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Die politische Kultur nach Almond und Verba

Seminararbeit 1998 18 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

I. Die Entstehungsgeschichte der politischen Kultur

II. Das „Civic- Culture“- Modell
1. Die Herausbildung von politischer Kultur in einer Gesellschaft
2. Die Rolle gemeinsamer historischer Erfahrungen
3. Die „reinen“ Typen politischer Kultur
4. Mischformen der politischen Kultur
5. Kulturelle Vorraussetzungen für Demokratiestabilität

III. Rückblick
1. Ergebnisse der „Civic- Culture“- Studie am Beispiel der USA und der BRD
2. „The Civic Culture Revisited“
3. Die Bedeutung für die Vergleichende Regierungslehre

Resumée

Vorwort

In dieser Arbeit sollen Geschichte, Methoden und Erkenntnisse der "Civic Culture"Studie näher beleuchtet werden. Im ersten Kapitel möchte ich die geschichtlichen Grundlagen von Gabriel Almond und Sidney Verba`s Forschungen darstellen. Zwar reichen Ursprünge bis zu Aristotoles und Montesquieu zurück, jedoch lege ich in dieser Arbeit mehr Wert auf Charles E. Merrian's Arbeiten, da sie der Grundstein für Almond und Verba`s Forschungen waren. Dabei soll vor allem deutlich werden, daß die Erforschung der politischen Kultur kein "Sprung ins kalte Wasser" war, sondern daß die Thesen und Theorien schon vorher diskutiert wurden.

Im nächsten Kapitel stelle ich das „Civic- Culture“- Modell vor. Zuerst werden die Faktoren beschrieben, die die politische Kultur der Bürger herausbilden und beeinflussen. Dabei wird vor allem deutlich, welch große Rolle die Familie und „intermediäre Strukturen“, aber auch die Autoritätsbeziehungen am Arbeitsplatz spielen. Danach wird auf die Unterscheidung zwischen „reinen“ und „gemischten“ Typen politischer Kultur eingegangen. Mit der Einteilung in diese Typenmodelle versuchten Almond und Verba schließlich den Typen zu bestimmen, der zur Erhaltung der Stabilität einer Demokratie am dienlichsten ist. Darauf geht der letzte Punkt dieses Kapitels ein.

Das abschließende Kapitel zeigt rückblickend wichtige Ergebnisse der „Civic- Culture“- Studie am Beispiel der USA und der BRD. Es werden große Unterschiede zwischen den beiden Demokratien deutlich. Diese Ergebnisse werden mit denen der „Civic- Culture- Studie“ verglichen, die ca. 20 Jahre später stattfand. Hierbei treten wieder Unterschiede auf, die in verschiedensten Faktoren ihren Ursprung haben. Abschließend gehe ich auf die Bedeutung der politischen Kulktur für die vergleichende Regierungslehre, und welche Möglichkeiten sie ihr eröffnet hat, ein.

I. Die Entstehungsgeschichte der politischen Kultur

Unmittelbare Vorläufer der politischen Kultur waren Arbeiten von Almonds damaligem Lehrer Charles E. Merriam, Teile der „Civic Education Series“, genannt „The Making of Citizens“.

Diese Studie war von den unterschiedlichen Verhaltensweisen der im 1.Weltkrieg verwickelten Länder inspiriert.

Die „Making of Citizens“- Studie begann Anfang der 20‘er Jahre mit der Untersuchung der unterschiedlichen Entwicklungen in Großbritannien, der Sowjetunion, Deutschland, Frankreich, dem Austro-Ungarische Reich, Italien, Schweiz, und, zur Repräsentation einfacher Gesellschaftsformen, den Stamm der Duk Duks von Melanesien. Merriam`s Beitrag bestand aus abgeschlossenen Arbeiten über „Civic Training“ (1931) und später „Civic Training in the United States“ (1934) Merriam`s Anliegen war die Erklärung des Zusammenbruchs des Austro- Ungarischen Reichs, sowie das Wiedererrichten der Grenzen in Zentraleuropa und dem Balkan nach dem 1. Weltkrieg, da hier Rollen von nationalistischen, ethnischen, sprachlichen und religiösen Faktoren deutlich wurde.

