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GÖTTINGEN - Ein historischer Stadtrundgang

Referat (Ausarbeitung) 1999 12 Seiten

Medizin - Geschichte

Leseprobe

INHALT

1 ABRISS DER STADTGESCHICHTE GÖTTINGENS

2 KURZER ÜBERBLICK ÜBER DIE GESCHICHTE DER GEORG - AUGUST - UNIVERSITÄT

3 LAGEVERZEICHNIS EINIGER NICHT MEHR ERHALTENER BAUDENKMÄLER

4 LITERATURVERZEICHNIS

1 ABRISS DER STADTGESCHICHTE GÖTTINGENS

Göttingen fand erstmalig 953 Erwähnung, freilich noch nicht als Stadt: Als Dorf bzw. Villa Gutingi wird es neben sieben weiteren Örtlichkeiten in einer Schenkungsurkunde von König Otto I. (ab 936 König, von 962-973 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches) an das von ihm gegründete Moritzkloster in Magdeburg aufgeführt.

Im 11. Jahrhundert wurde Göttingen Eigentum der Welfen, also zu jener Zeit Heinrichs des Löwen (um 1129 - 1195). Südlich der Dorfgrenze entstand am günstigen Leineübergang eine Kaufmannssiedlung. Um 1200 wurde diese Marksiedlung "Gudingen" genannt; sie erhielt vermutlich um 1212 städtische Privilegien, was urkundlich leider nicht belegt werden kann.

Um 1250 wurde die Stadt in Urkunden unter den Name "Gotingen" oder "Gottingen" erwähnt.[1] In jener Zeit wurde sie auch von einer ersten Befestigung umgeben. Im Verlaufe des 13. und 14 Jh. konnte der Stadtrat Göttingens den verschiedenen welfischen Landesherren vor allem ob ihres chronischen Geldmangels verschiedene Rechte abkaufen oder als Pfand erzwingen. Albrecht der Feiste gründetete als Maßnahme gegen den Machtzuwachs der Stadt direkt vor ihren Toren um 1290 auf dem ihm eigenen Grundbesitz seine Neustadt.[2] Um die Ausbreitung dieser zu beschneiden, wurde vom Rat der Altstadt 1293 auf der Ecke Geiststraße/Groner Tor Straße das Hospital St. Spiritus erbaut, dessen letzte noch aus dem 18. Jahrhundert erhaltenen Gebäude unter anderem dem heutigen Parkhaus weichen mußten.

Doch bereits sein Sohn, Otto der Milde, mußte diese Neustadt 1319 der Altstalt verkaufen. Doch einen Teil des Areals überließ er dem Deutschen Orden: dieser errichtete 1318 eine Hofanlage, von der noch ein Teil (Groner Tor Straße 30) erhalten geblieben ist, und östlich davon die Marienkirche.[3] Göttingen entwickelte sich in der Folgezeit zu einem überregional wichtigen Handelszentrum und wurde 1351 Mitglied der Hanse, der sie bis 1571 zugehörig blieb, wobei das Göttinger Hauptprodukt qualitativ hochwertige Tuche waren.[4]

Nach einer erweiterten Neubefestigung der Stadt im Jahre 1362 kam es in den Jahren 1447/48 bis 1453/54 zu einer erneuten Verstärkung der Wallanlage. Das "Bismarckhäuschen", ist ein aus dieser Zeit erhaltenes Bollwerk (erbaut 1447), welches später für Wohnzwecke genutzt wurde und in dem Bismarck in seiner Studienzeit lebte. Das Leprosenheim St. Bartholomäus, welches 1311 erstmals Erwähnung fand, wurde im Zuge dieser Befestigungsmaßnahmen geschlossen und abgerissen. Die dazugehörige Kapelle fiel 1545 einer erneuten Modernisierung dieser Wallanlage zum Opfer.[5]

