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Deutsche Anerkennungspolitik 1991 / 1992 - Die Anerkennung Sloweniens und Kroatiens: Bewertung eines ,,diplomatischen Traumas"

Hausarbeit (Hauptseminar) 1999 36 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Deutsche Außenpolitik

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. EINLEITUNG

II. DER WEG ZUR ANERKENNUNG 1991-1992
1. Eskalation der Krise und multilaterales Handeln
2. Die Geburt der Friedenskonferenz
3. Die serbische Blockade der Friedenskonferenz
4. Der Weg zur Anerkennung

III. INTERESSENANALYSE UND EINFLUßFAKTOREN
1. Analyse der langfristigen Interessen auf dem Balkan
2. Interne Faktoren: Mittelfristige Konstellationen 1991
3. Die Akteursebene: Genscher und Kohl

IV.DIE POLITISCH- STRATEGISCHE BEDEUTUNG DER ANERKENNUNG
1. Die Untauglichkeit ökonomischer Zwangsmaßnahmen
2. Der mißglückte Bluff

V. ZUSAMMENFASSUNG

VI. LITERATURVERZEICHNIS
1. Quellen
2. Sekundärliteratur

I. Einleitung

Die deutsche Anerkennungspolitik gegenüber Slowenien und Kroatien in den Jahren 1991 / 1992 wurde zum „traumatischen Erlebnis“ für deutsche Diplomaten.1 Hans Dietrich Genscher sah sich massiver Kritik ausgesetzt. Deutschland zog sich im Folgejahr so wie möglich aus der Balkanpolitik zurück und überließ anderen Staaten die Initiative. Erst 1993 meldete sie sich, mittlerweile unter der Regie von Klaus Kinkel, zögerlich zurück.

Die einschneidende Wirkung der Anerkennungsfrage für die deutsche Aus- senpolitik rechtfertigt eine genaue Analyse der Umstände, auch wenn mittlerweile einige Titel das Thema aufgegriffen haben. Dabei hat sich im anglo-amerikanischen Raum die Sichtweise durchgesetzt, die frühzeitige deutsche Anerkennung Sloweniens und Kroatiens hätte erstens das gemeinsame Handeln der EG sabotiert und zweitens wäre sie hauptverantwortlich für das Übergreifen der Gewalt auf Bosnien- Herzegowina.

Die Analyse wird zunächst die wichtigsten Ereignisse sowohl auf dem diplomatischem Parkett darstellen. Schon hier wird deutlich werden, daß die deutsche Politik in weit geringerem Maße unilateral ausgerichtet war, als gemeinhin angenommen. Auch die oben genannten Ursache- Folgen- These wird durch die Chronologie entkräften werden.

Die Anerkenungsfrage beflügelte die Gedanken der Politikwissenschaftler und Publizisten: Geostrategische Interessen und katholische Allianzen wurden vermutet. Zur Lichtung des Verschwörungstheoriendschungels wird die Analyse der deutschen Interessen auf dem Balkan und der beeinflussenden Faktoren beitragen. Ein letzter, entscheidender Schritt wird die deutsche Politik in den Zusammenhang der europäischen Konfliktregulierungsstrategie stellen.

Der analytische Schwerpunkt dieser Arbeit wird die Strukturebene sein, das Versagen einzelner Personen wird nur am Rande eine Rolle spielen (und das nicht, weil die beteiligten Politiker und Diplomaten besonders erfolgreich agierten!). Es geht dem Verfasser vielmehr darum, das Versagen Einzelner zu trennen von den Mängeln der Konfliktregulierungsstruktur in Europa.

Der Aufbau dieser Arbeit wird den theoretischen Annahmen des strukturellen Realismus folgen.2 Dies bedeutet, daß die Struktur der Internationalen Gemeinschaft das Verhalten der Staaten zwar einschränkt und beeinflußt, aber nicht determiniert. Bei der Analyse der Außenpolitik von Staaten sind also auch interne Faktoren zu berücksichtigen. Ein monokausaler Erklärungsansatz ist abzulehnen.

II. Der Weg zur Anerkennung 1991-1992

Wichtig für die Interpretation der deutschen Anerkennungspolitik ist ein Überblick über die Ereignisse die letztendlich zur Anerkennung im Dezember 1991 führten. Die Notwendigkeit ergibt gerade daraus, daß der deutschen Diplomatie ein stetiges Drängen bis zur „erzwungenen“ Anerkennung im Winter 1991 vorgeworfen wird. Den Vertretern dieser Position muß man wohl vorwerfen, für das Versagen der westeuropäischen Krisenregulierung eine möglichst einfache und bequeme Erklärung zu suchen. Nur so ist zu erklären, daß ein Detail diese Aufmerksam erlangte. Daß hinter der deutschen Konzeption eine strategische Fehleinschätzung stand, ist in diesem Zusammenhang zunächst unerheblich.

1. Eskalation der Krise und multilaterales Handeln (Mitte Juni bis Anfang August 1991 )

Das Verhalten der europäischen Staaten erscheint rückblickend besonders in der ersten Phase sehr zweifelhaft. Abgelenkt durch den Zusammenbruch der UdSSR, die deutsche Wiedervereinigung und die Neuordnung der internationalen Institutionen, versagten die außenpolitischen Frühwarnsysteme. Die Maßnahmen, die von der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) und der Europäischen Gemeinschaft (EG) ergriffen wurden, erfolgten auf in einer weit fortgeschritteneren Phase des Konflikts, als diese es wahrnahmen.3

Erste ernsthafte Versuche, den Konflikt zu regulieren, erfolgten mindestens ein halbes Jahr zu spät und ohne Beachtung der bisherigen Entwicklung. Die Machtverhältnisse in Jugoslawien und insbesondere die Rolle der Jugoslawischen Volksarmee (JVA) wurden lange unterschätzt, obwohl deren Rolle spätestens seit März 1991 deutlich wurde.

Die europäischen Krisenregulierungsmechanismen setzten in der Mitte des Jahres 1991 ein. Erst die serbische Blockade der turnusmäßigen Wahl des Kroaten Stipe Mesic zum Vorsitzenden des Staatspräsidiums am 15. Mai 1991 und des am 19. Mai folgenden Referendums in Kroatien für die Unabhängigkeit schreckte die Regierungen in Europa auf. Die im Februar durch die EG- Delegation formulierte Politik „Einheit vor Demokratie“ bestätigte die KSZE Mitte Juni.4 Auf dem EG- Außenministertreffen am 23. Juni in Luxemburg einigte man sich darauf, keine unilaterale Anerkennung der Republiken vorzunehmen und den Erhalt Jugoslawiens als Gesamtstaat zu unterstützen. Die Entwicklung bis dahin hätte jedoch Zweifel an dieser Position aufkommen lassen sollen.5 Das große Problem der Europäer war zunächst eine generelle Fehleinschätzung der Lage in Jugoslawien. Die versuchten Regulierungsansätze basierten lange auf dieser Perzeption- die Ergebnisse fielen dementsprechend aus.

Unter der Leitung von Hans van den Broek vermittelte die EG- Troika am 7./8. Juli das Brioni- Abkommen6, dessen Bestimmungen aus heutiger Sicht ein äußerst zweifelhafter Erfolg für die EG- Troika waren, da sie an der Kriegsentwicklung schlichtweg vorbeigingen. Die eigentliche Ursache der Krise, nämlich Milosevics großserbische Pläne, berührte das Abkommen nicht.7 Das Brioni- Abkommen führte interessanterweise dazu, daß die JVA und Serbien den Abfall Sloweniens mehr oder weniger hinnahmen. Die Einheit Jugoslawiens war also schon Anfang Juli de facto nicht mehr gegeben. Der Abzug der Truppen aus Slowenien führte allerdings zur Stationierung der JVA- Truppen in Kroatien.

