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Soziale Netzwerke

Seminararbeit 1998 13 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. DER BEGRIFF DES „HABITATS“ FÜR QUARTIER UND SOZIALE NETZWERKE

3. HABITAT UND SOZIALE NETZWERKE GROßSTÄDTISCHER FAMILIEN
3.1 DER B EGRIFF DER „FAMILY AND SOCIAL NETWORKS“ (BOTT)
3.2 INDIKATOREN UND DIMENSIONEN VON FAMIL IALEN NETZWERKSBEZIEHUNGEN
3.3 WELCHE PERSONEN BESUCHEN EINE FAMILIE WIE OFT IN IHRER WOHNUNG?
3.4 ÖKOLOGISCHE UND FAMILIALE BEDINGUNGEN VON NACHBARSCHAFTSBEZIEHUNGEN

4. RESÜMEE

5. LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

Diese Hausarbeit richtet das Hauptaugenmerk auf die Habitate und soziale Netz- werke großstädtischer Familien. Dabei sollen theoretische und empirische Verbin- dungen zwischen Sozialökonomie und Familiensoziologie hergestellt werden, wie sie eine in den letzten Jahren zu beobachtende „sozialökologische Orientierung“ in der Familien- und Sozialisationsforschung programmatisch im Blick hat. Dafür soll zunächst erst einmal eine Begriffsdefinition des Habitats geliefert und im Zusammenhang damit die Begriffe der ö kologischen Valenz und im weiteren Ver- lauf die ö kologische Potenz erläutert werden.

In Bezug auf Elisabeth Bott werden die family and social networks vorgestellt. Es werden Fragen nach den Umweltbedingungen gestellt, die Einfluß auf den Familienalltag und das familiale Sozialisationsgeschehen nehmen.

Nach diesen Einführungen werden die nachbarschaftlichen Beziehungen dargestellt und es soll erläutert werden, wovon die Nachbarschaftsbeziehungen abhängen; welche Indikatoren und Dimensionen es dafür gibt und wie die ökologischen und familialen Bedingungen aussehen. Hierzu werden die „klassischen“ erklärenden Variablen aus den Standortrepertoire der empirischen Familienforschung benutzt (Kinderzahl, Wohnraumversorgung, sozialer Status, Wohndauer der Mutter im Viertel, Ehedauer und das zeitliche Ausmaß der Berufstätigkeit von Müttern im Hinblick auf die familialen Netzwerkskontakte).

Abschließend soll der Frage nachgegangen werden, in welchem Maß ö kologische Valenzen des Quartiers und die Integration der Eltern in nachbarschaftliche Netz- werke, den Zugang von Kindern zu altersspezifischen Sozialkontakten im Quartier beeinflussen.

2. Der Begriff des „Habitats“ für Quartier und soziale Netzwerke

Makrosoziologisch läßt sich die Familie als „situiertes gesellschaftliches Subsys- tem“ charakterisieren; mikrosoziologisch kann man die Familien als im Quartier „situierte Interaktionssysteme“ bestimmen. Daraus ergibt sich, auf der mikroanaly- tischen Ebene „Familienalltag“, die Umweltabhängigkeit familialer Prozesse im Sinne von „Standortabhängigkeit“. Dieses Phänomen der „Standortabhängigkeit“ ist auch aus der biologischen Ökologie vertraut, wenn man es in Bezug auf tieri- sche und pflanzliche Lebensformen und Lebensgemeinschaften sieht. Ein Lebens- gemeinschaft von Pflanzen und Tieren bilden z.B. „Biozönosen“, „die mit ihrem Standort eine Einheit (bilden), die über eine ihr eigene Dynamik, d.h. eine selbstre- gulierende Fähigkeit verfügt“1.Im Fall situierter familialer Interaktionsprozesse hat man es jedoch nicht mit einer einfachen Analogie zu tun. Den Standort tierischer und pflanzlicher Lebensformen bezeichnet man als „Biotop“. Die oben angespro- chene „Einheit“ von Biozönose und Biotop ist das Resultat genetisch prädeterminierter Anpassungsleistung der jeweiligen Organismen an ihrem Standort. Dagegen ist die „Wohnortsabhängigkeit“ von Familien jedoch nur als Resultante komplexer sozialer Vermittlungsprozesse zu denken. Nur unter extremen Lebensbedingungen ist sie deterministisch.

