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Was wir umbringen ... - Presse- und Sprachkritik in Fackel und Titanic

Seminararbeit 2002 55 Seiten

Germanistik - Semiotik, Pragmatik, Semantik

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Sagen, was ist: Fackel, Titanic und ihre Intentionen
1.1 Von Repressalien zur Unabhängigkeit: die Fackel
1.2 Aus den Ruinen der Pardon: Titanic
1.3 Was wir umbringen … – Die Fackel
1.4 Kritik an der Dummheit, gepaart mit Humor: Titanic Das endgültige Satiremagazin

2 Im Blickwinkel der Argusaugen – Die Kritik der Fackel und der Titanic an der übrigen Presse
2.1 Exkurs: Die Macht der (Neuen Freien) Presse in Wien um 1900
2.2 Halbwahrheiten – Der Kampf gegen die Desinformation
2.3 Merkwürdiger Pluralismus: Inhaltliche Widersprüchlichkeiten
2.4 Impressionen statt Informationen: Feuilleton und Feuilletonistisches
2.5 Hinter den Kulissen – Presse und Korruption

3 Beim Wort genommen – Sprachkritik in Fackel und Titanic
3.1 Wenn Journalisten Literaten sein möchten
3.2 Bewusstloses Sprechen
3.3 Kritik an der Basis – Grammatik und Semantik

Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

Frankfurt am Main, Juli 2000. […] [W] enn ich die Drecksau auf der Straße treffe, dann landet er im Kranken­haus, dieser Hundsohn!“[1] Wem der anonyme Anrufer hier einen Krankenhaus-Aufenthalt in Aussicht stellt, ist der Ti­tanic -Chefredakteur Martin Son­neborn. Jener hatte mit einigen Faxen den Be­ste­chungs­skandal be­züg­lich der Ent­scheidung über das Aus­tra­gungs­land der Fußball-Welt­mei­s­ter­schaft im Jahre 2006 initiiert. Der An­ru­­fer hin­gegen ist ein empörter Bild -Leser; diese hat gewohnt doktrinär und emotional über den Skan­dal be­rich­tet und ihre Le­ser­schaft dazu aufgefor­dert, der Titanic -Redaktion die Meinung mitzuteilen.[2]

Wien, Mai 1899: Ein unbekannter Schreiber rich­tet einen Brief an Karl Kraus, den Herausgeber und ver­ant­wort­­li­chen Redakteur der Fackel. Der Anonymus äußert darin sein Bedauern, dass Kraus bei einem Über­­fall „nicht die Knochen gebrochen wur­den“[3] , und sei­nen, so Kraus, „frommen Wunsch, dass dies bald nachge­holt wer­de“ (F 5, 23). Der tätliche Angriff auf Kraus war Folge des zuvor erschienenen Textes „Die demolirte Li­te­ra­tur“, in dem Kraus mit diversen Wiener Autoren ab­ge­rech­net hatte.

Zwei anonyme Drohungen, die an verantwortliche Redakteure von satirischen Zeitschriften gerichtet wurden – das sind nicht die einzigen Analogien, die zwischen der Fackel und Titanic bestehen. Diese insbesondere hin­sichtlich der Sprach- und Pressekritik zu zeigen ist die In­ten­ti­on der vor­liegenden Hausarbeit. Natürlich: Sie kann es nicht leisten, 37 Jahrgänge der Fa­ckel und 23 der Titanic voll­stän­dig mit­einander zu vergleichen, sind dies doch in der Sum­me mehr als 45.000 Seiten Text. Da­her beschränke ich die Aus­wahl auf eini­ge exem­pla­ri­sche Texte aus den beiden Zeit­schrif­ten. Ich bin mir fer­ner des­sen be­­wusst, dass etwa Vergleiche der Fackel aus den Kriegs­jah­ren mit der heutigen Titanic daran lei­den, nicht ver­gleich­baren Situationen zu entstammen. Doch das, was Kraus’ Fackel kritisiert hat und die Tita­nic heute kri­tisiert, weist Ähnlichkeiten auf.

Zunächst stelle ich Fackel und Titanic, die Situationen, in denen sie gegrün­det wurden, und ihre Programme bzw. Wirkungs­ab­sichten kurz vor. Ausschlaggebend sind hier die jeweils ersten Aus­gaben und die Titelbilder. Im Anschluss widme ich mich der in beiden Zeit­schrif­ten ge­üb­ten Pressekritik, wobei ich den zentralen Begriff „Phra­se“ in ver­­schie­denen Varianten zeigen will. Danach behandle ich die sich aus der Pressekritik er­gebende Sprach­­kri­tik bzw. die Kritik am falschen Sprechen und Schreiben anhand dreier Aspekte.[4] Im Fazit schließlich ge­he ich kurz darauf ein, dass geübte Kritik Folgen hat, und zwar der­artige, dass Satire und Satiriker fo­ren­sisch und außer­gerichtlich verfolgt und bes­traft werden. Außerdem stelle ich dar, welche Wirkungsmacht Fa­ckel und Ti­ta­nic hatten bzw. haben.

