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Die Vertreibung der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei

Seminararbeit 2000 20 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Zur Geschichte der Sudetendeutschen bis 1945
Die „Unterdrückungspolitik“ Edvard Benes
Das Jahr 1938

Die Vertreibung der Sudetendeutschen nach dem

2.Weltkrieg
Die Benes-Dekrete
Die Vertreibung
Internierungslager
Sudetendeutsche Bevölkerungsbilanz

Schicksale

Schlusswort

Literaturverzeichnis

Einleitung

Ich dachte nicht, dass mich das Schreiben einer Proseminararbeit je in einen persönlichen Konflikt bringen könnte. Doch das ist hier der Fall. Genauer gesagt ist es ja auch nicht das Schreiben sondern das Auseinandersetzen mit dem Thema, nämlich mit der Vertreibung der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei. Dazu möchte ich zwei Erlebnisse schildern :

- Zufällig waren meine Großeltern zu Besuch, als ich mein Interview mit einer Sudetendeutschen abtippte. Mein Großvater war äußerst bestürzt als er es gelesen hatte. Er sagte : „ Ich hoffe du kannst beweisen, dass das nicht von dir ist, sonst kommst ins Gefängnis wegen Wiederbetätigung. Glaubt ja keiner, dass es auch Deutschen so ergangen ist. Die werden sicher glauben du bist ein Nazi, wenn du die Deutschen in Schutz nimmst.“

Nach dieser Aussage war ich doch etwas geschockt. Ich versuchte ihm zu erklären, dass es einfach nur eine Geschichte einer Frau wäre, und in keinster Weise Wiederbetätigung. Weder wolle ich jemanden beschützen, noch wäre ich Nazi. Aber dies war ein Beispiel dafür, dass die Folgen des Hitlerregimes nicht von allen Seiten beleuchtet wurde. Mein Großvater dachte, dass man Geschichtsaufarbeitung aus der Sicht der “Täter“ nicht machen dürfte.“ Deutsche waren Täter, die anderen die Opfer.“ Für ihn war dies das gewohnte Bild

- Das zweite Erlebnis hatte ich bei meiner Materialsuche in der Sudetendeutschen

Landmannschaft. Mein Ansprechpartner war dort ein Mann Mitte 30, der sich in einem Lodenanzug wahnsinnig darüber freute, dass sich jemand mit dieser Ungerechtigkeit und dem Leid der Vertriebenen beschäftige. Natürlich klingt das hier sehr sarkastisch, aber ich hatte den Eindruck, dass er sehr national eingestellt war. Er bezeichnete auch die Sudetendeutsche nicht als Deutsche, sondern als Altösterreicher. Er bestand auch auf die “ deutsche“ Schreibweise von Edvard Benes, „nämlich mit sch“.

Dazu möchte ich sagen, dass ich einfach nur versuchen möchte einzelne Fakten zu erzählen. Hier kommt die vieldiskutierte Objektivität ins Spiel.

Natürlich kann ich als Historikerin nicht frei von Urteilen sein. Schon alleine die Quellen die ich zu diesem Thema benutze, sind nicht objektiv. Durch meine Auswahl an Büchern schränke ich, die von mir angestrebte Objektivität erneut ein. Es ist meine Absicht, die Auswirkungen des 2.Weltkrieges auf die deutschsprachige Bevölkerung in der Tschechoslowakei zu erläutern. Ich versuche hierbei kein Werturteil abzugeben, und ich werde es auch nicht mit der Vernichtung und Vertreibung der jüdischen Bevölkerung, der “Zigeuner“, geistig und körperlich kranker Menschen, Andersdenkender..., im Deutschen Reich vergleichen.

Ich dachte mir nicht, dass es so ein Problem sein würde, eine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte von Menschen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden.

Zur Geschichte der Sudetendeutschen bis 1945

1 Sudetendeutsche Siedlungsgebiete (http//www.sudeten.de)

Die deutschsprachige Bevölkerung lebte zusammen mit der Tschechischsprachigen nachweislich ohne Unterbrechung mehr als 800 Jahre in den Randgebieten Böhmens, Mährens und Österreichisch Schlesiens. Österreich Schlesien ist nach dem Siebenjährigen Krieg bei Österreich geblieben.

