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Die Entstehung und geschichtliche Entwicklung der Familiennamen in Deutschland bis in die Gegenwart

Seminararbeit 2000 17 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitende Vorbemerkungen

2. Benennungssysteme im Vergleich

3. Die Entstehung der Familiennamen in Deutschland
3.1. Das System der Einnamigkeit
3.2. Die Umbildung des anthroponymischen Systems
3.3. Sozioonomastische Aspekte

4. Herkunft und Bildung der Familiennamen
4.1. Familiennamen aus Rufnamen
4.2. Familiennamen nach der Herkunft
4.3. Wohnstättennamen
4.4. Familiennamen aus Berufs-, Amts- und Standesbezeichnungen
4.5. Familiennamen aus Übernamen

5. Das Bild der Familiennamen in der Gegenwart

6. Die quantitative und qualitative Verteilung der Familiennamen im Saarland

7. Abkürzungsverzeichnis

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitende Vorbemerkungen

Es geht in dieser Arbeit in erster Linie um die Frage nach den allgemeinen Bildungsgesetzen und Inhalten der Familiennamen, nach der Entstehung, der geschichtlichen Entwicklung und der Eigenart unseres gesamten Familiennamenschatzes. Die theoretische Fundierung liefert in diesem Falle die Onomastik, die trotz der engen Bindungen zu anderen Disziplinen wie Soziologie, Psychologie, Wirtschafts- oder Rechtsgeschichte eine sprachwissenschaftliche Disziplin bezeichnet. Darüber hinaus steht folgende Fragestellung im Mittelpunkt der Ausführungen: Inwieweit deckt sich die quantitative und qualitative Verteilung der Familiennamengattungen an der Saar mit den Vorkommen in der Bundesrepublik Deutschland?

Da bei der Materialsammlung in jedem Fall die Grundsätze der Quellenkritik zu beachten sind, bieten in diesem Zusammenhang die Verzeichnisse des TeleMedia Telefonbuchverlages eine sichere Materialbasis. Etwaige Fehler in Form von Mehrfacheinträgen fallen bei Untersuchungen häufig vorkommender Namen statistisch wenig ins Gewicht. Bedauerlicherweise muss darauf hingewiesen werden, dass die Namenforschung keine eindeutige Terminologie verwendet. So existieren für die Bezeichnung Familienname auch Ausdrücke wie Zuname und Nachname. Zuname entspricht mehr dem historischen als dem gegenwärtigen Gebrauch. Die rein formale Bezeichnung Nachname scheint besser geeignet zu sein. Zudem ist eine weitere terminologische Unterscheidung von Bedeutung. Der Beiname wird im Folgenden verstanden als ,,zusätzliches, auf die Einzelperson bezogenes cognomen"1, die Bezeichnung Familienname hingegen zielt auf einen ,,festen, innerhalb einer Familie vererbten Nachnamen mit Rechtscharakter"2. Die Familiennamen gehören zu der Gruppe der Eigennamen(Propria). Eigennamen dienen dazu, Einzelwesen und Einzelobjekte, auch ein bestimmtes individuelles Kollektiv, als unverwechselbare Erscheinungen zu identifizieren und direkt zu bezeichnen. Im Gegensatz zu den Eigennamen stehen die Gattungsbezeichnungen (Appellativa). Sie weisen das einzelne Wesen oder Objekt einer umfassenden Gattung zu oder bezeichnen diese Gattung selbst. Sie können sich also auf variierende Wesen bzw. Objekte beziehen. Oftmals kann die Trennlinie zwischen Eigenname und Gattungsbezeichnung nicht exakt gezogen werden, weil Propria letzten Endes auf Appellativa zurückzuführen sind und sich umgekehrt aus Eigennamen ebenso Gattungsbezeichnungen entwickeln können.

2. Benennungssysteme im Vergleich

Benennungssysteme sind wandelbare Ordnungen, die sensibel auf gesellschaftliche Veränderungen innerhalb ihrer Geltungsbereiche reagieren. So bewirkte beispielsweise 1994 die zunehmende Gleichberechtigung der Frau die Reform des deutschen Ehenamenrechts. Die verschiedenen Benennungssysteme im heutigen Europa weisen allesamt folgende Gemeinsamkeit auf: der offizielle Gesamtname besteht aus einem individuellen und einem ü berindividuellen Element. Der individuelle Bestandteil des Gesamtnamens kann von den Eltern frei gewählt werden, wobei die Namengebung die allgemeine Sitte und Ordnung nicht verletzen darf. Der überindividuelle Teil hingegen identifiziert den Namenträger als Mitglied einer Familie. Er ist in der Regel eingliedrig und wird von Seiten des Vaters übertragen. Nur das ungarische Personennamensystem nimmt hier eine Sonderstellung ein. Der individuelle Namenteil steht dort an zweiter Stelle.3

Nun stößt man erneut auf ein terminologisches Problem, weil die formale Differenzierung in Vor- und Nachname nur in umgekehrter Weise vorgenommen werden kann. In den meisten Benennungssystemen ist das überindividuelle Element des Gesamtnamens für beide Geschlechter identisch. Das tschechische System beispielsweise sieht zur Kennzeichnung des Geschlechts ein Movierungssuffix vor.4 Der vollständige russische Name besteht sogar aus drei Teilen (Vorname + Vatersname + FN)5. Zusätzlich haben mündige Bürger die Möglichkeit, alle drei Bestandteile ihres Namens neu zu wählen. Kennzeichnend für das isländische Personennamensystem ist der fehlende Familienname. An dessen Stelle steht ein Patronym, das nach dem jeweiligen Geschlecht abgewandelt wird.6 In Spanien umfasst der überindividuelle Teil des Namens zwei Elemente, den Familiennamen des Vaters und den der Mutter.7 Die Umstellung der beiden Namenelemente kann sogar beantragt werden. Das Namenrecht in Deutschland erlaubt z.B. die Namensänderung nach Auflösung der Ehe, Namensänderung nach Adoption sowie das Führen des Geburtsnamens vor oder hinter des Ehenamens. Vor allem die hohe Anzahl verschiedener Familiennamen ist kennzeichnend für viele europäische Benennungssysteme. Als Ursache dafür gelten hauptsächlich unterschiedliche Schreibversionen(Mayer/Meier), wortgeographische Variationen(hd.

