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Das einheitliche Schulsystem der DDR

Seminararbeit 2000 23 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichte der DDR
2.1 Gründung der DDR
2.2 Geschichte der Pädagogik in der DDR

3. Schulsystem in der DDR
3.1 Polytechnische Bildung und sozialistische Schulreform
3.2 Das sozialistische Schulsystems
3.2.1 Abschluss- und Reifeprüfung
3.3 Schule und Berufswahl

4 Schule im Vereinigungsprozess
4.1 Die Schule nach der Wende
4.2 Schulstrukturen im Vergleich

5. Entwicklungstendenzen und Perspektiven
5.1 Die europäische Dimension
5.2 Länderübergreifende Problemfelder in Europa

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Immer wieder werde ich von meinen Nachhilfeschülerinnen (14 und 15 Jahre) gefragt, ob sich das Bildungssystem der DDR stark von dem der BRD unterschied und welche Besonderheiten im sozialistischen Schulsystem existierten. Ich selbst ging 5 Jahre in der DDR zur Schule, habe die sozialistische Erziehung und Pionierorganisation erlebt. Es ist schon eine lange Zeit her und ich war damals noch ein Kind - Schülerin der 5. Klasse, als es hieß, wir dürfen nach Westberlin fahren- zu jung um das Bildungssystem der DDR selbständig zu erforschen. Heute bin ich Studentin der Potsdamer Universität und studiere Pädagogik - reif genug um nun das Schulsystem der DDR näher zu betrachten.

In meiner Darstellung des Schulsystems der DDR gehe ich zunächst einmal kurz auf die Geschichte der DDR unter Berücksichtigung der Ausgangssituation und Schulreform von 1946 ein. Folglich erläutere ich die Geschichte der Pädagogik in der DDR, anschließend das Schulsystem, unter besonderer Beachtung des polytechnischen Unterrichts und dem einheitlichen sozialistischen Bildungssystem, im Zusammenhang damit komme ich auch die Abschluss- und Reifeprüfung zurück - wobei ich darauffolgend auf die Berufswahl eingehe. Im darauffolgenden 4. Kapitel gehe ich auf den Vereinigungsprozess der sozialistischen Schulen der DDR mit den Schulen der BRD ein. Außerdem vergleiche ich das sozialistische Schulsystem der DDR mit dem förderalistischen Bildungswesen der BRD. Im Ausgang meiner Arbeit fasse ich Entwicklungstendenzen und Perspektiven zusammen, die sich auf das Schulsystem der BRD nach der Wende 1990 beziehen.

2. Geschichte der DDR

2.1 Gründung der DDR

Die Deutsche Demokratische Republik wurde am 07.10.1949 gegründet. Der Marxismus- Leninismus war die herrschende Ideologie auf dem Gebiet der Kultur und Wissenschaft, verbunden mit Unterdrückung und Verfolgung Andersdenkender. Die DDR wurde in den sowjetischen Hegemonialverband der ,,sozialistischen Staatengemeinschaft" eingegliedert, durch die Mitgliedschaft im Warschauer Pakt (ab 1955) und im RGW (ab 1959) sowie durch den Truppenstationierungsvertrag mit der UDSSR vom 12.3.1957 und kraft der Breschnew- Doktrin. Die DDR wurde vollkommen wirtschaftlich und geographisch von der BRD abgegrenzt, als es am 13.8.1961 zur Errichtung der Berliner Mauer kam, die als Ergänzung zum Sperrgürtel längs der Demokrationslinie zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR diente. Diese Mauer konnte erst nach über 28 Jahren im Zuge der Revolution in der DDR überwunden werden: Am 09.11.1989 öffnete man erste Grenzübergänge. Die Planwirtschaft der DDR ging nun zu einem politischen Pluralismus und in eine soziale Marktwirtschaft über. Am 03.10.1990 trat die DDR der BRD offiziell (politisch, geographisch, wirtschaftlich...) bei. Diese Eingliederung der DDR in die BRD führte auch zu einer Reform des Bildungssystems der DDR.

2.2 Geschichte der Pädagogik in der DDR

Als der 2. Weltkrieg in Europa am 8.Mai 1945 endete, übernahmen die alliierten Besatzungsmächte (USA, England, Russland und Frankreich) die Regierungsgewalt in Deutschland. Somit mussten sie auch die Verantwortung für das Schul- und Hochschulwesen tragen. Durch die Übereinstimmung der Alliierten darüber, dass die nazistischen und militaristischen Lehren völlig entfernt und die Entwicklung der demokratischen Ideen1 ermöglicht werden sollte, kam es zu einer Überwachung des Erziehungswesens in Deutschland. Der Alliierte Kontrollrat hat für die Gestaltung des Bildungswesens im Nachkriegsdeutschland nur eine marginale Rolle gespielt2, die Entwicklungen in den vier Besatzungszonen verliefen somit getrennt. Nach der Niederlage des Nationalsozialismus´ entwickelten die Mitglieder der KPD Vorstellungen und Pläne für die Umgestaltung der Schulen und Universitäten. Diese Pläne richteten sich in erster Linie auf eine ,,Säuberung des gesamten Erziehungs- und Bildungswesens von dem faschistisch-imperialistischen Unrat und Ungeist" sowie eine ,,Umerziehung des deutschen Volkes auf freiheitlicher demokratischer Basis für den Frieden und die Freundschaft mit den anderen Völkern".3 Als wichtiger Faktor der Anfangszeit der Schulentwicklung ist die politische und soziale Umschichtung der Lehrerschaft zu nennen. Es fand eine Entnazifizierung statt. Die Kontrolle über das Schulwesen durch die Kommunistische Partei war das wichtigste Ergebnis in der Frühphase der Schulentwicklung. Die Vorbereitungen für die geplante Schulreform begonnen im Oktober 1945 und endeten im Mai 1946 mit der Verkündung des ,,Gesetzes zur Demokratisierung der deutschen Schule".

