Lade Inhalt...

Verstehen, Wissen und Meinen bei Wittgenstein

Hausarbeit (Hauptseminar) 1999 21 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ludwig Wittgenstein
2.1. Zur Person
2.2. Das Werk
2.3. Philosophische Grundzüge

3. Sprache
3.1. Verwandtschaft
3.2. Gebrauch
3.3. Die Regel
3.4. Kritische Einstellung zum Instrument der Sprache

4. Verstehen
4.1. Kriterien des Verstehens
4.2. Das unbestimmbare Verstehen

5. Wissen
5.1. Kriterien des Wissen
5.2. Das unsichere Wissen

6. Meinen
6.1. Kriterien des Meinens
6.2. Das verwendungsgebundene Meinen

7. Schlußbetrachtung

1. Einleitung

Ludwig Wittgenstein hat in seiner kurzen Schaffenszeit ein ebenso umfangreiches wie unübersichtliches Werk hinterlassen. Seine aus einzelnen Paragraphen bestehenden Sammlungen von Gedankengängen winden sich um Probleme, die sprachlich kaum zu fassen sind, weil sie Sprache selbst betreffen. Dabei erweisen sich die aphorismenartigen Abschnitte als ein dem Gegenstand der Betrachtung angemessenes Stilmittel, ohne damit auch sonderlich zugänglich zu sein. Es ist ein Abenteuer, Wittgensteins Gedankengängen zu folgen und ihre verborgene Stringenz zu erahnen. Auf den ersten Blick erscheint seine Art zu schreiben merkwürdig unsystematisch und ungenau. Sie folgt Assoziationen und führt uns bei ihrer Nachvollziehung um Kurven mit unerwarteter Einsicht und durch Engpässe mit sich dahinter erweiterndem Horizont. Die Kurven sind dabei so eng gezogen, daß die Gedanken ein Netz ergeben. Dicht gefolgt decken sie die in den Blick genommene Fragestellung ab. Zum Schluß wirken sie lückenlos und das Ergebnis überrascht. Wittgensteins Gedankenweg liegt offen - und ist doch so geschlossen in sich, daß dem omnipräsenten Gegner nur die Stille bleibt. Im Rahmen dieser Arbeit stehen drei Begriffe zur Betrachtung an. Es soll nachvollzogen werden, was für den späten Wittgenstein Verstehen, Wissen und Meinen bedeuteten. Im Rahmen seiner Untersuchungen zur Sprache hat Wittgenstein dazu Stellung genommen. Verstehen, Wissen und Meinen sind konstitutive Merkmale einer jeden Sprache. Sie betreffen Sprecher wie Hörer, aus je unterschiedlicher Perspektive. Das Wesen oder Nicht-Wesen der genannten Begriffe soll dargestellt und in der Wittgensteinschen Argumentation nachvollzogen und kritisiert werden, um die Vorstellung, die Wittgenstein von Sprache und unserer Denkweise hat, deutlich werden zu lassen.

Den Hauptteil der Arbeit bilden die Betrachtungen über die drei Begriffe des Verstehens, Wissens und Meinens. Jeweils wird zunächst der Gedankengang Wittgensteins nachvollzogen, wobei einzelne seiner Beispiel der Veranschaulichung des zusammenfassenden Herleitung dienen. Die einzelnen Beispiele treten jedoch im Vergleich zum Ausgangstext in den Hintergrund und dienen nur der Veranschaulichung der zu zeigenden Linie. Immer wieder werden einzelne Kriterien vorgestellt, die für die Begriffe wie ihre Anwendung kennzeichend sein könnten und darüber die Einstellung Wittgensteins zur Sprache allgemein und den drei hier ausgewählten Begriffen im Speziellen deutlich gemacht. Die Darstellung des Textes konzentriert sich vorwiegend auf die Abschnitte 138-155 sowie 179-192 der Philosophischen Untersuchungen (PU), wobei auch die einschlägige Sekundärliteratur deutend herangezogen wurde. In einem zweiten Teil wird zu jedem der drei Begriffe eine freiere Deutung angefügt, die zur weiteren Strukturierung, Einordnung und Abstraktion der zuvor dargestellten Überlegungen dienen soll.

Am Ende der vorliegenden Arbeit steht die Diskussion weiterhin offener Fragen und die zusammenfassende Betrachtung der nach der Lektüre Wittgensteins zur Verfügung stehenden Einlassungen Wittgensteins zum Thema Verstehen, Wissen und Meinen. Damit soll die Arbeit abgerundet und ihr gedanklicher Leitfaden stärker hervorgehoben werden.

2. Ludwig Wittgenstein

2.1. Zur Person

1 Geboren wurde Ludwig Wittgenstein am 26.April 1889 als jüngstes von acht Geschwistern. Seine Eltern waren in der Stahlindustrie reich geworden und lebten im Wiener Bürgertum außerordentlich prunkvoll. Die ersten Studien Ludwig Wittgensteins waren technischer Art: In Berlin studierte er Maschinenbau und beteiligte sich an Drachenflug- und Wetterbeobachtungsexperimenten, die er nach seinem Abschluß an der Universität in Manchester bis 1911 fortsetzt. Für 1909 ist erstmals eine Beschäftigung mit logischen Problemen tradiert, welche sich auf die Schriften Bertrand Russells bezogen. 1911 wechselte Ludwig Wittgenstein dann offiziell zum Studium der Logik und der Philosophie nach Cambridge, wo er bei Russell studierte. Sofort nach Ausbruch des ersten Weltkriegs meldete er sich als Freiwilliger, schaffte es jedoch trotzdem, in dieser Zeit, große Teile seines später als Tractatus logico-philosophicus veröffentlichten Werks zu verfassen. Das Geld, das er von seinem 1913 verstorbenen Vater geerbt hatte, überließ er seinen Geschwistern und begann nach dem Krieg eine Ausbildung zum Volksschullehrer. Dieser Tätigkeit ging er von 1920 bis 1926 nach. 1929 schließlich kehrte er nach Cambridge zurück, promovierte mit dem Tractatus und bekam eine zeitlich befristete Stelle am Trinity College. Nachdem er 1938 die britische Staatsangehörigkeit angenommen hatte, wurde er Anfang 1939 zum ordentlichen Professor in Cambridge berufen, unter Vorlage der Philosophischen Untersuchungen. Mit Ende des Jahres 1947 gibt er seinen - nur sporadisch ausgeübten Professorenjob auf und konzentriert sich ganz auf das Schreiben. In dieser Zeit entstehen der zweite Teil der Philosophischen Untersuchungen und einige andere Schriften. Am 29. April 1951 stirbt Ludwig Wittgenstein an den Folgen eines Prostatakrebses.

2.2. Das Werk

Drei Gruppen von Texten werden hinsichtlich Wittgensteins Werk unterschieden: Die selbstpublizierten Texte, die von den Nachlaßverwaltern editierten und eine kleine Gruppe in Zeitschriften erschienener Texte. Zur ersten Gruppe zählen lediglich der Tractatus und zwei weitere Veröffentlichungen. Die kleineren Schriften, wie die dritte Gruppe auch genannt wird, umfaßt Texte wie das Braune und das Blaue Buch, die in kleinen Auflagen an der Universität von Cambridge entstanden sind. Der größte Teil des uns heute bekannten Werks wurde erst nach dem Tod Wittgensteins veröffentlicht.

Hinsichtlich der Philosophischen Untersuchungen läßt sich ebenfalls eine dreiteilige Entstehungsgeschichte nachzeichnen (vgl. Vossenkuhl 1995:70ff). So zeigt sich, daß die ersten Paragraphen des ersten Teils der Philosophischen Untersuchungen, aus einer Umarbeitung des Braunen Buchs von 1936/37 stammen; sie wurden später als die § 1-189 bezeichnet. 1944 stellte Wittgenstein die darauf folgenden Paragraphen 190-244 fertig. In einer dritten Phase kamen die § 245-693 hinzu, womit der erste Teil der Philosophischen Untersuchungen den heute bekannten Stand erreichten. Der zweite Teil des Buchs entstand bis zum Sommer 1949.

