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Milieus in Ostdeutschland - Milieuanalysen und Milieubiographien

Seminararbeit 1997 27 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen
2.1. Lebensstile und Milieus
2.2. Verwendeter Milieubegriff
2.3. Datenbasis
2.4. Phasen der Milieuentwicklung in Ostdeutschland

3. Milieubiographien
3.1. Alte Milieus
3.1.1. Das kleinbürgerliche Milieu
3.1.2. Das traditionsverwurzelte Arbeitermilieu
3.1.3. Das traditionslose Arbeitermilieu
3.2. DDR-Milieus
3.2.1. Das bürgerlich-humanistische Milieu
3.2.2. Das rationalistisch-technokratische Milieu
3.2.3. Das status- und karriereorientierte Milieu
3.3. Moderne Milieus
3.3.1. Das alternative Milieu
3.3.2. Das hedonistische Arbeitermilieu
3.3.3. Das subkulturelle Milieu

4. Wandel der lebensweltlichen Sozialmilieus in Ost- und Westdeutschland
4.1. Verteilung der lebensweltlichen Milieus in West- und Ostdeutschland 1991
4.2. Lebensweltliche Sozialmilieus in Ostdeutschland nach Habitus
4.3. Schlußfolgerungen

5. Zusammenfassende Schlussbetrachtung

Einleitung

Der Zusammenbruch der DDR und die Vereinigung mit Westdeutschland hat einen gemeinsamen Staat mit gleichen politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen hervorgebracht. Menschen aus zwei gänzlich unterschiedlich strukturierten Systemen sind nun aufgefordert, gemeinsam ein Staatswesen mit Leben zu füllen. Sie bringen Prägungen ein, die auf je spezifischen, durchaus verschiedenen Erfahrungen und unterschiedlich gewachsenen gesellschaftlichen Strukturen beruhen. Heute trifft all dies aufeinander und gravierende Unterschiede in Lebensweise, Distinktion, Vorlieben und sozialen Wandlungsmöglichkeiten werden sichtbar. Es ist wichtig um sie zu wissen. Nur so kann der Prozeß des Zusammenwachsens der beiden Deutschlands verstanden und befördert werden und die Gefahr gesellschaftlicher Konflikte gemindert werden.

Milieuanalysen und ihre Typologisierung sind ein probates und gut erforschtes Mittel, um sozialen Aufbau und Wandel zu untersuchen. Sie geben Aufschluß über die Stabilität einer Sozialstruktur und können, in diesem spezifischen Fall, detaillierte Hinweise darüber geben, inwieweit die Menschen in Ostdeutschland den schwierigen Transformationsprozeß verarbeiten konnten.

In dieser Arbeit sollen Ergebnisse der Milieuforschung dargestellt werden, welche das Bild einer nivellierten sozialistischen Gesellschaft in Ostdeutschland revidieren. Mit Hilfe von Milieubiographien wird offenbar, wie sich Abgrenzungen und Bewegungen auch vor 1989 im Osten vollzogen haben und wie stark politische Einflüsse soziale Veränderung beeinflußten. Auch wird sichtbar, wie unterschiedlich und wie stark, von 40 Jahren unterschiedlicher politischer Führung geprägt, sich die Milieuverläufe in Ost und West auseinanderentwickelt haben. Schließlich werden mögliche Konfliktlinien sichtbar, da einige Milieus ganz offenbar als Wendeverlierer dastehen, andere aber Vorteile aus dem Umbruch ziehen konnten.

Milieuanalysen von Ostdeutschland zeigen ein Bild einer lange verschlossenen Gesellschaft auf, die noch immer von ihrer traditionellen Orientierung geprägt ist, jedoch heute unter massivem Modernisierungsdruck steht. Viele Entwicklungen, die im Westen Jahrzehnte in Anspruch nahmen, lassen sich heute im Osten einem Zeitraffer ähnlich nachvollziehen. Der Osten paßt sich vielfach an - ohne aber seine Eigenarten abstreifen zu können und zu wollen. Milieuanalysen tragen auch dazu bei, im Westen den Aufbau und die damit einhergehenden Problem in dem neuen Staatsgebiet verstehen zu können. Im Osten wiederum eröffnen sie die Chance, die erfahrenen Wandel und Wechsel einordnen zu können. Für die Soziologie ist der Umstand besonders interessant, daß sich in gut zugänglichem Gebiet Wandlungsprozesse vollziehen, die teils voraussagbar, teils mit bereits bekannten Mitteln gut erfaßbar sind, die aber in der Wucht ihres plötzlichen Auftretens ohne Beispiel und Vorbild sind. Die Rekonstruktion der Milieuentwicklung durch ihre Biographisierung dient deshalb auch als Grundlage für die intensive Weiterbeobachtung rapiden sozialen Wandels.

Grundlagen

Die Untersuchung von Lebensstilen und Milieus ist ein relativ neuer Forschungsansatz, der sich für Fragen einer sich ausdifferenzierenden und pluralisierenden Gesellschaft eignet. Er erweitert Untersuchungen zu Schichten und Klassen und nimmt für sich in Anspruch, gegen die klassischen Linien untersuchen zu können. Beide Begriffe, sowohl der des Lebensstil wie auch der des Milieus, sind mit einer langen Tradition behaftet und wurden seit Max Weber in unterschiedlicher Art eingesetzt.

Lebensstile und Milieus

Der Begriff des Lebensstils (vgl. Klocke 1993:72ff) geht zurück auf Max Weber, der ihn an verschiedenen Stellen verwendet. Er begreift ihn als Kennzeichnung von "Stilisierungen des Lebens", bezieht sich jedoch meist auf ständische Bedingungen und damit auf zwangsweise auferlegte Verhaltensweisen. Erst durch Georg Simmel wird der Lebensstil zu einer Wahl, zu einem Ausdruck von Individualität mit der Funktion der Identitätssicherung und der Distanzierung. Zeitdiagnostisch bemühte er sich um die Analyse von Moden oder auch anderen Ausdrucksformen des Lebensstils als Kennzeichnung zu Klassenzugehörigkeiten. Bei Bourdieu findet sich der Begriff des Lebensstil eingebettet in den Kontext von Begriffen der Lage und des Habitus. Lebensstil ist bei ihm ein symbolischer Ausdruck einer Klassenzugehörigkeit, der, in sich gewendet, und zur Zuordnung genutzt werden kann. Lebensstile sind bei ihm ein komplexer Zusammenhang alltagskultureller Praxis, die sich über Kultur und Symbolik erschließt.

Hradil, dem die systematische Einführung der Kategorien Milieu und Lebensstil in die aktuelle Forschung zugeschrieben wird, betont, ganz im Gegensatz zu Weber, die freigewählten, subjektiven Lebensziele und nicht den gesellschaftlichen Zwang und die soziokulturellen Normen, wenn er von Lebensstilen spricht. Sein Konzept zielt auf mehr Lebensnähe in der Beschreibung sozialer Zusammenhänge. Lebensstile führen zu typischen Verhaltensmustern sozialer Gruppierungen: Sie vermitteln zwischen objektiven Faktoren (askriptive Merkmale) und subjektiven Faktoren (Einstellungen, Überzeugungen, Lebenspläne), zwischen Struktur und Handeln. Soziale Milieus wiederum sind nach Hradil Bündelungen von Menschen mit ähnlichem Lebensstil. Milieus lassen sich demnach durch Lebensstile differenzieren, wie sie umgekehrt einen Ausdruck von Milieuzugehörigkeit darstellen können. Milieus sind dabei nicht sozialstrukturell, sondern vielmehr aus inneren Haltungen heraus verankert.

Die Vorteile dieses Milieuansatzes sieht Ritschel darin, daß er "einen völlig anderen Schnitt durch die Gesellschaft" liefert, er liege "quer" (Ritschel 1992:295) zu allen bisher gängigen Erklärungsmustern wie den Schicht- und Klassenmodellen. Dies vor allem dadurch, daß Menschen nicht mehr primär nach ihrer objektiven Stellung in der Gesellschaft, sondern nach übereinstimmenden Einstellungen und Lebensstilen zu Milieus zusammengefaßt werden.

Mit der Milieuforschung wird nach Ritschel ein Schritt zur "ganzheitlichen Betrachtung der Persönlichkeit getan" (ebd.), weil auch der alltägliche Erfahrungsbereich mit einbezogen wird. "Die Milieuforschung, wie sie von SINUS u.a. betrieben und auch von uns praktiziert wird, ist zudem von ihrer ganzen Methodik näher an den wirklichen, lebendigen Individuen dran." (ebd.).