3,5 Millionen Menschen lebten auf einer Fläche von knapp 27.000 Quadratkilometer. Deutsche und Tschechen lebten fast immer friedlich neben- und miteinander. Soweit es Spannungen gab, hatten diese eher religiöse und soziale. Auch wurde dieser Konflikt außer in den Hussitenkriegen (1419/20-1436) nicht gewaltsam ausgetragen. Die nationalen Kämpfe entstanden erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als die von der französischen Revolution ausgehende nationalistische Welle auch die böhmischen Länder erfasste.

Meine Interviewpartnerin erzählte mir, dass es vor dem Zweiten Weltkrieg so eine Art Austauschprogramm gegeben hat. Kinder von Sudetendeutschen lebten ein paar Wochen bei Tschechen und umgekehrt.2

Bis 1918 gehörten die Sudetendeutschen Gebiete der österreich-ungerischen Monarchie an. Das Ende des Ersten Weltkrieges, brachte die Zerschlagung des Vielvölkerstaates. Die rund 6,7 Millionen Tschechen forderten einen eigenen Staat, dem die industriereichen Gebiete der Sudetendeutschen angehören sollten.

Zwischen November 1918 und Januar 1919 wurde das Sudetenland militärisch besetzt, weil die Sudetendeutschen unter Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker, (in den 14 Punkten des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson) den Verbleib ihrer Heimatgebiete bei der Republik Deutsch-Österreich forderten. An mehreren Orten gab es Kämpfe. Unter Missachtung des Selbstbestimmungsrechtes wurden schließlich mit den Vertrag von St. Germain vom 10.9.1919 die Gebiete einem neuen Staat, eben der Tschechoslowakei zugeschlagen.

.(vgl: http//www.sudeten.de und http//www2.genealogy.net)

Die „Unterdrückungspolitik“ Edvard Benes

3 Mit der Ernennung Edvard Benes zum Außenminister(1918-1935) und später zum Staatspräsidenten(1935-1938), setzt eine offene “anti-sudetendeutsche“ Politik ein. + Systematische Zurücksetzung der deutschen Sprache und Kultur durch die Beschränkung des deutschen Schulwesens und Tschechisch als bevorzugter Amtssprache.

+ Verdrängung der Deutschen aus dem öffentlichen Dienst und dem vom Staate beherrschten Arbeitsplätzen in staatlichen bzw. von Staataufträgen abhängigen Betrieben.

+ Benachteiligung der deutschen Wirtschaft in vielen Bereichen. Praktisch die gesamte Wirtschafts- und Kulturpolitik stand im Dienste der Idee, den Staat zu tschechisieren und aus dem fiktiven einen tatsächlichen Nationalstaat zu machen. Insbesondere die Verdrängung der Deutschen durch Tschechen im Staatsdienst war eine Folge + Beschneidung der deutschen Selbstverwaltung in Gemeinden und Bezirken.

Eine Folge dieser Politik war, dass Mitte der dreißiger Jahre die Arbeitslosigkeit im Sudetenland etwa fünfmal höher war als in den tschechischen Landesteilen.

Das Jahr 1938

4 Der sudetendeutsch-tschechische Gegensatz spitzte sich schließlich im Laufe des Jahres 1938 infolge des äußeren Drucks Adolf Hitlers weiter zu. Die Abtretung des Sudetenlandes an das Deutsch Reich war ab etwa Mitte September 1938 beschlossene Sache, nachdem Frankreich und England der Tschechoslowakei deutlich gemacht hatte, deswegen nicht in einen Krieg ziehen zu wollen.( Hitler hatte ihnen zuvor gedroht). Das darauffolgende Münchner Abkommen vom 29. September 1938 regelte dann nur mehr die Durchführung der Übergabe der sudetendeutschen Gebiete an Deutschland. Eine Folge des Abkommens war eine Wanderungswelle in der Tschechoslowakei. Ein großer Teil der angesiedelten tschechischsprachigen Bevölkerung musste das Gebiet in kurzer Zeit verlassen. Umgekehrt mussten Sudetendeutsche aus den innerböhmischen bzw. innermährischen Gebieten umsiedeln. Grundlage dieser “Rückwanderungs“welle, die zunächst die Formen einer Flucht hatte, war der Vertrag über Staatsangehörigkeits- und Optionsfragen vom November 1938.

