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"Rationalisierung" und "Entfremdung". Die Rezeption von Weber und Marx in Georg Lukács` Verdinglichungstheorie

Seminararbeit 1999 27 Seiten

Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. ‘Hinter dem Rücken der Beteiligten’

3. Die Verdinglichung
3.1. Die Totalität der Warenform
3.2. Realabstraktion und Kalkulationsrationalität

4. Die Rationalisierung des Arbeitsprozesses

5. Rationalisierung - Totalisierung der Verdinglichung

6. Das kapitalistische Subjekt

7. Marx + Weber = Lukács?
7.1. „Stählernes Gehäuse“ und „zweite Natur“
7.2. Entzauberung vs. Weltvernunft

Bibliographie

Anmerkungen

Was zu geschehen droht, ist, daß man Marx gegen den Marxismus aus- zuspielen versucht, um in der ungestörten Exegese eines klassischen Werkes den politischen Imperativ zu neutralisieren oder jedenfalls abzu- dämpfen. [...] Man wäre bereit, die Wiederkehr von Marx oder die Rückkehr zu Marx zu akzeptieren, unter der Bedingung, daß mit Schweigen übergangen wird, was da nicht nur zu entziffern gebietet, sondern zu handeln, aus der Entzifferung [der Interpretation] eine Trans- formation zu machen, die »die Welt verändert«. [...] Wir werden uns wei- ter damit beschäftigen, objektiv, ohne Vorurteile: nach den akademischen Regeln, an der Universität, in den Bibliotheken, auf Kolloquien! Wir wer- den es systematisch tun und dabei die Normen der hermeneutischen, philologischen, philosophischen Exegese respektieren.[1]

Jacques Derrida

1. Einleitung

Im Jahre 1923 veröffentlichte Georg Lukács mitGeschichte und Klassenbewußtseineine Sammlung von Tex- ten, die, wenn der Autor sich auch später von ihnen distanzierte, entscheidenden Einfluß auf die Herausbildung des sogenannten „westlichen Marxismus“ haben sollten, wobei die hier entwickelten Problemstellung insbe- sondere für Max Horkheimers und Theodor W. Adornos Kritik der „instrumentellen Vernunft“ paradigmatischen Charak- ter hatte.[2] Originäre Momente der Lukács’schen Reformulierung des Marxismus finden sich in dem Versuch einer Wiederaneignung der Hegelschen Dialektik und damit gleichzeitig in einer an die Marxschen Frühschrif- ten erinnernden Akzentverschiebung innerhalb der marxistischen Theorie von der politischen Ökonomie - die als gegeben vorausgesetzt wird - zur Philosophie und schließlich in dem Anspruch, die eigene theoretische Arbeit der Gegenwartsanalyse als „Philosophie der Praxis“ zu konstituieren.[3] Mit dieser Theoriekonzeption und den aus ihr entwickelten Positionen - etwa der Betonung des „subjektiven Faktors“ im Rahmen revolutionärer Politik, dem Aufweichen eines ökonomistischen Reduktionismus der Gesellschaftsanalyse und der Ablehnung einer mechanisch-evolutionären Geschichtsauffassung - markierteGeschichte und Klassenbewußtseineinen deutlichen Bruch gegenüber der seiner Zeit hegemonialen „orthodoxen“ Marxinterpretation der II. Internationa- le.[4]

In dem zentralen AufsatzDie Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariatsentwickelt Lukács eine Kon- zeption der Verdinglichung, die an die Marxsche Entfremdungsproblematik anknüpft,[5] diese aber durch Rezep- tion von Theorieelementen Max Webers entscheidend modifiziert. Lukács, so Rüdiger Dannemann, „fügt der Marxschen Kapitalismuskritik die lebensphilosophische Dimension hinzu, und zwar interessanterweise in der - für die Lebensphilosophie unorthodoxen - Variante der Weberschen Rationalisierungsthese.“[6] Im Rahmen dieser Arbeit soll versucht werden diese Verbindung der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie mit We- bers Rationalisierungstheorem in Lukács’ Verdinglichungskonzept aufzusuchen.[7] In einem ersten Schritt wer- den hierzu zunächst die Umrisse des Verdinglichungskonzepts nachgezeichnet. Dabei wird es darum gehen, Lukács Rekurs auf die Marxsche Entfremdungsproblematik und insbesondere auf die Werttheorie desKapitalsichtbar zu machen. Daran anschließen soll gezeigt werden, wie Lukács durch die Integration des Weberschen Rationalisierungstheorems die von ihm postulierte Totalität der Verdinglichung in der bürgerlichen Gesellschaft nachweisen kann. Zum Schluß dieser Arbeit sollen die grundsätzlichen Gemeinsamkeiten und Differenzen von Lukács’ und Webers Gegenwartsanalysen aufgezeigt werden.[8]

2. ‘Hinter dem Rücken der Beteiligten’

In seinem Verdinglichungsaufsatz will Lukács zeigen, daß alle Individuen in der modernen kapitalistischen Gesellschaft der selben widersprüchlichen Situation gegenüberstehen: Sie werden in allen gesellschaftlichen Sphären von Prozessen beherrscht, auf die sie scheinbar keinerlei Einfluß ausüben können, obwohl sie selbst es sind, die in ihren sozialen Beziehungen diese Verhältnisse produzieren. Die moderne kapitalistische Gesellschaft versteht Lukács als einen Zustand, in dem die Menschen einerseits in ständig steigendem Maße die bloß „naturwüchsigen“, die irrational- faktischen Bindungen zersprengen, ablösen und hinter sich lassen, andererseits aber gleichzeitig in die- ser selbstgeschaffenen, „selbsterzeugten“ Wirklichkeiteine Art zweiter Naturum sich errichten, deren Ab- lauf ihnen mit derselben unerbittlichen Gesetzesmäßigkeit entgegentritt, wie es früher die irrationalen Na- turmächte [...] getan haben.[9]

Liest man die Marxschen Texte mit genügender Ungenauigkeit,[10] dann findet man diese Figur sowohl in der Religions- und Entfremdungskritik der Frühschriften als auch in der Kritik des Warenfetischismus imKapital wieder.

Die Religion galt Marx als „Selbstentfremdung“ des Menschen, weil ihre Herrschaft auf der Verkennung der Tatsache beruht, daß die Religion durch den Menschen und nicht umgekehrt der Mensch durch Religion gemacht wird. Mit dem Begriff der „entfremdeten Arbeit“ transportiert Marx diese Figur in die Kritik des Kapita- lismus. In ihm wird die Arbeit, in der sich der Mensch entäußert und gleichzeitig verwirklicht, in ihr Gegenteil verkehrt. Dadurch erscheint die vom Menschen hervorgebrachte Gegenständlichkeit nicht als seine Verwirkli- chung, sondern als eine verselbständigte Macht. Mit der Entfremdung der Arbeit wird „die eigene Tat des Men- schen ihm zu einer fremden, gegenüberstehenden Macht [...], die ihn unterjocht, statt daß er sie beherrscht“.[11] Entfremdung, das wird hier deutlich, bezeichnet im wesentlichen eine Verkehrung von Zweck und Mittel. Mit seiner Kritik des Warenfetischismus schließlich kehrt Marx insoweit zu seinem religionskritischen Ausgangs- punkt zurück, als er nun die Religion in der Tiefenstruktur der kapitalistischen Produktion selbst wiedererkennt. Zu dem mit der Warenform einhergehenden „phantasmagorischen“ Form, in der die gesellschaftlichen Ver- hältnisse der Menschen als Verhältnisse von Dingen erscheinen, findet Marx nirgendwo anders eine passende Analogie als in den „Nebel-region[en] der religiösen Welt“.[12] Die „Personifizierung der Sachen und Versachli- chung der Produktionsverhältnisse“, das ist nach Marx die „Religion des Alltagslebens“.[13]

Das Marx im Begriff des Warenfetischismus die Figur der Entfremdungskritik - der Verkehrung von Zweck und Mittel, von Subjekt und Objekt - wiederaufnimmt, macht folgender Satz deutlich: „Ihre eigene gesellschaftlichen Bewegungen besitzt für sie die Form einer Bewegung von Sachen, unter deren Kontrolle sie stehen, statt sie zu kontrollieren.“[14] Diese Marxsche Figur des „quid pro quo“ kann als Leitmotiv von Lukács’ Verdinglichungsaufsatz verstanden werden. Die Menschen der kapitalistischen Gesellschaft sehen sich bei Lukács Strukturen unterworfen, auf die sie keinerlei Einfluß zu haben scheinen. Lukács betont aber nachdrücklich, daß diese Strukturen das Produkt der Menschen und ihrer Beziehungen sind. Die Tatsache, daß sie dies sind, läßt Lukács die Möglichkeit antizipieren, daß die Menschen, sobald sie sich dieses Zusammenhanges bewußt werden, sich von der von ihnen geschaffenen „zweiten Natur“ emanzipieren.

Der Kapitalismus ist ein System von Abhängigkeiten, die von außen nach innen, von oben nach unten gehen. Alles ist abhängig, alles ist gefesselt. Kapitalismus ist ein Zustand der Welt und der Seele Franz Kafka

3. Die Verdinglichung

3.1. Totalität der Warenform

Die zentrale methodische Kategorie der Lukács’schen Gegenwartsanalyse ist der Hegelsche Begriff der „Tota- lität“.[15] Eine wirkliche Erkenntnis der modernen Gesellschaft ist nach Lukács aufgrund der hochgradigen In- terdependenz aller gesellschaftlichen Teilsysteme nur als Erkenntnis der Totalität bzw. der „Einheit des Man- nigfaltigen“ - wie es Marx im Methodenkapitel derGrundrisseformuliert -[16] möglich. Was dem „bürgerlichen Denken“ mit seiner fachlichen Spezialisierung und dem daraus resultierenden Stehenbleiben bei der Erkennt- nis von partiellen Erscheinungsformen notwendig nicht gelingen kann, daß leistet nach Lukács die „dialekti- sche Totalitätsbetrachtung“: Die Erkenntnis des Ganzen und damit des „Wesens der Wirklichkeit“.[17]

Die Totalität der bürgerlichen Gesellschaft wird nach Lukács sachlich durch die Universalität der Warenform hergestellt. Weil es auf dieser Entwicklungsstufe kein Problem gäbe, „dessen Lösung nicht in der Lösung des Rätsels der Warenstruktur gesucht werden müßte“, kann nach Lukács’ Einschätzung jede adäquate Erkenntnis dieser Gesellschaft nur von der Analyse dieser „Struktur“ bzw. „Form“ der Ware ausgehen. In der „Struktur des Warenverhältnisses“, so die dem Verdinglichungsaufsatz zugrundeliegende These, sei „das Urbild aller Ge- genständlichkeitsformen und aller ihnen entsprechender Formen der Subjektivität in der bürgerlichen Gesellschaft“ zu finden.[18] Die in einer Gesellschaft herrschenden Gegenständlichkeitsformen bestimmen nach Lukács, wie sich die Menschen zur Natur, zur Gesellschaft und schließlich wie sie sich zu sich selbst verhalten.[19] Für die moderne kapitalistische Gesellschaft charakterisiert er diese Gegenständlichkeitsformen als „verdinglicht“, eben weil hier die Warenform „sämtliche Lebensäußerungen“ durchdrungen hat und so zur „konstitutiven Form“ bzw. zur „Herrschaftsform der gesamten Gesellschaft“ geworden ist.[20]

