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Brecht, Bertolt - Mann ist Mann

Facharbeit (Schule) 1998 21 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

1. Bertolt Brecht

1. Biographie

Wenn ich an Brecht denke, so fällt mir zunächst folgende Aussage ein: "Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Denken." Dieser Satz ist die Kernthese der Philosophie von Karl Marx ( 1818-1883) und gehört sicherlich zu den Fundamenten Brechtscher Literatur.

Auch wenn Eugen Berthold Friedrich Brecht, wie er mit vollständigem Namen heißt, niemals einer kommunistischen Partei angehört hat, so identifiziert er sich doch stark mit deren Ideologien.

Am 10.Februar 1898 wird Brecht als Sohn wohlhabender Eltern in Augsburg geboren. Im Alter von sechs Jahren besucht er die Volksschule, ab 1908 dann das Realgymnasium. Sechs Jahre später verfaßt Brecht erste Prosa und Lyrik. Selbstbewußt trägt er seine Gedichte in Kneipen vor und erreicht sogar erste Veröffentlichungen in linksgerichteten Zeitungen. Entgegen der politischen Stimmung und dem Kriegstreiben, warb Brecht für den Frieden. Er schreibt 1916 einen pazifistischen Schulaufsatz, was die Androhung einer Schulentlassung zur Folge hat. Nichtsdestotrotz macht er im darauffolgenden Jahr sein Notabitur und beginnt zu studieren. Der junge Mann hat sich an der Universität München für Medizin und Philosophie immatrikuliert. Bedingt durch den Krieg allerdings, muß er sein Studium unterbrechen und verübt von Oktober 1918 bis Januar 1919 Militärdienst in einem Augsburger Lazarett. Während dieser Tätigkeit als Sanitätssoldat prägt sich weiterhin seine pazifistische Haltung. Hiernach arbeitet Brecht als Theaterkritiker beim Augsburger Volkswillen. Auf kuriose Weise entsteht dort das Stück "Baal": Brecht verliert eine Wette und wird dadurch genötigt, das Drama binnen von nur vier Tagen zu schreiben. Unersättlichkeit nach Leben ist zur Zeit Brechts Motivation. Fast schon selbstverständlich ist dann die Erkenntnis, das der "Baal" genau dieses Lebensgefühl verkörpert.

Mittlerweile ist Brecht liiert: Paula Banholzer bringt den gemeinsamen Sohn Frank auf die Welt (geboren am 30.07.1919, gefallen im Jahre 1943).

Beruflich gesehen befriedigt Brecht sein Studium nicht länger, er bricht es im November 1919 nach vier Semestern ab und hält sich nunmehr in Berlin auf. Als Hauptstadt des Deutschen Reiches ist Berlin auf dem Weg zur Weltstadt. Ziel Brechts ist es, sich hier als Autor durchzusetzen. Trotz gesundheitlicher Probleme, gelingt der berufliche Erfolg: Die Erstveröffentlichung des "Baal" findet statt, das Werk "Trommeln in der Nacht" erfährt im September nicht nur seine Uraufführung, sondern einige Zeit später gewinnt Brecht dafür sogar den Kleist-Preis. Bei den Proben zu diesem Stück übrigens lernt er Helene Weigel kennen, die in seinem weiteren Leben noch eine große Rolle spielen wird. Abschließend für dieses Jahr ist zu sagen, daß Brecht am 03.November die Opernsängerin Marianne Zoff heiratet, Tochter Hanne wird am 12.März 1923 geboren. (1923:Uraufführungen von "Im Dickicht der Städte", "Baal"; 1924 Uraufführung von "Leben Eduards des Zweiten von England") Trotz seiner Ehe, beginnt Brecht eine Affäre mit Helene Weigel und wird schließlich am 03.11.1924 Vater des gemeinsamen Sohnes Stefan. Berlin ist übrigens der Hauptwohnsitz geworden.

Auf der Karriereleiter geht es auch 1925 steil nach oben. Zusammen mit Carl Zuckmayer wirkt Brecht als Dramaturg unter Max Reinhardt im Deutschen Theater. Sehr bedeutend ist auch das Folgejahr. Die Uraufführung von "Mann ist Mann" gelingt in Darmstadt. Eifrig ist Brecht allerdings schon dabei, die Vorbereitungen für den nächsten Erfolg zu tätigen. Ein Stück soll sich mit den Vorgängen an der New Yorker Weizenbörse befassen. Dafür betreibt Brecht nationalökonomische Studien beschäftigt sich erstmals mit der marxistischen Theorie. Auch werden erste Ansätze für das epische Theater konzipiert. 1927 dann folgen Schlag auf Schlag Veröffentlichungen: die "Hauspostille", "Im Dickicht der Städte" und "Mann ist Mann". (Auch 1927: Uraufführung des Songspiels "Mahagonny")

Im Privatleben steht Brecht vor den Scherben seiner Ehe: Scheidung von Marianne Zoff.

Wo es hier nicht läuft, werden dort die Erfolge gefeiert: Im Januar 1928 wird "Mann ist Mann" in der Berliner Volksbühne aufgeführt. Gleichwohl erneut eine Uraufführung: Das erste Mal wird ein Satz gebracht, der zweifelsohne eine Basisaussage Brechts verkörpert: "Erst kommt das Fressen, dann die Moral." Entnommen ist dieses Zitat der berühmten "Dreigroschenoper", 1928 im Theater am Schiffbauerdamm gefeiert - Immerhin der größte Theatererfolg der Weimarer Republik, der Brecht mit einem Mal bekannt werden läßt.

Ein Jahr später wagt Brecht erneut den Schritt in die Ehe: am 10.04.29 wird er mit Helene Weigel getraut. (1929: Uraufführung der Lehrstü und "Das Badener Lehrstück vom Einverständnis"; 1930: Uraufführung der Lehrstücke "Der Jasager, der Neinsager" und "Die Maßnahme" in Berlin. Weiterhin: Veröffentlichung der Gedichtsammlungen "Aus dem Lesebuch für Städtebewohner" sowie von "Geschichten vom Herrn Keuner im ersten Heft der Versuche".) Beruflich soll noch gesagt sein, daß außer den vorgenannten noch eine weitere Uraufführung stattfindet: nämlich die der Oper: "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny"; nach Meinung des gutsituierten Bürgers eine Skandalaufführung: Im Bewußtsein der Weltwirtschaftskrise sowie Massenarbeitslosigkeit , wird im Drama der Untergang der kapitalistischen Gesellschaft gezeigt.

Privat gesehen kündigt sich am 18.10.30 Kind Nummer vier an: Tochter Barbara, erneut von Helene Weigel. (1931: Brecht arbeitet an "Die Mutter" sowie "Die Rundköpfe und die Spitzköpfe". 1932: Uraufführung seines Werkes "Die Mutter". Das Drama "Die Heilige Johanna der Schlachthöfe" wird im Rundfunk gesendet.) Weiterhin bedeutsam für das Jahr 1931 ist , daß Brecht Vorlesungen über den Marxismus hört.

Nicht nur für Deutschland hat der 31.01.33 eine bahnbrechende Veränderung dargestellt. Hitler wird zum Reichskanzler ernannt, die politische Landschaft erfährt enorme Veränderungen, und auch Brecht ist stark betroffen. Am Tag nach dem Reichstagsbrand fliehen er und seine Familie über mehrere Stationen nach Paris. (1933: Uraufführung "Der sieben Totsünden der Kleinbürger" in Paris) Bedingt durch die politische Lage, verläßt Brecht die Stadt an der Seine. Die Familie siedelt nach Skovbostrand bei Svendborg auf die dänische Insel Fünen über. (1934: Der Autor arbeitet sowohl am "Dreigroschenroman als auch am Lehrstück "Die Horatier und die Kuratier".)

Die marxistische Haltung Brechts und der in Deutschland vorherrschende Nationalsozialismus stoßen sich selbstverständlich aneinander. Somit bringen die Nazis Autoren keine große Sympa-thie entgegen, sondern erkennen ihm und seinen Kindern die deutsche Staatsbürgerschaft ab.

Selbst im Moskauer Exil geht Brecht seinen literarischen Leidenschaft nach und gibt mit anderen die Exilzeitschrift "Das Wort" heraus. (1936: Uraufführung der Parabel: "Die Rundköpfe und die Spitzköpfe"; 1937 Uraufführung von " Die Gewehre der Frau Carrar"; Veröffentlichung der Svendborger Gedichte. 1938: Arbeit an der ersten Fassung von "Leben des Gallilei"; Uraufführung ausgewählter Szenen aus "Furcht und Elend des dritten Reiches" in Paris.)

Mittlerweile hat sich die politische Lage in Deutschland dramatisch zugespitzt. Im März 1938 betreibt Hitler die brutale Zerschlagung der Tschechoslowakei. Zwei Monate später siedelt Brecht wegen Kriegsgefahr nach Schweden über, wo "Mutter Courage und ihre Kinder" sowie "Das Verhör des Lukullus" entstehen.

Als 1940 deutsche Truppen nach Dänemark und Norwegen einmarschieren, flieht Brecht mit seiner Familie und der engen Freundin Margarete Steffin, die er bereits 1932 kennengelernt hat, nach Helsinki. (Dort arbeitet er an den "Flüchtlingsgesprächen".)

Ein Jahr später darf Brecht nicht nur erneut beruflichen Erfolg genießen ( Uraufführung von "Mutter Courage und ihre Kinder"; Arbeit an "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui"), sondern wird auch mit einem schweren Schicksalsschlag konfrontiert. Auf der Ausreise in die USA über die Sowjetunion bleibt Margarete Steffin schwerkrank in Moskau zurück, wo sie im Mai stirbt.

Brecht kommt im Juli 1941 in den USA an und läßt sich in Santa Monica, einem Stadtteil Hollywoods, nieder. 1942 schließlich entdeckt Brecht ein neues Betätigungsfeld und schreibt Drehbücher: erfolgreich "Hangmen also die". (Trotz des Weltkrieges Uraufführungen von "Der gute Mensch von Sezuan" und "Das Leben des Gallilei" in Zürich.)

Stark engagiert und das Regime verachtend, setzt sich Brecht mit Thomas Mann auseinander. Thema ist eine Erklärung zur Gründung des "Nationalkommitees Freies Deutschland".

1944 arbeitet Brecht im "Council for a Democratic Germany" nicht nur mit, sondern beschäftigt sich auch noch mit seinem "Kaukasischen Kreidekreis".

Im letzten Kriegsjahr versucht Brecht, das "Kommunistische Manifest" in Versform zu bringen. Nach Kriegsende, um genau zu sein 1946, schließlich bereitet Brecht seine Rückkehr aus dem Exil vor. Allerdings ist es ihm erst ein Jahr später, nämlich am 01.11.1947 möglich endgültig die USA zu verlassen. Bevor Brecht nämlich über Paris nach Zürich fliegen darf, wird er am 30.10.47 in Washington vor dem "Committee of Unamerican Acivities" verhört, wobei er seine kommunistische Einstellung verleugnet. (Auf europäischem Boden 1948 Uraufführung der Bearbeitung "Die Antigone des Sophokles" in Chur und "Herr Puntila und sein Knecht Matti" in Zürich; Niederschrift des Kleine(n) Organon(s) für das Theater"; Veröffentlichung der "Kalendergeschichten".)

