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Grabbe, Christian Dietrich - Don Juanund Faust - Die Faust-Gestalt im Drama

Facharbeit (Schule) 1999 17 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. GRABBE UND SEIN WERK
1.1 Biographie Grabbes
1.2 Die Entstehung der Tragödie "Don Juan und Faust"

2. DIE FAUST-GESTALT BEI GRABBE
2.1 Inhaltsangabe des Dramas
2.2 Analyse der Faust-Gestalt
2.2.1 Faust
2.2.2 Der schwarze Ritter und Faust
2.2.3 Donna Anna und Faust
2.2.4 Don Juan und Faust
2.3 Ein Interpretationsansatz

3. KRITISCHE AUSEINANDERSETZUNG MIT DEM DRAMA
3.1 Kritik am Drama
3.2 Die Rezeption von Grabbes Werken
3.2.1 Zu Grabbes Lebzeiten
3.2.2 Im Nationalsozialismus
3.2.3 In der Nachkriegszeit
3.2.4 In der Gegenwart
3.3 Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Grabbe und sein Werk

In diesem Jahr wäre Johann Wolfgang von Goethe 250 Jahre alt geworden. Sein berühmtes Drama "Faust. Der Tragödie erster Teil", durch das die Faust-Sage populär wurde, hat immer wieder Schriftsteller und Dichter dazu bewogen, sich an diesem Gegenstand zu versuchen. Goethes Drama wurde zum Standard, an dem sich seine Nachfolger messen mussten - ob sie es nun wollten oder nicht.

Unter den Dramatikern, die sich an den Faust-Stoff wagten, war auch Christian Dietrich Grabbe. Er war der erste, und einzige, dem die Geschichte des Doktor Faust anscheinend nicht genügte, deshalb stellte er ihm eine weitere bekannte Figur der Weltliteratur an die Seite: den romanischen Don Juan.

So ungewöhnlich diese Konstellation auch klingt - sie weckt das Interesse des Lesers. Natürlich stellt sich die Frage, wie Grabbe es gelungen ist, diese beiden Sagen miteinander zu verknüpfen, und angesichts des Goethe-Jahres, wie er die Faust-Gestalt aufgefasst und umgesetzt hat. Diese Arbeit soll sich vornehmlich auf den Doktor Faust in Grabbes Drama "Don Juan und Faust" konzentrieren, einige Hintergrundinformationen zu Grabbes Person und seinem Drama bieten und letzteres auch kritisch betrachten.

1.1 Biographie Grabbes

Christian Dietrich Grabbe wurde am 11. Dezember 1801 als Sohn eines Gefängnisaufsehers in Detmold geboren.

Nach dem Abitur begann er in Leipzig Jura zu studieren und lernte dort seinen späteren Verleger und Berater Georg Friedrich Kettembeil kennen, wechselte aber schon nach kurzer Zeit zur Berliner Universität, wo er unter anderem Heinrich Heine und Ludwig Tieck traf. In diese Zeit fielen auch seine ersten beiden Dramen "Herzog Theodor von Gothland" und "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung", die 1827 veröffentlicht wurden. Besonders in der Komödie "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung" wird, wie der Titel schon andeutet, der für Grabbe typische satirisch-spöttische Stil offensichtlich, der später besonders auf Naturalismus und Expressionismus wirkte.

Kurze Zeit später bemühte er sich um eine Anstellung an einem Theater, wurde aber von allen namhaften Theatern abgelehnt und machte sich enttäuscht auf die Suche nach einer Tätigkeit in der Rechtsprechung. 1826 vertrat er schließlich einen Militärgerichtsrat und übernahm einige Jahre später den Posten ganz.

1827 begann Grabbe mit der intensiven Arbeit am Drama "Don Juan und Faust", welches er im darauf folgenden Jahr fertigstellte und welches 1829 im Detmolder Theater uraufgeführt wurde. Ungefähr im gleichen Zeitraum wuchs Grabbes Begeisterung für das Theater so sehr, dass er sich sogar als Schauspieler und Regisseur zu profilieren versuchte. Die missglückten Versuche waren dann auch ein Grund für seine verstärkte dichterische Tätigkeit: 1829 veröffentlichte er das Drama "Kaiser Friedrich Barbarossa", 1831 "Napoleon oder die hundert Tage" und 1835 "Hannibal", sowie eine Übersetzung des "Hamlet" und eine theoretische Abhandlung über das Düsseldorfer Theater, an dem er unter Karl Leberecht Immermann arbeitete.