Zu diesem Zeitpunkt wandelte sich die deutsche Einstellung zur Jugoslawienfrage- angesichts der Realität auf dem Balkan keineswegs ein allzu progressiver Schritt. Dies hing mit der jetzt deutlich sichtbar werdenden Rolle der JVA in den seit dem Frühjahr stattfindenden Scharmützeln zusammen. Die SPD distanzierte sich als erstes von der europäischen Position. Die Erklärung Norbert Gansels- der Jugoslawien zuvor besucht hatte- vom 24. Mai 1991 stellt eine klare Analyse der Zustände in Jugoslawien dar.8 Er erkannte, daß die einseitige Unterstützung der Zentralregierung den bewaffneten Konflikt geradezu anheizte. Eingeleitet durch die SPD, rückte nun auch die CDU Ende Juni 1991 von der bisherigen Position ab. Zwar unterstütze Kohl die Troika öffentlich, machte aber darauf aufmerksam, daß die Einheit Jugoslawiens nicht mit Waffengewalt aufrechterhalten werden könnte und die Reform der Strukturen der einzige Weg für eine dauerhafte Lösung sei.9 Beeinflußt wurde der Wandel der deutschen Politik auch durch den Besuch Genschers in Jugoslawien Anfang Juli.10 Kurz nach diesem Besuch erfolgte der bis dahin schärfste verbale Angriff gegen die JVA. Die gewaltsamen Aktionen der JVA würden Deutschland von jeder Verpflichtung gegenüber dem Einheitsstaat Jugoslawien befreien, so Genscher in einem Radiointerview.11

In dieser Phase von Unilateralismus zu sprechen, ist jedoch verfehlt. Der einsetzende Einstellungswandel zur Zentralregierung fand nicht nur in Deutschland statt: auf Ebene der EG traten die Meinungsverschiedenheiten auf dem Treffen der EG- Außenminister in Den Haag am 4. Juli zu Tage. Genscher drängte darauf, die Serben bzw. die JVA durch die Erwähnung des Selbstbestimmungsrechtes zu warnen.12 In dieser Phase wandte sich die Mehrheit, darunter Frankreich und England dagegen, allerdings tendierten Österreich, Italien und die Schweiz (außerhalb der EG) zu einer Neubewertung der Ereignisse.13 Auswirkungen auf die Brioni- Verhandlungen der EG- Troika hatte dies nicht. Die Priorität der EG- Troika lag immer noch im Prinzip der Einheit Jugoslawiens, van den Broek drängte auf Rückkehr zum status quo ante in Jugoslawien, d.h. Rückkehr zu den Zuständen von vor dem 25. Juni 1991.14

Ende Juli war die Frage der Anerkennung eine im Hintergrund schwebende strategische Option, die keine dominante Rolle spielte. Deutschland versuchte, innerhalb der EG die Partner von der Notwendigkeit eines Politikwechsels zu überzeugen, hielt sich nach außen aber vollständig auf EG- Linie.15 Tudjmans Besuch in Bonn am 18. Juli erregte Mißtrauen bei den EG- Partnern. Laut Michael Libal spielte die Anerkennungsfrage aber keine Rolle bei den Gesprächen, Versprechen seien an Kroatien nicht abgegeben worden.16

Die Differenzen zwischen den europäischen Partnern und Deutschland verminderten sich jedoch schon im Juli. Die Entwicklung machte nun auch der projugoslawischen Fraktion innerhalb der EG deutlich, daß eine Rückkehr zu alten Verhältnissen unmöglich geworden war. Van den Broek hatte als Vorsitzender zum EG- Außenministertreffen am 29. Juli nur den serbisch orientierten Ministerpräsidenten Jugoslawiens Markovic, den Außenminister Jugoslawiens Loncar sowie den Vertreter Bosnien- Herzegowinas im Staatspräsidium eingeladen. Erst nach einer Intervention Genschers einigten sich die EG- Außenminister darauf, zu Gesprächen über die Ausweitung der Monitor- Mission (ECMM) auch die Präsidenten der Teilrepubliken einzuladen- ein Eingeständnis an die Realität. Die sich ergebenden Protokollprobleme spiegeln deutlich die Paradoxie der EG- Politik wider.

2. Die Geburt der Friedenskonferenz

(Anfang August bis September 1991)

Die Entwicklung in Jugoslawien drängte auf eine wegweisende Entscheidung. Das Scheitern des ersten Konfliktregulierungsansatzes- nämlich das Ignorieren der Republiken- mußte eine Neuorientierung zur Folge haben. Die geplante Ausweitung der Monitormission scheiterte schon am 4.August am Widerstand Serbiens. Deutschland drängte nun darauf, Serbien zu einem eindeutigen Bekenntnis zu zwingen.17

Das von Genscher initiierte EG- Außenministertreffen vom 6. August brachte indes nur wenig Änderung. Das verabschiedete Kommuniqué wirkt geradezu grotesk: zwar berichtete die Troika über die Greueltaten der JVA, im Text selber aber wurden die Schuldigen nicht beim Namen genannt- Grund war das „sacred principle of impartiality“.18 Da die großserbische Politik Milosevics und der Chauvinismus Tudjmans, der auf eine weitere Internationalisierung des Konflikts setzte, keine Besserung der Lage erwarten ließ, handelte Genscher nun zum erste Mal auf unilateraler Ebene und setzte den am 24. August zu sich bestellten jugoslawischen Botschafter in Bonn unter Druck. Genscher stellte die „ernsthafte Prüfung“ der Anerkennung Sloweniens und Kroatiens in Aussicht, falls die JVA ihre Aggression nicht einstellen würde.

Der Druck zeigte seine Wirkung auf dem EG- Außenministertreffen in Brüssel am 27. August. Sowohl das Einsetzen der Badinter- Kommission als auch das Ansetzen einer Jugoslawien- Konferenz zeugten von einem veränderten Bewußtsein innerhalb der EG. Erstmals wurde der Aggressor Serbien beim Namen genannt und unter Druck gesetzt, die Jugoslawienkonferenz zu unterstützen, ansonsten sei man auch bereit, ohne Serbien eine Lösung zu finden.19 Diese drohende Isolierung Serbiens verfehlte ihre Wirkung nicht. Welche Möglichkeiten in dieser Situation nicht genutzt wurden, bleibt Spekulation.20 Eine stärkere Fokussierung auf Bosnien- Herzegowina hätte wahrscheinlich viel Unglück und Leid verhindern können. Van den Broek hingegen verstand es nicht, den aufgebauten Druck gegen Serbien aufrecht zu erhalten,seine Zugeständnisse an Serbien (Aufhebung der Wirtschaftssanktionen) bestärkten Milosevic in seinem Kurs, die Konferenz zu sabotieren.

Gegenüber dem Bundestag verteidigte Genscher die deutsche Linie und den EG- Kurs: eine Anerkennung sei unilateral schädlich, innerhalb der EG allerdings müsse Deutschland auf die Anerkennung drängen.21

3. Die serbische Blockade der Friedenskonferenz (September bis Anfang Oktober 1991)

Noch vor Beginn der Jugoslawienkonferenz hatte der Ausschuß der Hohen Beamten (AHB) der KSZE festgestellt, daß das Gewaltverzichtsgebot der Schlußakte von Helsinki auch auf die innerstaatlichen Grenzen Jugoslawiens anwendbar sei: damit waren die Grenzen der Republiken von völkerrechtlicher Relevanz. Von nun an konnte also auch von einer gefestigten Rechtsgrundlage für weitere Aktionen der Staatengemeinschaft gesprochen werden.22 Schon vor der Jugoslawienkonferenz war also die Richtung bei einem Scheitern der Konferenz klar- dies ist allerdings nicht als Folge des deutschen Drängens zu bewerten, sondern wohl eher als Folge der Einsicht, daß eine friedliche Auflösung Jugoslawiens das einzig mögliche Ziel sei.

Der Beginn der Jugoslawienkonferenz am 7. September war wenig vielversprechend, da sich die anwesenden Präsidenten der Republiken auf ihre bisherigen Positionen versteiften und nicht daran dachten, die Lage auf dem Boden unter Kontrolle zu bringen. Milosevic verlegte sich auf eine Doppelstrategie des Zeitgewinns durch Konferenzblockade und gleichzeitiges Weiterbetreiben der großserbischen Pläne. Die Eröffnungserklärung von Den Haag bezog sich auf die KSZE- Erklärungen.23 Die Anerkennungsfrage wurde von deutscher Seite zunächst zurückgestellt, um den Verhandlungsprozeß nicht zu untergraben- ohne diese Option aufzugeben.