Im Jahr der Gründung von DDR und BRD, siedelte Brecht nach Ostberlin über. Eine Einreise nach Westdeutschland wird ihm nämlich aufgrund des Verhörs verwehrt. ("Mutter Courage und ihre Kinder" glanzvoll Premiere, am 12.November präsentiert sich Brechts Berliner Ensemble mit "Herr Puntila und sein Knecht Matti" erstmals der Öffentlichkeit; Veröffentlichung des Romanfragments "Die Geschäfte des Herrn Julius Cäsar".)

Im Jahre 1950 schließlich ein erstaunliches Ereignis: Brecht erwirbt die österreichische Staatsbürgerschaft. Weiterhin wird er Mitglied der neu gegründeten Deutschen Akademie der Künste und schreibt "Neue Kinderlieder". (1951/52 Uraufführung von "Die Verurteilung des Lukullus").

Im Jahre 1953 dann gewinnt Brecht die Wahl zum Präsidenten des PEN-Zentrum von Ost- und Westdeutschland. Außerdem bezieht er politisch ein recht unerwartete Stellung, rechtfertigt er doch trotz kritischer Vorbehalte das Eingreifen der Staatsmacht am 17.Juni 1953, als die DDR- Bevölkerung ihre Unzufriedenheit in einem spontanen Aufstand demonstriert hat, der allerdings von der Sowjetarmee niedergeschlagen worden ist. An sich hat man erwartet, Brecht würde offene Kritik am System äußern und sich eindeutig auf die Seite des Volkes schlagen.

1954 zieht das Berliner Ensemble in das Theater am Schiffbauerdamm. Brecht steigt zum Vizepräsidenten der Deutschen Akademie der Künste auf und erhält des weiteren den StalinPreis "Für Frieden und Verständigung zwischen den Völkern".

Mittlerweile ist Brecht 58 Jahre alt geworden. Der Geburtstag des Jahres 1956 soll der letzte gewesen sein. Im Mai erkrankt der Autor an einer Grippe, die ihn zu einem Aufenthalt in der Berliner Charité zwingt. Etwa drei Monate später, am 10.08.56, nimmt Brecht das letzte Mal an den Proben des Berliner Ensembles teil. Nur vier Tage danach stirbt Bertolt Brecht an den Folgen eines Herzinfarkts und wird am 17.08.56 auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof beigesetzt. Zu seinen Ehren findet am 18.08.56 im Theater am Schiffbauerdamm eine Totenmesse statt.

Vor uns liegt nun der Lebenslauf eines großen Dramatikers, gespickt mit zahlreichen Höhen und auch seinen Niederlagen. Abschließend eine Aussage, die Brecht vielleicht ganz gerne nach seinem Tod gehört hätte:

Ich ben ö tige keinen Grabstein, aber Wenn Ihr einen f ü r mich ben ö tigt, W ü nschte ich, es st ü nde darauf:

Er hat Vorschl ä ge gemacht. Wir Haben sie angenommen. Durch eine solche Inschrift w ä ren Wir alle geehrt.

B. Brecht

2. Brechts literarische Freiheit

Ohne Zögern dürfte man an sich zu der Erkenntnis gelangen, Brecht habe literarische Freiheit besessen.

Trotz des ersten Weltkrieges zögerte der gerade mal Achtzehnjährige nicht, einen pazifistischen Aufsatz zu verfassen. Im Bewußtsein beispielsweise einer Schulentlassung, vertrat er selbstbewußt die eigene Meinung, entgegen der Masse.

Ebenso blieb er sich im Jahre 1935 treu: Obwohl Brecht die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt wurde, und er nach dem Reichstagsbrand im Februar 1928 nach Paris flüchten mußte, setzte Brecht auch unter diesen Umständen sein Schaffen fort. Zwar betätigte er sich nicht länger in Deutschland, feierte aber im Ausland seine Erfolge. Intensive Arbeit an den Werken, die Herausgabe einer Exilzeitschrift sowie zahlreiche Uraufführungen zwischen 1933 und 1945 (siehe auch Biographie) sprechen für sich.

Unter dem Naziregime stand Brecht zu seiner kommunistischen Einstellung und leugnete sie lediglich beim Verhör in den USA.

Freiheit beinhaltet neben Selbstverwirklichung sicherlich auch die Weiterentwicklung von Ideen. Brecht tat beides, legte er doch teilweise mehrere Fassungen seiner Stücke vor.

Auch begründete er neue Theorien des Theaters. Wo früher das dramatische Theater tonangebend war, entwickelte er das Epische Theater. Jenes beschritt völlig neue Wege, die sich beispielsweise in der Suche nach einer Erkenntnis durch den Zuschauer äußern.

Ebenso ungewöhnlich war das Bestreben Brechts, Arbeit im Kollektiv zu erledigen: Personen seines Umfeldes beteiligen sich an seinen Werken, Ideen wurden ausprobiert und diskutiert.

Brecht nahm sich auch die Freiheit, die Lehren Marx‘ philosophisch zu erweitern: Nicht länger sei allein die Veränderung der Welt das Ziel, sondern die Veränderung der Veränderung. Nichts solle im Stillstand verharren: Verschiedene Dinge und das Denken mögen sich ständig weiterentwickeln.

Insgesamt darf man also sicherlich von Brecht als einem literarisch freien Autoren sprechen, der sich trotz politischer Fesseln nicht unterkriegen ließ.

2. Inhaltsangabe

1. Inhaltsangabe über "Mann ist Mann"

Das Lustspiel " Mann ist Mann" aus dem Jahre 1926 stammt von Bertolt Brecht und ist am 26.September 1926 uraufgeführt worden. Es handelt von der Verwandlung des Individuums Galy Gay in die Massengestalt Jeraiah Jip, einen Soldaten.

Während Galy Gay sich im Auftrage seiner Frau aufmacht, einen Fisch zum Mittagessen zu kaufen, suchen vier britische Soldaten eine Möglichkeit, sich Geld zu beschaffen. Jenes benötigen sie für Genußmittel. Die Opferdose der Gelbherrenpagode scheint ihnen dafür geeignet, deshalb wollen sie in den Tempel einbrechen. Auf Grund von Schwierigkeiten beim Einstieg in die Pagode, werden die Soldaten nervös und ungehalten. Gewalttätig brechen drei Mann schließlich in die Heiligkeit ein, der vierte behält die Militärpässe zurück und dient als Wachposten. Weiterhin gestaltet sich das Unterfangen schwierig. Beim Beschaffen der Spendendose gerät Jeraiah Jip in eine Pechfalle und verliert dabei ein Büschel Haare. Dadurch stark gekennzeichnet, beschließen die anderen drei, Jeraiah Jip aus Sicherheitsgründen vorerst zurückzulassen und verlassen die Pagode. Mittlerweile hat der Tempelwächter den Einbruch bemerkt.

Auf dem Rückweg zum Militärkamp treffen die drei Soldaten auf ihren Sergeant Fairchild. Jener beschäftigt sich den Vorfall in den Pagode und erkundigt sich somit nach dem vierten Mann der Gruppe. Aus Angst, von ihrem Sergeant überführt zu werden, beschließen die Drei, einen Ersatz für Jeraiah Jip zu finden.

Zur selben Zeit hilft Galy Gay der Witwe Leokadja Begbick beim Heimtragen der Einkäufe. Begbick verwickelt Galy Gay in ein Gespräch und lädt ihn schließlich ein, ihn irgendwann in ihrem Bierwaggon zu besuchen. Seinen Fisch hat Galy Gay allerdings immer noch nicht erstanden. Auf seinem Weg zum Fischhändler trifft er zufällig auf die drei Soldaten. Sie halten ihn als Ersatz für Jeraiah Jip für geeignet und versuchen, ihn für ihre Zwecke zu benutzen. Gay folgt den Soldaten bereitwillig und gelangt schließlich mit ihnen in den Bierwaggon Begbicks. Jene stellt sich den Soldaten vor und erkundigt sich nach dem vierten Mann bzw. deren Sergeant.

Dann bitten die drei Soldaten Galy Gay um den Gefallen, ihnen für die Zeit des Appells als vierter Mann auszuhelfen. Trotz einiger Bedenken tut er ihnen den Gefallen. Die Witwe stellt eine Uniform bereit. Durch Bestechung ist Gay sogar bereit, den Namen Jeraiah Jip für diesen Zeitraum zu übernehmen. Die Witwe Begbick wird in den Plan eingeweiht, erkennt Galy Gay bewußt nicht wieder und bekommt den Auftrag, den cleveren Sergeant abzulenken. Jenem fällt der vermeintliche Jeraiah Jip nicht auf, so daß der Plan gelungen ist.

Die drei Soldaten probieren nun, den richtigen Jeraiah Jip aus der Pagode zu holen, doch dieser ist bereits von dem Mesmer gefunden worden, der ihn trotz vieler Angebote der Kameraden nicht übergeben will. Gezwungenermaßen verlassen sie nun ohne ihren vierten Mann die Pagode. Der Mesmer schließt derweil den immer noch verwirrten Jeraiah Jip in eine Kanzel ein und gibt ihn als Gott aus, um von den Gläubigen dafür Opfergaben zu erlangen.

Uria Shelley, Jesse Mahoney und Polly Baker drängt die Zeit, da die Armee in naher Zukunft aufbrechen will, so daß sie ein weiteres Mal um Galy Gays Hilfe bitten, der sich aber vehement weigert, mit der Armee mitzuziehen. Sie erzählen ihm von den Vorzügen des Soldatenlebens, doch dies überzeugt ihn nicht endgültig.

Da bieten ihm die Soldaten ein Geschäft an, bei dem er lediglich als Händler fungieren müßte. Es geht um einen Elefanten, den Galy Gay an die Witwe Begbick verkaufen soll. Er würde dann anteilmäßig an dem Verkaufspreis beteiligt werden, so erklären es ihm die Soldaten, doch weiß er nicht, daß sie die Witwe vorher in ihren Plan eingeweiht haben. Galy Gay ist schnell verdientem Geld nicht abgeneigt, so daß er sich bereit erklärt, in diesen Handel einzusteigen. Die Frau von Galy Gay sucht ihren Mann und kommt plötzlich zum Ort des Geschehens und sieht ihren Mann, der sich aber selber verleugnet.

Bei dem Elefanten handelt es sich nur um eine Attrappe, was Gay jedoch nicht bemerkt. Er bietet den Elefanten zum Verkauf an und, wie vorher abgesprochen, geht Begbick auf das Geschäft ein. Sie treibt den Preis in die Höhe, obwohl sie die einzige Interessentin ist. Schließlich erwirbt sie ihn. Galy Gay ist sichtlich zufrieden, doch dann werfen ihm die drei Soldaten vor, den Elefanten aus Armeebeständen geklaut zu haben und verhaften ihn deswegen. Gay wird abgeführt und kurze Zeit später von den Soldaten zum Tode verurteilt.