Verwendeter Milieubegriff

Müller, Hofmann und Rink gehen bei ihrer Analyse der sozialen Milieus Ostdeutschlands von einem Milieubegriff aus, der das Bindeglied zwischen "objektiven" Soziallagen und "subjektiven" Lebensstilen und Mentalitäten darstellt. Unter Mentalitäten verstehen sie "häufig tradierte Grundwerte und Prinzipien, nach denen Menschen ihr Leben gestalten" (Müller et al. 1997:240). Lebensstile dahingegen bezeichnen "eher selbstreflexive und expressive Verhaltensmuster" (ebd.)

Milieus gestalten sich demnach weder ausschließlich durch die äußeren Rahmenbedingungen noch durch subjektive Empfindungen allein. In diesem Milieubegriff ist das gestaltende Element von zentraler Bedeutung: "Soziale Milieus sind demnach Gruppen, die durch ihre Beziehungspraxis und gemeinsame Alltagsethiken verbunden sind - und sich dabei von Milieus mit anderen Beziehungspraktiken und Ethiken abgrenzen." (Müller et al. 1997:241). Die Zugehörigkeit zu einem Milieu kann nach Ansicht der Autoren nicht frei gewählt werden. Begrenzungen ergeben sich durch "äußere Lebensumstände, Sozialisationserfahrungen und affektive Bindungen".

Milieuerfahrungen werden nach Ansicht der Autoren offenbar tradiert. Die Kindergeneration orientiert sich auch bei Auflehnung gegen die Zugehörigkeit zu dem Milieu ihrer Eltern noch stark an deren Grundwerten, so daß die entstehenden Neubildungen zur "Metamorphose" von Milieus beitragen, wenn die Grundwerte mit neuen Inhalten und Verknüpfungen ausgestaltet werden. Dementsprechend lassen sich "Milieubiographien" rekonstruieren und Wandel hinsichtlich ihrer Größe, ihrer Distinktionen, Wertvorstellungen und Herkunftsbereiche sowie von politischen, wirtschaftlichen und sozialen Einflußfaktoren, Auf- und Abstiegschancen herleiten.

Datenbasis

Für die vorliegende Untersuchung wurden als Orientierungsrahmen Daten verwendet, die das Sinus Institut 1991 in Ostdeutschland erhob. Die von dem Institut betriebene "Lebensweltforschung" betont die Untersuchung von "lebensweltlichen Sinn- und Kommunikationszusammenhängen" (Müller et al. 1997:244), die als aussagekräftigeren Indikator als sozioökonomische Lebensbedingungen wie Einkommen, Stellung, Wohnort angesehen werden. Daraus folgt, daß grundlegende Wertorientierungen, Alltagshandeln, Alltagsästhetik oder Einstellungen zu Arbeit, Familie und Konsum untersucht werden. Lebensauffassung und Lebensweise bilden die Eckpunkte der Milieutypologien des Sinus- Instituts. Das Modell erweitert das herkömmliche Schichtungsmodell um die soziokulturelle Lebensweltkomponente, wodurch sich die Untersuchungsgruppen von sozialen Schichten zu sozialen Milieus verschieben. (Vgl. Konietzka 1995:26f).

Außer diesen durch narrative Interviews erhobenen Daten, flossen die Ergebnisse mehrerer Forschungsprojekte der Nach-Wende-Zeit in die Rekonstruktion der Milieubiographien ein. Diese wurden zu speziellen Fragestellungen auf ehemaligen DDR-Gebiet durchgeführt wurden, so zu neuen Selbständigen, einzelnen Gemeinden oder Expertenbefragungen.

An den Daten der DDR-Forschung wie auch in Bezug auf staatseigener Selbstdarstellungen der DDR vermissen Müller et. al. eine Milieudifferenzierung. Sie stellen fest, daß das damals gezeichnete Bild einer "machtmonopolisierten, entsubjektivierten und sozialstrukturell weitgehend nivellierten Gemeinwesens" (Müller et al. 1997:246) nicht zutrifft. Weder der Eindruck der von staatlicher Herrschaft erdrückten Nischengesellschaft noch der einer geschlossenen Bevölkerungsstruktur kann aufrechterhalten werden. Dazu Ritschel : "Das zunächst zur Wende vielfach verbreitete Bild von der DDR als einer uniformierten, wenig oder kaum lebensweltlich differenzierten Gesellschaft hielt den Realitäten wie der Forschung nicht lange stand" und weiter: Es gab "in der DDR keinesfalls [...] eine Vereinheitlichung von Wertorientierungen und damit von Lebenszielen, -strategien und -stilen" (Ritschel 1995:223). Da dies jedoch jahrelang vorgegebene Sprachregelung war, existieren keinerlei Untersuchungen in dieser Richtung aus der Vor-Wendezeit.

Es gab Ansätze auch in der DDR, so Hondrich und Vollmer (1983), die die subjektive Ausprägung von Wertorientierungen, Selbsteinschätzung und Grad der Befriedigung untersucht hatten, doch sind die Ergebnisse heute wenig brauchbar: "Zahlreiche methodische und methodologische Fehler beschränkten letztendlich den Aussagewert der Analyseergebnisse [...] Eine Kennzeichnung unterschiedlicher Lebensstilgruppen, eine komplexe Sichtweise auf die Lebensführung konnte letztlich mit den in der DDR-Werte- und Bedürfnisforschung erarbeiteten Ansätzen nicht erreicht werden." (Schweigel 1992:306). Es kann deshalb auf keine empirischen Erkenntnisse zurückgegriffen werden, die zu DDR-Zeiten die Verteilung und die Existenz von Milieus untersucht hätten.

Phasen der Milieuentwicklung in Ostdeutschland

Aus den Daten des SINUS-Institutes geht rückblickend eine grobe Dreiteilung der ostdeutschen Milieustruktur hervor (vgl. bspw. Müller et al. 1997:250f). Alte Milieus entstanden in den 20er Jahren und überdauerten bis zum Ende der DDR (kleinbürgerliches, traditionsverwurzeltes Arbeiter- und traditionsloses Arbeitermilieu). Die DDR-Milieus entstanden Mitte der 40er Jahre mit dem Ende des zweiten Weltkriegs und dem Sozialismus in der DDR. Es bildeten sich neue Sozialmilieus in den Ober- und Mittelschichten: Das bürgerlich-humanistische, das rationalistisch-technokratische und das Status- und karriereorientierte Milieu. Die Neuen Milieus entstanden Mitte der 70er Jahre und in den 80er Jahren. Sie sind Ausdruck des DDR-Generationenrisses und entstanden in einer Zeit der Stagnation und sozialer Schließung. Diese sind das linksintellektuell-alternative, das hedonistisches Arbeiter-, und das subkulturelles Milieu.

Für jedes einzelne Milieu lassen sich noch einmal Phasen differenzieren, in denen besondere Kräfte für die Fortentwicklung des Milieus von Bedeutung waren. Zeitlich und inhaltlich sind die einzelnen Abschnitte höchst unterschiedlich. Gemeinsam sind allen Milieus (so sie schon existierten) Einschnitte durch das Ende des zweiten Weltkrieges, durch den gesellschaftlichen Umbruch der DDR Mitte der 70er Jahre, sowie Mauerbau und den Zusammenbruch des Staates.

Milieubiographien

Milieubiographien geben Auskunft über den Wandel der Milieus über einen längeren Zeitraum, reflektieren ihr Entstehen und spiegeln gesellschaftliche Auswirkungen politischer Entscheidungen detailliert wider. Sie geben Auskunft über die Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit der einzelnen Milieus. Diese Erfahrungen können genutzt werden, um Voraussagen zu treffen, wie sich eine Bevölkerungsstruktur weiterhin entwickeln wird. Grundlage ihrer Erstellung ist die klare Umschreibung der Milieuzugehörigkeiten, ihrer Kennzeichen, Distinktionen und typischer Berufe sowie Lebensstile. Diese Charakterisierung soll jeweils zu Anfang jeder Milieubiographie stehen. Die eigentliche Chronologie versucht, Entwicklungslinien herauszustellen, an denen Stärken, Schwächen und hervorstechende Kennzeichen des Milieus deutlich werden. Abschließend wird jeweils der Zustand des Milieus nach der Wende dargestellt, sein Anteil an der Gesamtgesellschaft benannt und eine Kurzprognose für die Zukunft des Milieus angefügt.

