in die Liebe mit einbringen. Im Vordergrund steht jedoch das Vertrauen und eine geistige Verbindung, im Hintergrund - aber dennoch wichtiger Teil des Ganzen - steht die Sexualität. Die Liebe ist wie ein Kampf, den man gemeinsam, Seite an Seite, austragen muss, um am Ende gemeinsam zu siegen. Man muss viele Situationen zusammen meistern - die tobenden Momente (,,ichumbrausten", Z. 26, ,,flamm-zerrissenen", Z.32) genauso wie die schwachen und zärtlichen Momente (,,duumträumten", Z. 29). Es gibt nicht nur ein Nehmen, sondern es muss auch ein Geben bestehen, beides mit völliger Hingabe.

Mit der Erkenntnis über die verschiedenen Inhalte der beiden Texte, ist es auch interessant, die Intentionen der beiden Autoren miteinander zu vergleichen.

Benn hat möglicherweise mit seinem Gedicht bewirken wollen, dass man sich über die damaligen Normen und Werte Gedanken macht. Seine Absicht ist es sicherlich gewesen, diese Normen und Werte zu kritisieren und seine Abneigung dagegen zu demonstrieren, vor allem Wertvorstellungen wie Treue und Ehe.

Stramm scheint bewirken zu wollen, dass sich der Adressat des Gedichtes schlecht fühlt und endlich versteht, wie sehr er ihn verletzt hat.

Die Anspielung, die Benn beabsichtigt hat, geht wohl eher gegen die Gesellschaft und deren Moral. Es ist gut vorstellbar, dass die Vorstellung von ,,Fleisch, das nackt ging" (Z. 3) noch nicht so verbreitet war im Jahr 1912, und Benn gegen diese Prüderei demonstrieren wollte. Auch war zu Beginn dieses Jahrhunderts ein Trauschein von großer Bedeutung, und auch dagegen protestiert Benn mit seiner Darstellung von ,,One-Night-Stands".

Hingegen lässt sich in Stramms Gedicht keinerlei allgemeingültige Anspielung erkennen. Es geht lediglich um die persönliche Situation.

Sehr gut erkennbar ist in beiden Gedichten die Wiederspiegelung des Expressionismus. Bei Stramm wird dies besonders dadurch deutlich, das er sich nicht an grammatische Regeln hält und auch sonst keine klare Struktur anwendet (vgl. auch Sprachanalyse).

Die Strukturierung ist zwar bei Benn vorhanden, jedoch kann man anhand des Inhalts den Geist des Negierens erkennen. Die Expressionisten sind gegen alles - und Benn zeigt in diesem Fall deutlich seine Abneigung gegen eine feste Beziehung.

In Hinsicht auf Realitäts- und Aktualitätsbezug gibt es wieder Parallelen zwischen den beiden Texten.

Die Situation, die Benn beschreibt, gibt es tatsächlich und besonders ist diese Art von Urlaubsflirt heutzutage viel verbreiteter als 1912. Man könnte sogar meinen, es sei in unserer heutigen Zeit geschrieben worden.

Ob die von Stramm beschriebene Situation real ist, kann jeder, der schon eine Liebesenttäuschung erlebt hat, leicht für sich selbst beantworten. Dieses Thema wird auch nie an Aktualität verlieren.

Der vorangegangene Vergleich der beiden expressionistischen Gedichte ,,D-Zug" und ,,Erinnerung" hat sehr deutlich gezeigt, wie unterschiedlich zwei Meinungen zu einem Thema, in diesem Fall die Liebe, sein können. So ist es nicht verwunderlich, dass die Liebe von Anbeginn der Menschheit wohl das stärkste, gleichzeitig aber auch eines der umstrittensten Gefühle gewesen ist. Erstaunlich finde ich persönlich, dass dies bereits im Expressionismus so offen besprochen wurde und nicht erst - wie man es sich auch vorstellen könnte - in unserer so modernen und fortgeschrittenen Gesellschaft thematisiert wurde. Der einzig moderne Aspekt ist vielleicht nur noch die Eindeutschung des englischen Begriffs

,,One-Night-Stand"...

Details

Seiten
11
Jahr
2000
Dateigröße
397 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v98226
Note
Schlagworte
Benn Gottfried D-Zug August Stramm Erinnerung Gedichtvergleich

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