Unterschieden wird ganz allgemein der frühe und der späte Wittgenstein, dies schon aus dem Grunde, daß Wittgenstein selber in seinem Vorwort zu den Philosophischen Untersuchungen von 1929 seine frühen Gedanken als mit schweren Irrtümern belastet sieht und darangeht diese in seinem Spätwerk zu revidieren.

2.3. Philosophische Grundzüge

Drei große Fragen lassen sich benennen, die für das Werk Wittgensteins leitend sind (vgl. Vossenkuhl 1995:47f): Erstens die Frage nach dem, was unsere Sprache leitet und was wir mit ihr unternehmen können. Dies führt zu den Fragen nach dem Wesen des Satzes und des Gedankens. Zweitens stellte sich die Frage nach dem Gebrauch von Regeln und ihrer Rolle in Denken und Sprechen, sowie der Untersuchung, wie beim Regelfolgen überhaupt Regeln gefolgt wird. Die dritte Frage bezieht sich auf die Grenzen des Denkens, der Logik, der Welt und des Wissens.

In all dem hat Wittgenstein weder eine Theorie aufgestellt, noch einen systematischen Leitfaden oder gar ein System entworfen. Seine Methode ist die des Fragenstellens, wobei seine Antworten in Form von Aphorismen gekleidet sind. Dies macht das Werk Wittgensteins ,,außergewöhnlich eigenständig und originell" (Vossenkuhl 1995:52). Besonders die späten Texte zeichnen sich durch eine Struktur aus, die ohne Hirarchie auskommt und die keinen Schluß auf den Inhalt zuläßt. Seine Textstruktur ist ,,Netzkartenartig" (Vossenkuhl 1995:55) und führt durch immer wieder neu angeführte Fragen zu einer Endstation, die aber keine Definition, kein Begriff, sondern nur ein Endpunkt dieses Gedankens ist. Wittgensteins ,,siebter Sinn, eine Witterung für das Unklare" (Vossenkuhl 1995:56) führt dazu, daß Antworten scheinbar willkürlich gesucht, aber letztlich doch konsequent eingekreist und auf Widerspruchsfreiheit hin gefiltert werden.

3. Sprache

Mit Wittgenstein ist untrennbar das Argument der Privatsprache (vielmehr ihre Unmöglichkeit) verbunden. Er hat mit seiner Arbeit der gesamten Philosophie das ureigene Instrument wieder einmal in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt. Das Argument selbst nachzuvollziehen, soll an dieser Stelle nur in groben Zügen erfolgen. Vier Aspekte sind für die Untersuchung von Verstehen, Wissen und Meinen besonders notwendig: Einmal die Vorstellung einer Verwandtschaft als kennzeichnende gemeinsame Basis eines Begriffs. Dann die Konstruktion von Bedeutung durch Gebrauch. Drittens der Regelbegriff Wittgensteins, kontrastiert gegen die von ihm als gegnerische Position vorgeführte Einstellung. Und zum vierten die Begründung der kritischen Einstellung Wittgenstein gegenüber dem Instrument Sprache. Sprache verfälscht unsere Ansicht über Verstehen, Wissen und Meinen. Ihre Funktionsweise aufzudecken ist konstitutiv für alle weiteren Analysen und für ein neues Verständnis geistiger Vorgänge und der Sprache selbst.

3.1. Verwandtschaft

Wittgenstein zeigt am Beispiel des Spiels, daß es nicht möglich ist, das eine allen gemeinsame Merkmal eines sprachlich konsistenten Begriffs hinreichend zu benennen. Betrachtet man die verschiedenen Ausprägungen und die Frage, ,,was noch ein Spiel und was keines mehr" (PU 68) ist, so läßt sich lediglich als Antwort geben, daß sie sich alle ähnlich sind. Sie bilden eine ,,Familie" mit ,,Familienähnlichkeiten" (PU 67); ihre Teile sind zueinander ,,in vielen verschiedenen Weisen verwandt" (PU 65). Dieses Bild der Verwandtschaft ohne wesentliche Gemeinsamkeit überträgt Wittgenstein auf die Sprache. Was Sprache zu Sprache macht, ist eine Summe von unscharfen Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten. Wittgenstein bezeichnet dies in seinem Bild vom ,,Sprachspiel" (PU 7). Es gibt für sie nur Ähnlichkeiten zu benennen, die sie für eine gemeinsame Familie qualifizieren. Die ,,scharfe Grenze" (PU 76) zu ziehen, was Sprache, Sätze, Regeln und Begriffe ausmacht, erweist sich dahingegen als unmöglich. In ihnen ist immer ,,eine Vagheit" (PU 100).

3.2. Gebrauch

Für Sprache ergibt sich ein weiteres Problem. Woher stammt die Bedeutung von Sätzen und Begriffen, woraus ergibt sich, auf was mit einem Wort Bezug genommen wird? Wittgenstein lehnt alle herkömmlichen Deutungsversuche ab. Die Bedeutung eines Wortes hängt seiner Ansicht nach nicht an einem Bezug (PU 40), es kann auch ohne diesen sinnvoll genutzt werden. Auch hängt die Bezeichnung nicht wie ein naturgegebenes Kärtchen, wie ,,ein Namenstäfelchen" (PU16) den Dingen an und ist nicht von sich aus gesichert (PU 56). Seine korrekte Anwendung kann auch nicht durch eindeutige Regeln festgelegt werden: Sprache ist nicht durch eindeutige Kennzeichnungen bestimmt, sondern ihre richtige Verwendung ergibt sich aus dem Gebrauch. In einem dauernden Anwenden findet Benennung statt und Bedeutung wird konstruiert. So kann Wittgenstein sagen: ,,Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache" (PU 43), ohne weitere Sicherheiten für Bedeutung und Funktionieren von Sprache sowie Kennzeichnungen ihres Wesens zu liefern

3.3. Die Regel

Zwei Kennzeichen des Regelbegriffs bei Wittgenstein sind hervorzuheben: Der Regelbegriff wird von Wittgenstein nicht definiert, sondern über Familienähnlichkeiten der unterschiedlichen Regeln begriffen. Wittgenstein legt dementsprechend nicht bestimmte Charakteristika vor, sondern führt Beispiele an, über die sich der Begriff erahnen läßt. Das zweite Kennzeichen bezieht sich auf die Beschreibung dessen, was Regeln ausmacht: Regeln definieren sich nach Wittgenstein über ihr Befolgen, nicht über eine festgelegte, fixierte oder formulierbare Norm. Für sie lassen sich keine von der Anwendung unabhängigen Bestandteile anführen. Sie sind in ihrer Anwendung fundiert, nicht in ihrer ausdrücklichen Festlegung oder Formulierung (vgl. Puhl 1998:123f).

Selbstverständlich ist dieses Regelverständnis nicht. In den Philosophischen Untersuchen treten der herkömmliche (,,Deutungsansatz") und der wittgensteinsche (,,soziale Ansatz") gegeneinander an.

Der Deutungsansatz geht davon aus, daß bei einer Regelbefolgung eine bereits vorhandene Regel gedeutet und auf den jeweiligen Fall angewandt wird. Damit impliziert ist, daß die Regel zur Regelbefolgung bereits existiert und den Bereich, auf den sie im je konkreten Fall angewendet wird, bereits abgedeckt hat. Beim Befolgen der Regel wird notwendig die Regel angewandt und gedeutet. In diesem Fall ist die Regel auch hinreichend (vgl. Puhl 1998:124). Regeln sind in diesem Fall anwendungsunabhängig und lassen sich autonom verwenden. Sie sind ausdrücklich festgelegt, formuliert und dadurch verbindlich und handlungsleitend (Puhl 1998:128).