Ein Erschießungskommando wird zusammengestellt, welches den jetzt mit verbundenen Augen dastehenden Galy Gay erschießen soll. Beim Befehl, zu feuern, fällt dieser in Ohnmacht, doch die Soldaten haben nur Platzpatronen geladen.

Sergeant Fairchild kommt vorbei, doch sie wollen nicht, daß er den am Boden liegenden, reglosen Körper, der mit einem Sack zugedeckt ist, sieht und erkennt. Sie verwickeln ihn in ein Gespräch; der Sergeant berichtet von seinen Heldentaten.

Als Galy Gay wieder aufwacht, ist Fairchild schon lange fort und sie erzählen ihm, daß Galy Gay gerade erschossen worden sei, und daß er, als alter Freund, eine Grabrede auf ihn zu halten habe. Galy Gay hat nun die Identität von Jeraiah Jip angenommen und hält daraufhin auf seine frühere Persönlichkeit Galy Gay eine Grabrede.

Schon während der Trauerfeier hört man die Armee aufbrechen. Sie beenden diese zügig und begeben sich zu ihrem Waggon. Während der Fahrt wird Galy Gay krank und glaubt, wieder der Packer aus Nordirland zu sein.

Derweil verändert sich der Sergeant weiterhin. Durch seinen Sexualtrieb fühlt er sich zur Witwe hingezogen, doch seine eigenen Prinzipien von Stärke und Disziplin verachten das. Aus lauter Verzweiflung schießt er sich sein Geschlechtsteil ab, um nicht mehr dem Geschlechtstrieb unterworfen zu sein. Galy Gay sieht dies mit an ,und verspottet dessen Verhalten.

In Tibet angekommen, kämpft der "neue" Jeraiah Jip zusammen mit seinen Kameraden und entscheidet diese Schlacht durch seine übermenschliche Kampfkraft. Er geht aus diesem Kampf, um die Bergfestung Sir El Dchowr, mit dem Namen "menschliche Kampfmaschine" hervor. Am Ende nimmt er Uria Shelley, Jesse Mahoney und Polly Baker ihre Pässe ab.

2. Historische Hintergrundinformationen

Hintergrundinformationen zu Brecht lassen sich ohne weiteres aus dessen Biographie herausfiltern.

Direkt zu "Mann ist Mann" sei nun gesagt, daß es seine Uraufführung am 25.09.1926 in Darmstadt feierte bzw. die gekürzte zweite Fassung im Jahre 1931 im Berliner Staatstheater gespielt wurde.

Das Jahr 1926 fällt in die Zeit der Weimarer Republik. Reichsaußenminister war G. Stresemann, der eine friedlich Revision des Versailler Vertrages zum Ziel hatte; wo es einst Unstimmigkeiten zwischen Frankreich und Deutschland gab, entspannte der Locarno-Vertrag von 1925 das Verhältnis. Daraufhin konnte Deutschland 1926 dem Völkerbund beitreten.

Fünf Jahre später hatte sich die politische Landschaft gewandelt: Die Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit prägten das Bild, seit 1930 gewann die von A.Hitler geführte NSDAP sprunghaft an Wählerstimmen; 1932 wurde sie stärkste Partei im Reichstag.

"Mann ist Mann" nun spielt in den Militärbaracken von Kilkoa im Jahre 1925. Zu dieser Zeit ist Großbritannien noch Kolonialmacht in Indien. Zwar wurden dort schon während des ersten Weltkrieges Forderungen nach der Selbstregierung laut, doch erst 1935 gewährte Großbritannien parlamentarische Selbstverwaltung in den Provinzen. Weiterhin gab es schwere Auseinandersetzungen zwischen religiösen Gruppen: die islamische Moslem-Liga kämpfte gegen den, von westlich gebildeten Indern ins Leben gerufenen, Indian National Congress.

3. Genre

1. Brechts episches Theater

Das Adjektiv "episch" stammt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt "erzählend". "Erzählend" ist ein Merkmal, welches typisch für das Epische Theater ist. Es bedeutet, daß ein Schauspieler sich keinesfalls mit seiner Figur auf der Bühne identifizieren soll, sondern vielmehr aus ihr herausschlüpft. Anders, als im dramatischen Theater, in dem Darsteller und Figur handelnd ineinander verschmelzen, steht hier der Ausdruck des Zeigens im Vordergrund. Der Zuschauer soll in keine Bühnenaktion verwickelt werden, sondern dient als mitdenkender Betrachter. Um dem Verlauf der Handlung folgen zu können, muß eine gewisse geistige Aktivität an den Tag gelegt werden. Wo das dramatische Theater ein entspannendes Erlebnis sein soll, das Platz für Gefühle zuläßt und dem Betrachter Passivität zugesteht, fordert das Epische Theater. Aktiv möge der Zuschauer am Bühnengeschehen teilnehmen, mit der Zielsetzung, das eigenen Weltbild zu überdenken. Die epische Theaterform konfrontiert ihren Betrachter mit den Themen: durch Argumentation schließlich soll die Aussage des Stückes verstanden werden, Schritt für Schritt drängt der Autor in eine gewisse Richtung. Im Idealfall soll der Zuschauer zur Erkenntnis gelangen. Im dramatischen Theater sind Emotionen das Ziel: Der Betrachter wird in eine Situation hineinversetzt, soll sich vollends mit ihr identifizieren und bestenfalls gefühlsmäßige Reaktionen zeigen. Grundsätzlich wird der Mensch als bekannt vorausgesetzt: von seinen Eigenschaften her ist er entweder positiv oder negativ eingestellt, eine Entwicklung wird nicht erwartet. Ganz anders liegt hier die Zielsetzung des Epischen Theaters: Der veränderliche und verändernde Mensch steht im Mittelpunkt. Jener soll durch einen kritischen und distanzierten Zuschauer verstanden werden. In Bezug auf die Spannung innerhalb des Stückes spielt nicht der Ausgang die entscheidende Rolle, sondern der Verlauf der Handlung. Einzelne Szenen sind voneinander unabhängig und in sich geschlossen. Sie fügen sich in einer Art Montage zu einem Ganzen zusammen. Das Bühnengeschehen verläuft nicht stetig, sondern vielmehr in Kurven. Sprünge in der Handlung sind keine Seltenheit. Dem entgegen sucht das dramatische Theater das lineare Wachstum: das Geschehen entwickelt sich und baut zwangsläufig aufeinander auf. Zusammenfassend läßt sich sagen, daß das epische Theater den Menschen als Prozeß betrachtet: eine Persönlichkeit entwickelt sich, was der Zuschauer mit Hilfe seines Verstandes erkennen muß. Entgegengesetzt dazu betrachtet das dramatische Theater den Menschen als unveränderbar, also als fixiert. Hier bestimme das Denken das Sein, dort gilt: "das gesellschaftliche Sein bestimmt das Denken".

B. Brecht entwickelt seinerzeit diese neue Form des Theaters. Er strebte statt des Mitleidens, statt der Einfühlung des Betrachters in das dramatische Geschehen, das Mitdenken des Publikums an.

"Mann ist Mann" gehört auf jeden Fall in die Gruppe des epischen Theaters, wenn gleich Brecht erst im Jahre 1926 eine erste Konzeption dieser Theaterform verfaßt hat. Dennoch sind typische Elemente erkennbar: Beispielsweise tritt die Witwe Begbick beim "Zwischenspruch" deutlich aus ihrer Rolle heraus und begibt sich auf die erzählende Ebene. Somit erfährt der Zuschauer die Aussageabsicht ein weiteres Mal aus einer neuen Perspektive. Um zu verstehen, ist er allerdings gezwungen, mitzudenken. Ebenso wird sein Verstand gefordert, wenn das Geschehen durch kleine Lieder oder Sinnesprüche aufgelockert wird: Eine Schlüsselstelle ist beispielsweise das Lebensmotto der Begbick: "Beharre nicht auf der Welle Die sich an Deinem Fuße bricht, solange er Im Wasser steht, werden sich Neue Wellen an ihm brechen."

Insgesamt gesehen, soll der Betrachter das Gesehene bewerten und dazu eine kritische Distanz aufbauen, für "Mann ist Mann" bedeutet das konkret, über "Opportunismus und Kommunismus" nachzudenken

Abschließend ein Zitat von Brecht:

"Der Zuschauer des epischen Theaters sagt: Das hätte ich nicht gedacht.—So darf man es nicht machen.—Das ist höchst auffällig, fast nicht zu glauben.—Das muß aufhören.—Das Leid dieses Menschen erschüttert mich, weil es doch einen Ausweg für ihn gäbe.—Das ist große Kunst: da ist nichts selbstverständlich.—Ich lache über den Weinenden, ich weine über den Lachenden."

2. Stereometrische Strukturen

"Zum ersten Mal begegnet hier auch die für Brechts reife Dramen typische "stereometrische Struktur" (A.Wirth), d.h. die Durchführung von Themen und Motiven auf verschiedenen, einander erläuternden Spiel- und Kommentarebenen (Songs, Paraphrasen, Selbstvorstellungen der Figuren : "Ich bin die Witwe Begbick, und das ist mein Bierwaggon.")"

3. Form der Parabel

Die Parabel gehört zur Gattung der Epik.

In ihr spricht eine Autorität zu Uneinsichtigen, Ziel ist das appellative Verkünden einer Lehre: Zwar wird dem Zuschauer, der ja letztendlich sein vorheriges Weltbild überdenken möge (s.a. Episches Theater), nicht direkt eine Lehrmeinung aufgezwungen, aber dennoch versucht der Autor durch seine Strukturen, den Betrachter zu einer Erkenntnisgewinnung zu bewegen. Der "Zwischenspruch" ließe sich gegebenenfalls sogar dahingehend deuten, daß B.Brecht hier als Autorität eine Behauptung aufstellt, die schließlich begründet wird.

Raum und Zeit definieren sich aus der Erfahrungswelt der Angesprochenen, stehen aber oft in Beziehung zu etwas Fremden oder Unerwartetem: der Imperialismus war Mitte der zwanziger Jahre ein aktuelles Thema, welches sicherlich in der Öffentlichkeit diskutiert wurde. Erstaunlich für den Zuschauer dürfte allerdings die Ummontierung Gays dabei sein; in der Parabel legt der Handelnde zunächst ein merkwürdiges Verhalten an den Tag, was letztendlich jedoch einen tieferen Sinn offenbart: der "Kollektivbegriff" steht in Zusammenhang mit der Zielsetzung marxistischer Lehren.

Von ihrer Botschaft her, will die Parabel das Wahrscheinliche durchbrechen und aufzeigen, was sein sollte ( Kommunismus als überlegenswertes politisches System).

In Bezug auf die gesellschaftliche Funktion wird die Bildung oder Legitimation einer religiösen oder ideologischen Gruppenidentität angestrebt.

