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Frisch, Max - Homo Faber - Wie tritt Homo Faber auf? / Bedeutung des Namens

Referat / Aufsatz (Schule) 2000 8 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Friedrich Dürrenmatt

Die Hauptperson in Max Frischs Werk 1957 entstandenem Werk heißt Walter Faber. Wie auch schon in anderen Werken wie "Biedermeier" oder "Don Juan" gibt sowohl dieser Name, als auch der Titel einen gewissen Vorausblick auf die folgenden Geschehnisse im Buch. "Homo faber" kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie der "Mensch (als) Schmied". In diesem Fall bezeichnet es den nur in mathematischen Grundsätzen denkenden Statistiker und Techniker Walter Faber, der "seines eigenen Glückes/Lebens Schmied" ist und dazu nur technische Fakten und keinerlei Emotionen benötigt. Auch in der Mystik bringt man den Schmied oft mit magischen Kräften in Verbindung, man denke nur an "Wieland". Der Ausdruck "Homo faber" lässt den Wissenschaftler aufhorchen und an die Bezeichnung unserer Rasse, des "homo sapiens sapiens" denken-nichts könnte besser zum Weltbild Walter Fabers passen, als die mit Gefühlen und Beziehungen ausgestattete Gattung "Mensch", die er als "eine Anstrengung" (S.112) empfindet, in eine Schublade mit diesem Ausdruck zu stecken, um sich nicht näher damit beschäftigen zu müssen. Und noch eine Voraussicht gibt Max Frisch seinen Lesern: "Homo - Faber" stellt eine Antithese dar zwischen dem Menschen, der ein Teil der Natur ist, zu der Faber einen abgeneigte Haltung einnimmt, und dem Techniker, der mit allen modernen Mitteln versucht, sich eben diese Natur untertan zu machen. Und genau diese Antithese wird Faber zum Verhängnis werden und langsam, aber sicher, auf sein Verderben hinauslaufen.

Max Frisch zeigt in seinem "Bericht" überhaupt Freude an Vorausblicken: Bevor er schon auf S. 22 die gesamte Handlung auf rein thematischer Ebene preisgibt, weist auch auf die bevorstehende innere Wandlung Fabers schon der Anfang des Buches hin - es könnte so etwas wie Fügung im Spiel sein: Faber, sonst ein sehr pflichtbewusster Mensch will aus Gründen, die er selbst nicht weiß, nicht in ein Flugzeug steigen und wird in allerletzter Minute quasi hineinbugsiert - und mit dem Flugzeug auch in sein Schicksal, das in seiner Unausweichlichkeit an die antike Tragödie erinnert. Überhaupt ist die Zeit im Flugzeug als Bild für das gesamte Wesen Walter Fabers zu betrachten, auf das später noch näher eingegangen werden soll: Sein technisches Interesse, sein Glauben an Statistiken und nichts sonst, das mangelnde Kommunikationsbedürfnis, wie es der redselige Herbert Hencke erfährt, und seine Abneigung gegen die Natur werden wie in einem Brennspiegel zusammengefasst (S. 7-21).

"Mann trifft zufällig in Flugzeug Fahrgast, der, wie er zufällig erfährt, Bruder von Jugendfreund ist, der, wie er ebenfalls zufällig erfährt, Verlobte von Mann geheiratet hat, die mit Mann Tochter hat, von der er nichts weiß, die er aber zufällig auf zufällig gebuchter Schiffsreise kennenlernt und sich zufällig in sie verliebt" - das sind kurz gesagt die Ereignisse, die unserem Techniker, der das Unwahrscheinliche nur als "Grenzfall des Möglichen", "für das es keinerlei Grund zur Verwunderung, zur Erschütterung, zur Mystifikation gibt" bezeichnet, innerhalb kurzer Zeit geschehen. Wie wird dieser nun auf diese "ganze Kette von Zufällen" ("Aber wieso Fügung?", S.22) reagieren?