Ab dem 16. Jahrhundert verlor Göttingen zunehmend seine Bedeutung.[6] Die Stadt hatte sich dem "schmalkaldischem Bund" angeschlossen, der von protestantischen Fürsten und einigen Reichs- städten am 27. Februar 1531 in Schmalkalden (Thüringen) zur Verteidigung des Protestantismus gegen die drohende Reichsexekution gegründet wurde. Mitglieder waren u. a. Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen, Landgraf Philipp von Hessen, die Herzöge Philipp von Braunschweig- Grubenhagen und Ernst von Braunschweig-Lüneburg sowie elf Reichsstädte. Die "Verfassung der eilenden Hilfe und Gegenwehr“, die sich der Bund 1533 gab, bestimmte den Kurfürsten von Sachsen und den Landgrafen von Hessen zu seinen Bundeshauptleuten und Befehlshabern der Truppen des Bundes für den Fall, daß der Protestantismus mit Waffen verteidigt werden müßte. Der Schmalkaldische Bund versammelte die antihabsburgischen Kräfte im Reich und entwickelte sich zu einem entscheidenden Machtfaktor, mit dem europäische Mächte, Papst und Kaiser in Verhand- lungen traten. Dem Bund gelang es 1534, den protestantischen Herzog Ulrich von Württemberg in sein Land zurückzuführen und wieder in sein Amt einzusetzten. Allerdings wurde der Bund bald durch Uneinigkeiten in den eigenen Reihen geschwächt.[7] Nachdem Kaiser Karl V. die Führer des Bundes, den Landgrafen Philipp von Hessen und den Kurfürsten Johann Friedrich I. von Sachsen, mit der Reichsacht belegt hattte und - u. a. durch das Versprechen der sächsischen Kurwürde - den protestantischen Herzog Moritz von Sachsen auf seine Seite gezogen hatte, suchte er die militärische Lösung in der Auseinandersetzung mit dem Protestantismus (Gegenreformation). Das zahlenmäßig überlegene schmalkaldische Bundesheer nutzte seine anfänglichen Vorteile nicht zu einer frühen Entscheidungsschlacht, sondern überließ den kaiserlichen Truppen die Initiative. Der Sieg der Kaiserlichen in der Schlacht bei Mühlberg an der Elbe (24. April 1547) wurde durch die Ge- fangennahme Kurfürst Johann Friedrichs I. von Sachsen und die Unterwerfung Philipps von Hessen besiegelt. Auf dem in Augsburg tagenden Reichstag diktierte Karl V. eine Zwischenlösung, die bis zu einer abschließenden Regelung auf einem Konzil gelten sollte: Als einzige Zugeständnisse an die Reformation wurden den Protestanten im Augsburger Interim vom 15. Mai 1548 nur noch die Priesterehe und der Laienkelch gestattet. Die Durchführung des Augsburger Interims scheiterte jedoch. Der Augsburger Religionsfriede von 1555 schrieb dann die gegenseitige Toleranz von Lutheranern und Katholiken fest.[8]

Göttingen mußte in Folge der Niederlage Geldbußen in unerschwinglicher Höhe an das Reich zahlen, was beinahe zum völligen wirtschaftlichen Zusammenbruch der Stadt führte.[9] Im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) fiel Göttingen einer großen Zerstörung anheim. Letztlich waren nahezu die Hälfte aller Wohnhäuser zerstört, verfallen oder verlassen.

Ein Wiederaufbau, geschweige denn ein weiterer Ausbau, waren aufgrund der Altschuldenlast sowie neuer Steuerforderung des Landesherren, gänzlich undenkbar. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde diese Steuerlast zur Förderung einer wirtschaftlichen Wiederbelebung reduziert. Aber erst die Universitätsgründung im Jahre 1734 gab der Stadt Göttingen neuen Aufschwung: 1735 wurde die Straßenbeleuchtung eingeführt. Bald darauf wurde auch mit dem Ausbau der Stadt begonnen, sowohl Universitätsgebäude als auch eine Reihe von Wohnhäusern entstanden.[10]