Der Standort bzw. alltägliche Aufenthaltsort von Individuen und sozialen Systemen ist hierbei nicht der Biotop, sondern der „Soziotop“ oder mit anderen Worten: das „Habitat“ als alltäglich „durchlebter Raum“. Mit der Einführung des Habitatbegriffs soll eine biologische Perspektive ausdrücklich vermieden werden.

Nimmt man den humanökologischen Sprachgebrauch zur Hilfe, so sind mit Habitat alltägliche menschliche Aufenthalts- und Aktivitätsräume bezeichnet. Ausdifferenzierten gesellschaftlichen Handlungsfeldern entsprechen jeweils funktionsspezifisch ausdifferenzierte Habitate.

Das Habitat thematisiert Quartiersumwelten nicht nur hinsichtlich ihres faktischen Vorhandenseins und ihrer möglichen unterschiedlichen sozialen wie räumlich- dinghaften Beschaffenheit, sondern ausdrücklich in ihrer Verhaltenswirksamkeit. Diese Verhaltenwirksamkeit wird im weiteren Verlauf als ö kologische Valenz be- zeichnet. Hierunter fällt z.B. die soziale Kontrolle, der man im Wohnquartier unter- liegt; die Ausstattung mit Wohnraum; die Flächenanteile; Infrastrukturausstattung etc..

Ein weiteres Merkmal für Habitate ist die sogenannte ö kologische Potenz von Individuen oder sozialen Systemen. Nach Knötig ist die ö kologische Potenz „die Gesamtheit der... Eigenschaften des ‚Umweltträgers‘ in ihrer Bedeutung für seine Auseinandersetzung mit seiner Umwelt“2.

3. Habitat und soziale Netzwerke großstädtischer Familien

Das besondere Augenmerk in diesem Kapitel gilt den Umweltbeziehungen, die Familien in ihrem Wohnquartiere, welches zu Anfang als „Habitat“ bezeichnet wurde, knüpfen und auch unterhalten.

Die Selektivität umweltbezogenen Verhaltens (nachbarschaftliche Beziehungsfor- men) im Habitat ist, sowohl beeinflußt durch spezifische Habitatvalenzen, als auch durch relevante Aspekte der ökologischen Potent der Akteure3. Die sozialräumli- chen Faktoren sozialer Rang und Familientypus erlauben als Indikatoren unter- schiedlicher Dimensionen der residentiellen Segregation4 von Quartiersbevölkerungen die Abgrenzung und vergleichende Klassifikation einer (begrenzten) Vielfalt städtischer Habitate. Dieses sind valide5 Indikatoren für eine jeweils unterschiedliche „Sachausstattung“ in bezug auf die gebaute Umwelt sowie in soziokultureller Hinsicht für charakteristische lokalspezifische Verhaltensformen, und hier besonders für quartierstypische Muster informeller Beziehungen.

Wesentliche Umweltbedingungen sozialer Netzwerke sind somit die sozialräumli- che Segregation von Quartiersbevölkerungen und mit ihr hochsignifikant zusam- menhängend, die Art der Bebauung im Quartier. Die „Wirkungen“ von Valenzen sind in diesem Zusammenhang nur in Interdependenz mit den jeweiligen ö kologi- schen Potenzen der im Quartier situierten Familiensysteme adäquat rekonstruier- bar.

3.1 Der Begriff der „ family and social networks “ (BOTT)

Ein wesentliches Defizit der familiensoziologischen Forschung über family and social network besteht in der Vernachlässigung der umweltlichen und familialen Bedingungen für Entstehung und Bestand familialer Netzwerke. Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Art der familialen Umweltbeziehungen auf der einen und spezifischen Weisen binnenfamilialer Interaktion und Alltagsorganisation auf der anderen Seite. Anders ausgedrückt: daß über familiale Umweltpartizipation tatsächlich Ressourcen des Familienalltags in die Familie „hineingelangen“.

Da die Familie in ein um sie herum arrangiertes soziales Netzwerk eingegliedert ist, sind im Rahmen von BOTT’s Untersuchungen die Kontakte von besonderem Interesse.

Ihre zentrale Hypothese besagt, daß es nicht so sehr die formalisierten Außenbe- ziehungen von Familien sind, die die Arbeitsteilung und Alltagsorganisation in Fa- milien beeinflussen, sondern daß eher die Einbindung von Familien in ein Geflecht informeller Außenbeziehungen in eine direkte Beziehung zu Strukturen intrafamilia- ler Kommunikation und alltäglicher Aufgabenteilung in der Familie gebracht werden kann. Ob hier jedoch tatsächlich eine kausale Beziehung besteht, kann in Zweifel gezogen werden, denn es spricht einiges dafür, hier nicht den Alltag in der Familie aus den alltäglichen Familienbeziehungen nach außen zu erklären.