1 Sagen, was ist: Fackel, Titanic und ihre Intentionen

Bereits die Situationen, in denen die Fackel und Titanic gegründet wurden, weisen frap­pie­ren­de Ähn­lich­kei­ten auf. Die Väter beider Zeitschriften wurden von Unzufriedenheit angetrieben, ein eige­nes Sprach­rohr zu grün­den, um ihren Worten ein geeignetes Medium zu verschaffen. Und auch die Pro­gram­me der Fa­ckel und der Ti­tanic ähneln sich.

1.1 Von Repressalien zur Unabhängigkeit: die Fackel

Karl Kraus war bereits vor dem Erscheinen seiner Fackel journalistisch tätig. Kurz nach dem Abitur schrieb er für die Wiener Literaturzeitung eine Besprechung von Gerhart Hauptmanns Drama „Die Weber“. Es folgten zahl­­reiche Ar­tikel in anderen Zeitschriften, sowohl in Österreich-Ungarn als auch in Deutschland er­schei­nen­der. Bis 1898 schrieb Kraus für 17 Zeitungen; auch in der Neuen Freien Presse, die er später „unerbittlich ver­folg­te [] [5] , er­schie­nen von 1894 bis 1898 acht Artikel von Kraus.[6] 1898 war er Wochenchroniqueur der Wage, einer couragierten Zeitschrift, die im ersten Jahr ihres Erscheinens oft Opfer der Zensur gewesen war. Das evo­zierte eine zeitschrifteninterne Zensur, die Kraus so beschrieb: „Als Chroniqueur der ‚Wage‘ hatte ich all­wö­chentlich länger darüber nachdenken müssen, was ich schreiben dürfe, als alles das zu schreiben Zeit er­for­dert hätte, was ich nicht schreiben durfte“ (F 5, 10). Edward Timms schätzt die Er­fah­run­gen Kraus’ derart ein: „Bis Ende 1898 war Kraus […] die verschiedenen Formen von Zensur […] bis zum Überdruß leid.“[7]

Hinzu kommen die gewaltigen politischen Ereignisse in den Jahren 1897/98, etwa die Ermordung der Kai­se­rin Elisabeth oder die Wiederaufnahme des Dreyfus-Prozes­ses[8] ; Kraus befindet, es sei kein Platz mehr für „Plau­derfeuilletonismus“[9] . Doch seine neuen gesellschaftskritischen An- und Einsichten, seine „im­mer kom­pro­miß­loser“[10] werdende Einstellung kann der 24-Jährige nicht in bestehenden Zeitungen veröffentli­chen – um un­­abhängig berichten zu können, benötigt Kraus eine neue Zeitschrift: Die Fackel.

1.2 Aus den Ruinen der Pardon: Titanic

Ganz ähnlich erging es den Titanic -Gründern Robert Gernhardt, Peter Knorr, Clodwig Poth, Hans Traxler und Fried­rich Karl Waechter. Sie alle waren, zum Teil seit der ersten Ausgabe, Mitarbeiter der im Juli 1962 erst­mals erschienenen satirischen Zei­tung Pardon.[11] Deren enormer Erfolg – im Januar 1969 sollte sie eine Re­kord-Auflage von 320.000 Exemplaren erreichen[12] – hielt nicht lang an. Die Pardon -Herausgeber Hans A. Ni­kel[13] und Erich Bärmeier nahmen massiven Einfluss auf den Inhalt der Zeitschrift. Nikel übte interne Zensur aus und Bärmeier wünschte sich eine stärkere Behandlung des Themas Sex.[14] Schließlich verkam „die Non­sens-, Satire- und Polit-Zeitschrift Pardon zu einem kontur- und profillosen Allerweltsblättchen mit spiritisti­schem Flair und stetig schlechter werdendem Ruf.“[15] Die alten Mitarbeiter zogen sich zurück; sie hatten ihre Lek­­­tion ge­lernt. Für ihre neue Plattform Titanic sicherten sie sich ihre Autonomie in Form eines un­an­tast­ba­ren Re­­dak­ti­ons­­statuts, „das uns [der Redaktion – M. P.] völlige Unabhängigkeit, sowohl inhaltlich als auch per­so­­nell, ga­ran­­tiert“[16] und damit verhindert, dass der Verleger Einfluss nimmt. Zudem besitzen die fünf Gründer der Ti­­ta­nic 25,1 Prozent des Titanic-Verlags, was vor „feindlichen Übernahmen“ schützt.[17]