Anfang der dreißiger Jahre erkrankte Grabbe an einer gefährlichen Krankheit, die nicht genauer bestimmt wurde - mit Sicherheit aber litt er unter seinem körperlichen Gebrechen und grenzte sich immer mehr aus. Neben seinen finanziellen Nöten, die ihm immer wieder Streit mit seiner Ehefrau Louise Clostermeier einbrachten, zerstritt er sich auch mit Georg Friedrich Kettembeil, weil seine Dramen sehr schwer aufzuführen waren, und irrte in Frankfurt und Düsseldorf umher.

Wegen einer Meinungsverschiedenheit mit Immermann und ständigem Geldmangel kehrte er 1836 in seine Heimatstadt Detmold zurück, wo er am 12. September starb.1

1.2 Die Entstehung der Tragödie "Don Juan und Faust"

Schon während seiner frühen Studienjahre hatte Grabbe die Idee, eine neue Faust-Fassung zu schreiben, in der Faust auf Don Juan treffen sollte. Grabbe war der Meinung, dass nur durch einen Zusammenschluss dieser beiden Figuren Goethes Werk "Faust" zu übertreffen war, welches in der damaligen faustfreudigen Zeit hohes Ansehen genoss. Bereits 1823 hatte er die ersten Szenen zu Papier gebracht, doch sein Studium und seine spätere Tätigkeit als Militärgerichtsrat hinderten ihn vorerst daran, sein Werk zu vollenden. Angespornt durch seinen Studienfreund Kettembeil, der bereit war, Grabbes Stücke zu verlegen, und die Fertigstellung des Detmolder Theaters, nahm er im Frühjahr 1827 die Arbeit an "Don Juan und Faust" wieder auf.

Dabei wurde er vor allem von Lord Byron beeinflusst. Dessen dramatische Dichtungen "Manfred" und "Cain" brachten "Don Juan und Faust" den romantischen, von Melancholie, Zynismus und Ironie geprägten Charakter ein, der auch in anderen Dramen von Grabbe zu finden ist.

Ein Jahr später hatte er seine Tragödie fertig gestellt und 1829 wurde sie am Detmolder Hoftheater uraufgeführt. Für den theaterbegeisterten Grabbe hatte sich somit ein Traum erfüllt.

Später bezeichnete Grabbe "Don Juan und Faust" als den "Schlussstein seines bisherigen Ideenkreises"2, denn mit diesem Werk beantwortete er seine fortwährende Frage nach Gott und dem Sinn des Lebens, die ihn schon seit früher Jugend beschäftigte. Grabbe war der Auffassung, dass der Sinn der menschlichen Existenz ihm nur offenbart werden konnte, wenn er die Frage nach Gott klären würde - und das hat er mit "Don Juan und Faust" getan.

2. Die Faust-Gestalt bei Grabbe

2.1 Inhaltsangabe des Dramas

Faust, ein deutscher Gelehrter, befindet sich in Rom auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, den er durch intensive Studien nicht finden konnte. Er sieht nur noch einen Ausweg: einen Pakt mit dem Teufel.

Also ruft er den Teufel herbei, der in der Gestalt eines schwarzen Ritters auftritt, und bietet ihm seine Seele an, wenn dieser ihm bei der Suche nach Gott helfen würde. Doch trotz einer Reise in die Hölle und durch das Universum vermag es der Teufel nicht, Faust seinem Ziel näherzubringen, sondern schafft es lediglich, ihm die atemberaubende Größe der Welt zu zeigen. Faust vermutet, dass der Teufel selbst nur beschränkte Macht besitzt und sieht den Pakt schon in Gefahr, doch der Teufel zeigt Faust ein Bild von Donna Anna, der Tochter eines spanischen Gouverneurs, um so doch noch an die ihm versprochene Seele zu gelangen. Dieser Plan geht auch auf, denn Faust verliebt sich in die junge Frau und verlangt ein Treffen mit ihr. Aber Donna Anna ist bereits Don Octavio versprochen und wird zudem von Don Juan, einem spanischen Grande, umworben.