Mit Nachdruck wird von Lukács betont, daß eine solche Bedeutung der Warenform die Einzigartigkeit des mo- dernen Kapitalismus ausmacht. In vormodernen Gesellschaften, so Lukács’ an Marx anschließende histori- sche Analyse, herrsche eine überwiegend gebrauchswertorientierte Produktion, wodurch die Ware hier ledig- lich als Randerscheinung auftritt und daher nur eine Form unter anderen darstellt. Erst mit der Umstellung der Produktion auf die Realisierung von Tauschwerten erfolgt ein qualitativer Wechsel. Erst mit der Warenprodukti- on des entwickelten Kapitalismus beginnt nach Lukács „der Warenverkehr und seine struktiven Folgen das ganze äußere wie innere Leben der Gesellschaft“ zu beeinflussen,[21] wodurch die Warenform tendenziell zur „Universalkategorie des gesamten gesellschaftlichen Seins“ würde.[22] Mit dieser These will Lukács nun kei- neswegs sagen, daß im voll entwickelten Kapitalismus alles zur Ware wird; Es geht ihm vielmehr darum zu zeigen, daß die die Warenform charakterisierende Realabstraktion, d. h. die Subsumption des Gebrauchswer- tes unter den Tauschwert, zur paradigmatischen Operation für sämtliche ökonomischen, sozialen und kulturel- len Beziehungen innerhalb der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft wird. Anders ausgedrückt: in allen Praktiken dieser Gesellschaft läßt sich in Form einer Abstraktion von der empirischen, individuellen, qualitati- ven Eigenschaften der „Dinge“ und ihrer Zurichtung auf reine Quantifizierbarkeit eine analoge Struktur aufwei- sen. Um diesen Gedanken nachvollziehen zu können, ist es notwendig, Lukács’ - zum Teil eigenwilligen - Rekurs auf die von Marx im ersten Kapitel desKapitalentwickelte Werttheorie und die hierauf aufbauende Kritik am Warenfetischismus zu rekonstruieren.[23]

3.2. Realabstraktion und Kalkulationsrationalität

Das Wesen der Warenstruktur besteht nach Lukács darin, daß „eine Beziehung zwischen Personen den Charakter einer Dinghaftigkeit“ erhält.[24] Lukács` Verdinglichungsbegriff entspricht damit im Kern dem Marxschen Begriff des „Warenfetischismus“, der imKapitalfolgendermaßen charakterisiert wird:

Das Geheimnisvolle der Warenform besteht [...] darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Cha- raktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftli- che Natureigenschaft dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Pro- duzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen. Durch dieses Quidproquo werden die Arbeitsprodukte Waren, sinnlich übersinnliche oder gesellschaftliche Dinge. [...] Es ist nun das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt.[25]

Dieser Warenfetischismus ist nach Lukács das „Grundphänomen“ der Verdinglichung. Während der Marxsche Begriff aber zunächst nur die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen zu ihren Arbeiten und ihren Arbeitsprodukten im entwickelten Kapitalismus beschreibt, geht es Lukács um die Totalität dieser Struktur , d. h. darum, sie nicht nur in der unmittelbar ökonomischen Sphäre, sondern in jeder gesellschaftlichen Praxis nachzuweisen. Seine erklärte Absicht ist es, „die Verdinglichung als allgemeines, struktives Grundphänomen der ganzen bürgerlichen Gesellschaft zu begreifen“.[26]

Marx’ Kritik des Warenfetischismus beruht auf seiner Theorie der Realabstraktion, die auch den theoretischen Ausgangspunkt des Lukács’schen Verdinglichungskonzeptes darstellt. Marx analysiert die Ware in ihrem Dop- pelcharakter als Gebrauchswert und Tauschwert. Austauschbar sind Waren nach Marx deshalb, weil ihnen gemein ist, Produkte abstrakt menschlicher Arbeit zu sein. Der Austausch von qualitativ verschiedenen Produk- ten konkret-nützlicher Arbeiten bedingt daher eine Reduktion auf dieses ihnen Gemeinsame: „Die Gleichheit [...] verschiedner Arbeiten kann nur in einerAbstraktionvon ihrer wirklichen Ungleichheit bestehn, in derReduk-tionauf den gemeinsamen Charakter, den sie als Verausgabung menschlicher Arbeitskraft, abstrakt menschli- cher Arbeit, besitzen.“[27] Ohne weiter auf die von Marx entwickelten verschiedenen Wertformen (einfache, ent- faltete und allgemeine Wertform (Geldform)) und seine Analyse des Austauschprozesses einzugehen, greift Lukács auf diese Bestimmung der Warenform als eine abstrahierende Reduktion von Qualität auf Quantität zurück: Als Produkt abstrakt menschlicher Arbeit ist die Warenform bei im als „Form der Gleichheit“ charakteri- siert. [28] Lukács betont den Marxschen Gedanken der Abstraktion als Kennzeichen der Warenform und nimmt dabei gleichzeitig eine stillschweigende Modifikation an der Marxschen Warenanalyse vor. Während Marx die Ware in der doppelten Form als Tauschwert (Abstraktes) und Gebrauchswert (Konkretes) analysiert und für den Kapitalismus eine Dominanz des Tauschwertes ausmacht, versteht Lukács die Realabstraktion als voll- ständige Negation des Konkreten durch das Prinzip der formalen Abstraktheit. [29] Nach ihm ist das Prinzip des Warentausches die Reduktion von Qualität auf Qualität als Folge einer Abstraktion gemäß dem Verfahren der formaler Rationalität. Entsprechend bestimmt er den „Warencharakter der Ware“ als „abstrakt-quantitative Form der Kalkulierbarkeit“.[30]

Diese Verschiebungen gegenüber der Marxschen Wertanalyse besitzen weitreichende Implikationen für Lu- kács theoretische Konzeption. Während Marx ausgehend von der allgemeinen Wertform und ihrer Verwand- lung in Kapital die Umwandlung des Produktionsprozesses zum Verwertungsprozeß untersucht,[31] als dessen Prämisse der Antagonismus zwischen Kapital und „freier Arbeit“ fungiert, beschreibt Lukács die Logik des mo- dernen Kapitalismus mit dem Prinzip der Abstraktion,[32] wodurch das Problem von Klassenantagonismen in seiner Gegenwartsanalyse keine bzw. nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Gleichzeitig eröffnet sich Lukács, indem er in der Warenform eine sie konstituierende Kalkulationsrationalität identifiziert, den Weg, um Webers Rationalisierungstheorem in sein Verdinglichungskonzept zu integrieren.[33] Die ökonomische Wertabs- traktion wird damit, wie noch gezeigt werden soll, zu einem Sonderfall eines allgemeinen gesellschaftlichen Rationalisierungsprozesses.

4. Die Rationalisierung des Produktionsprozesses

Wie Marx geht Lukács davon aus, daß die Charakteristik des modernen Kapitalismus zum einen dadurch be- stimmt ist, daß die Produktion hier als Produktion von Tauschwerten organisiert ist, und zum andere, daß hier die Arbeitskraft selbst als Ware getauscht wird. Entscheidend für die Entwicklung der Warenform zur „konstituti- ven Form“ der Gesellschaft ist für Lukács die Tatsache, daß die „formale Gleichheit der abstrakten menschli- chen Arbeit“ nicht nur den Nenner bezeichnet, auf den die Produkte in der Warenbeziehung reduziert werden, sondern daß sie darüber hinaus im modernen Kapitalismus „zum realen Prinzip des tatsächlichen Produkti- onsprozesses der Waren wird“.[34] Um diese Annahme zu belegen untersucht Lukács zunächst die Entwicklung des Produktionsprozesses, wobei sich deutlich der Einfluß Webers zeigt. Während in der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie im allgemeinen die Verwertungslogik des Kapitalismus eine entscheidende Rolle spielt, faßt Lukács als Motor der Entwicklung vom Handwerksbetrieb über die Manufaktur bis zum modernen indus- triellen Betrieb einen Prozeß zunehmender Rationalisierung. Das Prinzip das sich nach Lukács bei der Um- wälzung des Arbeitsprozesses durchsetzt, sei „das Prinzip der auf Kalkulation, auf Kalkulierbarkeit eingestell- ten Rationalisierung“.[35] Auch wenn in diesem Zusammenhang der Name Weber im Text nicht auftaucht, so ist doch der Rekurs auf ihn offensichtlich. Wenn Lukács die Entwicklung des modernen kapitalistischen Produkti- onsprozesses als Ergebnis fortschreitender Rationalisierung versteht, dann entspricht dies der Weberschen Auffassung von der Genese des modernen Betriebskapitalismus, wonach dessen Spezifik in einer „exakten Kalkulation“ auf der Grundlage der „rational-kapitalistischen Organisation von (formell) freier Arbeit“ zu suchen ist.[36] Noch deutlicher wird dieser Rückgriff auf Weber, wenn Lukács diese Rationalisierung im Sinne eines „immer exakteren Vorherberechnens aller zu erzielenden Resultate“ versteht. Dies entspricht der Weberschen Definition, wonach formale Rationalität eines wirtschaftlichen Handelns „das Maß der ihm technisch mögli- chen und von ihm wirklich angewendeten Rechnung“ bezeichnet.[37]

Was bedeutet nun für Lukács die zunehmende Rationalisierung des Produktionsprozesses? Berechenbarkeit des Produktionsablaufes setzt nach Lukács zunächst dessen rationell-kalkulatorische Zerlegung in Teilfunkti- onen voraus. Diese an der Kalkulierbarkeit orientierte Spezialisierung hat nun nach Lukács weitreichende Folgen. Sie führt - und hierin liegt die Analogie zur Realabstraktion der Warenform - zu einer zunehmenden Negation des Qualitativ-Konkreten. Die durch das Prinzip der Berechenbarkeit bedingte rationale Aufgliede- rung des Produktionsprozesses bedeutet nach Lukács nicht nur einen Bruch mit der „organisch-irrationellen, stets qualitativ bedingten Einheit des Produktes“, sondern gleichzeitig - und schwerwiegender - führt die Ein bzw. Unterordnung des Arbeiters unter „abstrakt rationelle Teiloperationen“ zu einer immer weiterreichenderen „Ausschaltung der qualitativen, menschlich-individuellen Eigenschaften des Arbeiters“.[38] Während das Zur- Ware-Werden der Arbeitskraft zunächst die Voraussetzung für ihre Einbindung in einen rational organisierten Produktionsprozeß war, wirkt dieser verschärfend auf die „Objektivation“ der Arbeitskraft gegenüber dem Arbei- ter zurück; bestimmte Eigenschaften des Produzenten werden von seiner „Gesamtpersönlichkeit“ abgetrennt und in ein rational organisiertes System eingefügt, daß völlig unabhängig von ihm seinen eigenen Bewe- gungsgesetzen zu folgen scheint. Eindrücklich beschreibt Lukács die Position des Produzenten, die sich aus der rationalen Gestaltung des Arbeitsprozesses ergibt:

[Das] Zerreißen des Objektes der Produktion [bedeutet] notwendig zugleich das Zerreißen seines Subjektes. Infolge der Rationalisierung des Arbeitsprozesses erscheinen die menschlichen Eigenschaften und Besonderheiten des Arbeiters immer mehr als bloße Fehlerquellen dem rationell vorherberechneten Funktionieren dieser abstrakten Teilgesetze gegenüber. Der Mensch erscheint weder objektiv noch in seinem Verhalten zum Arbeitsprozeß als dessen eigentlicher Träger, sondern er wird als mechanisierter Teil in ein mechanisches System eingefügt, das er fertig und in völliger Unabhängigkeit von ihm funktionierend vorfindet, dessen Gesetzen er sich willenlos zu fügen hat.[39]

Ruft man sich die Lukács’sche Definition der Warenstruktur und ihrer Verdinglichungseffekte in Erinnerung, dann wird deutlich, daß er die Rationalisierung innerhalb des gesellschaftlichen Arbeitsprozesses analog hier- zu als Verdinglichung der Personen und ihrer Beziehungen versteht. Das Wesen der Warenstruktur beruht nach Weber darauf, daß die Beziehungen zwischen Personen den Charakter einer Dinghaftigkeit erhält, „die in ihrer strengen, scheinbar geschlossenen und rationellen Eigengesetzlichkeit jede Spur ihres Grundwesens, der Beziehung zwischen Menschen verdeckt.“[40] Strukturanalog zu diesem Verdinglichungeffekt der Warenstruktur, führt nach Lukács die Rationalisierung dazu, daß die Produzenten sich einem „mechanisch-gesetzmäßigem Prozeß“ gegenübersehen, „der sich unabhängig vom Bewußtsein, unbeeinflußbar von einer menschlichen Tätigkeit abspielt, sich also als fertiges geschlossenes System offenbart“.[41] Man kann festhalten, daß Lukács die kalkulatorische Rationalisierung des Arbeitsprozesses ebenso als Verdinglichung begreift, wie die Realabs- traktion der Warenform.[42]

Die Rationalisierung und Mechanisierung des Arbeitsprozesses hat nach Lukács weitreichende Auswirkungen auf das Verhalten der diesem Handlungssystem unterworfenen Individuen. Immer stärker wird ihr Handeln auf eine rein „kontemplative Haltung“ reduziert und es verlöre damit jeden „Tätigkeitscharakter“.[43] Dabei wird der Arbeiter nicht nur gegenüber der zu kontrollierenden Maschine, sondern vor allem gegenüber „seinem eige- nem Dasein, als isoliertem, in ein fremdes System eingefügtem Teilchen“ zum „einflußlosen Zuschauer".[44] Bleibt man zunächst bei dieser Darstellung der Position des Arbeiters innerhalb des kapitalistischen Betriebes stehen, dann könnte man sagen, daß Lukács nicht wesentlich über das hinausgeht, was sich zu dieser Prob- lematik schon imKapitalin den Abschnitten über die Manufaktur und über die große Industrie finden läßt. Nach Marx „verkrüppelt“ die Arbeitsteilung der Manufaktur „den Arbeiter in eine Abnormität, indem sie sein Detailgeschick treibhausmäßig fördert durch Unterdrückung einer Welt von produktiven Trieben und Anlagen“: Das „Individuum selbst wird geteilt, in das automatische Triebwerk einer Teilarbeit verwandelt“.[45] Diese mit zunehmender Arbeitsteilung einhergehende „industrielle Pathologie“ steigere sich noch in der industriellen Maschinenproduktion. Ihrer „kasernenmäßigen Disziplin“ unterworfen, wird der Arbeiter in den „Teil einer Teilmaschine“ verwandelt und zu ihrem „lebendigen Anhängsel“.[46] Auch Weber hatte der Fabrikdisziplin, der Hierarchie und der Herrschaft der Maschine für die kapitalistische Produktion zentrale Bedeutung zugemessen und die moderne Fabrikarbeit als „stählernes Gehäuse“ charakterisiert.[47]

Lukács geht es nun aber darum insoweit über Marx hinauszugehen, als er die Veränderungen des kapitalisti- schen Produktionsprozesses nur als Beispiel für eine allgemeine gesellschaftliche Entwicklung versteht. Mit der Universalisierung der Warenform, so könnte man dieses Bemühen charakterisieren, bleibt die Entwicklung nicht bei der von Marx diagnostizierten „industriellen Pathologie“ stehen, sondern diese erweist sich zuneh- mend als eine gesellschaftlichen Pathologie. Anders ausgedrückt: Das „Zerreißen des Subjektes“ betrifft in der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft nicht nur den Industriearbeiter, sondern erstreckt sich ebenso auf den Bürokraten, den Juristen, den Wissenschaftler, den Künstler, den Philosophen und den Kapitalisten. Die Situation des Proletariers gilt Lukács dabei nur als prägnantestes Beispiel für ein jedes Individuum der bürger- lichen Gesellschaft ereilendes Schicksal: dem „Zur-Ware-Werden einer Funktion des Menschen“.[48] Innerhalb des Produktionsprozesses zeigt sich nach Lukács deutlich, wie zunehmende Rationalisierung und Mechani- sierung die traditionellen Verhältnisse revolutionär umwälzen: Die für die „organische Produktion“ vorkapitalisti- scher Gesellschaft charakteristischen Beziehungen - des Arbeiters zu seinem Produkt als Ganzen, zu sich als „Gesamtpersönlichkeit“, zu den anderen Produzenten in Form einer „unmittelbar-organisch“ zusammengehö- renden „Gemeinschaft“ - werden zerrissen und an ihre Stelle innerlich fragmentierte Subjekte gesetzt, deren Zusammenhang durch abstrakte Gesetzlichkeiten bestimmt wird, und die so zu „isoliert abstrakte[n] Atomen“ werden. Diese Wirkungen der rationalen Organisation des kapitalistischen Betriebes wären aber nach Lukács unmöglich, „wenn sich in ihr nicht der Aufbau der ganzen kapitalistischen Gesellschaft konzentriert offenbaren würde.“[49] Gegenüber vorkapitalistischen Gesellschaften, die zwar Unterdrückung und Ausbeutung, nicht aber „rationell mechanisierte Arbeit“ gekannt hätten und in denen Massenarbeit lediglich ein isolierte Erscheinung gewesen sei, ändert sich nach Lukács mit der „Universalität der Warenform“ im entwickelten Kapitalismus dieses Verhältnis „radikal und qualitativ“: „Das Schicksal des Arbeiters wird zum allgemeinen Schicksal der ganzen Gesellschaft“.[50]

5. Rationalisierung - Totalisierung der Verdinglichung

Wie ist es nun Lukács möglich, diese Totalität der Verdinglichung nicht nur zu postulieren, sondern auch als realen Tatbestand nachzuweisen? Dieser Schritt ist durch Lukács’ Rekurs auf Webers Rationalisierungstheo- rem verständlich. Bereits an Lukács’ Beschreibung der Entwicklung des modernen Produktionsprozesses wurde sichtbar, daß Lukács die Realabstraktion der Warenform und die „auf Kalkulierbarkeit eingestellte Rati- onalisierung“ als strukturanaloge Prozesse versteht. Wie in der Warenform das Konkrete in seiner Besonderheit (der Gebrauchswert) negiert wird um eine exakte Berechenbarkeit der Werte der Waren zu ermöglichen, so wird in der Warenproduktion von den „qualitativen menschlich-individuellen Eigenschaften“ der Menschen und von dem „unmittelbaren Dingcharakter aller Dinge“ abstrahiert um auch hier eine exakte Berechnung der ein- zelnen Momente des Arbeitsprozesses zu ermöglichen. Entscheidend aber ist, daß Webers Rationalisierungs- theorem es Lukács ermöglicht die Herrschaft der kalkulierender Abstraktion nicht nur in der ökonomischen Sphäre, sondern in allen gesellschaftlichen Teilbereichen wiederzufinden. Erst indem Lukács Webers Idee von einer universellen Rationalisierung,[51] d. h. von der Organisation aller ökonomischen, sozialen und kulturel- len Handlungssysteme nach dem Muster formaler Rationalität als Spezifikum der Entstehung der modernen Gesellschaft adaptiert, kann er sein Totalitätspostulat, wonach die Verdinglichung als das „allgemeine, strukti- ve Grundphänomen der ganzen bürgerlichen Gesellschaft“ zu begreifen ist, sachlich füllen.

Weil Weber die strukturelle Ähnlichkeit zwischen der kapitalistischen Entwicklung und derjenigen des Rechts und des Staates festgestellt hat, bezeichnet Lukács ihn als „wirklich klar blickenden Historiker des modernen Kapitalismus“.[52] Dennoch bleiben nach Lukács Auffassung bürgerliche Denker wie Weber und Simmel not- wendig bei der bloßen Beschreibung von Verdinglichungsphänomenen stehen, da sie diese „vom ökonomi- schen Grund ihrer Existenz“ und damit von „der Grundlage ihrer wahren Begreifbarkeit“ ablösen.[53] Nachdem Lukács in dieser Form Webers Arbeiten als Ausdruck der Verdinglichung in der bürgerlichen Wissenschaft situiert hat, folgt ein fast einseitiges Weber-Zitat, indem die strukturelle Ähnlichkeit der Herrschaftsverhältnisse in Staat, Verwaltung, Wissenschaftssystem und Militär in der modernen Gesellschaft mit demjenigen des kapi- talistischen Betriebes festgestellt wird. Nach Weber ist hier überall eine Trennung der Produzenten von den „sachlichen Betriebsmitteln“ zu beobachten, die zur Etablierung einer „hierarchischen Abhängigkeit“ und zur Konzentration der Verfügungsgewalt an der Spitze der jeweiligen Apparate führt.[54] Lukács betont, daß Weber dabei den „sozialen Sinn“ dieses Phänomens richtig erkannt habe, nämlich die Tatsache, daß der rational organisierte, auf Kalkulation beruhende moderne Kapitalismus für seine Existenz eine Justiz und Verwaltung bedürfe, „deren Funktionieren wenigstens im Prinzip ebenso auf festen generellen Normen rational kalkuliert werden kann, wie man die voraussichtliche Leitung einer Maschine kalkuliert.“[55]

Es soll hier nicht im einzelnen gezeigt werden, wie Lukács, sich auf Webers stützend, das Vordringen der for- malen Rationalität in den verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereichen (Recht, Bürokratie, Wissenschaft, Erkenntnistheorie) analysiert.[56] Wichtig ist, festzustellen, daß er damit zeigen kann, daß „das Prinzip der ratio- nellen Mechanisierung und Kalkulierbarkeit sämtliche Erscheinungsformen des Lebens“ erfaßt.[57] Überall wiederholt sich damit, was zunächst nur für den Warentausch und den kapitalistischen Produktionsprozeß gezeigt wurde. In allen gesellschaftlichen Teilbereichen wird durch die Rationalisierung und die mit ihr ver- bundene Arbeitsteilung jeder „organischen Arbeits- und Lebensprozeß“ zerrissen und „in seine Elemente zer- legt, um diese rationell und künstlich isolierten Teilfunktionen durch ihnen psychisch und physisch besonders angepaßten ‘Spezialisten’ in der rationellsten Weise verrichten zu lassen“.[58] Entsprechend zeigen sich hier strukturell identische Verdinglichungseffekte hinsichtlich der, in den jeweiligen gesellschaftlichen Teilberei- chen Tätigen und ihren Beziehungen zueinander.