2 KURZER ÜBERBLICK ÜBER DIE GESCHICHTE DER GEORG - AUGUST - UNIVERSITÄT

Nomineller Gründer der Universität Göttingen war Georg II., (1683-1760), König von Großbritannien und Irland (1727-1760) und als Georg II. August Kurfürst von Hannover (1727-1760). Der Stifter, der seiner Gründung im Jahre 1734 den Namen Georgia Augusta verlieh und sich und seinen Nachfolgern das Rektorat vorbehielt, betraute mit der Gründung und dem Kuratorium der Universität einen seiner Geheimräte, den späteren Premierminister (1765) Gerlach Adolph von Münchhausen (1668-1770). Münchhausen hatte an der preußischen Universität Halle studiert[11], die erst wenige Jahrzehnte zuvor, 1694, ebenfalls bereits im Zeitalter der Aufklärung gegründet worden war.[12] Die bis dahin traditionsverhafteten Universitäten waren gekennzeichnet durch einen überein- stimmenden Aufbau: An der sogenannten "Artisten-Fakultät", (dessen Nachfolge später die Philoso- phische antrat,) absolvierte jeder Student zunächst ein Elementarstudium, in dem die Basisbegriffe geistigen Arbeitens, der Umgang mit der Sprache und der Logik vermittelt wurden. Nur wenige setzten ihr Studium anschließend an einer der "höheren Fakultäten" fort. In der Hierarchie dieser überall vorhandenen drei höheren Fakultäten stand die Theologie an erster Stelle;[13] ihr oblag auch das Recht, alles zu zensieren, was die Professoren der Universität zu publizieren gedachten.[14] Dieser folgten die Juristische Fakultät und schließlich die Medizinische.[15] (Diese Reihenfolge findet sich im Grundgerüst bis heute auch in unserem Vorlesungsverzeichnis der CAU wieder.). Als seine Aufgabe betrachte das traditionelle Universitätssystem die Vermittlung von Wissen aus altbewährten, über- lieferten Schriften, nicht hingegen aber, Neues zu erforschen.[16] Münchhausen setzte auf das Vorbild Halles gegen diese autoritätsgläubige Schultradition der alten Universitäten. An der Universität in Halle wurden z.B. erstmalig Vorlesungen nicht mehr in lateinischer sondern in deutscher Sprache gehalten.[17] So beseitigte er die "Theologen-Zensur" und gab damit den Professoren die Freiheit in Lehre, Publikation und letztlich auch in der Forschung. Er versuchte, die besten Professoren anzuwerben, wobei es ihm aber gleichsam wichtig erschien, daß diese frei waren von "dogmatischem Eifertum"[18] Auch die Schaffung von Lebensumständen[19], mit denen nicht nur diese zufrieden sein sollten, sondern auch die anvisierten vornehmen und zahlungskräftigen Studenten, wurde bedacht. So wurde als größtes und repräsentativstes Hochschulgebäude 1734/35 in der Weender Straße ein Reitstall mit Reitbahn errichtet. Es wurde 1969 zugunsten eines Hertiekaufhauses abgerissen; das Portal des Reitstalls allerdings wurde zwischen Parkplatz und Mensa an der Weender Landstraße aufgestellt.

Bald darauf, in den Jahren 1740/41 wurde auch ein Fechtboden in der Goetheallee erbaut. Auch dieser wurde 1975 vernichtet, und ist also nicht zu verwechseln mit der um 1900 in der Nähe, nämlich in der Geiststraße im Fachwerkstil entstandenen Fecht- und Turnhalle.[20]

Die Schaffung einer reichhaltigen Bibliothek beinhaltete das Novum, daß sie nicht mehr nur dem Lehrkörper zugänglich war, sondern nun auch, ein Empfehlungsschreiben eines Professors vorausgesetzt, den Studierenden.[21] Sie wurde eingerichtet im ehemaligen Paulinerkloster: Dieses wurde auf Veranlassung von Albrecht dem Feisten 1294 von Dominikanern erbaut. 1530 wurde die Pauliner Kirche für den protestantischen Gottesdienst bestimmt, und nachdem die Mönche ein Jahr darauf der Stadt entflohen, wurde darin ein Pädagogium etabliert und die Kirche als Zeughaus verwandt. Mit der Universitätsgründung wurde die Kirche bis zur Weihe der Nikolaikirche im Jahre 1821 zur Universitätskirche, nach vorherigem Ausbau, als Vorgängerin genutzt. Anschließend sollte sie eigentlich abgerissen werden, um ob Raumnot der Bibliothek Bauplatz für ein neues Gebäude zu schaffen. Schließlich beließ man sie aber, sie wurde nach Einziehen einer Zwischendecke selbst zur Bibliothekserweiterung. Auch das 1734-37 auf den Grundmauern der Klostergebäude errichtete Kollegienhaus wurde nach Bau der Aula 1837 am Wilhelmsplatz als Bibliothek verwandt, welche 1878-80 und auch 1903 durch die neueren Flügel erweitert wurde. Der gesamte Bereich wurde im zweiten Weltkrieg beträchtlich zerstört und erst nach 1953 wieder hergestellt. Von der inneren Gestaltung ist nichts mehr erhalten geblieben. Die erneute Ziehung einer Zwischendecke in der Kirche erfolgte nun aus statischen Gründen.[22], [23]

