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Die Karriere und der Niedergang des Scipio Africanus

Ausarbeitung 1999 10 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Spanien

2. Afrika
2.1 Scipios erstes Konsulat: Konflikt im Senat
2.2 Afrikafeldzug: Entscheidung bei Zama

3. Rom
3.1 Die politischen Gruppierungen Anfang des zweiten Jahrhunderts
3.2 Scipios zweites Konsulat: Konflikt um den Asienfeldzug
3.3 Die Jahre 193-191

4. Asien

5. Die Scipionenprozesse
5.1 Das Karriereende der Scipionen
5.2 Gründe für den „Niedergang“ der Scipionen

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die außergewöhnliche Karriere des Scipio Africanus, dem auf römischer Seite wohl herausragensten und berühmtesten Feldherrn des Zweiten Punischen Krieges, nahm mit den sogenannten „Scipionenprozessen“ ein unrühmliches Ende. Im folgenden soll diese Karriere dargestellt und auf die in ihr liegenden Ursachen für den späteren Niedergang des Scipio Africanus hin untersucht werden.

Die für diese Arbeit verwendete Literatur kann dem Verzeichnis entnommen werden. Auf Zitate habe ich weitgehend verzichtet, zugunsten von Lesbarkeit und Kürze1 des Textes.

1. Spanien

Der Krieg in Spanien lag im Zweiten Punischen Krieg traditionell in den Händen der Scipionenfamilie. Allerdings waren die beiden Oberhäupter der Familie, Cnaeus und Publius Scipio, der Onkel und der Vater des Africanus, beide im Jahre 211 bei einer schweren Niederlage in Spanien gefallen. Daher fiel nun sehr plötzlich die Rolle des Familienoberhauptes dem erst 25jährigen Publius Cornelius Scipio zu. Im Jahre 210, wohl auch aufgrund seines Namens, ernannte man ihn zum Prokonsul für Spanien, ohne, daß er zuvor höhere Staatsämter bekleidet hatte. Zur Absicherung dieser un- gewöhnlichen Entscheidung ließ der Senat eine außerordentliche Volksversammlung einberufen, bei der Scipio als einziger Kandidat unter großem Beifall als Feldherr für Spanien bestätigt wurde.

Der ihm zur Seite gestellte Mitbefehlshaber Marcus Junius Silanus trat bald ins zweite Glied. Im Herbst 210 ging Scipio nach Spanien und konnte schon bald einige wichtige Siege gegen die Karthager verbuchen, darunter die Einnahme deren spanischer Hauptstadt Neukarthago.

Allerdings konnte er nicht verhindern, daß Hasdrubal Barkas, seinem Bruder Hanni- bal folgend, über die Alpen zog und 207 in Norditalien stand. Dort wurde er aller- dings vernichtend geschlagen (Metaurusschlacht 207), wohl auch weil Scipio zuvor dessen Streitkräfte in Spanien dezimiert hatte. Somit ging Hannibals letzte Hoffnung auf Unterstützung in Italien dahin. Er konnte lediglich versuchen, seine Position in Süditalien weiter zu halten.

In Spanien sah sich Scipio zunächst massiven Kriegsanstrengungen der Karthager gegenübergestellt. Nach dem entscheidenden Sieg in Ilipia gelang es ihm aber bis zum Sommer 206 die Karthager von der iberischen Halbinsel zu vertreiben. Nach- dem er ein Geheimbündnis mit dem Numiderprinz Massinissa geschlossen hatte, kehrte er im Herbst 206 nach Rom zurück.

Dort wurde er vom Volk als größter Feldherr Roms bejubelt. Das Ausmaß seiner Popularität weckte bei den Senatoren aber bereits die alteingesessene Furcht vor der Dominanz eines übermächtigen Einzelnen. Vermutlich deshalb und, weil sein Imperium provisorisch gewesen war, verweigerte man ihm einen Triumphzug.

2. Afrika

2.1 Scipios erstes Konsulat: Konflikt im Senat

Im Jahr 205 wurde Scipio bei ungewöhnlich starker Wahlbeteiligung zum Konsul gewählt. Viele dieser Wähler waren nur nach Rom gekommen, um den großen Sieger zu sehen. Sie gaben ihm auch deshalb ihre Stimmen, weil sie ihn bei seinem Vorhaben, nach Afrika zu gehen, unterstützen wollten. Im Senat hatte sich aber bereits eine Opposition gegen ihn formiert, und man verweigerte ihm das Imperium für einen Afrikafeldzug, den Scipio für taktisch notwendig hielt.