Zu seiner Unterstützung konnte Merriam verschiedene Kollegen gewinnen, die seine Vorstellungen in den oben genannten Ländern umsetzen sollten. Merriam`s Ideen waren der erste Versuch, politische Prozesse soziologisch und psychologisch zu erklären. Damit beeinflußten Merriam und seine Mitarbeiter entscheidend, was später als „behavioral approach“ zu einem wichtigen Feld der amerikanischen Wissenschaft werden sollte.

Dennoch war die Studie nach Almond’s Meinung von vornherein zum Scheitern verurteilt:

„ The Civic Training project was fated to be disappointing, given the discrepancies between the training capacities, and interests of its participants, and Merriam`s ambitions. “ 1 2

Zunächst verschwand das „Civic Training“- Projekt in der Versenkung. Almond war jedoch von Merrian`s Ideen sehr angetan und war der Überzeugung, daß er dessen Arbeit mit schärferen Theorien und verbesserten Methoden fertigstellen könnte. Almond berief sich in seinen Arbeiten vor allem auf den systemtheoretischen Ansatz von Talcott Parsons3 und die idealtypische Methode Max Webers4. Nach Almond’s Auffassung war der überwiegend institutionell- verfassungsrechtliche Vergleich politischer Systeme nicht hinreichend genug, da

- die Stoffauswahl der vergleichenden Regierungslehre fast ausschließlich auf den nordamerikanischen und europäischen Raum beschränkt sei,
- jedes Regierungssystem als ein in sich geschlossenes, einzigartiges Ganzes betrachtet würde, ohne die verschiedenen Regierungsformen systematisch untereinander zu vergleichen,
- aufgrund der rein verfassungsrechtlich- formellen Untersuchung die gesellschaftlichen Grundlagen des jeweiligen politischen Systems vernachlässigt worden seien.5

So wurde Mitte der fünfziger Jahre in immer größerem Maße nach universellen, umfassenden Kategorien des Systemvergleichs gesucht. Nachdem der erste Weltkrieg schon die dramatischen Unterschiede nationaler Verhaltensweisen und Moral aufzeigte war nun nach dem zweiten Weltkrieg die Frage offen, warum die Weimarer- und die dritte französische Republik zusammenbrachen und die Demokratien Großbritanniens und der USA stabil blieben. Dies versuchten Almond und Verba mit dem Vergleich von fünf Demokratien6 zu hinterfragen. Der Schwerpunkt Almond`s Interesses liegt dabei auf dem sozialen und politischen Handeln der Mitglieder einer Gesellschaft sowie den Einflußgrößen, die dieses Handeln bestimmen

II. Das „Civic- Culture“- Modell

1. Die Herausbildung von politischer Kultur in einer Gesellschaft

Die Herausbildung eines Wertesystems in einer Gesellschaft ist von zahlreichen Faktoren beeinflußt. Zum einen ist die politische Sozialisation in der Familie ein wichtiger Faktor für die Vermittlung von Werten und Einstellungen. Sie ist die erste Institution, die Meinungsbildung auf das zu sozialisierende Individuum ausübt. Im weiteren Verlauf des Lebens spielen dann Kleingruppen, insbesondere Gleichaltrige eine große Rolle in der politischen Sozialisation. Wird die Wertbildungen des Einzelnen fast nur durch diese Gruppen beeinflußt, kann es zur Entstehung von "Sub- Kulturen", wie der "Hippie"-, "Beat"- oder "Drogen"- Kultur kommen7. In enger Beziehung zu den Einflüssen dieser Gruppen steht die Herausbildung von "intermediären Strukturen", also freiwillige Zusammenschlüsse wie Clubs, Sportvereine, Handelskammern, die Einflüße anderer gesellschaftlicher Strukturen verstärken oder ihnen entgegenwirken8.

