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Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. WAS IST DIE MITTELSCHICHT
2.1 Zur Sozialen Schichtung
2.2 Das marxistische Paradigma
2.3 Ökonomische Veränderungen
2.3.1 Das Anwachsen des öffentlichen Sektors
2.3.2 Der industrielle Sektor und das Anwachsen der Dienstleistungen
2.4 Modifizierungen im marxistischen Paradigma nach Wright

3. WELCHE FUNKTION NIMMT DIE MITTELKLASSE EIN?

4. WELCHE VERÄNDERUNGSPROZESSE HABEN SICH IN DEN LETZTEN 30 JAHREN VOLLZOGEN
4.1 Westdeutschland
4.2 Großbritannien
4.3 USA
4.4 Zusammenfassender Vergleich

5. RESÜMEE

LITERATUR

1. Einleitung

Mit der Entwicklung wohlfahrtstaatlicher Instrumente im 20. Jahrhundert haben sich in Westeuropa sowie den USA Klassenunterschiede in subjektiver wie objektiver Hinsicht verändert. Breite Schichten der Gesellschaft besaßen nach 1945 in den frühindustrialisierten Gesellschaften durch den gestiegenen Verteilungsspielraum, den ein großer und langanhaltender wirtschaftlicher Aufschwung mit sich brachte, Chancen zum gesell- schaftlichen Aufstieg.

Folge dessen sei es gewesen, dass an die Stelle einer vertikal stark ausdifferenzierten und polarisierten Sozialstruktur durch eine allgemeine Hebung des Wohlstandsniveaus sich die Sozialstruktur dahingehend verändert habe, dass in ihrem Zentrum eine große, integrierende Mittelschicht stehe.

Seit Mitte der 70er Jahre kann wieder eine stärkere Auseinanderentwicklung und Polari- sierung beobachtet werden, mit der Folge, dass die Mittelschicht schrumpfte und ihre integrierende Wirkung nachgelassen haben müsste. Eine gleichzeitige Individualisierung von Lebenslagen verhinderte zugleich eine destabilisierende Polarisierung zwischen oben und unten.

In diesem Referat soll zunächst der Frage nachgegangen werden, welches eigentlich „die Mittelschicht“ sein soll und welche Funktion sie einnimmt für die Sozialstruktur. Ferner soll hinterfragt werden, welche Veränderungen es in den letzten 30 Jahren gegeben hat und welche Auswirkungen dies für diejenigen Gruppen hat, die einer Mittelschicht oder Mittelklasse zuzurechnen sind.

2. Was ist die Mittelschicht

2.1 Zur Sozialen Schichtung

Wenn von Schichtung oder Klassen die Rede ist, so wird eine Kategorisierung sozialer Ungleichheiten vorgenommen. Eine nach Barley (1978: 65) unverwechselbare „Allge- meinerscheinung“ der sozialen Organisation ist die soziale Schichtung. Darunter werden allgemein verschiedene Merkmale einer Struktur verstanden, die Rangunterschiede einer Gesellschaft festlegen.

Nach Schäfers (1990: 183) lassen sich folgende drei Einstellungs- bzw. Akzeptanz-Modelle bezüglich sozialer Schichtung differenzieren:

- Betrachtung der Ungleichheit nach aristotelischer oder sozialdarvinistischer Auffassung als naturgegeben oder gottgewollt, folglich unveränderlich.
- Akzeptanz der Ungleichheit unter der Prämisse der Chancengleichheit: Jeder Mensch hat die gleichen Chancen sich in etabliertere Positionen zu diversen Ressourcen zu bringen.
- Nichtakzeptanz sozialer Ungleichheit: Ungleichheit wird verstanden als Zustand der Ausbeutung und Unterdrückung. Letzteres geht zumeist einher mit dem Anstreben einer revolutionären Veränderung gesellschaftlicher Basisstrukturen.

Seit Beginn der Sozialstrukturanalyse sind die Kriterien der Gliederung der Gesellschaft umstritten. Ausgangspunkt soll hier zunächst das marxistische Paradigma und hieran sich mehr oder weniger stark orientierende neuere Konzepte sein.

2.2 Das marxistische Paradigma

Karl Marx nahm unter Betrachtung der sich entwickelnden bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts an, dass sich die Zugehörigkeit der Individuen zu einer Klasse allein über deren Stellung zu den Produktionsmitteln ergibt, hiervon ausgehend werden politischer Überbau, Ideologie und Bewusstsein geprägt. Die Gesellschaft sei dabei dichotom gegliedert, in eine Klasse der Besitzenden und eine der Nichtbesitzenden. Marx prognostizierte, dass mittlere Schichtungen zwischen der Klasse der Arbeiter und der Klasse der Kapitalisten sich mit der fortschreitenden Entwicklung des Kapitalismus auflösen würden und letztlich nur der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit übrig bliebe (vgl. Carter 1985: 55).

