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Die Bedeutung der Erzählstruktur in Trainspotting für den Roman

Hausarbeit (Hauptseminar) 1998 42 Seiten

Anglistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Formale Grobstruktur

3. Gattungseinordnung

4. Der Raum
4.1 Handlungsschauplätze
4.1.1 Zusammenfassung
4.2 Musik
4.3 Fernsehen, Filme, Zeitschriften
4.3 Sprache
Tabelle 1: schottische Slangausdrücke
4.4 Drogen, Alkohol, Fußball, Aids u.a.
4.5 Raum als Teil des Wirklichkeitsmodells im Roman

5. Die Zeit
5.1 Zeit und Wirklichkeitsmodell

6. Die Figuren
6.1 Figurenkonzepte
6.2 Figurenrelation
Tabelle 2: Figurenrelationen
6.3 Figurenkonstellation und Wirklichkeitsmodell

7. Die Erzählstruktur
7.1 Die Ich-Erzähler
7.2 Charakterisierung der einzelnen Ich-Erzähler
7.2.1 Renton (Mark Renton)
7.2.2 Begbie (Frank Begbie)
7.2.3 Sick Boy (Simon Williamson)
7.2.4 Spud (Daniel Murphy)
7.2.5 Kelly
7.2.6 Davie Mitchell
7.2.7 Tommy Lawrence
7.2.8 2nd Prize (Rab McLaughlin)
7.3 Personale Erzählsituation

8. Wirkung multiperspektivischen Erzählens

9. Die Handlungsstränge

10. Das Erzählprofil

11. Die Bedeutung der Erzählstruktur – Zusammenfassung

12. Anhang
12.1 Trainspotting: Kapitelübersicht

13. Bibliographie

1. Einleitung

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit der Erzählstruktur des Romans Trainspotting und deren Bedeutung für den Roman. In diesem Zusammenhang sollen die formale Struktur des Romans, die einzelnen Erzähler und Erzählperspektiven sowie das räumlich-zeitliche Gefüge, Figurenrelationen und –konstellationen und die verschiedenen Aspekte des im Roman geschaffenen Wirklichkeitsmodells untersucht werden.

2. Formale Grobstruktur

Zunächst einmal wirkt der formale Aufbau des Romans recht ungewöhnlich. Was auf den ersten Blick wie eine gängige Einteilung in Hauptteile und einzelne Kapitel aussieht, stellt sich alsbald als lose Aneinanderreihung einzelner Episoden dar, die unter verschiedenen Leitmotiven zusammengefaßt worden sind. Der thematische Bezug dieser Leitmotive zu den Kapitelinhalten ist ebenfalls nur in loser Form vorhanden. Bei jenen Kapiteln bzw. Episoden handelt es sich um in sich geschlossene Einheiten mit wechselnden Ich-Erzählern bzw. einer personalen Erzählsituation. Dieser sehr unkonventionelle Aufbau überrascht nicht, wenn man weiß, daß es sich bei einigen der Episoden tatsächlich um Kurzgeschichten handelt, die bereits zwei Jahre vor Erscheinen des Romans in Zeitschriften veröffentlicht worden waren. Erst nachdem diese Kurzgeschichten bei Lesern und Kritikern Anklang fanden, wurden sie von Irvine Welsh zu dem vorliegenden Buch verarbeitet.[1]

Weshalb nun handelt es sich bei dem Werk um einen Roman und nicht um eine Kurzgeschichtensammlung?

