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Der Hitler-Stalin-Pakt: Ursachen, Hintergründe und Bedeutung

Facharbeit (Schule) 1997 39 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Gliederung:

1. Die außenpolitische Situation bis August 1939
1.1 Der Charakter der nationalsozialistischen Außenpolitik von 1933 - 1939
1.2 Das deutsch-sowjetische Verhältnis bis zum Abschluß des Hitler-Stalin-Paktes

2. Inhalte des Hitler-Stalin-Paktes

3. Einflüsse auf das Zustandekommen des Hitler-Stalin-Paktes
3.1. Gegenseitige Beziehungen aus der Weimarer Zeit
3.2. Zwei gegensätzliche Ideologien

4. Die Hintergründe des Hitler-Stalin-Paktes
4.1. Wirtschaftliche Gründe
4.2. Hitlers machtpolitische Überlegungen
4.3. Stalins sicherheitspolitische Gründe
4.4. Die innenpolitische Lage der UdSSR
4.5. Die Ausdehnung des sowjetischen Machtbereichs

5. Die politische Bedeutung des Hitler-Stalin-Paktes
5.1. Der Überfall auf Polen
5.2 Der Überfall auf Finnland und die Annexion der baltischen Staaten
5.3 Wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der Sowjetunion
5.4. Auswirkung auf die kommunistische Bewegung
5.5. Auswirkungen auf den weiteren Kriegsverlauf

6. Das Ende der deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit
6.1. Hitlers Vorbereitungen für den Krieg gegen die Sowjetunion
6.2. Stalins Aufrüstungspläne

7. Schlußbetrachtungen Literaturverzeichnis

Der Hitler-Stalin-Pakt: Ursachen, Hintergründe und Bedeutung

Einleitung

Mehrere Jahrzehnte erfolgte die Auseinandersetzung mit den Ursachen und den

Hintergründen des Hitler-Stalin-Paktes nur in den westlichen Staaten. In der UdSSR und in den sozialistischen Satellitenstaaten ließ das herrschende politische System eine Diskussion nicht zu. Die Existenz einer geheimen Abmachung über die Aufteilung von Einflußsphären zwischen Hitler und Stalin durch ein Zusatzprotokoll wurde bewußt verschwiegen. Dem Westen waren wichtige Zeitdokumente aus sowjetischen Archiven für eine umfassende Forschung zunächst nicht zugänglich. Erst durch die Veränderung der politischen Situation in den osteuropäischen Ländern seit 1989 kann gemeinsam mit den russischen Historikern eine realistische Einschätzung des Hitler-Stalin-Paktes vorgenommen werden.

Hitlers Gründe für die Annäherung an die Sowjetunion sind hinreichend bekannt. Welche

Ursachen und Hintergründe sind jedoch für die sowjetische Kooperationsbereitschaft mit dem ideologischen Gegner Deutschland verantwortlich ?

Obwohl sich Hitlers aggressive Lebensraumpolitik eindeutig auch gegen den sowjetischen Machtbereich richtete, entschloß sich Stalin letztendlich mit Deutschland einen Bund einzugehen. Nach wirtschaftlichen Absprachen folgte am 23. August 1939 der Abschluß des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages mit der Sowjetunion.

Die Vereinbarungen des geheimen Zusatzprotokolls wurden wenig später in die Tat umgesetzt.

Am 1. September 1939 überfiel Hitler Polen. Der Zweite Weltkrieg hatte begonnen.

1. Die außenpolitische Situation bis August 1939

1.1. Der Charakter der nationalsozialistischen Außenpolitik von 1933 - 1939

Die nationalsozialistische Außenpolitik knüpfte unmittelbar an die "Revisionspolitik" der Weimarer Republik an. Das nationalsozialistische Deutschland versuchte in einer ersten Phase die Ergebnisse des Ersten Weltkrieges und die Bestimmungen des Versailler Vertrages mit außenpolitischen Mitteln zu verändern. Die "Revision von Versailles" und die Aufhebung bzw. Entschärfung der Deutschland auferlegten machtpolitischen Beschränkungen waren erklärtes Ziel Hitlers und Grundvoraussetzungen für seine aggressive Großmacht- und Großraumpolitik (vgl. Hildebrand 1991, S.15 ff.).

Hitler beschränkte sich jedoch nicht auf die Weiterführung der traditionellen Ziele der Außenpolitik der Weimarer Republik. Der Einmarsch deutscher Truppen in die entmilitarisierte Zone des Rheinlandes am 7. März 1936 markierte einen Wendepunkt in der deutschen Außenpolitik. Dieser aggressive militärische Akt verstieß eindeutig gegen die Vereinbarungen von Locarno. Auch die außenpolitischen Ereignisse der Folgezeit unterstreichen das neugewonnene Selbstbewußtsein des faschistischen Deutschlands. Im November 1937 erläuterte Hitler vor einem engen Kreis der Wehrmacht und der Marine sein wahres, auf kriegerische Eroberung ausgerichtetes Programm, in der sog. Hoßbach- Niederschrift (vgl. Bullock 1991, S.736 ff.). Sehr präzise werden hier Hitlers außenpolitische Ziele der nächsten Jahre und die dafür zu verwendenden Mittel und Methoden wiedergegeben. Drei Monate später schaffte er auch die personellen Voraussetzungen für seine expansive Außenpolitik. Als Oberbefehlshaber der Wehrmacht gab er im März 1938 den deutschen Truppen die Anweisung in Österreich einzumarschieren. Ende Mai befahl er, die Vorbereitungen für den Einmarsch in die Tschechoslowakei zu treffen.

Die Appeasement-Politik der friedensorientierten Westmächte unterstützte Hitler bei der Durchführung seiner aggressiven Eroberungspläne. Frankreich und Großbritannien protestierten nur zögernd gegen die Vertragsbrüche Deutschlands. Die Großmächte des Versailler Vertrages waren nicht bereit, sich in einen europäischen Krieg verwickeln zu lassen. Mit maßlosen Forderungen und militärischen Drohungen in der Zeit der "Sudetenkrise" provozierte Hitler die Westmächte aufs Äußerste. Der letzte britische Versuch einer friedlichen Einigung in der Sudetenfrage gipfelte in der Münchener Konferenz vom 29. September 1938. Großzügige territoriale Zugeständnisse für Deutschland waren das Ergebnis der Verhandlungen. Jedoch konnten sie Hitler nicht davon abhalten, im März 1939 die Münchener Vereinbarungen zu brechen, um den "Konflikt" mit militärischen Mitteln zu lösen. Noch unmittelbar nach der Münchener Konferenz hatte er seinen Friedenswillen bekundet und erklärt, am tschechischen Staat nicht interessiert zu sein. Diese Aussage war jedoch einen Monat später hinfällig. Daß Hitler sich nicht an einmal völkerrechtlich getroffene Abmachungen hielt und sie lediglich nur zu seinem Vorteil nutzte, sollte sich auch beim Vertragswerk mit Stalin bestätigen.

Geschickt wechselte er seine Mittel und Methoden zur Durchsetzung seiner außenpolitischen Ziele, entsprechend der politischen Lage. Mit seiner "Friedenspolitik" verschleierte Hitler nicht nur die wahren Ziele der Nationalsozialisten, sondern vergrößerte zugleich den Handlungsspielraum für deren Realisierung. Mit der Zerschlagung der "Resttschechei" gab Hitler seine Friedenstaktik endgültig auf und der Charakter der nationalsozialistischen Eroberungspolitik wurde offensichtlich. Nach der "Lösu0

1.2. Das deutsch-sowjetische Verhältnis bis zum Abschluß des Hitler-Stalin-Paktes

Nach der Machtübernahme versuchte Hitler jedes Kriegsrisiko zu vermeiden, bis die militärische Stärke Deutschlands wieder hergestellt worden war. Erst 1933 wurde das Berliner Freundschafts- und Neutralitätsabkommen mit der Sowjetunion von 1926 verlängert. Auch wenn Deutschland die langjährige Zusammenarbeit zwischen der Reichswehr und der Roten Armee auslaufen ließ, sah Hitler keinen Grund, einen offenen Bruch mit Rußland zu riskieren.

Der deutsch-polnische Verständigungsvertrag vom Januar 1934 war ein erster Schritt, um die außenpolitische Isolation Deutschlands zu verringern (vgl. Hildebrand 1991, S.18 f.). Darüber hinaus entsprach das Bündnis mit Polen den ideologischen Absichten Hitlers. Zum polnischen Gesandten Lipski äußerte er, daß Polen die letzte Barrikade im Osten gegenüber der Gefahr des Bolschewismus sei (vgl. Jacobsen 1968, S. 404 f.).

Die gegenseitige Nichtangriffserklärung zwischen Berlin und Warschau vom 26. Januar 1934 stellte eine folgenreiche Wende in der deutschen Außenpolitik seit dem Abschluß des Versailler Vertrages dar. Durch eine friedliche Lösung war es Hitler gelungen, das Versailler System zu stürzen. Er gab seine antipolnische Politik auf und erreichte mit der deutsch- polnischen Annäherung, daß Polen nicht mehr als Sicherheitspartner Frankreichs in Frage kam.

Nach der Unterzeichnung des Vertrages verschlechterte sich das deutsch-sowjetische Verhältnis schlagartig. Die UdSSR sah im deutschen Bündnis mit Polen eine Abkehr Deutschlands von dem auf Rapallo basierenden guten deutsch-sowjetischen Verhältnis und intensivierte ihre Politik der Annäherung an die Westmächte.

Auch weitere politische Ereignisse behinderten eine deutsch-sowjetische Annäherung erheblich. Durch den im November 1936 zwischen Deutschland und Japan geschlossenen "Antikomintern-Pakt" und den "Stahlpakt" mit Italien vom 22. Mai 1939 fühlte sich Stalin erheblich bedroht.

Bei allen Annäherungsversuchen zwischen Deutschland und der Sowjetunion im Vorfeld des Hitler-Stalin-Paktes im Jahre 1939 war das sowjetische Handeln von starkem Mißtrauen bestimmt (vgl. Maser 1994, S.14). Zwischen 1937 und 1939 wurden in der Sowjetunion aus wichtigen Positionen die "deutschfreundlichen Elemente" ausgeschaltet und durch linientreue Funktionärsträger ersetzt. Das deutsch-sowjetische Verhältnis war auf einem Tiefpunkt angelangt.

Die zugespitzte politische Situation Anfang 1939 verlangte es, daß sich die weitgehend isolierten Staaten Deutschland und die UdSSR separat um einen Bündnispartner bemühen mußten. Hitler versuchte sich seit 1933 die Gunst Großbritanniens zu sichern. Großbritannien schien sowohl aus ideologischen als auch aus machtpolitischen Überlegungen der geeignete Partner für Hitlers, in erster Linie gegen die Sowjetunion gerichtete, Eroberungspläne zu sein. Schon in "Mein Kampf" erwähnte Hitler Großbritannien als notwendigen Bündnispartner.