Schneider vs. nd. Schröder) und die scheinbar unendlichen Bildungsmöglichkeiten(Rosso, Rossi, Rossellini). Im Vergleich zu Europa fällt das Quantum der asiatischen Familiennamen viel geringer aus. Darauf wird jedoch im Gliederungspunkt 5 näher eingegangen.

3. Die Entstehung der Familiennamen in Deutschland

3.1. Das System der Einnamigkeit

Über eine Zeitspanne von mehreren hundert Jahren trugen die Menschen nur Rufnamen. Bei der ursprünglichen Namengebung musste der Name so gewählt werden, dass er mit dem Wesen des Menschen wenigstens in einem besonders auffälligen Punkte übereinstimmte. Dies konnte einerseits durch ein Eigenschaftswort (z.B. Lang) oder andererseits durch einen Vergleich der Wesensmerkmale von Mensch und Tier geschehen. Oder aber man benannte den Menschen nach einem ungewöhnlich geformten Körperteil. Die germanischen Rufnamen sind überwiegend dithematischer Art, d. h. sie bestehen aus zwei Gliedern( z.B. Sieg + fried). Daneben existierten bereits frühzeitige monothematische Namen( z.B. Karl) und vielfältige Kurzformen ( z.B. Arn zu Arnold). Die Entstehung der zweistämmigen Namen geht bis in die indogermanische Zeit zurück. So ist es nicht verwunderlich, dass auch die griechischen, slawischen und keltischen Namen nach dem Prinzip der Zweigliedrigkeit gebildet wurden. In den germanischen Rufnamen finden spezielle semantische Bereiche wie Krieg oder die Tierwelt großzügige Verwendung. Die kriegerischen Namen( z.B. Heri-bert) bilden unter den zweistämmigen der Zahl nach die weitaus größte Gruppe. Über die Motivation zur Namenvergabe lassen sich jedoch keine eindeutigen Aussagen machen. Offensichtlich standen bis zum 4. Jahrhundert die beiden Namenglieder sinnvoll miteinander in Beziehung, doch lässt sich eine wachsende willkürliche Verbindung der proprialen Glieder feststellen. Lediglich Glieder mit gleichem Anlaut und reimendem Tenor fanden keinen Gebrauch.

Gleichfalls sind uns geschichtliche Beispiele der Vererbung mancher Namenbestandteile in großer Anzahl überliefert. Die Gleichheit des zweiten Namenteils verbindet beispielsweise Heribrand mit seinem Sohn Hildebrand und seinem Enkel Hadubrand. Auch wurden vielfach die Bestandteile beider Elternnamen vertauscht und miteinander variiert, weil man Wert darauf legte, die Namen der Kinder irgendwie an die der Eltern oder Ahnen anzuknüpfen, ohne dass es bestimmte Grundsätze gegeben hätte. Auffallend ist, dass ein großer Teil des historischen Namenschatzes poetischen Charakter besitzt. Viele Wörter waren in der Alltagssprache gar nicht mehr lebendig, oft gehörten sie auch der religiösen Sprache an. Eine Tatsache, die kaum verwundert, wenn man bedenkt, dass die Dichtung des Altertums vorwiegend religiös orientiert war.

3.2. Die Umbildung des anthroponymischen Systems

Gerade wenn innerhalb einer Familie oder Sippe derselbe Name mehrfach vergeben wurde, wobei man nicht einmal davor zurückschreckte, Brüder gleich zu benennen, wurden unterscheidende Namenszusätze zu einer Notwendigkeit. Auf diese Weise könnten etwa Namen wie Junghans und Kleinhempel entstanden sein. Auch Kurzformen waren hervorragend zur Unterscheidung gleichnamiger Geschwister geeignet. So kam es also vor, dass zwei Brüder namens Ludwig zur Unterscheidung die Namen Ludi und Lutz trugen. Der Brauch, dem eigentlichen Rufnamen noch einen zweiten hinzuzufügen, erwuchs vor allem aus dem Umstand, dass die einfachen Namen nicht mehr genügten, um ihre Träger im öffentlichen Leben zu kennzeichnen. Zwar war die Bevölkerungszahl der deutschen Städte noch gering8, doch die Zeiten, in denen man scheinbar unendlich viele Namenglieder miteinander verbinden konnte, waren längst vorbei und statt dessen die Verarmung des Rufnamenschatzes eingetreten. Doch schon viel früher kam es vor, dass Menschen zusätzlich zu ihrem Rufnamen einen weiteren Namen führten. So begegnet uns bereits im Niebelungenlied ein Sivrit von Niderlant. ,,In den Weißenburger Traditionen findet sich ein Nordwin Masa (Narbe). Bekannter sind aus dem 9. Jahrhundert Hrabanus Maurus von Fulda und Walahfrid Strabo von Reichenau".9 Nach 1100 werden uns immer häufiger solche Namen überliefert. Solange jedoch der Namenzusatz nur okkasionell verwendet wird, befinden wir uns noch in der Epoche der Einnamigkeit. Der Zusatz wird erst dann zum Beinamen, wenn er mehr oder weniger regelmäßig zur Kennzeichnung der Person verwendet wird. Während in Venedig die Zweinamigkeit bereits im 9. Jahrhundert, in Frankreich im 10. und 11. Jahrhundert einsetzte, entwickelten sich die deutschen Familiennamen erst im Zuge der spätmittelalterlichen Verstädterung zu Beginn des 12. Jahrhunderts. Ab diesem Zeitpunkt zeigen sich immer häufiger zweinamige Einträge in den städtischen Urkunden. Zu dieser Zeit beginnt die allgemein nötig gewordene Transformation des anthroponymischen Systems, die durch verschiedene systeminterne und -externe Faktoren verursacht wurde. Wie schon kurz erläutert, war die Zweinamigkeit vor allem zur genaueren Kennzeichnung der Personen unentbehrlich geworden. Die starke Reduzierung des Rufnamenbestandes hatte zur Folge, dass der Rufname allein für eine deutliche Identifizierung nicht mehr ausreichte. ,,In einer Zürcher Urkunde treten z.B. 9 verschiedene Personen namens Rudolf auf, die durch nachträglich übergeschriebene Beinamen unterschieden werden mußten".10 Es trugen also immer mehr Menschen denselben Rufnamen. Im Mittelalter aber war gerade der Vorname der Hauptname und der Beiname nur ein zur Unterscheidung dienender Zusatz. So wurde zunächst versucht, das Nameninventar durch den Gebrauch von christlichen Heiligennamen zu erweitern, doch diese reichten als Ersatz nicht aus. Eine weitere Rolle in diesem Zusammenhang spielt der Brauch der Nachbenennung. Auf diese Weise wurden bestimmte Rufnamen in einzelnen Familien üblich und das Bedürfnis nach unterscheidenden Zusätzen immer intensiver. Übrigens hat sich dieser Brauch besonders in fürstlichen Häusern bis heute erhalten. Darüber hinaus steht die Entstehung der Familiennamen unmittelbar in Zusammenhang mit der Entwicklung des deutschen Städtewesens. Es zog die Menschen vom Lande in die Stadt und so erhöhte sich die Zahl der städtischen Einwohner kontinuierlich.