Alte Milieus

Die drei alten Milieus in Ostdeutschland zeichnen sich durch eine bemerkenswert hohe Stabilität und Dauerhaftigkeit aus. Sie überdauerten den zweiten Weltkrieg, verarbeiteten die deutsche Teilung, den Aufbau des sozialistischen Staates in der sowjetischen Besatzungszone und wurden auch durch differenzierende und liberalisierende Phasen innerhalb der DDR nicht tiefgreifend destabilisiert. Durch ihren großen Anteil an der gesamten Milieustruktur (noch 1991 zählten 50 Prozent der Bevölkerung zu den alten Milieus) hatten sie auch auf die DDR großen Einfluß und wurden kennzeichnend für diesen Staat. Die grundlegende Struktur, die auf Verwobenheit mit Nachbarn, Verwandten und Freunden sowie der Verwurzelung in einer identitätsstiftenden Arbeitshaltung beruht, hat den Milieus große Anpassungsfähigkeit beschert und ihnen bei Krisen wiederholt die Möglichkeit des Rückzugs in private Netzwerke geboten.

Das kleinbürgerliche Milieu

Mit schlechter Bildung ausgestattet, arbeiten die Mitglieder des kleinbürgerlichen Milieus (vgl. Müller et al. 1997:252ff) als Facharbeiter in leitenden Positionen, als einfache und mittlere Angestellte in Banken oder in der staatlichen Verwaltung. Sie wollen ihren Lebensstandard sichern, und sind stolz auf das von ihnen Erreichte. Wichtig sind Geborgenheit in der Familie, Zufriedenheit und ein konfliktarmes Dasein. Im kleinbürgerlichen Milieu sind die Menschen konsumbereit, richten sich nach Konventionen und wollen nicht auffallen. Ihre Entwicklung seit 1945 ist gekennzeichnet durch die Fähigkeit, sich neuen Gegebenheiten anzupassen und Beziehungen innerhalb des Milieus aufzubauen, diese zu erweitern und für ihre Belange zu nutzen.

Der während des dritten Reichs gewachsene neue Mittelstand (kleine und mittlere Beamte, Angestellte bei Behörden, Banken und Versicherungen) stand zwischen 1945 und Ende der 40er Jahre im Mittelpunkt von sowjetischen Entnazifizierungsaktionen. Dies hatte für jedes Submilieu des kleinbürgerlichen Milieus Ansehensverluste zur Folge und führte zu Abwanderungen. Der alte Mittelstand (Handwerker, kleine Händler, Gewerbetreibende, Bauern) wurde in dieser Zeit dahingegen meist durch Enteignungen von Großbetrieben und Neugründungen von Parteien und Vereinen gestärkt. Einige Vertreter des alten Mittelstandes waren jedoch auch Beschränkungen und Enteignungen ausgesetzt.

Durch Kollektivierung der Landwirtschaft und Verstaatlichung von Betrieben und Handel wurde die Basis des Milieus seit Anfang der 50er bis Ende der 70er Jahre geschwächt. Die Angehörigen des Milieus traf auch die Gleichschaltung von Parteien und Vereinen, sowie eine strukturelle Benachteiligungen im Bildungswesen und bei der Wohnungsvergabe. Das Milieu war gekennzeichnet durch eine ausgeprägte Nischenkultur mit der Pflege familiärer Bindungen sowie eigenem Besitz wie Haus und Garten. Hinzu kamen dörfliche Feste, Stammtische und Traditionspflege, die stark heimatorientiert, aber staatlicherseits nicht gerne gesehen waren.

Obwohl sich in den 80er Jahren die Situation von Handwerkern und Bauern verbesserte und lokale Geselligkeit stärker toleriert wurde (Dorffeste, Karneval), mußte das Milieu weitere Abwanderungen hinnehmen. Dazu trug die fehlende Perspektive für Bauernkinder bei, denen kein Hof mehr vererbt werden konnte. Die Rolle des Milieus war nur dadurch relativ stark, daß sie die für die sozialistische Schattenwirtschaft besten Beziehungen verfügten.

Zur Zeit der Wende stellte das Milieu der Untersuchung zu Folge einen Großteil der Demonstranten. Sie forderten ökonomische Freiheiten und gründeten (klein-)bürgerliche Parteien. Für sie bedeutete die Wende die Möglichkeit zur großen Abrechnung. In ihrer Euphorie stützten sie zum Großteil die "Gründungswelle", eine Phase überstürzter kleinwirtschaftlicher Unternehmensgründungen in der direkten Nach-Wende-Zeit.

Ein Teil des Milieus wanderte ab Mitte der 90er Jahre in den Westen aus, oftmals aus wirtschaftlich begründeter Enttäuschung heraus: Die Währungsunion hatte die alten wirtschaftlichen und politischen Beziehungsnetze zerstört, die dem Milieu Kraft verliehen hatten und eine Pleitewelle erfaßte nun Alt- wie Neubetriebe. Gerettet wurde trotz dieser Rückschlage die Fähigkeit zum Beziehungsaufbau. Die neuen Netzwerke helfen heute, die als schwierig empfundenen Zeiten aktiv zu erleben. Auch Mentalitäten und Alltagspraktiken wurden möglichst ähnlich den neuen Gegebenheiten angepaßt, so daß das Milieu kohärent und wandelbar erscheint. Es bleibt die

Das traditionsverwurzelte Arbeitermilieu

Mit den handwerklich orientierten deutschen Facharbeitern, Arbeitern in der Großindustrie, wie Reparaturhandwerker, Gebäudebewirtschafterinnen, Feuerwehrleute oder Genossenschaftsbauern war das traditionsverwurzelte Arbeitermilieu (vgl. Müller et al. 1997:257ff) überall in der DDR zu finden. Sie bildeten den Kern des traditionsverwurzelten Arbeitermilieus. Zentrale Lebensorientierung ist in diesem Milieu die soziale Sicherheit. Hinzu kommt ein großer Berufsstolz und die Betonung eines Lebens in intakten Sozialbezügen. Sie leben sparsam, einfach und nüchtern, schätzen einfache Güter, Naturverbundenheit und Bodenständigkeit. Das Leben in der DDR wird heute häufig verklärt. Im Verlauf der letzten gut 50 Jahre war das Milieu häufig hohem Druck ausgesetzt, dem es mit Rückzug begegnete. Seine Kräfte wirkten reaktiv auf die einströmenden Veränderungen und versuchten, das Gekannte und Erlangte zu erhalten.

Die deutsche Arbeiterschaft war nach dem Kriegsende von sowjetischen Umerziehungskampagnen betroffen, die mit Enteignungen und Disziplinierungen einhergingen. Bis zum Arbeiteraufstand 1953 stabilisierte sich das Milieu über den Einsatz seines fachlichen Könnens und seiner Arbeitsdisziplin und die Stärkung der Werte Solidarität und kämpferische Durchsetzung eigener Interessen. Nach der Niederschlagung des Aufstandes zogen sich die Mitglieder des Milieus auf ihre kollegialen und familialen Netzwerke zurück.

Nach 1953, mit einem neuen paternalistischen Kurs der DDR Innenpolitik, verbesserten sich die Lebensbedingungen für das Milieu. Besonders Frauen konnten berufliche Aufstiege erzielen, indem sie die Angebote zur Weiterqualifikation nutzten. Die staatliche Förderung von Sport-, Haus- und Gartenvereinen half dem Milieu sich zu stabilisieren. Vereinzelt zeigte sich bis Ende der 60er der von Arbeitern organisierte öffentliche politische Protest, der seinen Ursprung im traditionsverwurzelten Arbeitermilieu hatte.

Trotz steigender Effektivitätsverluste der Wirtschaft in den 70er Jahren wurden Arbeitern gleichbleibende Einkünfte zugesichert und damit ihre soziale Sicherheit gewährleistet. Als Gegenleistung wurde erwartet, daß an Produktionskampagnen teilgenommen und keine öffentliche Kritik geübt wurde. Dieses "Stillhalteabkommen" (S.259) schwächte die Solidarität der Arbeiter, zumal sie sich auf ihre private Lebenswelt zurückzogen hatten und ihrer betrieblichen Öffentlichkeit beraubt waren. Zu diesem Trend trug auch die Umsiedlung in anonyme Plattenbauten und der Niedergang der Arbeiterkneipenszene bei. Parallel dazu wurden die Aktivitäten in Gartenkolonien und der eigenen Wohnung verstärkt.