Berücksichtigt man nun diese ganz allgemeinen Bestimmungsfaktoren der Parabel, so dürfte sich "Mann ist Mann" mit Leichtigkeit in diese Gruppe einordnen lassen. Schließlich könnte das Drama letztendlich als eine Art "Werbung" für den Kommunismus oder umgekehrt "Absage an den Kapitalismus" dienen. Nach Interpretation der Bildhälfte, wäre es durchaus denkbar, zu diesem Ergebnis zu kommen.

Alles in allem liegt uns, wie die obigen Ausführungen deutlich machen sollten, bei "Mann ist Mann" eindeutig ein parabolischer Charakter vor.

4. Interpretation

1. Personenkonstellation

1. Galy Gay

Der rothaarige Ire Galy Gay ist der Protagonist dieses Stückes von Bertolt Brecht. Er arbeitet als Packer im Hafen. Seine Arbeit, die er verrichtet, ist schwer und monoton. Er lebt zusammen mit seiner Frau in einem Arbeiterviertel nahe Kilkoa in Indien. Eines Tages zieht er hinaus, um Fisch zu kaufen und kehrt nicht wieder heim. Er wird auf seltsame Weise zum britischen Soldaten Jeraiah Jip, einer "menschlichen Kampfmaschine".

Galy Gay erhält von seiner Frau, den Auftrag eine Flunder zu kaufen. Bevor er sich jedoch auf den Weg macht, bittet seine Frau ihn, auf sich acht zu geben. Ihrer Meinung nach habe Galy nämlich ein "weiches Gemüt". Sein großes Vertrauen in andere Menschen könne ihn nämlich anfällig für die Fischweiber machen, die sich geradezu nach Männern verzehrten.

Weiterhin warnt sie ihn vor den Soldaten. Von jenen besitzt sie ein ausgesprochen negatives Bild und fürchtet sich. Galy Gay hingegen zerstreut ihre Bedenken und glaubt, aufgrund seiner niedrigen Arbeit kein geeignetes Opfer zu ein. Wie auch im späteren Verlauf der Handlung, verhält sich Galy Gay hier naiv und gutgläubig [Seite 07]. Dieses Verhalten steigert sich später noch: Gay geht trotz zahlreicher Bedenken auf die Ansprache durch die Soldaten ein und läßt sich sogar abschleppen.

Aus den Worten seiner Frau läßt sich ein weiterer Charakterzug erkennen: Sie vergleicht ihn mit einem Elefanten (bzw. Gü terzug). Zwar fehle diesem Tier eine gewisse Leichtfüßigkeit, doch besitze es ein hohes Maß an Ausdauer. Habe Gay erst einmal "Feuer gefangen", so lasse er sich durch nichts mehr aufhalten. Deutlich wird diese schon fast blinde Stetigkeit in Galy Gays Verwandlung in einen Soldaten. Obwohl ab und an Lichtblicke bzgl. der eigenen Identität vorhanden sind, läßt sich Galy widerstandslos "ummontieren".

Beim Tragen des Korbes für die Witwe Begbick, erweckt Galy den Eindruck, als gefalle ihm das Plaudern mit ihr. Obwohl grundsätzlich stark materiell interessiert, stellt er seine Lohnforderungen zurück und "würde ihr gerne gefällig sein". Auch entscheidet er sich aus Gefallsucht bzgl. der Witwe für den Kauf einer Gurke, obwohl er an sich einen Fisch kaufen wollte. Dies zeugt nicht gerade von Konsequenz und Zielstrebigkeit. Gewiß wäre seine Frau reichlich enttäuscht. Zum einen gibt er sich charmant gegenüber einer Fremden, zum anderen bricht er das gegebene Versprechen. Überhaupt scheint Gay für seine Frau nicht mehr die ganz große Leidenschaft zu verspüren, bedauert er es doch, keine Pfeife mehr mit den Soldaten rauchen zu können: "Leider erwartet mich meine Frau in Kilkoa [Seite 17]".

Bedeutsam ist auch, daß Gay zwar mit der Zielsetzung, einen Fisch kaufen zu wollen, aufbricht, später jedoch eine Gurke ersteht. Grund dafür ist die Witwe Begbick. Aus finanziellen Gründen trägt er ihr den Korb. Deutlich wird eine gewisse Geschäftstüchtigkeit, da Gay spontan ein "Arbeitsverhältnis" eingeht. Ein großes materielles Interesse ist demnach erkennbar, beharrt Gay doch zunächst intensiv auf sein Geld. Allerdings gibt er eigentlich grundlos diese Forderungen auf und schmeichelt statt dessen der Witwe. Schlußfolgernd könnte Gay also durchaus eine opportunistisch Charakterfärbung besitzen [Seite 16] .

Von sich selber sagt er, daß er ein komischer Mensch sei, der für eine angestrebte Sache, die er unbedingt haben möchte, alles tun würde [Seite 15]. Als er die Soldaten trifft, geht er trotz der vorher von ihm ausgesprochenen Furcht zu ihnen hin. Dies macht deutlich, daß er das Verbotene liebt, und trotz besseren Wissens, seinen Gefühlen folgt [Seite 20].

Außerdem begleitet Gay die Soldaten in den Bierwaggon, der Witwe Begbick. Dort wird ihm von den Soldaten eine Uniform angelegt, was er willenlos über sich ergehen läßt. [Seite 21]. Er ist in dieser Szene so naiv, so daß er sogar seine Angst aufgibt und eine Art Tunnelblick entwickelt. Er richtet seine Aufmerksamkeit (Blick) lediglich auf den Lohn, den er für das Spielen des Jeraiah Jip beim Appell erhalten würde [Seite 23].

Nach diesem Dienst hätte er eigentlich das Lager verlassen und zu seiner Frau zurückkehren können. Er aber sagt, daß ein Mann nicht gehen solle, wenn er verwiesen würde, da er vielleicht doch wieder brauchbar wäre. In diesem Moment stellt er wieder seine Inkonsequenz unter Beweis, da er nicht sein ursprüngliches Ziel der Heimkehr verfolgt, sondern im Lager bleibt [Seite 27].

Galy Gay wird von dem Soldaten Polly Baker, als ein "irisches Mammut" tituliert, was an sich ein recht ungewöhnlicher Vergleich ist [Seite 31], aber in Beziehung zu den Aussagen Gays, einem Elefanten zu gleichen, stehen: ein Mammut ist nämlich eine ausgestorbene Elefantenart der Eiszeit, bis zu vier Meter hochgewachsen, stark behaart und mit langen Stoßzähnen ausgestattet.

Als die Soldaten ihm ihr Leben in der Armee schmackhaft machen, ist sein materialistisches Denken noch nicht überzeugt. Erst als die Soldaten ihm von dem möglichen Handel erzählen und ihm eine Gewinnbeteiligung [Seite 39] vorschlagen, stimmt Gay zu.

Er selber sagt von sich, daß er "für fast jedes Geschäft der Richtige" sei, und daß obwohl er nicht einmal schreiben könne [Seite 41]. Demnach scheint er teilweise durchaus ein gewisses Selbstbewußtsein zu besitzen, was aber offensichtlich rein materiell begründet ist.

Sogar als seine Frau im Lager erscheint, und er von Sergeant Fairchild diesbezüglich gesucht wird, berichtigt er zwar seinen Namen, von Gray auf Gay, verleugnet sich aber im Anschluß daran vor seiner Frau. Ein ziemlich krasses Verhalten: Er gibt vor, seine Frau nicht zu kennen. Demonstriert ihr gegenüber also absolut keine Wertschätzung und läßt vermuten, sie niemals wirklich geliebt zu haben. Außerdem verurteilt er ihre Worte als "dumm und unschicklich". Auch bekennt er sich hier in aller Deutlichkeit zu einer anderen Identität; folglich läßt er Standfestigkeit, Prinzipientreue, Eigenliebe und jegliches Selbstbewußtsein vermissen [Seite 42].

Bevor der Handel beginnt, sagt Galy Gay, daß er noch einen Schluck Alkohol möchte und dann "hinein ins das Leben". Hieraus läßt sich schlußfolgern, daß er sich auf den Handel und die neuen Erfahrungen freut. Er erwartet sie sogar sehnsüchtig [Seite 49], scheint vorher also nicht allzu glücklich gewesen zu sein.

Galy Gay wird von den drei Soldaten darüber aufgeklärt, daß in Form der Witwe Begbick, ein Interessent für den Elefanten "Billy Humph" vorhanden sei. Er fragt sie, ob sie mit dem "offensichtlich gefälschten" Elefanten zufrieden sei und preist ihn an. Sie bejaht es. Dies zeigt deutlich, daß Loyalität für Galy Gay ein Fremdwort ist: skrupellos würde er die Witwe Begbick mit dem Verkauf betrügen [Seite 51].

Auch beweist er einmal mehr seine materielle Steuerung. Allein die Aussicht auf Geld manipuliert Gay so stark, daß dieser nicht auf seinen Verstand hört. An sich hätte nämlich ein jedermann den Elefanten als unecht erkennen müssen.

Bei der Übergabe des Schecks wird Galy Gay, wie unter den Soldaten abgesprochen, verhaftet. In der folgenden Verhandlung gerät er in ein Kreuzverhör, bei dem er sich in Widersprüche verstrickt. So sagt er zum Beispiel, daß er nicht beim Handel gewesen sei, aber bezeugen könne, daß der Verkäufer Galy Gay hieß . Dies macht deutlich, daß er zwar einerseits noch etwas für seine frühere Identität empfindet, andererseits aber versucht, "seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen". Gay steht nicht zu seinen Taten, handelt feige und argumentiert unlogisch [Seite 54].

Aus lauter Verzweiflung bittet er die Witwe Begbick, ihm den Bart abzuschneiden, um seine Unschuld zu bekräftigen. Die Witwe Begbick denunziert ihn aber, indem sie den Bart den Soldaten gibt, die ihm damit ein schlechtes Gewissen attestieren und ihn somit als Schuldigen anprangern. Dies macht deutlich, daß er sich angesichts der bevorstehenden Strafe, also einem psychischen Druck, nicht gewachsen ist. Er handelt in dieser Situation wie ein unbedachtes Kind, daß probiert, seine Haut zu retten, dabei aber nicht bemerkt, daß er sich sein eigenes "Grab" gräbt. Am Ende möchte er schon fast Jeraiah Jip sein, um sich somit dem drohenden Tod zu entziehen. Dies deuten wir als eine absolut menschliche Regung, die aus einer Todesangst resultiert [Seite 58].