Die Ursache dafür wird hauptsächlich in den attraktiven Freiheitsrechten der Stadtbevölkerung gesehen. Städte gab es in Deutschland schon seit der Römerzeit, aber erst im hohen Mittelalter sind sie zu einem bestimmenden Faktor der Gesellschaftsgeschichte geworden. In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts begann in Deutschland eine Periode der Städtegründungen, durch die die Zahl der vorhandenen Städte bald vervielfacht wurde. Eines der frühesten Beispiele war die Gründung von Freiburg im Breisgau durch Herzog Konrad von Zähringen im Jahre 1120. Durch die ausgelöste Entfaltung der Städte und die damit verbundene zunehmende Mobilität wurde eine Unterscheidung gleichnamiger Personen immer notwendiger. Damit unmittelbar verbunden war die rasche Zunahme der schriftlichen Verwaltung im Form von Bürgerverzeichnissen oder Urkunden. Aus diesen Gründen trugen die Menschen neben ihren Rufnamen zunächst Beinamen, um ärgerliche Verwechselungen zu vermeiden. Nach 1350 war das Tragen eines Beinamens in den Städten bereits so alltäglich, dass selbst sein gelegentliches Nichtvorhandensein die Vergabe eines Beinamens zur Folge hatte. ,,Wenn nun in einer Stadt nur noch ein kleiner Teil der Bevölkerung ohne Familiennamen war, dann trug wohl ein besonders gewissenhafter Beamter in die Urkunde die Bemerkung ´ohne Zunamen` ein...".11 Demnach entwickelten sich unsere Familiennamen aus verhältnismäßig konstanten Beinamen. Der Beiname einer Person wird allerdings erst dann zum Familiennamen, wenn er auf deren Nachfahren vererbt wird. Oftmals lässt sich nicht zweifelsfrei erkennen, ob in einer mittelalterlichen Quelle bereits ein Familienname oder noch ein Beiname vorliegt. Eindeutiger ist es, wenn die Vererbung über mehrere Generationen hinweg nachgewiesen werden kann, ebenso wenn Geschwister denselben Namen tragen. Darüber hinaus liegt ein Familienname vor, wenn der Inhalt des Namens nicht zu dem Namenträger passt. Wenn beispielsweise ein Herman Obst(,,Obstbauer") niemals etwas mit Früchten zu tun hatte, sondern statt dessen von Beruf Garnzieher war, wird es sich hierbei mit Sicherheit um einen vererbten Familiennamen handeln. Ein weiteres, wenn auch unsicheres Kriterium zur Erkennung eines Familiennamens ist der Wegfall von Verbindungsgliedern zwischen beiden Namenteilen.12 Ebenfalls bedeutsam für die allmähliche Festigung der Familiennamen war die Namengebung in der Romania. Wie bereits erwähnt, treten die ersten Familiennamen im 9. Jahrhundert in Venedig auf, im 10. Jahrhundert finden sie in Norditalien und Südfrankreich Verbreitung, im 11. Jahrhundert erreichen sie Nordfrankreich und die romanische Schweiz. Schließlich werden sie dann im 12. Jahrhundert auch in west- und süddeutschen Städten gebraucht, also in den dem romanischen Einfluss am stärksten ausgesetzten Gebieten, wo sich auch das Städtewesen am frühesten ausgebildet hatte. Dabei hatten hauptsächlich die Bewohner der Städte an Rhein und Donau die Möglichkeit, romanische Sitten kennenzulernen und gegebenenfalls zu übernehmen. Doch schon gegen Ende des 10. Jahrhunderts finden sich erste Familiennamen beim Adel. Seitdem 1037 die Lehen durch Konrad II. erblich geworden waren, gewann die Doppelnamigkeit in Adelskreisen allmählich an Bedeutung. Und zwar konnten durch einen vererbten Namen rechtliche Erwägungen und Erbansprüche auf Besitz oder Beruf viel deutlicher zum Ausdruck gebracht werden. In bürgerlichen Kreisen galt ein Familienname, oder besser gesagt Beiname, als Symbol für Prestige und sozialen Status, etwa um sich von den Besitzlosen und Knechten abzugrenzen. Als Beispiel für ähnliche Motive in der mittleren Schicht dienen an dieser Stelle die 1230 erlassenen Rechtsverordnungen für die Stadt Regensburg, die den Schutz des Privateigentums bei Erbfall vorsehen. Nun war auch für den Kaufmann ein unterscheidender Namenszusatz kostbar geworden. Natürlich verbreiten sich die Familiennamen nicht einheitlich, sondern sie bilden sich in den einzelnen Gegenden Deutschlands zu ganz verschiedenen Zeiten aus. Ausgehend von den romanischen Kontaktgebieten im deutschen Süden und Westen erstrecken sie sich Anfang des 13. Jahrhunderts in Richtung Norden und Osten. Insgesamt lässt sich sagen, dass im 13. Jahrhundert die Einnamigkeit in süddeutschen Städten schon selten geworden ist. So tauchen in den Züricher Urkunden nach 1170 fast keine Personen mehr mit bloßem Rufnamen auf. Auch in Regensburg sind sie schon früh zwischen 1149 und 1177 bezeugt. Dagegen sind in Görlitz Anfang des 14. Jahrhunderts Einzelnamen noch häufig. In Bremen hat zwar im 14. Jahrhundert schon jeder Bürger einen Beinamen, jedoch noch keinen festen Familiennamen. Erst im 15. Jahrhundert verschwindet dort der Zusatz ´dictus`(genannt), ein Zeichen für die verspätete Durchsetzung der Zweinamigkeit. Auch nach der sozialen Schichtung entwickeln sich die Familiennamen unterschiedlich. Bereits im 11. Jahrhundert kamen die adligen Doppelnamen auf, die die Herkunft angaben. Mit Ausnahme der Welfen, die ihre Familiengeschichte bis in die Karolingerzeit zurückführen konnten, trugen alle deutschen Adelshäuser des Hochmittelalters Familiennamen, die von Ortsnamen abgeleitet sind.13