Nachdem er dem Senat angedroht hatte, an das Volk zu appellieren, gab der Senat jedoch nach. Es kam zu einem Kompromiß: Scipio erhielt Sizilien als Provinz und lediglich die Erlaubnis, aber nicht den ausdrücklichen Auftrag, nach Afrika überzu- setzen.

Hier zeigt sich bereits, daß sich seine wachsende Macht vor allem auf sein Ansehen beim Volk stützte, was naturgemäß den Argwohn der übrigen Nobiles schürte. Somit hatte der Senat sich das Recht gewahrt, die Amtsbereiche der Beamten festzu- legen. Man wollte sich die Kriegsleitung nicht von der Volksversammlung aus der Hand nehmen lassen.

Das Vorgehen des Senats war zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich nicht allein als Herausforderung an Scipios Autorität gemeint, viele erachteten die Eröffnung eines neuen Kriegsschauplatzes in Afrika als verfrüht. Denn es waren große Truppenteile in der Abwehr der Gallier in Norditalien, im steten Kampf gegen Hannibal in Südita- lien, sowie im bevorstehenden Krieg gegen Philipp von Makedonien gebunden. Noch im selben Jahr kam es zu einem Kompromißfrieden mit Philipp. Man war diese Last losgeworden und konnte sich ganz auf Karthago konzentrieren. Die Stimmung wandte sich nun zu Scipios Gunsten. Eine Kommission des Senats, die den hohen

Ausbildungstand seines Heeres in Augenschein genommen hatte, erteilte ihm nun den Auftrag zur Invasion.

2.2 Afrikafeldzug: Entscheidung bei Zama

Im Spätsommer 204 setzte Scipio nach Afrika über. Nun erwies sich das MassinissaBündnis als wertvoll. Zusammen mit dessen Truppen gelang es ihm in mehreren Schlachten den Numiderkönig und Karthago-Verbündeten Syphax auszuschalten und Massinissa an dessen Stelle zu setzen. Auch Karthagos Position schwächte er sehr, so daß es zu einem Waffenstillstand kam.

Ende 203 kehrte aber nun Hannibal aus Italien zurück und im Herbst 202 kam es schließlich zur großen Entscheidungsschlacht bei Zama, die die Römer bekanntlich gewannen. Scipio diktierte einen Frieden, der Karthagos Rolle als Großmacht ein für allemal beendete. Nun wurde ihm bei seiner Rückkehr nach Rom endlich ein Tri- umph zuerkannt.

3. Rom

3.1 Die politischen Gruppierungen Anfang des zweiten Jahrhunderts

Die politischen Gruppierungen in Rom basierten immer auf Geschlechtern und Familien. Die wichtigsten Geschlechter waren die Aemilianer, die Claudier, die Cornelier, die Fabier, und die Valerier.

Politische Gruppierungen bestanden aber nicht ausschließlich aus den Geschlechtsgenossen. Die Gens bildete nur den Kern einer Gruppe, an den viele andere rangniedrigere Familien angegliedert waren. Es handelte sich bei diesen Gruppierungen also nicht um Parteien im modernen Verständnis, in die man eintreten und aus denen man wieder austreten kann. In Rom wurde man in eine Partei hineingeboren und blieb ihr in der Regel ein Leben lang treu.

Die Gens Cornelia war so groß und verästelt, daß sie keinen einheitlichen Verband mehr darstellte, sondern in sich in verschiedene Familien zergliedert war. Eine dieser Familien waren die Scipionen. Diese hatten zu Beginn des zweiten Punischen Krie- ges im Verbund mit den Aemilianern die römische Politik dominiert. Nach Scipios Rückkehr aus Spanien stand die Gruppe der Scipionen allerdings recht isoliert da. Ein wichtiger Verbündeter, die Servilier, hatte sich der Opposition ange- schlossen. Dieser Opposition gehörten nun fast alle anderen wichtigen Familien an, allen voran die Claudier. Aber auch ein Teil der Gens Cornelia, die Lentulier standen gegen die Scipionen.

Der wichtigste Trumpf der Scipionenpartei war daher Scipios Heldenstatus beim Volk, der ihn nahezu unangreifbar machte. Scipio übernahm nun die Rolle eines Par- teiführers, der für seine Gefolgsleute um Ämter stritt. Neben seinen Verwandten spielten Aufsteiger eine wichtige Rolle, die Scipio systematisch zu fördern begann. Diese Homines Novi waren zumeist treue Mitstreiter aus dem Krieg z. B. war darun- ter der Prätor Sextus Digitus, dem Scipio selbst erst in Spanien das Bürgerrecht verliehen hatte.