Am Tage der Hochzeit von Donna Anna und Don Octavio will Don Juan den zukünftigen Mann seiner Angebeteten töten und somit ihre Liebe gewinnen - und setzt diesen Plan tatsächlich in die Wirklichkeit um. Doch im aufkommenden Chaos gelingt es Faust mit Hilfe des Teufels, Donna Anna auf ein Schloss auf dem Montblanc zu entführen, das ihm der schwarze Ritter zuvor erschaffen hat. Schließlich kommt Don Gusman, der Vater der Entführten, fordert den Mörder seines zukünftigen Schwiegersohns zum Duell auf und wird dabei getötet.

Faust streitet sich mit dem Ritter, verbannt diesen und versucht Donna Anna für sich zu gewinnen. Dabei schreckt er noch nicht einmal davor zurück, seine in Deutschland zurückgelassene Ehefrau zu töten, um ihr seine Liebe zu beweisen. Doch er muss herausfinden, dass Donna Anna in Don Juan verliebt ist, der auch sofort den Montblanc erklimmt, um sie zu retten. Den Hinweis auf Fausts Aufenthaltsort bekam er vom Teufel. Mit seinen magischen Kräften schickt Faust Don Juan und Leporello zurück nach Rom, wo diese die Bildsäule des getöteten Gouverneurs erblicken, die auf dessen Grab plaziert wurde. Zur Verwunderung der beiden lebt diese Statue und Don Juan lädt sie zum Essen ein.

Währenddessen verzweifelt Faust an Donna Anna, denn diese lässt sich nicht von ihrer Liebe zu Don Juan abbringen. Letztlich ist Faust so niedergeschmettert, dass er einen Selbstmordversuch unternimmt und schließlich Donna Anna in einem Streit umbringt. Doch schnell verspürt er Reue und erkennt seine Fehler und gelangt zur Erkenntnis. Da er sein Ziel erreicht hat, ist er bereit, den Pakt mit dem Teufel zu erfüllen, unterrichtet vorher aber noch Don Juan von seiner Tat.

Don Juan gerät in Schwierigkeiten mit der Polizei und steht schließlich der Statue von Donna Annas Vater gegenüber, die sich an ihm rächen und ihn bekehren will. Allerdings nimmt Don Juan die Bildstatue nicht ernst.

Zum Schluss tritt der schwarze Ritter auf, steckt Don Juans Haus in Brand und reißt ihn mit sich in die Hölle.

2.2 Analyse der Faust-Gestalt

Will man die Faust-Gestalt in "Don Juan und Faust" analysieren, so ist man vor allem auf seine Beziehungen zu den Figuren angewiesen. Die Art und Weise, wie er sich gegenüber ihnen verhält, lässt auf seinen Charakter schließen.

Die Seitenangaben beziehen sich - soweit nicht anders angegeben - auf Grabbes Drama "Don Juan und Faust", welches im Reclam-Verlag erschienen ist.

2.2.1 Faust

Beim ersten Auftritt des Faust, bei dem traditionellen Monolog, werden bereits erste Charakterzüge offensichtlich: Er ist ein verzweifelter Gottesträumer, entmutigt durch seine am Ende nutzlosen Studien3 - so verzweifelt sogar, dass er, als überzeugter Patriot, sein Heimatland, Deutschland, verlassen hat, um im multikulturellen Rom endlich zu seinem Ziel, der Erkenntnis, zu gelangen und das Genießen zu lernen.

In seinen fleißigen Studien der verschiedensten Wissenschaften sieht er eine Sisyphusarbeit, die ihn schließlich dazu treibt, den Teufel heraufzubeschwören. Nur noch der Herr der Unterwelt, so denkt er, kann ihm auf der Suche nach der Gottheit, die für ihn der Schlüssel zur Erkenntnis4 ist, helfen. Von seiner Niedergeschlagenheit angetrieben, nimmt er sogar die eventuellen Konsequenzen einer solchen Zusammenarbeit mit der Hölle in Kauf. Dieser Sachverhalt zeigt zum ersten Mal, wie besessen Faust von seinem Wunsch nach Erleuchtung ist.

2.2.2 Der schwarze Ritter und Faust

Der herbeigerufene Teufel erscheint ihm in der Gestalt eines schwarzen Ritters5, dem er von Anfang an misstraut. Der Ritter ist für ihn die letzte Hoffnung, lediglich Mittel zum Zweck, und so ist es nicht verwunderlich, dass Faust gleich zu Beginn den Teufel in die Schranken weist, ihm immer wieder deutlich zeigt, dass er der Herr ist - und der Teufel bloß sein Knecht.6 Der berechnende Faust weiß genau, was er will und fordert vom Teufel die Enträtselung der Welt. Der Teufel nimmt die aufgezwungene Rolle des Dieners ohne große Widerrede an. Seine Weitsichtigkeit hindert ihn daran, Faust zu sehr zu verärgern. Er weiß nämlich, dass Faust letztendlich keine Chance hat sein Ziel zu erreichen7 und übt sich in Geduld.