Walter Faber ist ein Mensch, der nicht das geringste Problem damit hat, wenn er von anderen als "ein Rohling, ein Egoist, ein Unmensch" (- "ich lachte natürlich", S. 58) bezeichnet wird, den es aber nervös macht , wenn er nicht weiß, warum ein Apparat nicht funktioniert (S.63). Er ist ein Mensch, der in seiner Erzählung über das Fliegen, für die meisten Leute eine aufregende Sache, viele Male das Wort "üblich" gebraucht (z.B. S. 7, 8, 10, 11, 14). Er ist ein Mensch, der Leben mit Arbeit gleichsetzt und für den "fünf Tage ohne Wagen" eine Zumutung sind. Er ist ein Mensch, der den Roboter als ein Vorbild für den Menschen sieht (S. 75). Und er ist ein Mensch, der versucht, selbst den Tod als quantitative Größe zu erfassen, um ihm seine Unerträglichkeit zu nehmen (Schlangenbiss-Statistik, S. 130). Und doch ist er eben selbst ein Mensch und muss damit zurechtkommen...

"Tu sais que la mort est femme" "et que la terre et femme", so sagt es Marcel einmal (S.69) und das ist wohl genau die Einstellung, die auch Walter Faber selbst vertritt, wobei für ihn natürlich auch "et que la terre est la mort" gilt.

Frauen treten im ganzen Buch nur als Wesen auf, die von Technik nicht die geringste Ahnung haben. Hanna mit ihrem Interesse für Mystik, Ivy, von der er nach längerem Zusammenwohnen noch nicht einmal den Beruf kennt und die in Sachen "technology" "verständnislos" ist, so "wie [er es] von Frauen gewohnt [ist]" (S.63), und schließlich Sabeth, deren "kindliche Fantasie schon draußen bei den Fischen" ist, während Faber ihr die Konstruktion des Schiffes erklärt (S. 87). Was nicht mit den Augen eines Technikers zu erfassen ist, ist Natur, und so stellt Faber auch, Bezug nehmend auf Marcel. die Gleichung Frau = Natur = Tod auf, im Gegensatz zu Mann = Technik = "Annullierung des Todes".

Die Abneigung gegen die Natur wird schon im allerersten Satz deutlich, als die Natur in Form von Schneestürmen sich der Technik in Form des Flugzeugs entgegenstellt, indem der Start verzögert wird (S. 7=. Walter Faber ist Ingenieur bei der UNESCO, aber nicht, wie der ehrfürchtige Leser vielleicht meinen könnte, aus humanitären Gründen, sondern vor allem, um die Gebiete der "unterentwickelten Gebiete" technisch zu erschließen (S.14 f.). Bei der Notlandung in der Wüste ist es sein größtes Problem. dass er sich mangels Stromversorgung nicht rasieren kann. Am deutlichsten wird seine Einstellung gegen alles Natürliche aber während seiner Zeit im Dschungel. In einem Gebiet, von dem wir sonst nur in Berichten hören, in denen von herrlicher, unberührter Natur die Rede ist, erlebt Faber nur einen "schleimigen Mond" (S. 45) und eine unerträglich heiße Sonne, "wie gedunsen, im Dunst wie eine Blase voll Blut, widerlich, wie eine Niere oder so etwas" (S. 53).

Womit er nun in diesem Gegensatz nicht klarkommt, ist nicht dessen Vorhandensein an sich, sondern vor allem, dass er als Techniker doch nun leider auch ein Mensch ist, der in und mit den Gesetzen der Natur zu leben hat. Seine Meinung wird deutlich, als er feststellen muss, dass die von Marcel untersuchten Urvölker zwar hervorragende Astronomiekenntnisse hatten, "sie es [aber] mit ihrer Mathematik, die man anerkennen muss, zu keiner Technik [brachten] und daher dem Untergang geweiht [waren]" (S.44). Hanna sieht das in ihrer Diskussion mit Faber (S.169 f.) ganz richtig: "Technik als Kniff, die Welt so einzurichten, dass wir sie nicht leben müssen (bezeichnenderweise der Einschub "Was Hanna damit meint, weiß ich nicht") Ihr Vorwurf, Faber behandle "das Leben [...]als bloße Addition, daher [...] kein Verhältnis zum Tod. In der Technik ist nichts vergänglich, alles kann gespeichert werden, und so hält Faber den ganzen menschlichen Körper zwar "als Konstruktion möglich", aber das "Material" als "verfehlt" an: "Fleisch ist kein Material, sondern ein Fluch" (S. 171).