Was Lukács nun fundamental von Webers Rationalisierungstheorem trennt, ist die Einschätzung, daß diese „scheinbar restlose, bis ins tiefste physische und psychische Sein des Menschen hineinreichende Rationali- sierung“ eine innere Grenze findet. Diese besteht nach Lukács in dem „formellen Charakter ihrer eigenen Ra- tionalität“.[59] Die mit fortschreitender Rationalisierung einhergehende Tendenz der Ausdifferenzierung ver- schiedener gesellschaftlicher Teilbereiche und ihre Unterwerfung unter bestimmte formelle Teilgesetzlichkei- ten zeigt im Ganzen eine Irrationalität, die nach Lukács insbesondere in Krisen sichtbar wird. Diese Irrationali- tät besteht in der nur formellen, materiell und konkret aber nur zufälligen Aufeinanderbezogenheit der verschie- denen gesellschaftlichen Teilsysteme aufeinander. Charakteristisch für die kapitalistische Gesellschaft sei die Wechselwirkung „von streng gesetzlicher Notwendigkeit in allen Einzelerscheinungen und von relativer Irratio- nalität des Gesamtprozesses“.[60]

6. Das kapitalistische Subjekt

Lukács hält nicht nur mit Weber die zunehmende Ausbreitung formaler Rationalisierung in allen gesellschaftli- chen Sphären für ein zentrales Moment in der Entstehung der modernen kapitalistischen Gesellschaft, son- dern stellt sich parallel zu Weber auch die Frage, welche Wirkungen diese Rationalisierungsprozesse auf die ihnen unterworfenen Menschen haben. Wie zentral die Nietzscheanisch motivierte Frage nach dem durch eine gegebene Sozialordnung begünstigten „Typus Mensch“ für Weber war, ist bekannt.[61] Weber befürchtet, daß die zunehmende Rationalisierung eine zunehmende Hegemonie von einem Typus wahrscheinlich macht, der durch vollständige - d. h. auch auf seine Wertorientierung sich erstreckende - Anpassung an die gesell- schaftlichen Strukturen gekennzeichnet ist, und den Weber als „Ordnungsmenschen“ bezeichnet:

In den Privatbetrieben der Großindustrie sowohl, wie in allen modern organisierten Wirtschaftsbetrieben überhaupt reicht »Rechenhaftigkeit«, der rationale Kalkül, heute schon bis auf den Boden herunter. Es wird von ihm jeder einzelne Arbeiter zu einem Rädchen in dieser Maschine und innerlich zunehmend darauf abgestimmt, sich als ein solches zu fühlen und sich nur zu fragen, ob er nicht von diesem kleinen Rädchen zu einem größeren werden kann.[62]

Während die Rationalisierung für Weber eine auch bewußtseinsmäßige Anpassung an das rationale Funktio- nieren des bürokratisch-kapitalistischen Apparates wahrscheinlich macht und sich, da diese durch die gesell- schaftlichen Verhältnisse nicht eindeutig determiniert ist, für ihn die Frage stellt, in wie weit der Einzelne in der Lage ist, Distanz gegenüber dem routinisierten und disziplinierten Alltag aufzubauen, stellt sich aus Lukács theoretischer Perspektive - und der damit verbundenen unüberbrückbaren Differenz zu Webers Individualismus - das Problem anders: Seinem Totalitätspostulat folgend, konstatiert Lukács, daß der Kapitalismus mit seiner „einheitlichen Wirtschaftsstruktur für die ganze Gesellschaft eine - formell - einheitliche Bewußtseinsstruktur für ihre Gesamtheit“ hervorgebracht hat.[63] Dieser Gedanke findet bei Weber allein insofern eine Parallele, als er bei den Auswirkungen der Rationalisierung auf die „Mentalität“ der ihr unterworfenen Menschen nicht zwi- schen verschiedenen sozialen Positionen unterscheidet, sondern sie ebenfalls allgemein setzt. Die Verdinglichung bleibt nach Lukács bei dem „Zur-Ware-Werden“ aller Gegenstände nicht stehen, sondern schreibt sich in das kapitalistische Subjekt selbst ein. Immer „tiefer, schicksalhafter und konstitutiver“, so Lu- kács Diagnose des Gegenwartsmenschen, senkt sich die Verdinglichung „in das Bewußtsein der Menschen hinein“.[64] Indem mit der Ausweitung des Warenverkehrs die Eigenschaften und Fähigkeiten der Individuen zur Ware werden und diese „Objektivation“ eines Teils des Menschen ihm selbst gegenüber mit fortschreitender Rationalisierung „zur dauernden und unüberwindlichen Alltagswirklichkeit“ wird,[65] erweist sich das kapitalisti- sche Subjekt als zunehmend fragmentiert. Die Verdinglichung „drückt dem ganzen Bewußtsein des Menschen ihre Struktur auf: seine Eigenschaften und Fähigkeiten verknüpfen sich nicht mehr zur organischen Einheit der Person, sondern erscheinen als „Dinge“, die der Mensch ebenso „besitzt“ und „veräußert“, wie die verschiede- nen Gegenstände der äußeren Welt.“[66] Dabei betont Lukács die Allgemeinheit dieser Verdinglichung des Be- wußtseins. Ihm geht es nicht darum im Sinne einer Klassenanalyse einen Ideologiebegriff zu vertreten, der das Bewußtsein von der jeweiligen Stellung im Produktionsprozeß abhängig macht. Vielmehr will Lukács zeigen, daß mit der Entwicklung des Kapitalismus zu einem einheitlichen System die gesamte bürgerliche Kultur, die Wissenschaft und Philosophie ebenso von der „Verdinglichung des Bewußtseins“ erfaßt werden, wie der „ge- dankenlose Alltag“ der bürgerlichen Schichten oder der Arbeiterbewegung. Überall zeigt sich eine wesensmä- ßig identische „kontemplative Haltung“ gegenüber rational verfaßten, scheinbar unbeeinflußbaren Prozes- sen:[67]

Aber der Unterschied, daß der Arbeiter der einzelnen Maschine, der Unternehmer dem gegebenen Typus der maschinellen Entwicklung, der Techniker dem Stand der Wissenschaft und der Rentabilität ihrer technischen Anwendung gegenüber so stehen muß, bedeutet eine bloß quantitative Abstufung und unmittelbar keinen qualitativen Unterschied in der Struktur des Bewußtseins.[68]

Der von ihm „gemachten“ Wirklichkeit steht der Mensch der kapitalistischen Gesellschaft wie einer ihm we- sensfremden Natur gegenüber; „er ist ihren ‘Gesetzen’ widerstandslos ausgeliefert, seine Tätigkeit kann nur darin bestehen, den zwangsläufigen Ablauf einzelner Gesetze für sein (egoistisches) Interesse zu verwerten“.[69] Es stellt sich hier sogleich die Frage, wie Lukács zunächst die Einheitlichkeit der Bewußtseinsstruktur jedes Individuums in der kapitalistischen Gesellschaft unabhängig von der Stellung im Produktionsprozeß postulie- ren kann, um dennoch gleichzeitig an der Idee des Proletariats als Subjekt der Revolution festzuhalten. Dies zu denken ist ihm möglich, weil er von unterschiedlichen Möglichkeiten des Bewußtwerdens der eigenen Positi- on ausgeht. Während mit der maschinellen Mechanisierung des Arbeitsprozesses die geistigen Fähigkeiten des Fabrikarbeiters unterdrückt werden, zeigt sich bei den herrschenden Klassen, indem diese Fähigkeiten selbst zu Ware werden, die Verdinglichung des Bewußtseins „verfeinert, vergeistigt, aber eben darum gestei- gert“.[70] Aus der Perspektive des Verdinglichungskritikers erweisen sich zwar die geistige Arbeit, die schöpferi- sche Tätigkeit, die Verantwortung, die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs, alle jene Momente die den nichtpro- letarischen Klassen eine Identifikation mit den gesellschaftlichen Strukturen ermöglicht, als täuschender Schein, der gleichzeitig aber nicht nur eine pure Illusion ist, sondern sich als Schein wirksam erweist, weil er als „Fassade“ den von diesem Geschlagenen die Erkenntnis ihrer wahren Situation verbaut. Ganz anders der Proletarier: Er ist als „rein auf abstrakte Quantität reduzierte Nummer“ pures Objekt des rationalisierten Produk- tionsprozesses, ohne daß irgendein Schein von Tätigkeit, wie er etwa im Bewußtsein des Kapitalisten herrscht, den Einblick in diese Tatsache prinzipiell trübt. Und indem der kapitalistischen Abstraktionsprozeß unmittelbar an ihm vollzogen zum Vorschein kommt, kann er sein „Zur-Ware-werden“, sein „Auf-reine-Quantität- Reduziertsein“ als das wahrnehmen, was es in Wirklichkeit ist: als „schrankenlose[n] Versklavung“.[71] Durch diese „rein abstrakte Negativität im Dasein“ kann der Arbeiter potentiell zu dem unverstellten „Selbstbewußtsein der Ware“[72] gelangen, das für Lukács nicht nur der Selbsterkenntnis der Arbeiterklasse, sondern gleichzeitig die richtige Erkenntnis der ganzen Gesellschaft darstellt. Mit diesem Schritt wird das Proletariat zum „identischen Subjekt-Objekt des gesellschaftlich-geschichtlichen Entwicklungsprozesses.[73]

7. Marx + Weber = Lukács?

Zum Schluß dieser Arbeit soll versucht werden, die grundsätzlichen Parallelen und Differenzen zwischen Lu- kács’ auf der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie basierenden Verdinglichungskritik und der Arbeit von Max Weber in ihren Umrissen aufzuzeigen. Der Versuch Lukács’, Marx und Weber miteinander zu verbinden, muß zunächst ungewöhnlich erscheinen, werden die beiden Theoretiker doch in der üblichen Lesart als Anti- poden verstanden. Was vielleicht trotz des Gegensatzes von soziologischer Handlungstheorie und Kritik der politischen Ökonomie die Gemeinsamkeit beider Theorien ausmacht, an die Lukács in seiner Gegenwarts- analyse anknüpfen kann, ist das von Marx und Weber geteilte Interesse an der Einzigartigkeit des modernen Kapitalismus. Folgt man Karl Löwith, dann ging es beiden um eine „kritische Analyse des gegenwärtigen Men- schen der bürgerlichen Gesellschaft am Leitfaden der bürgerlich-kapitalistischen Wirtschaft“.[74]