Der schwarze Ritter - voll Verachtung für den herrischen Menschen - ist nur darauf aus, Fausts Seele zu bekommen und besteht deshalb auch auf einer schriftlichen Absicherung des Paktes. Diesen unterschreibt Faust nur widerwillig, was zeigt, dass er dem Teufel mit Argwohn gegenüber steht. Wie die Regieanweisungen zeigen, sprechen beide immer wieder hinter vorgehaltener Hand, was darauf hinweist, dass beide darauf bedacht sind, ihre Absichten und Gedanken dem Gegenüber nicht preiszugeben.8

Dann versucht der Teufel, Fausts Forderung zu erfüllen, durchschreitet mit ihm den Weltraum und zeigt ihm, wie beeindruckend und gigantisch die Welt ist. Doch Faust gibt dem Ritter zu verstehen, dass ihm Äußerlichkeiten nichts bedeuten - er möchte vielmehr hinter das Äußere blicken, den Sinn, der dahinter steckt, verstehen. Schließlich macht sich bei ihm Skepsis breit und wird zu Wut. Er hat die Vermutung, dass selbst der Teufel nicht in der Lage ist, ihm die Erkenntnis näherzubringen. Er ist sehr enttäuscht, besteht aber trotzig auf den Diensten des Ritters, schikaniert ihn also regelrecht, und macht somit den Konflikt zwischen diesen beiden Figuren ein weiteres Mal deutlich. Der Teufel kontert darauf geschickt, indem er Faust die Beschränktheit des Menschen vor Augen führt:

Der Ritter. Weil sie [die Kraft und der Zweck] jenseits Der Sprache liegen. Nur was ihr in Worte Könnt fassen, könnt ihr denken. 9

Diese Aussage bedrückt Faust sehr, denn erkennt, dass er zwar den Willen hat, den Sinn und Zweck der Welt zu finden - aber nicht die Fähigkeiten besitzt ihn zu begreifen. Hat er sich vorher noch als einen mächtigen, gottgleichen Titan gesehen10, so ist er jetzt wieder zum normalen Menschen geworden. Dermaßen desillusioniert ist er für das neue Vorhaben des Ritters empfänglich: Dieser bietet Faust mit Donna Anna nämlich ein neues Ziel an.

2.2.3 Donna Anna und Faust

Aber auch in der Liebe zu Donna Anna ist sein Blick wieder auf sein ursprüngliches Ziel gerichtet - und wieder zeigen sich seine Herrschsucht und sein Streben nach Macht. Um Donna Anna für sich zu gewinnen schreckt er noch nicht einmal davor zurück, kaltblütig seine daheimgebliebene Ehefrau zu töten. Allerdings weicht die fromme, standfeste Frau nicht von ihrer Liebe zu Don Juan und ignoriert Faust geradezu. Dies kann der geltungsbedürftige Faust nicht dulden: "Was ich wünsche, muss ich haben, oder / Ich schlags zu Trümmern!"11 Von Wut und Verzweiflung getrieben ermordet er seine Angebetete. Erst diese Kurzschlusshandlung öffnet ihm die Augen. Reue und Trauer bringen ihn zur Erkenntnis, dass der Mensch tatsächlich nicht aus eigener Kraft nach dem "Großen" fassen kann, sondern einer "Wetterleiter"12 bedarf. Außerdem beantwortet er seine Frage nach dem Ziel selbst:

Faust. [...] - In diesen Tränen, die ich weine, spür Ich es: es gab einst einen Gott, der ward Zerschlagen - Wir sind seine Stücke - Sprache Und Wehmut - Lieb und Religion und Schmerz Sind Träume nur von ihm.13

Die wohl wichtigste Feststellung, die er aber macht, ist die, dass er sein ganzes Leben lang glaubte in einer wertlosen Welt zu leben. Er griff immer nach dem Überirdischen, doch er erkannte nie, dass die Welt doch werthaltig ist, denn, so sagt er, "man kann drin lieben!"14 Den vorher in einem Anflug von Größenwahnsinn vertriebenen Teufel ruft er zurück, denn er ist nun bereit, den Pakt zu erfüllen und sich dem Ritter anzuvertrauen. Vorher allerdings möchte er Don Juan sprechen, den er jetzt als Leidensgenossen ansieht, da er ebenfalls in Donna Anna verliebt war - er ist also tatsächlich einsichtig geworden.