Ähnlich wirken auch Autoritätsbeziehungen am Arbeitsplatz, die sich auch auf Autoritätsverhältnisse in anderen gesellschaftlichen und politischen Bereichen des Lebens auswirken. Das Streben der Gewerkschaften nach Mitbestimmung ist in diesem Sinne zu verstehen. Die Mitbestimmung stellt den Versuch dar, die vorherrschenden Autoritätsverhältnisse zu demokratisieren, um sie so mit den demokratischen Verhältnissen in anderen gesellschaftlichen Bereichen, vor allem dem politischen Bereich, in Einklang zu bringen.

Neben einigen anderen Faktoren sind vor allem o.g. Faktoren von enormer Bedeutung für die Herausbildung politischer Einstellungen. Das Individuum wird in diesen Bereichen "politisch erzogen": Es lernt, gewisse Orientierungen gegenüber Autoritätsstrukturen, dazu gehört auch das politische System, einzunehmen. Auf diese Weise bildet sich das auf die Gesellschaft bezogene Wertesystem eines Individuums heraus.

In der heutigen Zeit wird die politische Sozialisation in immer größer werdendem Maße von den Medien (TV, Zeitungen, Hörfunk, Internet) bestimmt. Zum Einen vermitteln die Medien selbst bestimmte Einstellungen dem politischen System gegenüber, zum Anderen benutzen politische Parteien die Medien zur Verbreitung ihrer politischen Ansichten, was in besonderem Maße im Wahlkampf deutlich wird.

2. Die Rolle gemeinsamer historischer Erfahrungen

Neben den Faktoren, die individuelle Einstellungen einer Person prägen, gibt es auch Einflüsse, die eine Gesellschaft als Ganzes beeinflußen.

So können beispielsweise Kriege, Seuchen, politische und wirtschaftliche Krisen und ähnliche Ereignisse das "kollektive Gedächtnis" einer Gesellschaft bilden. Das "kollektive Gedächtnis" kann eine Gesellschaft noch Generationen später beeinflussen. Maurice Duverger vertritt beispielsweise die Auffassung, daß in Frankreich ein großes revolutionäres Bewußtsein vorhanden sei, daß auf den Sturm der Bastille 1789 zurückzuführen sei. Als weitere Beispiele nennt Dirk Berg- Schlosser9 die Angst der Deutschen vor der Gefährdung ihrer Wirtschaft oder die traumatischen Reaktionen der Bevölkerung der USA auf den Vietnamkrieg.

3. Die „ reinen “ Typen politischer Kultur

Almond und Verba betrachten die politische Kultur als die Summe psychologischer Orientierungen zu politischen Objekten10. Die Orientierungen setzen sich aus Meinungen, Einstellungen und Werten zusammen. Meinungen sind die kurzlebigsten Orientierungen. Ein Beispiel hierfür wäre die Auffassung zu einer politischen Tagesfrage. Einstellung meint beispielsweise die Präferenz für eine politische Partei. Werte dagegen sind grundlegende normative Aspekte wie die Betonung mehr individueller Freiheit oder sozialer Gerechtigkeit. Zwischen allen drei Ebenen besteht ein „kognitiver Druck“, untereinander übereinzustimmen.

Abb.1:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Jedoch kann in Fällen einer „kognitiven Dissonanz“ das Verhalten von den eigentlichen Einstellungen abweichen, etwa durch besondere psychische oder situative Umstände11. Da die Trennung dieser drei Ebenen schwer durchzuführen ist, faßt man sie zu politischen Orientierungen zusammen. Zur Kennzeichnung der Situationen, auf die sich seiner Ansicht nach politische Orientierungen und Handlungen beziehen, verknüpft Almond das Konzept der politischen Kultur mit seinem Input/Output- Modell des politischen Systems12:

Tab.1:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die input- Strukturen entsprechen den Forderungen und Unterstützungen gegenüber dem politischen System („supports“ und „demands“) und haben die Funktion der Interessenartikulierung („interest articulation“), Interessensammlung („interest aggregation“) und Rekrutierung politischer Führungskräfte („political recruitment“).