Auffällig ist in diesem Zusammenhang das ständige Bestreben Fabers, seine Umwelt auf Filmkamera zu bannen, um sie unvergänglich zu machen, also wieder dem Tod / Ende zu entgehen. Seine Manie scheint ein Mittel dafür zu sein, dem mit Technik zu Leibe zu rücken, was ihn sonst in irgendeiner Weise emotional berühren könnte. Ob das nun so eine vergleichsweise unwichtige Sache ist wie ein Sonnenaufgang, den die anderen Passagiere ergriffen betrachten, den Abschied von Ivy (S. 68) oder die baumelnde Leiche seines früheren Freundes Joachim. Als er nämlich den erhängten Kameraden in der Hütte vorfindet, interessiert ihn zuallererst, woher der noch laufende Radio seinen Strom bezieht, dann fotografiert und begräbt er ihn (S.55). Später dann Sabeth, die es gar nicht mag, gefilmt zu werden, was Faber überhaupt nicht verstehen kann, in allen nur erdenklichen Situationen. Auch das gehört wohl zum Schicksal Fabers, dass er sich den Film dann, nach dem Tod Sabeths, wie eine Rache zur Vorführung seiner Schuld, zusammenhängend ansehen muss (S. 186-191)

Dem Mathematiker, dem auch der Flugzeugabsturz keine Flugangst eingebracht hatte, fällt es nun ganz spontan ein, was ihm auch schon bei dem plötzlichen Entschluss, Herbert zu folgen, passiert ist (S. 33) - wieder ein Hinweis auf die Schicksalsbestimmtheit seines Tuns, die er nicht wahrhaben will-statt via Flugzeug via Schiff nach Europa zu reisen. Dabei hält er es selbst für "unwahrscheinlich, um diese Jahreszeit einen Schiffplatz nach Europa zu bekommen" (S. 59). Gerade noch verärgert über das Warten auf Ivy - sie wollten ausgehen - beginnt Faber plötzlich in aller Ruhe seinen defekten Rasierapparat (er besitzt einen zweiten, funktionierenden!) in alle Einzelteile zu zerlegen - eine weitere Fügung des Schicksals, denn wäre er schon weggewesen und hätte er damit einen weiteren Anruf der Gesellschaft nicht annehmen können, hätte er die Reise nie antreten können."[...] und wir wären einander nie auf der Welt begegnet, meine Tochter und ich" (S.64), sagt sogar Faber selbst über diesen Zufall, aber natürlich erst, nachdem er sie getroffen hat. Sollte es Sabeth, seine nie geboren geglaubte Tochter, die er anfangs nur als baumelnden "blonden Roßschwanz" sieht, während er auf einen "Männertisch" (alles S.69) hofft, denn nun tatsächlich schaffen, sein wohlgeordnetes, auf physikalischen und mathematischen Gesetzen beruhendes Weltbild durcheinanderzubringen?