1.3 Was wir umbringen … – Die Fackel

Nachdem Kraus erkannt hatte, dass er nur das schreiben könne, was er wollte, gründete er die Fackel, de­ren verantwortlicher Redakteur, Herausgeber und Eigentümer er selbst war. Größt­mög­li­che Auto­­no­mie war das Ziel, das er auch dadurch zu erreichen suchte, indem er den Vertrieb teilweise über „Ta­­bak­tra­fi­ken“ or­ga­ni­sier­te.[18] Er schaffte es so, wirklich unabhängig zu sein, „und zwar so unabhängig wie wohl kein anderer be­deu­ten­der Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts.“[19]

Die erste Ausgabe der Fackel erscheint Anfang April 1899 in Wien. Auf dem leuchtend-roten Umschlag der Fa­ckel ist eine solche abgebildet, die Wolken durchstößt und ihr Licht strahlenförmig über – und hinter – die Silhouette einer Stadt wirft. Unter der lodernden Flamme befinden sich zwei Masken: [d] ie grinsende Mas­ke der Komödie und das Ziegengesicht des Satyrs“[20] . Timms zufolge verkünden die Masken

[…] freilich nicht nur die Absicht der komischen und satirischen Stilisierung; sie bringen auch das ge­schärf­te Bewußtsein für das Theatralische und die Verstellung in den öster­rei­chi­schen Verhältnissen zum Aus­druck. Die von der flammenden Fackel ausgehenden Strahlen breiten sich zu einem Muster aus, das die Bretter einer Bühne andeutet. Das Ziel ist offensichtlich, die Wolken der Mys­ti­fikation zu durchbrechen und Licht auch hinter die Kulissen zu werfen.“[21]

Der Name und das Titelbild der Prometheus’schen Fackel[22] sind für sich betrachtet Programm. Nichts an der Sym­bolik ist zu­­fällig, und am visuell vermittelten Ziel wird sich nichts ändern in den 37 Jahrgängen, in denen die Fackel in 922 Nummern in 415 Heften er­scheint.[23] Im Heftinneren proklamiert Kraus die konkrete Absicht der Fackel: [K] ein tönendes ‚Was wir bringen‘, aber ein ehrliches ‚Was wir umbringen‘ hat sie sich als Leit­wort ge­wählt. Was hier geplant ist, ist nichts als eine Trockenlegung des weiten Phrasensumpfes […] (F 1, 1f.). Wei­terhin formuliert Kraus seine Absicht, „dem Publicum endlich die Augen zu öffnen über eine Press­ge­nos­sen­schaft, welche, feil bis auf die Knochen, eine ungeahnte Werbekraft für jede von ihr bekämpfte Idee ent­­fal­tet“ (a. a. O., S. 5). Und auch der Ausdruck „Mene Tekel“ (a. a. O., S. 2) taucht bereits auf, ein frü­her Auf­tritt des Apo­ka­lyptikers Kraus. Damit sind die drei zentralen Begriffe gefallen, die Kraus in der Fackel bis zu seinem Tod im Jahr 1936 an- und auf­grei­fen wird: die Phrase, die Presse und der drohende Untergang.

Bereits die erste Ausgabe der Fackel ist ungewöhnlich erfolgreich. Innerhalb weniger Wochen werden 30.000 Exemplare verkauft.[24] Diese Verkaufszahl hält die Fackel nicht permanent während der 37 Jahre ihres Er­­­scheinens; die Auflage liegt bei „etwa 9 000 um 1906, steigt dann steil an auf 29 000 bis 38 000 um 1911, be­­­trägt 1922 noch etwa 10 000 und sinkt dann stetig ab.“[25]

„Kraus beginnt als Kritiker von Korruption, Nepotismus und Presseunwesen. […] [Unterstützt von In­for­man­ten – M. P.] greift [er] ‚Fälle‘ auf, die er […] gut recherchiert und absichert, bevor er sie publiziert.“[26] Er deckt skan­da­lö­se Zu­stän­de auf; die Fackel gilt als „Enthüllungsblatt“[27] , eine Tatsache, die den Erfolg be­grün­det, wenn­gleich Kraus solch investigativen Journalismus nicht intendiert hat.[28] Die Absicht seines sozialkriti­schen Jour­­na­lis­mus besteht in der „Besserung der Zustände, nicht Unterhaltung.“[29]