Auch die Regierung zeigte sich besorgt um die Lebensverhältnisse der neuen akademischen Stadt- bevölkerung und initiierte neben der heute noch bestehenden Niederlassung der Weinhandlung Bremer auch die einer Buchhandlung, aus der der Verlag Vandenhoeck & Ruprecht erwuchs.[24] 1936, also bereits ein Jahr vor der offiziellen Eröffnung der Universität, wurde Albrecht von Haller (1708-1777) als Professor der Medizin, Chirurgie, Anatomie und Botanik berufen. Für ihn wurde zwei Jahre darauf der Botanische Garten angelegt und darin im vorderen Bereich 1740 sein Wohnhaus errichtet, indem auch die erste Anatomie untergebracht war.[25], [26] Von dieser ursprünglichen Anlage ist leider nichts erhalten geblieben, das Wohnhaus mußte 1953 dem Neubau der Botanischen Anstalten weichen. Bereits um1790 wurde der Botanische Garten über den Wall hinaus vergrößert, nachdem ab 1774 mit der Entfestigung der Stadt begonnen worden war. Bestehen geblieben aus von Hallers Zeit hingegen ist die auf seinen Wunsch 1752/53 errichtete Reformierte Kirche in der Unteren Karspüle.[27]

1751 wurde die Sozietät der Wissenschaften, die spätere Akademie, gegründet[28], woran Haller ebenso führend beteiligt war wie an dem Verfassen von Rezensionen für die "Göttingischen Zeitungen von Gelehrten Sachen", die seit 1739 erscheinend in kurzen Anzeigen über möglichst alle Neuerscheinungen informierten. Später wurden sie von der Akademie übernommen und sind seither als "Göttingische Gelehrte Anzeigen" die heute älteste wissenschaftliche Zeitschrift in Deutschland.[29]

Die Studenten des 18. Jahrhunderts trafen in Göttingen auf eine Reihe von weiteren bis heute namhaften Professoren: So z.B. auf den Staatsrechtslehrer Johann Stephan Pütter (1725-1807), auf den Physiker und Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) oder auf den Historiker August Ludwig von Schlözer (1735-1809).[30] Zur damaligen Zeit hielten die Professoren ihre Vorlesungen noch in ihren eigenen Wohnhäusern ab und die Studenten mußten "Hörergeld" bezahlen. Da das reguläre Gehalt der Professoren nicht sonderlich hoch war, hatte also das Vorlesungshonorar je nach Lehrerfolgen oder auch -mißerfolgen entscheidende finanzielle Konsequenzen.[31]