Am Anfang sieht es nicht so aus."[...] es war ein unwahrscheinlicher Zufall, dass wir überhaupt ins Gespräch kamen, [...] Wieso Fügung? Es hätte auch ganz anders kommen können", so denkt Walter Faber über die Geschehnisse, die doch so schicksalsbestimmt scheinen. Ohne ihr nachzustellen, versucht er doch oft, ihr nahe zu sein, muss aber feststellen, dass er bei einem so jungen Mädchen ("ich habe nicht mehr gewusst, dass ein Mensch so jung sein kann"), mit der Erläuterung seiner Kamera nur Langeweile erzeugt ( S.73). Bei der nachfolgenden Erläuterung seinerseits, ein Roboter sei zu viel besseren Leistungen fähig als ein Mensch, kommt er auch nur zu dem Ziel, dass Sabeth ihn "komisch" findet (S.75). Sogar als Sabeth ihn gegen den Baptist unterstützt, indem sie das Gesprächsthema von den Skulpturen im Louvre, den sie liebt, auf Roboter bringt, geht er nicht darauf ein und bezeichnet die Skulpturen als "Vorfahren des Roboters". "Die Primitiven versuchten, den Tod zu annullieren, indem sie den Menschenleib abbilden - wir, indem wir den Menschenleib ersetzen. Technik statt Mystik" (S. 77). Soviel zu der Sensibilität, die unser Mathematiker anfangs gegenüber diesem jungen Mädchen, das ihm gefällt, aufbringt, wobei er es nie schafft, seine technischen Weisheiten aus dem Spiel zu lassen. Und doch kommt es langsam, aber sicher, zu einer gewissen Wandlung...

Wie schon der seinem Bruder nicht ähnlich sehende Herbert Faber an Joachim erinnert hat (S. 10)- wenn die Frage der Verwandtschaft nicht aufgetaucht wäre, wäre es niemals zu der gemeinsamen Reise nach Venezuela gekommen - erinnert auch Sabeth mit ihrem "Hanna - Mädchen - Gesicht" (S.94) Faber an Hanna, obwohl sie ihr subjektiv betrachtet nicht ähnelt. Nur so kommt es später auch zu der genauen Befragung Sabeths über ihre Mutter, die Faber immer weiter in das Bewusstsein seines vernichtenden Schicksals führt (S: 116 ff.).

Zunächst aber zeigen sich erstmals Gefühlsregungen in Walter Faber: die Sentimentalität an seinem 50. Geburtstag, natürlich zugleich gemildert durch die Frage "Wieso sollte ich traurig sein?"; dann seine Sorge um Sabeth, die mit Autostop nach Rom fahren will, ebenfalls sofort wieder zurückgewiesen - er erkennt sich in diesen Momenten wohl selbst nicht wieder und weist sich unbewusst sofort wieder in die Schranken-durch Gedanken über seine Einstellung zu Frauen und Heirat: Am glücklichsten, wenn er allein wohnt, "meines Erachten der einzigmögliche Zustand für Männer", sind für ihn schon vier Tage zusammen mit einer Frau schon der "Anfang einer Heuchelei". Direkt nach diesen Gedanken bezeichnenderweise, eigentlich völlig unpassend, der Einwurf Sabeths, Faber solle heiraten (alles S.91 ff.) - worauf Faber, durchaus nicht spontan, sondern erst nach einiger Zeit, mit einem Heiratsantrag reagiert. Genau durch dieses Umherspringen in der Beschreibung der Gefühlslage Walter Fabers will Max Frisch wohl die Unruhe darstellen, die seinen "Helden" zu dieser Zeit bewegt, das Hin und Her zwischen aufkeimenden Emotionen, die innerlich gleich brüsk wieder zurückgewiesen werden (S. 88 ff.) Sollte es denn wirklich Gefühle in diesem scheinbar so emotionslosen, kalten Techniker geben? Ja, die gibt es - auch wenn er es zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht wahrhaben will.

Am deutlichsten wird die Wandlung Fabers am Tag vor Sabeths Unglück mit dem Schlangenbiss, als die beiden in der Nacht unter irgendeinem Feigenbaum schlafen wollen, was ein eigentlich nicht ernst gemeinter Vorschlag Fabers war, der, da Sabeth ihn für eine "Glanzidee" hielt, jedoch realisiert wurde (S.150). Beim "Vergleichsspiel" sieht man den Einfluss Sabeths auf Faber deutlich. Auch wenn er nicht wie sie auf Metaphern wie "Cello",