Seit Mitte der 80er Jahre war zu beobachten, daß das Milieu durch die beschriebenen Einflüsse derart geschwächt war, daß es keinen Nachschub mehr durch die junge Generation erhielt und deshalb veralterte. Besser ausgebildete Kinder wandten sich wegen der stagnierenden Lebensverhältnisse und der schlechten Aussichten im industriellen Bereich anderen Milieus zu oder stellten Anträge zur Auswanderung in die BRD.

Mit dem Niedergang der DDR verstärkte sich der Abwanderungsdruck bei der jüngeren Generation. Die älteren traditionsverwurzelten Arbeiter versuchten dahingegen eine Rekonstruktion verlorengegangener Stärke über die Bildung von Gewerkschaften und Betriebsräten. Anfänglich bemühten sich die Milieumitglieder um die Rettung ihrer Arbeitsplätze mit Hilfe von Streiks oder Aktionen, doch mußten sie sich schließlich die Aussichtslosigkeit ihres Kampfes eingestehen, zumal sie keinerlei Unterstützung von prom01

Das traditionslose Arbeitermilieu

Das traditionslose Arbeitermilieu (vgl. Müller et al. 1997:262ff) bestand während der Existenz der DDR zum großen Teil aus Arbeitern der Großindustrie (Braunkohle, Textil, Chemie) und Angestellten bei Post, Fernmeldewesen, Reinigung oder Gastronomie. Seine Mitglieder streben nach geordneten Lebensverhältnissen und materieller Sicherheit, die sie jedoch eher spontan denn planmäßig zu erreichen suchen. Konsumwünsche bleiben unerfüllt, worauf mit der Darstellung von Bedürfnislosigkeit reagiert wird. Das Milieu ist leicht von Moden beeinflußbar. Sein Wandel war stark an die Zusage oder die Zurückhaltung staatlicher Unterstützung geknüpft, wodurch es schweren Schwankungen ausgesetzt war. Sein Wunsch nach Schutz und Lenkung durch starke Führungsinstanzen ließ es zum Spielball politischer Interessen werden.

Durch den Aufbau von Großindustrien nach dem zweiten Weltkrieg erreichte dieses Milieu einen guten DDR-Konsumstandard. Der chronische Arbeitskräftemangel der jungen DDR bot den Mitgliedern sogar Zugang zu höheren Posten und Ausbildungen. Sie konnten sich weitgehend etablieren und das Milieu stabilisieren.

Die Arbeiter standen auch bei Umstrukturierungsmaßnahmen zwischen Mitte der 60er und Mitte der 70er Jahre unter dem Schutz der Regierung. Sie machten die Erfahrung, daß für sie gesorgt würde. Zudem profitierten sie von neuen Wohnungsprogrammen, was ihr Vertrauen in die paternalistische Regierung stärkte.

In der Zeit der finanziellen Engpässe (Ende der 70er Jahre bis 1989) empfand das Milieu weniger Zuwendung staatlicherseits, sondern starren Direktivismus von oben: Planerfüllung auf Verschleiß hieß die Anweisung, es wurde Krisenmanagement verlangt und betrieben. Trotzdem wuchs das Milieu weiter an, da es Mitglieder des traditionsverwurzelten Arbeitermilieus aufnahm, selbst aber keinerlei Entwicklungsmöglichkeit bot. Ihre Stärke lag in den Beschaffungsbeziehungen. Der Wunsch galt staatlicher Lenkung.

Kohl erschien ihnen 1989 als neuer Beschützer, der die zerfallende Industrie wieder aufbauen würde, so daß sie ihn und seine Vereinigungspolitik euphorisch begrüßten. Nach kurzfristigen, auch finanziellen Verbesserungen litten sie tiefgreifend am Niedergang der ostdeutschen Großindustrie. Außer dem Verlust der Arbeit wurde ihnen der Pater genommen, sie hatten keine Aussicht auf Beschäftigung, keine Lobby und keinen Schutz als Arbeiter mehr. Auch wenn sich die finanzielle Situation nicht sehr verschlechterte, erlitt die herrschenden Klasse der DDR, wie sie häufig bezeichnet wurde, mit dem Transformationsprozeß einen schwer zu verkraftenden Statusverlust. Ihr Zustand wandelte sich durch die jetzt als Schock empfundene Vereinigung von Euphorie in Depression, die aber selten öffentlich wurden. Statt dessen reagierte das Milieu mit Rückzug in Privatheit, Gelegenheitsjobs und Schattenwirtschaft. Orientierungslosigkeit war das kennzeichnende Merkmal des Milieus nach der Wende.

Ab 1993 ergaben sich wieder einige Chancen durch Umschulungen oder Arbeit im einfachen Sozial- und Dienstleistungssektor, die Verlierer überwogen jedoch weit innerhalb des Milieus. Es zeigen sich außerdem gravierende Einbindungsprobleme in die neue Gesellschaftsordnung: Ältere Menschen sitzen ihre Situation vorzugsweise aus, "obwohl diese ihre strukturelle Basis nahezu verloren haben" (Müller et al. 1997:296), jüngere reagieren nicht selten mit Gewaltbereitschaft (39% der Jugendlichen des Milieus neigen dazu). Das Milieu ist, bei derzeit 8 Prozent, weiter im Wachsen begriffen. Problematisch daran ist, daß es weiterhin kau0

DDR-Milieus

Mit der Teilung Deutschlands und dem Aufbau des sozialistischen Staates im Ostteil wurde eine Umstrukturierung der gesellschaftlich-politischen und administrativen Bereiche eingeleitet. Die Entnazifizierungsbemühungen hatten zur Folge, daß viele Menschen an ihren vormaligen Arbeitsplätzen nicht mehr tragbar waren und ersetzt werden mußten. Zudem wurden durch das neue Staatssystem vielfältig Posten geschaffen, die möglichst von politisch unbelasteten aber gut gebildeten Menschen besetzt werden sollten. Dieser tiefe Eingriff bot vielen Aufstiegschancen und hatte in seiner umfassenden Art Milieu-Neubildungen zur Folge. Angesiedelt waren die Angehörigen der neuen Milieus häufig in staatsnahen Elitepositionen, die sie sich jeweils erarbeiten mußten. Sie orientierten sich zunächst an bereits bestehenden Milieus, formten aber, gekennzeichnet durch ihr Abhängigkeitsverhältnis zur politischen Macht des Landes, eine eigene spezifisch ostdeutsche Milieuidentität und erreichten schließlich ein Viertel des Gesamtbevölkerung.

Das bürgerlich-humanistische Milieu

Aus dem klassisch bildungsbürgerlichen Milieu der Vorkriegszeit hervorgegangen, widmeten sich die Mitglieder der DDR-eigenen Bildungselite, die das bürgerlich-humanistische Milieu (vgl. Müller et al. 1997:265ff) darstellte, der Pflege bürgerlicher Bildungs-, Kultur- und Umgangstraditionen. Es dominierten protestantische Tugenden wie Pflichterfüllung, Disziplin und soziales Engagement. Christliche Werte sowie Kunst und Kultur wurden ebenfalls hoch geschätzt. Beruflich dominierten mittlere bis höhere Einkommen, die in den Bereichen Verwaltung, Ausbildung, Information oder als Arzt und Pfarrer erworben wurden. Harmoniestreben in Familie und dem erweiterten Umfeld kennzeichnet dieses Milieu ebenso wie der bewußte Konsum von Qualitätsgütern.

Spezifisch ist, daß sich das Milieu nicht nur aus sich selbst, sondern auch aus anderen Milieus heraus reproduzierte. Lebensziele sind Selbstverwirklichung und Selbstbestätigung im Beruf und ein Wirken für den Menschen und gesellschaftlichen Fortschritt. Beruf ist für sie Berufung und Hobby, es gibt eine dementsprechend starke Identifizierung und Verknüpfung zwischen Beruf und Freizeit (vgl. Ritschel 1992:298f).

Ende der 40er Jahre verbanden sich die Mitglieder der neuen sozialistischen Intelligenz mit der verbliebenen Gruppe der alten Akademiker zum neuen bürgerlich-humanistischen Milieu.

Die bürgerlichen Akademiker dienten den neuen DDR-Bildungsaufsteigern vor allem als negative Orientierungspunkte: Sie waren zwar Mentoren für ihren Aufstieg, jedoch übernahmen sie das sie auszeichnende Elitebewußtsein und ihre Distinktion nicht als vorbildhaftes Verhalten.

Anfang der 50er Jahre standen die Milieumitglieder im sozialen, akademischen und kulturellen Bereich stark unter Druck, vor allem weil sie Diskussionen über die sozialistisch- humanistische Gesellschaft einforderten und kritische Öffentlichkeit gegen politische Bevormundung setzten. Deprimiert durch die ihren Vorstellungen entgegenlaufende Entwicklungen in Glauben, Politik und Kultur zogen sie sich mehr und mehr zurück oder wanderten aus.

