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Die Veränderungen der Wohnverhältnisse und Wohnbedürfnisse von Kindern und Jugendlichen im Wandel der Zeit unter besonderer Berücksichtigung der letzten 50 Jahre

Seminararbeit 1999 22 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Mittelalter bis Mitte des 20. Jahrhunderts
1. Vom Mittelalter bis zur industriellen Revolution
2. Die Kaiserzeit und Weimarer Republik
2.1. Familien in der Stadt
2.1.1. Arbeiterfamilien
2.1.2. Bürgertum
2.2. Familien auf dem Land
3. 20. Jahrhundert: 20er Jahre bis 2.Weltkrieg

III. Die letzten 50 Jahre
4. Kriegs- und Nachkriegszeit des 2.Weltkrieges
5. 50er und 60er Jahre
6. 70er Jahre bis heute
7. Die gegenwärtige Situation
8. Die ideale jugendgerechte Wohnung

IV. Ergänzungen
9. Eigene Befragungen von Familienmitgliedern
10. Persönliche Stellungnahme zum Thema
11. Verwendete Literatur

I. Einleitung

„Das war der stärkste Wunsch meiner Jugend: ein eigenes Zimmer zu besitzen. Ich wünschte mir einen Winkel, der nur mir gehörte; einen Raum, in den ich mich verkriechen, in dem ich ungestört arbeiten, lesen, der ersten Schwärmerei nachhängen konnte.“1

Heute gilt die Auffassung, daß ein eigenes Zimmer unabdingbar für eine optimale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen sei. Kennzeichnend für das Jugendalter sind vor allem eine wachsende Unabhängigkeit und die allmähliche Loslösung vom Elternhaus. Erwachsene wissen, wie nötig ihre Kinder daher den Austausch mit Gleichaltrigen fernab von elterlicher Kontrolle haben. Gerade Jugendliche haben ein starkes Bedürfnis nach einer Privatsphäre. Ein eigenes Zimmer bietet ihnen die Möglichkeit zur Selbstreflexion und Ausbildung einer eigenen Persönlichkeit.

Dieses Verständnis war nicht immer vorhanden, wie obiges Eingangszitat andeutet. Daher möchte ich in meiner Hausarbeit untersuchen, wie sich die Wohnverhältnisse und Wohnbedürfnisse von Kindern und Jugendlichen im Laufe der letzten Jahrhunderte verändert haben. Der Schwerpunkt wird hierbei jedoch auf den letzten 50 Jahren, also der Zeit nach dem 2.Weltkrieg liegen.

Im Anschluß an diese sachliche Untersuchung füge ich die Ergebnisse von eigenen Befragungen an. Mich interessierte, inwieweit meine Großmutter (die Mutter meines Vaters) sowie meine Eltern im Vergleich zu mir und meiner eigenen Schwester in ihrer Kindheit und ihrem Jugendalter über ein eigenes Zimmer verfügen konnten. Meine Hausarbeit wird durch eine eigene Stellungnahme zum Thema abgerundet.

II. Mittelalter bis Mitte des 20. Jahrhunderts

1. Vom Mittelalter bis zur industriellen Revolution

Im Mittelalter waren Kinder und Jugendliche völlig in das Leben der Erwachsenen integriert. Die Entdeckung der „Kindheit“ und „Jugendzeit“ als eine Periode, in der dem Kind bzw. dem Jugendlichen besondere Fürsorge für seine positive Entwicklung zuteil kommen müsse, wurde erst sehr viel später erkannt.

Im Mittelalter wohnten neben den Eltern, Kindern und Großeltern oft noch Knechte, Mägde und Gesellen sowie weitere Verwandte mit im Haus. Die Kinder und Jugendlichen besaßen kein eigenes Zimmer, sondern schliefen mit Eltern und Geschwistern in einem Raum. Meistens mußten sie sich ein Bett mit mindestens einer weiteren Person teilen. Kinder und Jugendliche wurden hauptsächlich als Arbeitskräfte zur Existenzsicherung angesehen, sie waren in die Produktions- und Lebensgemeinschaft ihrer Eltern völlig integriert. Dieses zeigte sich auch darin, daß die Kinder Erwachsenenkleider trugen und auch sonst wie kleine Erwachsene behandelt wurden.