2.2.4 Don Juan und Faust

Sein Wunsch nach einem letzten Gespräch mit Don Juan zeugt aber auch von Stolz, denn Faust möchte sich seinem Widersacher stellen und ihm mit Würde vom Tod Donna Annas berichten.

Grabbe selbst sah "in den beiden Hauptpersonen die Extreme der Menschheit"15, aber sie haben in ihrem Charakter auch einige Gemeinsamkeiten: So sind beide engstirnig, stolz, patriotisch, machtbesessen und äußerst zielstrebig. Beide haben nur ihr Ziel vor Augen und sind bereit dafür zu töten. Allerdings unterscheiden sich ihre Ziele. Faust, der ein Ziel haben muss 16, ist auf der Suche nach dem Sinn und versucht zum Schluss, diesen durch die Liebe zu Donna Anna zu begreifen, während Don Juan lediglich Donna Anna und den Genuss im Sinn hat und jedes Ziel als Tod ansieht.17 Ihre Lebensauffassungen differieren durchaus: Man könnte Don Juan als Epikureer und Faust als Stoiker bezeichnen. Für Don Juan ist die Lust das höchste Gut und die Freundschaft kommt bei ihm eigentlich vor der Liebe.18 Gott ist für ihn unwichtig19, lediglich ein Wort - für Faust hingegen ist Gott der Schlüssel zur Erkenntnis20, und die Gottheit zu finden ist sein Lebensinhalt. Exemplarisch für den Gegensatz der beiden ist Don Juans folgende Frage und Fausts Gegenantwort:

Don Juan. [...] Wozuübermenschlich, Wenn du ein Mensch bleibst? Faust. Wozu Mensch, Wenn du nachübermenschlichen nicht strebst? 21

Hier zeigen sich Fausts Drang nach zeitloser metaphysischer Erkenntnis und, auf der anderen Seite, Don Juans Suche nach Erfüllung im Diesseits.22

Aber eines haben sie noch gemeinsam: Beide entscheiden sich zum Schluss für die Hölle. Faust möchte aus eigenem Antrieb den Pakt erfüllen und Don Juan will sich von der Bildsäule nicht bekehren lassen, keine Reue zeigen. So werden sie vom Teufel aufgenommen, der Don Juan mit den Worten

Der Ritter. - Dich aber Don Juan, reiß ich mit mir, - schmiede Dich an den Faust - Ich weiß, ihr strebet nach Demselben Ziel und karrt doch auf zwei Wagen!23

zu sich in die Hölle nimmt, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Titelfiguren andeutet und am Ende als Sieger hervorgeht. So wird Faust am Ende einer, "der seine Himmel selber / Zertrümmerte!"24

2.3 Ein Interpretationsansatz

In dem von Detlev Kopp herausgegebenen Buch "Christian Dietrich Grabbe - Ein Dramatiker der Moderne" steuern Gunther Nickel und Ekkehard Schreiter auf Seite 104 ein Beispiel zur Interpretation des Werkes "Don Juan und Faust" bei, welche sich teilweise nachvollziehen lässt:

Nicht nur der Teufel schmiede Faust und Don Juan am Ende aneinander, sondern auch die Sprache der beiden. Don Juan schaffe es mit seinem scheinbar sinnlosen Aneinanderreihen von Wörtern25, die Sprache in Bewegung zu halten, während Faust den Wörtern Sinn einhauche.

So zeigt zum Beispiel die sinnlose Verkettung von Begriffen wie ,Mord` und ,Tanz`, dass Don Juan die Werte nur als Drang nach Befriedigung ansiehe.26 An der semantischen Bedeutung der Wörter habe er in diesen Fällen kein Interesse. Bei Faust stehe die Bedeutung der Wörter im Vordergrund, was zum Beispiel durch den folgenden Satz deutlich wird:

Faust. So wär die ganze Menschheit nur Geschwätz! - Und warum fühl ich Durst, mehr zu erforschen, Als mir die Sprache bieten kann?27 Faust gehe es ums Begreifen. In Bezug auf Donna Annas Tod sagt er: "Ich schlug das Herrlichste / Zu Trümmern, weil ich es nicht begriff !"