Gleichzeitig muß betont werden, daß, auch wenn Theorieelemente Webers eine konstitutives Element für Lukács Verdinglichunskonzept darstellen, die Integration von Marxens Kapitalismuskritik und des Rationalisie- rungstheorems bei Lukács deutlich asymmetrisch verläuft. Trotz aller theoretischer Modifikationen kann die Grundkonzeption vonGeschichte und Klassenbewußtseinals marxistisch charakterisiert werden; zum einen weil Lukács im wesentlichen in dem von Marx gesetzten sprachlichen Rahmen verbleibt, zum anderen weil er von Marxens Kritik der politischen Ökonomie als Basis seiner Verdinglichungskritik ausgeht, ohne an ihr we- sentliche Veränderungen vorzunehmen. Die Besonderheit des hier von Lukács entwickelten Marxismus be- steht vor allem in der prominenten Stellung, die Hegels Dialektik und der Hegelsche Begriff der „Totalität“ in ihm einnimmt. Erst auf diesem „hegelmarxistischem“ Fundament vonGeschichte und Klassenbewußtsein greift Lukács auf Webers Rationalisierungstheorem zurück. Was Marx wie Lukács neben allen theoretischen Gegensätzen fundamental von Weber trennt, ist - wenn man so will - die politisch-praktische Seite der Theorie. Beiden geht es in letzter Instanz um die Möglichkeit und Notwendigkeit der proletarischen Revolution.[75]

Während Weber zumindest in seinen ‘wissenschaftliche’ Arbeiten bemüht war, sich auf eine reine „Diagnose“ der kapitalistischen Gesellschaft zu beschränken, ohne aus dieser eindeutige Handlungsanweisungen zu deduzieren, wollte Marx und im Anschluß an ihn Lukács auf die für den Kapitalismus diagnostizierte „Selbstent- fremdung“ gleichzeitig eine geeignete „Therapie“ vorantreiben; mit einem Wort: die Revolution.[76] Man sieht, die Auffassung des Verhältnisses von Theorie und Praxis (Marx/Lukács) bzw. von Wissenschaft und Politik (Weber) könnte nicht gegensätzlicher sein. In der Forderung nach Trennung von Werturteil und Tatsachener- kenntnis kann man ohne weiteres das Leitmotiv der methodologischen Schriften Webers ausmachen. Das Grundgebot „intellektueller Redlichkeit“ ist danach, anzuerkennen, daß es sich bei „praktisch-politischen Stel- lungnahmen“ und „wissenschaft-licher Analyse“ um „ganz und gar heterogene Probleme“ handelt.[77] Für den Lukács von Geschichte und Klassenbewußtsein kann eine solche Vorstellung nur als Ausdruck des die bürger- liche Wissenschaft charakterisierenden „verdinglichten Denkens“ verstanden werden, weil es die „gegebene Wirklichkeit“ bloß hinnimmt und über die „bloße Kontemplation“ nicht in Richtung auf ein Praktisch-Werden der Theorie hinausgeht.[78] In dieser Forderung nach der Aufhebung der Trennung von Theorie und Praxis mutet Lukács der kritischen Gegenwartsanalyse nicht weniger zu, als die „revolutionäre Funktion“, in den „Umwälzungsprozeß der Gesellschaft“ einzugreifen, indem sie dem Proletariat zu seiner Selbsterkenntnis als Ware und damit zur adäquaten Erkenntnis der gesamten Gesellschaft verhilft.[79]

7.1. „Stählernes Gehäuse“ und „zweite Natur“

Neben diesem unüberbrückbar Trennendem zwischen Lukács und Weber lassen sich hinsichtlich der Analyse der kapitalistischen Gegenwartsgesellschaft durchaus auch Parallelen ausmachen, durch die, so könnte man vermuten, der Rückgriff Lukács’ auf den bürgerlichen Soziologen Weber naheliegender wird, als er auf den ersten Blick erscheint. Zunächst einmal teilt Lukács die Einschätzung Webers hinsichtlich der Bedeutung des okzidentalen Rationalismus für die Entstehung der ökonomischen, sozialen und kulturellen Strukturen der kapi- talistischen Gesellschaft. Hierbei zeigen sich daneben deutliche parallelen von Lukács’ und Webers Gegen- wartsanalyse in Bezug auf die Macht, die diese Strukturen auf die ihnen unterworfenen Menschen ausüben. Um dies zu verdeutlichen, will ich auf eine Bemerkung Lukács’ zurückgreifen, die er dem ersten expliziten Rekurs auf Weber voranstellt. Neben Simmel zählt er hier Weber zu denjenigen bürgerlichen Denkern, die trotz ihres notwendigen Verhaftetseins in der bürgerlichen Ideologie die „menschlich verheerenden Wirkungen“ der Verdinglichungsphänomene durchaus richtig erkannt hätten.[80] Ich will diese Linie, die bei Lukács nur ange- deutet wird, kurz in eine bestimmte Richtung weiterverfolgen. Man kann durchaus Lukács’ Vorstellung der kapitalistischen Gesellschaft als „eine Art zweite Natur“ und Webers Charakterisierung der Strukturen der mo- dernen Gesellschaft als „stählernes Gehäuse“, „Maschine“ oder als „mächtigen Kosmos“ insoweit parallel lesen, als in beiden Gegenwartsanalysen das Ausgeliefertsein des modernen Menschen gegenüber anony- men Mächten bzw. Prozessen betont wird.

Im Gegensatz zu einer modernisierungstheoretischen Lesart Webers, ist dessen Beschreibung des okzidenta- len Rationalisierungsprozesses keineswegs als stringente Fortschrittsgeschichte konzipiert. Es geht ihm viel- mehr, so könnte man Webers Genealogie der modernen Gesellschaft knapp charakterisieren, darum, die verschiedenen Modernisierungsprozesse in ihrer Ambivalenz sichtbar werden zu lassen. Zunehmende Ratio- nalisierung in den verschiedenen gesellschaftlichen Subsystemen bringt danach nicht nur Effizienzsteigerung und technische Weltbeherrschung hervor, sondern gleichzeitig, gleichsam auf ihrer Schattenseite, auch zu- nehmende Heteronomie. Die für die Genese der westlichen Moderne entscheidenden Prozesse - die Entwick- lung des modernen Betriebskapitalismus, die Bürokratisierung und die Intellektualisierung - sind bei Weber als dynamische Rationalisierungsprozesse konzipiert, die, ihren Eigengesetzlichkeiten folgend, zunehmend Macht über den Menschen gewinnen. Sie werden zu „unentrinnbaren“, „schicksalhaften“ Prozessen,[81] die ihre Herr- schaft auf alle Lebensbereiche ausdehnen. Beispielhaft zeigt sich das hierbei verwendete Bild eines ‘Um- schlagens’ der Geschichte, eines ‘verhängnisvollen’ Zusammentreffens kontingenter Phänomene in Webers Protestantismusstudie. Während der asketische Protestantismus zunächst konstitutiv für die Entstehung des kapitalistischen Geistes und damit für ein Wirken des Menschen in der Welt gewesen sei, half er nach Weber gleichzeitig, jenen mächtigen Kosmos der modernen, an die technischen und ökonomischen Voraussetzungen mechanisch-materieller Produktion gebundenen, Wirtschaftsordnung erbauen, der heute den Lebensstil aller einzelnen, die in dieses Triebwerk hineingeboren werden - nicht nur der direkt ökonomisch Erwerbstätigen -, mit überwältigendem Zwange bestimmt und vielleicht bestimmen wird, bis der letzte Zentner fossilen Brennstoffs verglüht ist.[82]

Während der Kapitalismus, nachdem er sich durchgesetzt hat, der christlichen Askese nicht mehr bedarf, ist Webers, aus Nietzsches langem Schatten geborene Befürchtung für die Zukunft eine „mechanisierte Versteinerung“ der Gesellschaft, in der die „letzten Menschen“ nichts sind als „Fachmenschen ohne Geist“ oder „Genußmenschen ohne Herz“.[83]

Eine mögliche und zunehmend wahrscheinliche Konsequenz der sich ausweitenden Herrschaft der „leblosen Maschine“ der kapitalistischen Fabrik auf den „Alltag des Arbeitslebens“ und der „lebendigen Maschine“ der rational, arbeitsteilig, fachmäßig und hierarchisch organisierten bürokratischen Apparate auf alle Lebensbe- reiche sieht Weber in der Errichtung eine „Gehäuses der Hörigkeit“, in welches „vielleicht dereinst die Men- schen sich, wie die Fellachen im altägyptischen Staat, ohnmächtig zu fügen gezwungen sein werden“.[84] Wichtig für den Vergleich mit Lukács ist festzustellen, daß Weber die verschiedenen Rationalisierungsprozesse als „unentrinnbare“ Entwicklungen versteht, in deren Folge bürokratisch-kapitalistische Herrschaftsstrukturen entstehen, die jeder möglichen Beeinflussung durch menschliches Handeln vollständig entzogen sind;[85] ge- nau dies meint Weber, wenn er den Begriff des „Schicksals“ in seine Gegenwartsanalyse integriert. Weil seiner Einschätzung nach die Moderne nicht Projekt, nicht bewußt geplantes Vorhaben ist,, sondern vielmehr Produkt des Zusammentreffens kontingenter Entwicklungslinien, die sich zu einem „tragischen“ Schicksal verdichtet haben, erweist sich ihm jede Vorstellungen von einer revolutionären Umwälzung der gesellschaftlichen Struk- turen und dem Einmünden der „Vorgeschichte“ in ein „Reich der Freiheit“ als nicht auf der Höhe der „spezi- fisch modernen Problemlage“[86]: Die hochkomplexe, arbeitsteilige moderne Gesellschaft ist danach so ab- hängig von den, gegenüber allen anderen Organisationsformen technisch überlegenen,[87] rationalen bürokra- tischen Herrschaftsapparaten und dem „stählernen Gehäuse“ der modernen disziplinierten gewerblichen Ar- beit, daß eine Revolution als Abschaffung des Privateigentums an diesem Zustand nicht nur nichts ändern könnte, sondern im Gegensatz zum intendierten Ziel die Unfreiheit der Beherrschten wahrscheinlich noch steigern würde.[88] Angesichts der Dynamik und Wechselwirkung der verschiedenen gesellschaftlichen Ratio- nalisierungsprozesse charakterisiert Weber alle Vorstellungen vom Ende der „Herrschaft der Dinge über die Menschen“ bzw. der „Herrschaft des Menschen über den Menschen“ als „pathetische Hoffnungen“, die jeder sachlichen Grundlage entbehren: „Die Diktatur des Beamten, nicht die des Arbeiters, ist es, die - vorläufig je- denfalls - im Vormarsch begriffen ist.“[89]