Edvard Benes trat nur wenige Tage nach dem Münchner Abkommen zurück. Die tschechische Öffentlichkeit machte Benes damals maßgeblich für das Abkommen verantwortlich und warf ihm sowohl seine Politik gegenüber den Sudetendeutschen als auch zu gr0ßes Vertrauen auf die Westmächte vor. Benes begab sich ins Exil nach London.

Am 15. März 1939 begannen die Nationalsozialisten mit der Besetzung der Tschechoslowakei und erklärte es zum “Reichsprotektorat Böhmen und Mähren“, nachdem er den tschechoslowakischen Präsidenten Hacha (Nachfolger Benes) zur Unterwerfung gezwungen hatte. Dieser Gewaltakt war ein eklatanter Verstoß sowohl gegen das Selbstbestimmungsrecht des tschechischen Volkes als auch gegen das Münchner Abkommen.

Die Vertreibung der Sudetendeutschen nach dem 2. Weltkrieg

Ende des 2. Weltkrieges wurde die Tschechoslowakei wiederhergestellt. Erneut ließen die Siegermächte die sudetendeutschen Gebiete, ohne Befragung der Bevölkerung der neu entstandenen Republik zufallen. Grundlage für die Enteignung, Zwangsarbeit und Vertreibung bildeten die sogenannten „Benes-Dekrete“. Die Sudetendeutschen wurden vollständig und entschädigungslos enteignet und aus ihrer jahrhundertealten Heimat vertrieben.

Die Benes-Dekrete

Als Benes-Dekrete werden bezeichnet Das Benes-Dekret vom 19.Mai 1945:

Das erste Dekret befasst sich mit der Ungültigkeit eigentumsrechtlicher Handlungen aus der Zeit ab dem 29.September 1938

„ Dekret des Präsidenten der Republik

Ü ber die Ungültigkeit etlicher eigentumsrechtlicher Handlungen aus der Zeit der

Unfreiheit und die Nationalverwaltung der Eigentumswerte der Deutschen, Madjaren, Verräter, und Kollaboranten und irgendwelcher Organisationen und Anstalten... “ (Arbeitskreis für Menschenrechte, S. 8)

Darin heißt es weiter :

㤠2

(1) Das Eigentum staatlicher unzuverlässiger Personen auf Gebiet der Tschechoslowakischen Republik ist der Nationalverwaltung gem äß weiterer Bestimmungen dieses Dekrets zu unterstellen.

(2) Als Eigentum staatlich unzuverlässigen Personen gilt auch das Eigentum von Personen dieses Personenkreises, das nach dem 29.Oktoberüberführt wurde, es sei denn, der Erwerbe wusste nicht, dass es sich um derartiges Eigentum handelte.

§ 4

Als staatlich unzuverlässige Personen sind anzusehen:

a)Personen deutscher oder madjarischer Nationalität.

b)Personen, die gegen die staatliche Souveränität, Selbständigkeit, Integrität, die demokratisch-repuplikanische Staatsform, die Sicherheit und die Verteidigung der tschechoslowakischen Republik gerichtete Tätigkeit entfalten haben... “

(Zit.nach: Arbeitskreis für Menschenrechte, S. 6)

Das Dekret vom 21.Juni 1945 veranlasste die entschädigungslose Konfiskation landwirtschaftlichen Eigentums der deutsch-und madjarischsprachigen Bevölkerung, sowie der Aufteilung unter besitzlosen Tschechoslowaken. (vgl:Arbeitskreis für Menschenrecht,S. 12)

Ein weiteres Dekret vom 19.September 1945 verpflichtete jene Personen auch noch zu einem Arbeitsdienst für den Staat. Der das Dekret kennzeichnende Begriff“ Arbeitspflicht (pracovnì povinnost) verschleiert, dass er sich hier um „Zwangsarbeit“ handelt.(vgl:Arbeitskreis für Menschenrechte,S. 18)

Am 8.Mai 1946 wurde ein Gesetz „über die Straflosigkeit von Handlungen, welche mit dem Kampf um die Wiedergewinnung der Freiheit der Tschechen und Slowaken zusammenhängen“ beschlossen. (Arbeitskreis für Menschenrecht,S.19) Mit diesem Gesetz missachtete die tschechoslowakische Republik allgemein gültige, sittliche Grundsätze und stellte sich gegen das europäische Rechtsempfinden, denn es wurden Strafbestände, wie Mord, Vergewaltigung und Raub für nicht strafbar erklärt.