BOTT zeigt 2 Arten von Netzwerken auf: die dichten Netzwerke und die losen Netzwerke. Dichte Netzwerke sind in überdurchschnittlichem Maße verwandt- schaftlich durchsetzt und lokal zentriert. Bei losen Netzwerken ist der Grad der internen Verbundenheit demgegenüber relativ gering. Hieraus kann man folgern, daß je dichter das soziale Netzwerk einer Familie ist, desto höher ist der Grad der „Rollensegregation“ der Ehegatten in der Familie. Demgegenüber: je loser, d.h. je weniger verbunden das soziale Netzwerk ist, desto geringer ist der Grad der eheli- chen Rollensegregation. Die erfahrene soziale Kontrolle ist überaus hoch. Dies vor allem deshalb, weil in diesem Netzwerktypus kleinfamiliale, verwandtschaftliche, nachbarliche und z.T. auch berufliche Rollen einander überlappen6. Lose Netzwerke, also der Beziehungstyp, der mit hoher ehelicher Rollenflexibilität einhergeht, sind schon wegen der geringen lokalen beruflichen Bezüge der in der Regel statushöheren Ehemänner nicht territorial - d.h. ihre Mitglieder sind weitaus „umweltoffener“. So fühlen sich die Familien auch weniger sozial kontrolliert oder „lokalen Normen“ unterworfen im Gegensatz zu dichten Netzwerken. Bei dieser gegebenen Charakterisierung der beiden Extremtypen von Netzwer- ken (dicht/lose) kann man folgende Bedingungen angeben, von denen die Be- schaffenheit des sozialen Netzwerks einer Familie abhängen kann: Homogenität oder Heterogenität ihrer Quartiersumwelt, ihr eigener sozialer Status, ihre berufli- che und geographische Mobilität, die Lage von Arbeitsort und Wohnort usw..

3.2 Indikatoren und Dimensionen von familialen Netzwerksbeziehungen

Der Begriff des sozialen Netzwerks, so wie Kapitel 3.1 dargestellt und definiert, beschreibt eine bestimmt formale Struktur sozialer Beziehungen - jedoch macht er keine Aussage über die Einheiten oder Elemente, zwischen denen Netzwerksbeziehungen bestehen. Nimmt man jedoch BOTT’s Unterscheidung familialer Netzwerke nach ihrer Dichte bzw. dem Grad ihrer Verbundenheit zur Hand, so erhält man implizit eine weitere hinsichtlich der Beziehungspartner eines Netzwerks und der räumlichen Reichweite von Beziehungen:

Dichte Netzwerke sind in der Regel verwandtschaftlich und/oder lokal zentriert. Lose Netzwerke umfassen typischerweise nicht-verwandtschaftliche und/oder re- gional breit gestreute Beziehungen. Somit unterscheiden sich familiale Netzwerke unterschiedlicher Dichte auch hinsichtlich der sozialen und räumlichen Distanzen zwischen den Beziehungspartnern. Bei der Unterscheidung der Elemente des Netzwerks Familie in verwandte und nicht-verwandte Familien und Personen, sind die unterschiedlichen sozialen Distanzen angesprochen. In der einschlägigen For- schungsliteratur findet sich räumliche Differenzierung, als qualifiziertes Merkmal von Netzwerksbeziehungen, vor allem in der Unterscheidung von Beziehungen „innerhalb der Gemeinde“ oder „innerhalb des Quartiers“ und solchen nach „drau- ßen“ - d.h. über regionale Entfernungen hinweg und nur mit großen Aufwand und zu besonderen Anlässen.

3.3 Welche Personen besuchen eine Familie wie oft in ihrer Wohnung?

In der Regel kann man davon ausgehen, daß Personen, die eine Familie zu Hause besuchen, Mitglieder eines um sie herum arrangierten sozialen Netzwerks sind. Aus der Häufigkeit heraus, mit der Familien von unterschiedlichen Personen be- sucht werden, hat man einen relativ „harten“ Indikator für eine familiale Umweltof- fenheit oder auch Isolation.

Wie in der nachfolgenden Tabelle zu sehen ist, hat das landläufige Vorurteil von der „sozial isolierten“ modernen Kleinfamilie keine Wirkung. Familien in Großstäd- ten unterhalten Besuchsbeziehungen mit Verwandten, Freunden, Kollegen und Nachbarn so, daß eine soziale Isolation eher ein Ausnahmephänomen ist, als ty- pisch.