Um diese Frage zu klären, müssen wir uns die einzelnen Episoden auf der semantischen Ebene etwas genauer ansehen. Bei allen Episoden handelt es sich um kleine Geschichten, die Momentaufnahmen aus dem Leben der einzelnen Figuren darstellen. Die Figuren wiederum sind durch ein Geflecht sozialer Beziehungen alle miteinander direkt oder indirekt verwoben. Obwohl wir in dieser Fülle von Geschichten mehrere Handlungsstränge, Haupt- und Nebenhandlungen und Haupt- und Nebenschauplätze ausmachen können, so stellen die Erlebnisse der Figuren alle zusammen ein Ganzes dar. Die einzelnen Erlebnisse der Figuren sind immer eingebunden in dieses Ganze. Die Figuren haben alle ähnliche Probleme. Sie erleben etwas zusammen oder reden mit anderen Figuren über ihre Erlebnisse, oder aber Figuren reden über die Erlebnisse, die andere Figuren (angeblich) hatten. Auf formaler Ebene wird diese Kontinuität in den Episoden durch die Serie der „Junk Dilemmas“ verifiziert, die sich – fortlaufend numeriert – wie ein roter Faden durch das Buch ziehen. Dieser rote Faden wird von der Figur getragen, die sich im Laufe des Buches als zentrale Figur herauskristallisiert: Renton. Die Erlebnisse dieser Figur sind Thema des Eingangs- und Schlußkapitels des Buches, womit formal bereits eine Art Klammer oder Rahmen um die einzelnen Episoden geschaffen wurde. Innerhalb dieses Rahmens befindet sich aber keine herkömmliche Handlungsstruktur mit üblicher Spannungskurve. Vielmehr bewegen sich Handlungs- und Spannungskurve durch die ersten Geschichten hindurch auf gleichbleibendem Level. Zum Ende des Romans hin häufen sich jedoch die Episoden, die von Krankheit, Aids und Tod handeln. Das soziale Umfeld und damit das Leben der Figuren beginnt sich aufzulösen. Letztendlich schafft Renton den Absprung von diesem sinkenden Schiff ins Ausland. Der Weg zu diesem Endpunkt des Romans erscheint aber nicht als zielgerichtete, logische Konsequenz vorangegangener Handlungen. Theoretisch hätten sehr viel weniger Episoden zum gleichen Ende führen können – oder auch sehr viel mehr. Da es sich bei den einzelnen Geschichten nur um Momentaufnahmen eines mosaikartigen Gesamtbildes handelt, bleiben Lücken. Insgesamt erscheint die Handlung nicht als dynamisch und zielgerichtet, sondern als ein vor sich hindümpelnder Alltagstrott, der sich gegen Ende totläuft bzw. sich in seinen Strukturen allmählich auflöst.

3. Gattungseinordnung

Die oben genannten Kriterien machen es ein wenig schwierig, den Roman gattungstheoretisch einzuordnen. Nach Edwin Muir wäre Trainspotting der Gattung ‚novel of character‘ zuzuordnen:

„...no figure who exists to precipitate the action to which everything contributes; no end towards which all things move. [] the situations are typical or general, and designed primarily to tell us more about the characters...“[2]

Kayser schlägt eine andere Einteilung vor. Er unterscheidet zwischen Geschehnisroman, Figurenroman und Raumroman. Als Charakterisierung des Typs Raumroman gibt er folgende Kriterien an: Mosaikhafte, additive Episodenstruktur mit einer Fülle von Schauplätzen und Personen.[3] Da diese Merkmale allesamt auf Trainspotting zutreffen, spricht dies für eine Klassifizierung als Raumroman. Allerdings trifft ein weiteres Merkmal, das Kayser für den Raumroman als typisch benennt, nämlich, daß der Held des Romans keine Individualität besitzt, auf Trainspotting nicht zu. Renton ist, wie die Figurenanalyse in einem späteren Kapitel aufzeigen wird, eine komplex angelegte und facettenreiche Figur, die sogar in seiner Funktion als Held aus jeglicher Heldenschablone herausfällt, da es sich tatsächlich bei ihm um einen Antihelden handelt.

Wenn wir also den Ansatz von Edwin Muir nehmen („[...] figures, which never change very much, through changing scenes [...]“[4] ) und Kaysers Elemente der mosaikhaften, additiven und episodenhaften Struktur hinzunehmen, dann haben wir eine Mischklassifizierung, die den Roman in angemessener Weise einordnet.

Wir haben also mit Trainspotting so etwas wie einen Character-Raum-Roman vorliegen. Tatsächlich sind die Figuren und der Raum, in dem die Figuren agieren, die zwei wesentlichen Charakteristika des Romans, hinter denen die Handlung selbst in ihrer Bedeutung zurücktritt, da sie die Geschichte nicht wesentlich vorantreibt. Wie bereits erwähnt, scheinen Figuren und Geschehnisse vielmehr ohne großartige Motivation und Zielrichtung aufeinander einzuwirken.

Betrachten wir nun im folgenden das Raum-Zeit-Gefüge des Romans eingehender.