Wittgenstein baut demgegenüber einen Regelbegriff auf, der notwendig auf Anwendung beruht. Er weist nach, daß Regeln nicht privatim genutzt werden können und als solche immer wieder auf einen definitorischen Regreß hinauslaufen. Wittgenstein führt vor ([PU84ff]), daß Regeln nie alle Zweifelsfälle mit berücksichtigen können, so daß, wäre Regelfolgen tatsächlich ein genaues Auslegen ihrer, immer weitere Regeln notwendig wären, die wiederum nicht zu beseitigende Unschärfen aufweisen würden. Die Handlungsleitungskraft von Regeln wäre in diesem Fall nicht mehr sichergestellt. Sie wird es erst wieder im Gebrauch, in welchem die Zweifelsfälle bewältigt werden können.

Regeln werden nach Ansicht Wittgensteins nicht ausdrücklich und notwendig definiert, sondern es wird, auch ohne Auslegung im jeweiligen Fall, auf sie zurückgegriffen, während sie entstehen und abgewandelt werden. Nach Regeln handeln ist bei Wittgenstein mehr ein mit Regeln handeln: Der Regelfolger ist aktiv verstanden sowie sozial. Der Regel folgen, sie festlegen, gebrauchen und ihre Geltung zu definieren, geschieht in einem Prozeß des Miteinander mit bestehenden, unzureichend definierten Regeln und mit Menschen, die in der täglichen Praxis deren Anwendung praktizieren und zur teilnehmenden Auslegung und Abwandlung täglich bereit. Ihre Bedeutung kann nicht ,,ausschließlich durch private hinweisende Definition" (Candlish 1998:156) festgelegt werden. Dies wäre keine hinreichende Sicherheit für beständigen Gebrauch. Die unvollkommene Sicherheit gibt erst die ständige Anwendung im sozialen Kontext.

Erlernt werden Regeln dementsprechend durch ihren Gebrauch, ,,sie entsprechen Gepflogenheiten" (Vossenkuhl 1995:259). Es vollzieht sich im Lernen kein deutendes Anwenden anderer, bewußter Regeln, sondern es ist ein Anwenden, bei dem die Regeln nicht präsent sind. Das Regelfolgen wiederum ist kein Deuten einer Regel2, Regelfolgen ist eine Praxis. Deshalb ist Regel verstehen und Regel gebrauchen nicht trennbar. Erst in ihrer Anwendung erlangen sie ihren Regelcharakter, der dann gedanklich nachvollzogen werden kann. Die Anwendung selbst ist aber nicht in jedem Fall von einer Regel begrenzt und genau beschrieben.

3.4. Kritische Einstellung zum Instrument der Sprache

Sprache bezeichnet scheinbar problemlos geistige Vorgänge. Diese Bezeichnung vollzieht sich aber nicht wert- und vorstellungsfrei; unsere Sprache legt Vorstellungen von Eigenschaften geistiger Vorgänge nahe. Die Eigenarten geistiger Vorgänge werden dabei von Erfahrungen abgeleitet, die von körperlichen Handlungen stammen. Wir beschreiben Geistiges sprachlich so, als hätten es eine Körperlichkeit. Diese ,,Verführung durch die Sprache" (Stegmüller 1975:641) besteht in der Parallelisierung, daß alle Ausdrücke, geistige wie körperliche, Beschreibungen von Vorgängen oder Handlungen sind. Dies nehmen wir hin, obwohl bei Worten mit geistigem Bezug die entsprechende Handlung nicht wahrzunehmen ist. Statt ein anderes Bild zu bemühen, entsteht eine analoge Konstruktion. ,,So also gelangen wir zu dem Bild vom Geist als einer gespensterhaften zweiten Welt neben der sichtbaren körperlichen Wirklichkeit" (Stegmüller 1975:642). Gegen diese sprachliche und gedankliche Gleichsetzung wendet sich Wittgenstein. Er führt vor, daß wir ein ungenaues Verständnis von geistigen Vorgängen besitzen, weil unser sprachliches Instrumentarium dieses nahelegt. Wir folgen einem ,,psychologischen Zwang" (PU 140), den es aufzudecken gilt. So auch bei der Verwendung der Begriffe Verstehen, Meinen und Wissen.

4. Verstehen

Wer mit einem anderen zu sprechen versucht, verläßt sich darauf, daß der andere versteht.

Was ist aber Verstehen? Und wann kann ein Außenstehender sicher sein, der andere habe verstanden? Der Bezug zum eigenen Verstehen erscheint da vergleichsweise sicher: Ich meine doch selbst zu wissen, wann ich verstanden habe. Verstehen macht den Eindruck, eine private Angelegenheit zu sein. Aber woran läßt sich das eigene Verstehen festmachen?

4.1. Kriterien des Verstehens

Die Umschreibung für das, was wir als Verstehen erleben, ist bei Wittgenstein, ,,wir erfassen es mit einem Schlage" (PU 138), es scheint eine Fähigkeit zu sein, die ,,in einem Augenblick eintritt". Dabei erscheint es als ein innerer, ein ,,seelischer Vorgang" (PU 153), aus dem ,,die richtige Verwendung entspringt" (PU146). Die Kriterien dieses Zustands anzugeben, fällt jedoch schwer, auch die Kausalbeziehung zur Verwendung ist nicht einfach aufzuzeichnen. Für Wittgenstein ist das gesamte Bild des inneren Verstehens fraglich: Die (sprachlich nahegelegte) Vorstellung an sich, daß Verstehen ein seelischer Vorgang sei, wird von Wittgenstein zunächst hinterfragt und anschließend durch eine neue Fundierung im Gebrauch ersetzt.

Um sich dem Wesen des Verstehens zu nähern, wendet sich Wittgenstein der Vorstellung des inneren Passens zu (PU 138). Die Bedeutung eines Wortes und die eines Satzes oder die Bedeutung zweier Worte zueinander können den Eindruck eines Passens erwecken. Das Erfassen ,,mit einem Schlage" erzeugt den Eindruck eines plötzlich auftretenden inneren Zustandes, in dem die Bedeutung des Wortes klar und definiert erscheint. Das eigene Verständnis des Ausdrucks, sein angenommener gemeinter Inhalt und seine Verwendung in dem Augenblick werden so empfunden, als würden sie sich geradezu zwangsläufig entsprechen.

Wittgenstein stellt dagegen die Frage, wie denn ,,die ganze Verwendung des Wortes vorschweben" (PU139) könne. Dies wäre notwendig, wenn von uns das Wort richtig verstanden werden soll, im Sinne eines Passens, bei dem die Bedeutung bereits im Innern vorliegt. Wittgenstein lehnt derartige Vorstellungen ab, sei es die des inneren Vorliegens als ein ,,Bild" (PU139) oder die eines Bildes mit einer dazugehörigen Anwendungsmethode (PU141). Bestimmte Verwendungen werden zwar nahegelegt, doch zeigt sich, daß es auch andere Möglichkeiten geben kann, das Wort zu verstehen. Die Verwendungen sind nicht zwingend - es lassen sich auch andere denken und praktizieren.

Wittgenstein argumentiert in diesem Zusammenhang antipsychologisch: Wie wir das Wort Verstehen gebrauchen, scheint es einen Bewußtseinsakt zu geben, der stattfindet und auf den Bezug genommen wird, wenn jemand meldet, daß er verstehe. Wir nehmen an, es müsse ,,im Geist des Verstehenden etwas passieren" (Stegmüller 1975:635). Wittgenstein behauptet nun, daß dieser Bewußtseinsakt zwar existieren kann, daß dieser für das Verstehen aber nicht entscheidend ist.