Die output- Strukturen erfüllen die legislativen, executiven und judikativen Funktionen des politischen Systems („rule making“, „rule adjudication“, „rule application“). Dabei ist zwischen verschiedenen Arten politischer Kultur zu unterscheiden:

- die parochiale („parochial“) politische Kultur, der Personen und Gruppen beschreibt, die keine Beziehung zum politischen System haben,
- der „Untertanen“-(subject) Typ, charakterisiert eine wissensmäßige und möglicherweise wertende, gefühlsmäßige Orientierung in Bezug auf das politische System, insbesondere in Bezug auf den „output“,
- der teilnehmende („participant“) Typ politischer Kultur, der sich auf Personen bezieht, die sich sowohl an den „input“ wie auch die „output“- Strukturen orientieren. Sie geben ihre eigenen Interessen an das politische System weiter, suchen Unterstützung bei Gleichgesinnten und rekrutieren politische Führungspersönlichkeiten aus ihren eigenen Reihen. Sie versuchen also soweit wie es möglich ist, das politische System zu beeinflußen.

Tab.2:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mit diesen drei Typen13 kann man nach Almond`s Auffassung die politische Kultur einer Gesellschaft kennzeichnen:

„Die politische Kultur einer Nation zu charakterisieren heißt, in der Tat, eine derartige Matrix für einen repräsentativen Querschnitt einer Bevölkerung auszufüllen. Die politische Kultur stellt die Häufigkeit der verschiedenen Arten wissensmäßiger, gefühlsmäßiger und bewertender Orientierungen gegenüber dem politischen System im allgemeinen und seinen input und output- Strukturen dar14

4. Mischformen der politischen Kultur

Die oben genannten Klassifikationen sind „Idealtypen“, wie sie in der Realität in reiner Form nicht vorkommen werden. Sie treten vielmehr als „Mischformen“ in Erscheinung. Verschiedene Kombinationen der o.g. Einstellungen können sowohl bei Individuen, als auch in der Gesellschaft oder Teilen von ihnen auftreten. Die endgültige Klassifizierung wird durch die Orientierung bestimmt, die in einer Gesellschaft überwiegt. Innerhalb einer Gesellschaft können dennoch in bestimmten Bereichen Unterschiede bezüglich der politischen Kultur auftreten. Solche Unterschiede können sich entweder regional („Bayern-Preußen“, „Nord-Süd“ in den USA) oder soziologisch (Rasse, Religion, sozialer Status etc.) untereinander abgrenzen. Kann man Teile einer Gesellschaft nach diesen Kriterien unterscheiden, so spricht man von „Subkulturen“. Das regionale und nationale Auffassungen und Orientierungen stark variieren können zeigt die untere Tabelle15:

Tab.3: Was w ü rden B ü rger machen um die regionale und nationale Politik zu beeinflussen ? (1959 (in %))

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese Tabelle einer Befragung in Großbritannien aus dem Jahre 1959 beispielsweise zeigt erhebliche Unterschiede bezüglich des Protestpotentials innerhalb der Bevölkerung. regionalen Bereich ist das Protestpotential mit 34% fast doppelt so hoch wie im nationalen Bereich (18%). Gleichzeitig ist die Anzahl der teilnahmslosen Bevölkerung im nationalen Bereich (32%) höher als im lokalen Bereich (23%)16

Für Almond und Verba gab es drei Mischformen der politischen Kultur, die empirisch von besonderer Bedeutung sind:

- Die erste Form ist die Mischung aus „Parochialen“- und „Untertanen“- Strukturen. Diese Mischform herrschte im mittelalterlichen Europa vor. In einem solchen System bleibt der größte („parochiale“) Teil der Bevölkerung vom politischen System unberührt. Nur ein sehr kleiner Teil ist sich des politischen Systems und dessen Auswirkungen bewußt. Jedoch sind die Mitglieder einer solchen Gesellschaft den Herrschenden gefügig und probieren erst gar nicht, Einfluß auf politische Entscheidungen zu nehmen..
- Eine weitere Form ist die „Untertanen- Teilnehmende“- Kultur. Parochiale Strukturen sind verschwunden und jeder weiß um die Existenz einer Zentralregierung und den persönlichen Einschränkungen, die sie jedem Einzelnen auferlegen kann. Ein Teil dieser Gesellschaft, die „Teilnehmden“, versucht jedoch die Entscheidungen des politischen Systems zu beeinflußen, orientieren sich also auch am „input“ an das System. Viele europäische Nationalstaaten des letzten Jahrhunderts gehörten zu dieser Kategorie.
- Die dritte Mischform ist die „Parochiale- Teilnehmende“. Charakteristisch hier sind traditionale Subgruppen wie Stämme, Sippen usw ,die mit einer politischen Elite vereint, die sich mit einem großräumigen nationalen Gebilde identifiziert. Viele Länder der sogenannten „dritten Welt“ befinden sich in einer solchen Mischform mit extremen kulturellen Unterschieden zwischen „Eliten“ und „Massen“

5. Kulturelle Vorraussetzungen f ü r Demokratiestabilit ä t

Nun sind uns verschiedene Mischformen von politischen Kulturen bekannt. Alle Typen der politischen Kultur sind gekennzeichnet durch die politisch- kulturellen Orientierungen der Individuen (Mikro- Ebene) und deren Einfluß auf die Stabilität demokratischer Systeme (Makro- Ebene). Die zentrale Frage lautet jedoch: Welcher Typ politischer Kultur ist im größten Maße stabilitätsfördernd? Almond und Verba bezeichnen diesen Typ als die Staatsbürgerkultur („Civic Culture“). In ihr sind alle drei Typen der politischen Kultur vereint, wobei der „teilnehmende“ Typ überwiegt. Der Bezug von Kultur auf Struktur ist jedoch nicht einseitig, sondern vielmehr wechselseitig. Dieses Verhältnis ist auch die Grundlage für ein Raster, mit dem die Autoren die Stabilität politischer Systeme bewerten wollen (Tab.4). „Kongruenz“ von politischer Kultur und politischer Struktur erhöht demnach die Systemstabilität17.

Tab.4: Kongruenz oder Inkongruenz politischer Kultur und politischer Struktur

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

((+) bedeutet starke Ausprägung von Kenntnissen, positiven Gefühlen oder Wertorientierungen; (-) bedeutet häufiges Auftreten negativer Gefühle/ Bewertungen; (0) bedeutet häufiges Auftreten indifferenter Einschätzungen)

III. Rückblick und Ausblick

1. Ergebnisse der "Civic Culture"- Studie am Beispiel der USA und der BRD

Die "Civic Culture"- Studie dauerte von 1957 bis 1962. Diese Zeit umfaßte die letzten Jahre der USA unter Eisenhower, sowie die Regierung Kennedys. Die amerikanischen Soldaten kehrten als Sieger zurück. Das ganze Land war erfüllt von Nationalstolz. Nebenbei erblühte die amerikanische Wirtschaft, und ein Wohlfartsstaat wurde aufgebaut.

In dieser Zeit waren die USA ein Musterbeispiel für die "Staatsbürgerkultur": Hohes Maß an politischem Interesse und politischer Bildung, emotionale Bindung und Glaube an das politische System. Das Deutschland (damaliges Westdeutschland) zu dieser Zeit war dagegen noch weit von einer Staatsbürgerkultur entfernt. Zwar waren die Bürger weitestgehend über das politische System informiert und mit dessen Output auch zufrieden, doch war kaum emotionale Bindung zum System oder gar Nationalstolz zu erkennen. Dies lag einerseits natürlich an den Geschehnissen im zweiten Weltkrieg, andererseits auch daran, daß die Unabhängigkeit von den Siegermächten noch in den Kinderschuhen steckte und erst gegen Ende der Adenauer`schen Regierung fortschritt.