1791 wurde der Neubau des Acchouchirhaus in der Kurzen Geismarer Straße vollendet. Vom aufgeklärten Rationalismus geprägt wurde bereits bei der Planung der Göttinger Universität die Erbauung eines akademischen Krankenhauses in Erwägung gezogen. Jedoch erst Albrecht von Haller griff 1751diese Idee wieder auf und setzte sich für die Einrichtung eines "Accouchierhause" ein. Obgleich er sein in Tübingen begonnenes Medizinstudium in Leiden fortsetzte, welches er ebendort 1727 mit der Promotion zum Doktor der Medizin abschloß, wich er in seinen Vorstellungen vom Vorbild seines Lehrers Boerhave hierin ab und schlug als Musterbeispiel die Entbindungszimmer im Bürgerhospital in Straßburg vor, welche er ebenfalls kennengelernt hatte.[32] (Fraglos aber bleibt der Einfluß seines Lehrers Hermann Boerhaave (1668-1738) in der Erkenntnis um die Bedeutsamkeit einer Verbindung von Theorie und Praxis am Krankenbett, und zwar nicht nur für jeweils einen Famulus bei Hausbesuchen, sondern in der Vielfalt der sich bietenden Möglichkeiten eines anschaulichen Unterrichtes in einem Hospital.) Auf Betreiben von Haller wurde Georg Roederer 1751 zum ersten Dozenten für Geburtshilfe und Professor „medicinae extraordinario" an der Georg-August- Universität zu Göttingen berufen. Nach seiner medizinischen Ausbildung in Leiden, Paris und London war er bis zu seiner Berufung als Schüler Johann Jakob Frieds in der 1728 gegründeten Hebammenschule im französischen Straßburg tätig. Die räumlichen Verhältnisse seines Acchour- Hospitals waren jedoch äußerst bescheiden: Als solches diente ihm ein Gebäude des Hospitals St. Crucis.[33] Dieses als Stiftung eines reichen Göttinger Bürgers 1381 errichtete Hospital zur Pflege armer, kranker Bürger, bis sie wieder "gangheil" seien[34], war zwar immer noch Armenhospital, mittlerweile aber bereits recht baufällig. Die ganze Klinik bestand aus zwei Zimmern, einem für die Kreißende und einem für den Hauswart und seine Frau., und war ganz der Ausbildung von Hebammen und Studenten vorbehalten. Roederers verschiedene Publikationen wurden in mehrere Sprachen übersetzt und führten neben seinem klinisch-praktischen Wirken zu einer internationalen Reputation, welche u. a. in die Ernennung zum Mitglied der „Academie des chirurgiens" in Paris und zum Leibmedicus des englischen Königs mündeten. Während einer Reise nach Paris starb Roederer am 4. April 1763 im Alter von nur 37 Jahren. Zu Roederers Nachfolger wurde sein Schüler Heinrich August Wrisberg (1753—1758) berufen, der seine Amtszeit in den gleichen beengten räumlichen Verhältnissen verbrachte. Der bereits von Roederer gehegte Wunsch nach einem Neubau eine Accouchirhauses konnte also erst im März 1791 unter Johann Heinrich Fischer (1785-1792) verwirklicht werden. Er selbst wirkte jedoch nur kurz in dem neuen Gebäude und verließ Göttingen 1792 um Leibarzt des Fürsten zu Nassau-Weilberg zu werden. Mit Friedrich Benjamin Osiander (1792-1822) übernahm ein praktischer Arzt den Lehrstuhl für Geburtshilfe und die Leitung des Acchouchier-Hospitals. Im Gegensatz zur konservativen, noch von Roederer mit großer Kenntnis und Einfühlungsvermögen praktizierten Geburtshilfe, machte sich Osiander durch den extrem häufigen Gebrauch geburtshilflich-vaginaler Operationen einen Namen. Die von ihm weit gefaßte Indikations- stellung für die Entbindung mit der Zange führten zur Entwicklung eines eigenen Instrumentes in zwei verschiedenen Größen. Sie fanden ihre Entsprechung in einem Anteil von 40 % Zangengeburten sowie weiteren 6 % Geburten mittels anderer Kunstgriffe wie Hebel, Wendung usw. bei insgesamt ca.

80 Geburten pro Jahr in Göttingen. Lediglich 54 % aller Entbindungen an der Osianderschen Klinik verliefen spontan. Im Vergleich hierzu lag die Zangenfrequenz in der mit ca. 1000 Geburten pro Jahr ungleich größeren Wiener Klinik bei 0,05 %! Osiander, der stets mit wissenschaftlicher Aufrichtigkeit auch die durch seine Operationen zertrümmerten Kinderschädel demonstrierte, scheint jedoch gegen Ende seiner Amtszeit von seinem extremen Standpunkt abgekommen zu sein, wenn er dies auch niemals öffentlich bekundet hatte. Die Gynäkologie nahm im klinischen und akademischen Wirken Osianders, trotz des ersten Versuches einer Portioamputation bei einem Karzinom im Jahre 1801, der jedoch wie auch die folgenden aufgrund von Blutungen und Infektionen keine befriedigenden Ergebnisse erbringen konnte, einen nur geringen Raum ein. Osiander starb 1822 nach dreißigjähriger erfolgreicher Tätigkeit als weithin berühmter, jedoch auch umstrittener Geburtshelfer. Während seiner Amtszeit hatten in der neu errichteten Göttinger Geburtsklinik 2540 Entbindungen stattgefunden.[35] Die Prioritätensetzung auf Forschung und Lehre verdeutlicht die Osiander zugeschriebene Bemerkung, daß die "schwangeren Subjekte als lebende Phantome" anzusehen seien. "Mit nichten ist das Entbindungshospital der Gebärenden wegen da."[36]