Von „regelmäßigen“ Besuchen soll hier nur gesprochen werden, wenn sie (nach Antwort der Befragten) mindestens einmal im Monat stattfinden. Besuch, die selte- ner als einmal im Monat sind, aber mindestens einmal im Vierteljahr stattfinden, werden als „selten“ bezeichnet. Finden Besuche seltener als einmal im Vierteljahr statt, so wurden sie wie „Nicht-Besuche“ gewertet. „Häufige“ Besuche sind weiter- hin solcher, die mindestens einmal wöchentlich oder öfter stattfinden.

In der Tabelle ist deutlich zu erkennen, daß Großstadtfamilien mit Kindern im Vorschulalter in erheblichem Umfang regelmäßig in ihrer Wohnung von Angehöri- gen der Großelterngeneration oder von Geschwistern der Eltern besucht werden. Somit spielen Angehörige der Herkunftsfamilien der Eltern offenbar einen erhebli- che Rolle im Familienalltag, an dem sie auch intensiv Anteil nehmen, auch wenn man nicht beieinander wohnt.

Aus einer Studie von Elisabeth PFEIL7 geht heraus, daß fast die Hälfte aller Fami- lien Großeltern und Geschwister im Stadtviertel haben und überwiegend regelmä- ßig von ihnen besucht werden. Sie gibt an, daß vier von zehn der Familien regel- mäßige Besuchskontakte mit Großeltern und Geschwistern, die im selben Stadtteil wohnen unterhalten; ein Drittel mindestens einmal wöchentlich; ein Sechstel etwa täglich. Die räumliche Nähe zu den nahen Verwandten begünstigt ganz offensicht- lich solche regelmäßigen und daraus intensiven Beziehungen, wie vor allem die Häufigkeit der täglichen Besuche anzeigt. Darüber hinaus bestehen auch mit Großeltern und Geschwistern der Eltern, die weiter entfernt wohnen, rege Bezie- hungen. So werden über die Hälfte aller Familien regelmäßig von nahen Verwand- ten besucht, die nicht im selben Stadtviertel leben. Lediglich die täglichen Besuche sind den Umständen entsprechend etwas seltener.

Daraus läßt sich schlußfolgern, daß räumliche Nähe zwischen nahen Verwandten also zwar besonders häufige Besuchsbeziehungen begünstigt - mit zunehmender räumlicher Distanz werden solche Kontakte jedoch nicht unregelmäßiger, sondern nur etwas seltener.

Ebenfalls ist aus der Tabelle zu entnehmen, daß zu den übrigen Verwandten auch in hohem Maße regelmäßige Beziehungen bestehen. Jedoch sind die Kontakte hierbei insgesamt seltener als die mit Großeltern und Geschwistern. Hinzu kommt, daß andere Verwandte weniger oft im selben Stadtteil wohnen, wie die Befragten, als Großeltern und Geschwister. Auch das Ausmaß der gegenseitigen Hilfeleistun- gen ist hier weitaus geringer und liegt bei 11% der Befragten. Neun Zehntel der untersuchten Familien werden in ihrer Wohnung von Freunden und Bekannten besucht. Weniger häufig dagegen sind die Besuchskontakte mit Arbeitskollegen. Hier zeigt sich eine grundsätzliche, nur sehr selektiv aufgegebene Trennung von Arbeits- und Freizeitbereich - auch bezogen auf die familialen Außenbeziehungen. Sehr auffällig und hoch ist der Anteil der Familien, die keinen oder nur seltenen Besuch durch ihre nächsten Nachbarn haben, der bei 42% liegt.

Wenn man zwischen dem Kriterium der räumlichen Distanz der Wohnorte von Besuchern und Besuchten variiert, so sind die regelmäßigen Besucherkontakte mit Personen von außerhalb der Familien durchweg häufiger. Zwar hat nicht jede Familie in der unmittelbaren Nachbarschaft Freunde oder Verwandte, jedoch sind weitere Wege keinesfalls ein durchschlagendes Kontakthindernis. Sofern Familien allerdings regelmäßige Besuchskontakte mit den hier dargestellten Personen bzw. Personengruppen unterhalten, werden diese in ihrer Häufigkeit recht eindeutig und positiv durch die räumliche Nähe der Wohnorte beeinflußt.