Zu finden sind bei der Untersuchung von Verstehen ,,Empfindungen" (PU 151), die während des Verstehens auftreten und die offenbar ,,mehr oder weniger charakteristische Begleitvorgänge" (PU152) darstellen. Alle diese sind jedoch ,,Äußerungen des Verstehens" (ebd.), nicht aber Kennzeichen des Verstehens selbst - sie sind vielfältig und nicht zwangsläufig mit dem Begriff und seiner korrekten Anwendung verbunden. Auch wenn damit psychische Gründungen von Verstehen abgelehnt werden, bleibt zunächst doch die These unwidersprochen, daß es eine Abhängigkeit mentaler Vorgänge vom Physischen geben könnte. Wäre dies zutreffend, müßten beispielsweise zwei Menschen mit identischen physischen Voraussetzungen zu gleichem Denken und Verstehen kommen (vgl. Vossenkuhl 1995:254f). Wittgenstein stellt sich dem entgegen: Seiner Ansicht nach gibt es keine physischen Ursachen des Verstehens, es ist weder über psychische noch über physische Gesetzmäßigkeiten erklärbar. Im Prozeß des Verstehens finden durchaus physische Vorgänge statt, die für jeden einzelnen auch charakteristisch erscheinen können. Dieser physische Unterbau ist aber weder ursächlich signifikant noch hinreichend für die Beschreibung und Begründung des Verstehens von Bedeutungen.

Aber ist Verstehen denn nicht ein Zustand, ein seelischer gar? Dazu bedürfte es, so führt Wittgenstein aus, das ,,Erkennen der Konstruktion des Apparates, abgesehen von seinen Wirkungen" (PU149) und auch des Kennzeichens des Fortwährens, um von einem Zustand sprechen zu können. Verstehen läßt sich aber nicht zeitlich bestimmen, nicht seine Dauer, nicht sein Anfang und sein Ende (PU149a). Nur im Moment scheint es einen Eindruck des Verstehens zu geben. Auf der Suche nach der Konstruktion muß die Existenz eines Aktes angenommen wird, auf den Verstehen Bezug nimmt. Diesen zu benennen und zu beschreiben ist offenbar nicht möglich: Verstehen fällt immer erst dann auf, wenn es bereits geschehen ist und findet seine Kennzeichnung erst im Gebrauch. ,,Die Berechtigung [des Ausrufs verstanden zu haben] kann nur in der darauf folgenden richtigen Ausführung dessen, daß man verstanden zu haben meint, bestehen" (Hartnack 1962:80). Es ergibt sich dadurch die Situation, daß Verstehen die Meldung eines Aktes ist, der niemals beobachtet worden ist. Er muß aber beobachtbar sein, will man sein Eintreffen melden können und als Verstehen artikulieren. Alle Gedanken, die sich ein Proband (wie im Beispiel der fortzusetzenden Zahlenreihen) macht, können ihm zwar helfen, die gestellte Aufgabe zu erfüllen, bilden selbst aber niemals das Verstehen. Die Versuche, den Akt des Verstehens selbst zu beschreiben, laufen ins Leere. Vielmehr ist Verstehen immer schon Verstanden haben (Hartnack 1962:78).

Bedeutung wie Verstehen sind darum nach Wittgensteins Ansicht nicht empirisch zu bestimmen. Sie sind auch nicht Gegenstand wissenschaftlicher Erklärung, weil es keine identifizierbaren Ursachen für das Verstehen gibt (vgl. Vossenkuhl 1995:255).

Verstehenseigenes findet sich dahingegen in den ,,Umständen" (PU 154) und damit in Äußerlichkeiten. In der Anwendung können wir sicher sagen, daß jemand verstanden habe. Seelische, geistige und emotionale Zustände können zusätzlich auftreten, doch können diese niemals charakteristisch sein. Was bleibt, ist, daß ,,die Anwendung ein Kriterium des Verständnisses" (PU146) ist.

Dabei gibt es solche Anwendungen, die für den einzelnen passend erscheinen und solche, die allgemein als passend anerkannt sind. Nur die Anwendung letzterer werden als Kennzeichen für Verstehen akzeptiert. Im Gebrauch wird deshalb zwischen normalen und abnormalen Fällen unterschieden (PU 141). Die normalen Fälle lassen ihren Status als Normalität quasi aus sich selbst heraus entstehen: Sie legen die Norm nahe und produzieren sie gleich mit. Verstehen hängt davon ab, ob die allgemeine Reaktion auf meine Äußerung als normal oder abnormal angesehen wird. Gleichzeitig verfestigt diese Rückkopplung mein eigenes Verständnis von Verstehen (vgl. PU142).

Nach Wittgensteins Ansicht werden beim Regelfolgen keine Entscheidungen getroffen; Regeln wird ohne Grund, ohne Nachdenken, also spontan gefolgt, sie liegen also nicht geistig vor und werden bewußt ausgelegt. Vielmehr ist Regelfolgen eine Praxis, eine Gepflogenheit, eine erlernte Technik. (vgl. Vossenkuhl 1995:255f). Für das Verstehen bedeutet dies, daß eine intellektuelle Fundierung dessen ausgeschlossen werden kann. Verstehen ist kein bewußtes Anwenden von Regeln, kein begründetes, reflektiertes Vorgehen, aus dem Einsicht resultierte. Verstehen ist vielmehr angelernt, eingetrichtert und vollzieht sich in der Praxis. So kann auch eine gewünschte andere Verwendung eines Ausdrucks (ein neues Verständnis) nicht mit Mitteln der Vernunft durchgesetzt werden (Savigny 1998:104). Es kann lediglich Bezug genommen werden auf eine bereits bestehende Verwendung eines anderen Ausdrucks und Wandel sich im alltäglichen Gebrauch vollziehen.

Verstehen ist damit sprachlich fundiert. Es ist nicht möglich, etwas ganz alleine und nur für sich zu verstehen - in uns gibt es nichts Vorgegebenes, was dies ermöglichen würde: ,,Jedes Verstehen setzt eine Sprache voraus und keiner hat nur für sich eine Sprache." (Vossenkuhl 1995: 258). Alleine bringen wir in unserem Inneren nicht sämtliche Voraussetzungen für Verstehen mit. Jede Bedeutung verweist notwendig auf aus Sozialem hervorgegangene Konstruktionen, wodurch Bedeutung wie Verstehen niemals nur in einem selbst entstehen können. Das Verstehen von Bedeutungen kann nicht im Inneren als einem bereits bedeutungsgefüllten Raum stattfinden - genau wie Bedeutung nicht im Inneren eines Menschen, sondern in seiner Praxis entsteht.

Das Kennzeichen des Verstehens zu finden, erweist sich zudem als paradoxe Aufgabe, da bei der Suche Verstehen notwendig ist: ,,Ja, wie konnte denn der Vorgang des Verstehens versteckt sein, wenn ich doch sagte ,Jetzt verstehe ich`, weil ich verstand" (PU153).

4.2. Das unbestimmbare Verstehen

Die Frage, was Verstehen denn nun ist, bleibt offen und Wittgenstein würde ihre Beantwortung ablehnen und für unmöglich halten. Die Frage zielt auf dessen Wesen, auf sein erhofftes ureigenes Kennzeichen. Genau das zu finden hat sich als unmöglich herausgestellt. Das Kennzeichen des Verstehens bleibt unergründet, obwohl viele sich ähnelnde Fälle beleuchtet wurden. Die Basis ihrer Ähnlichkeit ist zu ahnen aber nicht zu bestimmen. Was bleibt, sind weitgehend negative Bestimmungen, was Verstehen nicht signifikant ausmacht und worauf es nicht hinreichend zurückgeführt werden kann: Nicht auf Psyche, nicht auf Physis, nicht auf einen empirisch bestimmbaren Akt oder einen rationalen Vorgang. Eine der positiven Bestimmungen gelingt bei der Frage nach der richtigen Anwendung: Ob der Ausdruck, verstanden zu haben auf eine Person in der richtigen Weise angewandt wurde, hängt nur von der Art der Situation und ihres weiteren Zusammenhangs ab. Das Verstehen rechtfertigt sich dabei durch das äußerlich Sichtbare, durch Fortsetzenkönnen oder Weiterwissen. Als innere Einsicht ist Verstehen dahingegen nicht sichtbar und auch nicht direkt nachweisbar.