Für Lukács ist diese Vorstellung - auch wenn man ihr ex post einige Plausibilität zuerkennen möchte - freilich Ausdruck verdinglichten Denkens. Von der Prämisse ausgehend, daß die anonymen gesellschaftlichen Mäch- te tatsächlich auf den gesellschaftlichen Beziehungen der ihnen unterworfenen Menschen basieren, welche diesen Zusammenhang notwendig nur noch nicht durchschaut haben, - heißt für Lukács die Eigengesetzlich- keit der gesellschaftlichen Teilsysteme zu postulieren, wie Weber dies mit Nachdruck tut, den unmittelbaren „fetischistischen Schein“ für das Wesen der Dinge zu nehmen.[90] Gleichzeitig kritisiert Lukács jeden methodi- schen wie politischen Individualismus, als dessen Repräsentant Weber gelten kann, weil sich in ihm das „kon- templative Subjektverhalten“, wie es paradigmatisch in der Stellung des Arbeiters gegenüber der Maschine zum Ausdruck kommt, wiederholt.[91]

7.2. Wertrelativismus vs. Weltvernunft

Während man also hinsichtlich der Diagnose der kapitalistischen Gesellschaft als System anonymer, un- durchschaubarer und unangreifbarer anonymer Mächte zunächst Parallelen zwischen Weber und Lukács aufzeigen lassen, leiten beide aus der unterschiedlichen Bestimmung der Ursache dieser Phänomene einan- der entgegengesetzte politisch-praktische Konsequenzen ab. Für Weber handelt es sich bei der zunehmenden Akkumulation formaler Rationalität in den verschiedenen gesellschaftlichen Handlungssysteme tatsächlich um dynamische, ihrer Eigengesetzlichkeit folgenden Prozesse, die, will man nicht als weltfremder, ‘unsachlicher’ und daher ‘unverantwortlicher Literat gelten, als solche anzuerkennen sind. Das sich aus diesen gesellschaftli- chen Strukturen ergebende politische Problem entwickelt sich bei Weber nicht als Frage nach der Verände- rungen der gesellschaftlichen Strukturen, sondern allein als solche nach den Bedingungen der „Auslese“ von „Persönlichkeiten“, die kraft charismatischer Qualität in der Lage sind, sich an die Spitze der rationalen Herr- schaftsapparate zu stellen, um zumindest zeitweise verbindliche Werte und somit dem gesellschaftlichen Ge- schehen „Sinn“ zu stiften.[92]

Lukács Denken kreist im Gegensatz hierzu um die Möglichkeit der revolutionären Umwälzung der kapitalisti- schen Gesellschaft. Ihm geht es gerade darum zu zeigen, daß die vermeidliche Unabhängigkeit und Un- beeinflußbarkeit der gesellschaftlichen Strukturen und Prozesse von jedem menschlichen Denken und Han- deln real und zugleich scheinhaft ist. Die Universalität der Warenform umhüllt alle Phänomene mit dem feti- schistischen Schein einer Beziehung von Dingen. Da es sich aber tatsächlich um Beziehungen von Menschen handelt, kann das Proletariat, indem es sich seiner selbst bewußt wird diese „Dinghaftigkeitshülle“ zerreißen und durch eine „bewußte Tathandlung“ die Gesellschaft praktisch umwälzen und ihre Widersprüche aufhe- ben.

Dies führt uns zu einer zweiten grundlegenden Differenz von Lukács’ Gegenwartsanalyse gegenüber Webers Zeitdiagnose, die sich ebenfalls als Nichtübernahme der von Weber aus seinem Rationalisierungstheorem abgeleiteten Konsequenzen verstehen läßt. Nach Weber führt die zunehmende Rationalisierung und Intellek- tualisierung, insbesondere in Form des Anspruches der modernen Naturwissenschaft „alle Dinge [...] durch Berechnen beherrschen zu können“,[93] zur Zerstörung der Möglichkeit, ein allgemeinverbindliches normatives Bezugssystem zu formulieren. Mit der „Entzauberung der Welt“ treten nach Weber die verschiedenen Wertopti- onen in einen „unlöslichen“ und „ewigen“ Kampf ein.[94] Daß Lukács demgegenüber weiterhin einen Begriff von objektiver Vernunft vertritt, wurde etwa in seiner Vorstellung vom Kapitalismus als Wechselverhältnis von forma- ler Rationalität eines jeden Details und Irrationalität des Gesamtprozesses deutlich, die nur unter der Annahme einer möglichen vernünftigen Organisation des Ganzen plausibel wird. So kommt etwa auch Habermas zu dem Schluß, daß Lukács „an dem hegelianischen Gedanken fest[hält], daß sich im Verhältnis der Menschen zueinander und zur Natur [ ] Vernunft objektiviert - wie unvernünftig auch immer.[95] Sowohl Weber als auch Lukács kritisieren die Herrschaft der technischen Rationalität,[96] aber beide verfolgen diese Kritik von unter- schiedlichen Standpunkten: Weber aus der Perspektive eines aristokratischen Individualismus, dem es um die Freiheit der großen „Persönlichkeit“ geht und der dabei gleichzeitig weiß, daß es sich hierbei um ein letztlich unbegründbares Werturteil handelt, welches sich in einem unaufhebbar agonalen Verhältnis zu anderen Wert- optionen befindet; Lukács im Namen des „Reiches der Freiheit“, sich im Einklang mit der Entwicklung der Geschichte wissend. Während für Weber die Geschichte keinen immanenten Sinn besitzt, sondern nur Chaos ist, in das erst der Historiker, indem er sie zu bestimmten Wertideen (Kulturbedeutung) in Beziehung setzt, Be- deutung hineinträgt, ist nach Lukács die dialektische Totalitätsbetrachtung zu nicht weniger in der Lage, als „den Sinn des Geschichtsprozesses als dem Prozeß selbst immanent innewohnend aufzufassen und nicht mehr als transzendente, mythologisierende oder ethische Sinngebung auf ein an sich sinnesfremdes Material“

[97] Das Proletariat wird nun bei Lukács zu demjenigen historischen Subjekt, das sich dieses Sinnes nicht nur bewußt wird, sondern ihn darüber hinaus auch in der Zukunft verwirklichen kann. Nur als „Vorkämpfer des Sieges der Weltvernunft“[98] kann Lukács behaupten, daß das Proletariat keine Ideale zu verwirklichen, sondern nur das geschichtlich Notwendige auszusprechen hat.[99]

Bibliographie

Sigel

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Anmerkungen

[...]


[1] Jacques Derrida, Marx’ Gespenster. Der verschuldete Staat, die Trauerarbeit und die neue Internationale, Frankfurt a. M. 1995, S. 59.

[2] Vgl. Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns, 2 Bde., Frankfurt a. M. 1988, Bd. 1, S. 474 ff.

[3] Ähnliche Vorstellungen vom Praktisch-Werden der kritischen Gegenwartsanalyse finden sich auch bei Karl Korsch und später bei Antonio Gramsci.

[4] Dieser Bruch verbindet Lukács’ Geschichte und Klassenbewußtsein mit den im selben Jahr erscheinenden Arbeiten von Karl Korsch (Marxismus und Philosophie) und Ernst Bloch (Geist der Utopie).

[5]Geschichte und Klassenbewußtseinweist zum Teil eine erstaunliche Nähe zu Marx Theorie der „Entfremdung“ bzw. „Entäußerung“ auf, wie dieser sie vor allem im Kapitel über die entfremdete Arbeit in denÖkonomisch-philosophischen Manuskriptenvon 1844 erarbeitet hat (MEW, EB I, S. 510 ff.); erstaunlich, wurden diese doch erst 1932 veröffentlicht.

[6] R. Dannemann, Das Prinzip der Verdinglichung. Studie zur Philosophie Georg Lukács’, Frankfurt a. M. 1987, S. 22. Zur Lukács Weberrezeption vgl. daneben: K. Beiersdörfer, Max Weber und Georg Lukács. Über die Beziehung von verstehenden Soziologie und westlichem Marxismus, Frankfurt a. M. - New York 1986. J. Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns, Bd. 1, S. 461 ff.; M. Merleau-Ponty, Die Abenteuer der Dialektik, Frankfurt a. M. 1968, S. 39 ff.

[7] Lukács’ Rekurs auf Weber muß auf den ersten Blick überraschen, da zum einen Webers soziologische Arbeiten, insbesondereDie protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismusals Kritik am Marxismus verstanden werden kann und wird, und da zum anderen Weber die Revolution und jede revolutionär sich verstehende Politik heftig und oft polemisch angriff.

[8] Insgesamt beschränkt sich die Arbeit auf die Rekonstruktion des ersten Teils des Verdinglichungsaufsatzes:Das Phänomen der Verdinglichung. Der zweite und dritte Teil des Aufsatzes (Die Antinomien des bürgerlichen Denkens,DerStandpunkt des Prole- tariats), in denen Lukács seine Kritik an der klassischen Philosophie und seine Klassenbewußtseinstheorie entwickelt werden nur am Rande gestreift, womit aber keineswegs ihre Bedeutung für Lukács’ Verdinglichungskonzept in Frage gestellt werden soll.

[9] G. Lukács, Geschichte und Klassenbewußtsein. Studien über marxistische Dialektik, Berlin 1923, S. 141 f. Von mir hervorgehoben. In derDeutschen Ideologieheißt es, daß die Natur „den Menschen anfangs als eine durchaus fremde, allmächtige und unangreifbare Macht gegenübertritt“; MEW 3, S. 31. Vgl. Kapital III, S. 839: Mit der Versachlichung und Verselbständigung der Produktionsverhältnisse gegenüber den Produktionsagenten erscheinen der „Weltmarkt, seine Konjunkturen, die Bewegung der Marktpreise, die Perioden des Kredits, die Zyklen der Industrie und des Handels, die Abwechslung der Prosperität und der Krise, ihnen als übermächtige, sie willenlos beherrschende Naturgesetze und [machen] sich ihnen gegenüber als blinde Notwendigkeit“ geltend.