Übrigens sind die Benes-Dekrete bis heute in Kraft. Der heutige tschechische Bundeskanzler Milos Zeman ist der Ansicht, die Benes-Dekrete seien durch Zeitablauf erledigt, deshalb auch nicht aufgehoben werden müssten.

(vgl.http//www.taz.de/tpl/1999/03/09)

Die Vertreibung

Die Vertreibung nach 1945 gliedert sich in zwei Phasen :

(1) die sogenannte “wilde Vertreibung“

(2)Vertreibung nach der Potsdamer Konferenz ad1)

Nach den vielen Jahren der deutschen Besatzung ist es vielleicht verständlich, dass viele Tschechen nach Vergeltung riefen.

In der allerersten Zeit nach der Kapitulation Deutschlands vom Mai `45 konnte man einzelne rücksichtslose Austreibungsaktionen noch als Spontanaktionen von radikalen Gruppierungen bezeichnen. Aber als diese Exzesse, wenn auch in unterschiedlichen Umfang, auf das ganze Gebiet übergriffen und den ganzen Sommer 1945 hindurch andauerten, wurde eine Planmäßigkeit deutlich.

Der tschechoslowakische Informationsminister Kopecký erklärte am 25.Mai 1945,dem Tag, an dem das erste Benes-Dekret in Kraft trat, im Prager Rundfunk:

„ Das tschechoslowakische Militär ist schon in Bereitschaft für die Säuberung des

Grenzgebietes der Republik von Deutschen und Ungarn und für die Rückerstattung der Reichtümer dieser von altersher slawischen Gebiete in die Hände der Tschechen und Slowaken “ (Dokumentation der Vertreibung,S. 106)5

An der Durchführung der Vertreibungshandlungen waren neben den örtlichen.6 Nationalausschüssen und der Revolutionsgarde vor allem auch die Svoboda-Armee, die mit der Roten Armee eingerückte tschechoslowakische Befreiungsarmee unter dem General Svoboda, beteiligt. Überfallsartig erschienen bewaffnete Trupps in Ortschaften und befahlen den Deutsch innerhalb kürzester Zeit ihre Häuser zu verlassen. Die Leute hatten oft nicht einmal genug Zeit, das Notwendigste zu packen. Sie mussten sich an bestimmten Punkten sammeln, wo dann über ihr weiteres Schicksal bestimmt wurde. In grenznahen Gebieten wurden sie in Kolonnen Richtung Deutschland oder Österreich in Bewegung gesetzt. Alte, gebrechliche Menschen, Frauen mit Kindern beherrschten das Bild.Wenn sie dann erschöpft und völlig entkräftet an der Grenze ankamen, wurde das ohnehin schon spärliche Gepäck durch eine “Zollkontrolle“ noch einmal verkleinert. Auch Leibesvisitationen wurden vorgenommen. Nach der Grenze waren die Vertiebenen sich selbst überlassen.

Ihren Höhepunkt erreichte die ersten ‚wilden’ Austreibungsaktionen in den Monaten Juni und Juli.

Am bekanntesten wurden die Leidensmärsche der Brünner Deutschen, der Frauen und Greis aus Jägerndorf, und der Männer aus Komotau.

(vgl:Dokumentation der Vertreibung,S106f)

Dazu ein Zeitungsbericht von Rhona Churchill im Londoner Daily Mail.

Sie berichtet über die Verhältnisse in der neu erstandene Tschechoslowakei und besonders über die Vertreibung der Deutschen aus der mährischen Hauptstadt Brünn/Brno am 30.Mai 1945:

Hier, zum Beispiel, die Ereignisse vom vergangenen Monat in Brno, als junge Revolutionäre der tschechischen Nationalgarde beschlossen, die Stadt zu „ reinigen “ .

Kurz vor neun Uhr abends marschierten sie durch die Straßen und riefen alle deutschen Bürger auf, um neun Uhr vor ihren Häusern zu stehen, ein Gepäckstück in jeder Hand, bereit, die Stadt auf immer zu verlassen.