In vielen Ländern und unterschiedlichen sozialen Schichten war es üblich, die Kinder schon früh von zu Hause wegzugeben, damit sie sich als Diener oder Lehrlinge ihr „Brot“ verdienten. Wenn sie dann oftmals erst viele Jahre später zurückkehrten, kannten sie ihre Eltern kaum noch.

Mit Beginn der industriellen Revolution hatte sich der Grundsatz, daß Kinder hauptsächlich ein Mittel zur Existenzsicherung darstellten, verschärft. Kinder mußten meist schon während ihrer Schulzeit arbeiten. Spätestens nach dem Abschluß der achten Klasse erfolgte dann der Eintritt in das Berufsleben. Entweder kamen die Jugendlichen für vier Jahre in die Lehre oder sie leisteten sofort ungelernte Fabrikarbeit. Dann mußten sie oft weit mehr als acht Stunden täglich arbeiten, um die Familie mit zu versorgen. Zur materiellen Not kam durch die Zusammenballung und Ausbeutung der proletarischen Bevölkerungsmassen in den Industriestädten die Wohnungsnot hinzu. Die Wohnverhältnisse verschlechterten sich drastisch, und an Kinderzimmer wurde nicht auch nur im entferntesten gedacht.

2. Kaiserzeit und Weimarer Republik

2.1. Familien in der Stadt

2.1.1. Arbeiterfamilien

Zur Kaiserzeit und Weimarer Republik, also Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts, herrschten in den Arbeiterfamilien sehr schlechte Wohnverhältnisse. Die Familien wohnten oftmals sehr beengt. So war eine Arbeiterwohnung in der Regel 20-45 m² groß und umfaßte durchschnittlich drei Zimmer und eine Küche. Neben Eltern, Kindern und Großeltern sowie teilweise noch weiteren Verwandten übernachteten oft zusätzlich noch sogenannte „Schlafgänger“ mit in der Wohnung. An diese wurden billig Zimmer oder Betten untervermietet, damit die Familie überhaupt die Miete für die Wohnung aufbringen konnte. Diese allein schon durch Familiengröße und Untermiete sehr beengten Wohnverhältnisse wurden durch eine irrational erscheinende Zimmeraufteilung noch verschärft. Denn trotz der extremen Enge beinhalteten die Wohnungen eine „gute Stube“, welche nur an Feiertagen und mit besonderen Gästen betreten werden durfte. Diese „gute Stube“ war ein Statussymbol, mit dem die Arbeiterklasse eine Nachahmung bürgerlicher Wohnformen anstrebte. Die Küche hingegen fungierte als eigentlicher Aufenthaltsraum, hier wurden die Mahlzeiten zubereitet und eingenommen, hier wurde die Wäsche gewaschen, gebadet, genäht, gelesen sowie die kleineren Kinder beaufsichtigt. Da die Küche oft der einzige beheizbare Ort in der Wohnung war, spielte sich hier nach Feierabend das Familienleben ab. Nachts diente die Küche als zusätzlicher Schlafraum. In den übrigen Zimmern standen die Betten dicht an dicht. Es gab keine räumliche Trennung nach Alter oder Geschlecht, an einzelne Kinderzimmer war gar nicht zu denken. Völlig normal war es, daß sich die Kinder das Bett mit älteren Geschwistern oder auch den Eltern teilen mußten. So wurde die Ausbildung einer Schamgrenze oder eines Bedürfnisses nach einer Privatsphäre völlig verhindert. Kinder und Jugendliche machten gezwungenermaßen schon sehr früh sexuelle Erfahrungen - sei es nun durch die Wahrnehmung des elterlichen Geschlechtsverkehrs, durch Geburt und Stillen eines Säuglings oder aber auch durch sexuelle Übergriffe vom Vater oder Schlafburschen auf die Töchter.

All diese Lebensbedingungen in den Wohnungen hatten zur Folge, daß sich die Jugendlichen in ihnen nicht besonders wohl fühlten. Sie stellten keine Orte der Entspannung dar und boten keinerlei Rückzugsmöglichkeiten. So kam es, daß die Jugendlichen die überfüllte familiäre Wohnküche weitestgehend mieden und ihren Feierabend in Kneipen, auf der Straße oder bei Veranstaltungen der Arbeiterjugend verbrachten.

Dieses verdeutlicht das Zitat eines Berliner Jugendlichen:

„Um vier Uhr haben wir dann Feierabend: Wir sind zu Hause zehn Personen und haben bloß eine kleine Stube und Küche. Wenn ich dann abends runtergehe (Anmerkung: gemeint ist die Straße vor dem Mietshaus), fühle ich mich ordentlich wohl.“2

Festzustellen ist also, daß die Wohnung für die Jugendlichen aus der Arbeiterschicht lediglich einen nächtlichen Aufenthaltsraum darstellte, wobei auch dort kein erholsamer Schlaf garantiert werden konnte.

Anmerken muß man hierzu aber auch, daß die Menschen aufgrund von geringerer Freizeit sowieso viel weniger Zeit in den Wohnungen verbrachten als wir heute. „Zuhause zu sein“ hatte damals einen völlig anderen Stellenwert als dies in der heutigen Zeit der Fall ist, die Wohnung war damals viel weniger ein Aufenthaltsort für die Menschen als heute.

Um den bestehenden Verhältnissen zu entkommen, bot auch der Auszug aus der elterlichen Wohnung für die Jugendlichen nur begrenzte Möglichkeiten:

Die Jungen konnten aufgrund ihrer eingeschränkten finanziellen Lage entweder als Untermieter im möblierten Zimmer unterkommen oder sich eine Unterkunft als „Schlafgänger“ suchen.

Für die Mädchen stellte nur eine Anstellung als Dienstmädchen in einem bürgerlichen Haushalt eine Chance zum Auszug dar.

Selbst eine Heirat war kein Grund zur eigenen Haushaltsgründung. Oft blieben die jungverheirateten Paare getrennt bei ihren Eltern wohnen, bis sie genügend Geld für eine eigene Wohnung hatten oder die Wohnsituation sich verbessert hatte.

2.1.2. Bürgertum

Im Bürgertum waren zu dieser Zeit schon vermehrt Kinder- bzw. Jugendzimmer anzutreffen. Durchschnittlich bis zu zehn Zimmern umfaßte damals eine bürgerliche Wohnung, so daß ausreichend Platz vorhanden war. Außerdem wurden die Wohnungen zunehmend reichhaltiger und behaglicher ausgestattet, wovon auch die Kinder profitierten. Erstmals bekamen sie ein eigenes Zimmer. Allerdings hatten die Menschen damals noch kein Bewußtsein für kind- und jugendgerechtes Mobiliar. Vorrang bei der Wohnungseinrichtung hatten die Empfangs- und Wohnsalons, die Schlaf-, Speise-, Musik-, Herren-, Damen- und Fremdenzimmer. Es erfolgte eine klare Trennung der sozialen Schichten, die Räume der Herrschaften waren klar von denen der Dienerschaft abgegrenzt. Die Dienstboten wurden sozusagen ausgelagert, damit die bürgerliche Familie eine Privatsphäre hatte. Die Räume waren zusätzlich nach den Lebensbereichen von Mann und Frau getrennt - die Ehe stellte einen sozialen Stand und keine Liebesbeziehung dar ! Kinderzimmer wurden zwar eingerichtet, doch finanzielle Mittel für diese Einrichtung waren nicht vorgesehen. So wurden in den sogenannten „Töchter-“ oder „Jungmädchenzimmern“ vor allem die für die spätere Ehe notwendigen Aussteuergegenstände der Mädchen wie zum Beispiel Möbel und Wäsche untergebracht. Diese Zimmer sollten ein entsprechender Rahmen für die junge Dame vor der Verehelichung sein, das mit historisierenden Möbeln bescheiden in der Ausführung, aber anspruchsvoll im Stil sein sollte. Hauptzweck in der Möbelgestaltung war die Einübung gesellschaftlicher Bräuche und akzeptierter Gesellschaftshaltungen.

[...]


1 HAZ, 26./27.03.1966. Aus: Historisches Museum Hannover: Mit 17 ... - Jugendliche in Hannover von 1900
bis heute. Begleitheft zur Ausstellung des Histor. Museums Hannover 1997, S.107.

2 Historisches Museum Hannover: Mit 17...-Jugendliche in Hannover von 1900 bis heute; S.109.

Details

Seiten
22
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638163279
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v9696
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Institut für Soziologie
Note
gut
Schlagworte
Soziologie Wohnbedürfnisse Kinder Jugendliche Soziale Umwelt Wohnen Leben

Autor

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Titel: Die Veränderungen der Wohnverhältnisse und Wohnbedürfnisse von Kindern und Jugendlichen im Wandel der Zeit unter besonderer Berücksichtigung der letzten 50 Jahre