2. "The Civic Culture Revisited"

Zwei Jahrzehnte später wiederholten Almond und Verba die Studie18. Sie stellten fest, daß sich die politischen Kulturen geändert hatten. Die Staatsbürgerkultur, wie sie zu Zeiten der "Civic Culture"- Studie vorherrschte, existierte in den USA nicht mehr. Stattdessen sank das Vertrauen in die Regierung, die emotionale Bindung an das System ging zurück. Stolz auf das Land war man zwar immer noch, jedoch bezog der Stolz sich nicht mehr so sehr auf die Regierung. Deutschland (West) dagegen entwickelte sich zu einem Land mit einer politischen Kultur, die weitestgehend der Staatsbürgerkultur entsprach: Das Land kam seit den 60er Jahren zu wirtschaftlicher Blüte und war in der Welt als unabhängiger Staat akzeptiert und respektiert. Die Bürger identifizierten sich mit dem politischen System und der Regierung, sie waren aktiv am politischen Geschehen interessiert und beteiligt.

Erklären kann man die Wandlung politischer Kultur mit demographischem, sozialem und ökonomischem Wandel19. Beispiele, mit demographischem Wandel angefangen, wären z.B. die Altersverteilung innerhalb einer Population, deren Wachstumsrate ("Baby Boom"), regionale Verteilungen usw. So fand in den USA zwischen den 60er und 70er Jahren eine "kulturelle Revolution" statt, insbesondere in den späteren 60ern als Reaktion auf den Vietnam- Krieg.

Damit wurde eine politische Polarisation zwischen der "Sozialen Rechten" ,als Gegenpol zur feministischen, bürgerrechtlichen, für sexuelle Mobilisierung eintretenden Linken, in Bewegung gesetzt. Auch spielten ökonomische Veränderungen, wie die Ausbreitung des tertiären Sektors, eine tragende Rolle. Dadurch, daß die USA immer mehr eine Dienstleistungsgesellschaft wurden und die Industrie an Bedeutung verlor, verschob sich auch die Klassentruktur und damit auch die Zielsetzungen der ehemals linken Parteien, die sich nun nach rechts bewegten. Dies sind nur einige von vielen Faktoren, die den Wandel der politischen Kultur beeinflußten.

Zu bemerken wäre hierbei, daß Deutschland zu Zeiten der Nachfolgestudie noch weit von einer Dienstleistungsgesellschaft entfernt war, und oben genannte ökonomische Probleme noch keine Rolle spielten sondern vielmehr erst später zum Vorschein kommen sollten.

Eine wichtige Erkenntnis der "Civic Culture Revisited"- Studie war, daß die politische Kultur wandlungsfähig ist, auch wenn die Autoren mit solch raschem Wandel nicht gerechnet haben:

"...we surely did not appreciate how quickly, and how steep the curves of change were going to be." 20

3. Die Bedeutung f ü r die vergleichende Regierungslehre

Entgegen der rein institutionell- verfassungsrechtlichen Vergleichsmethode früherer Forschungen eröffnet die Erforschung der politischen Kultur nun die Möglichkeit, aufgrund des in der jeweiligen Gesellschaft bestehenden Wertesystems Rückschlüsse auf die Lebensfähigkeit eines politischen Systems zu ziehen.