Den Auftakt gab also der Adel. Später folgten die Ministerialen, die Patrizier und das Kleinbürgertum. An letzter Stelle steht die Landbevölkerung. Das ist der schichtenspezifische Verlauf, jedoch vollzog sich die Entwicklung auch hier zu unterschiedlichen Zeitpunkten. So tragen die meisten Bauern im Umkreis von Basel bereits Ende des 13. Jahrhunderts zwei Namen, andere Gegenden fügen sich erst sehr spät dem gültigen Brauch.14 Abgesehen von einigen Außnahmen war um 1600 die Zweinamigkeit weitgehend durchgesetzt. Von fester Familiennamenführung kann allerdings nicht gesprochen werden, denn ein ererbter Name konnte ohne weiteres zugunsten eines anderen aufgegeben werden, da ja der Vorname immer noch der Hauptname war. Bauern wechselten ihren Namen bei Bewirtschaftung eines neuen Hofes, ebenso konnte ein neuer Beruf Anlaß für einen Namenwechsel sein.15 Seit dem 17. Jahrhundert ,,greifen die Behörden mit entsprechenden Verordnungen(1677 in Bayern, 1776 in Österreich, 1794 in Preußen) gegen willkürlichen FN-Wechsel ein. Feste FN werden in Friesland durch ein Dekret Napoleons (1811) eingeführt; der jüdischen Bevölkerung wird 1787 in Österreich, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland die FN-Führung gesetzlich auferlegt...".16 Letztendlich wird 1874 mit Einführung der Standesämter die Entwicklung der Familiennamen abgeschlossen und sogar deren Schreibung verbindlich festgelegt.

3.3. Sozioonomastische Aspekte

Es gab bereits einige Versuche, bestimmte Namen oder Namenbestandteile als typisch für jeweilige soziale Schichten zu kategorisieren. Allerdings waren die bisherigen Ergebnisse nicht allzu aussagekräftig. Kunze(1999) vergleicht die Bei- und Familiennamen von 1465 Angeklagten und 969 Klägern bis zum Jahre 1402. Die Angeklagten werden meist verkörpert durch Knechte oder Hörige, sie zählen also zu der besitzlosen Schicht. Die Kläger hingegen zählen hauptsächlich zum ständischen Patriziat. Das Ergebnis des Vergleichs war kaum verwunderlich, denn die sozial schlechter gestellte Schicht trägt eindeutig mehr Übernamen (s. 4.5.). Im Gegensatz dazu bestehen die Namen der Kläger größtenteils aus Berufsnamen (s. 4.4.). Patronymika sind vor allem bei der Landbevölkerung sehr beliebt. Jedoch muss vor Generalisierung erheblich gewarnt werden.