Die systematische Variation sozialer und räumlicher Distanzen ist jedoch nicht gleichbedeutend mit der Erklärung umweltoffenen Verhaltens. Um die Faktizität, Regelmäßigkeit und Intensität von Netzwerkbeziehungen erklären zu können, ist man vielmehr auf die Einführung externer Faktoren angewiesen.

Bevor eine Analyse der Bedingungsvariablen familialer Netzwerksintegration aufgeführt wird, sollen die zuvor aufgeführten Indikatoren auf ihre wesentlichen Dimensionen reduziert werden. Dies kann man dadurch erreichen, daß man die Beziehungspartner eines familialen Netzwerks nach den zuvor in Kapitel 3.1 einge- führten Kriterium danach unterscheidet, ob mit ihnen primäre oder sekundäre Be- ziehungen unterhalten werden. Beim primären Beziehungstyp handelt es sich um verwandtschaftliche („zugeschriebene“) Kontakte. Der sekundäre Beziehungstyp benennt Kontakte zu Freunden, Bekannten, Nachbarn oder Kollegen („zugeschrie- ben“). Während es, zumindest zu bestimmten Anlässen, bei ersterem eher auf die „Beziehungspflege als solche“ ankommt, dürfte der zweite Typ weitaus häufiger das Ergebnis selektiver Umweltpartizipation sein.

In der nachfolgenden Tabelle ergibt sich die Struktur von Dimensionen und Typen familialer Netzwerkbeziehungen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Erworbene, im weiteren Sinn, „nachbarschaftliche“ („sekundäre“) Kontakte mit Nachbarn, Kollegen, Bekannten im familialen Habitat stellen den für den ökologischen Ansatz zentralen Typus familialer Netzwerksbeziehungen dar.

Offenbar gib es Interdependenzen zwischen den Beziehungstypen innerhalb familialer Netzwerke:

Gänzlich unabhängig davon, mit wem Familien außerdem noch Kotakt haben, werden Besuchskontakte mit im Viertel lebenden Verwandten gepflegt, wenn sie vorhanden sind. Je intensiver jedoch die Besuchskontakte mit Bekannten, Freun- den und Nachbarn im Quartier sind, desto intensiver sind auch die Beziehungen der Familien zu Verwandten, die nicht im Viertel wohnen und zu außerhalb leben- den Freunden und Bekannten oder Kollegen. Familien, die also die häufiger räum- lich distanzierten Kontakte zu Verwandten und nicht-verwandten Personen pfle- gen, unterhalten demnach auch die häufigeren Besuchskontakte zu den „Quartiersnachbarn“.

Im weiteren Verlauf sollen nun die ökologischen und familialen Bedingungen von Nachbarschaftsbeziehungen beschrieben werden.

3.4 Ökologische und familiale Bedingungen von Nachbarschaftsbezie- hungen

Eine wichtige maßgeblich beeinflussende Bedingungsvariable für die „Dichte“ lokaler Netzwerke ist nach BOTT8 der „Nachbarschaftstypus“. Die Homogenität und zeitliche Kontinuität von Nachbarschaften begünstigen „dichte“ soziale Netzwerke. Heterogenität sowie größere Bevölkerungsumschichtungen (erheblicher Zuzug oder Fortzug) dagegen bedingen lose(re) Netzwerke.

IRLE9 nennt Innenstadtbewohner vielfältige Bekannten- und Nachbarkontakte als charakteristisch. Stadtrandbewohner pflegen nach seiner Aussage bei Reduktion solcher sekundären Beziehungsformen in erster Linie Verwandtenbeziehungen. Eine beträchtliche Variation der familialen Integration in nachbarschaftliche Netzwerke in verschiedenen „Soziotopen“ findet BARGEL u.a.10:

„ Während in den traditionell ländlichen Kleingemeinden gerade jede f ü nfte Familie zu keinem ihrer Nachbarn Besuchskontakt unterhält (ähnlich geringere Anteile finden sich in den Arbeiterpendlergemeinden), ist dies in den städtischen Industriearbeitervierteln wie in den Vierteln ‚ moderner ‘ Arbei terschaft jede zweite Familie. “

In den Sozialraumtypen mit identischem sozialem Rang zeigen sich hohe Durchschnittshäufigkeiten nachbarlicher Besuche in den besonders „jungen“ und „kinderreichen“ Sozialraumtypen. Der Indikator „Sozialraumtyp“ klassifiziert quartierstypische Konstellationen der Wohnbevölkerung nach sozialstrukturellen und familienstrukturellen Merkmalen („sozialer Rang“ und „Familientyp“). IRLE bezeichnet familiale Habitate als soziale Umwelten von Familien.