Das Einheitsschulgesetz von 1946 beruhte auf einer Stufenkonzeption des gesamten Bildungswesens. Es unterschied 4 Stufen:

1. Vorstufe (Kindergarten)
2. Grundstufe (Grundschule)
3. Oberstufe
4. Hochschule (Universität)

Dieses System der Stufenkonzeption ist im Statistischem Grundriss des einheitlichen Schulsystems der DDR in Kapitel 3.2 veranschaulicht.

3. Schulsystem in der DDR

3.1 Polytechnische Bildung und sozialistische Schulreform

Die Polytechnisierung der Schule, die 1958 ihre Vollendung fand, bildet nach der Schulreform von 1946 einen weiteren wesentlichen Einschnitt in der Schulentwicklung der DDR. Die polytechnische Bildung war Ergebnis des erfolgten Übergangs von der ,,demokratischen" zur ,,sozialistischen" Schule.

Eine wichtige Ursache für das vielseitige Interesse an der polytechnischen Bildung lag darin, dass es sich bei dieser Konzeption um das Kernstück einer marxistischen Theorie der Bildung und Erziehung handelte.

Ein zweiter wichtiger Grund dabei lag in der Annahme, dass man es mit einer theoretisch fundierten und praktisch angewandten Variante einer Erziehung für alle in einem technologischen Zeitalter zu tun hatte, mit einer von politisch-ideologischen Systemgrenzen relativ unabhängigen Form, Schule und Arbeitswelt zu verbinden. Diese beiden Aspekte haben dem in der DDR entwickelten System der polytechnischen Bildung verhältnismäßig große Aufmerksamkeit verschafft. Die Einführung der polytechnischen Bildung kam in der Mitte des 19. Jahrhunderts zum ersten Mal Vorschein. Schon Karl Marx forderte eine polytechnische Erziehung, in der es sich zum einen um eine Vermittlung der ,,allgemeinen wissenschaftlichen Grundsätze aller Produktionsprozesse" (Unterrichtsprogramm) handelt; zum anderen ging es um die praktische Verbindung der Erziehung mit produktiver Arbeit. Polytechnische Bildung und Erziehung waren Mittel zur Steigerung der gesellschaftlichen Produktion und zur Produktion vollseitig entwickelter Menschen.

Der großen Einflussnahme der schulpolitischen Entscheidungen und Entwicklungen in der Sowjetunion ist es zu verdanken, dass die polytechnische Bildung in der DDR realisiert werden konnte.

Dennoch verblieb die polytechnische Bildung bis 1956 eher am Rande der Schulpolitik. Auf der 3. Parteikonferenz der SED Ende März 1956 forderte Walter Ulbricht, dass im 2. Fünfjahrplan (1956-65) der Übergang zum polytechnischen Unterricht erreicht und bis 1965 die zehnklassige Schule obligatorisch sein müsse. Ulbricht schlug vor, den Werkunterricht, der im Schuljahr 1948/49 für mehrere Jahre verschwand, wieder in den Lehrplan aufzunehmen. Gleichzeitig sollte das Praktikum in der Landwirtschaft, der Elektronik und dergleichen in den oberen Klassen eingeführt werden, um dabei bereits verschiedene technische Grundfertigkeiten zu vermitteln.

Die Entschließung des V. Pädagogischen Kongresses zur polytechnischen Bildung enthielt ein umfangreiches Programm, das ein schrittweises Vorgehen verlangte:

1. Einbeziehung polytechnischer Kenntnisse in die Lehrpläne der natur- wissenschaftlichen Fächer, Mathematik und Geographie
2. Einführung des Werkunterrichts vom 1.-8. Schuljahr und poly- technischer Praktika in den 9. und 10. Klassen der Mittelschulen und Oberschulen, daneben jährlicher Betriebspraktika für diese Schüler
3. weitere Entwicklung der verschiedenen technischen Arbeitsgemein- schaften im Rahmen der Pionierorganisation und der Freien Deutschen Jugend (FDJ)
4. Schaffung der materiellen Voraussetzungen (Werkstätten, Schulgärten, polytechnische Ausstellungen und Museen)
5. Weiterbildung der Lehrer
6. Zusammenarbeit mit den Einrichtungen der Berufsausbildung und mit

Patenbetrieben

Dennoch fielen die politischen Entscheidungen für eine konsequente Polytechnisierung des Schulwesens erst am Anfang des Jahres 1958.

Bis zum Jahre 1965 durchlief die Schule der DDR eine Periode sich rasch ablösender

Experimente, die nicht nur außenstehenden Beobachtern ein zum Teil verwirrendes Bild bot, sondern auch von den Beteiligten und Betroffenen selbst als solches wahrgenommen wurde. Die zehnklassige allgemeinbildende polytechnische Oberschule (POS) sollte als staatliche, unentgeltliche, einheitliche Pflichtschule allen Kindern eine hohe Allgemeinbildung vermitteln, ihrer kommunistischen Erziehung dienen und sie durch den Unterricht sowie durch vielfältige außerunterrichtliche Tätigkeiten auf das Leben und die Arbeit und auf alle weiterführenden Bildungswege vorbereiten. Der Begriff ,,Oberschule" steht für die Einheitsschule auf hohem intellektuellen Niveau. Das ergänzende Adjektiv ,,polytechnisch" wird als Verbindung von Theorie und Praxis verstanden. Die zehnjährige Schulpflicht ist seit 1959 schrittweise verwirklicht worden.

Über 90 Prozent aller Schüler erreichten seit 1980 den Abschluss der 10. Klasse4

Der Unterricht erfolgte überall auf der Grundlage einheitlicher Lehrpläne und Stundentafeln. Die Stundentafel der zehnklassigen allgemeinbildenden polytechnischen Oberschulen in der gesamten DDR ist in Abb. 1 veranschaulicht.