"Porzellan" und "Quasten mit Rosa-Puder" kommt, dafür aber "eine ungeschmierte Bremse", "Zinkblech" und "Glaswolle" erkennt, sieht man zumindest an seiner Reaktion, dass ihn diese Romantik doch beeindruckt hat: er findet nun sogar die Natur schön! "[...]und ich werde nie vergessen: das Meer, das zusehends dunkler wird, blauer, violett, [...] die rote Farbe der Äcker, die Oliven, grünspanig, ihre langen Morgenschatten auf der roten Erde, die erste Wärme und Sabeth, die mich umarmt, als habe ich ihr alles geschenkt, das Meer und die Sonne und alles, und ich werde nie vergessen, wie Sabeth singt!" (S. 150 ff.).

Solange er glücklich ist, behält er diese romantische Grundeinstellung bei, doch sobald er wieder aus diesem Zustand herausgerissen wird ("Ungewohntes" macht ihn ja immer "nervös"), fällt er wieder zurück: Nach dem Schlangenbiss Sabeths tröstet er sich und Hanna mit der statistischen Angabe, dass "die Mortalität bei Schlangenbiss[...] [nur] drei bis zehn Prozent [betrage], was ihn gleich etwas "beruhigte" (S. 130). Trotzdem wächst ihm die Sache über den Kopf: "Ich war nicht imstande, alles zugleich in meine Rechnung aufzunehmen; aber irgendeine Lösung musste es immer geben" meint er bei einem Gespräch mit Hanna über die gegenwärtige Situation (S.159). Erstaunlich dafür das Ende der 1. Station: Ein Bericht über die Todesursache Sabeths, wie ihn wissenschaftlicher wohl kaum ein Arzt hätte schreiben können, noch dazu ohne irgendwelche Aufregung darüber, dass man ihre Verletzung hätte operieren können: In diesem Punkt hat er wohl festgestellt, dass auch die moderne Medizin mit ihrer ausgeklügelten Technik manchmal nicht über das Schicksal hinausreicht (S. 160)

Überhaupt ist die Sprache ein wichtiges Mittel bei der Gefühlsbeschreibung Walter Fabers. In der ganzen 1. Station wirkt sie verpfuscht, knapp gehalten, ohne jegliche Emotionen :Nichts anderes erwartet man von einem "Homo faber" wie dem Verfasser dieses "Berichts", wie der Untertitel von Max Frischs Werk lautet. Ein Bericht ist es auch, die Kausalsätze oft geradezu verkrüppelt und unvollständig, aber immer so, dass alle notwendigen, sachlichen Informationen gegeben sind. In der 2. Station ist sprachlich ein großer Unterschied zu erkennen: Zwar weiterhin knapp gehalten, sogar noch knapper als vorher, dafür aber nicht mehr Lieferung von notwendigen, sachlichen Informationen, sondern unzusammenhanglos aneinandergereihte ausdrücke, z. B. S. 165: "Die klebrige Luft - Geruch von Fisch und Ananas - Die mageren Hunde-" Es ist gar keine Erzählung mehr, es ist vielmehr ein Stottern, ein Hervorstoßen der Worte nach Bewältigung des ersten Dramas und wie in einer Vorausahnung der bevorstehenden weiteren Tragödie. Ja, es ist geschehen: Walter Faber, der Statistiker, der nie an Mythen geglaubt hat, spürt jetzt sein nahes Ende. Der Bericht seiner weiteren Reisen an Orte, die er noch ein letztes Mal besucht, wie, um "auf Wiedersehen" zu sagen, sind gekennzeichnet vom Abschied vom Leben: Als Unbekannter in der eigenen Wohnung (S. 163 f.) und mit der Erkenntnis, dass es auch ohne ihn geht (S.170). Das technisierte Amerika, eigentlich ein Paradies für Menschen wie ihn, betrachtet er schließlich nur noch als "Reklame für Optimismus als Neontapete vor der Nacht und vor dem Tod". Nun scheint er doch zu verstehen, was Hanna gemeint hat (vgl. S. 169 f.). Und schließlich die "Blamage" und das Wissen, dass sein Körper ihn verlässt und nichts mehr taugt (S. 178). In ständiger Unrast erzählt er in nie vorher zum Vorschein gekommenem Kommunikationsbedürfnis der völlig fremden Juana private Angelegenheiten, über die er zuvor noch mit niemandem gesprochen hat (S. 179 f.)