Dies gilt vor allem für demokratische Systeme, da sie sich, im Gegensatz zu autoritären und totalitären System, nicht auf militärischen Zwang stützen. Ein demokratisches System ist immer auf die Unterstützung, den "support" der Bevölkerung angewiesen.21

Laut Harry Eckstein22 ist die Einstellung aller Arten von Autorität und insbesondere politischer Autorität gegenüber verantwortlich für Funktionieren oder Nichtfunktionieren von bestimmten Autoritätsstrukturen in einer Gesellschaft. Als Beispiel für solch eine fehlende Übereinstimmung nennt Eckstein die Weimarer Republik23. Dort seien sehr demokratische Strukturen in einem Land eingeführt worden, in dem eine "Untertanenkultur" vorherrschte. Diese führte zu Spannungen und Instabilität im politischen System, was schließlich im Sturz des Systems gipfelte. Rein theoretisch kann die Erforschung der politischen Kultur dazu dienen, herauszufinden, welches politische System welcher Kultur entspricht24. Es gibt Gesellschaften, die ihre Identifikation mit dem politischen System an einer politischen Führungsperson festmachen. In solchen Fällen wäre ein präsidentielles System etwa einem parlamentarischen System vorzuziehen. Anders herum könnte man fragen: "Wie kann man die bestehende politische Kultur einer Gesellschaft verändern, um einem bestimmten politischen System, etwa einer Demokratie, zu entsprechen?" Natürlich ist dies eine sehr hypothetische Frage, da die politische Kultur sich nicht von heute auf morgen einfach so ändern lässt.

Resumée

Betrachtet man die Geschichte von Almond und Verba’s Forschungen, so wird deutlich, daß die Erforschung der Rolle des Individuums im politischen System nicht ganz neu ist. Vielmehr ist sie die konsequente (allerdings in ihrer Durchführung verbesserte) Fortführung von Charles E. Merriam`s Ideen. Die Methoden ihrer Forschung sind geprägt von der idealtypischen Methode Max Webers und der Systemtheorie von Talcott Parsons. So sind sämtliche Typen politischer Kultur, die Almond und Verba definieren „Idealtypen“, die zwar mit der Realität verglichen werden können, jedoch in diesen „reinen“ Formen nie vorkommen.

Die Herausbildung der politischen Kultur erfolgt durch verschiedene Sozialisationsprozesse in verschiedenen Lebensbereichen (Familie, Arbeitsplatz, Vereine), aber auch gemeinsame historische Erfahrungen können hier mitwirken. Bei der Bestimmung der politischen Kultur einer Gesellschaft, werden die Bürger über die Orientierung dem politischen System gegenüber befragt. Dabei bestimmten Almond und Verba eine Mischform („civic culture“), in der sowohl partizipatorische als auch „Untertanen“- und parochiale Elemente vorkommen. Allerdings überwiegt in dieser Kultur der partizipatorische Anteil. Ein weiteres wichtiges Ergebnis war, daß politische Kultur und politische Struktur in einem Verhältnis wechselseitiger Beeinflussung stehen.

Den „Civic Culture“- Typen fanden Almond und Verba vor allem in den USA, zu Zeiten der Studie, zwischen 1957 und 1962, vor, während in Deutschland (West) zu dieser Zeit Verhältnisse herrschten, in denen die Bürger vorwiegend nur am Output orientiert waren. Knapp 20 Jahre später hat sich die Situation vollkommen verändert: Die BRD konnte der Staatsbürgerkultur ähnliche Elemente aufweisen, während in den USA das Vertrauen in die Regierung stark geschrumpft war, die Bürger sich nicht mehr so stark mit dem politischen System identifizierten. Hieraus wuchs die Erkenntnis, daß politische Kultur, analog zur Gesellschaft, wandlungsfähig ist.

Mit der Erforschung der politischen Kultur lassen sich nun Erkenntnisse über die Stabilität einer Gesellschaft gewinnen, die der rein insitutionell- verfassungsrechtlichen Vergleich nicht ermöglichte, was insbesondere für die vergleichende Regierungslehre von großer Bedeutung ist. Somit konnte man beispielsweise den Zusammenbruch der Weimarer Republik im Nachhinein mit den politischen Orientierungen innerhalb der Bevölkerung plausibel erklären. Eine weitere Erkenntnis ist, daß man die Stabilität eines politischen Systems nicht mehr ausschließlich mit der Art des politischen Systems erklärt; man untersucht vielmehr das Zusammenwirken des politischen Systems mit der politischen Kultur. Auf diese Weise muß ein autoritäres Regime nicht im vornherein zum Scheitern verurteilt sein; sofern Wohlstand und Sicherheit herrschen, die Bevölkerung mit dem Output zufrieden und nicht allzu sehr am Input interessiert ist, kann solch ein Regime theoretisch durchaus stabil sein.