Den Frauen blieben zehn Minuten, ihre Kinder zu wecken, sie anzuziehen, ein paar Habseligkeiten zusammenzupacken und sich auf die Straße zu stellen. Hier mussten sie allen Schmuck, Uhren, Pelz und Geld den Nationalgardisten ausliefern, bis auf den Ehering; dann wurden sie mit vorgehaltenen Gewehren in Marsch gesetzt, derösterreichischen Grenze entgegen.

Es war stockfinster, als sie die Grenze erreichten, die Kinder weinten, die Frauen stolperten vorwärts. Die tschechischen Grenzwachen drängten sieüber die Grenze denösterreichischen Grenzwache entgegen, da kam es zu neuer Verwirrung. Die Ö sterreicher weigerten sich, die Leute aufzunehmen, die Tschechen, sie wieder ins Land zu lassen .Am nächsten Morgen erschienen ein paar Rumänen als Wache. “

(Originalzit.zit.nach :de Zayas,S.125)

Man kann sich natürlich die Frage stellen, ob die Grenzwache wirklich eine Österreichische war. In der Literatur wird jedenfalls durchwegs davon gesprochen. (vgl.Ahrens,S.224 und Dokumentation der Vertreibung,S.108)

Man brachte dann die Masse dieser Zwanzigtausend in Getreidesilos auf einem freiem Feld in Pohrlitz unter, wo sie wochen- und monatelang unter den entsetzlichsten Bedingungen dahinvegetierten. Die Arbeitsfähigen wurden herausgeholt und in der Landwirtschaft beschäftigt. Da vor allem die hygienischen Vorraussetzungen fehlten um so viele Menschen human unterzubringen, raffte eine Typhusepidemie Hunderte der Hungernden dahin.(vgl:Dokumentation der Vertreibung,S.108)

Rhonda Churchill schrieb weiters in der Daily Mail:

Sie sind noch immer auf diesem Feld, das zum Konzentrationslager geworden ist. Sie haben nur zu essen, was ihnen die Wachen gelegentlich bringen. Rationen erhalten sie nicht Jetzt wütet eine Typhusepidemie unter ihnen, und es heißt, dass täglich hundert sterben.

Fünfundzwanzigtausend Männer, Frauen und Kinder haben diesen Gewaltmarsch aus Brünn mitgemacht, darunter eine Engländerin, die mit einem Nazi verheiratet ist, eine Ö sterreicherin von siebzig Jahren, eine sechsundachtzigjährige Italienerin. Ü berall im Lande werden jetzt Konzentrationslager für Deutsche eingerichtet. Man schickt die Leute unterschiedslos hinein, während sie auf ihr Visum für Deutschland warten. Sogar deutsche Juden und Nazigegner, die erst kürzlich aus den Konzentrationslagern der SS befreit wurden, sind nicht sicher... “

(Originalzit :de Zayas,S.125)

Internierunglager

Es stellte sich heraus, dass die sofort ausgewiesenen Deutschen das beste Los gezogen hatten- falls sie den Transport überlebten-, weil ihre Aussicht auf Überleben im Westen besser war. Massen Zurückgebliebenen wurden in Internierungslager gebracht, um dort auf ihre Ausweisung zu warten. Die Lager, die im Sudetengebiet zunächst nur für die Aufnahme politisch belasteter Persönlichkeiten dienen sollten, waren bald überfüllt. Ungeachtet dessen, dass mittlerweile eine Unzahl von Deutschen, für die die politische Strafgesetzgebung nicht zutraf, interniert worden war, wurde in vielen Fällen von den einzelnen Lagerkommandanten eine nach persönlichen Maßstäben ausgerichtete Vergeltungspolitik durchgeführt, unter der alle Personen, gleich ob im Sinne der neuen Gesetzgebung schuldig oder unschuldig, zu leiden hatten. Infolge der Überfüllung der Lager und den dort unhygienischen Bedingungen starben viele entkräfteten Menschen durch Epidemien.

(vgl.Dokumentation der Vertreibung,S.111)

Nach Ermittlungen des Suchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes bestanden in der Tschechoslowakei 1215 Internierungslager, 846 Arbeits- und Straflager und 215 Gefängnisse, in denen 350 000 Deutsche längere oder kürzere Zeit festgehalten worden sind. (vgl:Ahrens,S.224)

Im Lager von Svidnik wurden Deutsche zum Minenräumen eingesetzt.