4. Der Raum

Der Raum einer Geschichte stellt einen Ausschnitt der Welt dar. Innerhalb eines Romans ist er also ein wichtiger Teil des dort konstruierten Wirklichkeitsmodells.[5]

4.1 Handlungsschauplätze

Der Roman spielt im wesentlichen in zwei örtlichen Zentren: Leith, einem Vorort von Edinburgh und London, wobei London lediglich als Nebenschauplatz anzusehen ist. In Leith selbst spielt die Handlung in Pubs, den Wohnungen der Figuren, Parkanlagen, im Pornokino aber auch auf dem Friedhof, in der Kirche und im Krankenhaus. Auch das Gericht und das Sozialamt spielen als Handlungsschauplätze eine Rolle. Teilweise werden die Figuren auch in ihrer Fortbewegung in Bus, Bahn, Taxi oder auf dem Schiff begleitet.

In London wohnen einige Figuren sogar in einem Hotel. Die Ortsangaben sind sehr präzise. Pubs, Stadtteile und Straßen sowohl in Edinburgh als auch in London werden namentlich genannt. Die Liste der von den Figuren aufgesuchten Pubs ist beachtlich: Tommy Younger, Volley, Pub in der Rose Street, Hebridean, Sammy Dow, Lynch, Saracen Head, Barrowland, Pub in der Buchanan Street, Bridges, Deacon’s, Punter’s Pub. Allerdings taucht im Roman nur ein einziges Cafe auf, das von den Figuren besucht wird, nämlich das Cafe Rio.

Leith als Vorort von Edinburgh besitzt als Schauplatz eine besonders starke Bedeutung für den Roman, da dieser Vorort, in dem vorwiegend sozial schwache und traditionell-konservativ denkende Menschen leben, einen starken symbolischen Charakter hat. Leith symbolisiert das Leben von Menschen am Rande der Gesellschaft. Renton beschreibt das Leben und die Leute in Leith so:

Fuck the facts, these trivial things, they petty jealousies become part ay the mythology in a place like Leith, a place fill a nosey cunts who willnae mind their ain business. A place ay dispossessed white trash in a trash country fill ay dispossessed white trash.[6]

Als Handlungsschauplätze für Leith werden dem Leser eine Fülle von Stadtteilen, Straßen und Plätzen genannt: Tollcross, Link Gardens, Montgomery Street, Royal Mile, Bonnyrigg, Rose Street, Buchanan Street, Leith Walk, Forrester Park, Oxgangs, Dalry Road, Easter Road, West Granton, Waverley Station. Außerdem spielt ein Teil der Handlung auch in den Wohnungen der folgenden Figuren: Begbie, Leslie, Renton, Tommy, Gail, Dianne, Simon, Rentons Eltern, Davie Mitchell, Gav Temperley und Johnny Swan.

Handlungsschauplätze in London sind folgende Örtlichkeiten: Hammersmith Broadway, Ridley Road, Stoke Newton High Street, Kingsland Road, Dalston, ein Pub mit Namen Britannia und ein Hotel.

Die präzise Benennung von Ortsangaben sowie die Tatsache, daß zumindest ein Teil der Örtlichkeiten real existieren, erwecken in hohem Maße den Eindruck von Authentizität. Der Leser, der selbst nicht aus Edinburgh oder London stammt, sich also dort nicht auskennt, bekommt den Eindruck vermittelt, durch die Figuren mit den Örtlichkeiten vertraut gemacht zu werden und ein Edinburgh kennenzulernen, wie es Touristen in der Regel nicht zu Gesicht bekommen. Es werden nicht die Sehenswürdigkeiten gezeigt, sondern die Örtlichkeiten, die die Einheimischen aufsuchen. Zusätzlich zum Eindruck der Authentizität wird in Bezug auf die Handlungsschauplätze ein recht privater Rahmen geschaffen, indem die Wohnungen der Figuren als Ort der Handlung fungieren. Meistens halten sich die Figuren ohnehin in geschlossenen Räumen auf, vorzugsweise in Pubs, in denen sie sich, wie in einem zweiten Wohnzimmer, zuhause zu fühlen zu scheinen. Somit stellen auch die Pubs in gewisser Weise einen privaten Rahmen dar, in dem die Hauptfiguren des Romans weitgehend unter sich sind.