[10] Fragt man allein nach der Argumentationsfigur vernachlässigt man die inhaltlichen Differenzen innerhalb des Marxschen ‘Wer- kes’. Man denke dabei etwa an den strukturalen Antihumanismus eines Louis Althusser, der erst die seit 1845 erschienenen Schriften von Marx als „wissenschaftlich“ charakterisiert und die vorangehenden Arbeiten als „ideologisch“ verwirft, weil die Theo- rie hier seiner Meinung nach auf einem präexistenten Wesen des Menschen gründet; L. Althusser, Für Marx, Frankfurt a. M. 1968. Zu Althussers Kritik an der „modischen Theorie der ‘Verdinglichung’“ siehe: Ebenda, S. 180, Anm. 7: „Im ‘Kapital’ ist das einzige gesellschaftliche Verhältnis, daß sich unter der Form einesDings[...] darstellt, dasGeld. Aber die Auffassung des Geldes alsDingentspricht nicht der Wirklichkeit dieses ‘Dings’: nicht an der Brutalität eines einfachen ‘Dings’ stößt sich der Mensch, der in direktem Verhältnis zum Geld steht, sondern an einerMacht(oder ihremFehlen) über die Dinge und Menschen. Eine Ideologie der Verdinglichung, die überall ‘Dinge’ in den menschlichen Verhältnissen sieht, verwechselt unter der Kategorie ‘Ding’ [...] alle gesellschaftlichen Verhältnisse, die nach dem Modell einer Ideologie des Geld-Dinges gedacht sind.“

[11] K. Marx, Die Deutsche Ideologie, MEW 3, S. 34. Vgl. Ders., Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW, Ergänzungsband, Erster Teil, S. 511f.: Die Entfremdung der Arbeit besteht nach Marx darin, daß das Produkt der Arbeit „ihr alsfremdes Wesen, als eineunabhängige Macht“ gegenübertritt. Die Herkunft des Entfremdungsbegriffs aus der Religionskritik wird deutlich, wenn Marx hier an die Feststellung: „Je mehr der Arbeiter sich ausarbeitet, um so mächtiger wird die fremde, gegenständliche Welt, die er sich gegenüber schafft, um so ärmer wird er selbst, seine innre Welt, um so weniger gehört ihm zu eigen“, anschließt: „Es ist ebenso in der Religion. Je mehr der Mensch in Gott setzt, je weniger behält er in sich selbst.“

[12] K. Marx, Das Kapital, Erster Band, MEW 23, S. 86.

[13] K. Marx, Das Kapital, Dritter Band, MEW 26, S. 838.

[14] Kapital, S. 89. Vgl. S. 674: Auf kapitalistischer Grundlage wendet „nicht der Arbeiter die Arbeitsmittel, sondern die Arbeitsmittel den Arbeiter“ an.

[15] Vgl. GK, S. 21 ff; S. 39: „Nicht die Vorherrschaft der ökonomischen Motive in der Geschichtserklärung unterscheidet entschei- dend den Marxismus von der bürgerlichen Wissenschaft, sondern der Gesichtspunkt der Totalität.“ Indem er die Erkenntnis der Totalität zum zentrales Moment marxistischer Methodologie macht, markiert Lukács einen Bruch mit der traditionellen marxistischen Basis-Überbau-Theorie. Nach Habermas verbietet der Begriff der Totalität bei „Hegelmarxisten“ (Lukács, Korsch, Adorno) ein Schichtenmodell hinsichtlich des Überbautheorems; sei es als Modell einer eindeutigen Determination aller gesellschaftlichen Teilsysteme durch ökonomische Struktur oder in der abgeschwächten Version einer Determination „in letzter Instanz“: „hier nimmt das Überbautheorem die Form an, daß eine Art konzentrische Abhängigkeit aller gesellschaftlichen Erscheinungen von der öko- nomischen Struktur besteht, wobei diese dialektisch als das Wesen begriffen wird, das in den beobachtbaren Erscheinungen zur Existenz gelangt“; J. Habermas, Zur Rekonstruktion des historischen Materialismus, 3. Aufl., Frankfurt a. M. 1982, S. 158.

[16] K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, MEW 42, S. 35. Lukács teilt damit mit Marx die Historisierung der eigenen Methode bzw. derer Begriffe. Vgl. ebenda, S. 39 f.;

[17] GK, S. 22 ff.

[18] GK, S. 94.

[19] Nach Habermas verwendet Lukács den neukantianischen Begriff der Gegenständlichkeitsformen in einem von Dilthey geprägten Sinn als geschichtlich entstandene „Daseins- oder Denkformen“, die die Totalität der Entwicklungsstufe der Gesamtgesellschaft auszeichnet; Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns Bd. 1, S. 474. Lukács’ „dialektische Totalitätsbetrachtung“ geht davon aus, daß die gesellschaftliche Entwicklung als „ununterbrochene Veränderung der Gegenständlichkeitsformen aller gesellschaftlichen Phänomene“ begriffen werden muß, und daß daher jeder Gegenstand nur in seiner Funktion in der bestimmten Totalität richtig erkannt werden kann; GK, S. 26 f; Vgl. S. 203.

[20] GK, S. 96.

[21] GK, S. 95.

[22] GK, S. 97.

[23] Lukács geht es nicht darum, Marxens Kritik der politischen Ökonomie zu vertiefen. Ausdrücklich setzt er diese als gegeben voraus; GK, S. 95.

[24] GK, S. 94.

[25] Kapital, S. 86.

[26] GK, S. 110, Anm. 1.

[27] Kapital, S. 87 f.; Von mir hervorgehoben.

[28] GK, S. 98. Ähnlich wie Lukács bei seinem Rückgriff auf dasKapitaldie Abstraktion als das wesentliche Moment der Warenform bestimmt, ist auch für Alfred Sohn-Rethel die „Realabstraktion“ des Wertbegriffs, die gekennzeichnet ist durch „vollkommene Qualitätslosigkeit und rein quantitative Differenzierbarkeit“ das „unproklamierte Gesamtthema desKapital“; A. Sohn-Rethel, Geistige und körperliche Arbeit. Zur Epistemologie der abendländischen Geschichte, rev. u. erg. Neuaufl., Weinheim 1989, S. 12; 13, Anm. 3.

[29] Vgl. GK, S. 104: Indem die Tauschwerte ausnahmslos als Waren erscheinen, erhalten sie eine neue Objektivität, eine neue Dinghaftigkeit, die sie zur Zeit des bloßen gelegentlichen Tausches nicht gehabt haben, in der ihre ursprüngliche, eigentliche Dinghaftigkeit vernichtet wird, verschwindet.“ Nach Rüdiger Dannemann ist Lukács unorthodoxe Engführung der Marxschen Werttheorie auf die Warenform und ihre Bestimmung als Negation des Qualitativen/Individuellen vor allem motiviert durch eine Rezeption von Georg SimmelsPhilosophie des Geldes; Dannemann, Das Prinzip Verdinglichung, S. 78 ff.

[30] GK, S. 105.

[31] Vgl. Kapital, S. 201: „Er [der Kapitalist; M. C.] will nicht nur einen Gebrauchswert produzieren, sondern eine Ware, nicht nur Gebrauchswert, sondern Wert, und nicht nur Wert, sondern auch Mehrwert.“

[32] Vgl. GK, S. 18; Hier heißt es, daß ein „Abstraktionsprozeß“, der die „Erscheinungen auf ihr rein quantitatives, sich in Zahlen und Zahlenverhältnissen ausdrückendes Wesen reduziert“ zum „Wesen des Kapitalismus“ gehört. Bei diesem „Abstraktionsprozeß“, den Marx bei der Behandlung der Arbeit beschrieben habe, handelt es sich nach Lukács um eine „historische Eigentümlichkeit der kapitalistischen Gesellschaft“.

[33] Vgl. Beiersdörfer, S. 168.

[34] GK, S. 98.

[35] GK, S. 99.

[36] M. Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I, 9. Aufl., Tübingen 1988, S. 7 ff. Vgl. ders., Wirtschaft und Gesell- schaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, 5., rev. Aufl., besorgt von J. Winckelmann, Tübingen 1985, S. 61: Es sei „eine der fundamentalsten Eigenschaften der kapitalistischen Privatwirtschaft, daß sie auf der Basis streng rechnerischen Kalküls rationalisiert, planvoll und nüchtern auf den erstrebten wirtschaftlichen Erfolg ausgerichtet ist“.

[37] WG, S. 44.

[38] GK, S. 99.

[39] GK, S. 100.

[40] GK, S. 94.

[41] GK, S. 101.

[42] Ohne daß er direkt auf Lukács hinweist, findet sich bei Herbert Marcuse später eine ähnliche Interpretation des Weberschen Rationalisierungsbegriffes, wie Lukács sie im Verdinglichungsaufsatz vornimmt: „Im Grunde dieser Rationalität herrscht dieAbs- traktion, die [...] die Periode des Kapitalismus bestimmt: durch die Reduktion von Qualität auf Quantität. Als universelle Funktionie- rung (wie sie im Tauschwert zum ökonomischen Ausdruck kommt) wird sie zur Vorbedingung berechenbarer Leistungsfähigkeit - universaler Leistungsfähigkeit, insofern Funktionalisierung Herrschaft über alle (auf Quantitäten und Tauschwerte reduzierten) Besonderheiten ermöglicht.“ H. Marcuse, Industrialisierung und Kapitalismus im Werk Max Webers, in: Ders., Kultur und Gesellschaft, Bd. 2, 6. Aufl., Frankfurt a. M. 1968,S. 107-129; hier: S. 111.

[43] GK, S. 100.

[44] GK, S. 101.

[45] Kapital, S. 381.

[46] Kapital, S. 384, 445 ff. Vgl. die prägnante Darstellung des militärischen Charakters der Industrie in: K. Marx/ F. Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4, S. 468 f.

[47] Die Entwicklung der modernen Fabrikarbeit „mit ihrer amtlichen Hierarchie, ihrer Disziplin, ihrer Kettung der Arbeiter an die Maschinen, ihrer Zusammenhäufung und doch gleich [...] Isolierung der Arbeiter, ihrem ungeheuren in den einfachsten Handgriff des Arbeiters hinabreichenden Rechnungsapparat“, galt Weber als einer der ‘schicksalsvollsten’ Entwicklungen seiner Gegen- wart; SSP, S. 59.

[48] Vgl. GK, S. 103 f.

[49] GK, S. 102.

[50] Ebenda.

[51] In der vielleicht komprimiertesten Darlegung seines Rationalisierungstheorems, der Vorbemerkung zu seinen religionssoziologi- schen Schriften, bezeichnet Weber die Eigenart der okzidentalen Entwicklung in der zunehmenden Rationalisierung der verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereiche. Eine solche Rationalisierung erkennt Weber in der Entwicklung der wissen- schaftlichen Methodik, des Wissenschaftssystem, der Kunst, der Verwaltung, des Rechts, des Staates und vor allem des Kapitalis- mus im Okzident; RS I, S. 1 ff.

[52] GK, S. 107.

[53] GK, S. 106.

[54] M. Weber, Gesammelte politische Schriften, herausgegeben von J. Winckelmann, 5. Aufl., Tübingen 1988., S. 321 f.

[55] GPS, S. 322.

[56] Vgl. hierzu die Arbeiten von Beiersdörfer und Dannemann

[57] GK, S. 103.

[58] GK, S. 114.

[59] GK, S. 112.