Marx‘ Bezugspunkt war die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts und zwar speziell die damalige britische Variante des Kapitalismus. Die Allgemeinheit seiner Analysen ist im Laufe der ökonomischen und politischen Entwicklung in Zweifel gezogen worden oder vor dem Hintergrund veränderter gesellschaftlicher Realitäten modifiziert worden. In den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts zeigte sich, dass sogenannte fortgeschrittene, also in den von der Industrialisierung früh erfassten, Gesellschaften andere Mittellagen ausbildeten, deren subjektive wie auch objektive Lage immer nur partiell etwas mit der einen oder der anderen Klasse gemein hat. In den Blickpunkt sind dabei vor allem diejenigen gerückt, die sich zwar nach ihrer Herkunft und ihrer Stellung zu den Produktionsverhältnissen eigentlich als Proletarier im Sinne Marx verstehen müssten, jedoch keineswegs ein entsprechendes Klassenbewusstsein an den Tag legen. In der deutschen Sozialstruktur zeichnete sich in den 50er und 60er Jahren ab, dass ein solcher Mittelstand eher eine wachsende denn eine schrumpfende Bedeutung zu haben scheint (vgl. Schelsky 1965: 354; Dahrendorf 1972: 83). Umstritten blieb dabei aber, ob diesen Mittelschichten nicht lediglich das „richtige“ Klassenbewusstsein fehle. Vor diesem Hintergrund wurde vielfach versucht, Mittelklassen entweder mehr oder weniger eigenständig zu analysieren oder diese einer der bekannten Klassenabgrenzungen zuzuordnen (Butler 1995: 26). Ehe eine Modifizierung des Ausgangsparadigmas vorgenommen wird, sollte ein Blick auf die ökonomischen Veränderungen seit der Zeit Marx‘ geworfen werden.

2.3 Ökonomische Veränderungen

2.3.1 Das Anwachsen des öffentlichen Sektors

Bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts prägen sich die Grundlagen einer öffentlichen Dienstleistungsgesellschaft aus. Staatliche Aufgaben, sei es im sozialen wie im administra- tiven Bereich, wuchsen, mithin wuchs die Zahl der Zivilbeschäftigten im öffentlichen Sektor (Carter/Fairbrother 1995: 134). Die so geschaffenen Berufe im öffentlichen Sektor nehmen dabei bereits in der ursprünglichen marxistischen Klassensichtweise eine Zwischenstellung zwischen Kapital und Arbeit ein, auf Grund der besonderen Stellung des Staates in der kapitalistischen Wirtschaftsweise und der Realisierung des Einkommens der im Staatswesen abhängig Beschäftigten aus einer Abschöpfung des Mehrwerts (Offe 1972: 174ff; Car- ter/Fairbrother 1995: 137).

Die Vielschichtigkeit der öffentlich organisierten Tätigkeiten jedoch macht es schwierig alleine deswegen schon von einer Mittelklassengesellschaft zu reden. An der Frage der Klassenzuordnung von Beschäftigten in diesem Bereich haben sich auch massive Konflikte bei den Parteien der politischen Linken in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt (Carter/Fairbrother 1995: 135). Sinnvoll scheint es zu differenzieren und zu untergliedern, einerseits in diejenigen, welche einer eher anleitenden Tätigkeit nachgehen, und andererseits in diejenigen, welche eher ausführend tätig sind (Carter/Fairbrother 1995: 138; Savage 1998: 26).

2.3.2 Der industrielle Sektor und das Anwachsen der Dienstleistungen

Neben dem sich ausdehnenden staatlichen Sektor entwickelt sich im Zuge steigender Produktivität und hiermit verbunden forcierter Arbeitsteilung eine Veränderung in der Produktionsweise. Neben manuellen Tätigkeiten („blue-collar wokers“) entsteht auch im pri- vaten Sektor eine Vielzahl von nichtmanuellen Tätigkeiten („white-collar workers). Einige dieser Berufe sind zwar der Stellung zu den Produktionsmitteln nach grundsätzlich als Arbeiter in das marxistische Paradigma einzuordnen, jedoch ist für einen Großteil dieser Beschäftigten (Manager) eine Nähe zur Kapitalistenklasse nicht zu leugnen (vgl. Wright 2000: 20f) und ferner stellt das Beschäftigungswachstum in nichtmanuellen, von hoher Qualifikation und Führungstätigkeiten geprägten Berufen („professionals“) das marxistische Paradigma allgemein in Zweifel (Mills 1995: 96). Gemein ist den Managern wie Professionals gleichermaßen, dass ihre konkrete Arbeit geprägt ist von einem hohen wechselseitigem Vertrauen zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber (Mills 1995: 97).