Weiterhin positiv zu benennen ist, daß Verstehen zwangsläufig kollektiv ist. Verstehen rekurriert auf vorhandene, in der Sprache gegebene, durch Gebrauch gefertigte VerständnisFormen. Es bezieht sich und entsteht aus Praxis, in der Bedeutungen entstehen. Verstehen folgt der sozial konstituierten Bedeutung dann lediglich nach, indem es die kollektiven Errungenschaften zur inneren Anwendung bringt.

Eine Antwort, worin Verstehen besteht, liefert Wittgenstein nicht. Seine Antwort liegt darin, daß er die Frage zurückweist. Diese Zurückweisung ist wertvoll im Rahmen der Wittgensteinschen Argumentation: Sie zeigt darauf, daß Verstehen in der Praxis entsteht, ohne die Möglichkeit zu bieten, es positiv zu attribuieren. Verstehen stellt sich als ein Akt sui generis dar, dessen Bestimmung notwendig an den Hürden des Untersuchungsinstrumentariums wie der Sache selbst scheitert. Die Kennzeichen und die auftretenden Begleiterscheinungen bleiben durch ihre unerreichbare Innerlichkeit unpräzise. Verstehen von Verstehen erweist sich als eine paradoxe Aufgabe.

5. Wissen

Wissen verbindet Sprecher und Hörer miteinander, aus Wissen entstammt die geäußerte Information. Was Wissen ist, ist kaum zu benennen, mit Beispielen aber leicht zu illustrieren. Dahingegen ist der Vorgang des Wissens, im Sinne eines ,,Jetzt weiß ich es!" praktisch nicht zu greifen. Bedeutsamkeit bekommt diese Bemühung im Kontext der Sprache: Plötzlich zu wissen kennzeichnet Verständnis und könnte deshalb Hinweis auf dessen Erschließung geben.

5.1. Kriterien des Wissen

Wissen ist nach Wittgensteins Verständnis in der ,,Grammatik des Wortes" eng mit ,,können" aber auch mit ,,verstehen" verwandt (PU 150). Man weiß, daß man verstanden hat und gibt an zu wissen, wie man verfahren oder weiterkönnen wird. Wittgenstein setzt an dieser Stelle ein und untersucht, worin dieses Wissen denn besteht - und was allgemein gemeint wird, wenn von Wissen die Rede ist.

Wissen könnte als ein Bewußtseinszustand begriffen werden (PU148). In diesem Fall würde der Wissende an die konkrete Lösung einer gestellten Aufgabe, Frage, Geisteshandlung denken. Kann dieses An-etwas-denken aber permanent sein? Verschwindet es nicht und kommt wieder, wenn es wieder gebraucht wird? Und wenn es verschwunden ist, weiß man dann noch? Also, weiß man nur, wenn man konkret die Lösung denkt oder wird Wissen auf prinzipielle Weise gedacht? Und: Auf welchem Abstraktionsniveau muß sich Wissen abspielen? Weiß man, wenn man eine Lösung nennen kann oder erst, wenn das hinter der Aufgabe stehende Prinzip formuliert werden kann?

Wittgenstein führt das Beispiel des Weiterwissens an (PU151). Die Fähigkeit, eine Reihe Zahlen fortzusetzen, steht hier als ein Ausdruck des Verstehens. Was sind aber die begleitenden, charakteristischen Erscheinungen, die den Eindruck des Weiterwissenkönnens ausmachen? Als mögliche Lösungen bietet Wittgenstein das Denken an eine entsprechende numerische Formel, das Denken an einen sprachlichen Ausdruck, der zur Lösung führt oder eine Empfindung, die einem gelinden Schreck ähneln könnte, an (ebd.). Alle diese Phänomene treten wirklich auf, sie begleiten das Weiterwissen und führen zu der Selbsteinschätzung, wirklich weiter zu wissen. Aber machen sie Wissen und Weiterwissen aus? Ist eines von ihnen notwendig und hinreichend als Erscheinung und Beschreibung? Werden diese seelischen Zustände beschrieben, wenn gesagt wird, ,,ich weiß weiter"? Wittgenstein nähert sich der Beantwortung über eine Untersuchung der richtigen Anwendung der Worte, ,,ich weiß weiter". Nicht richtig wäre, sie als ,,Ich habe ein Erlebnis, welches erfahrungsgemäß zum Fortsetzen der Reihe führt" (PU 179) zu verstehen. Nicht ein diffuses Erlebnis steht hinter der richtigen Anwendung, sondern ein Erlebnis, das so konkret ist, daß es wirklich zum Fortsetzen, beispielsweise einer Reihe, befähigt. Dies kann sein ein Erlebnis oder das Wissen um die eigene Fähigkeit, dem wir selbst genügend Signifikanz einräumen. Sein Charakter ist der eines Signals. Dieses Signal veranlaßt mich, zu meinen, weiterzuwissen, dieses Gewußte zu äußern und in Anwendung zu versuchen. Nicht aber ist es eine Beschreibung eines seelischen Zustandes. Manifest wird Weiterwissen nach Wittgenstein ohnehin erst in der ausführenden Handlung.

Erläutert wird diese Erkenntnis mit Hilfe von Beispielen, in denen deutlich wird, daß der Eindruck, weiter zu wissen vielfältig vorhanden sein kann. Es kann beispielsweise sein, daß ein sehr deutliches Gefühl vorhanden ist, eine Melodie zu wissen (PU184), in dem Moment, in dem sie gesungen werden soll, sie aber nicht vollständig wiedergegeben werden kann. Oder, jemand sagt, eine Reihe fortsetzen zu können (PU181), will er dazu ansetzen, stockt er und kann doch nicht weiter. In beiden Fällen kann zwar die Frage gestellt werden, ob derjenige zu dem Zeitpunkt, an dem er angab, weiterzuwissen, wirklich weiter wußte - positiv beantwortet werden kann sie aber nur im konkreten Akt des Weiterwissens. Auch Wissen findet seine Begründung erst in der Praxis - gleichgültig ob und welcher Art die es begleitenden seelischen Vorgänge sind.

5.2. Das unsichere Wissen

Als beispielhafter, deutlicher äußerer Beweis für das Verstehen und das Wissen selbst ist das Weiterwissen vorgestellt worden. Mit ihm wurde erfolgreich die Anwendung als Kennzeichen für das Vorhandensein des Wissens herangezogen. Es bleiben die von jedem von uns erfahrenen Begleiterscheinungen, die für uns Wissen ausmachen und an dem wir es in uns erkennen. Kann aber auf Innerem eine Begriffsbestimmung basieren? Kann über sie bestimmt werden, ob jemand gerade weiß oder einmal wußte?