[60] GK, S. 113. Auch bei Weber läßt sich der Gedanke finden, daß die fortschreitende Rationalisierung auch als Produktion von Irrationalität begriffen werden kann. Da Weber aber, im Gegensatz zu Lukács, keinen emphatischen Vernunftbegriff mehr vertritt, läßt sich diese nach ihm nur noch von der Position eines Werturteils aus behaupten. Als Antwort auf eine Kritik Brentanos stellt Weber in seiner Protestantismusschrift in diesem Sinne fest, daß die mit der innerweltlichen Askese einhergehende „Rationalisierung und Disziplinierung“ durchaus als „Rationalisierung zu einer irrationalen Lebensführung“ verstanden werden könne. Irrational sei diese aber nicht „an sich“, sondern nur vom Standpunkt eines Hedonikers oder Eudemonisten aus. Auch die Tatsache das der Erwerb des Geldes als Selbstzweck im Gegensatz zum Erwerb „als Mittel zum Zweck der Befriedigung seiner [des Menschen, M. C.] materiellen Lebensbedürfnisse“ das „Leitmotiv des Kapitalismus“ darstellt könne sich „für das unbefangene Empfinden [als] schlechthin sinnlose Umkehrung des [...] ‘natürlichen’ Sachverhalts“ darstellen, es ist nach Weber dennoch nicht an sich irrational; RS I, S. 35, Anm. 1; S. 35 f. Daß Weber selbst keineswegs das Glück als normativen Maßstab vertrat, sondern eine solche Haltung - zumindest für politisches Handeln - ganz im Geiste Nietzsches als „unsäglich spießbürgerliche Erweichung des Gemüts“ verstand, sei nur am Rande bemerkt; GPS, S. 24.

[61] Das entscheidende Kriterium zur Bewertung der Ordnung der gesellschaftlichen Beziehungen, so heißt es etwa in Webers Wertfreiheitssaufsatz, ist die Frage, „welchem menschlichen Typus sie [...] die optimalen Chancen gibt, zum herrschenden zu werden.“ WL, S. 517. Vgl. W. Hennis, Max Webers Fragestellung. Studien zur Biographie des Werks, Tübingen 1987.

[62] M. Weber, Gesammelte Aufsätze zur Soziologie und Sozialpolitik, herausgegeben von Marianne Weber, 2. Aufl., Tübingen 1988, S. 413.

[63] GK, S. 111.

[64] GK, S. 105.

[65] GK, S. 101.

[66] GK, S. 112.

[67] Die kritische Position Lukács’ gegenüber dieser „kontemplativen Haltung“ wird deutlich, wenn er als Gegenpol hierzu einen emphatischen Begriff des Handelns, „als Veränderns der Wirklichkeit, als Gerichtetsein auf das qualitativ Wesentliche, auf das materielle Substrat des Handelns“ vertritt; GK, S. 143.

[68] GK, S. 110.

[69] GK, S. 149.

[70] GK, S. 111. Am groteskesten zeigt sich diese Vertiefung der Verdinglichung, diese „kontemplative Attitude“ zu dem Funktionie- ren seiner versachlichten Fähigkeiten, nach Lukács im Journalismus, wo „gerade die Subjektivität selbst, das Wissen, das Tempe- rament, die Ausdrucksfähigkeit zu einem abstrakten, sowohl von der Persönlichkeit des ‘Besitzers’ wie von dem materiell- konkreten Wesen der behandelten Gegenstände unabhängigen und eigengesetzlich in Gang gebrachten Mechanismus wird“; Ebenda.

[71] GK, S. 182. Vgl. S. 165: Im Proletariat äußert sich die Verdinglichung am „prägnantesten und penetrantesten, die tiefste Entmenschlichung hervorbringend“.

[72] GK, S. 185.

[73] GK, S. 164.

[74] Löwith, Max Weber und Karl Marx, in: Ders., Sämtliche Schriften, Bd. 5, Stuttgart 1988, S. 324-407; hier: S. 331; Im Original kursiv. Zum Verhältnis von Weber zu Marx vgl.: W. J. Mommsen, Kapitalismus und Sozialismus. Die Auseinandersetzung mit Karl Marx, in: Ders., Max Weber. Gesellschaft, Politik und Geschichte, 2. Aufl., Frankfurt a. M., S. 144-181.

[75] Mit der Betonung des „subjektiven Faktors“ nimmt Lukács dabei eine Gegenposition zu jeder mechanistischen bzw. evolutionistischen Vorstellung des Geschichtsverlaufs, wie sie insbesondere durch Karl Kautsky repräsentiert, aber auch schon bei Friedrich Engels zu finden ist, ein. So heißt es am Ende des Verdinglichungsaufsatz, daß die „objektive Wirtschaftsentwicklung“ dem Proletariat „nur die Möglichkeit und die Notwendigkeit zur Verwandlung der Gesellschaft in die Hand zu geben“ vermöge. „Diese Verwandlung selbst kann aber nur die - freie - Tat des Proletariats selbst sein.“ (GK, S. 228) Lukács’ Revolutionsvorstellung kann daher auch ihr mögliches Scheitern denken; vgl. GK, S. 216.

[76] Vgl. Löwith, S. 332.

[77] WL, S. 600 f.

[78] Vgl. GK, S. 135, 143. Dieses „verdinglichte Denken“ versucht Lukács in der modernen Ökonomie, in der Rechtswissenschaft, in der neuzeitlichen Philosophie, sowie in evolutionistischen Deutungen des Marxismus (etwa bei Karl Kautsky) nachzuweisen; Siehe: Abschnitt II des Verdinglichungsaufsatzes:Die Antinomien des bürgerlichen Denkens, S. 122 ff. In seiner Kritik der „klassischen Philosophie“ greift Lukács dabei die Marxsche Kritik an Hegel auf, wenn er schreibt, daß sie nur „darauf ausgeht, die bürgerliche Gesellschaft gedanklich zu überwinden“; GK, S. 164.

[79] Zur Kritik an Lukács Konzeption einer ‘Philosophie der Praxis’ und seiner ergänzenden Klassenbewußtseinstheorie siehe: Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns Bd. I, S. 486 f.: „Lukács begeht [...] den entscheidenden Fehler, daß er jenes »Praktischwerden« [der Philosophie; M. C.] wiederum theoretisch einholt und als revolutionäre Verwirklichung der Philosophievorstellt. Darum muß er der Theorie noch mehr Leistungen zutrauen, als sogar die Metaphysik für sich reklamiert hatte. Nun muß nämlich die Philosophie nicht nur des Gedankens der Totalität [...] mächtig sein, sondern auch noch des weltgeschichtlichen Prozesses, der geschichtlichen Entfaltung dieser Totalität durch die selbstbewußte Praxis derer, die sich durch Philosophie über ihre aktive Rolle im Selbstverwirklichungsprozeß der Vernunft aufklären lassen.“

[80] GK, S. 106.

[81] Die mit der Intellektualisierung einhergehende „Entzauberung der Welt“ wird bei Weber zum „Schicksal der Kultur“, die Büro- kratisierung zur „unentfliehbaren Macht“ und der moderne Kapitalismus zur „schicksalsvollsten Macht des modernen Lebens;“ WL, S. 605; GPS, S. 333, RS I, S. 4.

[82] RS I, S. 203.

[83] RS I, S. 204.

[84] GPS, S. 332.

[85] Deutlich wird diese Auffassung etwa, wenn Weber an die Feststellung, daß die moderne Gesellschaft auf „technisch verbesser- ter, rationalisierter also noch weit stärker mechanisierter Grundlage“ dem Beispiel des antiken Ägyptens folgt, anschließt: „Die Frage, die uns beschäftigt, ist nun nicht: Wie kann man an dieser Entwicklung etwas ändern? - Denn das kann man nicht. Son- dern: Was folgt aus ihr?“ Die zentrale Frage der Gegenwart sei, so Weber, „was wir dieser Maschine entgegenzusetzen haben, um einen Rest des Menschentums freizuhalten von diese Parzellierung der Seele, von dieser Alleinherrschaft bureaukratischer Lebensideale“; SSP, S. 414.

[86] GPS, S. 263; Vgl. WL, S. 159.

[87] Vgl. zum Zusammenhang zwischen Berechenbarkeit und technischer Überlegenheit in Bezug auf die Bürokratie: WG, S. 128.

[88] Vgl. GPS, S. 353 f.

[89] SSP, S. 508.

[90] Vgl. GK, S. 236 f. Der „Schein dieser Selbständigkeit“ ist für den historischen Materialisten Lukács kein wissenschaftlicher Irrtum, sondern in der gesellschaftlichen Struktur des Kapitalismus begründet.

[91] GK, S. 211: „Das Individuum kann niemals zum Maß der Dinge werden, denn das Individuum steht der objektiven Wirklichkeit notwendig als einem Komplex von starren Dingen gegenüber, die es fertig und unverändert vorfindet, denen gegenüber es nur zum subjektiven Urteil der Anerkennung oder Ablehnung gelangen kann. Nur die Klasse [...] vermag sich praktisch umwälzend auf die Totalität der Wirklichkeit zu beziehen.“

[92] Vgl. hierzu: Marco Clausen, Ausbruch aus dem ‘stählernen Gehäuse’? Die Verbindung von kulturkritischem und politischen Denken in Max Webers Begriff des charismatischen Führers, in: www/hausarbeiten.de

[93] WL, S. 594.

[94] WL, S. 603; Vgl. S. 154.

[95] J. Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns, Bd. 1, S. 475.

[96] Für Weber vgl. SSP, S. 413.

[97] GK, S. 36. Dezidiert wendet sich Weber gegen die Vorstellung aus geschichtlichen Tendenzen Handlungsimperative deduzie- ren zu können: „Der Glaube ist noch immer verbreitet, daß man Weisungen für praktische Wertungen aus ‘Entwicklungstenden- zen’ ableiten solle, müsse oder doch: könne. Allein aus noch so eindeutigen ‘Entwicklungstendenzen’ sind eindeutige Imperative des Handelns doch nur bezüglich der voraussichtlich geeignetesten Mittel bei gegebener Stellungnahme , nicht aber bezüglich jener Stellungnahme selbst zu gewinnen“; WL, S. 512. Und entsprechend seiner Einschätzung, daß in der Moderne „alle ökono- mischen Wetterzeichen [...] nach Richtung zunehmender ‘Unfreiheit’“ wiesen, glaubt Weber, daß wer in dieser Gegenwart „Wetter- fahne einer ‘Entwicklungstendenz’ sein will“, die „altmodischen Ideale“ von Individualismus, Freiheit und Demokratie aufgeben müsse; GPS, S. 63 f. Insofern Lukács zwar gegenüber evolutionistischen Vorstellungen einen gebrochen Fortschrittbegriff vertritt, dennoch aber grund- sätzlich an einem Gerichtetsein des Geschichtsverlaufes festhält, erstreckt sich auch auf ihn Webers, allgemein am Gedanken des Fortschritts geübte Kritik: „Der ‘Fortschritts’-Gedanke stellt sich eben erst dann als notwendig ein, wenn das Bedürfnis entsteht, dem religiös entleerten Ablauf des Menschenschicksals einen diesseitigen und dennoch objektiven ‘Sinn’ zu verleihen.“ WL, S. 33, Anm. 2.

[98] M. Vajda, Die Krise der Kulturkritik. Fallstudien zu Heidegger, Lukács und anderen, Wien 1996, S. 121.

[99] GK, S. 194.

Details

Seiten
27
Jahr
1999
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v95870
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Schlagworte
Rationalisierung Entfremdung Rezeption Weber Marx Georg Lukács` Verdinglichungstheorie Seminar Karl Philosophie Theorie Leitung Ernst Müller

Autor

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Titel: "Rationalisierung" und "Entfremdung". Die Rezeption von Weber und Marx in Georg Lukács` Verdinglichungstheorie