Nachdem im revolutionären Frankreich die Universitäten zugunsten von Fachschulen verbannt worden waren, drohte auch der Göttinger Universität Gefahr, nachdem die Stadt seit 1807 zum Königreich Wesphalen gehörte. Doch die "Universität für die Welt", wie der Kaiser selbst geäußert haben soll, wurde von Napoleon bestehen gelassen, während seinen Schließungsplänen im Königreich Westfalen (1806-1813) die Universitäten Helmstedt und Rinteln 1809 zum Opfer fielen. Allerdings wurden die Strukturen dem französischen Vorbild angepaßt: so entfiel unter anderem die akademische Gerichtsbarkeit und die Zensurfreiheit der Professoren, die zu Staatsbeamten wurden.[37] Trotzdem kam auch in dieser Zeit ein wesentlicher Universitätsbau hinzu: 1782 war die erste Universitätssternwarte provisorisch in einem verbliebenen Turm der Stadtmauer (zwischen Kurze- und Nikolaistraße) gegründet worden, genügte nun aber nicht mehr den wissenschaftlichen Anfor- derungen. So wurde von 1803 bis 1816 auf einem nach Nordosten hin ansteigenden Gelände an der Geismarer Landstraße die neue Sternwarte erbaut, wenn auch die Kriegswirren immer wieder für Unterbrechungen sorgen.[38] 1807 wurde der Mathematiker, Astronom und Physiker Carl Friedrich Gauß (1777-1855) als Professor für Mathematik und als Direktor des Observatoriums berufen, wobei er beide Positionen bis zu seinem Tode innehatte.

Die Gründung der Berliner Universität im Jahre 1810 durch den früheren Göttinger Studenten Wilhelm von Humboldt (1777-1835) ließ eine Konkurrenz entstehen, die sich auf Dauer als überlegen erwies[39], zumal die Georgia Augusta in eine schwere Krise geriet. Bereits nach der französischen Julirevolution 1830 kam es zu Unruhen in Göttingen und schließlich wurde von Studenten und Bürgern das Rathaus besetzt. Dieser Aufruhr wurde militärisch niedergeschlagen, die Universität kurzfristig ge- schlossen. Hatte die hannoversche Regierung nach dem Ende der Ära Napoleons bereits die universitäre Autonomie zugunsten des staatlichen Einflusses beschnitten, nutzte sie diesen Vorfall nun für weitere Einschränkungen. Diese trafen auf eine eine jüngere Professorengeneration, die sich in der Tradition der Universität auch der öffentlichen Verantwortung der akademischen Korporation verpflichtet fühlten. So führten Jahre hitziger Diskussionen letztlich zu dem berühmten Protest der Göttinger Sieben von 1837. Nach dem Tode König Wilhelms IV. setzte sein Nachfolger Ernst August von Hannover die 1833 in Kraft getretene hannoversche Verfassung wieder außer Kraft und entband die Professoren ihres Eides. Friedrich Christoph Dahlmann (1785-1840), Professor für Politik und Geschichte, die Germanisten Jacob (1785-1863) und Wilhelm (1786-1859) Grimm, der Physiker Wilhelm Weber (1804-1891), der Orientalist und Alttestamentler Heinrich Ewald (1803-1875), der Jurist Wilhelm Eduard Albrecht (1800-1876) sowie der Historiker und Literaturwissenschaftler Georg Gottfried Gervinus (1805-1871) verfaßten daraufhin ein Protestschreiben, daß sie diesen Vorgang als rechtswidrig ansehen und sich an den Eid weiterhin gebunden fühlen würden. Die Reaktion des Königs bestand in der Entlassung dieser Göttinger Sieben. Da der Wortlaut des Protestes auch nicht geheimgehalten worden war, wurden Dahlmann, Jacob Grimm und Gervinius wegen Verbreitung zudem des Landes verwiesen. Die Entlassung der Göttinger Sieben rückte die nun als politische Autoritäten angesehenen Professoren in das Blickfeld einer erwachenden und durch den Protest aufgerüttelten deutschen Öffentlichkeit, ließ die Universität aber zugleich geistig verarmen und Studenten verlieren.[40]