Auch heutzutage sind Almond und Verba`s Methoden von Bedeutung, beispielsweise in der Entwicklungshilfe. Kennt man die politisch-kulturellen Verhältnisse des jeweiligen Landes, kann man Prognosen über die Stabilität dieses politischen Systems formulieren. Das macht es (zumindest theoretisch) möglich, politisch zu intervenieren, etwa durch Verhandlungen oder aber auch Sanktionen. Leider scheitert diese Methode bisweilen jedoch aufgrund des hohen Aufwands, oder aber daran, daß die Daten, etwa in autoritären oder totalitären Systemen, schwer zugänglich sind.

Literaturverzeichnis

Gabriel A. Almond: geschriebene Version einer Serie von Kolloquien des “Center for the Study of Democracy” und des “Department of Politics and Society” der University of California, Irvine , 17. November 1995, Internet- Adresse: http://hypatia.ss.uci.edu/democ//papers/almond.htm

Dirk Berg- Schlosser: Politische Kultur, Verlag Ernst Vogel, München 1972

Almond und Verba: The Civic Culture, Princeton University Press, Princeton 1963

Almond und Verba:The Civic Culture Revisited, Sage Publications, Boston/ Toronto,1980

Hartmut Esser, Soziologie: Allgemeine Grundlagen, Campus Verlag, Frankfurt, 1996

Reader des Instituts für Politikwissenschaft der Johannes- GutenbergUniversität- Mainz: Vergleichende Regierungslehre, WS 1998/99

[...]


1 Almond 1995, S.1

2 nähere Erläuterungen zu Merrian’s Arbeiten finden sich in der o.g. Quelle

3 Vgl.: Esser 1996, S. 375-377

4 Vgl.: Almond ,1980, S.11 ff.

5 Vgl. :Berg- Schlosser, 1972

6 verglichen wurden die Demokratien von Deutschland, Mexico, USA, Italien und Großbritannien

7 Siehe auch: Berg- Schlosser 1972, S.58

8 Eckstein 1966, in: ebenda

9 Dirk Berg- Schlosser 1972, S.60

10 Dennis Kavanagh, in: Almond / Verba 1980, S.129

11 Ein Beispiel wäre das Wählen einer politischen Partei, obwohl man nicht mit dieser sympathisiert, etwa zwecks Koalitionsbildung. Ein anderes Beispiel wären kurzfristige Beeinflussungen durch Wetter, Tageslaune etc.

12 Tabelle aus: Dirk Berg- Schlosser 1972, S.48

13 Bezogen auf Tab. 1!

14 Gabriel Almond und Sidney Verba 1963, zitiert aus: Dirk Berg- Schlosser 1972, S.50

15 Almond und Verba 1980, S. 150

16 Auf die politische Kultur Großbritanniens zu dieser Zeit soll an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden. Nähere Erläuterungen und ein Vergleich mit einer ähnlichen Studie von Alan Marsh aus dem Jahre 1974 sind nachzulesen in ebenda, S.149- 152

17 Almond und Verba 1963, S.21 ff.

18 Almond und Verba, 1980

19 siehe auch: Almond 1995, S.7 f.

20 Almond 1995, S.5

21 Vergl. Lipset, The First New Nation, in: Dirk Berg- Schlosser, S. 159

22 Vergl. Eckstein, A Theory of Stable Democracy, in: ebenda, S.159

23 ebenda, S.160

24 siehe auch Kapitel II, 5

Details

Seiten
18
Jahr
1998
Dateigröße
367 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v95165
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1
Schlagworte
Kultur Almond Verba Seminar Vergleichende Regierungslehre

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Titel: Die politische Kultur nach Almond und Verba