Aber auch die Gegenseite baute neue Leute auf, allen voran Marcus Porcius Cato und Tulius Quinctius Flamininus, die in den ersten Jahren des zweiten Jahrhunderts, ähnlich wie Scipio selbst zehn Jahre zuvor, eine ungewöhnlich rasante Karriere machten. Insbesondere Cato wurde später zu Scipios gefährlichstem Gegenspieler.

3.2 Scipios zweites Konsulat: Konflikt um den Asienfeldzug

Aufgrund seines Kriegsruhmes hatte Scipio also einen großen politischen Einfluß. Im Jahr 199 wurde er Zensor und Princeps Senatus und hatte damit das Vorstimmrecht im Senat. Allerdings hatte er wie gesagt ein schlechtes Verhältnis zu weiten Kreisen der Nobilität und, im Senat hatte sich eine feste Gegnerschaft gegen ihn formiert, angeführt von der Servilisch-Claudischen Partei.

Im Jahre 194 trat Scipio persönlich wieder in den Vordergrund. Es wurden politische Konspirationen zwischen Hannibal und dem Seleukidenherrscher Antiochos III be- kannt. Man machte nun Hannibals erneutes Auftauchen auf der politischen Bühne Scipio zum Vorwurf, da dieser es versäumt habe, Hannibal und Karthago in Gänze zu vernichten. Dieser erste offene Angriff gegen Scipio verdeutlicht dessen wach- sende Ablehnung im Senat, wenn er auch jetzt noch zu nichts führte. Im Gegenteil: Die Angst vor einem erneuten Hannibalkrieg verhalf dem Hannibalbezwinger zu einem politischen Neuanfang; er wurde im Jahr 194 erneut zum Konsul gewählt.

Als Konsul forderte er nun das Imperium über die in Griechenland stehende Armee, um den nach seiner Meinung unvermeidbar gewordenen Krieg gegen Antiochos in Angriff zu nehmen.

Die Senatsmehrheit weigerte sich allerdings, ihn diesen Krieg führen zu lassen; man folgte statt dessen der Politik des Flamininus. Dieser hatte sich bis dahin im Osten engagiert, Philip von Makedonien in die Schranken gewiesen und innerhalb Grie- chenlands ein Mächtegleichgewicht geschaffen und plante nun den Rückzug. Scipio warnte, daß in Griechenland nach der Zurückdrängung des Makedonierkönigs Philipp ein Machtvakuum entstanden sei, das zwangsläufig zu einer Konfrontation mit Antiochos führen mußte. Doch keine der beiden Großmächte wollte es zu diesem Zeitpunkt dazu kommen lassen.

3.3 Die Jahre 193-191

Dieser Rückschlag traf ihn hart, er schaffte es aber im nächsten Jahr 193 seine Par- teigänger in die wichtigsten Ämter zu bringen. Darunter war auch sein jüngerer Bru- der Lucius Scipio als Prätor. Die Rückkehr des siegreichen Flamininus führte dazu, daß im nächsten Jahr 192 die Gegenseite bei den Wahlen die Oberhand gewann. Im Jahr 191 trat nun genau das ein, was Scipio vorausgesagt hatte: Antiochos begann Aggressionen in Griechenland und Rom wurde von seinem Verbündeten, dem Per- gamemnischen Reich, zu Hilfe gerufen. Der Krieg im Osten konnte nicht länger hin- ausgezögert werden. Da Scipio all dies vorausgesehen hatte, trat nun seine Kompe- tenz in der Ostpolitik zu Tage, aus der seine Gegner ihn zuvor stets herauszuhalten bemüht waren.

Im Jahre 191 wendete sich daher das Blatt zugunsten Scipios Partei, welche die Wahlen gewann. Somit übernahm Scipios Gefolgsmann Acilius Glabrio den Krieg im Osten und fügte Antiochos an den Thermophylen eine erste empfindliche Nieder- lage zu.