In den 60ern fand eine Anpassung an DDR-Umgangsformen statt. Durch einen Generationenwechsel vollzog sich eine "Entbürgerlichung" des Milieus von seinen alten Mitgliedern. Es setzten sich neue, DDR-typische Umgangsformen und Distinktionen durch und neue Vorbilder (sehr häufig Schriftsteller) wurden hervorgebracht, wodurch sich das Milieu stabilisierte. Weiterhin wurde die klassische Kultur der DDR, traditionelle Familienbeziehungen und bürgerliches Wohnen gepflegt. Frauen hatten in diesem Milieu besonders gute Aufstiegschancen. Insgesamt vertrat das Milieu sozialistische Orientierungen und Hoffnungen der DDR, verknüpft mit einen Ethos der moralisch-gesellschaftlichen Verantwortung.

Mit der Schließung gesellschaftlicher Mobilitätsmöglichkeiten und dem Ende des Bildungsbooms seit Mitte der 70er Jahre konnten die begehrten Bildungsziele nur noch durch Beziehungen und Wartezeiten erreicht werden. Insgesamt besetzte das Milieu jedoch verstärkt die hohen Ausbildungsplätze, wodurch sich das Elitebewußtsein verstärkte. Mit dem Verlust sozialistischer Ziel- und Wertvorstellungen gewannen die Bürgerlich-humanistischen an Einfluß. Einerseits standen sie auf der Seite von Rüstungsgegnern und waren damit oppositionsnah. Gleichzeitig gehörten sie aber zum Establishment, wodurch sie Anfeindungen von Oppositionellen ausgesetzt waren.

Mit der Wende waren sie die beachteten Verfechter einer humanistisch-sozialistischen Erneuerung der DDR und prägten die großen Montagsdemo012

Das rationalistisch-technokratische Milieu

Die Menschen des rationalistisch-technokratischen Milieus (vgl. Müller et al. 1997:271ff) waren Teil der neuen sozialistischen Intelligenz, jedoch vertrauten sie einem technokratischen Weltbild. Sie hatten auf technischem, ökonomischem, oder naturwissenschaftlichem Gebiet höhere Bildungsabschlüsse und galten als die Träger des industriellen Aufschwungs der DDR. Sie stellten lokale Eliten, vor allem in den industriellen Zentren der DDR, oftmals als Beamte oder Selbständige. Die Angehörigen des Milieus sind zukunftsoptimistisch, wissenschaftsgläubig, pflegen Elitedenken und erwarten leistungsgerechte Anerkennung. Kennzeichen sind Perfektionsstreben, Pragmatismus und Konformismus. Erfolg ist für sie Pflicht, Anpassung ist erlaubt und ein hoher Konsumstil wird gerne gesehen.

Nach dem zweiten Weltkrieg bildete sich das rationalistisch-technokratische Milieu aus beförderten ehemaligen Werkmeistern und Vorarbeiter einerseits und neuen ökonomischen Funktionären andererseits. Ihre Aufgabe bestand im Wiederaufbau der DDR-Industrie, wofür sie Privilegien und Vergünstigungen erhielten und einen gehobenen Lebensstandard realisieren konnten.

Seit Mitte der 50er Jahre wurde der Spielraum für wirtschaftliche Expansion eingeschränkt, weshalb viele Angehörige des Milieus auswanderten. Die Verbleibenden hatten durch neue Schulungsprogramme häufig Chancen, sich fortzubilden. Diese Programme verschafften dem Milieu zudem verstärkt Nachwuchs. Selbständige finden sich zu Beginne der 70er Jahre praktisch nicht mehr, da diese Art der Arbeit in der DDR nicht mehr geduldet wurde.

Seit den 70ern wurde die Position des rationalistisch-technokratischen Milieus gestärkt, da ihre Vertreter und Vertreterinnen diejenigen waren, die die niedergehende Industrie Ostdeutschlands durch Effizienz und Pragmatismus aufrechterhalten konnten. Wegen der schlechten Innovationschancen wanderten viele von den alten Industrieanlagen ab und engagierten sich in der Mikroelektronik oder der Petrolchemie.

Nach 1989 widmeten sich die von Stasi-Vorwürfen unbelasteten Milieuvertreter dem Umbau der ostdeutschen Planwirtschaft auf marktwirtschaftliche Organisationsformen. Dabei gingen sie häufig den Weg des Management-Buy-outs, der Neugründung oder der Ausgründung um selbständig zu werden oder nahmen Stellungen in der Forschung oder in Planungsbürokratien ein. Das Milieu bildete während der Wende eine "Funktionselite im Modernisierungsprozeß" (Müller et al. 1997:273).

Der Modernisierungsethos des Milieus ist bis heute ungebrochen geblieben und im Vergleich zu ähnlich orientierten westdeutschen Milieus sehr ausgeprägt und weitgehend unreflektiert. Es fehlt die in ähnlichen Westmilieus typische Genußorientierung, weshalb es bei den Mitgliedern häufig zu Überlastungssymptomen kommt. Dies wird durch fehlende Verbandsbindungen noch gestärkt. Mit 6 Prozent stellt es nur eines der kleinen Milieus dar.

Das status- und karriereorientierte Milieu

Die nach sozialen Vorrechten strebenden Angehörigen des Status- und karriereorientierten Milieus (vgl. Müller et al. 1997:274ff) erlangten die begehrten Güter Wohlstand, Sicherheit, begrenzte Reisefreiheit und Teilhabe an der Macht durch eine systemnahe Karriere. Die mittleren und höheren Führungskader von Partei und Verwaltung konzentrierten sich an bevorzugten Wohngegenden der Groß- und Mittelstädte der DDR. Wichtig sind in diesem Milieu Erfolg, Aufstieg, Ansehen und hohes Einkommen zur Statusdokumentation. Aufstieg vollzieht sich meist weniger durch Hocharbeiten denn durch Beförderung. Man ist fortschritts-, high-tech- und marktwirtschaftsgläubig.

Mit dem Aufbau der DDR und der Kaderpolitik mit Umerziehungsanspruch wurden Arbeiterund Bauernkindern, aber auch fachlich qualifizierte Angehörigen des Mittelstandes besondere Aufstiegschancen geboten. Voraussetzung waren politische Zuverlässigkeit und der Wille, sich in die hierarchischen Strukturen des sozialistischen Staates und seiner Bürokratie einbinden zu lassen und den Aufbau der DDR mit voranzubringen.

Dies betraf bis in die 60er Jahre fast nur Männer. Frauen bekamen erst nach dem Mauerbau Aufstiegschancen, die sie mit Hilfe von Bildung dazu nutzten, in das Funktionärsmilieu vorzustoßen. Bis in die 70er vollzog sich eine teilweise Schließung des Milieus: Nachwuchs wurde aus den eigenen Reihen gesichert. Im Alltag sowie in Bezug auf Bildung wurden sogenannte Seilschaften aufgebaut, die ein Netzwerk nicht formalisierter Bindungen und Beziehungen darstellten.

Die Tendenz zur Schließung verstärkte sich zunehmend bis zu ihrem Höhepunkt in den 80ern als es zum weitgehenden Stillstand der Mobilitätsmöglichkeiten kam. Nur noch außergewöhliche Wege und Anstrengungen machten Karrieren möglich. Dies führte zu einem Rückzug auf individuelle Statusziele.

Nach der Wende hatte das Milieu mit politischer Stigmatisierung und drohendem Verlust der Arbeitsplätze zu kämpfen. Die neuen Konsummöglichkeiten und Aufstiegschancen erschienen reizvoll. Der dabei entstehende Optimismus wurde durch demonstrativen Fortschrittsglauben überspielt.

Letztendlich mußten die Vertreter und Vertreterinnen des Milieus (Größe: 9%) wenige Abstufungen in ihren beruflichen Positionen hinnehmen, konnten oftmals sogar Wohlstandsgewinne verbuchen, weil sie ihre gute Ausbildung, finanzielle Recourcen und berufliche Erfahrung wiederum einsetzen konnten. Auch mit ihrer Orientierung an sozialem Aufsteig, ihrer Eigeninitiative und der Bereitschaft zur flexiblen Anpassung paßten sie gut in die neue Gesellschaftsordnung. In Angestelltenverhältnissen haben sie weiterhin mit politischen Vorwürfen zu kämpfen, als Selbständige im Dienstleistungs- oder Finanzgewerbe konnten sie sich oftmals etablieren und dort Zufriedenheit erlangen. Sie zeigen häufig kritiklose Identifikation mit marktwirtschaftlichem Dursetzungsdenken, worunter Familie und Freundschaften zu leiden haben. Insgesamt scheinen die alten Handlungsmuster in neuer Kombination weiterhin gut anwendbar zu sein. Trotzdem ist gerade dieses Milieu modernisierungsbereit, dabei aber politisch-weltanschaulich nicht festgelegt.