Zu den schlimmsten Lagern in der Tschechoslowakei der Nachkriegszeit gehörte das ehemalige KZ Theresienstadt. H.G. Adler, der als Jude dort inhaftiert gewesen war, schildert die Verhältnisse im Lager von 1946:

Bestimmt gab es unter ihnen welche, die sich während der Besatzungsjahre manches haben zuschulden kommen lassen, aber die Mehrzahl, darunter viele Kinder und Halbwüchsige, wurden bloßeingesperrt, weil sie Deutsche waren. Nur weil sie Deutsche waren...? Der Satz klingt erschreckend bekannt; man hatte bloßdas Wort ‚ Jude ’ mit ‚ Deutsche ’ vertauscht...Das Lager stand unter tschechischer Verwaltung, doch wurde nicht verhindert, dass Russen gefangene Frauen vergewaltigten... “

(Originalzit :de Zayas,S.140)

Das Schicksal der Männer aus Komotau erlangte auch tragische Aufmerksamkeit. Anfang Juni’45 befahl die dortige Militärkommandantur allen männlichen Einwohnern im Alter von 13-65 Jahren, sich an bestimmten Plätzen zu sammeln. Nachdem Svoboda-Soldaten und Revolutionsgardisten die aus der Menge ermittelten SS-Leute unter sadistischen Quälereien umgebracht hatten, trieben sie die 8000-9000 Männer zur sächsischen Grenze, wo Offiziere der Roten Armee den Abschub verhinderten und die endlose Kolonne zurückschickte. Die Tschechen teilten sie nun in Lager auf und setzten sie zur Zwangsarbeit ein. (Dokumentation der Vertreibung,S.110)

Im ganzen waren im Verlauf der ersten Austreibungswelle etwa 700 000 bis 800 000 Sudetendeutsche aus der Tschechoslowakei entfernt worden, davon etwa 150 000 nach Österreich. Doch die große Masse war noch in ihren Heimatorten und dem individuellen Terror ausgesetzt.(Terror der nicht von “militärischen“ Einheiten ausgeht.)

Die Austreibungsaktionen bis in den Spätsommer’45, scheinen zwar nicht von einer zentralen Stelle gelenkt worden zu sein, allerdings dürfte die Organisation nicht ohne das Wissen von hohen Regierungsmitgliedern möglich gewesen sein. (vgl:Dokumentation der Vertreibung,S.113)

Es ist interessant, in wie weit die Initiative der kommunistischen Seite eine Rolle spielte ? Dafür spricht, dass die wilden Vertreibungen fasst ausschließlich auf den von den sowjetischen Truppen besetzten Gebieten, stattfanden. In der amerikanischen Besatzungszone blieben diese aus.(vgl:Dokumentation der Vertreibung,S.113) Ein Grund für die Grausamkeit der sowjetischen Truppen dürfte der vorangegangene erbarmungslose Vernichtungskrieg der Nationalsozialisten im Osten gewesen sein. Das Wüten der Deutschen erzeugt persönliche Rachegefühle der sowjetischen Soldaten, die Freunde und Familie im Krieg verloren hatten.

Die Amerikaner kamen hingegen eher “unberührt“ in den Krieg und waren nicht auf Vergeltung aus.

Am 3.Juli 1945 ersuchte die tschechoslowakische Regierung um eine Aufnahme des Vertreibungsprogrammes in die Tagesordnung der Potsdamer Konferenz. ad2)

Vertreibung nach der Potsdamer Konferenz:

Die Potsdamer Konferenz hieß dann auch den Bevölkerungs-‚Transfer’ aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn im Ganzen gut, knüpfte daran allerdings die Aufforderung, u.a. auch an die tschechoslowakische Regierung, vorerst weitere Austreibungen aufzuschieben bis der Kontrollrat das ganze Problem geprüft habe. Der Wortlaut des Potsdamer Beschlusses von 2.August 1945, Artikel XIII lautet:

„ XIII. Ordnungsgem äß e Ü berführungen deutscher Bevölkerung.