Parkanlagen, Kirche, Friedhof, Gericht, Sozialamt und Krankenhaus hingegen stellen Elemente des allgemeinen öffentlichen Lebens dar. An diesen Schauplätzen treffen die Hauptfiguren des Romans Menschen an, die nicht ihrem eigenen sozialen Umfeld entstammen, d.h. Menschen, die in Bezug zu den Hauptfiguren die Außenwelt repräsentieren.

4.1.1 Zusammenfassung

In Anlehnung an H.-W. Ludwigs Tabelle[7] lassen sich die Charakteristika des Raumes in Trainspotting wie folgt zusammenfassen.

Hauptsächlicher Handlungsraum in Trainspotting ist Leith, ein Vorort von Edinburgh, in dem hauptsächlich sozial schwächere Menschen leben und der durchaus als sozialer Brennpunkt betrachtet werden kann.

Insgesamt spielt die Handlung meist in einem gestimmten Raum, der eine private (oder auch feindliche) Atmosphäre schafft. Die Perspektivierung ist privat, den Figuren vertraut (Pubs, Wohnung) oder auch fremd bzw. feindlich (Gerichtssaal). Beschrieben wird der alltägliche Lebensraum der Figuren. Wir finden räumliche Kontrastierungen zwischen privaten Räumen, Schauplätzen und den dazugehörigen Figuren (z.B. Wohnungen der Figuren, Rentons Clique) und öffentlichen Schauplätzen (z.B. Kirche oder Gerichtssaal) und Figuren, die nicht zu Rentons Freundeskreis gehören (Richter, Verwandte aus Glasgow) sowie die Kontrastierung zwischen Peripherie (Leith) und Zentrum (London). Die Tatsache, daß der Haupthandlungsschauplatz ein unbedeutender Vorort von Edinburgh ist, hat zudem symbolische Bedeutung (= Leben am Rande der Gesellschaft), welche durch die ironische Kontrastierung („Trainspotting at Leith Central Station“ = Züge beobachten an einem stillgelegten, toten Bahnhof) noch unterstrichen wird. Was den Illusionsgrad betrifft, so wird eine enorm hoher Grad an Authentizität vermittelt. Gegenstände und Requisiten, wie z.B. Musik, Videofilme, Drogen und Zeitschriften, sind zumeist figurenbezogen und atmosphärebildend. Ihre Bedeutung wird im folgenden noch genauer erläutert.

4.2 Musik

Musik ist im Roman ein wichtiges Element der Raumgestaltung. So unterhalten sich die Figuren im Roman immer wieder über Musik, besuchen Konzerte und singen teilweise auch selbst. Der gesamte Roman scheint mit einer Art Soundtrack[8] versehen zu sein, der die Atmosphäre im Buch entscheidend mitgestaltet. An verschiedenen Stellen im Roman tauchen Auszüge aus Songtexten auf von Musik, die die Figuren gerade hören oder bei der sie sogar mitsingen. Eine Figur (Tommy) opfert sogar seine Beziehung zu seiner Freundin für die Karte für ein Iggy Pop – Konzert. Der Kritiker Chris Savage King schrieb einmal über Welsh:

“Welsh claims he is more influenced by rock writers such as Iggy Pop and Shane MacGowan than by any literary figures. This makes sense. [...] Something of this ease and accessibility has fired Welsh’s work...”[9]

Welsh selbst hat über den Einfluß von Musik, Film und Fernsehen auf seine Arbeit einmal gesagt:

“Iggy Pop was always my man. And the Sex Pistols...I used to write songs about five pages long - like a story... Music, television, magazines and comics have always influenced me more than books...”[10]

4.3 Fernsehen, Filme, Zeitschriften

Ähnlich raumgestaltende Bedeutung wie die Musik, wenn auch in wesentlich schwächerer Ausprägung, haben Videos und Fernsehen. Die Figuren schauen sich Action- und Kampffilme von Van Damme und Chuck Norris an, Pornofilme und die bekannten Fernsehserien Coronation Street, Neighbours und Home and Away. Außerdem lesen sie die Zeitschriften Scottish Football Today und New Music Express. Hin und wieder sind Elemente höherer Bildung eingestreut, wie z.B, Galileo, Baal, Mutter Courage, Kierkegaard, H.P. Lovecraft oder David Attenborough.