Im Zug nach Tibet erkrankt Galy Gay fiebrig und glaubt Galy Gay zu heißen. Als Sergeant Fairchild sich seinen "Jonny" abschießt, kommentiert er dies trocken: " Er hat sich sein Geschlechtsteil abgeschossen". Größtes Erstaunen dürfte diese Äußerung an sich hervorbringen. Der Sergeant kastriert sich und vernichtet somit endgültig seinen Fortpflanzungstrieb. Diese Komponente scheint Gay überhaupt nicht zu interessieren. Offenbar hat er mittlerweile Sex als eine wesentliche menschliche Handlung völlig aus seinem Bewußtsein gestrichen und agiert als eine Art Maschine. Geschlechtstriebe haben sich in ein Mordbedürnis umgemünzt [Seite 77]. Auf jeden Fall scheint er das Verhalten Fairchilds überhaupt nicht zu verstehen, sondern ihm eher eine gewisse Schuld zu geben: " jetzt sehe ich, wohin diese Hartnäckigkeit führt, und wie blutig es ist, wenn ein Mann nie mit sich zufrieden ist und so viel Aufhebens aus seinem Namen macht [Seite 77]. Gay befürwortet bei anderen offensichtlich eher den namenlosen Helden, für ihn selbst scheint es wichtig zu sein, später verkünden zu können, er habe die Festung zerstört [Seite 84]. Egoistisch verkündet er durch das Megaphon seinen Namen, wenngleich er sich durchaus als Mitglied der Gruppe bezeichnet.

Am Schluß des Stückes glänzt Jeraiah Jip alias Galy Gay durch seine überwältigende Kampfkraft: er allein zerstört die Bergfestung Sir El Dchwor und nimmt seinen Kameraden die Pässe ab. Dies macht deutlich, daß er seinen Platz im Kollektiv gefunden hat. Aus einem individuell lebenden "Nichts" ist eine "Kampfmaschine" im Kollektiv geworden [Seite 85].

2. Charles Fairchild, genannt der "Blutige Fünfer", Sergeant

Charles Fairchild ist Sergeant der britischen Armee und Vorgesetzter der Maschinengewehrabteilung. Auf den ersten Blick ist er ein berechnender, kaltblütiger, leidenschaftlicher Soldat, dem sein Name und seine Position sehr bedeutend sind. Fairchild proklamiert, seiner Meinung nach aufgrund der fehlenden Disziplin und der daraus resultierenden Unordnung, den Untergang der Menschheit. Er bezeichnet seine Soldaten am Anfang des Stückes als Abschaum [Seite 26]. Der Respekt seiner Soldaten resultiert aus seinem "Ehrentitel" "Blutiger Fünfer".

Bei Regen wird Sergeant Fairchild sehr sinnlich, vernachlässigt sogar seine Prinzipien. Aufgrund der scheinbar recht starken Regenfälle, die auf die Monsunzeit hinweisen könnten, macht sich dieser Sexualtrieb recht deutlich: Als er die Witwe Begbick trifft, verfällt er ihr, wird ihr hörig, und sein ehrwürdiger Ruf, "Blutiger Fünfer" beginnt zu bröckeln [Seite 25]. Dies geht soweit, daß er zu einem Treffen mit der Witwe Begbick nicht in seiner geliebten Uniform, sondern in Zivil, schwarzer Anzug und Melonenhut, erscheint. Dieses Verhalten fordert seinen Soldaten natürlich keinen Respekt ab, fühlen sich vielmehr ihm überlegen. Obwohl Fairchild an diesem Abend schon reichlich dem Alkohol zugesprochen hat, läßt er sich dennoch zu einem Kunstschießen animieren. Zum einen will er sicherlich seinen Soldaten sein Können beweisen, zum anderen übt er sich in billigstem Imponiergehabe gegenüber der Witwe. Auch fordert jene ihn heraus, doch die Herkunft seines Ehrentitels zu erzählen. Zwar verfehlt der Sergeant das Ziel total, aber zeigt er an dieser Stelle deutlich seine Abhängigkeit von Begbick. Ihre Meinung sei ihm sehr wertvoll, wenn nicht sogar maßgeblich [Seite 62f]. Ebenso läßt sich in dieser Szene durchaus eine erotische Atmosphäre feststellen, Fairchild blickt ihr tief in die Augen und vermittelt auch sonst den Eindruck, an der Witwe nicht nur für ein Gespräch interessiert zu sein.

Als schließlich ein Soldat den Sergeant sucht, bittet Fairchild die Anwesenden, ihn zu verleugnen. Offensichtlich ist ihm sein Erscheinungsbild peinlich, er schämt sich seiner selbst [Seite 64]. Die Soldaten besitzen mittlerweile keinen Respekt mehr vor ihrem Vorgesetzen. Sie fragen, ob er in seinem Zustand tatsächlich noch ein Kommando erteilen wolle und befehlen ihm, aufzustehen. Dazu ist der Sergeant kaum mehr in der Lage. Deutlich hat sich das Kräfteverhältnis zwischen dem Vorgesetzen und den Soldaten verändert. Beobachtbar wird dieser Machtverlust insbesondere dann, als Polly Fairchilds Bemühen, sich zu erheben, verurteilt und ihm "einen Tritt in den Hintern verpaßt" [Seite 64].

Die Gestalt von Charles Fairchild rekurriert auf altem Heldentum, auf den soldatischen Helden und dessen Bewährung in Uniform. Seine Persönlichkeit verdankt er freilich einer verbrecherischen Tat. Für ihn ist die Uniform Schutz, Versteck aus mangelnder Persönlichkeit. Die Vorgabe eines Charakters, über den er gar nicht verfügt, hilft ihm bei seinen Untergebenen Ehrwürde und Unnahbarkeit zu hinterlassen. Dies verstärkt er noch, indem er wie ein "menschlicher Taifun", durch die Reihen seiner Soldaten schreitet und versucht, sich abzugrenzen.

Natürlich bemerkt Fairchild die Respektlosigkeit seiner Soldaten. Um dennoch die Ehre seines Namens wiederzugewinnen, schreitet er zur Selbstkastration. Solch ein Verhalten zeugt keines-wegs von Selbstbewußtsein. Durch eine absolut fragwürdige, geistlose Handlung glaubt der Sergeant, Ansehen erneut zu gewinnen. Statt dessen erntet er Spott und Gelächter [Seite 77].

Offenbar glaubt Fairchild, sich im Laufe der Handlung nicht verändert zu haben; seiner Meinung nach könne er allein durch die Entfernung seines Geschlechts sein früheres Ansehen wiederherstellen. Doch dies stimmt nicht.

Fairchild steht im krassen Gegensatz zu dem Individualität erlangenden Galy Gay. Durch seine Selbstkastration verdeutlicht er seine Charakterlosigkeit, bekennt er sich doch nicht öffentlich zu seiner einzigen menschlichen "Schwäche". Mit dieser Tat hat er sich nicht als Mensch oder Individuum bewiesen, sondern seinen ordinärsten Trieb als Lebewesen vernichtet hat. Aus einem ehrwürdigen Sergeant ist ein menschliches "Nichts" geworden.

3. Leokadja Begbick, Besitzerin des Bierwaggons

Die Irländerin Leokadja Begbick ist Kantinenbesitzerin auf dem Lagerplatz der Soldaten. Bevor sie mit ihrer Arbeit bei der Armee begonnen hat, hat sie als verheiratete Frau mit ihrem Mann zusammengelebt. Jener ernährte sie, verstarb aber eines Tages aus unbekannten Gründen. Offenbar hat sie ihn geliebt, findet sie doch bislang nichts Vergleichbares. Nach dem Tod ihres Mannes beweist sie Geschäftstüchtigkeit, vermietet sie doch umgehend das Zimmer. Somit scheint sie sich nicht durch große Trauer um ihren Mann belastet zu haben, sondern setzt sich sogleich mit der Realität auseinander. Außerdem zeigt sie, selbst ihren Lebensunterhalt verdienen zu können [Seite 46]. Mittlerweile ist sie eine Berühmtheit geworden und stolze Besitzerin einer Lokalität. Sie hat es geschafft, mit ihrem "Bierwaggon" bei der britischen Armee eine Institution aufzubauen [Seite 18].

Überhaupt scheint die Witwe Begbick ein gesundes Maß an Selbstbewußtsein zu besitzen. Schwierige Situationen, wie den Tod ihres Mannes, meistert sie und geht daraus als eine Gewinnerin hervor. Veränderungen stellen für sie offenbar eher eine Chance, denn ein Problem. Flexibilität und Optimismus sind gewiß wichtige Charakterzüge. Deutlich wird diese Gesinnung auch in den folgenden vier Zeilen, einer Art Lebensmotto der Witwe, das im Werk viermal genannt wird [Seite 45ff]:

"Beharre nicht auf der Welle Die sich an deinem Flu ß bricht, solange er Im Wasser steht, werden sich Neue Welle man ihm brechen",

Es soll aussagen, daß es während ihres Lebens immer wieder neue Dinge geben wird, die sie ernähren, bzw. weiterbringen.

Gewis sermaßen scheint der "Trinksalon" nicht nur Platz der Sünde zu sein, sondern auch "Zufluchtsstätte" [Seite 19]. Vermutlich betätigt sich die Witwe teilweise als gute Zuhörerin und vermittelt Geborgenheit.

Als sie den Sergeant Fairchild trifft, erwähnt sie öffentlich, daß er kein "netter" Mann sei [Seite 19]. In einer der nächsten Szenen kokettiert sie aber mit ihm, da die Soldaten sie darum gebeten hatten und sie dafür etwas bekommen soll. Daraus läßt sich schlußfolgern, daß sie materiell denkt und für Geld sogar bereit ist, sich zu prostituieren. Dieser Eindruck findet schließlich auch seinen Beweis: Berühmtheiten hätte sie als Edelhure ihre Dienste geleistet [Seite 83].

Vermutlich kann der "Bierwaggon" Begbicks mit einer Art Bordell gleichgesetzt werden: die Soldaten singen dort deutliche Lieder. So zum Beispiel die Zeile, "Mit Toddy, Gum und hai, hai, hai", was soviel bedeutet, wie "Grog, Drogen und Sex, Sex, Sex" [Seite 18f].

Die Witwe Begbick ist materiell sehr auf ihren Vorteil bedacht, da sie zum Beispiel bei dem Elefantenhandel mitspielt. Als Lohn haben die Soldaten ihr versprochen, ihren Bierwaggon abzubauen [Seite 53]. Gleiches Verhalten wird deutlich, als sie bereit ist, sich für sieben Monatslöhne neben den kranken Galy Gay zu legen [Seite 72].

Sicherlich kann man der Witwe eine gewisse Skrupellosigkeit nicht absprechen. Deutlich wird dies nicht nur in ihrer Einstellung zur Prostitution, sondern beispielsweise auch, als Fairchild über die Kastration spricht. Dort antwortet sie nur lapidar: " Dann reiße dir Deine Mannheit aus." [Seite 77]. Ebenso bleibt sie bei Fairchilds Resümee über sein Dasein als "blutiger Fünfer" ausgesprochen kühl [Seite 76].

Sie erfährt in dem Drama keine spezielle Änderung, sie bleibt, wie sie ist und lebt.

4. Uria Shelly, Jesse Mahoney, Polly Baker & Jeraiah Jip

Uria Shelley, Jesse Mahoney, Polly Baker und Jeraiah Jip sind Mitglieder der Maschinengewehrabteilung und sprühen vor Elan, endlich in den Krieg zu ziehen [S.8].