Die begleitenden Anzeichen lassen den Empfindenden den Eindruck haben, weiterzuwissen, doch können sie täuschen: es kann sich wie ein erfahrungsgemäßes Weiterwissen anfühlen und doch findet das Weiterwissen seinen korrekten Gebrauch nicht. Es könnte der Fall eintreten, daß jemand nicht weiß, was die ihm vor Augen stehende Formel bedeutet. Oder es ist denkbar, daß jemand es nicht merken könnte, daß er die richtige Fortsetzung weiß - schon wüßte er zwar und könnte trotzdem nicht den richtigen Gebrauch demonstrieren. Charakteristisch können die Anzeichen insofern nicht sein, als sie ihre Überprüfung im Gebrauch finden und dieser weiterhin das einzige Kennzeichen für seine korrekte Bestimmung und Anwendung bleibt. Den Begleitumständen fehlt die notwendige Zuverlässigkeit für eine auf sie begründete Bestimmung.

Was wissen wir nun über das Wissen? Über seinen Begriff wissen wir, daß es keine einheitliche Anwendung des Wortes gibt: Wissensvorgänge sind sich alle nur verwandt, verwandt wie es auch die Spiele oder die Regeln zueinander sind. Weiter wissen wir nur, daß wir vom Wissen nichts Sicheres wissen. Und sicher wissen wir nichts außer dem, das wir mitteilen können. Das innere Wissen kann für jeden durchaus real und existent sein; für den Begriff des Wissens ist dieses Gefühl zu wissen irrelevant, denn nichts deutet auf sein Existieren oder nicht-Existieren hin und dient seiner Bestimmung. Wittgenstein legt uns nahe einzusehen, daß Wissen zwar existiert, aber doch nicht anzugeben ist, worin es letztendlich besteht. Das äußere Beurteilen muß sich weiterhin notwendig an der Anwendung orientieren; andere untersuchte Kriterien stellten sich für eine auf Zuverlässigkeit und Wiederholbarkeit zielende Begriffsbestimmung als nicht ausreichend valide heraus.

Wissen ist der zweite innere Vorgang, der von Wittgenstein in seiner Bestimmung nach außen verlagert wird. Verstehen hatte noch das Element des Plötzlichen an sich, das es einleuchtend ungreifbar machte. Wissen ist jedoch mit dem Eindruck, ein dauerhafter Zustand zu sein, begleitet. Die Dauerhaftigkeit wird dem Begriff nicht abgesprochen, auch der innere Eindruck dessen nicht. Was jedoch verabschiedet wird, ist seine Fundierung auf Innerem. Auch das langanhaltende Wissen ist letztlich nur äußerlich bestimmbar.

6. Meinen

Im Akt des Sprechens soll etwas ausgedrückt werden, das ein anderer verstehen soll. Der Sprecher will etwas übermitteln, er meint etwas, für das seine Worte die Verkleidung sind. Dabei kann es dazu kommen, das etwas anderes gemeint war, als verstanden wird. In solchen Fällen korrigiert man und sagt, man meine etwas Anderes. Man spricht, meint etwas dabei und will damit innerlich auf etwas zeigen. Mit Meinen vollzieht sich scheinbar ein innerer Vorgang des kollektiven Verstehens.

6.1. Kriterien des Meinens

Wittgensteins imaginärer Gegner setzt den Begriff des Meinens im Zusammenhang mit dem einer Reihe folgen ein. Derjenige, der einem anderen eine derartige Aufgabe stellt und ein Kriterium für die Beurteilung der Antwort besitzt, bezieht dieses Kriterium aus einem Meinen der Lösung. Der Gegner versteigt sich in den Satz, daß zwischen richtig und falsch danach entschieden wird, daß ,,der richtige Schritt der ist, welcher mit dem Befehl - wie er gemeint war - übereinstimmt". Kann denn aber Meinen ein hinreichendes Kriterium darstellen? Wittgenstein streitet nicht ab, daß es ein Meinen eines als richtig betrachteten Kriteriums gibt. Er wehrt sich aber gegen die Ansicht, daß Meinen Lösungen ohne ihre Anwendung hervorbringen könnte. In welcher Art bestimmt also beispielsweise eine Formel alle richtigen Anwendungen, alle Übergänge? Sie sind erst durch unsere jeweilige richtige Anwendung bestimmt und keineswegs ,,in einer einzigartigen Weise vorausbestimmt, antizipiert" (PU188). Die Formel selbst bestimmt dabei nicht, wie ihre Anwendung zu sein hat und wie sie gemeint ist. Vielmehr bestimmt die Anwendung die Formel und darüber, was mit ihr gemeint und wie sie richtig anzuwenden ist (PU190).

Das Meinen selbst schafft weder eine Sicherheit, wie richtige Anwendung vonstatten geht, noch kann es Kennzeichen für die Beurteilung von richtigem und falschen Anwenden sein. Es ist nicht das Kriterium für korrekte Regelanwendung, sondern eine innere, nicht hinreichende Begleiterscheinung jedes bedeutungshaften sprachlichen Ausdrucks.

Eigentliches Kriterium des Meinens ist aber ein soziales: Es wird auf einen üblichen Gebrauch verwiesen, der sich in der Anwendung mit anderen herausgebildet hat. Damit ist Meinen letztlich ein nach innen verlagertes übliches Gebrauchen, das seine Bestätigung nur im Außen finden kann. Die als Beispiel angeführte Formel selbst bedingt deshalb nichts: So kann es sein, daß der Schüler (PU185) seine Reihe der Formel +2 bis zur Zahl 1000 richtig bildet und danach mit 1004, 10008, 1012 fortsetzt - Nicht das Meinen der Formel war in diesem Fall fehlerhaft, sondern der Gebrauch im jeweiligen Fall mangelhaft vermittelt. Die Formel selbst gab keinen Grund zu der Annahme, daß es nicht nach einer bestimmten Zahl eine andere Fortsetzung geben könnte. Der Gebrauch kann dies korrigieren und auf das Übliche zurückführen.

Meinen weißt damit auf bereits Existentes hin: Es schafft keine eigentümlichen Fälle, sondern nimmt diese in sich auf und für sich hin. Das Meinen im Befehl kann nur auf ,,die Art und Weise, wie wir sie ständig gebrauchen, wie uns gelehrt wurde, sie zu gebrauchen" (PU 190) verweisen. Meinen nimmt Bezug auf bereits bestehende Vorgänge. Es kann so die einzelnen Fälle ,,zum voraus bestimmen" (ebd.). Meinen ist dabei immer an Sprache gebunden, ,,nur in einer Sprache kann ich etwas mit etwas meinen" (PU 39a). Es ist kein Vorgang des privaten Vorstellens, sondern ein Beziehung nehmen auf einen ausgehandelten Prozeß, einen Gebrauch.

Seine Bedeutung bekommt die Ergründung des Meinens in der Frage nach der Funktionsweise von Wörtern: Selbst sind sie nichts und bekommen erst mit ihrem Verweis auf ein Bezeichnetes Bedeutung, sie stellen eine Verknüpfung mit Welt her. Diese Verknüpfung, meinen wir, muß durch einen geistigen Akt des Meinens hergestellt werden. Wittgenstein zeigt dahingegen, daß dies weniger in einer geistigen Tätigkeit, denn vielmehr in der Art, wie die mit Worten verknüpften Vorstellungsbilder gebraucht oder wie sie angewendet werden, liegt. Meinen weist jedoch bei seiner praktischen, sprachlichen Anwendung einige verwirrende Implikationen auf.

- Die Frage, ob jemand etwas ernsthaft meinte (vgl. Stegmüller 1975:630) setzt unwillkürlich die Möglichkeit einer Zustandsbeschreibung voraus. Würde diese beschrieben, könnte sie so oder so ausfallen; sie wäre keinesfalls ein sicheres Zeichen, das mit dem Ausspruch verbunden ist. Der Ausspruch ist vielmehr mit dem Kontext, in dem er gefallen ist, verbunden.
- Der Versuch, einen Irrtum abzuwehren und es anders zu meinen, setzt unwillkürlich ein Richten der Aufmerksamkeit als Kennzeichen des Meinens voraus (vgl. Stegmüller 1975:631). Dadurch erscheint Meinen erneut als ein seelischer Vorgang.
- Meinen könnte charakteristisch durch innere Bilder begleitet werden. Doch auch diese wären nicht charakteristisch, zumal es eines Meinens bedürfte ,,um zu erklären, wie mit dem Vorstellungsbild etwas Bestimmtes gemeint werden könnte" (Stegmüller 1975:633). Die Verwirrungen der Sprache leiten allesamt zu der Vorstellung, es müsse zwingend ein gemeinsames, ein eines Kennzeichen des Meinens geben.