Im Jahre 1837 war auch das Universitätsjubiläum begangen worden. Anläßlich dessen stiftete König Wilhelm IV. das klassizistische Aulagebäude.[41] Mit dem Bau wurde 1835 begonnen, und zwar auf dem Gelände des einstigen Annenklosters. Dieses war 1508 eingerichtet, nach der Reformation geschlossenen und anschließend noch eine zeitlang von der Stadt genutzt worden. So war z.B. in der vormaligen Kapelle die Stadtwaage untergebracht. Direkt südlich angrenzend befand sich einst das Barfüßer-Kloster, welches 1268 von Franziskanern gegründet wurde und einen Großteil des Gebietes zwischen der Barfüßerstraße und der parallelen Roten Straße einnahm. Es wurde 1534 geschlossen und es ist ebenfalls nichts mehr von der Anlage erhalten geblieben.[42]

Bald nach 1837 wurden die vorhergegangenen Autonomieeinschrängungen wieder zurückgenommen und obwohl der welfische Staat wirtschaftlich nicht gerade blühte, wurden einige weitere Universitätsgebäude errichtet:[43] So baute man in den Jahren 1846-1850 in der Geiststraße die Ernst- August-Klinik.[44] 1865 erfolgte die Einweihung des Auditorium Maximums in der Weender Straße mit seinen nötig gewordenen Hörsälen, wobei es 1901/03 noch eine Erweiterung durch den Anbau des rückwärtigen Traktes erfuhr.[45]

Obwohl die preußische Annexion von 1866 die welfische Landesuniversität in eine Provinzuniversität verwandelte, wurde ihr weiterer Ausbau dennoch sehr gefördert. So wurde z.B. 1873 in der Geiststraße die Augenklinik errichtet, 1873-1877 das naturhistorische Museum an der Berliner Straße südlich des Bahnhofs, seit 1889 die Klinikbauten zwischen Goßlerstraße und Humboldtallee und 1912 das Seminargebäude am Nikolausberger Weg.[46]

Frauen wurden zu einem regulären Studium, wie es für alle preußischen Universitäten galt, erst ab 1908 zugelassen; zuvor mußten sie sich mit der Gasthörerschaft abfinden.[47]

3 LAGEVERZEICHNIS EINIGER NICHT MEHR ERHALTENER BAUDENKMÄLER

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4 LITERATURVERZEICHNIS

Bookmann, Hartmut: Göttingen. Vergangenheit und Gegenwart einer europäischen Universität, Göttingen 1997

Deppe, A., Jäger, R., Troe, H.: Das tausendjährige Göttingen. Ursprung und Entwicklung im Spiegel seiner Straßen und Bauten (Beiträge zur Heimatkunde Niedersachsens, Heft 4), Göttingen 1953

dtv-Lexikon. Ein Konversationslexikon in 20 Bänden, München 1969

"Geschichte der Universitäts-Frauenklinik Göttingen" im Internet: www.GWDG.DE/~ukfh/geschichte.htm [Stand: 09.07.1999]

Jetter, Dieter: Geschichte des Hospitals. Westdeutschland von den Anfängen bis 1850. Bd. 1, Wiesbaden 1966

Microsoft® Encarta® 99 Enzyklopädie. © 1993-1998 Microsoft Corporation. (CD-ROM)

Murken, Axel Hinrich: Von den ersten Hospitälern bis zum modernen Krankenhaus. Die Geschichte der Medizin und ihrer Institutionen vom frühen Mittelalter bis zur Neuzeit unter besonderer Berücksichtigung Niedersachsens, in: Meckseper, Cord (Hg), Stadt im Wandel. Kunst und Kultur des Bürgertums in Nord-deutschland 1150-1650. Ausstellungskatalog Bd. 4, Stuttgart 1985, S.189-222

Rüttgerodt-Riechmann, Ilse: Stadt Göttingen (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Baudenkmale in Niedersachsen, Bd. 5.1), Braunschweig 1982

[...]


[1] Vgl. Deppe, A., Jäger, R., Troe, H.: Das tausendjährige Göttingen. Ursprung und Entwicklung im Spiegel seiner Straßen und Bauten (Beiträge zur Heimatkunde Niedersachsens, Heft 4), Göttingen 1953, S. 5 ff.

[2] Vgl. Rüttgerodt-Riechmann, Ilse: Stadt Göttingen (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Baudenkmale in Niedersachsen, Bd. 5.1), Braunschweig 1982, S. 10

[3] Vgl. ibidem, S. 52 f.

[4] Vgl. ibidem, S. 10

[5] Vgl. ibidem, S. 25 f.