Fach Klasse

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. Fremdsprache

Abb. 1 Handbuch DDR, 2. neubearbeitete Auflage, S. 475, Leipzig 1984

1. Halbjahr

[2]2. Halbjahr

Nicht nur, dass die Wochenstunden und Gesamtstunden der Unterrichtsfächer in der gesamten DDR übereinstimmten, auch waren auch die staatlichen Lehrpläne für alle polytechnischen Oberschulen in allen Bezirken und Kreisen in der DDR gleich.

In den einheitlichen Lehrplänen war der grundlegende Bildungsinhalt für einen längeren

Zeitraum festgelegt. Das Ministerium für Volksschulbildung sicherte, dass die Lehrpläne in Gemeinschaftsarbeit von pädagogischen Wissenschaftlern, Lehrern und Wissenschaftlern anderer Betriebe erarbeitet werden. Durch regelmäßige Analysen des Bildungs- und Erziehungsprozesses wird die Erfüllung der Lehrpläne durch die Direktoren und Kreisschulräte kontrolliert. Sie legen ebenfalls regelmäßig Rechenschaft über die Lehrplanerfüllung ab.

3.2 Das sozialistische Schulsystem

5 Oskar Anweiler, Schulpolitik und Schulsystem in der DDR, Leske und Budrich, 1988 Das Ziel des einheitlichen sozialistischen Bildungssystems war es, eine hohe Bildung des gesamten Volkes und die Bildung und Erziehung allseitig und harmonisch entwickelter sozialistischer Persönlichkeiten zu erreichen. Es vermittelte den Menschen eine hohe Spezialbildung und bildete in ihnen zugleich Charakterzüge im Sinne der Grundzüge der sozialistischen Moral heraus. Die grundlegenden Bestandteile des einheitliche sozialistischen Bildungssystems sind:

- Einrichtungen der Vorschulerziehung
- die zehnklassige allgemeinbildende polytechnische Oberschule
- Einrichtungen der Berufsausbildung
- die zur Hochschulreif führenden Bildungseinrichtungen
- die Ingenieur- und Fachschulen
- Universitäten und Hochschulen
- Einrichtungen der Aus- und Weiterbildung der Werktätigen

Ich gehe in diesem Abschnitt nur auf die zehnklassige allgemeinbildende polytechnische Oberschule ein. Die zehnklassige allgemeinbildende polytechnische Oberschule war der grundlegende Schultyp im einheitlichen sozialistischen Bildungssystem. Die Oberschule erzog die Schüler zu bewussten sozialistischen Staatsbürgern, die aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnahmen. Die Oberschule gliederte sich in Unterstufe mit den Klassen 1-3, Mittelstufe mit den Klassen 4-6 und der Oberstufe mit den Klassen 7-10. Fast alle Kinder besuchten die Kinderkrippe und den Kindergarten - gekoppelt mit Vorschulerziehung- . Deshalb hatten alle Kinder in den ersten Klassen einen in etwa gleichen Bildungsstand. Ausnahmefälle bildeten diejenigen Kinder, welche aufgrund ihrer geistigen ,,Unterentwicklung" später oder in Sonderschulen eingeschult wurden. Auf die Sonderschulen und Spezialschulen gehe ich später noch näher ein. In der Unterstufe wurden Grundfertigkeiten im Lesen, Schreiben und Rechnen ausgebildet. Die Schüler erworben erste Kenntnisse und Erkenntnisse über Natur, Arbeit und die sozialistische Gesellschaft. Sie wurden zur Liebe zum sozialistischen Vaterland erzogen. Der Unterricht war eng mit gesellschaftlich- nützlicher Tätigkeit verbunden. Unterrichtsschwerpunkte bildeten die Fächer Deutsch, Mathematik, Werken, Schulgarten, Musik, Kunst und Sport.

Die Schüler der Mittelstufe gewannen nun einen ersten Einblick in die Naturwissenschaften, Gesellschaftswissenschaften und Fremdsprachen (vorwiegend Russischunterricht). Es fand eine erste Anwendung der in der Unterstufe erworbenen Fertigkeiten statt. Die Schüler sind zu befähigen, ihr gesellschaftliches Leben im Klassen- und Schulkollektiv, in den

Arbeitsgemeinschaften und in der Pionierorganisation ,,Ernst Thälmann" in zunehmendem Maße selbst zu gestalten. In der Mittelstufe erfolgte eine Berufsaufklärung, wobei die Schüler die wichtigsten Berufe des jeweiligen Territoriums und der Volkswirtschaft kennenlernten.

In der Oberstufe wurde die Oberschulbildung mit der 10. Klasse abgeschlossen. Die Schüler erworben hier eine Grundlage für praktische Tätigkeit und verantwortungsbewusste Berufsentscheidung. Ihre Fähigkeiten sind so weit auszubilden, dass sie grundlegende Techniken der geistigen Arbeit beherrschen und in der Lage sind, ihr Wissen und Können selbständig zu erweitern und zu festigen. In den 9. und 10. Klassen erhalten die Schüler einen berufsvorbereitenden polytechnischen Unterricht oder eine berufliche Grundausbildung. Besonders intelligente Schüler konnten in der Erweiterten Oberschule eine Hochschulreife (Abitur) nach 2-jährigem Unterricht erlangen. In dieser Zeit wurden die Schüler an das wissenschaftliche Arbeiten und Selbststudium herangeführt und planmäßig auf ein Hochschulstudium vorbereitet.