4.3 Sprache

Ein sehr wichtiges raumprägendes Element im Roman ist die Sprache. Ein Kritiker schrieb über die Sprache im Buch:

“...Life is tough, but the language what they still call the vernacular is tougher still... street language, minutely rendered, is the only language...”[11]

Das Buch ist durchweg im schottischen Slang geschrieben, d.h. die einzelnen Wörter wurden so geschrieben, wie sie ausgesprochen werden (written to be read as if spoken). Darüber hinaus werden noch eine Vielzahl von Ausdrücken benutzt, die als typisch schottischer Slang anzusehen sind, der nicht automatisch von anderen englischen Muttersprachlern oder Leuten aus anderen gesellschaftlichen Schichten verstanden wird. Die folgende Tabelle soll einige Beispiele anführen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: schottische Slangausdrücke

Wie bei den Handlungsschauplätzen, so wird auch durch die Sprache eine private, intime Atmosphäre geschaffen. Durch den schottischen Slang wird ganz klar eine informelle Kommunikationssituation geschaffen, die durch die Verwendung von Slangausdrücken, die unter Umständen wie Fremdwörter wirken können, noch unterstrichen wird.

Die Clique um Renton hat zudem noch ihren eigenen Code, d.h. es existieren bestimmte Schlüsselwörter, die von allen Mitgliedern dieser Gruppe andauernd verwendet werden und immer wieder (auch gehäuft in Wiederholungen) auftauchen. Zu diesen Ausdrücken zählen fuckin‘, fuck, cunt, likesay, catboy, shitein‘, skag oder auch wee.

Der Autor verwendet keine Anführungsstriche, um Dialoge zu kennzeichnen. Statt dessen werden Bindestriche vorangesetzt, um einen Dialog zu markieren. Das Ende einer Dialogszene wird überhaupt nicht markiert und muß vom Leser selbst erschlossen werden. Weitere Kennzeichen der informellen Sprache sind die vorwiegend elliptischen Satzstrukturen, die unmittelbar figuren- und situationsbezogenen, deiktischen Orts- und Zeitadverbien, die zahlreichen Personalpronomina, Wiederholungen und Rekurrenzen bestimmter Ausdrücke (wie bereits oben erwähnt), Kolloquialisation, Pausen und Unterbrechungen in Sätzen bzw. Satzfolgen mit vorzugsweise parataktischer Struktur.

Bsp .: This gear is pure freaky though, pure Zappaesque man ... that’s the word, Zappaesque .. ah’m thinking aboot Frank Zappa wi Joe’s Garage n yellow snow n Jewish princesses n Catholic girls n ah think that it wid be really great tae huv a woman ... tae love likesay ... no shaggin... but tae love, caus ah sortay feel like lovin everybody, but no sortay wi sex ... jist huvin somebody tae love ... but likesay Rents‘ goat Hazel n Sick Boy ... well, Sick Boy’s goat ton ay burds ... but these catpersons don’t seem any happier than moi ...[12] (p. 154)

Darüber hinaus sprechen sich die meisten Figuren im Text untereinander vorzugsweise mit Spitznamen an. Die Spitznamen drücken zum einen Vertrautheit und Intimität aus, zum anderen wirken sie auch als indirekte Charakterisierung einer Figur. So indiziert der Spitzname „General Franco“ eine Führungsrolle von Begbie, während Rentons Spitzname „Rent Boy“ eher eine gewisse Geringschätzung zum Ausdruck bringt.

Situationen, in denen die Figuren selbst beim ‚richtigen‘ Namen genannt werden oder andere Figuren bei ihrem ‚richtigen‘ Namen nennen, beinhalten entweder eine gewisse gesteigerte Ernsthaftigkeit innerhalb des Cliquenkreises, so daß das permanente Rollenmuster der Figuren durch ein situativ bedingtes Rollenmuster ersetzt wird, oder die Cliquenmitglieder befinden sich komplett in einer anderen sozialen Rollensituation. Renton wird z.B. von seinen Verwandten durchweg Mark genannt.

4.4 Drogen, Alkohol, Fußball, Aids u.a.

Aber die dominierenden raum- und atmosphärebildenden Elemente sind allen voran die Drogen (hauptsächlich Heroin) und Alkohol (Bier). Aids, Todesfälle und Beerdigungen gehören auch mit dazu. Außerdem ist Fußball ein wichtiges Element (dazu gehören auch Hooligans). Man ist entweder ein Fan der Hibs oder der Hearts - genauso wie man entweder katholisch oder evangelisch ist. Religion ist ebenfalls ein wichtiges Element im Leben der Leute in Edinburgh. Desweiteren wird Fremdenfeindlichkeit thematisiert (Hooligans attackieren eine Pakistani-Frau, Schläger verprügeln Spuds farbigen Onkel). Das Thema Beziehungen wird behandelt und in diesem Kontext auch Schwangerschaften bzw. Babies. Mehrere der weiblichen Figuren im Roman sind schwanger. Ein Baby stirbt. Die Schwangeren / Mütter sind allesamt in unglücklichen Beziehungen oder aber ganz allein. Es gibt im Roman zwar mehrere Todesfälle und Beerdigungen, aber keine einzige Hochzeit, was wiederum Rückschlüsse auf die gängige Form der sexuellen Beziehungen innerhalb der Cliquen zuläßt. Die Eltern und Anverwandten der Figuren hingegen (speziell Rentons Familie) leben aber allesamt in ‚geordneten‘ Familienverhältnissen.

4.5 Raum als Teil des Wirklichkeitsmodells im Roman

Wie bereits vorweggenommen, stellt der Raum einen Teil des Wirklichkeitsmodells dar, das in einem Roman geschaffen wird. So kann der Raum beispielsweise rein funktional als Hintergrund für die Handlung dienen oder auch selbstzweckhaft angelegt sein. Abhängig davon, welche Aspekte der Autor oder Erzähler als relevant betrachtet, können diese beschrieben oder ausgelassen werden. Ein Raum kann sehr ausführlich und detailliert oder auch nur sporadisch beschrieben werden, abhängig von seiner Bedeutung für das Gesamtgeschehen.

Im Falle von Trainspotting besitzt der Raum einen ganz wesentlichen Anteil am Gesamtgeschehen im Roman, da Örtlichkeiten und Handeln der Figuren eng miteinander verbunden sind. Die Fülle von Straßennamen und Pubs sowie Musikstücken und Videos leisten qualitativ mehr als nur die Manifestation eines Raumes. Hier wird ein Stück Kultur gezeichnet, in der die Figuren leben und in der die Handlung passiert. Der Raum mit all seinen Elementen und die Figuren wirken wechselseitig aufeinander. So ist Rentons Drogensucht auch Ausdruck der Ablehnung gegenüber den konservativen gesellschaftlichen Normen und somit reaktiv.

Der Raum in Trainspotting wirkt lebendig, nicht zuletzt durch die Sprache, die ja auch Teil dieses Raumes ist, aber auch Teil der Figuren und – übergeordnet – Teil einer Kultur, von der ein modellhafter Ausschnitt im Roman gezeigt wird.

[...]


[1] http://www.users.globalnet.co.uk/~crumey/irvine_welsh.html , p. 5 ff.

[2] Ludwig. H-W (ed.), Arbeitsbuch Romananalyse, Tübingen, 1991³. S. 119

[3] ebenda, S. 122

[4] ebenda, S. 120

[5] Ludwig, H.-W. (ed.), Arbeitsbuch Romananalyse, Tübingen, 1991³., S. 170

[6] Welsh, Irvine, Trainspotting, London, 1996. S. 190

[7] Ludwig, H.-W. (ed.), Arbeitsbuch Romananalyse, Tübingen, 1991³, S. 172

[8] erwähnte Bands u. Musiker: Wolfetones, Proclaimers, Iggy Pop, Velvet Underground, Lou Reed, Elvis Costello, David Bowie, Simple Minds, U2, Peter Gabriel, Frank Zappa, Sinatra, The Pogues, Dire Straits, Walker Brothers, Midge Ure, The Clash, Status Quo, The Farm

[9] http://www.users.globalnet.co.uk/~crumey/irvine_welsh.html S. 16

[10] http://www.users.globalnet.co.uk/~crumey/irvine_welsh.html, S. 5

[11] ebenda, S. 8

[12] Welsh, Irvine, Trainspotting, London, 1996. S. 154

Details

Seiten
42
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638163828
ISBN (Buch)
9783640552764
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v9766
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Englisches Seminar
Note
2,5
Schlagworte
Bedeutung Erzählstruktur Trainspotting Roman Contemporary Culture Literature Scotland

Autor

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