[6] Vgl. Deppe, A., Jäger, R., Troe, H.: Das tausendjährige Göttingen. S. 18

[7] Vgl. "Schmalkaldischer Bund", Microsoft® Encarta® 99 Enzyklopädie. © 1993-1998 Microsoft Corporation.

[8] Vgl. "Schmalkaldischer Krieg", Microsoft® Encarta® 99 Enzyklopädie . © 1993-1998 Microsoft Corporation.

[9] Vgl. Deppe, A., Jäger, R., Troe, H.: Das tausendjährige Göttingen. S. 18

[10] Vgl. ibidem, S. 19

[11] Vgl. Bookmann, Hartmut: Göttingen. Vergangenheit und Gegenwart einer europäischen Universität, Göttingen 1997, S. 18 ff.

[12] Vgl. ibidem, S. 17

[13] Vgl. ibidem, S. 12 f.

[14] Vgl. ibidem, S. 18

[15] Vgl. ibidem, S. 13

[16] Vgl. ibidem, S. 16 f.

[17] Vgl. ibidem, S. 17

[18] Vgl. ibidem, S.24

[19] Vgl. ibidem, S. 20

[20] Vgl. Rüttgerodt-Riechmann, Ilse: Stadt Göttingen, S. 60

[21] Vgl. Bookmann, Hartmut: Göttingen, S. 27 f.

[22] Vgl. Rüttgerodt-Riechmann, Ilse: Stadt Göttingen, S. 55 ff.

[23] Vgl. Bookmann, Hartmut: Göttingen, S. 19

[24] Vgl. ibidem, S. 29

[25] Vgl. ibidem, S. 28

[26] Vgl. Rüttgerodt-Riechmann, Ilse: Stadt Göttingen, S. 10

[27] Vgl. ibidem, S. 45 f.

[28] Vgl. Bookmann, Hartmut: Göttingen., S. 20

[29] Vgl. ibidem, S. 28

[30] Vgl. Bookmann, Hartmut: Göttingen, S. 25

[31] Vgl. ibidem, S. 32

[32] Vgl. Jetter, Dieter: Geschichte des Hospitals. Westdeutschland von den Anfängen bis 1850. Bd. 1, Wiesbaden 1966, S. 142

[33] Vgl. "Geschichte der Universitäts-Frauenklinik Göttingen" im Internet: www.GWDG.DE/~ukfh/geschichte.htm [Stand: 09.07.1999]

[34] Murken, Axel Hinrich: Von den ersten Hospitälern bis zum modernen Krankenhaus. Die Geschichte der Medizin und ihrer Institutionen vom frühen Mittelalter bis zur Neuzeit unter besonderer Berücksichtigung Niedersachsens, in: Meckseper, Cord (Hg), Stadt im Wandel. Kunst und Kultur des Bürgertums in Nord- deutschland 1150-1650. Ausstellungskatalog Bd. 4, Stuttgart 1985, S.189-222, hier S. 194

[35] Vgl. "Geschichte der Universitäts-Frauenklinik Göttingen" im Internet: www.GWDG.DE/~ukfh/geschichte.htm [Stand: 09.07.1999]

[36] Birkenbach, zit. nach Jetter, Dieter: Geschichte des Hospitals. S. 142

[37] Vgl. Bookmann, Hartmut: Göttingen, S. 39 f.

[38] Vgl. Rüttgerodt-Riechmann, Ilse: Stadt Göttingen, S. 82 f.

[39] Vgl. Bookmann, Hartmut: Göttingen, S. 37 f..

[40] Vgl. ibidem, S. 40 ff..

[41] Vgl. ibidem, S. 44 f.

[42] Vgl. Rüttgerodt-Riechmann, Ilse: Stadt Göttingen, S. 42 f.

[43] Vgl. Bookmann, Hartmut: Göttingen, S. 49 f.

[44] Vgl. Rüttgerodt-Riechmann, Ilse: Stadt Göttingen, S. 60

[45] Vgl. ibidem, S. 64

[46] Vgl. Bookmann, Hartmut: Göttingen, S. 50

[47] Vgl. ibidem, S. 56

Details

Seiten
12
Jahr
1999
Dateigröße
696 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v95730
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
Schlagworte
GÖTTINGEN Stadtrundgang Medizingeschichte

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Titel: GÖTTINGEN - Ein historischer Stadtrundgang