4. Herkunft und Bildung der Familiennamen

4.1. Familiennamen aus Rufnamen

Die deutschen Familiennamen sind oftmals ein Spiegel der altdeutschen Namengebung, denn viele Rufnamen aus früherer Zeit sind noch heute in unseren Familiennamen lebendig. Bei aus Rufnamen entstandenen Familiennamen gilt die Beziehung des ersten Namenträgers zu einem anderen Menschen als Quelle der Vererbung. Dabei handelt es sich stets um verwandschaftliche Beziehungen. Die größte Gruppe bilden in diesem Zusammenhang die Patronyme, d.h. vom Rufnamen des Vaters abgeleitete Familiennamen. Seltener handelt es sich um den Rufnamen der Mutter(Metronym), der weitergegeben worden ist. Metronymische Beinamen wurden ursprünglich dann vergeben, wenn die Ahnfrau die sozial höhere Stellung besaß oder sie beruhen auf der größeren Bekanntheit der Mutter in der jeweiligen Gemeinschaft. Eine Quelle aus dem 16. Jahrhundert beweist: ,,Manche verzichten auf den Zunamen ihres Vaters, weil er geringer Herkunft ist, und nennen sich mit dem Geschlechtsnamen ihrer Mutter oder Ehefrau"17. Bei guter Quellenlage lässt sich die Entstehung eines Familiennamens ausgezeichnet verfolgen. Beispielsweise entlarvt eine Urkunde aus dem Jahre 1266 Chunradus Gumperti filius als Sohn des Regensburger Bürgers Gumperti monetarii. 1287 erscheint er als Chunradus Comperti und 1300 schließlich als Chunrat Gumpreht. Der Rufname des Vaters lebt also im Bei- oder Familiennamen des Sohnes fort. Anfänglich wurde häufig ein filius oder sun benutzt18, doch bald verzichtete man darauf und fügte den Namen des Vaters einfach im Nominativ an. Daneben begegnet gelegentlich as Wort - kint, es hat jedoch für die Bildung der Familiennamen nur geringe Bedeutung. Durch die verschiedenen Bildungsweisen aller deutschen Familiennamen entsteht praktisch eine unendliche Namenfülle. Neben den genuinen Formen wie Heinrich, Hartmann oder Friedrich existieren auch Formen mit Genitivmorphem wie Hinrichs, Friedrichs oder Willems. Sie sind hauptsächlich durch Wegfall des Wortes sun entstanden, indem statt Heyno Eberhardes Sohn kurz Heyno Eberhards gesagt wurde. Natürlich sind Formen mit patronymischem Suffix wie Petersen, Berendzen oder Heinricher weiterhin vorhanden. Der Zusatz -sun oder -sohn tritt hierbei in geschwächter oder veränderter Form auf, das Suffix -er in Heinricher hat dabei die gleiche Bedeutung wie -sen in Petersen, nämlich ,,Sohn des...". Darüber hinaus erscheinen Formen mit hypokoristischen Suffix wie Wilke oder Heinle. Oftmals wurden diese Namen schon in alter Zeit als Koseformen benutzt und somit über Generationen weitergegeben. Zudem gibt es Suffixe, die in allen Namengruppen verstärkt auftreten. Die Endung -mann wurde schon immer zur Bezeichnung von Menschen gebraucht. Sie begegnet uns in patronymischen Namen wie Mannesmann(Hermann), Ullmann (Ulrich) oder Karlmann (Karl). Auch in der Gegenwart ist sie noch lebendig, so sagt man heutzutage z.B. Blödmann. Ein insgesamt weit verbreitetes Ableitungssuffix für Familiennamen ist auch die Endung -ing in Namen wie Everding oder Lessing. Sie kommt ebenfalls in allen Namengruppen vor und bedeutet ursprünglich ,,zugehörig zu...". In anderen Sprachen, besonders im Englischen, sind patronymische Präfixe besonders beliebt.19 Die Bildungsmöglichkeiten der deutschen FN sind allerdings so mannigfach, dass eine komplette morphologische Darstellung den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

4.2. Familiennamen nach der Herkunft

Es wurde bereits erwähnt, dass die Ausbildung des deutschen Städtewesens erheblich zur Entwicklung der Familiennamen beigetragen hat. Die Folge dieser spätmittelalterlichen Verstädterung waren starke Umsiedlungsaktivitäten vom Lande in die Neuerungsgebiete. Nun war natürlich die Herkunft besonders gut geeignet, um zugezogene Personen zur besseren Unterscheidung zu kennzeichnen. Dabei konnte der Namenträger entweder nach seinem Heimatort (Harsdörfer), seiner Volks- oder Stammeszugehörigkeit (Unger) oder nach dem Gebiet, aus dem er stammte (Allgaier), benannt sein. Allerdings ist es falsch zu glauben, dass der Träger eines Herkunftsnamens auch tatsächlich aus diesem Ort oder Gebiet stammen müsse. In den meisten Fällen wird das wohl richtig sein, aber ein Herkunftsname kann auch nur eine mehr oder weniger persönliche Beziehung des Namenträgers zu einem Ort oder Gebiet zum Ausdruck bringen. So erhielt ein Kaufmann, der in Brabant lediglich seine Geschäfte erledigte, den Namen Brabender, oder jemand, der gerne nach Rom pilgerte, wurde Römer genannt. Hier spielen also ganz andere Namengebungsmotive eine Rolle. Aus diesem Grund ist besonders der sprachliche Sinn von Herkunftsnamen nicht immer klar ersichtlich. Für dessen Erklärung bieten sich nicht selten mehrere Möglichkeiten. ,,Wir reden hier (mit Andresen) von Konkurrenzen oder (mit Th. Matthias) von Deutungskreuzungen."20 Ist der Familienname Schott auf die Herkunft aus Schottland bezogen, oder wird er von den Nachkommen eines Mannes geführt, der von Beruf Hausierer war?

Lebte ein Georg Berner einige Zeit in Bern, Berne oder Borna? Oder war er bloß der Sohn des Bernher ? Oder aber ist der Familienname auf mhd. born(Quelle) zurückzuführen und demnach als ,,der an der Quelle" zu verstehen?