Es sind die Eigenarten unserer Sprache, die uns denken lassen, daß Meinen sich immer auf genau einen Akt beziehe und immer ein Gleiches, Tieferliegendes hervorhole. Dies ist jedoch ein ,,Sehnen nach Einheitlichkeit" und ein ,,Verlangen, ein Wesen, eine Essenz zu finden" (Pitcher 1967:303). Dieses zu befriedigen ist für Wittgenstein nicht logisch richtig.

Beim Meinen bestimmt keine Empfindung ,,für sich und isoliert" (Pitcher 1967:305) jemals das jeweilige Meinen. Vielmehr sind es ,,Art und Umgebung der Situation" (ebd.); die Empfindungen sind ,,bloß zufällig dabei" (ebd.). Die Annahme liegt beim Meinen (z.B. eines Gegenstandes) nahe, daß ihn ein ,,nichtkörperlicher Akt des Zeigens im Bewußtseins" (Pitcher 1967:306) und eine auf ihn gerichtete Aufmerksamkeit begleitet. Dies ist ebenso nicht falsch aber auch nicht hinreichend: Das Richten der Aufmerksamkeit mag durchaus das Meinen begleiten, doch kann es Meinen nie erschöpfen. Das weitere Verhalten ist elementar und wirkt kennzeichnend.

6.2. Das verwendungsgebundene Meinen

Am Beispiel des Meinens sind drei wichtige Prozesse sichtbar geworden: Die Vorstellung, etwas Inneres, wie es das Meinen ist, als etwas Abgeschlossenes, Eigenes zu betrachten, muß verworfen werden. Das Meinen liefert die deutlichsten Beispiele dafür, daß in einem gedanklich ablaufenden Prozeß kein private Bedeutung geschaffen wird, sondern daß dieser innere, ureigene und in sich so abgeschlossene Vorgang besonders mit der sozialen Außenwelt verbunden ist, da eine in Gemeinschaft gebildete Sprache und ihre Bedeutung dessen Basis darstellt. Um einen Ausdruck in einer Bedeutung meinen zu können, muß seine Verwendungsweise etabliert sein; Meinen bezieht sich damit auf vorhandene Bedeutung und die damit verknüpfte Gebrauchsweise, die sozial etabliert worden ist. Deshalb kann über Wittgenstein gesagt werden: ,,Sprecher können für ihn nur deshalb etwas meinen, weil Ausdrücke schon etwas bedeuten." (Savigny 1998:98). Meinen muß sich nach Wittgenstein letztendlich immer auf bestehende Ausdrücke mit ihrer üblichen Verwendung stützen. Zweitens ist noch einmal die Verwirrung deutlich geworden, die durch die Art entsteht, wie wir in unserer Sprache Begriffe wie das Meinen verwenden: Sie erscheinen als Verweise auf konkrete Akte, als Konzentrationen auf etwas in uns spezifisch Existentes und sie wirken in der gleichen Weise existent wie ein jegliches Ding. Dabei bedarf es dringend für sie eine Neukonstruktion, was sie eigentlich ausmacht. Die Begriffe stellen keine Verweise auf Tatsächlich-Dingliches dar, sondern auf Sozial-Gemeinschaftliches. Sie zeigen nicht auf ein Vorhandenes, sondern stützen sich auf eine fortwährende Nutzung, durch die sie wiederum reflexiv selbst reproduziert und in ihrer Bedeutung und Verwendungsweise gestützt werden.

Drittens hat sich erneut die Ausweglosigkeit der Suche nach einem das Meinen kennzeichnenden inneren Vorgang gezeigt. Es wurden Beispiele vorgestellt, wie das Gefühl, auf etwas zu zeigen oder das, ein Bild vor Augen zu haben, auf das verwiesen wird - ihre Signifikanz ließ sich aber nicht beweisen. Die Innerlichkeiten stellten sich wie bei der Betrachtung von Wissen und Verstehen als existente Begleiterscheinungen heraus, derer viele weiter zu nennen wären, die als beobachtende Beschreibung des Zustandes aber nicht genügen können. Meinen kann den Eindruck mit sich bringen, ganz sicher das Richtige vor Augen zu haben und es sagen zu können. Seine Bestätigung kann es jedoch erst durch die praktische Anwendung erwerben.

7. Schlußbetrachtung

Die vielen Beispiele, die Wittgenstein angeführt und die Schlüsse, die er daraus gezogen hat, wirken kalt und haben Unsicherheit gegenüber unseren ureigenen Denkfähigkeiten hinterlassen. Sie wirken, als wollten sie die Sicherheit, richtig zu denken in Frage stellen, gar das Denken als weitgehend überflüssige, weil nicht signifikante Vorstufe zur Anwendung degradieren. Doch, ist es so?

Wittgenstein würde nicht leugnen, daß beispielsweise ein Gedicht rein aus dem Denken heraus entsteht. Er würde auch zustimmen, daß es von anderen verstanden, aufgesagt und gewußt werden kann und daß der Autor etwas mit seinen Zeilen meint. Was aber alle diese Abläufe kennzeichnet, ist für ihn nicht ausgemacht. Er stellt gängige Antworten zur Disposition und fragt tiefer: Worauf stützt sich denn Verstehen, Denken, Sprechen? Was ist es in uns, daß uns dies können läßt? Woher stammt dies? Bei seiner Suche nach dem Wesen der Sprache stellt Wittgenstein Vorstellungen über unser Denken in Frage. Er leugnet die ablaufenden Verstandesleistungen dabei keinesfalls, doch bemüht er sich, sie neu zu fundieren. Er stellt die als natürlich empfundenen Denkweisen über Prozesse wie Verstehen, Wissen und Meinen dem gegenüber, was davon zuverlässig auf sie hinweisend sein kann.

Dabei deckt er die mitlaufenden inneren Prozesse auf, benennt sie und nutzt sie doch nur, um sie auf dem Prüfstand hinsichtlich ihrer allgemeinen Relevanz für richtige Anwendung eines Wortes und die Bestimmung des kennzeichnenden Vorgangs im Inneren zu untersuchen.

Drei Dinge haben sich dabei herausgestellt: Erstens können nicht die gemeinsamen Kriterien aller dieser Vorgänge bezeichnet werden, nicht einmal ein einzelnes Kriterium eines Vorgangs ist sicher zu nennen, so daß die Vorstellung eines Vorgangs als solche fraglich wird und einziges Kriterium die Anwendung selbst bleibt. Zweitens sind alle genannten Akte notwendig sozial. Weder Verstehen, noch die Konstitution von Bedeutung können als Ergebnis von Handlungen Einzelner, sondern nur im gegenseitigen Bezugnehmen aufeinander erfolgen. Auf diesen Bezug wird dann in jedem weiteren gebrauchenden Akt verwiesen, wodurch unsichere, aber brauchbare Zuverlässigkeit über und in der täglichen Anwendung erreicht werden kann. Und drittens ist eine Lösung von gewohnten Vorstellungen nötig, die unsere Sprache uns bei der Verwendung der genannten Verben nahelegt und die falsche Vorstellungen über ihre Gründung erzeugt.