Die Konferenz erzielte folgendes Ü bereinkommenüber die Ausweisung Deutscher aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn:

Die drei Regierungen haben die Frage unter allen Gesichtspunkten beraten und erkennen an, dass die Ü berführung von deutscher Bevölkerung oder Bestandteilen derselben, die in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn zurückgeblieben sind, nach Deutschland durchgeführt werden muss. Sie stimmen darinüberein, dass jedwede Ü berführungen, die stattfinden werden, in ordnungsgem äß er und humaner Weise erfolgen sollen... “ (Originalzit:Machunze,S.9)

Die Potsdamer Konferenz änderte an der Durchführung der Vertreibung nicht viel. Obwohl die tschechische Regierung mehrmals ausländischen Diplomaten versicherte, dass die Vertreibungen eingestellt worden seien, traf dies nicht zu; ebenso wenig sind während des Jahres 1945 die Methoden spürbar gemildert worden. (vgl:de Zayas,S.135)

In den Jahren 1946-47 fand also eine sogenannte “geregelte“ Umsiedlung statt. Der Alliierte Kontrollrat verbesserte seine Kontrollmöglichkeiten. Unterdessen hatte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) erfolglos versucht, seinen Mitarbeitern die Möglichkeit zu verschaffen, die Umsiedlungen zu überwachen. (vgl:de Zayas,S.138)

Anne 0’Hare McCormick, Sonderkorrespondentin der New York Times, berichtete im Februar 1946 aus Deutschland:

„ In Potsdam war man auchübereingekommen, dass die erzwungene Auswanderung in ‚ humaner und geregelter Weise ’ durchgeführt werden sollte. Aber wie jedermann weiß, der den schrecklichen Anblick der Empfangsstellen in Berlin und München erlebt hat, vollzieht sich der Exodus unter alptraumhaften Zuständen, ohne internationale Beaufsichtigung oder auch nur vorgespiegelte humane Behandlung. Wir sind mitverantwortlich für Greuel, die nur den Grausamkeiten der Nazis zu vergleichen sind... “ (Originalzit :de Zayas,S.138)

Zwar sprechen zahlreiche Berichte nicht gerade für eine Verbesserung, doch tatsächlich wurden die Verhältnisse ab 1946 besser. Auch die Sterblichkeitsrate sank entscheidend. Das IKRK konnte nun vor allem einige Internierungslager kontrollieren. Die Alliierten der britischen und amerikanischen Besatzer konnten mehreren Fällen in Internierungslagern nachgehen, darunter auch den Zuständen in dem berüchtigten Internierungslager Budweis in Südböhmen. Der stellvertretende Leiter des Lagers in den Jahren 1945/46 floh später nach Bayern, wo ihn ehemalige Lagerinsassen erkannten. Er wurde von dem amerikanischen Gericht der Alliierten Hochkommission zu acht Jahren Freiheitsentzug verurteilt.(vgl:de Zayas,S.142) Das Gericht wies dann auf die Unparteilichkeit demokratischer Rechtsverfahren hin, die einen Mann wie den Lagerleiter bestrafen müsse, wenn auch alle seine Opfer Deutsche gewesen waren und zwar schwer bestrafen, um vom Sadismus abzuschrecken.(vgl:de Zayas,S.142) In den Siebzigerjahren veröffentlichtes Material über die eindeutigen Unmenschlichkeiten, die sich während der Vertreibungen ereigneten, sind von der “Ostblockpresse“ als „Provokationen“ und „Geschichtsfälschung“ abgetan worden. Westdeutsche Wissenschaftler, die diese Vorgänge erforschten, wurden als „Chauvinisten, Revanchisten, Irredentisten, ja sogar als Neo-Nazis“ bezeichnet. (vgl:de Zayas,S.142)

Um den Vorwurf der Geschichtsfälschung zu entkräften, folgen auf der nächsten Seite die Zahlen der Vertreibung, die sich schlecht verleugnen lassen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(nach: Alfred Bohmann, "Das Sudetendeutschtum in Zahlen", Sudetendeutscher Rat, München 1959)

aus(http//www.sudeten.de von 19.12.99)

Schicksale

Wenn man über die Massen an vertriebenen Menschen berichtet hat man immer sehr große Zahlen im Kopf. Doch es ist die Geschichte jedes einzelnen, an der man das ganze Ausmaß des Verbrechen erst richtig begreift.