Don Juan hingegen bezeuge zwar seine Trauer, aber lege dann, im Sinne seines Drangs nach Befriedigung, eine gewisse Gleichgültigkeit an den Tage: "Gibts nicht der schönen Mädchen tausend andre?"

Zusammen gesehen seien die Metaphorik des Faust und die Metonymie des Don Juan aufeinander verwiesen und ergänzten sich, verdeutlichten aber auch die Lebensauffassungen der beiden Titelfiguren.

3. Kritische Auseinandersetzung mit dem Drama

3.1 Kritik Am Drama

Alleine die Tatsache, dass Grabbe mit Don Juan und Faust zwei vollkommen unterschiedliche literarische Figuren, die miteinander in keiner Verbindung stehen, in einer Tragödie zusammenbringt, lässt Zweifel an seinem Gespür für eine plausible dramatische Handlung aufkommen. Zwar muss ein Drama keineswegs realistisch sein, aber die Handlungsstränge sollten schon aufeinander abgestimmt sein.

Der Hauptteil des Dramas stammt vom Faust-Stoff, der Gelehrtentragödie. Der andere Teil setzt sich aus der typischen Handlung der Don Juan-Fassungen zusammen. Schon in Andrés de Claramontes28 "El burlador de Sevilla" erscheint Don Juan als ebenso verführerischer wie reicher, unmoralischer und egoistischer Herzensbrecher und Mörder, der am Ende seines Lebens den von ihm getöteten Vater einer Geschändeten - den "steinernen Gast" Don Gonzales - spöttisch zum Essensmahl lädt und in der Hölle landet.

Dass Grabbe Schwierigkeiten hatte, die beiden Sagen zu verknüpfen, sieht man alleine schon daran, dass sich Faust und Don Juan im gesamten Stück nur dreimal begegnen - und selbst dann kaum miteinander reden. So ergeben sich zwei völlig unterschiedliche Handlungsstränge, die nur durch Donna Anna und den gemeinsamen Abgang in die Hölle verbunden sind.

Allerdings muss man auch erwähnen, dass Grabbe sehr wohl wusste, dass die Geschichte unstimmig ist. Ihm ging es in Bezug auf das Theater vielmehr um gute Unterhaltung, wie man an einem Gespräch mit Kettembeil sieht, wo er sagte:

Es kommt gar nicht auf den Zusammenhang an. Es ist viel Tolles darin, aber das tut nichts - Natur! Natur!29

Letztendlich schrieb er "Don Juan und Faust" in erster Linie für sich selbst, um seine Frage nach Gott und dem Sinn des Lebens zu beantworten. Unter diesem Gesichtspunkt ist ihm dabei ein recht unterhaltsames Drama gelungen, aus dem man auch seine Schlüsse ziehen kann - es sei denn, man stört sich zu sehr an der Handlung.

3.2 Die Rezeption Grabbes Werke

Natürlich ist es in diesem Zusammenhang auch interessant zu erfahren, welche Resonanz Grabbes Werke (im Besonderen die Tragödie "Don Juan und Faust") beim Publikum hatten. Im folgenden wird die Rezeption zu verschiedenen Zeitpunkten betrachtet.

3.2.1 Zu Grabbes Lebzeiten

Grabbes Zeitgenossen sahen in ihm einen Rebell, der mit seinen eigenwilligen Dramen des Öfteren die Möglichkeiten des Theaters sprengte. In seiner Komödie "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung" hat er zum Beispiel eine Figur auftreten lassen, die ihn selbst verkörpern sollte und die für Grabbe typische Selbstironie offenbart:

"Das ist der vermaledeite Grabbe, oder wie man ihn eigentlich nennen sollte, die zwergigte Krabbe, der Verfasser des Stücks! Er ist so dumm wie'n Kuhfuß, schimpft auf alle Schriftsteller und taugt selber nichts, hat verrenkte Beine, schielende Augen und ein fades Affengesicht!"30

Tatsächlich versuchte er sich oftmals als Kritiker, was ihm einige Feinde einbrachte. Weit mehr als seine Werke, brachte ihm sein Lebenswandel die Bezeichnung als ,Enfant terrible` oder ,Außenseiter` ein. So hatte er ständig Geldprobleme, führte eine unglückliche Ehe und galt als Lebemann.