In der 3-jährigen Berufsausbildung mit Abitur entsprechen die Lehrpläne für die allgemeinbildenden Fächer denen der EOS. Die gleichzeitig erlernten Facharbeiterberufe bilden die praktische Vorbereitung für ein späteres Studium an einer Ingenieurhochschule oder einer TH. Die Schülerzahl, die in die EOS aufgenommen wurde, richtete sich nach dem geplanten Bedarf an Studenten. Durch die Einführung eines ,,Numerus clausus" wurden die Schüler nach Durchschnittsnote ausgewählt und in die EOS aufgenommen. Nur 2 bis 3 Schüler einer Oberschule schafften den Sprung von der zehnten Klasse in die Abiturstufe. Für einen Übergang in die Berufsausbildung mit Abitur gelten die gleichen Bedingungen. Für geistig weniger bemittelte Schüler wurden Sonderschulen gegründet. Das Sonderschulwesen gliedert sich in Hilfsschulen, d.h. Schulen für schulbildungsunfähige Kinder mit einer intellektuellen Schädigung und Sonderschulen für die unterschiedlichen körperlichen Behinderungsarten. Sonderschüler haben in der Regel die Möglichkeit einen Abschluss der 10. Klasse zu machen. Ausnahmen bilden dabei die Schwer-, Mehrfach- und/oder Hirngeschädigten, denen es nicht möglich ist, eben aufgrund dieser starken Behinderung diesen Abschluss zu erreichen. Besonders Begabte können in speziellen Erweiterten Oberschulen das Abitur machen. Die achtklassigen Hilfsschulen bilden den Schwerpunkt des Sonderschulwesens, in denen die Kinder ihrem Grad der Intelligenz entsprechend in 2 Abteilungen unterrichtet werden. In Abteilung 1 werden die Schüler überwiesen, die 1 oder 2 Jahre eine Oberschule erfolglos besucht haben. In Abteilung 2 dagegen werden diejenigen Kinder unterrichtet, bei denen man schon im Kindergartenalter Hilfsschulbedürftigkeit diagnostiziert hat.

Die Hilfsschüler werden - außer in Fremdsprachen - in allen Fächern der allgemeinbildenden polytechnischen Oberschule nach besonderen Lehrplänen unterrichtet. Besonderen Wert wird auf den berufspraktischen Unterricht der Fächer Werken, Schulgarten und Hauswirtschaft gelegt, denn Hilfsschüler sind ebenfalls dazu berechtigt und verpflichtet einen Beruf zu erlernen; diese Fähigkeit selbständig ein Handwerk zu erlernen, wird ihnen in den Sonderschulen schon beigebracht. Absolventen der Abteilung 1 erhalten in der Regel eine zweijährige Teilausbildung in einem Facharbeiterberuf, unterdessen Schüler mit schweren intellektuellen Beeinträchtigungen (Abteilung 2) ein Jahr für eine einfache Tätigkeit geschult werden; das kann zum Beispiel in einer Gärtnerei sein. Für die laufenden Kosten stellt der Staat die erforderlichen Mittel bereit.

In der DDR wurde auch an Spezialschulen und in Spezialklassen unterrichtet. Diese Schulen gab es in einem weniger großem Umfang schon seit Ende der 50-er Jahre. Die Spezialschulen waren selbständige Einheiten, wohingegen die Spezialklassen an Oberschulen, EOS oder auch an Universitäten eingerichtet wurden. So bestanden beispielsweise an je 5 Hochschulen Spezialklassen naturwissenschaftlich-technischer Richtung und für Musik, Tanz und Artistik. Darüber hinaus existierten Spezialklassen für erweiterten Sprachunterricht (insbesondere Russisch) ab Klasse 3, mit verstärktem neu- oder altsprachlichen Unterricht ab Klasse 9, Spezialklassen und Schulen für Mathematik, Naturwissenschaften, Tanz, Artistik und Musik. Aufgabe der Spezialschulen und -klassen sollte es sein, besonders befähigte Schüler von der 7.-12. Klasse so auszubilden, dass sie nach dem Abschluss ihrer Ausbildung sowohl den entsprechenden Betrieben als auch den technisch-wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen als ,,hochqualifizierte Kader" zur Verfügung standen.

3.2.1 Abschluss- und Reifeprüfung

Eine Abschlussprüfung wurde in den 10. Klassen der Oberschulen abgelegt. Die Grundlage für die Prüfung waren die Anforderungen der Lehrpläne. Die Abschlussprüfung bestand aus schriftlicher Prüfung in den Fächern Deutsche Sprache und Literatur, Mathematik, einem der Fächer Physik, Chemie und Biologie und in Russisch; mündlicher Prüfung in mindestens 2 Fächern (nicht mehr als 5). Eine Prüfung aus den Bereichen Deutsche Sprache und Literatur, Geschichte, Staatsbürgerkunde, Geographie, Musik, eine Prüfung in Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Einführung in die sozialistische Produktion oder Astronomie und in Russisch. Schüler der Klassen mit erweitertem Russischunterricht legen die mündliche Reifeprüfung ab. Im Fach Sport werden folgende Disziplinen geprüft: 100-m Lauf, Weit- oder Hochsprung, Kugelstoß oder Weitwurf mit der Keule, 3000 m Lauf (Jungen) und 2000 m Lauf (Mädchen).

Die Reifeprüfung wird in der 11. und 12. Klasse der EOS abgelegt. Die Prüfungsfächer der schriftlichen und mündlichen Prüfung sind identisch denen der Abschlussprüfung der 10. Klassen der polytechnischen Oberschule. Eine Prüfung in Sport wird ebenfalls abgelegt. Ausnahme bilden die Fächer Geschichte und Geographie. Darin werden mündliche Reifeprüfungen in dem Schuljahr durchgeführt, in dem diese Fächer abschließen.. Schüler der Spezialklassen mit verstärktem neu- bzw. altsprachlichem Unterricht werden mindestens in einer Fremdsprache mündlich geprüft.

3.3 Schule und Berufswahl

Der Schule kommen zwei spezifische Funktionen zugute: einmal schließt die allgemeinbildende polytechnische Oberschule aufgrund ihrer umfassenden Aufgabe der sozialistischen Persönlichkeitsentwicklung die Berufswahlvorbereitung als ein wesentliches Element ihrer pädagogischen Arbeit ein; zum anderen ist das Schulsystem als ganzes in die Nachwuchslenkung und damit in die Arbeitskräftepolitik eingebettet.