Andere Namen dagegen sind in ihrer Bedeutung unverkennbar wie beispielsweise van Beethoven (aus Betuwe) oder Böhme (der Böhme). Die mittelalterlichen Herkunftsnamen waren häufig mit Präpositionen verbunden. Die Anknüpfung geschieht in den meisten Fällen mit ,,von und zu".21 Erst im 17. Jahrhundert wird dies zum allgemeinen Kennzeichen der Adelsnamen, während im Mittelalter auch gewöhnliche Bürger und Bauern solche präpositionale Namen trugen. Charakteristisch für Familiennamen nach der Herkunft ist die Adjektivendung -isch. Sie tritt in dieser Namengruppe an häufigsten auf und ist in Namen wie Preusch (preußisch), Rheinsch (rheinisch) oder Bönsch (Bonn) enthalten. Ebenfalls häufig vertreten ist das allgemein gebräuchliche Suffix -ing. Es bildet die Endung bei Namen wie Steding (Stade), Döring (Thüringen) oder Schlesinger (Schlesien). Natürlich finden sich auch in dieser Namengruppe Bildungen mit dem Suffix -mann. Beispiele dafür sind Harzmann oder Westermann, gemeint ist die westliche Himmelsrichtung. In Oberdeutschland ist vor allem die Endung -er in Mengen vorhanden (Bremer,Ulmer,Eschenröder). Einerseits wurde sie relativ unmotiviert zur Ableitung von Familiennamen verwendet, andererseits besitzt sie oft patronymische Bedeutung.

4.3. Wohnstättennamen

Den Herkunftsnamen nah verwandt sind die Wohnstättennamen. Deshalb sind sie auch oft nur schwer voneinander zu trennen. Ein Herman Althaus kann diesen Namen erhalten haben, weil er aus dem Ort Althaus stammte, oder vielleicht weil er in einem alten Haus gewohnt hat. In den meisten Fällen wird man sich sich sicher sein können, denn nur selten lässt sich eine Familiengeschichte bis in die mittelalterliche Zeit zurückverfolgen. Die Wohnstätte war damals wohl die einfachste Art, um ansässige und einheimische Personen näher zu kennzeichnen. Doch auch die bestimmte Lage der Wohnstätte, z.B. das Wohnen in der Nähe einer Brücke (ruckner), war gelegentlich das Motiv zur Namengebung. Familiennamen nach der Wohnstätte haben sich im 14. Jahrhundert vor allem auf dem Lande stark entwickelt, während in den Städten die sogenannten Häusernamen (Heinz ze dem Adelar) bereits im 12.

Jahrhundert gebraucht wurden. Neben den präpositionalen Wohnstättennamen wie Aufmbroich, Aufmbrink oder Abderhalden erscheinen ebenso Namen auf -mann (Bergmann, Möhlmann, Brinkmann) und -ing (Büsching, Höfing). Des weiteren sind Formen auf Endung -er (Wieser, Hofer, Dorer) und mit Diminutivsuffix (Hölderlin) häufig zu finden.

4.4. Familiennamen aus Berufs-, Amts- und Standesbezeichnungen

Die Familiennamen, die Beruf und Stand bezeichnen, sind heutzutage ein Spiegel der mittelalterlichen Arbeitswelt. Viele Berufe, die schon längst nicht mehr ausgeübt werden, sind in unseren Namen weiterhin existent (Plattner, Armbruster). Vor allem das mittelalterliche Gedeihen des Handwerks ist für die große Anzahl unterschiedlicher Familiennamen aus Berufsbezeichnungen verantwortlich (Schmidt, Fischer, Schneider, Müller etc.). Dabei muss man bedenken, dass dasselbe Handwerk in den einzelnen Gebieten Deutschlands mit ganz verschiedenen Namen bezeichnet wurde. So gibt es neben der Bezeichnung Metzger auch noch den Fleischer, Knochenhauer, Fleischhacker, Selcher und den Küter. Andere Familiennamen stammen aus dem mittelalterlichen Lehenswesen. Den Verwalter des herrschaftlichen Haupthofes nannte man Meier, während der Bewirtschafter eines Lehengutes den Namen Lehmann erhielt. Ebenso konnten juristische Berufsbezeichnungen wie Richter oder Schulthei ß zu Familiennamen werden. Aber der Beruf eines Mannes konnte in seinem Namen auch ausgedrückt werden, indem der Namengeber z.B. das Arbeitswerkzeug oder Arbeitsmaterial hervorhob, und so entstanden die ,,mittelbaren Berufsnamen". Natürlich lassen sich Namen wie Kalbfleisch oder Holzschuh auch anders erklären. Kalbfleisch konnte auch einen Mann bezeichnen, der gern Kalbfleisch aß, Holzschuh einen Mann, der durch seine Holzschuhe in irgendeiner Weise auffiel. An dieser Stelle werden die Konkurrenzen erneut sichtbar.

Die Bildungsweisen dieser Namengruppe unterscheiden sich nicht wesentlich von denen der bereits genannten Gattungen. Das Suffix -mann erscheint in Berufsnamen wie Kaufmann, Salzmann oder Fuhrmann. Die Endung -ing in Namen wie Möllering oder Beckering ist ebenso vorhanden wie das Diminutivsuffix in Namen wie Köchly oder Schmidtgen.

4.5. Familiennamen aus Übernamen

Namen wie Schön, Lang, Holzapfel oder Neidnagel werden unter dem Begriff ,,Übernamen" zusammengefasst. Darunter versteht man im weitesten Sinne alle Beinamen, die aus körperlichen, geistigen oder charakterlichen Merkmalen eines Menschen gewonnen sind. Auch Ereignisse aus dem Lebenslauf können dabei eine Rolle spielen. Ebenso kann eine metaphorische21 oder gar metonymische22 Benennung einem Übernamen zugrunde liegen. Die Motive zur Vergabe eines Übernamens sind außerordentlich vielfältig, dem Namengeber steht nahezu der gesamte appellativische Wortschatz zur Verfügung.