Eine Veränderung der Bewertung läßt sich ab Mitte September feststellen. In Venedig trafen am 14. September Genscher und De Michelis zusammen. Auf ihrer gemeinsamen Presseerklärung24 bezeichneten sie die JVA als den Hauptverantwortlichen und wiederholten Genschers Forderung nach Offenhalten der Option der Anerkennung, falls die Verhandlungen scheitern würden. Van den Broek reagierte heftig auf diese Ankündigung. Die deutsche Seite verwies vor allem darauf, daß die verkündete Position keine neue wäre und außerdem ausdrücklich auf die Ergebnisse der Konferenz verwies.25 Ohne Erwähnung der Anerkennungsfrage endete das Kohl- Mitterand- Treffen am 19. September. Eine Interpretation dieses Umstandes bleibt offen. Michael Libal bestreitet, daß dies ein Anzeichen französischen Drucks gewesen sei.26 Es kann davon ausgegangen werden, daß Deutschland sich nun aus der Schußlinie begeben wollte. Denn das offensichtliche Scheitern der EG- Konferenz führte nun zur Diskussion über die Involvierung des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen (VN) und das Aufstellen von peacekeeping- forces nach Kapitel VII der VN- Charta, eventuell unter A ufsicht der Westeuropäischen Verteidigungsunion (WEU). In dieser Frage standen Frankreich und Deutschland gemeinsam der ablehnenden Haltung Großbritanniens gegenüber. Die EG- Außenminister legten sich in dieser Phase darauf fest, eine militärische Intervention auszuschließen.

Die VN- Involvierung begann mit der Resolution 713 des Sicherheitsrates, welche ein totales Embargo aller Waffenlieferungen vorsah. Diese Entscheidung ist erstaunlich, da die JVA als eine der größten Armeen in Europa von diesem Embargo weit weniger betroffen war als die Territorialverteidigung Sloweniens und Kroatiens.

Mit Ende des Brioni- Aufschubs, der Anfang Oktober ablaufen würde, nahmen die Kämpfe an Heftigkeit zu. Deutschland drängte jetzt zunehmend auf eine differenzierte Behandlung der Republiken und gezielte Druckerhöhung gegenüber Serbien, da selbst die ECMM die JVA für den Krieg verantwortlich machte. Eine Differenzierung zwischen kooperativen und verhandlungsunwilligen Republiken, die zu Beginn der Konferenz angedroht worden war im Falle des Mißerfolgs, schien nun unausweichlich- dies erkannte sogar der amerikanische Außenminister James Baker. Der Wandel zum differenzierten Ansatz setzte sich im Verlaufe des Septembers allmählich durch. Bis zu diesem Punkt gehörte Deutschland zwar zu den Antreibern, doch war sein Engagement gänzlich auf das Handeln innerhalb der Internationalen Organisationen gerichtet. Von einem Alleingang kann also keine Rede sein.

4. Der Weg zur Anerkennung (Oktober bis Dezember 1991)

Seit Anfang Oktober vertrat die EG einen völlig anderen Ansatz als zu Beginn des Krieges. Frankreich und letztendlich auch Großbritannien gaben ihre Position auf- wenn auch mit Widerwillen.

Die Selbstermächtigung des serbischen Blocks im Staatspräsidium und die Bombardierung Dubrovniks ab dem 2. Oktober machte zusätzlich deutlich, daß das Jugoslawien, an dem die EG so lange festhielt, nicht mehr existierte. Selbst der Vorsitzende der Jugoslawien- Konferenz Peter Carrington sah nun ein, daß es unmöglich war, die Republiken zusammenzuhalten. Nachdem also dieser Erkenntnisstand in der gesamten EG erreicht wurde, ging es vor allem um die Minderheitenfrage, die zur Voraussetzung für die Anerkennung der Republiken wurde. Carrington stellte zu Beginn der Verhandlungsrunde in Den Haag am 4. Oktober ein neues Konzept vor, welches die Möglichkeit der Anerkennung am Ende eines Verhandlungsprozesses „in good faith“ vorsah. Die Anerkennung war dabei eingebunden in ein Rahmenprogramm, daß eine lose Assoziation souveräner Staaten vorsah, Minderheitenschutz und Schutz der Grenzen. Die Anerkennung wurde so zu Beginn des Oktobers das erste Mal offizielle EG- Politik. Wenn nun der Termin der Anerkennung zum Politikum wurde, dann geschah diese Diskussion also auf der Basis der offiziellen EG- Politik von 2 Monaten!

Einen weiteren Schritt in Richtung „differenzierten Ansatz“ brachte das EG- Außenministertreffen in Haarzuilens am 5. Oktober.27 Dem jugoslawischen Rumpfpräsidium wurde die Berechtigung aberkannt, für alle Teilrepubliken zu sprechen: dies bedeutete nicht weniger als die tatsächliche Anerkennung der einzelnen Republiken. Wichtigstes Ergebnis war allerdings das Ultimatum, welches van den Broek setzte: das Scheitern einer Einigung durch Verhandlungen bis zum 10. Dezember hätte eine Anerkennung der Teilrepubliken durch die EG zur Folge. Dieses Ultimatum wurde in Einvernehmen der gesamten EG, deren Richtlinien wurden von der KSZE übernommen, gestellt.28

Der Widerstand Milosevics gegen die Auflösung des alten Jugoslawiens provozierte am 25. Oktober ein weiteres Ultimatum der EG an Serbien bis zum 5.11. Die differenzierte Androhung von Sanktionen (Stopp der internationalen Kredite) alleine gegen Serbien stellte eine eindeutige Wandlung der EG- Haltung dar. Genscher drängte nun- und zwar wieder im Rahmen der EG- auf ein Ölembargo, um den aufgebauten Druck auf Serbien nicht entweichen zu lassen.29

Die deutsche Regierung und der Bundestag hatte sich in dieser Phase auf die Anerkennung festgelegt.30 In diesem Punkt ging sie über die aktuellen Stellungnahmen der EG hinaus, konterkarrierte die Strategie der EG deswegen aber nicht. Die Möglichkeiten Deutschlands, den Verlauf der Dinge zu beeinflussen, waren am ehesten im Verbund mit den EG- Partnern gegeben. Allerdings bestand wohl im Außenministerium eine Grenze, denn den Beschluß vom 25. Oktober wollte man nicht aufgeben. Deutschland drängte deswegen Slowenien und Kroatien zu einer unilateralen Erfüllung des Anerkennungskataloges der EG.

Am 22. November besuchte Izetbegovic Bonn. Insbesondere im Hinblick auf den später formulierten Vorwurf, die deutsche Anerkennungspolitik hätte den Krieg in Bosnien- Herzegowina mitverursacht, ist dieser Besuch wichtig:

If Izetbegovic intended to warn the Germans about recognition, he failed to do so, at least in a direct and unequivocal way. (...) He also made clear his interest that Croatia at least join a loose association with the other republics and that recognition should be used to positively influence Croatia in this question. Further he did not go. The German side did not offer him any advice on how to solve his predicament, neither encouraging independence nor ad- vocating a deal with Belgrade.31

Die Bundestagsdiskussion am 27. November führte die Argumentation der deutschen Seite aus. Wenn die einzelnen Republiken den EGAufgabenkatalog erfüllen würden, würde Deutschland die Anerkennung nach dem 10. Dezember vollziehen- also nach dem von van den Broek gesetzten Ultimatum! Auf eine Entscheidung der EG wollte Deutschland also Ende November nicht mehr warten.

Das kroatische Parlament verabschiedete am 4. Dezember ein Minderheitengesetz, daß dem Wortlaut des Kapitels II des Carrington- Plans folgte. Weitere Unterstützung für die deutsche Position brachte die erste Stellungnahme der Badinter-Kommission am 7. Dezember, welcher einen „Prozeß der Auflösung“ Jugoslawiens feststellte. Nachdem Kroatien das Ende der Blockade der JVA- Kasernen am 8. Dezember garantierte, hatte Kroatien damit alle Voraussetzungen für die Anerkennung erfüllt.

Ihrem Plan folgend verkündete die Bundesregierung am 13 Dezember, also nach Ablauf den EG- Ultimatums, Slowenien und Kroatien noch vor Weihnachten anzuerkennen.