In Abhängigkeit von der Bebauung gibt es Unterschiede der nachbarschaftlichen Netzwerkintegration. Ebenso gibt es offenbar ein hohes Kontaktpotential in Neubausiedlungen (BARGEL u.a.)11.

„Der Neubau“ und „das Hochhaus“ kann sowohl eine Stätte isolierter Beziehungslosigkeit, als auch umweltoffener nachbarschaftlicher Integration sein. Hierbei gibt es ein Mitwirken von Valenzen und ö kologischen Potenzen.

Zweifellos ist die Schichtzugeh ö rigkeit oder der soziale Status der Familie ein zentraler Indikator familialer ökologischer Potenz. Die Schichtzugehörigkeit ist ein wichtiger Indikator der Lebenslage einer Familie und damit auch derer ökologischen Potenz im zuvor eingeführten Sinne.

Die Aussage, daß bestimmte Formen umweltoffenen Verhaltens „schichtspezifisch“ seien, darf jedoch nicht in der Weise mißverstanden werden, daß sie durch die Schichtzugehörigkeit einer Familie damit etwa schon hinreichend erklärt seien. Schicht ist stets nur ein Indikator für ein Syndrom ökologische und soziokultureller Variablen, aus denen Verhalten erst entsteht.

Eine hohe Umzugsmobilität kann sich allgemein eher als Restriktion auswirken, denn örtliche Beziehungen zu Nachbarn und Bekannten gehen im Fall von Umzü- gen häufig verloren und neue müssen erst geknüpft werden. Die alten Beziehun- gen werden in den seltensten Fällen weiterhin gepflegt. Jedoch können Familien im Gefolge häufiger Umzüge durchaus „lernen“, an den jeweils neuen Wohnorten relativ schnell neue Nachbarschaftskontakte zu knüpfen. Häufig knüpfen Kinder diese ersten Kontakte und dieses kann dann auch der Anlaß für Beziehungen der Eltern untereinander sein. In „kinderarmen“ Nachbarschaften können sich jedoch für Familien mit Kindern Konflikte mit den Nachbarn ergeben. Die Kinderzahl einer Familie verweist weiterhin auf spezifische familieninterne Belastungen, die die familialen „Freiheitsgrade“ zur Ausnahme und Pflege von Netzwerksbeziehungen begrenzen können. Kinderreiche Familien sind überproportional häufig unter den Familien ohne Bekanntenkontakte und unter den sozial „vollständig isolierten“ Fa- milien vertreten12.

In älteren Forschungen über „Familien und soziale Netzwerke“ wurde die Pflege nachbarschaftlicher Beziehungen als Teil der „Mutterrolle“ charakterisiert. Bei einer außerhäuslichen Erwerbstätigkeit des Vaters und Nicht-Erwerbstätigkeit der Mutter erscheint dieser Gedanke zumindest plausibel. So würde für den Fall, daß auch die Mutter einer Erwerbstätigkeit außer Haus nachginge, eine zusätzliche zeitliche Beanspruchung entstehen, die sich einschränkend auf die Pflege informeller Au- ßenbeziehungen der Familie auswirkt.13

Als letzter Indikator ökologischer Potenz läßt sich noch die Ehedauer nennen. Familien entwickeln im Verlauf ihrer „Geschichte“ spezifische Arrangements mit ihrer sozialen Umwelt und Praktiken des Umgangs mit umweltspezifischen Valen- zen. Untersuchungen wie die von STROHMEIER14 zeigen auf, daß mit zunehmen- der Ehedauer eine steigende Abschottung des familialen Binnenbereichs vor r- sprünglich breit gestreuten Umweltbeziehungen und eine damit einhergehende Reduktion informeller Außenbeziehungen auf Verwandte und „Quartiersnachbarn“ zu beobachten ist. Junge Familien dagegen unterhalten häufiger als ältere regional distanzierte Besuchsbeziehungen z.B. mit Arbeitskollegen. FAUSER15 nennt in diesem Zusammenhang „enge verwandtschaftliche Bindungen“ als charakteristisch für junge Familien.