Weder durch Werbungsversuche noch durch Drohungen konnte Hitler die gewünschte Unterstützung des britischen Empire erlangen (vgl. Hildebrand 1991, S.16 f.).

Die Annäherung an Italien bzw. der mit Japan 1936 geschlossene "Antikomintern-Pakt" stellten lediglich Ersatzbündnisse dar. Auch im Sommer 1939 war Hitler dazu bereit, sich mit der Seemacht zu verbünden. Daß Hitler letztendlich mit dem ideologischen Gegner kooperierte, ist auf seinen Entschluß, Polen anzugreifen, zurückzuführen. Die englische Regierung, die für Polen eine Garantieerklärung unterzeichnet hatte, wurde als Bündnispartner für Hitlers außenpolitische Ziele im August 1939 uninteressant.

Für die Sowjetunion stellten die außenpolitischen "Erfolge" Deutschlands mehr und mehr eine Kriegsgefahr dar. Die UdSSR hatte Anfang 1939 die Wahl zwischen wenigen möglichen Bündnispartnern. Ein Bund mit den Randstaaten scheiterte schon frühzeitig am geringen Entgegenkommen der umworbenen Länder. Im Frühjahr 1939 intensivierte die sowjetische Regierung ihre Bemühungen, um mit den baltischen Staaten Estland und Lettland Garantieerklärungen auszuhandeln. Weiterhin wurde der polnischen Regierung ein sowjetisch-polnischer Beistandspakt angeboten. Die polnische Regierung lehnte diesen Vorschlag am 10. Mai 1939 ab. Stalin konnte nach der Entscheidung aus Warschau im Falle eines Krieges nicht mit militärischer Hilfe rechnen ( vgl. Fleischhauer 1991,S.21 ff.). Der Versuch, sich mit den Randstaaten zu einigen, mißglückte.

Eine weitere Möglichkeit war die Fortsetzung der sowjetischen Bemühungen um ein Bündnis Nach der Machtübernahme versuchte Hitler jedes Kriegsrisiko zu vermeiden, bis die militärische Stärke Deutschlands wieder hergestellt worden war. Erst 1933 wurde das Berliner Freundschafts- und Neutralitätsabkommen mit der Sowjetunion von 1926 verlängert. Auch wenn Deutschland die langjährige Zusammenarbeit zwischen der Reichswehr und der Roten Armee auslaufen ließ, sah Hitler keinen Grund, einen offenen Bruch mit Rußland zu riskieren.

Der deutsch-polnische Verständigungsvertrag vom Januar0Nach der Machtübernahme versuchte Hitler jedes Kriegsrisiko zu vermeiden, bis die militärische Stärke Deutschlands wieder hergestellt worden war. Erst 1933 wurde das Berliner Freundschafts- und Neutralitätsabkommen mit der Sowjetunion von 1926 verlängert. Auch wenn Deutschland die langjährige Zusammenarbeit zwischen der Reichswehr und der Roten Armee auslaufen ließ, sah Hitler keinen Grund, einen offenen Bruch mit Rußland zu riskieren.

Der deutsch-polnische Verständigungsvertrag vom Januar1 Erstens belastete die Appeasement-Politik der Westmächte gegenüber Deutschland das Verhältnis zwischen der Sowjetunion und den Westmächten. Die Zurückhaltung Frankreichs im deutsch-tschechischen Konflikt wirkte sich hemmend auf den Ausbau der gegenseitigen Beziehungen aus. Die unrechtmäßige Einverleibung der Tschechei durch das Deutsche Reich wurde von der Sowjetunion entschieden verurteilt ( vgl. Maser 1994, S.19 f.). Die "Friedenspolitik" der Westmächte versprach keine genügende Sicherheit für die Sowjetunion.

Die Ergebnisse des Münchener Abkommens, zustandegekommen durch die Appeasement- Politik der Westmächte, wurden in Moskau als Versuch gewertet, den bestehenden Konflikt zwischen Deutschland und der UdSSR noch zu verschärfen. Stalin übte scharfe Kritik an der Politik der Westmächte. Nach seiner Meinung hätten England und Frankreich die Absicht, einen Krieg zwischen Deutschland und der Sowjetunion zu provozieren. Doch die UdSSR habe vor "...Vorsicht walten zu lassen und den Kriegsprovokateuren, die es gewohnt sind, sich von anderen die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen, nicht die Möglichkeit zu geben, unser Land in Konflikte hineinzuziehen." ( Stalin 1950, S. 687).

Zweitenswurde die Forderung der UdSSR, im Zusammenhang mit der Vorbereitung der militärischen Maßnahmen gegen den "Aggressor" Deutschland, eine Durchmarscherlaubnis durch Rumänien und Polen zu gewähren, abgelehnt. Der sowjetische Plan basierte auf dem gemeinsamen präventiven Vorgehen der UdSSR und der Westmächte gegen das nationalsozialistische Deutschland. Die polnische Regierung verweigerte jedoch die geforderte Durchmarscherlaubnis. Auch die Westmächte stimmten dem sowjetischen Konzept nicht zu.

Drittens war auch die Verzögerungstaktik der Westmächte hinderlich für das Zustandekommen eines gemeinsamen Vertragswerkes (vgl. Bullock 1991, S.811 f.). Molotow führte das Scheitern des Verhandlungen über gegenseitige Hilfe auf den Unwillen der Westmächte zurück, die an einem Vertragsabschluß nicht wahrhaft interessiert waren. Er argumentierte, daß der Abschluß eines solchen Vertrages die UdSSR stärken würde, was nicht den Absichten der Westmächte entsprechen konnte.

Die vorliegenden Tatsachen lassen tatsächlich Desinteresse der Westmächte für das Zustandekommen eines gemeinsamen Vertragstextes erkennen. Die Entsendung zweitrangiger Militärfunktionäre und das Fehlen der schriftlichen Vollmachten bei der englischen Delegation hinterließen in Moskau nicht den Eindruck, daß die Westmächte zum Abschluß eines Militärbündnisses mit der UdSSR bereit waren. Die sowjetische Delegation bestand hingegen aus höchsten Mitgliedern der sowjetischen Streitkräfte. Für die Beantwortung ihrer Vorschläge ließ sich London unverhältnismäßig viel Zeit, während Hitler den Krieg gegen Polen vorbereitete. Die westliche Militärmission benutzte, elf Tage nach der Zustimmung ihrer Regierungen, für die Reise nach Moskau einen Passagierdampfer, mit dem sie sechs Tage benötigte. Die britische Stellungnahme zum ersten sowjetischen Vorschlag erhielt die Sowjetunion erst nach drei Wochen. Moskau reagierte im Vergleich zu London in viel kürzerer Zeit. In einigen Fällen antwortete Moskau sogar innerhalb von 24 Stunden.

Wiederholt äußerte die Sowjetregierung im Sommer 1939 ihr Bedauern über die Verzögerungstaktik der Westmächte (vgl. Maser 1994, S.29 ff.).

Als Alternative zu einem Bündnis mit den Westmächten hatte die Sowjetunion aber auch die Möglichkeit, sich mit dem Feind zu arrangieren. Die unbefriedigenden Ergebnisse der Verhandlungen über ein Militärbündnis mit den Westmächten Ende Juli 1939 veranlaßten Stalin durch seinen Außenminister Molotow, auf eine Normalisierung der deutsch- sowjetischen Beziehungen hinzuarbeiten. Durch die festgefahrenen Gespräche mit Großbritannien und Frankreich fürchtete die UdSSR englische "Ausgleichsverhandlungen" mit Deutschland, aber mit antisowjetischer Stoßrichtung. Parallel zu den Verhandlungen mit den Westmächten führte die sowjetische Regierung seit Ende Juli 1939 nun auch Gespräche mit Deutschland. Hoffend bei auftretenden Differenzen mit den Westmächten sich als letzte Möglichkeit mit dem Feind arrangieren zu können, unterstrich Stalin in der Folgezeit die "Friedfertigkeit" seines Landes gegenüber Deutschland. Einen deutlichen Hinweis auf den künftigen außenpolitischen Kurs der Sowjetunion gibt das Gespräch vom 15. Juni 1939 zwischen dem sowjetischen Botschaftsrat Astachow und dem bulgarischen Gesandten wieder: "Wenn Deutschland die Erklärung abgeben würde, daß es die Sowjetunion nicht angreifen wolle oder mit ihr einen Nichtangriffspakt abschließen würde, so würde die Sowjetunion wohl von dem Vertragsabschluß mit England absehen." (Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik 1956, Nr. 529).

Schon seit Anfang April 1939 versuchte die Sowjetunion auf diplomatischer Ebene ein gutes deutsch-sowjetisches Verhältnis herzustellen. Die sowjetische Initiative, die am 3. Mai 1939 zur Ablösung des Außenministers Litwinow führte, kann als Versuch Stalins verstanden werden, das angespannte deutsch-sowjetische Verhältnis zu entschärfen. Die Absetzung des Hauptrepräsentanten der sowjetischen Sicherheitspolitik nahm Deutschland wohlwollend zur Kenntnis und wertete den Akt als sowjetisches Entgegenkommen. Zwei Tage später informierte sich Moskau auf diplomatischer Ebene nach einer möglichen, veränderten Einstellung Deutschlands gegenüber der Sowjetunion durch die Ablösung des Juden Litwinows.

Tatsächlich hatte sich Hitler von diesem Ereignis leiten lassen. Obwohl er Ende Mai 1939 einer deutsch-sowjetischen Annäherung noch skeptisch gegenüberstand, war er überzeugt, daß über wirtschaftliche Handelsbeziehungen auch politische Beziehungen zu Rußland möglich sein würden. "Litwinows Ablösung war ausschlaggebend. Ich habe die Umstellung Rußland gegenüber allmählich durchgeführt. Im Zusammenhang mit dem Handelsvertrag sind wir in das politische Gespräch gekommen." (zit. nach Ripper 1977, S.52).

Am 31. Mai 1939 gab Molotow die Wiederaufnahme der Wirtschaftsbeziehungen zwischen der UdSSR, Italien und Deutschland bekannt. Schon im Juni spricht Hitler von der Möglichkeit einer Etappe "des Gleichgewichts und der wirtschaftlichen Zusammenarbeit" zwischen Berlin und Moskau (vgl. Fleischhauer 1990, S.237).

Die Sowjetregierung hatte es nicht sehr eilig sich mit Deutschland auf einen Vertragstext zu einigen. Sie versuchte im Gegenteil Deutschland hinzuhalten, da sie bei den Verhandlungen mit den Westmächten noch zu keinem Ergebnis gekommen war. Um die Westmächte nicht zu verunsichern, wurde Deutschland, trotz der allmählichen Annäherung der beiden Staaten, in der sowjetischen Propaganda als "Aggressor" dargestellt. Auch Hitler mußte bei seinen offiziellen Bekundungen bis August 1939, auf Grund der Geheimhaltung des deutsch- britischen Verständigungsversuchs, Rücksicht auf Großbritannien nehmen.