Moderne Milieus

Die lebensweltliche Differenzierung in den 70er Jahren mit der kulturellen Öffnung der DDR bot jungen und kritischen Menschen die Chance, sich neu zu orientieren. Sie nutzten diese vielfach und wurden dabei häufig durch die Aktivität der evangelischen Kirche unterstützt. Antrieb erhielten sie andererseits aus einer sozialen wie politischen Stagnation des Landes und der Schließung von Mobilitätschancen sowie dem teilweisen Umbau der staatsindustriellen Betriebe. Die zweite Generation der DDR sah ihre Entwicklungschancen nicht mehr gewährleistet, vor allem nicht im Rahmen der engen Milieus ihrer Eltern. Sie suchten neue Wege sich zu artikulieren und ein für sie ertragbares, mit neuen Werten wie Genuß und Entfaltung in Einklang zu bringendes Dasein aufzubauen. Ihre Größe betrug 1991 19 Prozent der Bevölkerung.

Das alternative Milieu

Das alternative Milieu (vgl. Müller et al. 1997:280ff), vom Namen her ein Westimport, entwickelte sich in den 70er Jahren mit der Zulassung von Rockmusik, Westsendern und einer neuen, eher moderaten Kulturpolitik unter Honecker. Das Milieu rekrutierte sich aus der jungen Generation der bürgerlichen Milieus und fand seine Basis in Institutionen wie der evangelischen Kirche, dem universitären Bereich und dem Kulturbereich. Kennzeichnend wurden protestantische Werte und kritische linke Traditionen Intellektueller. Die Entstehung vollzog sich weniger in Protest zur Elterngeneration (wie das Alternativmilieu im Westen) denn vielmehr als Erneuerung deren Milieuverhaltens. Kennzeichnend sind gleichbleibend starke Kinder- und Familienorientierung, hervorgehobene Vereinskultur, Wertschätzung von Altem und Vergemeinschaftungstendenzen, sowie ein Hang zur Eigenproduktion und kulturellen Selbständigkeit. In diesem Milieu haben sich stabile und autonome Lebenswelten entwickelt. Die Mitglieder zeichnen sich aus durch hohe Bildung, sie sind oftmals studiert und arbeiten in Forschung, Ausbildung, Datenverarbeitung oder als Künstler. Als Ziele werden Selbstverwirklichung, gesellschaftlich nützlich sein und ökologisches Handeln formuliert. Sie üben Konsum-Askese, bevorzugen naturnahe Lebensweise und sind politisch, sozial und kulturell für ihre Ideale engagiert.

Die Bildung des neuen Milieus ist verbunden mit der Arbeit der evangelischen Kirche, die sich Anfang der 70er Jahre der jungen Generation öffnete und thematische Arbeit unterstützte. Eine erste alternative Kulturszene Anfang der 80er mit Friedensgruppen, später Umweltgruppen, und einer neuen Kulturopposition. Tragend waren (Rock-) Musiker, Liedermacher und Künstler im Allgemeinen.

Durch staatlichen Druck und Ausgrenzung gewann das Milieu ab Mitte der 80er Jahre an Stabilität. Seit jeher existierten Teilmilieus (Kirchengruppen, Kulturszene, Linksintellektuelle), die ein eigenes Netzwerk zwischen ihren jeweiligen Untergruppen aufbauten. Kirchengruppen kümmerten sich verstärkt um Themen wie Frieden, Ökologie und Menschenrechte. Die alternative Kulturszene versuchte, eine eigene Öffentlichkeit zu schaffen und die linkintellektuellen Kreise blieben konspirative Debattierzirkel.

Die Milieumitglieder traten mit der Wende an die Öffentlichkeit durch ihre Ablehnung der Deutschen Einheit. Kirchengruppen übernahmen den kritischen Dialog mit der SED-Führung, bevor sie mit der ersten Wahl wieder unbedeutend wurden. Deren Aktivisten waren treibende Kräfte, die zur Gründung von Bündnis90 und der Vereinigung mit den Grünen führte. Das Teilmilieu spaltetet sich in dieser Zeit in Kirchenangestellte und Politiker auf. Künstler agierten nur kurzfristig als Politiker, waren später mit West-Konkurrenz und Stasi-Vorwürfen konfrontiert. Eine Ausdifferenzierung der Szenen schwächte den Gesamtzusammenhalt des Teilmilieus. (Links-) Intellektuelle teilten sich in PDS und grün-bürgerbewegte Anhänger.

Durch die Abwicklung der Hochschulen, wobei anhand politischer Kriterien über Karrierechancen entschieden wurde, vollzog sich vielfach als ein als skandalträchtiger Abstieg empfundene Umwälzung, an deren Ende sich viele Intellektuelle in ABM- Maßnahmen, neuen Forschungsprojekten oder der Arbeitslosigkeit wiederfanden.

Durch die Wende war das Milieu starken Ent- und Durchmischungsprozessen ausgesetzt. Seitdem vollziehen sich Pluralisierungen und Individualisierungen, wodurch sich das Milieu weiter ausdifferenziert, sich aber auch auf neue (höhere) Einkommensschichten ausdehnt. Heute umfaßt es 7 Prozent der ostdeutschen Gesamtbevölkerung.

Es zeigt sich, daß es bereits zur Entwicklung von stabilen und autonomen Lebenswelten gekommen ist und das Milieu dadurch stabilisiert wird. Auch die Integration der nachwachsenden Generation könnte hier gelingen. Nicht zuletzt dadurch könnte das Milieu eher wachsen denn schrumpfen (vgl. Müller et al. 1997:297). Dem Milieu sind durchaus neue Chancen eröffnet worden: "Die Wende hat einigen ihrer Angehörigen die Chance gegeben, ihre beiden Hauptressourcen - ihr karitatives und asketisches Ethos und ihr hohes Bildungskapital - auch beruflich zu verwirklichen ..." (Vester 1995:47).

Das hedonistische Arbeitermilieu

Ausgangs- und Orientierungspunkt für das hedonistische Arbeitermilieu (vgl. Müller et al. 1997:286ff) ist die westliche Konsumwelt, ihre materiellen Güter und neuen Trends. Das Dazugehören zu dieser Welt wird als Lebensziel beschrieben. Die Angehörigen des Milieus besitzen meist mittlere Bildung. Sie arbeiten als Facharbeiter, einfache Angestellte oder kleinere Beamte.

Charakteristisch ist für sie der Anspruch, "angenehm und schön zu leben, einen hohen Lebensstandard zu haben, sich alles leisten zu können, was man möchte." (Ritschel 1992:300). Die Bindung an Beruf, Arbeit und Betrieb ist locker, die Grundhaltung optimistisch und zweckorientiert: "Wenn es um ihren eigenen Vorteil geht, lassen sie keine Chance ungenutzt." (Ritschel 1992:300). Heute lehnen sie den Kapitalismus ebenso wie das sozialistische System ab. Trotzdem greifen sie gerne auf alte DDR-Symbolik zurück. Es besteht im Milieu ein überzogenes Selbstwertgefühl, abgeleitet aus dem Gefühl, die ehemalige "herrschende Klasse" gebildet zu haben.

Zur Entstehung des hedonistischen Arbeitermilieus haben die neuen Berufschancen der DDR in der Mikroelektronik, Datenverarbeitung, in den Medien oder dem Bauwesen beigetragen. Die Kinder der traditionsverwurzelten Arbeiter nutzten die Modernisierungsbemühungen Anfang der 70er, um sich vom Milieuverbund der Eltern zu lösen, wobei sie sowohl deren Arbeitsorientierung wie auch deren Disziplin übernahmen, selbst aber mehr Wert auf genußreiche Freizeit legten.

Wegen der schlechten Konsum- und Genußmöglichkeiten wuchs die Zahl der Unzufriedenen im Milieu seit Mitte der 80er Jahre. Sie reagierten mit Auswanderungsanträgen und realisierten ihren Wunsch mit der Öffnung der Grenze auch massiv. Sie ließen sich aufgrund ihrer guten Qualifikation vergleichsweise einfach im Westen integrieren und wanderten deshalb auch selten wieder in den Ostteil Deutschlands zurück.