4. Resümee

Den Bedingungsfaktoren von Netzwerksbeziehungen, die untersucht wurden, schenkt die ältere familiensoziologische Literatur über Familien und soziale Netz- werke kaum Beachtung. Demgegenüber liefert die neueste Literatur (FAUSER 1982) eine Vielzahl empirischer Einzelbefunde, vor allem in Gestalt korrelativer Zusammenhänge und als Tendenzaussagen. Jedoch sind diese empirischen Be- funde relativ vage - zum Teil widersprüchlich und wenig komplex (s. Kapitel 3.4). Es werden weder die verschiedenen Ebenen von Bedingungsfaktoren angemes- sen diskutiert, noch finden sich akzeptable Ansätze einer Verknüpfung von Variab- len auf verschiedenen analytischen Ebenen - etwa in Gestalt charakteristischer Bedingungskonfigurationen. Vor allem die Auswirkungen unterschiedlicher Nach- barschaftskontexte auf lokale soziale Netzwerke werden kaum berücksichtigt.

Signifikante Konfigurationen von auf der Familienebene gemessenen Merkmalen isolierter und integrierter Familien in den einzelnen Sozialraumtypen verweisen auf unterschiedliche Bedingungen und Verläufe mikrosozialer Prozesse, in denen sich im Quartier Nachbarschaft konstituiert und erhält.

Partizipation von Familien an ihrer sozialen Umwelt ist abhängig von ihrer ö kolo- gischen Potenz. Wiederum wird diese maßgeblich definiert durch die ö kologische Valenz der Quartiersumwelt. Die Nähe der einzelnen Familien zum typischen So- zialprofil des Quartiers, sowie auch spezifische z.B. kinderzahlbedingte Problemla- gen junger Familien werden unter den genannten Bedingungen zu Nachbar- schaftsintegration fördernden Variablen ö kologischer Potenz. Dagegen können sich in alten Wohngebieten aus den gleichen individuellen Merkmalsprofilen Re- striktionen ergeben, die eher Isolation in bezug auf lokale soziale Netzwerke als Konsequenz ergeben.

Ökologische Valenzen als charakteristische Eigenschaften von Quartieren sind Kontextmerkmale im mehrebenenanalytischen Sinne. Indem sie jeweils spezifische Randbedingungen für die unterschiedliche Wirksamkeit familialer Eigenschaften auf Umweltpartizipation vorgeben, wirken sie auf die sozialen Netzwerksbeziehun- gen von Familien.

Sozialraumanalyse ist die Abgrenzung und vergleichende Klassifikation urbaner Teilräume nach den zentralen Dimensionen der Zusammensetzung ihrer Wohnbe- völkerung: sozialer Rang bzw. soziale Schichtung; Familientyp bzw. alters- und haushaltsstrukturelle Sortierung sowie (hier nicht klassifiziert) Segregation ethni- scher Gruppen. Unter der Voraussetzung, daß eine solche Gebietsabgrenzung und Typisierung an kleinräumig aufbereiteten Datenbeständen ansetzen kann, liefert die Sozialraumanalyse ein überaus effektives System sozialer Indikatoren zur Bestimmung quartierstypischer Lebensbedingungen und Lebensformen von Großstadtbewohnern.

5. Literaturverzeichnis

Bargel, T., Fauser, R. u. Mundt, J.W.: Soziotope und soziale Infrastrukturlokalität als Bezug einer Sozialpolitik für das Kind. In: Mundt, J.W. (Hrsg), Grundlagen lokaler Sozialpolitik. Sozialökologische Beiträge zur Entwicklung von Alternati- ven. Weinheim und Basel 1983

Bott, E.: Family and Social Network. Roles, Norms and External Relationships in Ordinary Urban Families. 2. Aufl., London 1957

Eckensberger, L. u. Burgard, P.: Ökosysteme in interdisziplinärer Sicht. Arbeiten der Fachrichtung Psychologie der Universität des Saarlandes, Nr. 49, Saarbrü- cken 1979

Fauser, R.: Zur Isolationsproblematik von Familien. Sozialisationstheoretische Überlegungen und empirische Befunde. DJI Forschungsbericht, München 1982 Hillmann, K.H.: Wörterbuch der Soziologie, Stuttgart 1994

Irle, M.: Gemeindesoziologische Untersuchungen zur Ballung Stuttgarts. Institut für Raumforschung in der Bundesanstalt für Landeskunde und Raumforschung, Bad Godesheim 1960

Knötig, H.: Zum humanökologischen Begriff „Habitat“. In: Stadtökologie Bericht über ein Kolloquium der Deutschen UNESCO-Kommission, veranstaltet in Zusammenarbeit mit der Werner-Reimers-Stiftung vom 23.-26. Februar 1977 in Bad Homburg, Deutsche UNESCO-Kommission Bonn (Hrsg.), München, New York, London, Paris 1978