"Abschied" (S.182, 2x) - das zentrale Wort dieses Abschnitts.

Erst im Nachhinein merkt Faber, wie unsinnig sein ständiges Filmen war: "es fehlt die Wirklichkeit", muss er sich beim Ansehen eines Bandes eingestehen. Er sieht Sabeth und "ihr Gesicht, das es nicht mehr gibt", "ihre Augen, die es nicht mehr gibt",... (S.188 ff.). Wo er vorher mit allen Möglichkeiten versucht hat, den Tod zu annullieren, wünscht er sich nun, "[er] wäre nie gewesen" (S.192).

Nach dem symbolischen Abschied durch das Zurücklassen seiner Filme sind ihm plötzlich die Augen geöffnet, sein Blickfeld nicht mehr verengt durch das Teleobjektiv und bereit, sich alles bewusst anzusehen: nicht nur Technik, sondern auch Menschen ("die Allee" der schönen Menschen", S. ). Faber gibt seine Flucht vor der Welt auf: "Nie wieder fliegen." "Wunsch, die Erde zu greifen" (S. 195).

Im Krankenhaus sieht Faber nun hilflos dem Verfall seines Körpers zu. Hanna ist verwundert, was er "alles nicht gewusst habe" (S. 184). Er hatte nicht die geringste Ahnung vom Wissen seiner Mutter über Sabeth und auch von der Art ihres Todes. Wie den Blinden Armin hat er wohl sogar seine Mutter nicht "eigentlich wahrgenommen" (S. 184). Hier im Krankenhaus erkennt er jedoch auch wichtige Dinge, wichtiger als alle mathematischen Fakten der Welt: Da er nicht mehr allein ist, hat er seinen Lebensmut wiedergewonnen: durch Sabeth und ihr fröhliches Wesen hat er gemerkt, wie wohltuend andere Menschen sein können: "Ich hänge an diesem Leben wie nie, und wenn es nur noch ein Jahr ist, [...], zwei Monate (das wären September und Oktober), ich werde hoffen, obschon ich weiß, dass ich verloren bin. Aber ich bin nicht allen, Hanna ist mein Freund, und ich bin nicht allein. (S. 198).

Weiterhin muss er feststellen, dass die Ewigkeit nicht mit Filmspulen und das Ende des Lebens nicht mit dem völligen Ende gleichgesetzt werden kann. Nun endlich wissend geworden, wird der Techniker zum Poeten: "Verfügung für Todesfall: alle Zeugnisse von mir wie Berichte, Briefe, Ringheftchen, sollen vernichtet werden, es stimmt nichts. Auf der Welt sein: im Licht sein. Irgendwo (wie der Alte neulich in Korinth) Esel treiben, unser Beruf! - Aber vor allem: standhalten der Zeit, beziehungsweise Ewigkeit im Augenblick. Ewig sein: gewesen sein."

Durch den Umgang mit seiner lebensfrohen Tochter und Hanna schafft es Faber endlich, kurz vor seinem Tod, das Leben und die Menschen zu verstehen. Zu verstehen, dass das Leben auch ohne Technik ewig ist, solange man nicht in Vergessenheit gerät.

Quellennachweis:

Als Textgrundlage wurde folgende Ausgabe benutzt:

Max Frisch: Homo faber, Frankfurt (Suhrkamp - Taschenbuch) 1977

Details

Seiten
8
Jahr
2000
Dateigröße
384 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v97546
Note
1
Schlagworte
Frisch Homo Faber Bedeutung Namens

Autor

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Titel: Frisch, Max - Homo Faber - Wie tritt Homo Faber auf? / Bedeutung des Namens