Nach den Aussagen des Leiters der sowjetischen Delegation, Woroschilow, tendierte Stalin eher für ein Bündnis mit den Westmächten als mit Deutschland. Die zunehmende Zusammenarbeit mit Deutschland kann nur als Ersatz für eine Bündnisoption mit Großbritannien und Frankreich verstanden werden ( vgl. Wolkogonow 1989, S.475 f.).

Mitte August 1939 kam es durch den unbefriedigenden Verlauf der sowjetischen Verhandlungen mit Frankreich und Großbritannien zu einem sichtbaren Entgegenkommen der sowjetischen Seite. Erst nach dem 15. August 1939 ging die sowjetischen Seite jedoch substantiell auf deutsche Vorschläge ein. In einem Gespräch am folgenden Tag zwischen Schulenburg und Molotow wurde zum ersten Mal die Frage nach einem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt erörtert. Einen Tag später äußerte Molotow den Wunsch der Sowjetregierung, nach einer angemessenen Übergangszeit, mit Deutschland einen Nichtangriffspakt abschließen zu wollen oder den Neutralitätspakt von 1926 zu bestätigen ( vgl. Fleischhauer 1991, S.27 ff.). Integrierter Bestandteil des Vertragswerkes sollte ein spezielles Protokoll sein, welches die Regelung der Interessen der beiden Länder festhielt.

Hitler begrüßte die Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Handelsabkommen am 19. August 1939 und hoffte auf die baldige Unterzeichnung eines Nichtangriffspaktes mit der UdSSR. Nach Stalins Entscheidung vom 20. August, die Verhandlungen mit England und Frankreich zu beenden , folgten konkrete sowjetische Vorschläge für einen deutsch- sowjetischen Nichtangriffspakt, die im Vertragswerk vom 23. August 1939 ihren Niederschlag fanden. Der "Aggressor" Deutschland war seit diesem Tag plötzlich vertragswürdig und darüber hinaus sogar "Friedenspartner" geworden.

Ribbentrop würdigte den großen außenpolitischen Erfolg Deutschlands. Für ihn knüpfte der Pakt mit der Sowjetunion an die Außenpolitik Bismarcks an und bedeutete gleichzeitig auch das Ende der Einkreisung Deutschlands (vgl. Ribbentrop 1961, S.184 ). Hitlers politische Kehrtwendung wurde jedoch nicht einheitlich positiv aufgenommen. Ribbentrops Staatssekretär Ernst von Weizsäcker bezeichnete die neue Verbindung "auf längere Sicht" als Wagnis. Der vertraglich festgelegte Verzicht Deutschlands auf die Randstaaten und auf Finnland wurde von ihm als Geschenk an die Sowjetunion angesehen (vgl. Maser 1994, S.57). Noch deutlicher wurde der nationalsozialistische "Parteiphilosoph" Alfred Rosenberg , der zwei Tage nach der Vertragsunterzeichnung niederschreibt: " Wie können wir noch von der Rettung und Gestaltung Europas sprechen, wenn wir den Zerstörer Europas um Hilfe bitten müssen?" (Seraphim 1956, S.75).

2. Inhalte des Hitler-Stalin-Paktes

Der Nichtangriffsvertrag zwischen Deutschland und der Sowjetunion wurde am 23.8.1939 unterzeichnet und sollte die zukünftige Gestaltung der gegenseitigen Beziehungen zwischen den beiden Ländern regeln. Macht- und Einflußspären wurden schriftlich fixiert und Landesgrenzen festgelegt. Zwischen dem sowjetischen Entwurf vom 20. August 1939 und dem unterzeichneten Vertrag, drei Tage später, gab es inhaltlich kaum Unterschiede.

Der Hitler-Stalin-Pakt bestand aus einem offiziellen Vertragstext und einem nicht veröffentlichten Zusatzprotokoll. Erst nach 1945 wurde das geheime Zusatzprotokoll in der westlichen Welt bekannt. Schon in der Präambel des offiziellen Textes wird der Wunsch nach der Festigung des Friedens zwischen den beiden Staaten betont. Als Grundlage für den Vertrag wurde der im April 1926 ausgehandelte Neutralitätspakt zwischen Deutschland und der Sowjetunion genannt. Kernpunkt der sieben Vertragsartikel war die Verpflichtung der beiden Länder, keinen Staat zu unterstützen, der mit einem der Vertragspartner im Kriege steht. Treten Konflikte zwischen den Vertragspartnern auf, so sollen sie "auf dem Weg freundschaftlichen Meinungsaustausches oder nötigenfalls durch Einsetzung von Schlichtungskommissionen" gelöst werden (vgl. Ripper 1977, S.37 f.).

Im geheimen Zusatzprotokoll wurde die zukünftige Abgrenzung der Interessensphären in Osteuropa festgeschrieben. Die Regelung galt für den Fall einer "territorial-politischen Umgestaltung" des polnischen Staates und in den zu den baltischen Staaten Finnland, Estland, Lettland und Litauen gehörenden Gebieten. Die Abgrenzung der Interessensphären zwischen Deutschland und der Sowjetunion bei einer Aufteilung Polens sollte durch die Flüsse Pissa, Narew, Weichsel und San erfolgen. Die Frage nach der Existenz bzw. nach der eindeutigen Abgrenzung eines polnischen Reststaates wurde bewußt offengelassen und sollte erst im Laufe der nächsten politischen Ereignisse auf "freundschaftlichem Wege" festgelegt werden. Als deutsche Grenze für den Fall einer "territorial-politischen Umgestaltung" der baltischen Staaten wird die nördliche Grenze Litauens genannt. Durch die Vereinbarungen des geheimen Zusatzprotokolls wurden Finnland, das Baltikum, die östliche Hälfte Polens und darüber hinaus Bessarabien der Sowjetunion zugesprochen. Ende September 1939 nahmen die Vertragspartner Veränderungen im Geheimprotokoll hinsichtlich des litauischen Gebietes zugunsten der Sowjetunion vor.

Der Pakt untersagte die Kooperation mit anderen Mächten gegen die Vertragspartner. Es fehlten aber Festlegungen zu Strafandrohungen im Falle einer Verletzung der beidseitigen Vereinbarungen durch einen Vertragspartner. Der Hitler-Stalin-Pakt sollte zunächst für 10 Jahre gelten und nach Ablauf dieser Zeit, sofern keiner der Vertragspartner kündigt, um weitere 5 Jahre verlängert werden.

3. Einflüsse auf das Zustandekommen des Hitler-Stalin-Paktes

3.1. Gegenseitige Beziehungen aus der Weimarer Zeit

Anfang der 20er Jahre entwickelten sich kontinuierliche politische, wirtschaftliche und militärische Beziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion. Gute Bedingungen für die Aufnahme gegenseitiger Kontakte schaffte der deutsche Entschluß, im sowjetisch- polnischen Krieg von 1920 Neutralität zu wahren.

Im Ergebnis der deutsch-sowjetischen Annäherung wurde im April 1922 der Vertrag von Rapallo unterzeichnet. Die Vertragspartner verzichteten auf gegenseitige Ansprüche aus dem Ersten Weltkrieg und nahmen die seit der Novemberrevolution abgerissenen diplomatischen Beziehungen wieder auf (vgl. Graml 1970, S.368 ff.).

Die guten Beziehungen zur Sowjetunion wollte Deutschland auch bei dem Streben nach weiteren außenpolitischen Kontakten nicht aufs Spiel setzen. Der deutsch-sowjetische Freundschaftsvertrag vom April 1926 war Deutschlands Antwort auf die sowjetischen Befürchtungen in Bezug auf den Locarno-Pakt vom Oktober 1925. Im Berliner Vertrag wurde die Neutralität Deutschlands gegenüber der Sowjetunion festgeschrieben.

Der Versailler Vertrag legte für Deutschland, neben erheblichen finanziellen Auflagen, den Verlust von Industriegebieten und Rohstofflagern, auch enorme Rüstungsbeschränkungen fest. Deutschland wurde gezwungen, die schweren Waffen, Panzer, die Luftwaffe, U-Boote und die Kriegsflotte abzutreten. Das Heer sollte nach den Versailler Bestimmungen auf 100 000 Mann beschränkt werden (vgl. Michalka 1988, S.303 ff.). Mit Hilfe der Sowjetunion konnte Deutschland auf militärischem Gebiet einen Teil der Versailler Bestimmungen umgehen. Moskau verpflichtete sich, Rüstungsgüter an Deutschland zu liefern, welche diese weder herstellen noch legal einführen durften. Darüber hinaus wurden auf sowjetischem Territorium deutsche Waffenfabriken und Ausbildungszentren aufgebaut und gemeinsame Manöver abgehalten. In den Städten Tula, Leningrad und Schlüsselburg produzierten sowjetische Fabriken Munition unter Aufsicht und Verwaltung der Krupp-Werke. Die Dessauer Flugzeugwerke Junkers errichteten in der Stadt Fili bei Moskau ein Zweigwerk zur Herstellung von Flugzeugen und Motoren (vgl. Maser 1994, S.8 f.). Die militärische Zusammenarbeit mit der Sowjetunion in der Weimarer Zeit begünstigte nachhaltig die geheime Wiederaufrüstung der deutschen Wehrmacht.

Neben der guten militärischen Zusammenarbeit entwickelte sich auch eine rege Handelstätigkeit zwischen den beiden Staaten. Die Sowjetunion wurde zum wichtigsten Handelspartner Deutschlands. Die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit der Sowjetunion seit Anfang der 20er Jahre brachte Deutschland erhebliche Vorteile. Aber auch die Sowjetunion profitierte von dem wirtschaftlichen Bündnis.

Die deutsche Schwerindustrie konnte ihre Produkte auf dem westlichen Markt nur schwer absetzen und fand in der Sowjetunion einen willkommenen Handelspartner. Als wirtschaftliche Voraussetzung wurde der Sowjetunion ein Kredit über 300 Millionen Mark gewährt. Die Weimarer Republik exportierte nach dem Abschluß des Rapallo-Vertrages mehr als andere Staaten in die Sowjetunion. 1932 importierte die Sowjetunion allein 46 Prozent ihrer gesamten Einfuhren aus dem Deutschen Reich (vgl. Schramm 1991, S.11 ff.). Auch in der Zeit, in der ideologische Gegensätze das politische Handeln bestimmten, rissen die wirtschaftlichen Beziehungen nicht ab. Wirtschafts- und Kreditabkommen blieben auch nach der Machtübernahme Hitlers 1933 weiterhin gültig.

Nicht zu unterschätzen war auch die symbolische Rolle, die von den guten deutschsowjetischen Beziehu012

3.2. Zwei gegensätzliche Ideologien

Beide Staaten hatten in den Jahren vor ihrem Paktschluß durch umfangreiche Propagandamaßnahmen die entsprechende Gegenseite zum "politischen Feind" erklärt. Diese Tatsache hätte eine spätere Zusammenarbeit völlig unmöglich machen müssen.