Die vier Männer sind stolz auf den zweifelhaften Ruf der MG-Abteilung als "Abschaum" zu gelten . Offenbar scheut sich diese Einheit nicht, skrupellos, brutal und gewalttätig vorzugehen [ S. 20].

Das Militär scheint für Uria, Jesse, Polly und Jeraiah Lebensinhalt zu sein. Sie sind kriegslüstern und äußerst zufrieden mit ihrem Aufgabenbereich, für den sie als Lohn einen Sold erhalten.

Beim Einbruch in die Pagode verlieren die Soldaten ihren vierten Mann, Jeraiah Jip. Als sie feststellen, Jip nicht aus der mißlichen Lage befreien zu können, fühlen sie sich gezwungen, einen Ersatz zu schaffen. Weniger bemühen sie sich langfristig um ihren Kameraden, als vielmehr um den guten Eindruck bei der Armee. Für sie spiele die Persönlichkeit eines Menschen keine Rolle, eher glauben sie an die Austauschbarkeit: " Es muß einen neuen Jip geben. Man macht zuviel Aufhebens mit Leuten. Einer ist keiner." Von wesentlicher Bedeutung ist nur, daß ein Paß vorliegt. Existiert der, so könne eine fremde Person durchaus diese neue Identität übernehmen [S.36]. Solch ein Verhalten beweist klar ein fehlendes Rechtsempfinden, Unmenschlichkeit und Gewissenlosigkeit.

Um den fehlenden Mann zu ersetzen, würde das Trio sogar einen Mord in Kauf nehmen [S.30]. Ein derartiges Denken demonstriert wiederum größte Skrupellosigkeit, gepaart mit einem hohen Maß an Egoismus.

Betrachtet man das Tagewerk von Uria, Jesse, Jeraiah und Polly wird man feststellen, daß es an sich nur aus fragwürdigen Taten besteht. Obwohl die vier erst neu in der Gegend sind [S.8], begeben sie sich nicht auf Entdeckungstour, sondern sorgen sich um ihren Alkoholvorrat [S.8]. Um jenen aufzubessern, der offenbar zu klein erscheint, tätigen sie den Einbruch in die Pagode...[S.9]. Erkennbar ist also ein zutiefst kriminelles, unzivilisiertes und primitives Verhalten, wofür sie sich augenscheinlich nicht schämen. Beispielsweise ist Jip am hellichten Tage schon reichlich betrunken [S.12]. Neben den Verbrechen, dem grausamen Kriegstreiben und vermutlich schon einer Alkoholsucht spielt auch Sex eine wesentliche Rolle im Leben von Soldaten.: lustvoll beschreiben einige Männer das wilde Treiben im Bierwaggon [S.18].

Von Bedeutung ist auch, daß Uria, Jesse und Poly zwar beschließen, ihren Kameraden in der Pagode zurückzulassen, gleichzeitig jedoch fordern, seinen Paß zu erhalten. Uria begründet es damit, daß ein Mann jederzeit ersetzt werden könne, aber es nichts Heiliges mehr gebe, wenn es nicht ein Paß sei [Seite 10]. Für sie also dürfte eine Person wertlos sein, solange ihr Fehlen von anderen Menschen nicht bemerkt würde. Wäre Jeraiah Jip beispielsweise bei einem Unfall ums Leben gekommen, hätten sie Galy Gay nicht benötigt, doch die verbrecherische Tat, bei der er zurückblieb, würde Aufsehen in der Armee erwecken und Konsequenzen nach sich ziehen.

Die vier sind im Auftrag der britischen Armee in Indien und ziehen bald weiter im den Krieg nach Tibet. Tibet ist wegen des immensen Reichtums an Baumwolle so begehrt für die britische Besatzungsmacht [Seite 56].

Als sie den Packer Galy Gay auf der Straße sehen, scheint er nicht nur, wegen seiner Haarfarbe, als Ersatz für Jeraiah Jip geeignet. Sie versuchen nun, ihn zu überzeugen, für einen Tag Jeraiah Jip zu sein. Nachdem die Vortäuschung beim Appell gelungen ist, schicken sie nun den benutzen Galy Gay nach Hause. Das zeugt von ihrer Kurzsichtigkeit: Naiv glauben sie, ihren wahren Kameraden Jip wieder problemlos in die Maschinengewehrabteilung integrieren zu können. Unmöglich wäre das allerdings allein durch die Tatsache, daß ihm "ein halbes Pfund Haare" fehlt, was auf jeden Fall bemerkt würde [Seite 28].

Somit scheuen sie sich nicht, Gay ein weiteres Mal für ihre Zwecke zu gebrauchen. Da die Befreiung Jips aus der Pagode mißlingt, fahren sie mit der Ummontierung Gays bedenkenlos fort. Wiederum verdeutlichen sich gewissenloses Gedankengut und Skrupellosigkeit [S.36].

Bei dem Handel mit dem falschen Elefanten, legen die Soldaten erneut ihren Besitz an krimineller Intelligenz frei. Längst haben sie die Manipuliertbarkeit und das starke Materielle Interesse von Galy Gay erkannt und nutzen es dementsprechend aus [S.46]. Deutlich ist diese Art der Menschenkenntnis übrigens schon geworden, als das Trio Gay im Gespräch mit Witwe Begbick beobachtet [S.17]: Jener könne nicht "Nein sagen", was sich schließlich auch bewahrheitet hat.

Alles in allem entsteht von den vier Soldaten auf jeden Fall ein ausgesprochen negatives Bild: man gewinnt den Eindruck von gewalttätigen, gewissenlosen und primitiven Verbrechern.

2. Sinn & Zweck des Handels

Nach dem vergeblichen Versuch, ihren Kameraden Jeraiah Jip aus der Pagode zu befreien, steht für die Soldaten fest, einen langfristigen Ersatz beschaffen zu müssen. Anfangs ist Galy Gay problemlos bereit, in die Rolle Jips zu schlüpfen, später hingegen ist gute Überzeugungsarbeit durch die Soldaten notwendig [S.38]. Neben einer äußerst positiven Beschreibung des Leben beim Militär, konstruieren Uria, Polly und Jesse einen Handel. Gay ist ohnehin stark materialistisch geprägt und läßt sich nur allzu gerne in das Geschäft einbinden: schließlich wird ihm eine Gewinnbeteiligung versprochen [S.39f.].

Kurz bevor sich Gay durch das Locken der Soldaten vom Heimgehen abhalten läßt, bezeichnet er sich noch deutlich als Galy Gay. Er wolle nicht Jip sein, weil er eine andere Persönlichkeit habe, sich seiner Individualität also noch bewußt ist.

Sobald jedoch von einem Geschäft die Rede ist, vernachlässigt Gay seine Rückkehr nach Hause und bleibt stehen. Die Soldaten beschreiben das Geschäft in schillernden Farben und übertreiben in Bezug auf die Größe maßlos. Gay scheint zwar interessiert, sicherlich motiviert durch seine materielle Prägung, zieht sich jedoch zurück, als die Soldaten eine Rasur des Bartes als Bedingung nennen. ( "Bei allen bärtigen Völkern wird der Bart als Zeichen der Kraft, des Mutes, der Weisheit und als Zierde der Männlichkeit betrachtet, daher auch sorgfältig gepflegt und für heilig gehalten.) Erst als das Objekt des Handels genannt wird, ein Elefant nämlich, ist Gay endgültig überzeugt. Er weiß um den Wert eines solchen Tieres und bricht geradezu in eine Leidenschaft aus. Probleme könnte gegebenenfalls der "Blutige Fünfer" bereiten. Gay jedoch überblickt die Lage, zerstreut etwaige Bedenken durch seine Selbsteinschätzung, ein kluger Kopf zu sein. Zur Demonstration seines Wissens, gibt er ein Rätsel auf, welches jedoch nicht gelöst wird. (Zum Schimmel sei folgendes gesagt: "Zum ausgesprochenen Sinnbild der Majestät wird das sonnenbezogene strahlende weiße Pferd der Apokalypse; sein Reiter ist der, der Treu und Wahrhaftig" heißt, Christus." Gay spricht nun gegensätzlich zur positiven Symbolik von einem blinden Tier, welchem es somit an Perfektion mangelt. Gegebenenfalls wird an dieser Stelle bereits indirekt auf den weiteren Verlauf der Handlung angesprochen? Womöglich läßt sich ein Bezug zwischen Gay und dem blinden Schimmel feststellen, schließlich entwickelt sich Gay alles andere als traditionell tugendhaft, feiert aber dennoch seine Erfolge ) Die Soldaten wirken respektvoll, auch über das gute Gedächtnis Gays. Seine Schreibschwäche ist für sie nicht von Interesse. Anschließend bietet Gay von seinen Zigarren an und gibt auch Feuer. Hiernach beweist Gay sein hohes Maß an körperlicher Kraft, indem er das schwerste vorhandene Gewicht stemmt. Wiederum scheinen die anderen beeindruckt, auch von Gays Zugehörigkeit zum Ringerclub. Während Gay den anderen von seinen Vorzügen berichtet, reicht Uria ihm ein Bier.

Auf der Suche nach ihrem Mann, betritt Gays Ehefrau den "Bierwaggon". Vorher hat Gay seinen Namen gegenüber Fairchild noch von "Gray auf Gay" korrigiert, den anderen eine kurze Wesensbeschreibung seiner Frau gegeben und behauptet, er habe Blut geleckt. Niemand brauche sich in dieser Situation zu fürchten. Im Gespräch mit seiner Frau allerdings, beschimpft er sie als verstandslos und leugnet seine echte Identität. Als seinen Namen nennt er "Jeraiah Jip", und in einem kurzen Lied schon deutet er an, daß "der Mond von Alabama untergehen müsse" und neue aufstiegen. Quasi weist er hierdurch auf seine Persönlichkeitsveränderung hin, auch die Soldaten sprechen die Ummontierung direkt an [S.46]. Jene soll gänzlich durch den Handel vollzogen werden. Somit bauen die Soldaten einen künstlichen Elefanten und weihen die Witwe Begbick in ihren Plan ein. Fest davon überzeugt, Gay halte die Attrappe für ein echtes Tier, stellen die Soldaten Gay den Elefanten vor und erklären den Handel. Gay soll hierbei den Tierbesitzer darstellen, wobei er um das Verschweigen seines Namens bittet, ein Anzeichen von Unsicherheit und Furcht. Bevor das Geschäft offiziell beginnt, gibt sich Gay weltmännisch, raucht und trinkt edel. Fortan begebe er sich hinein in das Leben. Die Begbick tritt als Käuferin auf und besteht auf den leicht demolierten Elefanten, obwohl Gay Zweifel hegen. Als die Nachricht von einem Kontrollgang des Sergeant ertönt, wird Gay allein mit dem Elefanten zurückgelassen. Hierbei sinniert er einen Augenblick, stellt für sich persönlich den Zugewinn an Geld über das Hinterfragen der Situation, den Gebrauch seines Gedächtnis. Schließlich kauft Begbick den Elefanten, treibt den Preis sogar noch in die Höhe und stellt Gay, der immer noch auf seiner Anonymität beharrt, einen Scheck aus. Während der Übergabe schließlich wird Gay verhaftet und als Verbrecher bezeichnet....