Schließlich kam es am 16. Dezember zur entscheidenden Sitzung der EG- Außenminister in Brüssel. Die deutsche Position stieß auf Widerstand. Hier intervenierten vor allem Javier Perez de Cuellar, Peter Carrington und James Baker.32 Genscher hielt dagegen, die EG müsse ihr Ultimatum und das Gutachten der Badinter- Kommission einhalten, um ihre Glaubwürdigkeit zu behalten. Außerdem würde eine verzögerte Anerkennung alleine der JVA nützen.33 Großbritannien und Frankreich schienen jetzt keinen Widerstand mehr gegen den deutschen Weg zu haben.34 Bonn und Paris einigten sich auf eine Initiative zur Erarbeitung von gemeinsamen Richtlinien für die Anerkennung von abfallenden Staaten für die UdSSR und Osteuropa. Diese Richtlinien waren Teil der gemeinsam gefundenen Position zur Anerkennung Kroatiens und Sloweniens.35 Diese sah die Anerkennung der Republiken für den 15. Januar 1992 vor. Genscher bestand jedoch darauf, daß Deutschland die Anerkennung vor Weihnachten vornehmen könne, mit der Implementation allerdings bis zum 15. Januar warte. Probleme ergaben sich vor allem mit dem zweiten Gutachten der Badinter- Kommission, daß für den 11. Januar erwartet wurde. Deutschland verwies auf die von den Republiken erfüllten EG- Bedingungen. Die Debatte wurde im engsten Kreis der Außenminister und ihrer Berater geführt, so daß hier dem Bericht der Diplomaten vertraut wer- den muß:

Twice Genscher asked wether his colleagues would regard this as a violation of the consensus that had been reached. (...) no one opposed the German foreign minister on this issue. Thus the unity of the Twelve was preserved, albeit in a rather tenuous and to the outside not completely transparent way.36

Widersprochen worden ist dieser Darstellung bisher nicht. Das Bundeskabinett verabschiedete in seiner letzten Sitzung vor Weihnachten am 19. Dezember die Anerkennung für den 23. Dezember. Der Bericht des Badinter- Kommission stimmte der Anerkennung erwartungsgemäß am 11. Januar zu, sodaß die EG die Anerkennung am 15. Januar vornahm.

Die Darstellung der Ereignisse vom Sommer 1991 bis Januar 1992 macht deutlich, daß das Vorgehen der deutschen Regierung eine prominente Rolle einnahm. Der Vorwurf, der sich gegen die deutsche Politik richtete war nun der, daß sie die richtige Politik der EG aus nationalstaatlichen Interessen konterkarriert hätte und aufgrund dieser Konstellation die EG- Politik gescheitert sei. Daß dieser Vorwurf nicht haltbar ist, hat die Darstellung der Ereignisse gezeigt. Die deutsche Einschätzung der Lage in Jugoslawien entsprach eher der Realität als die seiner europäischen Partner. Gerade an diesem Punkt kann also die Kritik nicht einsetzen- das Problem lag woanders.37

III. Interessenanalyse und Einflußfaktoren

Es stellt sich die Frage, warum Deutschland die Anerkennungsfrage forcierte und seit Juli 1991 versuchte, mit erheblichem Einsatz die EG- Politik in die gewünschte Richtung zu lenken. Diese Frage nach deutschen Interessen und beeinflussenden Faktoren provoziert Antworten auf verschiedenen analytischen Ebenen. Die Unterscheidung derselben ist notwendig, denn es ist einsichtig, daß die auf einer Makroebene angesiedelten langfristigen Interessen einen anderen Einflußcharakter haben als Faktoren, die auf der Akteursebene angesiedelt sind. Diese Differenzierung der Handlungsmotive wird auch die Unterscheidung zwischen wichtigen und weniger wichtigen Gründen erleichtern. Die Analyse der deutschen Interessen auf dem Balkan ist die vorrangige Voraussetzung, um die Ergebnisse, die die deutsche Politik hervorbrachte, zu bewerten.

1. Analyse der langfristigen Interessen auf dem Balkan

Gesichtspunkte, die unter dieser Makrosichtweise analysiert werden, betreffen vor allem geostrategische und wirtschaftliche Interessen Deutschlands auf dem Balkan. Hier ist die Unterscheidung zwischen direkten und indirekten Interessen notwendig, welches vorrangig eine Frage des Engagements, das ein Land einzugehen bereit ist, um bestimmte Vorstellungen in der jeweiligen Region durchzusetzen. Dieses Engagement wird wiederum bestimmt von den politischen Kosten, die getragen werden müssen, wenn die Zielvorstellungen nicht erreicht werden.

Besonders geostrategische Interessen wurden hinter der deutschen Anerkennungspolitik vermutet. Diese Befürchtung ist im Kontext der Wiedervereinigung zu sehen und der anstehenden Erweiterung der EG um die Mittel-osteuropäischen Länder. Insbesondere Franzosen und Engländer befürchteten durch die neuerliche Mittellage Deutschlands einen Rückfall in die alte Hegemonialpolitik. Betrachtet man die Lage Deutschlands in Europa unter diesem Gesichtspunkt, dann wäre der Balkan in der Tat ein Objekt von deutschen hegemonialen Gelüsten. Daß diese Sichtweise so breite Unterstützung fand und wenig mit der Realität zu tun hatte, ist wohl zum großen Teil auf die Unsicherheit der Europäer nach 1990 zurückzuführen. Niemand in Deutschland hatte 1990 daran Zweifel gelassen, daß Deutschlands Weg in Europa die Integration sei- die Gefahr einer antideutschen Koalition in Europa („von Freunden umzingelt“) war allen deutschen Politikern bewußt.38 Gerade eine gen Osten gewannte, hegemonial ausgerichtete Politik hätte sofort eine Abwehrfront provoziert. Wenn man also annimmt, daß gerade die Verhinderung einer antideutschen Koalition in Europa das oberste Ziel der deutschen Außenpolitik seit 1945 war und ist, dann ist auch klar, daß Deutschland auf dem Balkan keine direkten Interessen hat, denn beide Interessen widersprechen einander. Auf der anderen Seite ist Vorsicht bei den insbesondere von deutschen Politikern postulierten normativen Grundlinien der deutschen und europäischen Politik angebracht. Hinter diesen Prinzipien sind natürlich Interessen verborgen. Entscheidend ist aber, das diese sich nicht von denen der anderen europäischen Staaten unterschieden oder ihnen zuwider lief.

Ebenfalls unter die Kategorie „Kuriositäten der Politikwissenschaft“ ist die Vermutung einzuordnen, Deutschland hätte in der Anerkennungsfrage die Koalitionen des Jahrhundertbeginns wiederbeleben wollen oder gar eine „katholische Allianz“ gegen Serbien formieren wollen. Letztere Vermutung entbehrt jeder Grundlage. Für die deutsche Balkanpolitik war die unrühmliche Geschichte eher ein Hindernis als Motiv. Dabei muß man den deutschen Diplomaten vorwerfen, daß dieser Faktor eher zu wenig beachtet wurde.39 Die fatale Folge war eine Fehlperzeption unter den europäischen Partnern. Wenn England und insbesondere Frankreich viel zu lange die serbische Position unterstützen, dann ist dies zwar vorrangig auf eine Fehleinschätzung der Lage auf dem Balkan zurückzuführen, aber auch eine Folge des Verdachts, Deutschland könne Kroatien als Anker auf dem Balkan benutzen.

Nun mag eingewandt werden, daß Deutschland als „Zivilmacht“40 besonders auf den Ausbau seiner wirtschaftlichen Hegemonie bedacht sei und somit der Balkan als potentieller Absatzmarkt „vor der Haustüre“ ein unmittelbares Interesse Deutschlands wäre. Grundsätzlich ist dies richtig, jedoch war und ist das Handelsvolumen Deutschlands mit Jugoslawien minimal. Es ist nicht davon auszugehen, daß Deutschland für diesen kleinen Absatzmarkt in einer politisch instabilen Region derart große politische Anstrengungen in Kauf genommen hätte.41 Ein weiterer Aspekt ist das Flüchtlingsproblem, welches sicherlich eine große Rolle im weiteren Verlauf des Krieges spielte. In den Stellungnahmen Kohls und Genschers spielte dieses Problem allerdings keine Rolle. In dieser frühen Phase des Krieges waren die Flüchtlingsströme in Bosnien- Herzegowina noch nicht vorauszusehen.