Hitlers innen- und außenpolitisches Programm stützte sich von Anfang an auf die bereits in den Jahren 1919-1924 entwickelten Thesen. Hitlers Stufenplan sah zunächst die Errichtung der Hegemonie Deutschlands in Zentraleuropa mit einem festen machtpolitischen und "wehrwirtschaftlichen" Rückhalt im "europäischen Ostraum" vor (vgl. Hildebrand 1991, S.16 f.). In einer zweiten Stufe sollte die Übernahme der Weltherrschaft durch den Entscheidungskampf mit der USA erfolgen. Zu den tragenden Säulen von Hitlers Rassen- und Lebensraumpolitik gehörte sowohl die Vernichtung des Judentums als auch die Zerschlagung der bolschewistischen Sowjetunion. Für die germanische Rasse sollte der notwendige Lebensraum im Osten Europas okkupiert werden.

Im Gegensatz zu Hitlers ideologischen Ansichten war die vorrangige Politik des ersten sozialistischen Staates, den konsequenten Kampf gegen den Faschismus zu führen. Die Komintern gab diese inhaltliche Linie auch für die kommunistischen Parteien in anderen Ländern vor.

Am 23. August 1939 setzten sich Hitler und auch Stalin über ihre propagierte Ideologie hinweg. Die verschiedenen Weltanschauungen konnten sowohl die deutsche als auch die sowjetische Seite nicht davon abhalten, einen gemeinsamen Bund einzugehen. Das neue gemeinsame Moment in der deutschen und sowjetischen Ideologie wurde bereits am 24. Juli 1939 von Karl Schnurre, Mitglied der Verhandlungsdelegation, im Gespräch mit Astachow und dem Leiter der Handelsvertretung der UdSSR in Deutschland, Babarin, genannt (vgl. Maser 1994, S.16 ff.). Von nun an sollte die kapitalistische westliche Demokratie als Feind beider Länder betrachtet werden. Darüber hinaus wurde die "Friedfertigkeit" Deutschlands gegenüber der UdSSR unterstrichen.

Für beide Vertragspartner war die Möglichkeit, durch diesen Bund sicherheitspolitische Vorteile zu erlangen, ausschlaggebend für ihre Überlegungen. Darüber hinaus ließ der Hitler- Stalin-Pakt beiden Vertragspartnern freie Hand für den Ausbau ihres eigenen Machtbereichs.

Mitte August 1939 wandelte sich auch die Nazipropaganda in Deutschland und Hitler übte in diesem Zusammenhang Zurückhaltung bei öffentlichen Reden gegenüber der UdSSR. Der Vertragsschluß mit der Sowjetunion änderte jedoch nichts an den Grundlagen von Hitlers Weltanschauung und die daraus resultierenden Absichten und Ziele. Das bilaterale Verhältnis zur Sowjetunion wurde lediglich als Zweckbündnis verstanden. In einer Denkschrift vom 9. Oktober 1939 betonte er die "geringe Bedeutung des Wertes vertraglicher Abmachungen" (Domarus 1960, S.1394 f.). Seinen schon frühzeitig getroffenen Entschluß, Lebensraum im Osten zu erobern, hatte Hitler nie aus den Augen verloren. Der Pakt stellte nicht das Ende der nationalsozialistischen Lebensraumpolitik dar, sondern war der erste Schritt zur Verwirklichung dieser Expansionsziele Hitlers.

Noch am 11. August 1939 erklärte Hitler: "Alles, was ich unternehme, ist gegen Rußland gerichtet; wenn der Westen zu dumm und zu blind ist, um dies zu begreifen, werde ich gezwungen sein, mich mit Rußland zu verständigen, um den Westen zu schlagen, und dann nach seiner Niederlage mich mit meinen versammelten Kräften gegen die Sowjetunion zu wenden." (Burckhard 1960, S. 348).

4. Die Hintergründe des Hitler-Stalin-Paktes

Schon Anfang März 1939 wird die Tendenz einer Verbesserung der deutsch-sowjetischen Beziehungen in der sowjetischen Politik sichtbar. Die Entscheidung für den Pakt mit Hitler fällt jedoch erst im August, als die Verhandlungen mit den Westmächten endgültig gescheitert waren.

Schulenburg, der sich maßgeblich für eine Verbesserung der deutsch-sowjetischen Beziehungen einsetzte, plante einen wirklichen Friedensvertrag zwischen den beiden Staaten (vgl. Wegner-Korfes 1991, S.191 f.). Durch den Abschluß eines solchen Vertrages sollten u.a. der deutsch-polnische Konflikt mit friedlichen Mitteln gelöst, die Unantastbarkeit der drei baltischen Staaten gesichert und darüber hinaus mit deutscher Hilfe der sowjetisch-japanische Konflikt im Fernen Osten beigelegt werden.

Hitler hatte kein Interesse an einer friedlichen Einigung mit Polen. Der Vertrag mit der Sowjetunion sollte im Gegenteil die Eroberung Polens absichern. Für Hitler waren es vor allem machtpolitische Gründe, die ihn zu einer Annäherung an die Sowjetunion bewegten. Die Sowjetunion sollte eine gewisse Zeit neutralisiert werden, bis Hitler die Vorbereitungen für den entscheidenden Krieg gegen die UdSSR geschaffen hatte.

Die Furcht vor einem Krieg auf dem Territorium der UdSSR führten auf sowjetischer Seite zu dem Entschluß, einen Pakt mit Hitler einzugehen. Für Stalin bot der Bund mit Deutschland neben der deutschen Nichtangriffserklärung aber auch die Gelegenheit, den sowjetischen Machtbereich auszudehnen. Die Westmächte konnten Stalin diese Möglichkeit nicht bieten. Im Vorfeld spielten jedoch auch wirtschaftliche Gründe eine Rolle.

4.1. Wirtschaftliche Gründe

Die außenpolitische Isolation Deutschlands und die Absicherung kriegswichtiger Rohstoffe und Nahrungsmittel machten eine Wiederaufnahme der Wirtschaftsverhandlungen mit der Sowjetunion seit Juni 1939 notwendig. Die Kriegserklärung der Westmächte vom 3.

September verstärkte den Druck auf die deutsche Volkswirtschaft und führte zu einer Intensivierung der wirtschaftlichen Kontakte zur Sowjetunion.

Am 19. August 1939 wurde zwischen Moskau und Berlin ein umfangreiches Wirtschaftsabkommen abgeschlossen. Nach Stalins Vorstellungen sollte v o r einem deutschsowjetischen Nichtangriffsvertrag zunächst ein Handelsabkommen mit Deutschland vereinbart werden. Die Grundlage für die politische Verständigung Mitte August war eine wirtschaftliche Zusammenarbeit der beiden Staaten.

Für die Verwirklichung des 3. Fünfjahrplanes, der die Ziele der sowjetischen Wirtschaft in den Jahren 1938 bis 1942 fixierte, benötigte die UdSSR ein großes Rohstoffaufkommen, aber auch Maschinen und Industrieausrüstungen. Auf große Rohstoffimporte war die UdSSR Ende der 30er Jahre nicht angewiesen. Abhängig war sie allerdings von Technologieimporten. Für die sowjetische Großoffensive gegen Japan am 20. August 1939 benötigte die UdSSR verstärkt Wirtschaftsgüter und Militärtechnik.

Der Wirtschaftsvertrag bot der UdSSR in Bezug auf die Laufzeit und dem festgelegten Zinssatz enorme Vorteile. Unter diesen Bedingungen wäre der Abschluß eines Vertrages mit den Westmächten nicht möglich gewesen.

Zur Durchführung seiner außenpolitischen Ziele war Hitler auf die Handelsbeziehungen mit der Sowjetunion angewiesen. Die ersten Initiativen zur Verbesserung der Wirtschaftsbeziehungen gingen von Deutschland aus. Hitler drängte sowohl auf eine wirtschaftliche als auch auf eine politische Zusammenarbeit.

Trotz Hitlers Autarkiebestrebungen blieb Deutschland bis zum Ausbruch des Krieges ein rohstoffarmes Land und in hohem Maße importabhängig. Allein bei Mineralöl betrugen die Einfuhren 60 Prozent. Bei dem für die Herstellung von Panzerstählen notwendigen Chrom mußten nahezu 100 Prozent eingeführt werden. Mit zunehmender Kriegsentschlossenheit Hitlers erhöhte sich der Bedarf an wichtigen strategischen Rohstoffen noch zusätzlich. Gleichzeitig verschärfte sich die deutsche Devisenlage und behinderte dadurch die wirtschaftliche Handlungsfähigkeit. Die deutsche Rüstungs- und Kriegswirtschaft hätte nach dem geplanten Krieg gegen Polen den Belastungen durch die folgenden Konflikte mit den Westmächten sicher nicht standhalten können.

Deutschland gewährte der Sowjetunion einen Kredit in Höhe von 200 Millionen Reichsmark, mit dem sie deutsche Investitionsgüter einkaufen konnte. Im Gegenzug verpflichtete sich die UdSSR in den nächsten zwei Jahren Rohstoffe im Werte von 180 Millionen Reichsmark zu liefern (vgl. Zeidler 1991, 96 ff.).

Die schlechte Rohstoff- und Devisenlage Deutschlands sollte durch ein Wirtschaftsabkommen mit der Sowjetunion entspannt werden. Darüber hinaus bildete der Abschluß eines Wirtschaftsabkommens aus deutscher Sicht den ersten Schritt für die Neugestaltung der politischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Für Hitlers Angriffsabsichten gegenüber Polen war eine vertragliche Absicherung durch die Sowjetunion im Osten unverzichtbar.

4.2. Hitlers machtpolitische Überlegungen

Hitlers wichtiges strategisches Ziel beim Abschluß des Paktes war der Wunsch nach Handlungsfreiheit für den Kampf gegen Polen und gegen die Westmächte. Hitler wollte den Kampf auf nur eine Front beschränken. Ohne einen Bündnispartner im Osten bestand die Gefahr einer militärischen Auseinandersetzung an zwei Fronten. Deutschlands nachteilige geostrategische Lage in der Mitte Europas begünstigte einen Zusammenschluß der jeweils angrenzenden Länder gegen das Nazideutschland.

Der Pakt mit Stalin war als militärische und ökonomische Absicherung gedacht. Der Krieg gegen die UdSSR hatte Hitler nie aus den Augen verloren. Zuerst galt es jedoch mit dem kommunistischen Staat zu paktieren, um Polen und die Westmächte nacheinander zerschlagen zu können. Hitlers Entschluß, Polen anzugreifen, stand bereits frühzeitig, Ende März / Angang April 1939, als nächster außenpolitischer Schritt fest. Im Frühjahr 1939 war Hitler der Auffassung , daß im Falle eines Krieges gegen die Westmächte Polen ihn an einer zweiten Front angreifen würde. In der Zerschlagung Polens sah er wiederum eine Grundvoraussetzung für eine militärische Auseinandersetzung mit dem Westen. Zuvor sollte die Sowjetunion durch einen Pakt mit Deutschland von den Westmächten isoliert werden. Hitler hoffte seinen Polenfeldzug lokal begrenzen zu können, da er im Herbst 1939 wirtschaftlich und militärisch nur auf einen kurzen Krieg vorbereitet war. Später bestätigte der Kriegsverlauf , daß die vorhandenen Munitions- und Waffenvorräte den Anforderungen eines längeren Krieges nicht gewachsen waren (vgl. Maser 1994, S.130).

Um den Angriffstermin einhalten zu können, mußte Hitler in kürzester Zeit und ohne diplomatische Umwege, sich die Rückendeckung von der Sowjetunion sichern. Die Verhandlungen mit Moskau wurden erheblich beschleunigt.

Durch großzügige politische Zugeständnisse versuchte Hitler die Gunst Stalins zu gewinnen. Er versprach der Sowjetunion Hilfe im Kampf gegen Japan und entschloß sich, auf die Karpatho-Ukraine zugunsten Stalins zu verzichten. Darüber hinaus unterzeichneten Deutschland und die UdSSR am 19. August 1939 das von Stalin gewünschte Wirtschaftsabkommen ab. Hitler übte sich bei öffentlichen Reden bewußt in Zurückhaltung gegenüber der UdSSR. Durch sein sichtbares Entgegenkommen konnte tatsächlich eine größere Offenheit der sowjetischen Seite gegenüber Deutschland beobachtet werden. Stalin wog sich durch die "Friedfertigkeit" Deutschlands in Sicherheit. Die akute Kriegsgefahr schien gebannt zu sein (vgl. Fleischhauer 1991, S.23).

Durch den Vertragsabschluß vom 23. August 1939 mit der UdSSR hatte Hitler den geplanten Einmarsch der Wehrmacht in Polen abgesichert. Hitler hoffte, daß der Einmarsch der Roten Armee auf polnisches Gebiet gleichzeitig mit der Wehrmacht erfolgen würde. Beim militärischen Einschreiten der Westmächte müßten diese auch der UdSSR den Krieg erklären oder aber von einem Krieg Abstand nehmen. Hitler vermutete, daß durch sein Bündnis mit der Sowjetunion Großbritannien und Frankreich bei der Ausführung seiner Pläne für den Kampf um neuen Lebensraum im Osten passiv bleiben und einen Krieg nicht riskieren würden.

4.3. Stalins sicherheitspolitische Gründe

Die zunehmende außenpolitische Stärke Deutschlands vergrößerte die Gefahr eines Krieges für die Sowjetunion erheblich. Mit dem Münchener Abkommen war die russische Politik der kollektiven Sicherheit gescheitert. Eine Isolation des sozialistischen Landes war in dieser politischen Situation gefährlich. Die zögernde Haltung der Westmächte, ein Militärbündnis mit der Sowjetunion einzugehen, veranlaßte Stalin, parallel dazu auch Gespräche mit Deutschland zu führen.

Ohne einen Bündnispartner wäre die Sowjetunion einem faschistischen Überfall schutzlos ausgeliefert. Nun sollte gerade Hitler eine Garantie für den Frieden zwischen den beiden Ländern geben. Durch die Verhandlungen mit Deutschland wollte Stalin vorrangig den drohenden militärischen Konflikt mit Deutschland hinauszögern.

Stalin forderte eine Verzichtserklärung bezüglich der ostpolnischen Gebiete und eine Garantieerklärung hinsichtlich des Baltikums. Die im Vertragswerk verankerte Anerkennung des Status quo und das deutsche Nichtangriffsversprechen in Bezug auf das Territorium der Sowjetunion sollte die Kriegsgefahr bannen und Schutz vor deutschen militärischen Übergriffen bieten. Hitler, der die Neutralität der Sowjetunion für seinen Polenfeldzug unbedingt benötigte und unter enormen Zeitdruck stand, ging auf die Vorschläge der UdSSR ein. Das Bündnis mit der Sowjetunion gewährte Hitler die gewünschte Rückendeckung für den Kampf gegen Polen.

Auch nach den Erinnerungen Ribbentrops von 1946 erfolgte die Zustimmung Stalins für eine Annäherung der UdSSR an das Deutsche Reich, die in dem Abschluß eines Nichtangriffspaktes gipfelte, nur, um die Gefahr eines Krieges gegeneinander aufzuschieben und kann daher vorrangig als Instrument sowjetischer Beschwichtigungspolitik verstanden werden (vgl. Fleischhauer 1991, S.35 ff.).

Stalin begründete die Notwenigkeit eines deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes mit dem Schutz vor einem Zweifrontenkrieg. Im Westen drohte ein Angriff Deutschlands, im Osten dagegen bestand die Gefahr eines japanischen Überfalls. Im Mai 1939 hatte der japanisch- sowjetische Konflikt im mongolisch-mandschurischen Grenzgebiet begonnen (vgl. Krebs 1991, S.565 f.). Ende Juli verstärkte sich der Grenzkonflikt. Durch die Unterstützung Japans durch England eröffnete sich für Stalin die Gefahr eines Zweifrontenkrieges. Auch die Bildung einer deutsch-britisch-japanischen Interessengemeinschaft gegen die UdSSR konnte nicht mehr ausgeschlossen werden. Stalin wollte einen Krieg mit Deutschland hinauszögern, solange die Gefahr eines Zweifrontenkrieges bestand.

4.4. Die innenpolitische Lage der UdSSR

Die politische Annäherung der UdSSR an Deutschland erfolgte auf Grund der innenpolitischen Schwächung der Sowjetunion. Einem militärischen Konflikt mit Deutschland wollte Stalin unbedingt ausweichen. Durch organisatorische Fehlleistungen bei der Durchsetzung der Zwangskollektivierung und durch die Liquidierung großer Teile des Partei-, Verwaltungs- und Militärapparates zwischen 1936 und 1938 sank die politische Bündnis- und militärische Handlungsfähigkeit erheblich. Die Glaubwürdigkeit der Sowjetunion hatte durch die "Säuberungen" erheblich gelitten. Durch einen Pakt mit Deutschland hoffte Stalin vor einem deutschen Angriff sicher zu sein. Aus einem imperialistischen Weltkrieg wollte er sich vorerst heraushalten.

Auf Grund der landwirtschaftlichen und industriellen Rückständigkeit des Landes forderte die sowjetische Regierung die schnelle Modernisierung der Industrie und eine Mechanisierung der Landwirtschaft, um in einer kapitalistischen Welt bestehen zu können. Zu den folgenreichsten Ereignissen der Ära Stalin für die ukrainische Landbevölkerung gehörte die verheerende Politik der Zwangskollektivierung. Durch unerreichbare Getreideforderungen der sowjetischen Regierung an die ukrainischen Bauern mangelte es im Winter 1932/33 im Land an notwendigen Lebensmitteln. Bei einer Landbevölkerung von ca. 25 Millionen Menschen kamen 5 Millionen ukrainische Bauern durch die entstandene Hungersnot ums Leben. Weitere Todesopfer forderte Stalins Behauptung, die Kulaken würden die Kollektivierung sabotieren. Insgesamt mußten 11 Millionen Menschen durch die Folgen der stalinistischen Politik der Zwangskollektivierung ihr Leben lassen (vgl. Bullock 1991, S.369 ff.).

Die Festigung seiner Diktatur wollte Stalin mit der Ausschaltung jeder potentiellen Opposition erreichen. Von den Repressionen waren vorrangig diejenigen betroffen, die man verdächtigte, ein kritisches Verhältnis zur stalinistischen Politik zu haben. Arbeiter und Bauern, aber auch hochrangige Parteimitglieder und Führungskräfte des Militärs waren von diesen Maßnahmen zwischen 1936 und 1938 betroffen.

Schon im Januar 1933 wurden allgemeine Parteisäuberungen durchgeführt, die zum Ausschluß von 800000 Parteimitgliedern führten (vgl. Bullock 1991, S. 627 ff.). Zwischen 1936 und 1939 wurden von den 1,2 Millionen Parteimitgliedern rund die Hälfte verhaftet. Es überlebten nur ca. 50000 (vgl. Maser 1994, S.88 f.). Innenpolitisch war Sowjetunion 1938 gelähmt, da es keine Institution gab, deren Tätigkeit nicht durch den Ausfall erfahrener Mitarbeiter stark beeinträchtigt wurde.

Auch die Rote Armee blieb von den Säuberungen nicht verschont. Stalin liquidierte 1937 den größten Teil der Führungskräfte der Roten Armee. Rund die Hälfte des gesamten Offizierskorps fiel der stalinistischen Säuberung zum Opfer.

Er ließ unter anderem: 3 von 5 Marschällen, 13 von 15 Armeekommandeuren, 8 von 9 Admiralen und 154 von 186 Divisionskommandeuren hinrichten. 35000 Offiziere unterer Ränge überlebten die Säuberungsaktionen nicht (vgl. Bullock 1991, S.655). Die Eliminierung langjähriger Armeeangehöriger zog den Verlust umfangreicher militärischer Kenntnisse und Erfahrungen nach sich. Die Neubesetzung fast des gesamten Oberkommandos der sowjetischen Streitkräfte führte zu einer Schwächung der sowjetischen Kampfkraft und international zu einem erheblichen Einflußverlust der Sowjetunion. Auch Stalin erkannte, daß es noch Jahre dauern würde, bis die ausgebluteten sowjetischen Streitkräfte wieder schlagkräftig sein würden.

4.5. Die Ausdehnung des sowjetischen Machtbereichs

Von April bis August 1939 verhandelte Stalin sowohl mit Deutschland als auch mit den Westmächten. Die Ablehnung der Westmächte verbesserten gleichzeitig die Chancen Deutschlands, sich mit der UdSSR zu einigen. Aus der Position des von zwei Seiten Umworbenen resultierten die hohen Forderungen Stalins.

Ein Nichtangriffspakt mit Deutschland , als notwendiger diplomatischer Schritt, um die Sicherheit der UdSSR zu bewahren, wäre noch verständlich. Aus den Absprachen des geheimen Zusatzprotokolls gehen aber eindeutig nicht nur friedliche Absichten der Sowjetunion hervor. Durch die Unterzeichnung des nicht veröffentlichten Vertragstextes wurden die Rechte souveräner Staaten verletzt. Die Vereinbarungen verstießen von sowjetischer Seite sowohl gegen ein Abkommen zwischen Rußland und Polen als auch gegen den Vertrag von 1936, der zwischen Frankreich und Rußland geschlossen wurde.

Neben dem vereinbarten Nichtangriffsversprechen erhoffte sich Stalin mit Hilfe des Paktes auch eine Schwächung Deutschlands durch den bevorstehenden Krieg gegen Polen. Er glaubte, die Westmächte würden sich auf Grund Hitlers militärischen Vorstoßes in den Konflikt einmischen. Im Ergebnis der militärischen Kampfhandlungen würde dann ein geschwächtes Deutschland entstehen. Gleichzeitig konnte Stalin durch den Vertrag die im Ersten Weltkrieg verlorengegangenen Gebiete wiedererhalten und dadurch die Vormachtstellung der UdSSR in Europa stärken. Schon am 10. März 1939 erklärte Stalin, daß im Krieg um die "Neuaufteilung der Welt" auch die UdSSR in der Lage sein müsse, sich ihren Anteil zu sichern (vgl. Maser 1994, S.87 f.).

Die Möglichkeit des sozialistischen Staates, durch einen Krieg die Ausbreitung des Bolschewismus in Europa zu beschleunigen, war nach Siegfried A. Kaehler auch der Grund für eine Annäherung der Sowjetunion an Deutschland (vgl. Schönfelder 1992, S.243 ff.).

Mit der Unterzeichnung des geheimen Textes war der Weg frei für die Okkupation Estlands, Lettlands, Litauens, Bessarabiens, Nordbukowinas und Teile des polnischen Territoriums. Hitler, der für die Durchsetzung seiner Ziele die Hilfe der UdSSR benötigte, schien ein geeigneter Partner für Stalin zu sein. Als Gegenleistung ließ er Deutschland freie Hand bei der "Niederwerfung" Polens.

5. Die politische Bedeutung des Hitler-Stalin-Paktes

5.1. Der Überfall auf Polen

Der unerwartete Vertragsschluß am 23. August 1939 und die Folgeverträge zwischen der UdSSR und Deutschland hatten unmittelbare Auswirkungen auf den weiteren Kriegsverlauf. Der Paktabschluß vom 23. August war untrennbar mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 verbunden. Durch den Vertrag mit Stalin hatte sich Hitler die Rückendeckung der Roten Armee gesichert. Hitler wollte mit diesem Bund Polen isolieren und gleichzeitig die Pläne der Westmächte zunichte machen.

Die sowjetische Regierung mußte im Gegenzug ihren Verpflichtungen aus dem Hitler-Stalin- Pakt nachkommen. Stalin wollte jedoch nicht die Gefahr eines Krieges mit den Westmächten riskieren. Aus diesem Grund zögerte er den Einmarsch der Roten Armee in polnisches Gebiet hinaus. Frankreich und Großbritannien sollte kein Grund geliefert werden, auch der Sowjetunion den Krieg zu erklären.

Stalin scheute die öffentliche Identifizierung mit dem Kriegstreiber, versprach aber Deutschland, die vereinbarten militärischen Aktionen einzuleiten. Durch die Unterzeichnung des geheimen Zusatzprotokolls unterstützte Stalin die aggressiven außenpolitischen Ziele Hitlers.

Zur Verschleierung des sowjetischen Angriffs vom 17. September wurde eine offizielle Erklärung abgegeben. In der sowjetischen Stellungnahme wird der Angriff und das schnelle Vordringen der Wehrmacht zum Anlaß genommen, um den Einmarsch der Roten Armee auf polnisches Territorium zu legitimieren. Der sowjetische Überfall auf Polen wurde als Verteidigungsmaßnahme der Roten Armee zum Schutz der russischen Minderheiten im zerfallenen polnischen Staat heruntergespielt. Der Schutz der in Polen lebenden Weißrussen und Ukrainer sollte als diplomatische Rechtfertigung für das Überschreiten der polnischen Grenze durch die Rote Armee dienen (vgl. Bullock 1991, S.848 ff.).

Am 28. September 1939 wurde neben einem Freundschaftsvertrag und wirtschaftlichen Abmachungen auch die endgültige Aufteilung des zerschlagenen Polens zwischen Deutschland und der UdSSR festgelegt und in einer "Nachträglichen Änderung zum Geheimen Zusatzprotokoll vom 23. August 1939" festgehalten. Stalin zeigte Interesse an Litauen und war im Gegenzug bereit, auf bestimmte polnische Gebiete zu verzichten. Im Zuge der erneuten Teilung Polens konnte die Sowjetunion ehemals russische Gebiete zurückgewinnen. Auf sowjetischer Seite begann, genau wie später in den baltischen Staaten, die planmäßige "Sowjetisierung". Die Opfer, die Polen durch die deutsch-sowjetische Besetzung hinnehmen mußte, sind bekannt (vgl. Bullock 1991, 864 ff.).

Der deutsche Überfall auf Polen sollte am 1. September 1939 erfolgen. Die Annahme, daß ein Krieg gegen Polen auch ohne einen solchen Pakt zu diesem Zeitpunkt erfolgt wäre, bleibt dennoch wahrscheinlich (vgl. Pätzold 1990, S.70 ff.). Hitler hatte den Plan zum Überfall auf Polen schon im April 1939 ausgearbeitet, bevor überhaupt eine gemeinsame diplomatische Verhandlungslinie zwischen den beiden Ländern entstanden war. Ein Paktabschluß mit der UdSSR war keine Bedingung für einen Krieg gegen Polen. Auch die verstärkten Bemühungen der Westmächte und der USA seit dem Frühjahr 1939 ein Bündnis- und Garantiesystem aufzubauen, um eine Expansion Deutschlands zu verhindern, konnten Hitlers Plan nicht umstoßen. Durch die Rückendeckung der Sowjetunion verbesserte sich jedoch die Chance auf eine deutschen Sieg erheblich.

Der von Hitler festgesetzte Termin sollte aus verschiedenen Gründen unbedingt eingehalten werden. Hitler hatte im April 1939 die Vorstellung, daß seine Kriegsgegner schlecht auf einen Krieg vorbereitet waren. Daß sich diese Situation in nächster Zeit ändern könnte, ließen u.a. die Einführung der Wehrpflicht z. B. in Großbritannien, die Vorbereitung neuer Rüstungsprogramme und die Planung weiterer militärischer Maßnahmen vermuten. Ein Überfall auf Polen nach 1939 schien daher ungünstig.

Darüber hinaus war Hitler der Meinung, selbst ein "Garant" für die Erfüllung seiner außenpolitischen Ziele zu sein. Ausgestattet mit angeblich "einmaligen" militärischen Fähigkeiten und "unübertroffenen" Führungsqualitäten wollte er nicht länger mit dem militärischen Schlag gegen Polen warten, um die Aussichten auf einen Sieg nicht zu verschlechtern (vgl. Bullock 1991, S. 840 ff.).

5.2. Der Überfall auf Finnland und die Annexion der baltischen Staaten

Auch für die baltischen Staaten hatte der Hitler-Stalin-Pakt nachhaltige Konsequenzen. Nach der Annexion der ostpolnischen Gebiete okkupierte die Rote Armee im Juni 1940 Litauen, im Juli Lettland und einen Monat später Estland. Die Sowjetunion begann ihre Stellung im Baltikum auszubauen. Noch einen Tag vor dem deutschen Überfall auf Polen erklärte Molotow vor dem Obersten Sowjet, daß der Abschluß des Hitler-Stalin-Paktes für das "Wachstum des Einflusses der Sowjetunion auf die internationale Entwicklung" von Bedeutung sei, dabei wurde die Möglichkeit eines europäischen Krieges nicht ausgeschlossen (vgl. Maser 1994, S.80 ff.).

Die baltischen Staaten sollten nach Stalins Vorstellungen in die UdSSR eingegliedert werden und als strategische Basis dem sowjetischen Militär zur Verfügung stehen. Schon bei den Verhandlungen am 23. August 1939 spielte der Wunsch der sowjetischen Führung, die Häfen Libau und Windau in die Interessensphäre der UdSSR zu übernehmen, eine große Rolle. Mit dieser Übernahme würde sich die Staatsgrenze der UdSSR um ca. 200 bis 300 Kilometer nach Westen verlagern.

Durch die Einigung mit Deutschland konnte die UdSSR mit den Ländern Litauen, Lettland und Estland sogenannte "Beistandspakte" abschließen. Diese ermächtigten die Sowjetunion auf baltischem Territorium Mitte Oktober 1939 Flotten- und Luftwaffenstützpunkte einzurichten. Die Rote Armee hatte also ungehinderten militärischen Zugang zum Baltikum. Die Militärstützpunkte der baltischen Staaten - insbesondere in Estland - wurden von der UdSSR vertragswidrig für den Einsatz im Finnlandkrieg genutzt.

Aus sicherheitspolitischen und hegemonialen Beweggründen hatte Stalin großes Interesse an der Eroberung Finnlands. Nachdem die finnische Regierung nicht bereit war, Stalins territoriale Forderungen zu akzeptieren, kündigte Stalin den sowjetisch-finnischen Nichtangriffspakt und ließ am 30. November 1939 die Rote Armee, unter dem Vorwand der Bedrohung, nach Finnland einmarschieren. Die Neutralität Deutschlands hatte sich Stalin im Falle eines militärischen Konfliktes mit Finnland durch den Pakt mit Hitler gesichert.

Durch den unerwartet starken Widerstand der Finnen und durch die militärische Unterstützung der Alliierten seit dem 5. Februar 1940 mißlang der Versuch, Finnland in die Union der Sowjetrepubliken einzugliedern.

In den annektierten baltischen Staaten begann ebenfalls die planmäßige Sowjetisierung (vgl. Myllyniemi 1991, S.87 ff.). Als Voraussetzung wurde in den baltischen Republiken die Tätigkeit der Kommunistischen Parteien nach sowjetischen Plänen koordiniert, um die Bildung einer sowjetfreundlichen Regierung zu ermöglichen. Bei den Parlamentswahlen im Juli 1940 wurden keine oppositionellen Gegenkandidaten mehr aufgestellt. Anfang August erklärten sich die ehemals unabhängigen baltischen Staaten offiziell zu Sowjetrepubliken.

Im Zuge der Sowjetisierung wurden Betriebe verstaatlicht und potentiell oppositionelle Kräfte eliminiert. Seit November 1940 wurden "antisowjetische Elemente" zwangsumgesiedelt. In der Nacht vom 14. auf den 15. Juni 1941 wurden aus den drei baltischen Staaten 60000 Esten, 34000 Letten und 38000 Litauer in das sowjetische Hinterland deportiert (vgl. Bullock 1991, S. 892 ff.).

5.3. Wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der Sowjetunion

Der Abschluß des Kreditabkommens und des Hitler-Stalin-Paktes vom August 1939 bildete auch die Grundlage für weitere wirtschaftliche Kontakte zwischen den beiden Ländern. Das Zustandekommen eines zweiten Wirtschaftsabkommens im Februar 1940 war die Konsequenz der guten gegenseitigen Beziehungen zwischen Berlin und Moskau.

Das Wirtschaftsabkommen vom 11. Februar 1940 beinhaltete die russische Zusage von Rohstofflieferungen im Wert von insgesamt 500 Millionen Mark. Die Sowjetunion verpflichtete sich unter anderem Erdöl im Wert von ca. 115 Millionen Reichsmark, Baumwolle im Wert von ca. 90 Millionen Reichsmark, 100000 Tonnen Chromerz und 500000 Tonnen Eisenerz zu liefern (vgl. Maser 1994, S.170 f.).

Auf die wirtschaftlichen Hilfeleistungen aus der UdSSR war Hitler wegen der Blockadepolitik der Westmächte angewiesen. Für die Sicherstellung dieser Rohstoffe nutzte die UdSSR wiederum das Handelsabkommen mit Großbritannien. Über den sowjetischen Umweg bekam Deutschland z.B. britische Rohstoffe wie Zinn und Kautschuk. Die englische Blockade gegenüber Deutschland konnte durch die Lieferungen der Rohstoffe aus dem Osten abgeschwächt werden.

Die deutschen Gegenlieferungen sollten vorrangig militärische Ausrüstungen und Industriegüter umfassen. Neben Geschütztürmen und militärischen Flugzeugmustern zählten auch Werkzeugmaschinen für zivile und rüstungswirtschaftliche Zwecke sowie Ausrüstungen für den Bergbau- und die Erdölindustrie zu dem deutschen Lieferaufkommen. Schon im Dezember 1939 äußerte Stalin den Wunsch, insbesondere auf militärischem Gebiet von Deutschland lernen zu wollen.

Bei dem gegenseitigen Warenaustausch kam es jedoch zu Schwierigkeiten (vgl. Zeidler 1991, S.102 ff.). Im August 1940 war Deutschland deutlich im Lieferrückstand. Sowjetische Lieferungen im Wert von 190 Millionen RM standen deutschen Gegenlieferungen im Wert von 90 Millionen RM gegenüber. Als Reaktion darauf verringerte die UdSSR seit Herbst 1940 ihre Vorlieferungen erheblich. Im ersten Jahr nach der Vertragsunterzeichnung konnte der vertragliche Umfang von der UdSSR zu 74 Prozent erfüllt werden. Deutschland hatte zu diesem Zeitpunkt einen Lieferrückstand von 30 Millionen Mark.

Stalin war jedoch auf eine Nichteinmischung Deutschlands in den sowjetisch-finnischen Konflikt angewiesen und bemühte sich um das Wohlwollen Hitlers. Dieser nutzte die Zwangslage der Sowjetunion für sich aus, um dringend benötigte Rohstoffe und Naturalien für den Krieg gegen Frankreich und Großbritannien einzufordern.

Durch die politische Entscheidung am 23. August 1939 und die vertraglich geregelten wirtschaftlichen Verpflichtungen begab sich die UdSSR verstärkt in Abhängigkeit. 1938 importierte die UdSSR noch über 60 Prozent ihrer benötigten Maschinen und Industrieausrüstungen aus den USA, auch 1939 waren es noch ca. 50 Prozent (vgl. Zeidler 1991, S.99 ff.). Auf militärischem Gebiet gab es ebenfalls gute Handelsbeziehungen zwischen UdSSR und USA. Die Sowjetunion zeigte vor allem an der Luftrüstung und am Kriegsschiffsbau Interesse.

Nach der Unterzeichnung des Paktes mit Deutschland waren die USA jedoch nicht mehr bereit, die UdSSR auf militärischem Sektor zu unterstützen. Auch die wirtschaftlichen Beziehungen zu England und Frankreich kamen spätestens nach dem Beginn des Finnlandkrieges zum Erliegen.

Für die Sowjetunion wurde Deutschland als Wirtschaftspartner immer wichtiger. Zwischen 1939 und 1940 mußte die UdSSR ihre Erdölausfuhren verdoppeln und ihre Getreideausfuhren vervierfachen, um den wirtschaftlichen Verei0

5.4. Auswirkung auf die kommunistische Bewegung

Der Abschluß des Hitler-Stalin-Paktes und die Ergebnisse der Verhandlungen zum "Freundschaftsvertrag" am 27. Und 28. 1939 September entmutigte und desorientierte die antifaschistischen Kräfte in der ganzen Welt.

Bis zum 22. August wurde in der sowjetischen Propaganda die Furcht vor einem faschistischen Angriff thematisiert. Vor dem Vertragsschluß war die Komintern die führende Kraft im Kampf gegen den deutschen Faschismus.

Einen Tag später veränderte sich die Generallinie der Komintern radikal. Stalin revidierte die geltende Linie der Kommunistischen Internationale in Bezug auf den Charakter des Faschismus und den heraufziehenden Krieg. Der Aufruf zum Kampf gegen den Faschismus, wie in der Zeit vor dem Pakt üblich, fehlte völlig in der Agitation. Hitler wurde als Kriegstreiber entlastet und Großbritannien als Hauptfeind der sozialistischen Sowjetunion dargestellt (vgl. Keller 1990, S.133 ff.).

Die veränderte Haltung der Weltpartei des Proletariats führte bei führenden Kominternfunktionären und vielen Mitgliedern des Politbüros, die von Stalins Absichten nicht informiert wurden, sowie innerhalb der Widerstandsgruppen zu großer Verwirrung (vgl. Leonhard 1989, S.20 ff.). Die Kommunistische Untergrundbewegung fühlte sich verraten.

Unmittelbar nach Paktabschluß wurden antifaschistische Spielfilme ("Professor Mamlock") abgesetzt, in den Bibliotheken fehlten Bücher von antifaschistischen Autoren. Die Anzahl der Publikationen deutscher Antifaschisten im sowjetischen Exil verringerte sich deutlich. In der Sowjetunion war die Veröffentlichung von Arbeiten mit antideutscher oder antifaschistischer Tendenz während der deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit generell verboten (vgl. Pinkus 1991, S.467 f.).

Die Kommunisten in der Sowjetunion konnten zwischen zwei Alternativen wählen: Unterwerfung unter die neue Linie oder Ausgrenzung. Durch das grundlegend veränderte Verhältnis zwischen der UdSSR und Deutschland seit dem 23. August 1939 kam es zur Ausweisung Hunderter deutscher und österreichischer Emigranten aus der UdSSR. Viele von ihnen ließen in Konzentrationslagern ihr Leben.

Nicht nur in der Sowjetunion führte der Abschluß des Hitler-Stalin-Paktes im August 1939 zu einer Schwächung der Arbeiterbewegung. In der KP Frankreichs, 1939 die größte kommunistische Partei außerhalb der Sowjetunion, herrschte völlige Verwirrung über den Kurswechsel der sowjetischen Regierung. Durch die konsequente Geheimhaltung der Vorbereitungen zum Vertragswerk fehlten nach der Unterzeichnung Erklärungsansätze. In der Folgezeit wurde die kommunistische Parteipresse in Frankreich verboten (vgl. Leonhard 1989, S.128 f.).

p>Auch in Deutschland gestaltete sich die Organisation des Widerstandes gegen den Faschismus nach dem Pakt komplizierter. Aus der Anzahl der verbreiteten Druckschriften und dem Ausmaß der Verhaftungen in Deutschland kann auf einen Rückgang der deutschen Widerstandstätigkeit seit August 1939 geschlossen werden. Die Zahl der von der Gestapo im Monatsdurchschnitt registrierten kommunistischen Druckschriften in Deutschland sank von 1075 im Jahre 1939 auf einen Wert von nur 141 in den ersten Monaten des Jahres 1940 (vgl. Foitzik 1990, S.83).

5.5. Auswirkungen auf den weiteren Kriegsverlauf

Neben der Besetzung des Rheinlands, den Ergebnissen der Münchener Konferenz und den Siegen in Österreich, der Tschechoslowakei und in Polen war das Bündnis mit der Sowjetunion ein bedeutender außenpolitischer Erfolg Hitlers. Stalins Unterschrift bestärkte ihn bei seinem Entschluß, den Krieg gegen die Westmächte so schnell wie möglich zu führen. Hitlers Selbstbewußtsein war enorm gestiegen.

Der erste schriftlich fixierte Plan für den Krieg im Westen war die "Weisung Nr. 6 für die Kriegsführung" vom 9. Oktober 1939. Nachdem sich Hitler der Nichteinmischung Stalins sicher war, hatte er sich Anfang Oktober 1939 fest entschlossen, die Westoffensive militärisch durchzuführen. Durch den Bund mit Stalin hatte Hitler für den Angriffskrieg im Westen nahezu alle Streitkräfte zur Verfügung. Nur acht Divisionen mußten im Osten stationiert werden (vgl. Bullock 1991, S.881 f.).

Neben der wirtschaftlichen Hilfe leistete die Sowjetunion aber auch politisch-ideologische Unterstützung. Nach dem Paktabschluß veränderte sich die sowjetische Propaganda erheblich. In der Presse wurde Deutschland nicht mehr der "Aggressor" dargestellt. Stalin, der die Vorbereitungen für den Angriffskrieg gegen Finnland plante, war an einem freundschaftlichen Verhältnis mit Deutschland interessiert. In einem Interview in der "Prawda" vom 30.

November 1939 versuchte er die Verantwortung für den Weltkrieg den Westmächten zuzusprechen (vgl. Maser 1994, S.120 ff.). Auch bei der Besetzung Norwegens durch deutsche Truppen leistete die UdSSR verbale Hilfe. In einem Kommentar in der Zeitung "Iswestija" wurde das militärische Vorgehen Deutschland als notwendige Gegenmaßnahme zu den Aktivitäten der Westmächte dargestellt. Mit dieser Haltung rechtfertigte die Sowjetunion die aggressive deutsche Außenpolitik.

Der Pakt wirkte sich jedoch auch negativ auf die deutsche Außenpolitik aus. Die mit Deutschland verbündeten Länder fühlten sich durch den deutschen Kurswechsel hintergangen. Durch die Entscheidung für einen Pakt mit Stalin verlor Hitler bei seien Bündnispartnern an Glaubwürdigkeit.

Die japanische Regierung reagierte mit scharfer Kritik auf den Abschluß des Paktes. Japan war seit 1936 durch den Antikominternpakt an Deutschland vertraglich gebunden. Der HitlerStalin-Pakt verstieß gegen das geheime Zusatzabkommen zum Antikominternpakt. Aus Protest trat die japanische Regierung zurück.

Auch Italien das 1937 dem Pakt beigetreten war, warf Deutschland vor, das antibolschewistische Programm verraten zu haben.

Hitler verteidigte sich mit der These, daß Stalin "... nicht mehr der internationale Bolschewist (sei), sondern zeige sich absolut als nationaler Russe und verfolge im Grunde genommen genau dieselbe naturgegebene nationalrussische Politik des Zaren"(Hillgruber 1967, S.78).

6. Das Ende der deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit

Erste Unstimmigkeiten zwischen den Vertragspartnern traten auf Grund der Einverleibung Bessarabiens und der Nordbukowina durch die UdSSR seit dem Sommer 1940 auf. Am 1. August 1940 erklärte Molotow vor dem Obersten Sowjet, daß sich die Sowjetunion jedoch nicht mit den erreichten Erfolgen zufrieden geben werde (vgl. Wegner-Korfes 1991, S.193).

Der Hitler-Stalin-Pakt hatte Hitler ermutigt Polen anzugreifen und der UdSSR die Möglichkeit verschafft ihr Territorium auszudehnen. Hitler gewährte Stalin aber auch die benötigte Zeit, um die Kampfbereitschaft der Roten Armee zu erhöhen. Mit Molotows Besuch am 12. November 1940 in Berlin wurde das neu gewonnene Selbstbewußtsein Stalins deutlich. Molotow übergab in Berlin Forderungen über die Ausdehnung der sowjetischen Interessensphäre auf Rumänien, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien, Griechenland und Finnland (vgl. Hoffmann 1991, S.368). Bei den Novemberverhandlungen ließen sowohl Stalin, als auch Hitler wenig Bereitschaft erkennen, die entstandenen Konflikte mit friedlichen Mitteln lösen zu wollen. Das Ende der deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit zeichnete sich ab.

6.1. Hitlers Vorbereitungen für den Krieg gegen die Sowjetunion

Schon im Frühsommer 1940 nahmen Hitlers operative Planungen gegen die UdSSR konkrete Formen an. Am 29. Juli 1940 wurden die engsten Mitarbeiter des Führungsstabes der Wehrmacht von Hitlers Angriffsabsichten unterrichtet. Die "Weisung Nr. 21: Fall Barbarossa" wurde am 18. Dezember 1940 unterzeichnet.

Hitlers Entscheidung zum Angriff auf die UdSSR im Frühjahr 1941 basierte vorrangig auf strategischen Überlegungen. Der Überfall auf die Sowjetunion sollte die entscheidende Wende im Krieg gegen Großbritannien herbeiführen (vgl. Förster 1991, S.123). Neben machtpolitischen Interessen spielten bei Hitlers Entschluß aber auch ideologische Überlegungen eine Rolle. Der Vernichtungskampf gegen den jüdisch-bolschewistischen Todfeind gehörten seit den 20er Jahren zu Hitlers Zielsetzungen. Zusätzlich bewegten Hitler die Kenntnis der außenpolitischen Ziele Stalins und die zunehmende Stärke der UdSSR zu seinem Entschluß.

Die sowjetischen Rohstofflieferungen an Deutschland nahmen im Sommer 1940 nicht mehr erste Priorität ein. Mit der Besetzung Norwegens und dem Sieg über Frankreich verbesserte sich die Rohstofflage für Deutschland erheblich. Im Mai konnte sich Hitler mit Hilfe des rumänischen Öl-Waffen-Paktes zusätzliche Erdöllieferungen sichern. Sowjetische Rohstofflieferungen ergänzten lediglich die deutschen Importe. Trotzdem hielt Deutschland den Handelsverkehr mit der UdSSR aufrecht und lieferte noch im letzten Halbjahr vor dem

Angriff auf die UdSSR mehr Güter in die Sowjetunion als in den Jahren 1937 bis 1939 zusammen (vgl. Maser 1994, S.318). Hitler wollte bis zum letzten Moment die Sowjetunion täuschen und von seinen Angriffsabsichten ablenken. Auf Grund der sowjetischen Niederlage in Finnland und die militärische Geringschätzung des sowjetischen Gegners verstärkte sich die deutsche Vorstellung, durch einen Blitzkrieg die Sowjetunion niederwerfen zu können.

Der Abschluß des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts war von Hitler von Anfang an nur als Zeitgewinn gedacht. Nach der Lösung des "Polenproblems" wollte er auch die Sowjetunion angreifen. Auch mit Polen hatte er 1934 einen Nichtangriffspakt abgeschlossen, den er im April 1939 kündigte. Letztendlich sollte sich die Äußerung des Chefs des Generalstabes der deutschen Heeresgruppe Süd, v. Sodenstern, zu den Angriffsabsichten Hitlers im Januar 1941 bewahrheiten: " Seid Ihr Euch eigentlich im klaren, daß nunmehr dieser Krieg verloren ist ?" ( Uhlig 1965, S.210).

6.2. Stalins Aufrüstungspläne

Aber auch Stalin rüstete seine Armee für einen Krieg (vgl. Hoffmann 1991, S.367 ff.). Ein militärischer Konflikt mit Deutschland schien unvermeidbar. Möglicherweise wollte Stalin selbst die Initiative ergreifen. Das Entstehen einer zweiten starken Macht in Europa lag nicht in seinem Interesse. Ein Krieg gegen das faschistische Deutschland war nun fester Bestandteil von Stalins Planungen. "Ob Deutschland will oder nicht, der Krieg mit Deutschland kommt." (zit. nach Hoffmann 1987, S. 374). Am 6. Mai 1941 übernahm Stalin das Amt des

Regierungschefs der UdSSR. Er war nun oberste Instanz der Regierung, der Roten Armee und des Landes. In der Rede Stalins vom 5. Mai 1941 vor Vertretern der politischen und militärischen Führung wird das Ende der Ära der "Friedenspolitik" gegenüber Deutschland offensichtlich (vgl. Maser 1994, S.310).

Die Siege der deutschen Wehrmacht veranlaßten die UdSSR gegenüber den Westmächten, deutliche Sympathien erkennen zu lassen. Stalin wollte Großbritannien für einen Kampf gegen Deutschland ermutigen, um eine deutsch-britische Einigung gegen die Interessen der UdSSR zu verhindern. Stalin zog einen deutschen Angriff jedoch erst nach 1941 in Betracht. Er erlag dem Irrtum, daß solange Großbritannien nicht nachgab, die Sowjetunion vor einem deutschen Angriff sicher sei. Er war der Überzeugung, ein militärischer Konflikt würde erst auftreten, wenn Deutschland den Krieg mit Großbritannien beendet hätte.

Bis spätestens Mitte Juli 1941 wollte Stalin die Vorbereitung der militärischen Maßnahmen abgeschlossen haben. Mit umfangreichen militärischen Übungen und durch eine Erhöhung der Qualität der Truppenorganisation reagierte die UdSSR auf die wachsende Gefahr eines Zweifrontenkrieges. Obwohl der Hauptgegner in Europa das faschistische Deutschland war, bestand dennoch im Osten die Möglichkeit eines Krieges mit Japan. Anfang des Jahre 1941 wurden auf sowjetischer Seite umfangreiche Kriegsszenarien durchgespielt.

Die Sowjetunion benötigte jedoch Zeit für die eigene Aufrüstung. Diese Zeit würde aber Hitler Stalin nur gewähren, wenn er die mit Deutschland geschlossen Wirtschaftsverträge einhielt. Von einer engen wirtschaftlichen Bindung an Deutschland versprach sich Stalin eine Garantie für den Frieden zwischen den beiden Ländern. Wenn möglich, wollte Stalin einem deutschen Angriff zuvorkommen oder wenigstens einen bewaffneten Konflikt bis zum Herbst 1941 hinauszögern. Bis zur Stunde des deutschen Überraschungsangriffs täuschten Hitler aber auch Stalin gegenseitig Vertragstreue und Friedfertigkeit vor, um Tempo und Intensität der Aufrüstung jeweils nicht zu gefährden.

Die aus dem Hitler-Stalin-Pakt resultierenden Nichtangriffsverpflichtungen konnten den Bündnispartner Deutschland nicht davon abhalten, eigenständig zu handeln. Am 22. Juni 1941 griffen deutsche Streitkräfte ohne Kriegserklärung die UdSSR an.

Konkrete Hinweise auf einen bevorstehenden Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion wurden von Stalin nicht ernst genommen und als Provokation der britischen Seite gedeutet, die einen deutsch-sowjetischen Krieg heraufbeschwören wollte (vgl. Kettenacker 1991, S.611). Die sowjetischen Truppen wurden trotz der genauen Kenntnis des Angriffstermins nicht in Gefechtsbereitschaft versetzt. Stalin hatte die Befürchtung, durch militärische Maßnahmen einen bewaffneten Konflikt mit Deutschland zu provozieren. Stalins Ignoranz und politischer Starrsinn verhinderte die Vorbereitung auf den aggressiven deutschen Akt.

7. Schlußbetrachtungen

Stalin gab bis Mitte August 1939 die Hoffnung nicht auf, mit Hilfe der Länder Großbritannien und Frankreich den Kampf gegen Deutschland zu führen. Sein Wunsch nach einem umfassenden militärischen und politischen Bündnis konnte mit Hilfe der Westmächte nicht umgesetzt werden. Die Appeasement-Politik der Westmächte gegenüber Deutschland und die Verzögerungstaktik bei den Verhandlungen wirkten sich negativ auf den Abschluß eines diesbezüglichen Bündnisses aus. Die einzig vorstellbare Alternative zum Hitler-Stalin-Pakt wurde verspielt.

Noch am 19. August 1939 verhandelte Stalin aus diesem Grund, jedoch ohne Erfolg, mit den Westmächten. Einen Tag später entschied er sich dann für ein Bündnis mit Deutschland. Hitlers Angebot an Stalin übertraf bei weitem das der Westmächte. Deutschland forderte von der UdSSR freie Hand für den Krieg gegen Polen und sie sollte dafür als Gegenleistung großzügige territoriale Zugeständnisse erhalten.

Die Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg besitzt vorrangig Hitler. Er hatte sein außenpolitisches Programm, daß er bereits in den 20er Jahren entwickelt hatte, nach seiner Machtergreifung Schritt für Schritt verwirklicht. Bei der Einschätzung des Hitler-Stalin- Paktes muß aber auch die Tatsache berücksichtigt werden, daß der Krieg in Europa auch von Stalin kalkuliert und hingenommen wurde.

Durch den Vertrag konnte die Sowjetunion Teile Europas okkupieren und erheblich an Größe und Einfluß gewinnen. Nach den Aufzeichnungen des englischen Botschafters Sir Stafford Cripps war für Stalin der Grund für den Abschluß des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts "... das gemeinsame Bestreben gewesen, das alte in Europa bestehende Gleichgewicht zu beseitigen, das Großbritannien und Frankreich vor dem Krieg aufrecht zu erhalten bestrebt gewesen seien." (zit. nach Maser 1994, S.226).

Die gegenseitigen Wirtschaftsverträge verbesserten die Ausgangslage für die deutschen Angriffskriege erheblich. Durch Waren- und Rohstofflieferungen hatte die Sowjetunion mit dazu beigetragen, daß Deutschland den westlichen Blockadering durchbrechen konnte.

Stalin verstand in diesem Zusammenhang die Annäherung an Deutschland aber nicht als Voraussetzung für ein reguläres Bündnis, sondern nur als notwendige Etappe, um die sowjetische Machtposition in Europa ausbauen zu können. Der Hitler-Stalin-Pakt war daher ein Zweckbündnis zweier totalitärer, politisch völlig konträrer, Staaten, der den Bündnispartnern territoriale und machtpolitische Gewinne in großem Umfang ermöglichen und das politische "Gleichgewicht" in Europa verändern sollte.

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Details

Seiten
39
Jahr
1997
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v95046
Note
Schlagworte
Hitler-Stalin-Pakt Ursachen Hintergründe Bedeutung Zwischenprüfung Fach Sozialkunde

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Titel: Der Hitler-Stalin-Pakt: Ursachen, Hintergründe und Bedeutung