Strohmeier, K.P.: Umweltbedingungen der Familie und familiale Sozialisation: Iso- lation und Umweltoffenheit großstädtischer Familien mit Kindern im Vorschulal- ter. Zweiter Teilbericht des Forschungsprojekt „Umweltbedingungen und Leis- tungen der Familie“ im Auftrag des BMJFG, Bielefeld 1980

Strohmeier, K.-P.: Quartier und soziale Netzwerke. Grundlagen einer sozialen Ökologie der Familie. In: Forschungsberichte des Instituts für Bevölkerungsfor- schung und Sozialpolitik (IBS), Universität Bielefeld, Band 4, Frankfurt/New Y- ork 1948

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1 Eckensberger, L. u. Burgard, P.: Ökosysteme in interdisziplinärer Sicht. Arbeiten der Fachrichtung Psychologie der Universität des Saarlandes, Nr. 49, Saarbrücken 1979, S. 18

2 Knötig, H.: Zum humanökologischen Begriff „Habitat“. In: Stadtökologie Bericht über ein Kolloquium der Deutschen UNESCO-Kommission, veranstaltet in Zusammenarbeit mit der Werner-Reimers-Stiftung vom 23.-26. Februar 1977 in Bad Homburg, Deutsche U- NESCO-Kommission Bonn (Hrsg.), München, New York, London, Paris 1978, S. 19-34

3 Zum Begriff der Valenz und ökologischen Potenz siehe Kapitel 2: Der Begriff des Habitats für Quartiere und soziale Netzwerke

4 „Ausscheidung“, „Absonderung“; isolierte, abgesonderte Lebensweise von Bevölkerungsteilen (Minderheit) bestimmter ethnischer oder nationaler Herkunft. Aus: Hillmann, K.H.: Wörterbuch der Soziologie, Stuttgart 1994, S. 768

5 Validität=Gültigkeit. Aus: Hillmann, K.H.: Wörterbuch der Soziologie, Stuttgart 1994, S. 894

6 Bott, E.: Family and Social Network. Roles, Norms and External Relationships in Ordinary Urban Families. 2. Aufl., London 1957, S. 65-69

7 Pfeil, E.: Die Familie im Gefüge der Großstadt. Zur Sozialtopographie der Stadt. Schriftenreihe der Gesellschaft für Wohnungs- und Siedlungswesen e.V. Hamburg 1965

8 Bott, E.: Family and Social Network. Roles, Norms and External Relationships in Ordinary Urban Families. 2. Aufl., London 1957, S. 103 ff

9 Irle, M.: Gemeindesoziologische Untersuchungen zur Ballung Stuttgarts. Institut für Raumforschung in der Bundesanstalt für Landeskunde und Raumforschung, Bad Godes- heim 1960, S. 36

10 Bargel, T., Fauser, R. u. Mundt, J.W.: Soziotope und soziale Infrastrukturlokalität als Bezug einer Sozialpolitik für das Kind. In: Mundt, J.W. (Hrsg), Grundlagen lokaler Sozial- politik. Sozialökologische Beiträge zur Entwicklung von Alternativen. Weinheim und Ba- sel 1983, S. 149

11 Bargel, T., Fauser, R. u. Mundt, J.W.: ebd.

12 Strohmeier, K.P.: Umweltbedingungen der Familie und familiale Sozialisation: Isolation und Umweltoffenheit großstädtischer Familien mit Kindern im Vorschulalter. Zweiter Teilbericht des Forschungsprojekt „Umweltbedingungen und Leistungen der Familie“ im Auftrag des BMJFG, Bielefeld 1980, S. 23ff

13 Fauser, R.: Zur Isolationsproblematik von Familien. Sozialisationstheoretische Überlegungen und empirische Befunde. DJI Forschungsbericht, München 1982, S. 164ff

14 Strohmeier, K.P.: ebd, S. 57ff

15 Fauser, R.: Zur Isolationsproblematik von Familien. Sozialisationstheoretische Überlegungen und empirische Befunde. DJI Forschungsbericht, München 1982, S. 104

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13
Jahr
1998
Dateigröße
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Sprache
Deutsch
Katalognummer
v96408
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
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Schlagworte
Soziale Netzwerke Prof Strohmeier Ruhr-Uni-Bochum Familie Wohnen Wandel Habitat Familien Bedingungen Beziehungen

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