Seit 1991 ist das Milieu abwanderungsbedingt auf 5 Prozent geschrumpft, hat aber Nachwuchs aus der jüngeren Generation des traditionsverwurzelten Arbeitermilieus bekommen. Die Schwierigkeit besteht zum einen darin, daß ihnen die industriellen Betriebe nicht mehr genügend Arbeitsplätze bieten können und zum anderen ein gleichbleibend hoher Anspruch auf erfüllte Freizeitgestaltung besteht, der vielfach mit der Rezeption von Techno- Musik einhergeht. Um diesen Konsum und Genuß stillen zu können, tendieren viele Milieuangehörige zu Gewaltanwendung, vor allem dann, wenn ihnen nicht Arbeits- und Integrationsmöglichkeiten geboten werden. Sie sind schnell zu demotivieren, wenig krisenfest und haben bei Niederschlägen kein sie auffangendes Netzwerk in der Arbeiterschaft, an der sie sich orientieren könnten.

Das subkulturelle Milieu

Das subkulturelle Milieu (vgl. Müller et al. 1997:288ff) wird gebildet durch Jugendliche und junge Erwachsene in der Ausbildung, die starke Reize bevorzugen und auf Selbstbestimmung, Autonomie und Spaß aus sind. Ein klarer Bildungsschwerpunkt läßt sich nicht feststellen, die Mitgleider sind oft in Ausbildung oder haben eine solche abgebrochen. Arbeit finden sie in ABM-Stellen oder Beschäftigungsgesellschaften, als Arbeiter und Hilfskräfte. Sie schätzen Eigenständigkeit und Individualität, Spaß am Leben und Spontaneität. Ihre Distinktion ist das Leben der Normalbürger. Sie betreiben keinerlei Lebensplanung und schätzen materielle Güter gering. Sie versuchen sich von der Gesellschaft abzugrenzen und deutlich eigenen Geschmack zeigen.

Mit dem Aufkommen neuer Musikstile wie New Wave, Punk und Heavy Metal in den 80er Jahren entstanden erste subkulturelle Cliquen als scheinbare Teilgruppen des alternativen Milieus. Diese blieben stabil, da sich kaum Möglichkeiten zur Ausdifferenzierung ergaben, zumal sich keine eigene Infrastruktur mit spezifischen Läden entwickeln konnte. Die Beschaffung der Kleidung und besonderer Accessoires blieb informell und auf Selbsthilfe basierend organisiert. Durch Ausgrenzung wurde die Zugehörigkeit zum Milieu politisiert.

Anfang der 90er Jahre ließ der politische Außendruck nach und die ersehnte Musik mit dem dazugehörigen Outfit war leicht zu beschaffen. Dadurch nahm der Zusammenhalt der Cliquen ab und die in Ansätzen aufgebaute Infrastruktur wurde umgebildet. Sie differenzierten sich nach dem politischen rechts/links-Schema und nach Zugehörigkeit zu Clubs und Treffs aus.

Das Milieu steht stark unter Druck, da es sich sowohl gegen die sich ausbreitende Techno- Kultur durchsetzen, gleichzeitig aber dem eigenen, jetzt ausgeprägten Wunsch nach Spaß Rechnung tragen muß. Heute existiert eine Distinktion zu allen Normalbürgern, wozu mitunter auch Vertreter des Alternativmilieus zählen, das zuvor noch Integrationsarbeit für das Milieu leistete. Durch eine starke Ausdifferenzierung der Musikstile befindet sich das Milieu in unsicherem Zustand. Auch die politische Eindämmung- und Dezentralisierungsstrategie, aus der die Schließung und Räumung einiger Szenetreffs resultierte, machen dem Milieu zu schaffen. Derzeit präsentiert es sich als Durchgangsmilieu mit disparaten, häufig wechselnden Strukturen bei einer Größe von 5 Prozent.

Wandel der lebensweltlichen Sozialmilieus in Ost- und Westdeutschland

Müller et al. stellen in ihrer Untersuchung die Entwicklung der Milieuverteilung sowohl in Ost- wie auch in Westdeutschland dar. Der Vergleich kann Hinweise geben, wie die Milieustruktur in Ostdeutschland zu bewerten ist. Aufgeschlüsselt nach den Kriterien Modernisierung, Habitus und wertbezogene Grundhaltung lassen sich einige Unterschiede zum Westen herausarbeiten. Hierbei geht es nicht um die Perspektive, die beiden Landesteile in ihrer Milieustruktur angleichen zu wollen, sondern um die Kontrastierung einer seit 50 Jahren vergleichsweise konstant bestehenden Gesellschaft mit einer, die Wandel, nämlich den Zusammenbruch ihres Staatsgebildes, verarbeiten mußte. Dahinter stehen Fragen nach der Stabilität der Milieus, ihrer Zukunft, möglichen Ab- und Zuwanderungsbewegungen und einer Analyse der gesamten gesellschaftlichen Aufbaus. Auskunft, inwiefern dieser als konsistent und wandlungsfähig betrachtet werden kann, geben Verteilung und Mobilitätschancen. Schließung von Milieus und fehlende Zielmilieus lassen stärkere Konflikte und aggressive Tendenzen vermuten.

Verteilung der lebensweltlichen Milieus in West- und Ostdeutschland 1991

Im Westen Deutschland läßt sich ein Prozeß "integrierender Modernisierung" (Müller et al. 1997:249) ablesen, der durch eine breite Mitte und abnehmende soziale Gegensätze gekennzeichnet ist. Sowohl die moderne Mitte wie auch der Bereich der Mittelklasse sind stark besetzt. Es gibt weitgehend gesicherte Wege des Milieuwechsels und wenige Brüche hinsichtlich der Mobilitätschancen. Weiterhin gibt es aber - hier nicht sichtbare - vertikale Ungleichheiten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Milieuverteilungen in West- (links) und Ostdeutschland (rechts) 1991. Quelle: Müller et al. 1997:248[fehlen]

Ostdeutschland stellt dahingegen sich als weitgehend traditionell orientierte Arbeitsgesellschaft dar. Die Hälfte der Bevölkerung gehört traditionalen Arbeitermilieus an und der Mittelstand ist nicht derart ausgeprägt, daß er ein tragendes Element der Gesellschaft darstellen könnte. Hinsichtlich der Wertorientierung fehlt eine moderne Mitte gänzlich, wodurch kein verbindendes Element zu den neuen modernen Milieus existiert. Die bestehende traditionale Mitte wendet sich zwar dem Oberklassen-Habitus zu, bleibt aber in ihrer traditionellen Ausrichtung Modernisierungsbewegungen gegenüber verschlossen und kann deshalb keine integrative Funktion ausüben.

Lebensweltliche Sozialmilieus in Ostdeutschland nach Habitus

Die fehlende teilmodernisierte Mitte in der Sozialstruktur Ostdeutschlands wird besonders deutlich über die Darstellung der lebensweltlichen Milieus nach dem Kriterium des Habitus im Zusammenhang mit der Modernitätsanalyse. Es zeigt sich, daß Ostdeutschland sehr wohl nach Ober- Mittel- und Arbeiterhabitus differenziert ist, sogar in annähernd gleichmäßiger Verteilung. In der Betrachtung ihres Modernisierungsgrades fällt jedoch auf, daß die oben aufgeführte traditionale Mitte sämtlich aus Milieus des Oberklassen-Habitus zusammengesetzt ist. Ihre Orientierung ist nicht die Modernisierung sondern die Bewahrung ihres traditionalen Oberklassengefühls.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Anordnung der SINUS-Lebensstilmilieus für Ostdeutschland 1991 nach

Bourdieus Konzept des sozialen Raums und des Habitus der Klassenfraktionen

Das aus dem bürgerlich-humanistischen Milieu hervorgegangene Linksintellektuell- alternative Milieu ist abgespalten von seinen Ursprüngen und findet keinen gleitenden Anschluß zu hinsichtlich des Habitus ähnlich orientierten Milieus. Gleiches gilt für das Subkulturelle Milieu, das noch weit höhere Schwierigkeiten besitzt, mögliche Gemeinsamkeiten mit dem kleinbürgerlich-materialistischen Milieu feststellen zu können. Einzig für die Ebene der Arbeiter ist Mobilität auch über Modernitätsschranken hinweg gewährleitet. Dem kleinen traditionslosen Arbeitermilieu kann jedoch kaum integrative Wirkung zugeschrieben werden. Was in Abbildung 1 noch als gleichmäßig strukturierte Gesellschaftsordnung erschien, erweist sich in Abbildung 2 als eine Gesellschaft mit einer gravierenden Modernisierungslücke und einer in der Mitte geschwächten Struktur. Das teilmodernisierte Milieu mit Mittelklassen-Habitus, das im Westen stark ausgeprägt ist, stabilisierend wirkt und kennzeichnend ist für eine integrative und sich nivellierende Ordnung, fehlt in Ostdeutschland gänzlich. Insgesamt betrachtet ist die fehlende Mitte ist der Schwachpunkt Ostdeutschlands. Teile des kleinbürgerlich-materialistischen, des Linksintellektuell-alternativen und des traditionsverwurzelten Arbeiter- und Bauernmilieus könnten in Zukunft diese neue Mitte formen. Noch fehlt ein stabiles Element in Zentrum der ostdeutschen Gesellschaftsordnung.