Einige Beispiele:

„ Die Tschechen, darunter auch Bekannte von unserer Nachbarortschaft Posikau, trieben alle Männer aus unserem Ort prügelnd auf dem Dorfplatz zusammen. Sie wurden so lange geschlagen, bis sie ohnmächtig zusammenbrachen und dann wurde in die unschuldigen hineingeschossen. “ (Originalzit:Ahrens,S.236)

„ Im Juni oder Juli 1945 war ich Zeuge, wie der kath. Priester Morzis, der angeblich deutschfreundlich war, misshandelt wurde. Erst musste der Priester ein Loch in die erde graben, dann wurde er da hingestellt und bis zum Halse durch tschechische Wachmannschaften eingegraben. Darauf kamen zwei tschechische Polizeibeamte und schlugen so lange mit Holzstöcken auf seinen kopf, bis er kein Lebenszeichen mehr von sich gab. “ (Originalzit:Ahrens,S.237)

„ Um 16.30 Uhr nach Arbeitsschlußwurden wir beim Fabriktor gründlich nach Waffen durchsucht, vor dem Aufgang zur Brücke noch einmal, wer einmal auf der Brücke war, durfte nicht mehr zurück. Am Aussiger Ufer empfingen uns Hunderte von Tschechen mit Knüppel und Eisenstangen. Ich hatte schon einige schwere Kopfverletzungen, mein Begleiter - ein 67jähriger Obermeister - wurde vor mir der Kopf eingeschlagen. “

(Originalzit:Ahrens,S.240)

Ich möchte aber nicht unerwähnt lassen, dass für viele das korrekt Verhalten einzelner Tschechen, sei es im Amt oder am Arbeitsort, ein Lichtblick in einer sonst trostlosen Lage war. Nicht wenige Sudetendeutsche verdanken der persönlichen Hilfsbereitschaft und den Entgegenkommen mancher Tschechen, vor allem dort, wo durch jahrelanges Zusammenleben eine gegenseitige menschliche Wertschätzung gewachsen war und von der jeweiligen politischen Konstellation unberührt blieb, eine Erleichterung ihres schweren Schicksals.(vgl:Dokumentation der Vertreibung,S.111)

Schlusswort

Wie schon in der Einleitung erwähnt, ist es mir nicht leicht gefallen, diese Arbeit zu schreiben. Doch ich bin froh, dass ich es getan habe. Das Thema interessierte mich von Satz zu Satz mehr, sodass ich eigentlich mehr geschrieben habe als eigentlich wollte. Mein Wunsch objektiv zu sein, ist ein Wunsch geblieben. Doch ich hoffe, dass ich einen Beitrag zum besseren Verständnis der Folgen des 2. Weltkrieges geleistet habe.

Literaturverzeichnis:

Broschüre der Sudetendeutschen Landmannschaft, Referat für Öffentlichkeitsarbeit, Wer sind die Sudetendeutschen ?

Arbeitskreis für Menschenrechte:“ Wo ist mein Heim ?, Tschechiens Verkrampfung: Benes-Dekrete“,1998

Machunze, Erwin: „Vom rechtlosen zum Gleichberechtigten“, Donauschwäbische Beiträge, 1974

Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte (Hrsg): Dokumentationen der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa, Band IV/1,München 1984

De Zayas, Alfred M: „Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen“ ,1980 Ahrens, Wilfried: Verbrechen an Deutschen

Alfred Bohmann, "Das Sudetendeutschtum in Zahlen", Sudetendeutscher Rat, München 1959)

http//www.sudeten.de

http//www2.genealogy.net/gene/SUD/hist http//www.taz.de/tpl/1999/03/09

[...]


1 Aus http//www.sudeten.de und http//www2.genealogy.net/gene/SUD/hist.

2 Interview geführt mit Frau F., am 12.Nov.1999. Interview im Besitz der Verfasserin

3 Aus http//www.sudeten.de

4 Aus http//www.sudeten.de.

5 Zitat nach der „Der Sozialdemokrat“, Nr.68 vom 31.Mai 1945, S.1089f.

Details

Seiten
20
Jahr
2000
Dateigröße
401 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v97285
Note
2
Schlagworte
Vertreibung Sudetendeutschen Tschechoslowakei Proseminar Zeitgeschichte
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Titel: Die Vertreibung der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei