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Hauptmann, Gerhard - Bahnwärter Thiel

Referat / Aufsatz (Schule) 2000 7 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

1. Biographie des Autors Gerhard Hauptmann:

Gerhart Hauptmann war der wichtigste Vertreter des Naturalismus in Deutschland.

Gerhart Hauptmann wurde am 15. November 1862 als Jüngster von vier Geschwistern in Ober-Salzbrunn geboren. Sein Vater war Gastwirt. Obwohl die Eltern ihm nach Möglichkeit das Gasthaus verboten hatten, lernte er hier schon früh die vielfältigen Typen der schlesischen Bevölkerung und auch die sozialen Probleme seiner Heimat kennen. Aus Erzählungen des Vaters wusste Hauptmann, dass sein Großvater Weber war, der seinen Sohn unter kritischen Lebensbedingungen großgezogen hat. Die Eltern waren sehr auf die Erziehung der Kinder bedacht. 1874 kam Hauptmann zu seinen Brüdern nach Breslau, wo er die städtische Realschule besuchte, allerdings hinderten ihn einige Krankheiten oft am Schulbesuch. 1878 schied er, nachdem er mehrfach Klassen wiederholt hatte, aus der Quarta (heute 7. Klasse) des Gymnasiums aus. Er arbeitete in der Landwirtschaft. Während dieser Zeit bekam er eine schwere Lungenentzündung. Nach Breslau zurückgekehrt, ging er auf die königliche Kunst- und Gewerbeschule, wo er zwei Jahre studierte, einen Abschluss machte er nicht. Von 1883- 84 machte er eine weite Auslandsreise in die Schweiz, Spanien und Italien. Hier erkrankte er an Typhus. Er erholte sich im Hause seiner Schwägerin nahe bei Dresden, dort lernte er deren Schwester Marie kennen. Sie wurde 1885 seine erste Frau, und sie zogen nach Berlin. In Berlin begann er zu schreiben. Er lernte viele Dichter und Schriftsteller kennen, und so war er sich bald seiner Berufung endgültig klar. Er erlebte aber auch schwere persönliche Krisen:

1894 verließ ihn seine Frau mit den drei Kindern und ging nach Amerika. Hauptmann lebte nun teils in Berlin, teils auf Reisen. 1904 heiratete er zum zweiten Mal. Hauptmann schrieb viele bedeutende Werke, die in fast alle Kultursprachen der Welt übersetzt wurden und Bestandteil der Weltliteratur wurden. Der Ausbruch des ersten Weltkrieges und der Tod seiner ersten Frau im gleichen Jahr erschütterte den Dichter schwer. Aber sein Schaffen ging weiter. Kriegserlebnisse und die innere Abwehr gegen die Herrschaft der Gewalt regten ihn zum Schreiben an. Die letzten Lebenstage des Dichters waren überschattet von der deutschen Katastrophe, die seine schlesische Heimat als verheerendes Verhängnis traf. Immer entschiedener kam das Unglück der Vertreibung auf ihn zu, gegen das er sich mit letzter Kraft wehrte. Im April 1946 endlich willigte er in die Umsiedlung nach Berlin ein. Mitten unter den Vorbereitungen erkrankte er. Am 6. Juni 1946 starb er in Agnetendorf. Der Sonderzug, der bereits für seine Vertreibung aus der Heimat bereitstand, brachte nur seine Leiche nach Berlin. Am 28. Juli 1946 wurde er auf dem kleinen Friedhof zu Kloster auf Hiddensee zur letzten Ruhe gebettet.

2. Einführung:

"Bahnwärter Thiel" ist eine novellistische Studie, einzuordnen in die Epoche des Naturalismus. Gerhart Hauptmann schildert in ihr die Geschichte des Bahnwärter Thiels die ein tragisches Ende nimmt. Die Handlung spielt am Ende des 19. Jahrhunderts, an den Hauptspielorten Schön-Schornstein an der Spree und das Bahnwärterhaus.

Personen im Text:

Bahnwärter Thiel

Der Bahnwärter Thiel ist ein Mann von "herkulischer Gestalt", was besagt, dass er äußerst kräftig gebaut ist. Seine Haut ist sonnengebräunt und auf seine Wangen wuchert ein Bart. Das ergrauende Haar hat er zu einem Scheitel frisiert.

Sein Äußeres Erscheinen passt aber nicht zu seinem Inneren. Sein inneres Phlegma und seine Zuneigung zu seiner ersten Frau und zu seinem Sohn charakterisieren ihn als liebenswert. Thiel ist sehr ordnungsliebend, und sein Leben läuft in geregelten Bahnen ab. Der Tod seiner Frau hinterlässt bei ihm eine tiefe Wunde, die er durch die Liebe zu seinem Sohn Tobias vergessen will. Der einzige Bezug zur Realität ist Tobias. Nachdem Tobias gestorben ist, hat Thiel keinen Bezug mehr zur Realität, er verfällt dem Wahnsinn.

Tobias

Tobias, der Sohn Thiels, wird von seinem Vater sehr geliebt, da er für ihn die einzige wirkliche Erinnerung an Minna ist. Tobias konnte seine Mutter nie kennenlernen, da sie bei seiner Geburt gestorben ist. Er leidet stark darunter, dass es keine richtige Mutterfigur in seinem Leben gibt, denn Lene, die keine Gefühle für ihn zeigt, kann er nicht als Mutter annehmen. Seine einzige seelische Stütze ist sein Vater, der ihm seine ganze Liebe schenkt, doch auch ihm, der doch sein "Leidensgenosse" ist, vertraut er nicht an, wie er von Lene behandelt wird.

Minna

Minna, Thiels erste Frau, wird nun am Anfang des Buches kurz erwähnt und als blass, hager und kränklich aussehend beschrieben, spielt aber dann noch eine wichtige Rolle, da sie immer wieder in den Gedanken und Träumen des Bahnwärters auftaucht. Sie stirbt nach zweijähriger Ehe mit Thiel, im Wochenbett nach der Geburt von Tobias.

Lene

Sie wird von Thiel, nachdem seine Frau verstorben ist, geheiratet, da er der Ansicht ist, dass sein Sohn Tobias unbedingt eine Mutter benötigt. Doch sie ist unbeherrscht, herrsch- und streitsüchtig.

Nach der Geburt ihres eigenen Kindes wendet sie sich nur mehr diesem zu und misshandelt Tobias stets, wenn Thiel die Arbeit besucht. Thiel resigniert immer wieder vor ihr und lässt sie tun, was sie will.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung der Beziehung zwischen den Hauptpersonen:

Naturalismus:

(= Kunstrichtung Ende des 19. Jahrhunderts, die eine genaue, nicht beschönigende Darstellung der Wirklichkeit anstrebt)

Die folgende Karikatur befasst sich kritisch mit dem Theater des Naturalismus. Auf der

Karikatur kann man Armut, Alkoholismus und die emanzipierte Frau erkennen. Ein Kritiker rennt aus dem Theater heraus und ein anderer, sehr vornehmer Mann, eilt mit hastigen Schritten und zugehobender Nase daran vorbei.

Die Karikatur sagt aus, dass die Kritiker und die Menschen die in das Theater gehen keine Armut, Dreck und Kinder sehen möchten an die der Alkohol weiter gereicht wird. Sie möchten das schöne auf der Welt auf Bühnen sehen und nicht den Alltag mit dem sich der Naturalismus befasst.

3. Zusammenfassung:

Bahnwärter Thiel, ein sehr ruhiger, ordnungsliebender und durchaus kräftiger Mensch von herkulischer Gestalt, kann fast nichts von der Predigt und der Arbeit fernhalten. Eines Tages geht Thiel nicht mehr alleine zur Kirche. Es begleitet ihn ein schmächtiges und kränkliches Frauenzimmer. Bald darauf heiratet er Minna. Zwei Jahre später bringt sie ihm einen Sohn zur Welt. Seine Frau Minna jedoch stirbt noch im Wochenbett. Thiel zeigte äußerlich keine Trauer, innerlich trifft ihn jedoch der Schicksalsschlag schwer. Denn er liebt seine Minna über alles.

Am Sterbebett verspricht er Minna sich gut um seinen Sohn zu kümmern und für sein

Wohlergehen zu sorgen. Um eine Ersatzmutter für sein Söhnchen Tobias zu erhalten, heiratet Thiel die robuste Kuhmagd Lene. Obwohl Lene eine musterhafte Wirtschafterin ist, muss der Bahnwärter drei Dinge in Kauf nehmen: ihre harte, herrschsüchtige Gemütsart, ihre Zanksucht und ihre brutale Leidenschaftlichkeit. Das gemeinsame Kind, das bald zur Welt kommt, wird von Lene stark bevorzugt und erhält viel mehr Zuneigung als Tobias. Während Thiel bei der Arbeit ist, wird der Junge von ihr misshandelt.

Thiels einsamer Arbeitsplatz mitten im Wald wird zu seinem liebsten Aufenthalt. Er beginnt immer mehr aus dem Zusammenleben mit Lene zu fliehen. Thiel zieht sich sein Bahnwärterhäuschen zurück. Dort lebt er in seiner eigenen, intakten Welt, dort hat er seine Ruhe vor Lene, die von seinem anderen Zuhause Besitz ergriffen hat. Er lebt in zwei Welten, zum Einen in der Realität und zum Anderen in seiner Wunschwelt. In der Stille der Einsamkeit denkt er oft an seine erste Frau und macht sich Vorwürfe, dass er sich nicht für seinen Sohn Tobias wehrt, obwohl er der sterbenden Minna versprochen hat, gut für das Kind zu sorgen. Oft singt er bei aufgeschlagener Bibel Kirchenlieder bis zu Ekstase, dass er meint Minna wirklich zu sehen.

Eines Abends jedoch vergisst Thiel seinen Proviant mitzunehmen. Er eilt nach Hause zurück und muss miterleben, wie Lene wieder einmal Tobias misshandelt. Er bringt jedoch nicht die Kraft auf Lene zu widersprechen, er resigniert einmal mehr, steckt den Proviant ein und geht zur Arbeit.

Am selben Abend hat Thiel einen Alptraum, der ihn nicht mehr los lässt. Er träumt, wie jemand Tobias auf eine entsetzliche Weise misshandelt. Dann träumt er, dass Minna das Bahngleis entlang kommt. Sie befindet sich auf der Flucht und trägt in ihren Armen etwas Blutiges, Bleiches in Tücher eingewickelt. Dieser Traum beunruhigt ihn so, dass er nach seinem Dienst sofort nach Hause eilt.

Eines Tages erhält Thiel einen Kartoffelacker bei seinem Bahnwärterhäuschen zur Bewirtschaftung. Nun dringt Lene in die andere Welt ihres Mannes ein und bringt damit das Gleichgewicht der Welten durcheinander. Während die Frau mit dem Umgraben des Ackers beschäftigt ist, zeigt der Bahnwärter seinem Sohn Tobias seinen Arbeitsplatz. Dann macht er sich wieder an die Arbeit, denn er muss die Schranken für einen Schnellzug schließen. Plötzlich bremst der Zug und Thiel sieht nur noch, wie etwas unter die Lok kommt. Es ist sein Sohn Tobias.

In seiner Verzweiflung und in seinem Wahn spaltet Thiel Lenes Schädel mit dem Küchenbeil und tötet ihr Söhnchen. Danach versucht er sich selbst umzubringen, was ihm aber nicht gelingt.

Der Bahnwärter wird schließlich in eine Irrenanstalt gebracht.

4. Interpretation:

Am Anfang ist alles in Ordnung, bis zu dem Augenblick, als Thiel seine erste Frau Minna verliert. Dieses Ereignis trifft Thiel sehr stark. Und hier beginnt eigentlich der seelische

Zerfall von ihm. Seine einzige Verbindung zu Minna wird sein Sohn Tobias. Als Thiel Lene heiratet findet er einen Moment lang Glück, auch als er das Ackerstück bekommt. Jedoch nur bis er realisiert, dass durch die Annahme des Ackerstückes Lene auch noch von seiner letzten Freiheit Besitz ergreift, sie dringt in die Welt der Minna ein und bringt damit das Gleichgewicht der Welten durcheinander. Er wird immer mehr abhängiger von Lene, es gefällt ihm, der Sklave von ihr zu sein. Er merkt jedoch nicht, dass er sich ihr durch die Unterwürfigkeit immer mehr ausliefert.

Dazu kommt mit der Zeit noch der Beginn einer Depression. Das äussert sich, dadurch, dass er aus der Realität zu fliehen versucht. Indiz dafür sind die nächtlichen Zeremonien in seinem Bahnhäuschen, bei denen er mit seiner erste Frau Minna Kontakt aufzunehmen versucht. Sein einziges Bindeglied zu Realität ist sein Sohn Tobias.

Thiel ist mit der Zeit nicht mehr imstande sich gegen Lene zu wehren. Er hat sich ihr schon zu sehr unterworfen. Er gehorcht ihr wie ein Sklave seiner Meisterin. Das wird deutlich, als er zusehen muss, wie Lene Tobias misshandelt. Er flieht wieder in seine Traumwelt. Die Frage ist, was er an Lene gefunden hat, als er sie geheiratet hat. Es war wohl die sexuelle Ausstrahlung und das Versprechen für Tobias zu sorgen. Der Grund für die nur körperliche Liebe zwischen Thiel und Lene ist, dass Thiel Minna nicht loslassen kann. Das heisst konkret, dass er nie aufgehört hat Minna zu lieben und damit auch niemand anderen lieben. Er hat es nie geschafft die Trauer um Minna zu überwinden.