Seine glücklosen Versuche als Schauspieler und Regisseur wurden belächelt, doch sein Stil, den man zum damalig beliebten Byronismus zählen kann, brachte ihn in ,bessere` literarische Kreise, denen zum Beispiel Heine und Tieck angehörten.

Doch sein Drama "Don Juan und Faust" spaltete die Meinung der Kollegen: Die einen waren begeistert, sahen in diesem Werk eine konsequente Weiterentwicklung seiner Dramen, die anderen störten sich an der vernachlässigten Handlung und dem insgesamt düsteren Erscheinungsbild.

3.2.2 Im Nationalsozialismus

Wie viele andere Schriftsteller, wurden Grabbes Dramen von den Nationalsozialisten regelrecht ,missbraucht`. Sie steigerten "Don Juan und Faust" "zu einer Auseinandersetzung zwischen dem ,Nordischen` - dem ,Deutschtum` (Faust) - und dem ,Südländischen` (Don Juan)."31

Selbstverständlich kam ihnen der ausdrückliche Patriotismus des Faust, der nüchtern und stolz nach dem Sinn des Lebens sucht, im Gegensatz zur nachlässigen Haltung des Don Juan, der ausschließlich auf Vergnügen und Liebe aus ist und dabei nicht einmal vor Morden halt macht, sehr recht.

Die Theateraufführungen dieses ,germanischen` Stücks waren sehr pompös inszeniert und lockten auch prominente Persönlichkeiten an, die diese kulturellen Ereignisse für ihre propagandistischen Zwecke benutzten.

3.2.3 In der Nachkriegszeit

Wegen des Missbrauchs Grabbes Theaterstücke durch die Nationalsozialisten wagten sich viele Wissenschaftler oder Regisseure nicht mehr, über diese zu schreiben oder sie zu inszenieren. Zwar beschäftigten sich einige Doktoranden mit seinem Leben, aber der breiten Öffentlichkeit war Grabbe kaum ein Begriff. Gewissermaßen war diese Zeit der Tiefpunkt des Interesses an Grabbe. Erst ab 1980 wuchs das Interesse wieder allmählich, was wohl der Grabbe-Gesellschaft zu verdanken ist, die sich intensiv mit ihrem Namensgeber beschäftigt und jährlich mit dem Grabbe-Jahrbuch zum besseren Verständnis seiner Person und seiner Werke beiträgt.

3.2.4 In der Gegenwart

Obwohl Grabbe auch heute nicht allzu bekannt ist, ist er zumindest Wissenschaftlern ein Begriff. Man kann sogar von einem ,Come-back` sprechen, denn man hat mittlerweile erkannt, dass Grabbe durchaus Wichtiges für das Drama getan hat. In Kurt Jauslins Augen ist er sogar ein Wegbereiter des Naturalismus, des Expressionismus und des Surrealismus:

Wo immer die Pioniere der modernen Literatur zu neuen Ufern vorstießen, fanden sie im Sand die Fußspur schon vor, deren leicht schwankendes Schrittmaß ihnen signalisierte: Grabbe was here.32

Insbesondere "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung" ist erstaunlich modern, wenn man bedenkt, dass diese Komödie vor über hundert Jahren geschrieben wurde. Dieses Stück ist es auch, welches bei den Expressionisten und Surrealisten am meisten beachtet wird. Trotzdem bleibt Christian Dietrich Grabbe auch heute eher ein ,Geheimtip`, denn die traditionellen Stücke (wie etwa Goethes Werk "Faust") werden wegen ihres Bekanntheitsgrades häufiger gespielt.

3.3 Fazit

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Christian Dietrich Grabbe mit der Tragödie "Don Juan und Faust" eine der vielleicht interessantesten - auf jeden Fall aber eine der ausgefallensten - Faust-Versionen geschaffen hat.