Schlußfolgerungen

Hinsichtlich der Schichtung der ostdeutschen Gesellschaft lassen sich die beiden Extreme als gut besetzt verorten. So bilden die Vertreter der DDR-Milieus, der Linksintellektuell- Alternativen und ein Teil des kleinbürgerlichen Milieus die obere Mittelschicht und damit die neue Elite, die neuen Etablierten Ostdeutschlands (vgl. Müller et al. 1997:298). Am anderen Ende der sozialen Schichtung finden sich Angehörige der drei Arbeitermilieus, des subkulturellen und des kleinbürgerlichen Milieus. In der Mitte, dem Bereich, der in Westdeutschland typischerweise stark besetzt ist, sind die Strukturen noch uneinheitlich. Teils traditionell, teils modern sind sie gleichsam selbst instabil und können die Polarität der Gesellschaft bislang nicht ausgleichen.

Die bereits angeführte fehlende moderne Mitte in Ostdeutschlands verschlechtert die Aussichten von benachteiligten Gruppen aufzusteigen, da sich ihnen keine adäquaten Milieustrukturen anbieten. Zudem desillusioniert dies die Mitglieder der traditionellen Milieus hinsichtlich ihrer Chancen, sich sozial zu verbessern, wodurch sie sich vom ohnehin in Frage gestellten neuen Staatsaufbau zu entfernen drohen. Hinzu kommt, daß diese Tendenzen nicht durch eine breite, in Milieustrukturen verfestigte, konsenshaft getragene Zustimmung ausgeglichen werden. Derzeit erscheint die Gesellschaft auf dem Gebiet der ehemaligen DDR als zerrissen und polarisiert strukturiert. Besondere Hindernisse bekommt der Aufbau einer tragenden Mitte durch politische Belastungen: Die Vertreter der ehemaligen gesellschaftlichen Mitte sind heute politisch belastet und Anfeindungen ausgesetzt.

Eine andere, in den Milieubiographien mehrfach erwähnte Tendenz zum Rückzug in das private Leben und den Bereich der persönlichen Beziehungen läßt Traditionsbewahrung erahnen. Besonders traditionale Milieus der Arbeiterschaft reagieren mit diesem Muster und bewirken eine Modernisierungshemmung in Ostdeutschland. Dies ist nur insofern relevant als daß dadurch die Aussichten auf eine Stärkung der Mitte im Osten weiter abnehmen. Der Rückzug stabilisiert die ohnehin als konstant erlebten Milieus weiter, weckt aber nicht ihre Fähigkeit zur Anpassung und zur Innovation, die für die heranwachsende Generation wichtig wäre, das sie Perspektiven und Chancen auf sozialen Aufstieg eröffnen würde.

Zusammenfassende Schlußbetrachtung

Die Milieustudien und besonders die aufgeführten Biographien haben gezeigt, in welchem eindrucksvollen Ausmaß soziale Konstrukte stabil bleiben können. Die hier vorgestellten Milieus sind teilweise durch zwei Kriege, Wiederaufbau, Staatsumbrüche und politische Umgestaltungen in ungeahntem Ausmaß und haben doch Zusammenhalt beweisen können.

Die Spuren von 40 Jahren sozialistischer Gesellschaft sind nicht zu übersehen. Die offiziellen Bemühungen um gleiche Lebensverhältnisse für alle hatten zu einer Gesellschaft mit geringer horizontaler Differenzierung geführt. Erwerbstätigkeit und sozialer Aufstieg waren, wie vieles andere auch, besonders stark von politischen Entscheidungen und Zugehörigkeiten abhängig. Auch Milieus waren Nutznießer dieses Systems. Sie grenzten sich im Rahmen der stark verfestigten Gesellschaft besonders gut von anderen Milieus ab, garantierten die Selbstreproduktion und unterbanden den Zugang aus anderen Milieus. Besonders hinsichtlich der Ressource Bildung gab es bedeutende soziale Schließungen.

Ostdeutschland stellt sich nach den vorgestellten Milieustudien nicht mehr als nivellierte, dafür aber als vergleichsweise statische Gesellschaft dar. Zwei große Einschnitte sind sehr wohl hervorgetreten: Zum einen die Zeit der Staatsgründung nach dem zweiten Weltkrieg, als sich die DDR-typischen Milieus bildeten und zum anderen der soziale Wandel, der Mitte der 70er Jahre einsetzte und die Entstehung der modernen Milieus nach sich zog. Beides waren tiefgreifende Veränderungen für die Sozialstruktur des Landes - und trotzdem blieb vieles in diesem Staat unangetastet. Gehemmt war Wandel durch einen überdimensionierten Verwaltungsapparat, der menschliche Fähigkeiten und Kräfte band und hemmte. Ein ideologischer Aufbau, der ökonomische Leistungsdynamik praktisch unmöglich machte und durch seine zentralisierte Steuerung Veränderungen verhinderte, ließen das Land in einem sozialen Schlaf versinken.

Die Wende ging rücksichtslos mit dem Land und den Menschen um. Soziales, kulturelles und ökonomisches Kapital wurde in einem Umfang vernichtet, der zuvor nicht denkbar gewesen war. Die Menschen konnten ihre Berufe nicht mehr ausüben, wurden arbeitslos und sahen sich mit wertlosen Qualifikationen ausgestattet in eine ungewisse Zukunft blicken. Politische Kontakte verloren ihren Wert und waren zudem einem erneuten Aufstieg eher abträglich. Soziale Kontakte brachen mit den einsetzenden Wanderungsbewegungen in den Westen weg - und doch waren sie es, die den stärksten Halt in der Zeit der Wende gaben.

Die Milieus haben Standfestigkeit bewiesen. Ihr Zusammengehörigkeitsgefühl hat sich weitgehend gerettet und sogar, als Gegenbewegung, vielfach verstärkt. Die Menschen haben es verstanden, ihre Werte, Wünsche und Ausrichtungen in die neue Gesellschaft hinüberzuretten und in den neuen Gegebenheiten wieder zu verankern. Gleichzeitig sehen sie sich einem ungeheuren Wandlungsdruck ausgesetzt: Neue Berufe mußten sie erlernen, neue Distinktionen einüben, mit staatlichen Stellen neue Formen des Umgang lernen und ein neues politisches System verinnerlichen.

Es sind zwei Aufgaben, die in Ostdeutschland zur gleichen Zeit bewältigt werden sollen: Sozialen Wandel befördern, um die verpaßte Modernisierung nachzuholen und gesellschaftlich wie wirtschaftlich anschlußfähig zu werden. Und gleichzeitig soll soziale Stabilität aufrechterhalten werden. Angesichts der gewaltigen Verwerfungen durch den Zusammenbruch eines ganzen Staatssystems ist es bemerkenswert, wie wenig Instabilität aufgekommen ist. Die Menschen hab

Literaturangaben

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Kerstin Schweigel/Astrid Segert/ Irene Zierke, 1992: Alter Wein in neuen Schläuchen? Lebensstil- und Milieuforschung in Ostdeutschland. In: Michael Thomas, Abbruch und Aufbruch - Sozialwissenschaft im Transformationsprozeß, S.303-318.

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Michael Vester, 1993: Peter von Oertzen, Heiko Geiling, Thomas Hermann, Dagmar Müller: Soziale Milieus im gesellschaftlichen Wandel.

Details

Seiten
27
Jahr
1997
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v96477
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
Schlagworte
Milieus Ostdeutschland Milieuanalysen Milieubiographien Soziologie Fortgeschrittene Sozialstrukturwandel West-

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