4. Asien

Im nächsten Jahr 190 mußte nun die entscheidende Invasion nach Asien vollzogen werden. Allgemein wurde Scipio Africanus als der gegebene Mann für dieses Unternehmen angesehen, andererseits konnte bzw. wollte man ihn nach nur drei Jahren nicht erneut zum Konsul machen. Dieses Problem löste man, indem man seinen Bruder Lucius Scipio sozusagen als Stellvertreter zum Konsul wählte, ihm den Oberbefehl im Osten übertrug und Scipio Africanus ihn als Legat begleitete.

Trotz verschiedener Friedensangebote des Seleukidenherrschers suchten die beiden Scipionen die Entscheidung auf dem Schlachtfeld. Bei Magnesia wurde Antiochos Heer vernichtend geschlagen und Scipio Africanus diktierte erneut die Bedingungen des Friedens, wie er es schon in Afrika getan hatte. Es bedeutete das Ausscheiden des Seleukidenreichs aus der Mittelmeerpolitik.

Trotz der Siegesnachricht wurde Lucius Scipio aber im nächsten Jahr von seinem Kommando abberufen und der Krieg im Osten wurde von den neuen Konsuln des Jahres 189 zu Ende gebracht. Die Gegner der Scipionen hatten in deren Abwesenheit diese Entscheidung in Rom durchgesetzt. Scipio Asiaticus hielt Anfang 188 einen Triumphzug, doch das Ende der Karrieren der Scipionen stand unmittelbar bevor.

5. Die Scipionenprozesse

5.1 Das Karriereende der Scipionen

Bereits im Jahre 189 hatte es einen Vorläufer der späteren Scipionenprozesse gege- ben. Acilius Glabrio, Vertreter der Scipionenpartei und Feldherr in Griechenland 191 kandidierte für die Zensur. Sein Gegner Cato zettelte einen Prozeß wegen Beuteun- terschlagung gegen ihn an und wurde nach Glabrios Rücktritt von der Kandidatur selbst zum Zensor gewählt. Der Prozeß verlief zwar im Sande, doch den politischen Zweck hatte er erfüllt. Eine Anklage wurde gerade von Cato also gern als politisches Machtmittel benutzt.

Die genauen Abläufe der Scipionenprozesse sind kaum rekonstruierbar. Es steht we- der fest, vor was für einer Art Gericht die Anklage erhoben wurde, noch was genau Gegenstand der Anklage war. Man kann nicht einmal mit Sicherheit sagen, wer der Ankläger und wer der Angeklagte war. Zwar gibt eine Fülle an Quellen, doch diese widersprechen sich teilweise und die Glaubwürdigkeit vieler Quellen steht ebenfalls in Frage.

Als recht sicher gilt, daß es im Jahre 187 eine Anklage im Senat gegen Scipio Asiaticus gab, in der ihm vermutlich ähnlich wie zuvor Glabrio Beuteunterschlagung, möglicherweise aber auch Hochverrat vorgeworfen wurde. Auch Scipio Africanus war auf irgendeine Weise darin involviert. Es scheint, daß Asiaticus zu einer hohen Geldstrafe verurteilt wurde, dieser aber die Zahlung verweigerte. Die Intervention des Tiberius Sempronius Gracchus, damals Volkstribun und Vater des gleichnamigen berühmteren Gracchen, befreite ihn schließlich von der Strafe.

Ob es im Jahr 184 tatsächlich auch einen Prozeß gegen Scipio Africanus selbst gab, in dem man ihm vorwarf, Antiochos gegen Geld einen günstigeren Frieden gewährt zu haben, ist unklar. Auch ob und was für ein Urteil gefällt wurde ist fraglich. So wie um das gesamte Leben des Scipio Africanus ranken sich insbesondere um diese Prozesse eine Reihe von Legenden, die diesen Mann zwar möglicherweise treffend charakterisieren, jedoch nicht den historischen Tatsachen entsprechen. So findet sich bei Polybios beispielsweise die folgende Anekdote:

„Als jemand im Senat von ihm [in Wirklichkeit von seinem Bruder] Rechenschaft über das Geld forderte, das er vor dem Friedensschluß von Antiochos zum Unterhalt seines Heeres erhalten hatte, sagte er, es gebe Abrechnungen darüber, er habe es aber nicht nötig, irgend jemandem Rechenschaft abzulegen. Als der andere darauf beharr- te, bat er seinen Bruder, sie zu holen, und als dieser sie brachte, riß er sie vor allen Augen in Fetzen und forderte den Ankläger auf, sich daraus die Rechnung zusam- menzusuchen, die anderen aber fragte er, wie sie dazu kämen, für dreitausend Talen- te eine Abrechnung zu verlangen, wie und wofür sie ausgegeben worden seien, sich aber nicht die Frage stellten, wie und durch wen die fünfzehntausend, die sie insge- samt von Antiochos erhielten, hereingekommen seien noch wie sie die Herrschaft über Asien, Libyen und Iberien erlangt hätten? Alle waren daraufhin wie vor den Kopf geschlagen und auch der, der Rechenschaft gefordert hatte, schwieg beschämt.“ (Pol. 23,14,7-11 zitiert nach Heftner 1997: 389-390)