Tobias wird immer wieder von seiner Stiefmutter Lene gequält. Was der Auslöser für die

Gewalttaten ist, sind ihre mütterlichen Triebe ihr eigenes Kind vor Tobias zu beschützen und die Unfähigkeit kein anders Kind zu lieben und zu akzeptieren. Das ist nicht nur bei einer Frau so, es kann auch bei Männern vorkommen.

Thiel dreht durch, nachdem Tobias gestorben ist. Der Grund dafür ist, dass er seine einzige Verbindung zur Realität verloren hat. Er weiss nicht mehr, was er tut. Er schiebt Lene die Schuld in die Schuhe und wirft ihr vor, das sie ihn auf dem Gewissen hätte. In seinem Wahnsinn bringt er sie und ihr gemeinsames Kind um. Durch dieses Ereignis wird Thiels Traum in dem Minna auf den Schienen läuft wahr. Das Blutige in ihren Armen ist der kleine tote Tobias, den sie zu sich holt.

Hauptmann gebraucht auffallend viele Vergleiche und Personalisierungen. Natur und Technik werden nicht getrennt oder gegensätzlich dargestellt, sondern miteinander verknüpft und verglichen. Sie spiegeln alles das Schicksal Thiels wieder. Es werden nur die Farben schwarz und rot verwendet, sie verweisen auf den Tod und die blutige Katastrophe am Schluss. Das Bild des Feuers taucht sehr häufig auf. Es symbolisiert gleichzeitig die verdrängte Wut und die ungezügelte sexuelle Leidenschaft Thiels.

Die schwarzen parallel laufenden Gleise symbolisieren den unaufhaltsamen Weg Thiels. Der Zug rast schnell auf den Gleisen zum schwarzen Punkt am Horizont und irgendwann wird der Punkt erreicht sein an dem der Zug anhält. Ebenso läuft Thiels Geschichte ab, er fährt auf den Gleisen und das schreckliche und blutige Ende ist der Punkt am Horizont am welchen alles sein Ende findet.

Interessant ist noch, das Hauptmann nie konkret geschrieben hat, wieso Tobias sich auf den Schienen aufhielt. War Lene schuld, war es ein Zufall oder brachte sich Tobias selber um? Ich schätze dass es ein tragischer Unfall war, der verhindert hätte werden können. Man fragt sich jetzt sicher, hätte es keine andere Möglichkeit für Thiel gegeben? Doch, die gab es. Dazu hätte sich aber Thiel öffnen müssen. Er konnte jedoch nur seine Gefühle zeigen, wenn sie zu stark wurden. Und um den Teufelskreis durchbrechen zu können, hätte er über seine Probleme und Gefühle sprechen müssen. Zu dem lässt sich eine Depression nur durchbrechen, wenn man sich seinen Ängsten und Problemen stellt und nicht in eine andere Welt flieht. Er hätte sich also Lene stellen müssen, spätestens als er sah, wie Tobias misshandelt wurde.

Anders wäre es sicher auch gekommen, wenn er nicht Lene geheiratet hätte. Seine Anfälligkeit und die Liebe zu Minna wären jedoch geblieben.

5. Persönliche Stellungnahme:

Das Werk hat mich sehr beeindruckt. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, warum Tiel sich nie gewehrt hat. Warum ließ er es zu, dass Lene Tobias so behandelt, obwohl er Minna am Sterbebett versprochen hat für Tobias zu sorgen. Ich schätze Thiels Probleme waren so stark, dass er in Depressionen fiel. Dadurch fiel es ihm wahrscheinlich schwer sich in der Realität zurecht zu finden. Hinzu kommt die starke Abhängigkeit von Lene. Thiel hätte meiner Meinung nach viel an seinem Leben ändern können, wenn er sich bewusst geworden wäre, unter welchen Problemen er leidet und versucht hätte diese zu unterbinden. Was mir an Hauptmann gut gefällt ist, dass er sehr ausführlich beschreibt, dabei aber auch noch Platz für die anderen Gedanken lässt. Da ich Interesse in Psychologie habe fand ich das Buch sehr interessant und kann es nur weiter empfelen.

Details

Seiten
7
Jahr
2000
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v96967
Note
Schlagworte
Hauptmann Gerhard Bahnwärter Thiel

Autor

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Titel: Hauptmann, Gerhard - Bahnwärter Thiel