In der DDR fand in den Schulen Berufsberatung statt. Diese Berufswahlvorbereitung wird als Bestandteil der kommunistischen Bildung und Erziehung und als gesamtgesellschaftliche Aufgabe bezeichnet. ,,Die Berufsberatung hat dazu beigetragen, dass:

- Disproportionen zwischen Berufswünschen der Schüler und objektiv notwendigen Facharbeiternachwuchs ausgeglichen werden
- die Zulassungspläne an Fach- und Hochschulen in geplanten Proportionen erfüllt werden
- das gesellschaftliche Arbeitsvermögen rationell und effektiv eingesetzt werden kann".[6]

Seit 1961/62 wurde die Berufsberatung allmählich zu einem planvollen didaktischen und erzieherischen Element der Schule. Die Einführung des polytechnischen Unterrichts hatte dabei einen erheblichen Einfluss getragen. Die Hauptträger des Berufsberatungssystems sind Betriebe, Schulen (einschl. Hoch- und Fachschulen) und Berufsberatungszentren. Über sie realisiert der sozialistische Staat planmäßig den Hauptbeitrag der Vorbereitung der Jugend auf die Berufswahl. Durch die Berufsberatung wurde 1986 erreicht, dass rund 85 Prozent der Schüler bei ihrer ersten Bewerbung einen Lehrvertrag für den gewünschten Beruf abschlossen.

Trotzdem hat man erkannt, dass die statistische Erfolgsquote allein als Kriterium für eine

gelungene Berufswahlvorbereitung nicht ausreicht - immerhin hieß es auch, dass etwa ein Drittel aller Jugendlichen einen Beruf erlernt, der nicht direkt ihrem Berufwunsch entsprach. (Berufe in der DDR ???)

4. Die Schule im Vereinigungsprozess

4.1 Schule nach der Wende

Auf die enormen Veränderungsprozesse, die auf die Lehrer und Schüler der DDR nach der Wende zukamen, will ich in diesem Kapitel etwas näher eingehen.

Schüler und Lehrer der ehemaligen DDR durchlebten diese Zeit des Umbruchs mit wechselnden Ängsten und Hoffnungen. Ein geregelter Schulbetrieb war in den Schuljahren 1989/90, 1990/91 und 1991/92 kaum möglich, da in jedem Schuljahr gravierende politische Ereignisse und Weichenstellungen neue Herausforderungen für die Schule brachten. Am 09.11.1989 - 10 Wochen nach Schuljahresbeginn - zerbrach mit dem Fall der Berliner Mauer so ziemlich das gesamte politische Wertesystem des DDR-Sozialismus. Das Fach Staatsbürgerkunde wurde abgeschafft, Lehrpläne außer Kraft gesetzt, ohne dass freilich etwas anderes anderen Stelle trat. Es herrschte Verwirrung und Orientierungslosigkeit. Schon Ende des Schuljahres fand die Wirtschafts- und Währungsunion statt, und mit dem Tag der Deutschen Vereinigung am 03.10.1990 kam endgültig das ,,Aus" für die DDR. Schulreformansätze, Übergangslehrpläne mussten den Beitrittsverpflichtungen des Einigungsvertrages weichen. Der Förderalismus und die Kulturhoheit der Länder bestimmten nun den Neuaufbau der Schule, und die neuen Länder gingen in der Bildungs- und Schulpolitik rasch eigene, z.T. unterschiedliche Wege. Fehlende Rahmengesetze, Schulformen, Schulstrukturen, Rahmenpläne für den Unterricht bestimmten Orientierungslosigkeit und Improvisation, vor allem aber auch Unruhe und Unsicherheit die schulische Szene im Schuljahr 1990/91. Erst mit dem Schuljahr 1991/92 begann das Schulleben organisatorisch so, dass die neuen Strukturen, Richtlinien, Schulformen, Bildungsinhalte von Anfang an Grundlage der Schularbeit werden konnten, ohne dass es aber zu einer Weiterbildung bzw. Umschulung der LehrerInnen kam.

Als nächstes stelle ich einen Überblick über die wichtigen Entwicklungen in den Bedingungen und Vorgaben für die allgemeinbildenden Schulen am Berliner Beispiel über 3 Jahre (1989-92) hinweg dar. Die pädagogischen Rahmenbedingungen im Schuljahr 1989/90 sahen wie folgt aus: Es existierte eine Einheitsschule - die polytechnische Oberschule, das Bildungssystem war unter starker politischer Kontrolle zentralistisch geführt. Es kam zu Versuchen, die Einheitsschule zu öffnen und zu reformieren: Grundschule, Differenzierung der Schularten, neue Wege zum Abitur. Reformpädagogische Ansätze wurden wiederentdeckt und in die Neuregelungen mitaufgenommen. Die Schule und die Pionierorganisation wurden getrennt. Die curricularen Bedingungen waren geprägt von einheitlichen Lehrplänen; es existierte noch ein Konzept sozialistischer Allgemeinbildung mit ideologiezentrierten Inhalten; an die Schulen wurde ein hoher Anspruch an Fachunterricht und Wissenschaftlichkeit gestellt. Korrekturen am Bestehenden wurden vorgenommen, d.h. Staatsbürgerkunde und Wehrunterricht fielen weg, die ideologische Ausrichtung wurde abgebaut, Vorbereitungen für neue Lehrpläne wurden vorgenommen, der freie Samstag wurde eingeführt. Im Schuljahr 1990/91 bestanden die pädagogischen Rahmenbedingungen aus Versuchen aus den Reformansätzen der Wendezeit und positiv bewerteten Elementen der DDR-Bildung eine Schulreform einzuleiten.

Es setzte ein Bildungsrat in Berlin ein. Ein Versuch eines Gesamtberliner Schulgesetzes wurde gestartet. Es wurden Schulleitungen und Mitwirkungsgremien gewählt, Schulversuche wurden gestartet, wobei Gesamtschulen bevorzugt waren. Arbeit auf der Grundlage von Übergangslehrplänen bestimmten die curricularen Bedingungen dieses Schuljahres. Das Fach Gesellschaftskunde wurde in den Klassen 7-12 eingeführt, ebenso das Fach Arbeitslehre; ein neuer Geschichtslehrgang entstand, Leistungsklassen wurden eingeführt. Anstelle des Lehrpläne traten nun die Rahmenpläne. Alte Schulbücher wurden durch westdeutsche Verlagsbücher ersetzt. Die Lehrer mussten nun viel mit Medien und Materialien improvisieren. Im Schuljahr 1991/92 kam es zur endgültigen Umstrukturierung des Bildungssystems der DDR und Angleichung dessen an das Bildungssystem der BRD. Die pädagogischen Rahmenbedingungen in diesem Schuljahr bestanden aus der Bildung von Grundschulen, Hauptschulen, Realschulen, Gesamtschulen und Gymnasien. Die Lehrer hatten nun die Aufgabe, die Schüler mit den neuen Schulstrukturen bekannt zu machen. Sie mussten sich für eine Schulart entscheiden bzw. wurden sie an die für sie geeigneten Schulen überwiesen. Dabei gab es jedoch keine formale Gleichstellung der Lehrer: sie wurden nicht mehr einheitlich bezahlt und es gab Unklarheiten über Abschlüsse und Dienstjahre. In der Regel wurden Oberstufenlehrer an Haupt-, Real- und Gesamtschulen und Gymnasien versetzt, Unterstufenlehrer an die Grundschulen verwiesen. Die curricularen Bedingungen waren nun geprägt von der Westberliner Stundentafel, Rahmenplänen; Zensierungs- und Versetzungsbestimmungen u.a. gelten ab dem 1.8. für den Ostteil. Nur für wenige Fächer gab es kurze formale Übergangsregelungen.

Die LehrerInnen in Ostberlin stehen in diesem Schuljahr vor folgender Arbeits- und

Unterrichtsituation:

- über die Entwicklung der neuen Schulform, in der sie nun arbeiten, wissen sie kaum etwas
- Struktur und Inhalte der Rahmenpläne sind neu und liegen ihnen teilweise nicht einmal vor
- neue rechtliche Vorschriften der Berufstätigkeit
- häufiger Schul- oder Ortswechsel, Neuorientierung in einem fremden Kollegium
- teilweise Einsatz in einem anderen noch nicht unterrichteten Fach
- Veränderung tradierter Verkehrsformen in der Schule )zwischen Lehrer/ Schüler,

Schulleitung und Kollegium)

- Unsicherheit über Anerkennung von Studienabschlüssen und bisheriger Berufs- tätigkeit, Statusdifferenzen zu westberliner LehrerInnen

Auch die SchülerInnen befinden sich in einer ähnlich ungeordneten Situation:

- Verlust wohnortnaher Schulen, weitere Schulwege (evt. Verkehrsbenutzung)
- Neuzusammensetzung der Schülerschaften, neue Sozialisationsbedingungen in den Schulformen
- höhere Klassenstärken, Lernen in Leistungsgruppen
- neue Unterrichtsfächer, bekannte Fächer mit veränderten Inhalten
- häufig verunsicherte und nicht immer glaubwürdig erscheinende LehrerInnen

4.2 Schulstrukturen im Vergleich

Durch die bisher geschilderten historischen Ereignisse und Schulstrukturveränderungen in der DDR liegt es nun nahe, das Schulsystem des Ostens mit dem des Schulsystems im Westen Deutschlands vor der Deutschen Vereinigung zu vergleichen. Um Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszufiltern und anschaulicher darzustellen, entscheide ich mich für eine Gegenüberstellung der Schulsysteme in Tabellenform.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dieser Schulstrukturenvergleich macht für mich den Unterschied der beiden deutschen -nicht vereinten Schulsysteme - sehr deutlich, angefangen bei der Erziehung im Kindergarten bis hin zu den Schulsystemen, wo es in der DDR nur ein Einheitsschulsystem gab und in der BRD die Schüler zwischen mehreren Schultypen wählen konnten und die Lehrpläne des Ostens Rahmenpläne des Westens waren u.s.w.

5. Entwicklungstendenzen und Perspektiven

Mit der Übernahme des westdeutschen Schulgesetzes ist die Schulstruktur im Osten neu geordnet. In der ganzen DDR existieren nunmehr folgende allgemeinbildende Schulformen: 6- bzw. 4jährige Grundschule (6-jährige in Berlin und Brandenburg), Hauptschule, Realschule, Gymnasium, Gesamtschule und gymnasiale Oberstufe.

In einer 1991 vom Institut für Schulentwicklung in Dortmund durchgeführten Umfrage in den neuen Bundesländern stimmte 57 Prozent der Befragten dem Satz zu: ,,Die Abkehr von der partei-ideologisch beeinflussten Pädagogik halte ich für richtig. Die äußere Schulstruktur (wohnortnahe allgemeinbildende Oberschule, EOS oder Lehre, Berufsbildung mit Abitur) sollte man ruhig beibehalten."[7]Es ist nicht ganz unproblematisch die Frage zu erörtern, ob es einen anderen und auch besseren Weg zur Umgestaltung des sozialistischen Schulsystems gegeben hätte als die rasche Angleichung, auch wenn diese im Herbst 1990 als notwendig erschien. Die politischen Ereignisse von 1989/90 überschlugen sich förmlich, wobei beide deutschen Gesellschaften unvorbereitet getroffen wurden.

Die Reformierung des sozialistischen Schulsystems wurde administrativ vorgenommen. Er erfolgte nicht mit den ostdeutschen gemeinsam; LehrerInnen, Eltern und SchülerInnen wurden nur zu den Betroffenen der Umgestaltung nicht zu den Beteiligten oder gar Akteuren. Aufgrund des Ausmaßes erforderlicher Veränderungen hätte es zwingend notwendig gemacht, die Erfahrungen, Meinungen, Ängste und Hoffnungen der LehrerInnen besonders ernst zu nehmen, um sie als unverzichtbare Träger einer Reform zu gewinnen. Für die pädagogische Umgestaltung der ostdeutschen Schulen (1990) ist es nun vonnöten, vor Ort und in Zusammenarbeit von LehrerInnen, Eltern und SchülerInnen ein jeweils eigenes, breitgetragenes Schulkonzept zu entwickeln, vorhandene Freiräume im Rahmen der Schulgesetze und Rahmenrichtlinien auszuschöpfen, intensiv den Erfahrungsaustausch mit Kollegen zu suchen und geduldig, aber zügig Schulleben und Unterricht in gemeinsamer

Anstrengung zu reformieren. Das bislang herrschende gewachsene ,,Geflecht" an Gewohnheiten, Regeln, Ritualen und Kontrollen im Schulleben der allgemeinbildenden polytechnischen Oberschulen war überholt, wurde abgelehnt, funktionierte nicht mehr, wo es noch durchgesetzt werden sollte. Im Grunde ist der Prozess der Auseinandersetzung mit der belastenden Lehrerrolle auch 1994 längst nicht abgeschlossen. Vielleicht werden die Rahmenbedingungen für eine ehrliche Auseinandersetzung mit zunehmenden zeitlichen Abstand besser.

Zusammenfassend möchte ich kurz noch einmal auf die Auswirkungen im Schuljahr 1991/92 auf die LehrerInnen/ SchülerInnen und Schule eingehen. Positive Auswirkungen bestanden darin, dass es von da an neue Unterrichtsmethoden gab, es konnte frei unterrichtet werden, wobei die Rahmenpläne individuell umgesetzt werden konnten und es kam zu einer kollegialen Zusammenarbeit im Kollegium. Negative Auswirkungen waren jedoch die Mängel bei der Organisation der Schule, Bürokratie, es fehlten materielle Mittel, soziale Unsicherheit herrschte, es kam zum Randalieren und Zerstören der Schulgebäude, Disziplinlosigkeit herrschte unter den Schülern, es gab schlechte Lernvoraussetzungen, der Lernwille der Schüler fehlte bzw. baute ab, den Lehrern und Schülern wurde quasi alles ,,übergestülpt" - alles aus dem Westen nachmachen und vor allem mangelte es an ideeller Vorbereitung - die LehrerInnen waren noch zu stark unter dem Einfluss der marxistisch- ideologischen Vorstellung einer Erziehung geprägt.

5.1 Die europäische Dimension

10 Jahre nach der Wende ist nun die europäische Perspektive wichtiger. Neben den eigenen, nationalen Aufgaben bei der Weiterentwicklung des Bildungswesens geht es daher auch um die Vernetzung zahlreicher Maßnahmen im Rahmen der europäischen Integration und schließlich müssen auch die globalen, nicht auf Europa beschränkten Herausforderungen an Bildung und Erziehung mit einbezogen werden.

Der Staat Europa ist eine Kulturgemeinschaft, wobei die Bildung eine besondere Rolle spielt. Dabei begegnet man aber einem Paradox: auf der einen Seite soll Bildung als Aneignung ,,abendländischer Kultur" dienen, dies wiederum erweist sich als Hindernis für die Integration. Als Haupthemmschuh für den Vollzug der Integration der europäischen Gesellschaften erweist sich das Berechtigungswesen (systemische Verknüpfung zwischen Bildungs- und Wirtschaftssystem). Das Bindeglied zwischen Wirtschaft und Bildung ist der

Gedanke der notwendigen Mobilität der Arbeitskräfte für die Realisierung des Binnenmarktes.

5.2 Länderübergreifende Problemfelder in Europa

In diesem Abschnitt werde ich auf den Aufsatz ,,Einführung: Bildungssysteme in Europa - Überlegungen zu einer vergleichenden Betrachtung" von Wolfgang Hörner näher eingehen. Dabei geht es um einen bildungspolitischen Vergleich der einzelnen Länder in Europa. Um die Bildungssysteme Europas vergleichen zu können, spricht Hörner in seinem Aufsatz an, dass ein sinnvolles Vergleichskriterium gefunden werden muß, ansonsten lohnt sich ein Vergleich nicht. Im Vordergrund seines Vergleiches steht die idiographische Beschreibung der Einzelsysteme. Er spricht 5 Bezugspunkte an:

1. Erziehungswissenschaft ist nur noch mit Einbeziehung eines internen Bezugs- horizonts vermittelbar
2. Erweiterung des Horizonts auf internationaler Dimension
3. differenzierte Kenntnisse der Situation im Ausland ermöglichen fundierte Mitsprache in bildungspolitischen Diskussionen
4. Kontakt mit pädagogischen Phänomenen des Ausland regen innovative Phantasie an
5. spezifische Bereicherung des Fremdsprachenstudiums im Bereich der jeweiligen

Landeskunde

Der Hauptgegenstand der vergleichenden Erziehungswissenschaft ist die Untersuchung der Gemeinsamkeiten und nationalen oder kulturellen Varianten der externen und internen Systemverknüpfungen. Durch das Denken in systemischen Verknüpfungen wird es möglich, Strukturen und Funktionen im Bildungssystem analytisch klarer zu unterscheiden. Dabei spricht Hörner den Ausdifferenzierungsprozess des mittelalterlichen ,,collegium" ins englische ,,college" und ins französische ,,college" an. In Frankreich entwickelten sich aus den colleges Einrichtungen des Sekundarschulbereichs, die mit dem baccalaureat als Zugangsberechtigung der Uni abschlossen, während in England ein solches Examen der

Hochschulzugangsberechtigung nicht existiert. Das Beispiel zeigt, dass eine Betrachtung des Bildungswesens als Gesamtsystem die Möglichkeit gibt, die unterschiedliche Entwicklung solcher Strukturelemente und ihre unterschiedlichen funktionalen Verknüpfungen zu verfolgen und damit auch die nationalen Besonderheiten zu erklären. Ein wichtiges Thema des Aufsatzes Hörners sind die länderübergreifenden Problemfelder, wobei gerade die Ostblockstaaten, wozu auch die ehemalige DDR gehört, angesprochen werden. In diesen Staaten fand eine Bildungsreform statt, die einerseits die Folge des gesellschaftlichen Umbruchs und andererseits eine Begleitmaßnahme der angestrebten Modernisierung ist.

Das zentrale Problem ist die Differenzierung des Bildungssystems. Da sich meine Arbeit auf das Bildungssystem der DDR bezieht, gehe ich nur auf die postkommunistischen Reformstaaten ein. In Ostdeutschland lässt sich beobachten, dass die Schulstruktur durch Vorgaben des Einigungsvertrags schnell an das westdeutsche angeglichen wurde, wobei es geringe Abweichungen vom westdeutschen Modell gibt (Zweigliedrigkeit bzw. Dreigliedrigkeit der Gesamtschule anstelle der Hauptschule).

Ein wichtiges Problemfeld sind die ,,Umbruchgesellschaften", wozu die ehemaligen ,,Ostblockstaaten" Polen und Rußland zählen. Diese Staaten erlebten eine Bildungsreform, die einerseits eine Folge des gesellschaftlichen Umbruchs und andererseits eine Begleitmaßnahme der angestrebten Modernisierung ist. In den Ostblockstaaten wird die Modernisierung verstanden als Marktorientierung. Dies bedeutet eine Einführung marktwirtschaftlicher Elemente in die Typenstruktur des Bildungssystems. Ein weiteres Problemfeld ist das Verhältnis von Schule und Staat. Dabei spielt die Frage des Privatschulwesens eine wichtige Rolle. Für Polen ist es besonders wichtig, dass die gesellschaftlichen Schulen dem Staat nicht nur Kosten sparen, sondern auch als pädagogische Konkurrenz zur Staatsschule innovatorische Impulse setzen und zur allgemeinen Leistungssteigerung des gesamten Bildungswesens beitragen sollen. Der Staat nimmt den freien gesellschaftlichen Trägern einen wesentlichen Teil der Finanzierung ab, wobei dieses Problemfeld weiterhin bestehen bleiben wird, da die Finanzierung noch nicht als dauerhaft gesichert gelten kann.

Die ethnischen Minderheiten spielen im Zusammenhang der Problemfelder eine weitere zentrale Rolle. In den west- und mitteleuropäischen Staaten treten die Minderheiten verstärkt als Gruppen von Migranten auf. Ein Problem der Migrantenkinder stellt sich vor allem in den Schulen, wo sie auf einen kulturellen Konflikt stoßen. Dabei wird oft die jeweilige Herkunftskultur in Frage gestellt wird. Als Mittel zur Lösung von Minderheitenproblemen stellt Hörner die Regionalisierung des politischen Systems vor.

,,Die Regionalisierung ist als Verlagerung von Entscheidungskompetenzen nach unten Mittel der Gestaltung der äußeren Verfassung des Schulsystems und wird von ihren Befürwortern gewöhnlich als Instrument zur ,,Demokratisierung" im Sinn einer erweiterten Partizipation der Betroffenen verstanden."[8]Dabei eröffnet sich für die Migranten die Möglichkeit im Bildungsbereich mehr Eigenständigkeit und Selbstbestimmung zu verleihen sowie die Möglichkeit einer besseren Abstimmung des Bildungsangebotes auf den regionalen Bedarf. Das Bildungswesen sollte das Bewußtsein wachsender Einheit unter den europäischen Völkern und Ländern und ihrer Beziehungen zueinander auf neuer Grundlage festigen. Das Bildungswesen sollte dazu beitragen, der jungen Generation ihre gemeinsame europäische Identität ins Bewußtsein zu rufen, ohne indessen ihre weltweite Verantwortung oder ihre nationalen, regionalen oder örtlichen Wurzeln aus dem Auge zu verlieren. Junge Menschen sollten begreifen lernen, dass es in vielen Bereichen unseres Lebens um eine europäische Zukunftsperspektive geht und Entscheidungen auf europäischer Ebene nötig sind. Die Jugend sollte dazu angehalten werden, aktiv am Aufbau Europas mitzuwirken

Literaturverzeichnis:

Anweiler et.al: Bildungssysteme in Europa, Beltz Verlag, Weinheim und Basel 1996

Anweiler, Oskar: Schulpolitik und Schulsystem in der DDR, Opladen: Leske und Budrich, Hemsbach, 1988

Riedel, Klaus/ Griwatz, Martin/ Leutert, Hans/ Westphal, Jürgen: Schule im

Vereinigungsprozess, Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main, 1994

Helwig, Gisela Hrsg.: Schule in der DDR, Edition Deutschland Archiv, Köln,1988

Hörner, Wolfgang/ ,,Einführung: Bildungssysteme in Europa- Überlegungen zu einer vergleichenden Betrachtung In: Bildungssysteme in Europa/ Beltz Verlag Weinheim Basel/ 1996

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1 Amtsrat des Kontrollrats in Deutschland, Berlin 1946

2 Bildungspolitik und Bildungsreform, Amtliche Texte und Dokumente zur Bildungspolitik in Deutschland, der Besatzungszonen, der BRD und der DDR, S. 102f, Hrsg. Leonard Froese, München 1969

3 Aktionsprogramm des Blockes der kämpferischen Demokratie, In: Dokumente, Teil I, S. 164, Oktober 1944

4 Handbuch DDR, S. 474, Leipzig 1984

Details

Seiten
23
Jahr
2000
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v97691
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
Schlagworte
Schulsystem

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Titel: Das einheitliche Schulsystem der DDR