Dabei hat er nicht nur zwei populäre Gestalten der Literatur in einem Stück vereint (was kaum einer vor ihm versucht hat), sondern mit Liebe, unnötigen Morden, Zauberkraft und ein wenig Philosophie ein sicherlich unterhaltsames Stück kreiert, das für jeden etwas bietet - auch wenn die Handlung einige Schwächen hat (welche, meiner Meinung nach, übrigens Grabbes Absicht, Goethes Werk "Faust. Der Tragödie erster Teil" zu übertreffen, scheitern lassen). Außerdem hat er zwei Hauptfiguren erschaffen, die angesichts ihrer Taten keineswegs heldenhaft sind: Einen Faust, der streitsüchtig und größenwahnsinnig ist und einen Don Juan, der zwar heißblütig sein soll, aber kaltblütig mordet. Zudem gehen beide am Ende freiwillig in die Hölle und drohen dem Teufel sogar noch mit fortwährendem Widerstand.33 Deshalb wirkt das gesamte Stück melancholisch und dunkel, was durch die Tatsache, dass am Ende alle wichtigen Personen des Stückes sterben oder gestorben sind noch unterstrichen wird. Der Sieger ist der Teufel, der sich in seiner Boshaftigkeit gar nicht von den anderen abhebt. Letztendlich frage ich mich, ob Grabbe mit seiner Faust-Version nicht auf ein gewisse Weise provozieren wollte, denn er hat Don Juan hinzugefügt (was mit Sicherheit recht ungewöhnlich war), mehr oder minder zwei Bösewichte zu tragischen Helden gemacht und scheinbar wissentlich die Handlung vernachlässigt.34

Literatur- und Quellenverzeichnis

Primärliteratur

1.) Grabbe, Christian Dietrich. Don Juan und Faust. Stuttgart: Reclam, 1963 Sekundärliteratur
1.) Bergmann, Alfred. Nachwort. In: Don Juan und Faust. Stuttgart: Reclam, 1963
2.) Ehrlich, Lothar. Christian Dietrich Grabbe. Berlin: Akademie-Verlag, 1983
3.) Grabbe-Gesellschaft. Über Grabbe. http://www.grabbe.de
4.) Kopp, Detlev (Hrsg.). Christian Dietrich Grabbe - ein Dramatiker der Moderne. Bielefeld: Aisthesis, 1996
5.) Löb, Ladislaus. Christian Dietrich Grabbe. Stuttgart: Metzler, 1996
6.) Löb, Ladislaus. Grabbe über seine Werke. Frankfurt: Lang, 1991
7.) Microsoft Encarta. Christian Dietrich Grabbe.

[...]


1 vgl. Grabbe-Gesellschaft, Über Grabbe und Microsoft Encarta, Ch. D. Grabbe

2 Bergmann, Nachwort S. 115

3 Es ist ihm, als baue er endlose Wüsten um sich (vgl. S. 18).

4 siehe 1.2 Die Entstehung der Tragödie "Don Juan und Faust"

5 Der schwarze Ritter steht hier für eine böse aber adlige Person und unterstreicht somit die Macht und Würde des Teufels.

6 Faust: "Zittre vor dem Fußtritt deines Herrn." (S. 25)

Der Ritter: "Herr, Herr, Ihr lagt / Vor Eurem Knecht [...]" (S. 25)

7 So sagt er zum Beispiel hinter vorgehaltener Hand: "Er ist mein !" (S. 28)

8 vgl. S. 27/28

9 S. 42

10 "Ich bin Faust, der himmelstürmende / Gigante [...]" (S. 85)

11 S. 84

12 S. 88

13 S. 89

14 S. 88

15 Löb, Ch. D. Grabbe S. 485

16 vgl. S. 22

17 vgl. S. 7

18 Leporello: "Ihr liebtet nie, Ihr kenntet / Genuß und Phantasie nur!" (S. 32)

19 Don Juan: "[...] Daß mir / Vor lauter Lust und Wonne die Zeit fehlt, um / An den zu denken, der sie [die Erde] schuf [also Gott]." (S. 61)

20 Was der Lehre der Stoa in Bezug auf den Logos (Gott, Natur und Weltvernunft) entspricht.

21 S. 74

22 vgl. Löb, Ch. D. Grabbe S. 53

23 S. 104

24 S. 96

25 "König und Ruhm, und Vaterland und Liebe!" (S. 104)

26 vgl. S. 48 und S. 77

27 S. 42

28 Der Theaterdichter Claramonte lebte von ca. 1580 bis 1626. "El burlador de Sevilla" stammt aus dem Jahre 1613.

29 Bergmann, Nachwort S. 105

30 Microsoft Encarta, Ch. D. Grabbe

31 Ehrlich, Ch. D. Grabbe S. 161

32 Jauslin, In: Ch. D. Grabbe - Ein Dramatiker der Moderne S. 47

33 vgl. S.97 und S. 104

34 siehe 3.1 Kritik

Details

Seiten
17
Jahr
1999
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v95507
Note
14 Punkte
Schlagworte
Grabbe Christian Dietrich Juanund Faust Faust-Gestalt Drama Deutsch Niedersachsen

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