Wenn also von deutschen Interessen auf dem Balkan gesprochen wird, dann sind dies hauptsächlich indirekte Interessen, die sich im Grunde nicht von den europäischen Nachbarn unterscheiden- und deswegen nicht primär deutsche sind.42 Ein stabiler Balkan ist für die EG essentiell- darin unterscheidet sich die europäische Perspektive von der amerikanischen! Die Europäische Einigung ist schlichtweg undenkbar, solange ein akuter Krisenherd mitten in Europa besteht. Daß Deutschland in seiner Mittellage von den Auswirkungen auf dem Balkan unmittelbarer betroffen ist als andere Länder ändert nichts an der grundsätzlichen Feststellung, daß die deutschen Interessen hier in den Interessen der Europäischen Gemeinschaft aufgehen.

Die Konfliktkosten, nämlich Unterbrechung der Handelswege, Flüchtlingszunahme und Wiederaufbaukosten, betrafen Deutschland nur in einem geringen Maße mehr als die übrigen Länder Europas. Demzufolge können diese europäi-

schen Interessen nicht Grund für den deutschen „Alleingang“ gewesen sein:

Insgeheim dürfte der kleinste gemeinsame Nenner innerhalb der Gemeinschaft gewesen sein, den Konflikt zu begrenzen, indem Alleingänge der EG- Staaten möglichst verhindert und die Nachbarn Jugoslawiens von einer Einmischung abgehalten wurden. Die Beschränkung auf diplomatische Aktivitäten ohne unkalkulierbare

militärische Verwicklung versteht sich vor diesem Hintergrund.43

Diese begrenzten Interessen teilte also Deutschland mit Großbritannien, Frankreich und sogar Italien. Natürlich differierten die Erwartungen in Details. Allerdings kann weder die zentralstaatliche Tradition in Frankreich noch die auf Balancing ausgerichtete englische Politiktradition und am wenigsten der postulierte deutsche Drang zum Sonderweg die EGJugoslawienpolitik befriedigend erklären.

Während der Krise kam ein weiterer, vielleicht entscheidender Aspekt hinzu. Das Scheitern der EG an der Konfliktregulierung in Jugoslawien fügte der EG erhebliche Einbußen an Kredibilität und Handlungsmöglichkeiten für die Zukunft ein. Diese Schwächung der EG lief den deutschen Interessen- gerade durch den multilateralen Schwerpunkt Deutschlands- zuwider, und wahrscheinlich war dies ab einem bestimmten Punkt das primäre Interesse Deutschlands. Eine Strategie zur Vermeidung des Einflußverlustes der EG konnte aber nun gerade nicht unilaterales Handeln sein! Das Auswärtige Amt und Genscher waren sich der längerfristigen Gefahr für die Reputation der EG wahrscheinlich eher bewußt als andere in Europäer. Gerade dieser Punkt zeigt aber die enge Verquickung zwischen deutschen nationalen Interessen und dem multilateralen Handeln.

2. Interne Faktoren: Mittelfristige Konstellationen 1991

Zur Erklärung des Verhaltens von Staaten müssen auch interne Faktoren berücksichtigt werden- in welchem Maße dies geschehen muß, ist allerdings umstritten. Klar ist aber, daß diese innenpolitischen Faktoren auf einer mitteloder kurzfristigen Ebene wirken. Nur die interne Verfassung eines Staates kann nie das Außenverhalten des Staates erklären.44

Betrachtet man die konkreten innenpolitischen Faktoren, die das Außenverhalten 1991 beeinflußt haben könnten, so werden vor allem die Rolle der Medien und die „Große Koalition“ zwischen CDU / CSU und SPD genannt. Insbesondere die Rolle der Medien ist ein interessanter Aspekt, da er unmittelbar in die Diskussion um die „Machbarkeit“ von Politik anschließt. Es stellt sich generell die Frage, wie der Einfluß der Medien gemessen werden kann. Im Grunde ist der Politikwissenschaftler hier auf das subjektive Bewußtsein der handelnden Akteure angewiesen.

Besonders die Frankfurter Allgemeine Zeitung und Die Welt taten sich durch eine massive Kampagne zur Unterstützung der kroatischen und slowenischen Unabhängigkeit hervor.45 Ab Mitte August plädierte der Mitherausgeber der FAZ, Johann Georg Reißmüller, in reichlich unsachlichen Artikeln offen für einen deutschen Alleingang und konkret auf die Anerkennung Sloweniens und Kroatiens.

Die Frage nach dem konkreten Einfluß der Medien ist nur schwer zu beantworten. Auf jeden Fall abzulehnen ist eine Verschwörungstheorie, die die deutsche Außenpolitik entscheidend von einer Gruppe von Meinungsmachern beeinflußt sah. Die Meinung, die die FAZ vertrat, war durchaus allgemeine

Meinung in Deutschland und im Bundestag:

Bonns Position ruhte in Wirklichkeit auf einem breiten, von humanitären Gründen bestimmten (...) Konsens, wenn CDU- Generalsekretär und andere die Frage nach den „moralischen Grundlagen unserer Außenpolitik“ erhoben.46

Entscheidender als die Kampagne der FAZ dürfte die politische Konstellation im Sommer 1991 gewesen sein. Früher als die Bundesregierung schwenkten SPD (im Mai), CSU (im Juni) und auch die CDU (Anfang Juli) auf den Anerkennungskurs über. Norbert Gansel, Volker Rühe und Karl Lamers drängten auf eine Änderung des außenpolitischen Kurses und setzten Genscher und seine FDP unter Druck.47 Spätestens seit der zweiten Augusthälfte ergab sich so eine de- facto- große Koalition. Natürlich könnte man nun darauf verweisen, daß es der Einfluß der Medien war, der die Einheitsfront der Parteien schmiedete. Selbstverständlich war es insbesondere für die Opposition eine dankbare Hilfe. Das Hauptproblem ist jedoch, daß die Anerkennungsposition zu diesem Zeitpunkt der Realität auf dem Balkan entsprach. Ob man die vertretenen Positionen nun auf den Einfluß der Medien zuschreibt, oder aber auf den Sachverstand der Parteien, (oder persönliche Erfahrungen wie im Falle Norbert Gansels), ist schwer zu entscheiden. Ob die deutsche Politik wesentlich anders reagiert hätte, wenn Reißmüller seine Artikel nicht geschrieben hätte, darf bezweifelt werden. Zumindest ist eine monokausale Erklärung der deutschen Außenpolitik abzulehnen.

Helmut Kohl setzte am 1. Juli das erste Mal ein Zeichen in Richtung Anerkennung, wenn auch eindeutig im Rahmen der EG. Genscher sah sich so einer Situation gegenüber, die er auf jeden Fall unterbinden mußte. Daß Genscher diesem Drängen nachgab, ist wahrscheinlich. Wenn also ein Faktor beachtet werden muß, der die deutsche Außenpolitik in spürbarem Maße beeinflußte, dann war dies die innenpolitische Konstellation.48 Die Argumentation der Parlamentarier bezog sich vor allem auf eine moralische Ebene, verwies aber immer wieder stark auf die konkrete Situation in Jugoslawien und perzipierte offensichtlich andere Konstellationen als die europäischen Partner. Die Wortführer der Bundestagsfraktionen waren allerdings gegenüber dem Verhalten der Bündnispartner nicht verschlossen.

So nahmen die Fraktionen ihre Forderungen unter Rücksicht auf die bündnispolitischen Verpflichtungen Deutschlands zum Teil wieder zurück.49

Andere innenpolitische Einflußfaktoren müssen eher gering geschätzt werden, so zum Beispiel der Einfluß einer kroatischen Lobby. Es ist nicht davon auszugehen, daß ausgerechnet die 450000 in Deutschland lebenden Kroaten mehr Einfluß auf die deutsche Außenpolitik haben sollten, als andere Volksgruppen, die zum Teil einen größeren Teil der Bevölkerung stellen. Noch unwahrscheinlicher- und durchaus mit einem Hang zu Komik- hat die „Urlaubstheorie“, die auf das bevorzugte Urlaubsland Kroatien verweist und somit eine besondere deutsche Verbundenheit mit Kroatien vermutet. Das wären eindeutig geostrategische, hegemoniale Interessen der Deutschen auf dem Balkan- zumindest was Strandkörbe angeht. Der Erklärungswert für die Anerkennungspolitik dürfte aber eher gering sein.

3. Die Akteursebene: Genscher und Kohl

Es stellt sich die Frage, welchen Anteil die Hauptakteure an der Entscheidungsentwicklung hatten. Auf deutscher Seite sind vor allem Helmut Kohl und Hans- Dietrich Genscher zu nennen. Mitarbeiter Genschers betonten immer wieder die Bedeutung der Reise vom 1. Juli für die persönliche Ein-

stellung Genschers:

In the end Genscher´s trip proved to be a psychological disaster for the German- Yugoslav relationship, and it probably dissipated whatever goodwill he may still have felt for the central authorities in Belgrade. (...) From this experience, as well as from his talk with Milosevic, he drew the bleakest political conclusion- that the JNA leadership and the political forces behind it wanted to attain their goals by any and all means at their disposal.50

Das geplante Treffen mit Kucan mußte wegen der Luftangriffe auf Ljubljana nach Klagenfurt verlegt werden, Tudjman traf Genscher gar nicht. Der Faktor der persönlichen Erfahrung Genschers ist natürlich nicht zu überschätzen. Dennoch ist festzuhalten, daß Genscher konkret erfahren hatte, wie serbische Gewalt Gespräche unmöglich machte. Über das Verhältnis zwischen Auswärtigem Amt und Genscher gibt es verschiedene Aussagen. Während der deutsche Botschafter in Belgrad, von Eiff, sowie Hanns Maull betonen, daß Genscher die Entscheidung der Anerkennung gegen den Rat der Diplomaten unternahm,51 sagt Michael Libal, der Leiter der Südosteuropa- Abteilung des Auswärtigen Amtes aus, die Entscheidung sei von beiden Seiten getragen worden.

Die Rolle von Helmut Kohl ist wesentlich unklarer. Anscheinend ließ sich Kohl von innenpolitischen Faktoren leiten. Sein Einstellungswandel in der Anerkennungsfrage Anfang Juli ist wohl hauptsächlich auf die innenpolitische Konstellation zurückzuführen.52 Auf der anderen Seite war Kohl stets darauf bedacht, die Verbindung zu Paris nicht zu belasten. Dies gelang ihm weitestgehend. Die europäische Perpektive Kohls rekurierte sich also weniger auf den Balkan selber, sondern war von taktischen Gesichtspunkten geprägt.

IV. Die politisch- strategische Bedeutung der Anerkennung

Um die Bedeutung der Anerkennung für die Entwicklung auf dem Balkan und innerhalb der EG zu erläutern, ist eine juristische Betrachtung des völkerrechtlichen Schrittes der Anerkennung zweitrangig. Daß dieser Schritt ein rein politischer war, ist klar.53 Allerdings muß man sich darüber im klaren sein, daß die Frage, ob ein Staat durch die Anerkennung zu demselben werde, nicht unbedingt mit ja zu beantworten ist.54 In der Tat hatten ja die EG schon lange vorher durch ihr Handeln den Schritt der Unabhängigkeit der Teilrepubliken nachvollzogen.

Wie die Darstellung der Ereignisse gezeigt hat, war die Anerkennungspolitik zunächst einmal von einer Einschätzung der Situation getragen, die der Realität wesentlich näher kam als die Perzeption Carringtons, van den Broeks oder Douglas Hurds. Die deutsche Außenpolitik darf sich zugute halten, die Lage auf dem Balkan früher erkannt zu haben als die anderen westlichen Staaten. James Gow hat darauf hingewiesen, daß die Anerkennung zunächst eine positive Wirkung auf den Konflikt hatte, insbesondere ist hier der Januar- Waffenstillstand von Cyrus Vance zu nennen:

There was a major reason for the success of the January ceasefire. (...) Finally, the crucial difference between November, when both stalemate on the battlefield and Vance´s embodiment of a neutral UN were present, and January, when a genuine ceasefire came, was recognition. Truce was only achieved as a result of the Community´s decision in December to offer the possibility of separate diplomatic relations to those Yugoslav republics seeking in- dependence.55

Wenn die Perzeption nicht so falsch lag, so gilt das nicht unbedingt für die Folgerungen, die daraus gezogen wurden. Die europäische Krisenregulierung scheiterte kläglich. Es stellt sich also erstens die Frage, welche Strategie der deutschen Anerkennungspolitik zugrunde lag und warum der europäische insgesamt scheitern mußte. Der Autor ist der Meinung, daß beide Fragen eng miteinander verbunden sind. Eine strategische Bewertung des deutschen Handelns wird also auch die Frage des internationalen Rahmens beinhalten müssen.

1. Die Untauglichkeit ökonomischer Zwangsmaßnahmen

Die EG versuchte den Konflikt hauptsächlich mit ökonomischen Zwangsmitteln zu regulieren. Dazu gehörte das Handels- und Waffenembargo, das Stoppen der internationalen Hilfen sowie das geforderte Ölembargo. Wie schon angedeutet, war vor allem das undifferenzierte Anwenden der ökonomischen Zwangsmaßnahmen der falsche Weg. Dies gilt auch für den zeitli-

chen Rahmen, den die EG verfolgte:

Nachdem die Autorität der Bundesorgane nach dem 1. Juli 1991 blockiert blieb, hätte eine Anerkennung der Republik Slowenien- auf der Basis eines Kriterienkatalogs, wie er Ende 1991 zugrundegelegt wurde- baldmöglichst erfolgen können. Dies wäre ein Anreiz für Kroatien gewesen, die inneren Selbstbestimmungsrechte der serbischen Bevölkerung verfassungsrechtlich und unter internationaler Aufsicht zu garantieren und damit die Voraussetzung für die eigene Anerkennung zu erfüllen. Serbien hätte aber kategorisch bedeutet werden müssen, daß zwar eine Schutzmachtvereinbarung für die Autonomieregelung der Serben in Kroatien (...) zu treffen, zugleich aber jede Fortsetzung großserbischer Machtpolitik unverzüglich mit Handelsembargo, Ausschluß vom interna- tionalen Kapitalmarkt und Ölembargo beantwortet worden wäre.56

Doch auch die später erfolgende differenzierte Anwendung konnte am grundsätzlichen Problem der ökonomischen Zwangsmaßnahmen ändern: Die Europäer kalkulierten in der Logik einer Zivilmacht und verschätzten sich in der Logik des territorial- ethnischen Konfliktes in Bosnien und in der Person Milosevics.

Economic sanctions could work only with actors who calculated their losses and gains in economic categories. But the rationality of ethno- nationalism, which prevailed in Yugoslavia, was of an entirely different kind. It placed ethnic security before material well- being, and thus was largely (...) immune to the material loss imposed by sanctions.57

Alle beteiligten Staaten überschätzten die Wirkung ökonomischer Maßnahmen. Als dieses Mittel nicht wirkte, waren die Möglichkeiten der EG auch schon erschöpft.

2. Der mißglückte Bluff

Michael Libal beschreibt für Mitte September 1991 die von den deutschen Diplomaten perzipierten Handlungsoptionen der Europäer: ökonomische Sanktionen, das Einbinden des UN- Sicherheitsrates und die Anerkennung Sloweniens und Kroatiens.58 Schon im September ließ sich erahnen, daß die erste Option in Wirklichkeit keine war- zumindest so lange nicht, wie sie als einzige Strategie angewendet werden würde. Die zweite Option hätte das Aufgeben des europäischen Rahmens bedeutet, denn der entscheidende Unterschied zwischen EG und UN- Sicherheitsrat ist die Anwesenheit der Amerikaner, die das Einmischen der Sowjetunion hätten ausbalancieren können. In der für Anfang September erstellten Analyse Libals kann man also das Dilemma der Europäer ablesen: ökonomische Sanktionen oder nichts weiter. Interessant ist nun der dritte Vorschlag, der letztendlich das deutsche Handeln beeinflußte: die Anerkennung Sloweniens und Kroatiens. Offensichtlich lag dieser Idee das Konzept der Internationalisierung des Konflikts zugrunde. Anders als die UN- Option spekulierten die Deutschen hier wohl noch auf eine Lösung im europäischen Rahmen. Die Internationalisierung eines Konflikts kann allerdings nicht aus einem diplomatischen Verfahren als „Ersatzhandlung“59 bestehen. Das Konzept der Internationalisierung impliziert vielmehr die Absichtserklärung der Staatengemeinschaft, im Notfall den anerkannten Staaten militärisch zur Seite zu stehen. Denn der Sinn der Internationalisierung ist es ja, die bedrohten Republiken, Teilstaaten, Regionen etc. aus dem Käfig der Innenpolitik zu befreien. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Anerkennung nur die Vorstufe, um ein weitergehendes Handeln einzuleiten. Dies war zumindest den Amerikanern klar, die für sich daraus die Schlußfolgerung zogen, lieber gar nicht einzugreifen. Für Milosevic stellte sich also konkret die Frage, ob denn die Europäer überhaupt in der Lage waren, das Versprechen, daß sie indirekt durch die Anerkennung gaben, einzulösen. Milosevic mußte sich noch nicht einmal die Mühe machen, die Strategie der Europäer zu bewerten und das Risiko eines militärischen Vorgehens abwägen. Insbesondere Großbritannien schloß früh und sehr öffentlich eine militärische Verstrickung seiner Soldaten auf dem Balkan (dem „zweiten Nordirland“) aus.60 Damit waren aber auch alle anderen europäischen Staaten gebunden, denn ohne die britischen Kapazitäten war jegliche militärische Op-tion illusorisch geworden.

So gesehen war die deutsche Anerkennungspolitik ein Bluff. Sie versuchte zu suggerieren, daß die Anerkennung einen internationalen- im jugoslawischen Fall militärischen- Schutz der Republiken zur Folge haben würde. Besonders prekär ist dieser Umstand, wenn man bedenkt, daß gerade zu dieser Zeit die Diskussion um out- of- area- Einsätze der Bundeswehr heiß umkämpft war. Ein Einsatz deutscher Truppen auf dem Balkan wurde von keiner Seite ernsthaft erwogen. Dagegen sprach schon die historische Sensibilität eines solchen Einsatzes.61 Doch Deutschland drohte mit etwas, was es auf keinen Fall einhalten konnte. De facto war es also so, daß der Staat, der indirekt den internationalen militärischen Schutz versprach, selber nicht in der Lage war,

seinen Teil dazu beizutragen:62

...Germany´s threat of recognition was a bluff. If Germany had recognised the republics unilaterally, it could have done nothing to guarantee their survival. But even if it had managed to persuade others to join in recognition, as it did, this still begged the question of how this internationalisation of the conflict would help those

republics under attack from Serbia to protect themselves.63

Deutschlands Anerkennungspolitik konnte also nur als Druckmittel gegenüber den Bündnispartnern wirken, gegenüber den Serben eine härtere Linie zu fahren.64 Als diese dazu nicht bereit waren, war die deutschen Anerkennung vom 23.12.1991 zum diplomatischen Fehlschlag geworden.

Wie schon dargestellt, trifft dieser Vorwurf Deutschland nicht alleine, denn die gesamte Internationale Staatengemeinschaft war nicht bereit, sich über ökonomische Sanktionen hinaus in Jugoslawien zu engagieren. Im Endeffekt war man also nicht bereit, eine Internationalisierung des Konflikts durchzuführen, gleichzeitig aber verwehrte man den Republiken durch das Waffen-embargo das Recht auf Selbstverteidigung: man ließ sie am ausgestreckten Arm verhungern. Umso erstaunlicher ist es, daß Karl Lamers das entscheidende Problem der deutschen Außenpolitik schon im September erkannte, seine Position aber keine entscheidenden Einfluß nehmen konnte: „Niemand wollte aussprechen, daß die Anerkennung die Voraussetzung für den militärischen Schutz Kroatiens bildet.“65

V. Zusammenfassung

Durch die Darstellung der Ereignisse ist deutlich geworden, daß die deutsche Anerkennungspolitik die Lage auf dem Balkan tendenziell richtig einschätzte. Früher als die europäischen Partner ging Bonn davon aus, daß der Zentralstaat Jugoslawien nicht mehr existierte, und somit die Frage, wie das Auseinanderfallen friedlich zu regeln sei, wichtiger war, als der Versuch des Zusammenhaltens. Der Zerfall Jugoslawiens war schon Mitte 1991 unumkehrbar fortgeschritten. Dieses Faktum hätte bei Betrachtung der Vorgeschichte des Konflikts allen Parteien klar sein können. Zu den großen Fehlleistungen der Staatengemeinschaft gehört das Versagen der Diplomaten im Jahre 1991, welches auch das Festhalten am Zentralstaat verursachte und somit nicht Belgrad, sondern Slowenien und Kroatien zur Ursache des Problems machte.

Das deutsche Handeln von Juni bis Dezember 1991 war darauf ausgelegt, innerhalb des Rahmens der EG multilateral zu handeln. Der später erhobene Vorwurf, Deutschland hätte durch sein unilaterales Handeln die Politik der EG desavouiert, ist haltlos. Anhand der Ereignisse läßt sich zeigen, daß Genscher zwar versuchte, die EG- Politik zu beeinflussen (was normal ist), aber nicht durch unilaterales Handeln unter Druck zu setzen. Die ersten unilateralen Aktionen Deutschlands fallen in einen Phase, in der Carrington und van den Broek schon längst von sich aus Ultimaten gesetzt hatten, die es einzuhalten galt. Insofern ist eine Zweiteilung der Ereignisse angebracht: der Weg zur Anerkennung wurde von den europäischen Staaten im großen und ganzen im Konsens beschritten. Ab November unterstütze eine Mehrheit innerhalb der EG die deutsche Politik.66 Die zweite Phase, die nur den Dezember 1991 betrifft, war die Phase der endgültigen Implemenierung der gemeinsamen Politik. Die hier auftretenden Differenzen waren ebenfalls abgesprochen, allerdings handelte Deutschland hier unilateral. Diese Zweiteilung der Ereignisse macht besonders deutlich, daß der Vorwurf, die deutsche Politik hätte den Krieg in Bosnien- Herzegowina entfacht, absurd ist. Der Beginn dieses Konflikts ist wesentlich früher- nämlich schon im August 1991 anzusetzten.

Bei der Analyse der deutschen Interessen und Einflußfaktoren ist deutlich geworden, daß die postulierten nationalen Interessen nicht der Antrieb für das Handeln der deutschen Diplomatie waren noch eine Wiederbelebung historischer Allianzen oder religiöser Fronten. Das Hauptinteresse, welches Deutschland am Balkanfall hatte, war Stabilität in Europa, um die Europäische Einigung nicht zu gefährden. Deswegen war es auch im Sinne Deutschlands, multilateral zu handeln. Bei der Analyse ist der Strukturebene der Vorzug vor einem innenpolitisch- orientierten Erklärungsansatz zu geben. Allerdings ist von einem reduktionistischen Ansatz abzusehen. Der wichtigste innenpolitische Faktor war die „Große Koalition“ zwischen SPD und CDU / CSU. Diese setzte Genscher unter Druck. Es muß allerdings betont werden, daß dieser Einflußfaktor in die gleiche Richtung zielte, wie einige andere Faktoren auch. Hier sind insbesondere die Rolle der Medien und die persönlichen Erfahrungen Genschers zu nennen.

So richtig die deutsche Perzeption der Lage vor Ort war, so falsch war die Einschätzung der eigenen Mittel zur Konfliktregulierung. Wie alle anderen beteiligten Staaten vertraute Deutschland zu sehr auf ökonomische Zwangsmaßnahmen. Auch wenn Genscher erkannte, daß ein differenzierter Ansatz notwendig war, so überblickte er nicht die grundsätzliche Beschränktheit dieses Mittels. Ökonomische Zwangsmaßnahmen sind in einem ethnisch- territorialen Konflikt nur bedingt wirksam.

Da die Europäer insgesamt und darunter auch die Deutschen nicht bereit waren, die europäische Dominanz in der Konfliktregulierung aufzugeben, und die USA kein Interesse zeigten, sich zu engagieren, suchten die Deutschen nach einem zweiten Schritt nach den ökonomischen Sanktionen. Sie fanden ihn in der Anerkennung der Teilrepubliken. Die eigentliche strategische Bedeutung der Anerkennung sahen die deutschen Diplomaten offensichtlich nicht: eine Internationalisierung des Konflikts setzt den Willen und die Möglichkeit voraus, das Völkerrecht auch mit militärischen Mitteln zu verteidigen. Weder Wille noch Möglichkeit waren in Europa vorhanden:

Großbritannien als einziges Land, das ein gewisses militärisches Gewicht vorweisen konnte, hatte schon im September dem militärischen Einsatz eine Absage erteilt; Europa verfügte über keine autonome, militärische Handlungsstruktur, und speziell Deutschland waren die Hände durch die innenpolitische Kontroverse über out- of- area- Einsätze gebunden. Gerade der letzte Punkt zeigt, wie wenig durchdacht die Anerkennungsfrage im Endeffekt war.

Die Lehren, die man aus den Ereignisse ziehen kann, sind vielfältig. Es liegt nahe, den strukturellen Schwächen der europäischen Verteidigungsorganisation eine Teilverantwortung zu geben. Wenn man die Möglichkeiten der EG zur Konfliktregulierung auf dem Balkan unter diesen Gesichtspunkten betrachtet, dann muß es als schwerer Fehler gelten, daß sich die EG mit Heißhunger auf die Krise stürzte, um ihre Handlungsfähigkeit zu demonstrieren.67 Bei nüchterner Betrachtung hätte auffallen müssen, daß die Europäer weder die notwendigen Entscheidungsmechanismen noch einen gemeinsamen Willen verfolgten.68

VI. Literaturverzeichnis

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- „Die jugoslawische Bundesarmee muß sich aus Kroatien zurückziehen“.

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- „In der Union zeichnet sich eine Haltungsänderung zu Jugoslawien ab“.

- FAZ vom 16.12.1991
- „Trotz Warnungen der Vereinten Nationen will Bonn Slowenien und Kroatien anerkennen“.
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- „CDU- Kritik an Genschers Jugoslawien- Kurs“.

- SZ vom 16.9.1991
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2. Sekundärliteratur

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[...]


1 Vgl. Maull, Hanns (1995): S. 155.

2 Vgl. Waltz, Kenneth (1979): bes. Kap. 5 und 6.

3 Viktor Meyer weist im Zusammenhang mit der Ablenkung der allgemeinen Aufmerksamkeit besonders auf den gesteigerten Einfluß der Botschafter in dieser Zeit hin und damit auf deren Versagen: Vgl. Meyer, Viktor (1996): S. 383 ff.

4 KSZE- Ratstreffen am 19.6.1991, abgedruckt in: EA 14/1991, S. D 355

5 Vgl. bes. Cohen, Lenard J. (1993) / Meier, Viktor (1996).

6 Abgedruckt in: EA 21/1991 S. D 537.

7 Vgl. Meier, Viktor (1996): S. 390 ff.

8 Vgl. FAZ, 25.5.1991.

9 Vgl. Libal, Michael (1998): S. 15 ff.

10 Vgl. Kap. III.3.

11 Vgl. Libal, Michael (1998): S. 17.

12 Vgl. Wrede, Hans- Heinrich (1993).

13 Vgl. Woodward, Susan L. (1995): S. 160 / Vgl. Gow, James (1991): S. 304-305.

14 Das am 4. Juli beschlossene Waffenembargo gegen ganz Jugoslawien war ein „Höhepunkt“ der van den Broekschen Politik.

15 Vgl. Maull, Hanns (1995): S. 103.

16 Vgl. Libal, Michael (1998): S. 25.

17 Vgl. Libal, Michael (1998): S. 31 ff.

18 Libal, Michael (1998): S. 33.

19 Vgl. EA 21 / 1991, S. D 543.

20 Vgl. Libal, Michael (1998): S. 41 ff.

21 Vgl. Libal, Michael (1998): S. 45.

22 Vgl. Studnitz, Ernst- Jörg von (1993): S. 88 f.

23 Abgedruckt in EA 21/1991, S. D 546.

24 Vgl. FAZ vom 16.6.1991 / SZ vom 16.9.1991.

25 Vgl. Libal, Michael (1998): S. 53 ff.

26 Vgl. Libal, Michael (1998): S. 54.

27 Stellungnahme abgedruckt in: EA 21 / 1991, S. D 555.

28 Vgl. Genscher, Hans Dietrich (1995): S. 954 ff. / Interview mit van den Broek in Die Presse vom 18.10.1991.

29 Vgl. Erklärung vor dem Bundestag am 6.11.1991 / abgedruckt in: Stenographischer Bericht 159, 12. Wahlperiode, 53. Sitzung (6.11.1991) S. 4383 f.

30 „Die Staatsidee Jugoslawiens (...) ist gescheitert“ / „ unterstützt die Bemühungen der Bundesregierung, parallel zu der Friedenskonferenz die Voraussetzungen für eine völkerrechtliche Anerkennung Sloweniens und Kroatiens (...) zu schaffen...: Antrag von CDU / CSU, SPD, FDP und Bündnis 90 / Die Grünen vom 14.11.1991 abgedruckt in BT- Drucksache 12 / 1591.

31 Libal, Michael (1998): S. 77. Anders dazu: Gow, James (19957): S. 63 / Der Darstellung von Libal widerspricht Carrington: Vgl. Gow, James (1997): S. 63 / Fußnote 48.

32 Vgl. FAZ 16.12.1991 / Axt, Hans Jürgen (1993): S. 355 ff.

33 Vgl. Genscher, Hans Dietrich (1995): S. 959. / FAZ 16.12.1991.

34 Vgl. Maull, Hanns (1995): S. 104.

35 Abgedruckt in: EA 3 / 1992, S. D 120.

36 Libal, Michael (1998): S. 85.

37 Vgl. Kap. IV.2.

38 Vgl. Genscher, Hans- Dietrich (1995): S. 932 / vgl. Gow, James (1997): S. 168 f.

39 Vgl. Maull, Hanns (1995): S. 111.

40 Hanns Maull bietet als Analyseraster für die deutsche Außenpolitik den Begriff der „civilian power“ an. Die grundlegende Orientierung Deutschlands ist demnach die Priorität multilateralen Handelns, die Betonung eines normativen Aspektes sowie die Stabilität als oberstes Ziel und die Ablehnung von Gewalt. Vgl. Maull, Hanns (1995).

41 Zu den mittelfristigen wirtschaftlichen Interessen (bes. Flüchtlingsproblematik) s.u. / Vgl. a. Altmann, Franz- Lothar (1993): S. 231.

42 Vgl. Altmann, Franz- Lothar (1993): S. 226.

43 Giersch / Eisermann (1994): S. 103.

44 andere Auffassung: Klaus Kinkel (1993) / Ernst Otto Czempiel (1991).

45 Vgl. FAZ seit dem Mitte Juni 1991.

46 Giersch / Eisermann (1994): S. 114.

47 Vgl. SZ 2.7.1991 / vgl. Newhouse, John (1993): S. 1194.

48 Vgl. Maull, Hanns (1995): S. 102.

49 Vgl. FAZ 27.9.1991.

50 Libal, Michael (1998): S. 16- 17.

51 Vgl. Maull, Hanns (1995): S. 123.

52 Vgl. Gow, James (1997): S. 167.

53 Vgl. Weller, Marc (1995): S. 586 ff.

54 Vgl. Kimminich, Otto (1993): S. 129 ff. / Vgl. Bleckmann, Albert (1995): S. 120 ff.

55 Gow, James (1993): S. 62 / Vgl. a. S. 65 f.

56 Vgl. Giersch / Eisermann (1994): S. 116.

57 Maull, Hanns (1995): S. 119.

58 Vgl. Libal, Michael (1998): S. 51-52 / Vgl. a. Giersch, Carsten (1998): S. 137 ff.

59 Vgl. Wagner, Wolfgang (1992): S. 37.

60 Vgl. Genscher, Hans- Dietrich (1995): S. 950 / vgl. Gow, James (1997): S. 175 f.

61 Vgl. Gow, James (1997): S. 174.

62 Vgl.a. Giersch / Eisermann (1994): S. 115.

63 Maull, Hanns (1995): S. 119.

64 Vgl. Libal, Michael (1998): S. 40.

65 FAZ 27.9.1991.

66 Vgl. Gow, James (1997): S. 170.

67 Vgl. hierzu die hervorragende Studie von Giersch, Carsten (1998) / Gow, James (1997): S. 46 ff.

68 Vgl. Newhouse, John (1993): S.1190 / Wagner, Wolfgang (1992): S. 34 / Zum Ungleichgewicht innerhalb der NATO: Vgl. Link, Werner (1995).

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36
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1999
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Deutsch
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Freie Universität Berlin
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Schlagworte
Deutsche Anerkennungspolitik Anerkennung Sloweniens Kroatiens Bewertung Traumas Hauptseminar Kommt Balkan Ruhe Leitung Prof Funke Schumacher

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Titel: Deutsche Anerkennungspolitik 1991 / 1992 - Die Anerkennung Sloweniens und Kroatiens: Bewertung eines ,,diplomatischen Traumas"