Goldthorpe ordnet in Anlehnung an Konzepte von Karl Renner und Ralf Dahrendorf beide Berufsgruppen einer „service-class“ zu, dabei lässt er offen, wohin diese Schicht sich ausdehnt, welche Erfahrungen sie mit manueller Arbeit hat und welche festen Kontakte zu den politisch relativ determinierten klassischen Schichten der Arbeiterschaft bestehen (vgl. Mills 1995: 97). Einen besonderen Blick auf diese beiden Bereiche zu werfen und diese auch von der „klassischen“ Arbeiterschicht isoliert zu betrachten, hat Zustimmung gefunden und ist in weitergehende Konzepte eingegangen. Die Einteilung von Managerberufen und hochqualifizierten Fachkräften in eine Klasse beziehungsweise eine Schichtung ist jedoch nicht unumstritten und als missglückt beziehungsweise unzureichend aufgefasst worden (Wright 2000: 25; Savage 1998: 26). Zieht man beispielsweise in Betracht, dass innerhalb der EU 1999 zwei Drittel aller Beschäftigten im öffentlichen Dienst oder in Unternehmen arbeiten, die schwerpunktmäßig Dienstleistungen erbringen (Mikrozensus 2001: 78), so scheint in Anbetracht der gewollten feineren Unterteilung und der massiven Einkommens- und Statusunterteilung der verschiedenen Dienstleistungsberufe, eine Zuordnung aller Dienstleistungsbeschäftigten zur Mittelklasse reichlich undifferenziert. Einwenden lässt sich dabei allgemein, dass sozialwissenschaftliche Klasseneinteilungen immer eine gewisse Ober- flächlichkeit haben und zum Teil nur bedingt sinnvoll sind (vgl. Mills 1995: 99). Freilich ist eine reine Einordnung nach Sektoren der Beschäftigung nun keine sinnvolle Unterteilung zur Analyse einer Klassengesellschaft, da ja innerhalb der einzelnen Sektoren erhebliche Unterschiede sowohl in der Außenbetrachtung wie beispielsweise Status als auch in der subjektiven Selbsteinstufung der hier Beschäftigten bestehen.

2.4 Modifizierungen im marxistischen Paradigma nach Wright

Im folgenden soll ein Blick auf die Schichtungsanalyse von Erik Olin Wright geworfen werden, der die Klassenanalyse von Marx einerseits aufgreift, andererseits jedoch die von Goldthorpe und anderen festgestellten widersprüchlichen Klassenlagen bestimmter Be- rufsgruppen kategorisieren will. Er unterteilt den Aufbau der Klassensystematisierung nicht nur nach der Stellung zu den Produktionsmitteln, sondern auch nach Autoritätsbeziehungen und Qualifikationsniveaus.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(nach Wright 2000: 25)

Die ihrer Stellung zu den Produktionsmitteln nach zur Arbeiterklasse gehörenden Manager und auch die als Experten bezeichneten Arbeiter befinden sich in der kapitalistischen Wirtschaftsweise in einer privilegierten Position, dies gilt sowohl für Verdienst als auch für das gesellschaftliche Ansehen oder die Art der Tätigkeit (Wright 2000: 20ff). Innerhalb der einzelnen Qualifikationsstufen muss jedoch nochmals nach der Machtstellung (Autoritätsstellung) genauso differenziert werden wie innerhalb einer Machtstufe nach den einzelnen Qualifikationsstufen zu unterscheiden ist.

Die Einteilung nach Wright analysiert keine Kriterien jenseits der arbeits- und berufsbe- zogenen Stellung der Betroffenen (Wright 2000: 530; Hradil 1999: 115; Newman 1988: 230). Differenzen zwischen objektiver Klassenlage und subjektiver Selbsteinschätzung sind daher nicht auszuschließen. Allerdings gilt, dass sich Einkommen und soziales Prestige ja auch nach Bildungsgrad und Stellung im Betrieb bemessen. Freilich wird die dann scheinbar eindeutige Klassenzugehörigkeit für das Individuum uneindeutig, wenn zum Beispiel gewerkschaftliche Gegenmacht das Lohnniveau von gering Qualifizierten zu heben vermag. Interessant und auch notwendig wäre noch die Integration eines vierten Differenzierungsmoments nämlich die Einteilung nach Geschlecht. Die Intergration einer solchen vierten Dimension würde in das wrightsche Schema problemlos möglich sein.

Trotz dieser Mängel kann aus der Kategorisierung nach Wright eine Analyse der Mittelklassen erfolgen. Es gilt dabei, je höher die Qualifikation und je höher die Autoritätsstellung, desto eher befinden sich diese Arbeitnehmer in einer widersprüchlichen Lage, denn sie sind zwar ohne Besitz an den Produktionsmitteln, haben aber eine sehr große Nähe zur Kapitalistenklasse. Als Mittelklassen sollen im nachfolgenden nunmehr diese widersprüchlichen Klassenlagen in den Mittelpunkt gerückt werden.

3. Welche Funktion nimmt die Mittelklasse ein?

Das Vorhandensein einer Mittelschicht verknüpft sich nach Schelsky mit der relativen Vereinheitlichung sozialer und kultureller Verhaltensformen (Schelsky 1965: 332).

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Details

Seiten
18
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638162333
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v9567
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Sozialwissenschaftliche Fakultät
Note
sehr gut
Schlagworte
Schicht Mittelschicht Wandel Erosion

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Titel: Erosion der Mittelschichten