Demnach sind auch im Bereich der Übernamen die Deutungskreuzungen am gewichtigsten. Trug Hainrich Fuchs seinen Namen, weil er ein schlauer Mensch war? Oder wurde er so genannt, weil er etwa rote Haare hatte? Übte er vielleicht das Kürschnerhandwerk aus? Oder war Fuchs sein Name, weil er sich gerne an der Jagd erfreute? Man sieht, es gibt viele Möglichkeiten. Bei Namen wie Schön und Klein muss sogar noch die etwaige spöttische Absicht des Namengebers berücksichtigt werden. Aus all diesen Gründen sind kuriose Beinamen wie 1434 Heinrich Morgensweiz oder 1504 Michel Halbgewachsen nicht verwunderlich. In die Gruppe der Übernamen sind auch diese Namen zu rechnen, die aus Sätzen zusammengerückt sind, die sogenannten ,,Satznamen". Die ältesten Satznamen finden sich bereits vor 1150 in Köln (Brechseif). Eine bekannte geschichtliche Persönlichkeit mit Satznamen ist vielleicht der Seeräuber Klaus Störtebeker (,,leere/stürze den Becher"). Die Palette reicht von Bleibtreu über Frischauf, Gottseibeiuns, Habedank bis hin zu Zuckschwert, die Möglichkeiten scheinen grenzenlos zu sein.

Auch innerhalb der Übernamen finden die bekannten Suffixe -mann und - ing Verwendung (Mümmelmann, Biedermann, Schmeling, Böcking). Gleichfalls sind genitivische Namen wie Kegels, Langen oder Fetten vorhanden. Auch von dem gewohnten Diminutivsuffix (Böcklin) wurde bei der Übernamengebung gerne Gebrauch gemacht.

5. Das Bild der Familiennamen in der Gegenwart

Aus all den genannten Gründen ist es nicht verwunderlich, dass die aktuelle Zahl unterschiedlicher Familiennamen in Deutschland auf weit über 900000 geschätzt wird. Allerdings handelt es sich dabei nicht nur um genuin deutsche Familiennamen, sondern auch um Familiennamen anderer Herkunft. Die zunehmende Internationalisierung öffnet natürlich umso mehr die Schranken für amerikanische, slawische und andere Einflüsse. Der wesentlichste Unterschied zwischen dem gegenwärtigen Namensystem und dem früherer Jahrhunderte besteht darin, dass der Familienname eigentlicher Hauptname ist, nicht wie im Mittelalter der Vor- oder Rufname. Heute führt ein Thomas Meier seinen Vornamen nur, um sich von anderen Meiern zu unterscheiden.

Im globalen Vergleich bewegen sich die deutschen Familiennamen der Zahl nach eher in den oberen Rängen. In Italien gibt es beispielsweise nur ungefähr 130000 Familiennamen. Die Anzahl französischer Familiennamen wird etwa auf 800000 geschätzt. Die USA kommen sogar auf die beachtliche Zahl von zwei Millionen Familiennamen. Einen krassen Gegensatz dazu stellen die chinesischen Familiennamen dar, denn über eine Milliarde Chinesen teilen sich nur zirka 3600 verschiedene Familiennamen. Somit ist es kein Wunder, dass der chinesische Familienname Li (Lee, Lie) mit derzeit über 90 Millionen Trägern zum gebräuchlichsten Familiennamen der Welt geworden ist.

6. Die quantitative und qualitative Verteilung der Familiennamen im Saarland

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die erste Spalte der obenstehenden Tabelle zeigt die zehn häufigsten Familiennamen in Deutschland für das Jahr 1995. Die in Klammern stehenden Prozentangaben beziehen sich auf die ungefähr 28 Millionen erfassten Einträge. Es ist nicht zu übersehen, dass die ersten zehn Ranglistenplätze ausschließlich von Familiennamen aus der Gruppe der Berufsnamen eingenommen werden. Erst auf Platz 15(Klein und 17(Wolf) erscheinen Übernamen. Allerdings überwiegen bis einschließlich Platz 35(Maier) die Namen nach Beruf, Amts- und Standesbezeichnung. Als zweitstärkste Gruppe folgen Übernamen nach Körpergröße und Haarfarbe. Außerdem spiegelt die Tabelle die Häufigkeit der Anfangsbuchstaben deutscher Familiennamen wider, drei von zehn beginnen mit ,,S". Auch schon im Jahre 1970 trugen über 15 % der deutschen Bürger einen Nachnamen, der mit ,,S" anfing.

Nun lautet die Frage: Lässt sich diese Namenstruktur im Saarland ebenfalls erkennen? Grundsätzlich kann die diese Frage bejaht werden, jedoch gibt es auch einige Besonderheiten. In Spalte zwei und drei der Tabelle sind die zehn häufigsten Familiennamen für die Städte Saarbrücken und Saarlouis aufgelistet. Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf alle im Telefonbuch des jeweiligen Ortes eingetragenen Nachnamen. Man wird hier in der Regel von der Einwohnerzahl24 ausgehen können. Auch im Saarland steht Müller an erster Stelle. Scheinbar war dieses Berufsfeld eines der ausgeprägtesten. Auffallend ist, dass der Übername Klein sowohl in Saarbrücken als auch in Saarlouis besonders häufig vertreten ist. In die Saarlouiser Rangliste hat sich durch die Nähe zu Frankreich auch ein aus dem Französischen stammender Name eingeschlichen (9. Fontaine). Darüber hinaus enthält sie als einzige ein

Patronym (Theobald). Ein weiteres Merkmal des saarländischen Namenschatzes ist das häufige Auftreten des Namens Schmitt. In Gesamtdeutschland wird in der Regel die Schreibung ,,dt" bevorzugt. Die Schreibung ,,tt" hat sich wohl in diesem Gebiet besonders erfolgreich durchgesetzt. In Saarlouis erscheint Schmitt sogar noch einige Plätze vor Schmidt. Ebenfalls ungewöhnlich ist die Häufigkeit des Namens Rupp, ein eigentlich prußischer Name, der auch im Nordosten Deutschlands sehr beliebt ist. Schließlich lässt sich, abgesehen von ein paar regionalen Besonderheiten, auch für das Saarland die gewohnte Namenverteilung feststellen. Die meisten Familiennamen stammen aus der Gruppe der Berufsnamen.

7. Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

8. Literaturverzeichnis

1) Bach, A.(1952/53): Deutsche Namenkunde. Bd. 1-2: Die deutschen Personennamen. Heidelberg

2) Bauer, G.(1985): Namenkunde des Deutschen. Langs Germanistische Lehrbuchsammlung; Bd. 21. Bern u.a.

3) Bumke, J.(1997): Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. München

4) Debus, F./Seibicke, W.(1989): Reader zur Namenkunde II: Anthroponymie. Hildesheim u.a.

5) Fleischer, W.(1968): Die deutschen Personennamen. Geschichte, Bildung und Bedeutung. Berlin

6) Gottschald, M.(1954): Deutsche Namenkunde. Berlin

7) Kohlheim, R.(1985): Die Beinamenführung bei Frauen im spätmittelalterlichen Regensburg. In: Blätter für oberdeutsche Namenforschung 22, S. 45-68

8) König, W.(1996): dtv-Atlas zur deutschen Sprache. München

9) Koß, G.(1990): Namenforschung. Eine Einführung in die Onomastik. Tübingen

10) Kunze, K.(1999): dtv-Atlas Namenkunde. München

11) Lexikon der Germanistischen Linguistik. Hrsg. von H.P. Althaus, H. Henne, H.E. Wiegand; Studienausgabe I. Tübingen, 1980

12) Linnartz, K.(1958): Unsere Familiennamen. I: Zehntausend Berufsnamen im Abc erklärt. Bonn

13) Namenforschung: Ein internationales Handbuch zur Onomastik. Hrsg. von E. Eichler et al. = Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft; Bd. 11 (in 2 Teilbänden). Berlin/ New York, 1995/96

14) Naumann, H.(1994): Das große Buch der Familiennamen; Alter, Herkunft, Bedeutung. Niedernhausen

15) Nölle-Hornkamp, I.(1992): Mittelalterliches Handwerk im Spiegel oberdeutscher Personennamen. Fankfurt/ Berlin

16) Saarland Telefonbuch: Erstellt nach den offiziellen und aktuellen Daten der Telekom AG. Saarbrücken: TeleMedia, 1999

17) Schwarz, E.(1949): Deutsche Namenforschung, Bd. I. Göttingen 18) Seutter, K.(1996): Eigennamen und Recht. Tübingen

19) Willems, K.(1996): Eigenname und Bedeutung. Ein Beitrag zur Theorie des nomen proprium. Heidelberg

20) Witkowski, T.(1964): Grundbegriffe der Namenkunde. Berlin

[...]


1 Debus(1980): Onomastik. In: Lexikon der Germanistischen Linguistik. Hrsg. von H.P. Althaus, H. Henne, H.E. Wiegand. Tübingen: Niemeyer, S. 196

2 ebd.

3 überindividueller + individueller Namenteil (Féher János)

4 tschech. (Pavel Holub vs. Jana Holubová)

5 russ. (Ivan Ivanovic Orlov)

6 Patronym: vom Rufnamen des Vaters abgeleiteter Name(Petersen = Peters Sohn) isl. (Bjarni Gunnarsson vs. Rannveig Gunnarsdottir)

7 die Nachkommen des Ehepaars Juan Garcia Pérez + Carmen Lopez Sanchez heißen (José/Ana) Garcia Lopez

8 Köln, die damals größte deutsche Stadt, hatte um 1200 höchstens 15000 Einwohner

9 Gottschald(1954): Deutsche Namenkunde. Berlin: de Gruyter, S. 73

10 Kunze(1999): dtv-Atlas Namenkunde. München: dtv, S. 61

11 Gottschald(1954): Deutsche Namenkunde. Berlin: de Gruyter, S. 78

Bsp.: Heinrich ane czunamen, Breslau 1361; Peter anczunamyn, Breslau 1391

12 z.B. Giselher Schenke anstatt Giselher genant Schenke; Hennich Kotzhusen anstatt Hennich von Kotzhusen

13 z.B. die Staufer, Wittelsbacher oder Habsburger

14 In Ostfriesland tragen die Bauern erst seit dem 19. Jahrhundert Familiennamen

15 In Dresden ist die gleiche Person 1525 als Georg Seydensticker und 1531 als Georg Czolner(Zöllner) bezeugt

16 Namenforschung: ein internationales Handbuch zur Onomastik. Hrsg. von E. Eichler et al. = Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft, Berlin, New York, 1995/96, S. 1283

17 Kunze(1999): dtv-Atlas Namenkunde. München: dtv, S. 77 z.B. Jüttner(Jutta), Metzener (Mechthild)

18 z.B. 1256 Heinricus filius Arnoldi = Heinricus, der Sohn des Arnoldi 1263 Lembelin des Howemessers sun = Lembelin, der Sohn des Howemesser

19 z.B. Fitzgerald, MacDonald, O´Brien

20 Bach(1952/53): Deutsche Namenkunde, Bd. 1-2: Die deutschen Personennamen. Heidelberg, S. 235

21 z.B. der FN Sperling für einen kleinen, flinken Menschen; der FN Storm für einen aufbrausenden Menschen

22 z.B. der FN Sonntag (,,der am Sonntag geboren ist"); der FN Herzog (,,der im Dienst des Herzogs steht")

23 Kunze(1999): dtv-Atlas Namenkunde. München: dtv, S. 198

24 Saarbrücken 1999: 186800 Einwohner; Saarlouis 1999: 38500 Einwohner

Details

Seiten
17
Jahr
2000
Dateigröße
385 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v97808
Note
Schlagworte
Entstehung Entwicklung Familiennamen Deutschland Gegenwart

Autor

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Titel: Die Entstehung und geschichtliche Entwicklung der Familiennamen in Deutschland bis in die Gegenwart