Für das Drama bildet der Handel strukturell und inhaltlich die Mittelachse. Deshalb obige Informationen kurz zusammengefaßt:

Hier dokumentiert sich sie Verwandlung Gays in einen Soldaten: vor der Auseinandersetzung mit dem Geschäft, bekennt sich Gay zu sich selbst (S.39), kurze Zeit später gibt er sich vor seiner Frau als Jip aus.

Hier wird auf verschiedenen Wegen der Schnitt dargestellt, der individuelle Tristesse von einem aufregenden Leben trennt (S.49). Hier wird Gay plötzlich als Konsument kostspieliger Genußmittel dargestellt (S. 49). Hier gebraucht er militärisches Vokabular, begibt sich auf die animalische Ebene ("Blut lecken") und demonstriert deutlich, auf die Liebe, Zärtlichkeit und Geborgenheit seiner Frau verzichten zu können (S.42f). Hier wird bereits in ersten Ansätzen ein verändertes Machtverhältnis deutlich, in dem sich Gay über die Soldaten stellt, und jene ihm ihren Respekt entgegenbringen (S.41).

Hier beweist Gay in aller Klarheit, daß er es nicht scheut, zugunsten von materiellem Gewinn seinen Verstand auszuschalten.

Objektiv betrachtet stellt dieser Handel nichts als Lug und Betrug dar. Warum dieses Geschäft theoretisch trotzdem funktioniert, klären die folgenden Zeilen: Grundsätzlich findet der Handel nur seine Berechtigung, weil es einen richtigen Anbieter und Konsumenten gibt. Dadurch erhält das falsche Produkt, der Elefant, sein Echtheitssiegel. Der Konsument, bzw. Verbraucher, bestimmt mit seinem Interesse, das Produkt, die Menge und den Preis. Übertragen in die Wirklichkeit, so bezeichnet sich diese Beziehung als "Fordismus", ein Sachverhalt, sich auf H.Ford gründet:

Der Fordismus beteiligt die Arbeiter an den Gütern, die sie herstellen. Dadurch war es ihnen auch möglich, diese käuflich zu erwerben. Sie erhielten mehr Lohn, um an Fortschritt teilhaben zu können. Fords Parole war "Auto für Massen", er wollte das nicht nur die Reichen sich ein Auto leisten können, sondern auch die Arbeiter, die Massen. Ford vertrat die Meinung: "Das Geld, das die Räder treibt, stammt von den Konsumenten." Somit wird der Endverbraucher zum eigentlichen Produzenten, was bedeutet, daß er die Räder antreibt und bestimmt was in welchen Mengen produziert wird. Brecht hat diesen zeitgenössischen Hintergrund zweifellos gekannt und in seinem Buch verarbeitet.

3. Sinn und Zweck der Erschießung

Gay wird verhaftet und als Verbrecher bezeichnet. Schließlich hat er sich nicht geweigert, das gefälschte Produkt zu verkaufen. Somit eröffnet sich den Soldaten leicht eine Möglichkeit, Galy Gay zu überführen. Eigenartig ist, daß sie ihn am Anfang nicht wegen Betruges verhaften, sondern wegen Diebstahls von Armee- Eigentum. Demnach ein deutliches Indiz, Gay auf der militärischen Ebene halten zu wollen und ebenso weiterhin die Ummontierung zu wünschen.

Die Anklage lautet, eine Person namens Galy Gay habe einen Elefanten aus dem Armee- Eigentum gestohlen und hätte diesen weiterverkaufen wollen. Der wahre Galy Gay fürchtet sich, seinen richtigen Namen zu nennen und sich zu der Tat zu bekennen. Paradoxerweise verleugnet er seinen Namen, bestätigt aber, das einer Namens Galy Gay den Elefanten verkaufen wollte. Durch ein Kreuzverhör der Soldaten verstrickt er sich aber immer tiefer in Widersprüche. Folglich wirkt Gay äußerst verdächtig, was die Soldaten als Anlaß nehmen, ihn zum Tode durch ein Exekutionskommando zu verurteilen... Aus der Hoffnung heraus, sich durch die Vorstellung als Jip vor der Strafe retten zu können, bekennt er sich erneut zu der Identität des Anderen [S.58].

Die Erschießung hat im Drama den Zweck, die Verwandlung von Galy Gay zu komplettieren. Der verurteilte Packer Galy Gay wird von den Soldaten für die Erschießung vorbereitet. Seine Exekution soll von einem fünfköpfigen Erschießungskommando vollstreckt werden. Ihm werden die Augen verbunden, so daß ihm verborgen bleibt, daß die Soldaten nur in die Luft zielen. Das barbarische Verhalten von Uria Shelly, er traktiert den hilflosen Galy Gay, gleicht dem, eines kaltblütigen Mörders. Er spielt so lange mit dem Verurteilten, bis dieser schließlich bei dem Kommando "Feuer!!" ohnmächtig zusammenbricht. In dieser Situation sind die Soldaten absolut berechnend. Nachfolgende Schüsse in die Luft sollen Galy Gay von seinem Tod überzeugen.

Das Leben ist für einen Menschen sein höchstes Gut. Um dieses zu schützen, würde er fast alles tun. Deswegen dürften die Bemühungen Galy Gays, dem Tode zu entrinnen, mehr, als verständlich erscheinen. Gay liebt sein Leben und wägt bei der Entscheidung, seine Identität zu wechseln oder umgebracht zu werden, einfach ab. Zu diesem Zeitpunkt wäre die Scheinerschießung nicht mehr von Nöten gewesen, doch die Soldaten wollten auf Nummer sicher gehen. Durch die Angstzustände und die daraus resultierende Ohnmacht bekommt nicht nur sein Gehirn, sondern auch sein Herz das Verlangen seine Identität zu wechseln.

Als Galy Gay, nun Jeraiah Jip, aufwacht, wird ihm erzählt, daß sein langjähriger Freund Galy Gay verstorben ist und er eine Grabrede auf ihn zu halten habe. Dies befolgt er auch.

Seine Grabrede wirkt leicht zynisch, wenn man bedenkt, daß er sie auf sich selber hält. Doch sie verdeutlicht seine Einstellung: "Einer ist keiner!", die er immer wieder in der Rede anführt. So sagt er zum Beispiel, daß es keinen Unterschied macht, ob man nun Ja oder Nein sagt, Galy Gay ist oder nicht, bzw. ein Jahr früher oder später geboren wird.

Alles in allem hat Gay seine vorherige Identität vollständig abgelegt. Das Erschießen und die Beerdigung waren die endgültigen Beweise, daß Gay als einfacher Packer aus Kilkoa nicht mehr existiert. Was lange auf theoretischer Ebene vorbereitet worden ist, erhält in der Ermordung seine Wirklichkeit. Das Ergebnis der Ummontierung liegt vor, es ist praktisch greifbar geworden.

4. Symbolismus des Elefanten

Elefanten sind große Rüsseltiere, die als Pflanzenfresser in Herden leben. Als königliche Reittiere sind sie den Göttern Indra und Shiva heilig. Sie gelten als Symbol der Souveränität und Festigkeit. Weiterhin schätzt man ihn als weises Tier mit einem herausragenden Gedächtnis, als Führer in guter Richtung, auch als besonders keusch. Obwohl der Elefant gerne als Wesen unbesiegbarer Kraft bezeichnet wird, besitze er gleichzeitig die Tugend der Besonnenheit.

Insgesamt verbindet man mit ihnen also positive Eigenschaften: beispielsweise werden Elefanten in der Kunst auch gerne als Bewohner des irdischen Paradieses dargestellt.

Mit diesen Aussagen im Hinterkopf, wenden wir uns nun den Elefanten im Drama zu. Brecht arbeitet augenscheinlich gerne mit diesem Symbol. Bereits auf Seite 7 läßt er Frau Gay ihren Mann mit einem Dickhäuter vergleichen. Zwar nicht direkt als einen Elefanten, aber wohl als ein "irisches Mammut" bezeichnet Polly Gay auf Seite 31.

Um Gay für die Armee zu gewinnen, locken sie ihn mit einem Handel, an dessen Ertrag er beteiligt werden soll. Es geht um den vermeintlichen Verkauf eines Elefanten, wobei für diesen Zweck ein künstliches Tier gebastelt wird. Gay allerdings glaubt aus verschiedenen Gründen nur allzu gern, daß dieser Elefant ein echter sei..(S.46 ff.).

Das Zwischenspiel für das Foyer schließlich handelt auch von einem Elefanten, genauer gesagt einem Elefantenkalb, welches ein Verbrechen begangen haben soll.

Insgesamt dürfte unschwer zu erkennen sein, daß dieses Tier bei "Mann ist Mann" eine entscheidende Rolle spielt. Bezöge man nun die erstgewonnenen Erkenntnis bzgl. des Elefanten auf Galy Gay, so entstünde von jenem ein ausgesprochen positives Bild. Dies entspräche an sich den Tatsachen, denn Gay entwickelt sich schließlich zum Erfolgsmenschen: durch sein stetiges Entfernen von seiner früheren Persönlichkeit, schlüpft er problemlos in die Rolle Jeraih Jips. Im Kollektiv, quasi also einer Herde, feiert er später sogar große Erfolge, gelingt doch durch sein Verhalten die Zerstörung der tibetanischen Festung.

Aufgrund der vielen herausragenden Eigenschaften, ist es kaum mehr erstaunlich, warum für den Handel ausgerechnet ein Elefant herhalten soll. Immerhin gilt das Tier als heilig und dürfte somit einen ganz besonderen Wert besitzen.

Wenn Polly Gay mit einem irischen Mammut vergleicht, so kommt das zweifelsohne einem großen Kompliment gleich. Für den Soldaten scheint der schlafende Gay also durchaus eine kraftvolle Ausstrahlung zu besitzen.

Das Elefantenkalb im Zwischenspiel könnte vielleicht als Sahnehäubchen dienen und dem ganzen thematisch eine runde Komponente geben. Hierzu nur dieser kurze Satz, da das Zwischenspiel einer gesonderten Interpretation bedürfte.

Alles in allem sollte man die häufige Verwendung des Symbols sicherlich als geeignete Untermalung des Inhaltes verstehen.

5. Aussageintention

Das zentrale Thema des Dramas "Mann ist Mann" ist die Aussage "Einmal ist Keinmal", sie besagt, daß das eine Mal eine Identifikation nicht möglich macht, also der eine Fall noch keine Bestimmung zuläßt. Erst die sinnbildliche Reihe läßt Bestimmung und Bestimmtheit zu. Angewendet auf den Protagonisten dieses Stückes, Galy Gay, bedeutet es, daß der Einzelne ohne einen sozialen Verband und ohne Mitmenschen unbestimmt und unbestimmbar ist.

"Über weniger als zweihundert zusammen kann man gar nichts sagen."