Sicher ist aber, daß diese Prozesse, wie auch immer sie geartet waren, das Ende der politischen Laufbahnen der Scipionen darstellte. Scipio Africanus ging ins Exil nach Kampanien, wo er 183 starb.

5.2 Gründe für den „Niedergang“ der Scipionen

Die Meinungen der Historiker zu den sogenannten „Scipionenprozessen“, sowohl zu deren Zustandekommen, als zu den Auswirkungen auf die Scipionen gehen weit aus- einander. Eine gängige Meinung, die beispielsweise von Werner Schur vertreten wird, ist der Glaube an eine Intrige des politischen Gegners, die den ungeliebten, aber populären Kriegshelden und Parteiführer Scipio Africanus und seine Anhänger stürzen sollte. Mit seinem Rückzug ins Exil wurde dieses Ziel offenbar erreicht. (Vgl. Schur 1927)

Ein neuerer Aufsatz von Erich S. Gruen stellt die Geschehnisse von 187 bzw. 184 allerdings in einen größeren Zusammenhang. Er macht nicht allein die Interessen- konflikte der einzelnen Gruppierungen im Senat, sondern die allgemeine politische Entwicklung der sich rapide ausdehnenden Republik verantwortlich. (Vgl. Gruen 1995)

Die althergebrachte staatliche Ordnung vor dem Zweiten Punischen Krieg, sah eine kollegiale, auf ein Jahr beschränkte Vergabe der Ämter vor. Dieses System hatte sich bewährt, es gewährleistete eine gemeinschaftliche Staatsführung der gesamten Nobi- lität.

In der neuen Situation des kontinentalen Krieges erwies sich dieses System nun je- doch als unzulänglich. Es wurde nötig, daß Feldherren ihr Heer über mehrere Jahre führten, damit Rom im Krieg bestehen konnte. Da das alte System so etwas nicht vorsah, mußte man nun improvisieren: man gab den Heerführern ein prokonsulari- sches oder proprätorisches Imperium durch Prorogation. Vor allem Scipio Africanus aber auch später Flamininus kam dieses Verfahren zu Nutze. Allerdings wendete man es nur höchst ungern an und die wiederholte Vergabe des Imperiums an diese Männer war jedesmal sehr umstritten und wurde keinesfalls automatisch vollzogen. Immer waren die Senatoren sich der Gefahren bewußt, welche die Anhäufung von Macht über längere Zeit durch einen Einzelnen für die Einheit der Nobilität barg. Daher wurden auch oftmals Imperien nicht verlängert, auch wenn der betreffende Feldzug noch nicht endgültig abgeschlossen war. Dies war beispielsweise im Jahr 189 der Fall, als man Scipio Asiaticus zurückrief und die neuen Konsuln den Krieg in Griechenland und Asien zu Ende bringen ließ.

Durch derartige Schritte sollte vermutlich verhindert werden, daß ein Einzelner zu viel Kriegsruhm auf sich vereinte. Die Unzufriedenheit des Senates mit dem Hervor- ragen einzelner siegreicher Feldherren zeigt sich auch darin, daß er Triumphzüge nach recht willkürlichen Kriterien zuließ oder ablehnte und sie manchem Sieger nicht gewährte, obwohl er ähnliches vollbracht hatte wie ein anderer Triumphator. Daß Freilich verzichtete man im Falle des Scipio Africanus bei seinem Kampf gegen Kar- thago auf einen vorzeitigen Rückruf, da man angesichts der großen Bedrohung die Notwendigkeit einsah, das militärische Genie sein Werk vollenden zu lassen. Auch den wohlverdienten Triumph konnten sie ihm natürlich nicht versagen. Doch gerade, weil man Scipio in der Notsituation des Krieges gewähren lassen mußte und er als vom Volk gefeierter Held zurückkehrte, traf ihn im Nachhinein eine besonders starke Ablehnung großer Teile der Nobilität.