Die Umbestimmung war notwendig, weil unsere Sprache uns ein aktiveres, selbstbestimmteres Bild unserer Denkprozesse nahelegt. In der Betrachtung der Begriffe Verstehen, Wissen und Meinen zeigte sich die irreführende Art unserer Sprache. Sie läßt uns das Bild haben, diese psychologischen Wörter bezeugten einen Vorgang. Doch in diese Wörter ist mehr hineingelegt, als sie eigentlich umfassen. Wittgenstein deckt dieses falsche Bild auf und führt es zum Gebrauch der Sprache zurück. Denn dort liegt das eigentliche Wesen dieser Vorgänge und die Ursache für ihre Wirrungen. Stegmüller nennt das wie folgt: ,,Wir erfinden diese geistige Welt als eine Art von zweiter und unsichtbarer Schattenwelt hinter der Welt des Körperlichen als Ersatzwelt für die vorgetäuschte, aber nicht gefundene körperliche Wirklichkeit." (Stegmüller 1975:627). Diese geistige Welt scheint privatim ablaufen zu können. Statt dessen verweist Wittgenstein immer wieder auf ihre notwendige Anwendung, ihren Gebrauch. Sprache wird dadurch zum Werkzeug inneren Arbeitens, nicht aber liefert das innere Vorgehen den Schlüssel zur zuverlässig richtigen Anwendung der Sprache.

Durch die Umdeutung dessen, was Sprache ausmacht, wird die Willkür des Denkens und sein Möglichkeitshorizont eingeschränkt. Dadurch daß Verstehen, Meinen und Wissen so explizit an Sprache gekoppelt werden, werden sie sozial verankert. Denken und Verstehen fundieren sich damit für Wittgenstein sowenig im Inneren wie Empfindungen. Alle diese Abläufe geschehen weiterhin alleine, im Inneren - aber sie sind nie ohne die anderen möglich. Denken ist bei Wittgenstein sprachabhängig und an dessen Grenzen gebunden. Es kann nur das verstanden werden, was Teil unseres Sprachspiels ist. Und dadurch fällt einige angenommene Willkür des Verstandes heraus.

Das Ich wird im Zuge dessen weniger individuell. Niemand ist bei Wittgenstein ganz alleine, für sich schöpfend und Realität konstruierend. Alleine ist jeder nicht einmal zu Sprache fähig und wird jeder verständigen Leistungsfähigkeit beraubt. Individualität stellt sich dadurch dar, wie ein Puzzlen aus gemeinschaftlich genutzten und fabrizierten Einzelteilen. Die eigene Fähigkeit besteht dann in der Zusammensetzung, der gemeinschaftlichen Ausdehnung des Spiel-Raumes und der anschließenden Vermittlungsfähigkeit im Gebrauch. Individualität findet damit nur in den Grenzen der jeweiligen Gemeinschaft statt und nicht in einer frei zusammengestellten Wahl von Imaginationsbrocken, in der grenzenlos Neues erfunden wird. Das Ich wird durch die Aufdeckungen Wittgensteins unsicherer und gleichzeitig wichtiger. Es stellt sich dar als ein unzugänglicher Bereich, der Einzigartigkeit unanfechtbar ausmachen kann, um gleichzeitig damit konfrontiert zu sein, daß seine Leistungen notwendig gemeinschaftlich sind und erst dort ihre Bestätigung erlangen können. Das Innere wird zum Hort der Neuerung, läßt aber seine narzißtischen Gefahren deutlich hervortreten: Es ist ein Risiko, dem Inneren zu frönen, da verstanden werden sich erst im Ausdruck vollzieht: Das Gedicht entsteht im Inneren, doch wird es erst zu einem, wenn es seinen textlichen Ausdruck gefunden hat. Das anfänglich genannte Gefühl der Kälte und Unsicherheit ist wenig relevant und doch findet es hier seinen Ursprung.

Die Argumente Wittgensteins waren allesamt negativ bestimmt: Antipsychologische, antiphysikalistische, antiempiristische und antiintellektualistische Argumente wurden genannt. Und doch scheint nach der Nachzeichnung seiner Gedanken auch eine positive Festlegung durch. Es bleibt die Ausdehnung des Sprachspiel auch auf innere Vorgänge; Verstehensspiele, Wissensspiele und Meinensspiele könnten sie in Anlehnung genannt werden, wodurch zum Ausdruck käme, daß ihre Gemeinsamkeiten nicht benennbar sind und sie erst im täglichen versuchenden Gebrauch ihre Abgrenzung finden können. Dies zeigt, daß auch in den Bereichen, die uns so von außen getrennt erscheinen, der Kontext mit anderen nicht abreist. Inneres ist nicht originär, sondern vom äußeren Gebrauch abhängig. Genauso ist der äußere Gebrauch auf die innere Leistungsfähigkeit angewiesen. Verwendung braucht Verstehen, doch Verstehen braucht ebenso das Verwendetsein. Sonst kann der Mensch seinen notwendigerweise gemeinschaftlichen Zugriff auf Welt nicht verwirklichen.

Die Auseinandersetzung mit Wittgensteins Texten zum Verstehen, Wissen und Meinen führt unweigerlich zu einer praktischen Überprüfung der vorgeführten Thesen. Diese Arbeit bildet den Versuch, das von Wittgenstein Gemeinte nachzuvollziehen und das daraus gebildete Wissen zu einem gelingenden Verständnis zu bringen. Dessen Überprüfung findet notwendigerweise im Ausdruck, in seiner Anwendung anhand des verschriftlichten Textes statt. Es kann viel gewußt und noch mehr gemeint sein - verstanden haben zeigt sich erst dann, wenn die Übermittlung glückt. Sollte dies in diesem Fall gelungen sein, hätte diese Hausarbeit ihr Ziel erreicht und in Praxis das Dargestellte zur Veranschaulichung verholfen.

Literaturnachweis

Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen, Werkausgabe Band 1. Frankfurt, 11.Aufl., 1997.

Karl Brose: Sprachspiel und Kindersprache, Studien zu Wittgensteins ,Philosophischen Untersuchungen`. Frankfurt/New York, 1985.

Stewart Candlish: Wittgensteins Privatsprachenargumentation. In: Eike von Savigny (Hrsg.): Ludwig Wittgenstein - Philosophische Untersuchungen, Berlin 1998.

Justus Hartnack: Wittgenstein und die moderne Philosophie. Stuttgart 1962.

Dominic Kerstjens: Wittgensteins Privatsprachenargument - Ansätze zur Interpretation. Unveröffentlichtes Manuskipt. Mainz 1999.

Klaus Puhl: Regelfolgen. In: Eike von Savigny (Hrsg.): Ludwig Wittgenstein - Philosophische Untersuchungen, Berlin 1998.

Eike von Savigny: Wie Sprecher Ausdrücke meinen. In: Eike von Savigny (Hrsg.): Ludwig Wittgenstein - Philosophische Untersuchungen, Berlin 1998.

Eike von Savigny: Wittgensteins ,Philosophische Untersuchungen` - Ein Kommentar für Leser.

Band 1, Abschnitte 1 bis 315. Frankfurt 1994.

Joachim Schulte: Wittgenstein, Eine Einführung. Stuttgart 1989.

Wolfgang Stegmüller: Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie - Eine kritische Einführung Band 1. Stuttgart 1975.

Wilhelm Vossenkuhl: Ludwig Wittgenstein, München 1995.

[...]


1 Vgl. Schulte 1989:9ff und Vossenkuhl 1995:19f

2 Deuten versteht Wittgenstein als ,Ersetzen eines Ausdrucks der Regel durch einen anderen`: PU 201

Details

Seiten
21
Jahr
1999
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v95883
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
Schlagworte
Verstehen Wissen Meinen Wittgenstein Hauptseminar Privatsprachenargument Wittgensteins

Autor

Zurück

Titel: Verstehen, Wissen und Meinen bei Wittgenstein