(Gesammelte Werke; Band 1/ Seite 327)

Aus dieser Tatsache heraus entwickelt sich das Stück zu einer kleinen soziale Erkenntnistheorie. Dies zeigt sich in der Textpassage der Grabrede auf Seite 68, "Einer ist keiner. Es muß ihn einer anrufen.". Der Mensch kann erst sozial bestimmt werden, wenn er in einem Kollektiv lebt und sich kommunikativ verständigt und behauptet. Der Mensch wird uniformiert, was in diesem Drama durch die Armee aufgezeigt wird. Die daraus resultierende Individualität, die Galy Gay am Ende des Dramas auszeichnet, ist ein Resultat des Kommunikationsprozesses. Dabei ist es für Bertolt Brecht positiv, daß Galy sein eigentliches Kostbarstes, sein Ich, aufgeben muß, wobei er sozusagen sowieso nichts besitzt. Denn dieser Galy Gay nimmt eben keinen Schaden, sondern er gewinnt.

Hier besteht der Zusammenhang zum Fordismus, der seine Bestätigung in der Gleichheit des Massenkonsums findet. Dieser wird freilich positiv gedeutet, indem der Protagonist, Galy Gay, durch die Verwandlung eine Persönlichkeit gewinnt, die nicht auf Konsum, sondern auf Produktion beruht: die menschliche Kampfmaschine.

Herbert Ihering schreibt: "Wer am Morgen als beschauliches Individuum auszog,, marschiert am Abend als Nummer unter Tausenden, als Kollektivbegriff, als Soldat nach Tibet."

Der Kritiker entwickelt eine recht negative Intention des Dramas? Wollte Brecht tatsächlich einen derart schlechten Eindruck von der Ummmontierung hinterlassen? Wenn ja, warum wird Galy Gay dann als Held gefeiert, warum bejubelt man die "menschliche Kampfmaschine" so stark?

Offensichtlich ist aus dem unbekannten Packer aus Kilkoa eine Berühmtheit geworden, die zwar seine ursprüngliche Persönlichkeit aufgegeben hat, ansonsten aber als Gewinner bezeichnet werden kann. Zumindest macht Gay beim Beschießen der Festung keinen unglücklichen, sondern eher einen siegessicheren, selbstbewußten Eindruck.

Eine erstaunliche Entwicklung, denn grundsätzlich gilt der Verlust der Individualität ja eher als fragwürdig. Hier aber ist die Gemeinschaft das Ziel, nicht der Einzelne. Weiterhin eigentümlich ist der Eindruck, das Kriegstreiben würde als positiv dargestellt werden. Schließlich wird Gay vor allem durch den Einsatz seiner Waffe zum Vorbild, das die anderen bewundern.

Eine Erklärung wäre vielleicht die Berücksichtigung marxistischer Lehren. Erstaunen dabei ließe nur, daß erste Entwürfe für das Drama bereits 1920 entstanden, eine intensive Beschäftigung Brechts mit kommunistischem Gedankengut jedoch erst auf das Jahr 1926 datiert wird. Dennoch gäbe es durchaus gewisse Parallelen: Wie der Feudalismus durch die bürgerliche Revolution vom Kapitalismus abgelöst worden sei, so werde zwangsläufig der Kapitalismus durch die proletarische Revolution vom Kommunismus abgelöst werden. Es solle eine herrschaftsfreie und klassenlose Gesellschaft existieren, in der nach einer revolutionären Umwälzung das Privateigentum an Produktionsmitteln in Gemeineigentum überführt werde und alle Mitglieder soziale Gleichwertigkeit besäßen. Konkret bedeutet dies eine Billigung von Gewalt zum Erreichen des Zieles. Gerade solch eine Entwicklung zeigt das Drama: an die Stelle des Individuums rückt das Kollektiv.

Ein anderer Deutungsansatz wäre, über eine gewisse gesellschaftskritische Ironie des Stückes nachzudenken. Grundsätzlich fordert Brecht ja dem Zuschauer in Bezug auf das epische Theater sowie einen Erkennunsprozeß ab. Der Betrachter solle sein Weltbild überdenken und aufgefordert werden, (natürlich möglichst im Sinne Brechts) eine Veränderung herbeizuführen. Im Drama könnte sich demnach für den Zuschauer die Frage stellen, warum der Krieg ausgerechnet eine derart positive Schilderung erfährt. Somit würde bewußt das Schreckliche geschönt, um das Publikum zum Mitdenken zu animieren. Gleichwohl könnte sich der aufmerksame Zuschauer kritische Gedanken zur Verführungkraft des Kollektivs machen...

( Naziregime).

Auf welche Deutung es auch immer hinauslaufe, so verlangt Brecht auf jeden den Fall einen kritischen Betrachter, der bereit ist, seinen Verstand einzusetzen. Als ein von kommunistischen Ideologien beseelter Autor, wäre die Anlehnung an den Marxismus sicherlich akzeptabel.

6. Das Elefantenkalb

Das Elefantenkalb bildet den Anhang zu "Mann ist Mann". Es entstand 1925/26 unter dem Titel "Oder die Beweisbarkeit jeglicher Behauptung". Es beweist den Mord an einer Person, die noch lebt, wobei der Mörder nicht der ist, der er ist. Es wird die Logik der Unlogik, bzw. der Sinn des Unsinns bewiesen. Das Stück steigert den Parabelcharakter des Buches.

Bertolt Brecht wendet sein Spiel gegen das zeitgenössische Theater und ebenfalls gegen die Wirklichkeit der Zeit, der der entlarvende Spiegel vorgehalten wird. Die Gerichtsszene Brechts scheint auf den Kopf gestellt zu sein. Der Angeklagte ist verurteilt, ehe das Gericht beginnt; nicht das Gericht hat seine Schuld zu erweisen, er ist aufgefordert, seine Unschuld zu beweisen, was prompt zum "Beweis" seiner Schuld führt.

Zusammenhang mit Hauptteil von Mann ist Mann:

Parallelen: Es wird jeweils ein Geschäft mit einem Gegenstand getätigt, der nicht existiert. Ebenfalls gibt es jeweils das Spiel mit dem Elefantenkalb, in dem ein "falscher" Mord behandelt wird.

Das Zwischenspiel durchbricht die parabolische Fiktionalität.

Galy Gay, in der Rolle des Elefantenkalbs, wird die Logik der Unlogik zu "bunt", zu zynisch: er hält seinen Mitspielern vor, daß sie sich nicht ans Spiel hielten, an seine Regeln, er bricht aus der Rolle aus, zerstört die ohnehin nicht gewahrte Fiktion endgültig: auf dem Theater wird falsch gespielt, der Einsatz und die Regeln sind nicht erkennbar, die Rollen beliebig, die Illusionierung nur Illusion. Galy Gay, sich der Wirklichkeit zuwendend, lädt das buchstäblich verarschte Publikum zum Boxkampf ein: "Der Verderbtheit unseres Theaterpublikums rührt daher, daß weder Theater noch Publikum eine Vorstellung davon haben, was hier vor sich gehen soll. In den Sportpalästen wissen die Leute, wenn sie ihre Billette einkaufen, genau, was sich begeben wird; nämlich, daß trainierte Leute mit feinstem Verantwortungsgefühl, aber doch so, daß man glauben muß, sie machten es hauptsächlich zu ihrem eigenen Spaß, in der ihnen angenehmsten Weise ihre besonderen Kräfte entfalten."(15,81f.)

Der Boxring ist das ehrlichste Theater, die eigentliche Vergnügungsstätte, die Brecht nicht nur in der altehrwürdigen Institution des Theaters propagiert, sondern durch sein Publikum aufsuchen läßt. Das Elefantenkalb ist der Exodus im Theater. Die gezinkten Karten werden weggeworfen: der ehrliche K.o. aufgesucht.

Das Stück nimmt die umgekehrte Kreidekreisprobe vorweg, wie sie dann im kaukasischen Kreidekreis ausgeführt wird. Jesse (Mutter des Elefantenkalbs) wird eine Schlinge um den Hals geworfen: die Soldaten ziehen auf der einen Seite, Galy Gay, als der "Sohn" auf der anderen Seite: er soll seine Kraft als Sohn beweisen, was er prompt tut, den Strick um Jesses Hals festzurrend: "Nicht das, was du dachtest, hast du bewiesen, als du so roh gezogen hast, sondern nur das, daß du niemals Sohn oder Tochter dieser unglücklichen gemarterten Mutter sein kannst." (1,388).

7. Eigene Meinung

Brecht selbst äußert sich folgendermaßen zu "Mann ist Mann": "Sie werden sicher auch sagen, daß es eher bedauernswert sei, wenn einem Mensch so mitgespielt und er einfach gezwungen wird, sein kostbares Ich aufzugeben, sozusagen das einzige, was er besitzt, aber das ist es nicht. Es ist eine lustige Sache. Denn dieser Galy Gay nimmt eben keinen Schaden, sondern er gewinnt. Und ein Mensch, der eine solche Haltung einnimmt, muß gewinnen. Aber vielleicht gelangen Sie zu einer ganz anderen Ansicht. Wogegen ich am wenigsten etwas einzuwenden habe.(1927)."

Brecht fordert also geradezu eine individuelle Meinung, eine eigene Meinung zu opportunistischem Verhalten heraus.

Möglicherweise ist es machbar, durch das prinzipienlose Anpassen an die jeweilige Lage, günstig seine Ziele zu erreichen. Leute, die anderen zum Munde reden, sind teilweise recht beliebt, teilweise werden sie jedoch als "Schleimer" abgetan. Allein nach Zweckmäßigkeit zu handeln, zeugt nicht gerade von bester Charakterstärke. Viel erstrebenswerter erscheint es dagegen, eine Persönlichkeit aufzubauen und Courage zu beweisen.

Von den Fakten her macht Galy Gay zwar auf jeden Fall Karriere, doch mit welchem Ergebnis: "Er wird eine "menschliche Kampfmaschine" und setzt brutal seine Waffe ein. Wüßte man nicht, daß Brecht schon in seiner Jugend pazifistische Aufsätze geschrieben hat, so könnte man das Drama schnell mißverstehen: ein Hosianna auf den Krieg, was Brecht wohl kaum ausdrücken wollte!

Ebenso befremdend ist es, sich bei demokratischer Herkunft mit kommunistischem Gedankengut anzufreunden.

Sympathisch hingegen ist das Anliegen Brechts, durch die Form des Epischen Theaters zum Nachdenken anzuregen. Somit wird man mit leichter Hand gezwungen, zu einer eigenen Meinung zu gelangen, die durchaus von der des Autors abweichen darf.

Alles in allem ein Stück, dessen Bearbeitung interessant war. Wie schon gesagt, bereitet es Schwierigkeiten, sich mit der positiven Zeichnung Gays anzufreunden, die alles andere als ehrlich, charakterstark und friedliebend ist.

Details

Seiten
21
Jahr
1998
Dateigröße
396 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v95479
Note
13 Pkt.
Schlagworte
Brecht Bertolt Mann Klasse Deutsch-Leistungskurs

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Titel: Brecht, Bertolt - Mann ist Mann