Ein großer Dorn im Auge war den Nobiles auch die immer gewaltiger werdende Kriegsbeute, welche die Feldherren heimbrachten. Zwar war es Usus, daß ein Teil der Beute in die Staatskasse ging, woran sich die Sieger wohl auch hielten, doch nichtsdestotrotz machte ein erfolgreicher Feldzug den Feldherren und dessen Ge- folgsleute zu reichen Männern. Grundsätzlich störte das natürlich niemanden, solan- ge gewährleistet war, das durch den regelmäßigen Wechsel der Ämter sozusagen jeder einmal dran kam. Doch Scipio Africanus war durch seinen Ruhm, seinen luxu- riösen Lebensstil und sein arrogantes Auftreten aus der Einheit der Nobilitas heraus- getreten.

Daher wurde es von der Mehrheit der Nobilität offenbar als notwendig erachtet, die Sonderstellung der Scipionen, insbesondere des Africanus, zu beschneiden. Die Erhebung einer Anklage, ob nun gerechtfertigt oder nicht, schien dazu das geeignete politische Mittel. Da es offenbar keine Rechtsgrundlage gab, einen siegreichen Feldherren zur Herausgabe seiner Beute zu zwingen, blieb nur die Möglichkeit, ihm Veruntreuung und Hochverrat vorzuwerfen.

Gruen ist der Ansicht, daß die Prozesse nicht in erster Linie den Sturz der Scipionen im Visier hatten, sondern daß man ein Exempel an ihnen statuieren wollte. Die Vor- gänge halfen das öffentlich Interesse auf die drängenden Probleme der expandieren- den Republik zu lenken: Nach welchen Kriterien sollen Triumphzüge zugelassen werden? Wie ist mit dem gefährlichen Instrument der Prorogation zu verfahren? Wie sind die immensen Kriegseinnahmen zu verteilen? Eine Konsequenz war jedenfalls, daß man in den nächsten Jahren das Prinzip der jährlichen Imperiumsvergabe strikter einhielt, als zuvor.

Neben der politischen Auseinandersetzung der Parteien im Senat, spielen also diese gesellschaftlichen Konflikte, insbesondere innerhalb der Nobilität, eine entscheiden- de Rolle beim Niedergang der Scipionen. Ohne diesen Hintergrund, wäre es Scipios politischen Gegnern, allen voran Cato, wohl kaum möglich gewesen ihn derartig zu demontieren.

Gruen geht allerdings noch weiter, indem er sagt, daß es eigentlich gar keinen Sturz der Scipionen gegeben habe: Scipio sei ins Exil gegangen, möglicherweise wegen Krankheit und weil er es angesichts seines großen Ruhmes einfach nicht mehr nötig gehabt habe sich weiter zu streiten.

Auch die Partei der Scipionen sei weitgehend unbeschadet aus den Prozessen her- vorgegangen. Dies belegt Gruen damit, daß schon kurz nach den Prozessen wieder zahlreiche Ämter von Mitgliedern der Scipionen-Partei bekleidet wurden. Z.B wurde schon im Jahr 182 der Stiefbruder des Scipio Africanus, Lucius Aemilius Paullus, zum Konsul gewählt.

6. Literaturverzeichnis

Feig Vishnia, R., State, Society and Popular Leaders in Mid-Republican Rome 241- 167 BC, London, New York, 1996

Gruen, E.S., The Fall of the Scipios, in: Malkin, I. - Rubinsohn, Z.W., Leaders and Masses in the Roman World. Studies in Honor of Zvi Yavetz, Leiden u.a., 1995, 59-90

Heftner, H., Der Aufstieg Roms. Vom Pyrrhoskrieg bis zum Fall von Karthago (280- 146 v. Chr.), Regensburg 1997

Schur, W., Scipio Africanus und die Begründung der römischen Weltherrschaft, Leipzig 1927

Scullard, H. H., Roman Politics 220-150 B.C.. Second Edition, Oxford, 1973 Scullard, H. H., Scipio Africanus: Soldier and Politician, Ithaca, N. Y. 1970

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1 Der Text entspricht weitgehend dem Manuskript des Referats. Daher ist er leider etwas länger als verlangt.

Details

Seiten
10
Jahr
1999
Dateigröße
346 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v96951
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
nicht beno
Schlagworte
Scipio Africanus Scipionen Scipionen-Prozeß 2. Punischer Krieg

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Titel: Die Karriere und der Niedergang des Scipio Africanus