Die weiteren Ziele der Fackel ergänzt Kraus sukzessive. In der zweiten Nummer äußert er seine Absicht, „aus­­zu­spre­chen, was ist“ (F 2, 1). Dabei schlägt Kraus einen hohen moralischen Ton an[30] ; er selbst sieht sich zunehmend in der „Rolle eines Anwalts der öffentlichen Moral“[31] . Zudem bestand laut Timms Kraus’ Mis­sion da­rin, „alle Formen ideologischen Denkens anzugreifen“[32] ; Kraus’ Äußerungen wie „Partei­ver­blö­dung“ (F 38, 25), „Schlagwörterwahn“ (F 90, 17), „Benebelung der Gehirne“ (F 147, 23) zeigen es. Ein weiteres Ziel lag da­rin, „ein möglichst getreues Abbild der Wiener Geistigkeit zu geben“ (F 657 - 667, 169). Das ist Kraus ge­lun­gen; mit über 10.000 erwähnten Namen gilt die Fackel als „kritische [] Enzyklopädie des öf­fent­li­chen Lebens in Mitteleuropa“[33] zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Karl Kraus und die Fackel nehmen einen Kampf auf gegen alles, was das geistige Leben bedroht, der vor allem durch eines gekennzeichnet ist: Isola­tion, und zwar exogen und endogen verursachte. Gerade die letzte ist signifikant. Hat Kraus noch in den ersten Jah­­ren Artikel anderer Autoren in die Fackel einfließen lassen, so schreibt er ab Dezember 1911 alle Bei­trä­ge ausschließlich selbst.[34] Die derart angestrebte Autonomie äußer­te sich eben­falls darin, dass er Inserate, Re­­­zensionen und andere Bestandteile einer normalen Zeitung aus der Fa­ckel tilgte. Waren für Kraus in der ers­­ten Zeit der Fackel Zuschriften in Form von etwa Zeitungs­aus­schnitten noch essenziell gewesen, so ver­wei­­gerte er sich später dieser Art von Kontakt. Die gewollte Isolation gipfelte da­rin, dass in der Fackel stand: „Zu­­sendungen welcher Art immer sind unerwünscht“[35] .

1.4 Kritik an der Dummheit, gepaart mit Humor: Titanic – Das endgültige Satiremagazin

Achtzig Jahre nach der ersten Fackel, im November 1979, erschien die erste Ausgabe der Titanic. „Das end­gül­­tige Satiremagazin“ lautete und lautet der Untertitel der monatlich erscheinenden Zeitschrift. Der von Fried­rich Karl Waechter gezeichnete Titel der Erstausgabe zeigt eine mit Wasser gefüllte Badewanne, in der ein dia­­bo­lisch grinsen­der Mann sitzt. Er betrachtet das sich ihm darbietende Szenario, das aus einem Eisberg und der sin­kenden Ti­ta­nic be­steht. Ein Rettungsboot ent­fernt sich soeben vom untergehenden Schiff; ein weiteres hat den Wan­nen­rand er­reicht. Die Menschen aus dem Boot klettern auf den Rand und stür­zen von dort in den Tod. So oder so – eine Ret­tung und ein Über­leben scheinen ausgeschlossen. Die Kraus’sche Apokalypse fin­det sich wie­der auf der ers­ten Seite der ersten Titanic: das letzte Stadium einer dekadenten Zivilisation, die sich mit ihren und dank ihrer Er­­run­gen­schaf­ten selbst umbringt.

Das Programm der Titanic ist nicht so explizit gefasst wie dasjenige in der ersten Fackel. Es erschließt sich jedoch zum Teil daraus, dass Titanic das Medium der „Neuen Frankfurter Schule“ ist. Bei jener han­delt es sich um „eine ganz überwiegend heu­te in Frankfurt lebende und operierende Zeichner- und Auto­ren­grup­pe“[36]. Die „Neue Frankfurter Schule“ hatte indes schon vor Titanic existiert; das ehemalige Sprachrohr war Pardon. Als deren „Nach­folgejournal“[37] avancierte Titanic zum „theoretischen Zen­tral­organ“[38] der geis­ti­gen Strömung mit dem Ziel, „Aufklärung in ihrer ursprünglichsten Form als Kritik an der Dummheit, ge­paart mit Humor“[39] , zu betreiben.

Titanic hat so die Nachfolge der frühen satirischen Pardon angetreten, wobei Clodwig Poths Ausspruch über die Absicht der Pardon durchaus für Titanic gilt:

„Jetzt schälte sich langsam heraus, was wir wollten. Vor allen Dingen wollten wir nicht mit dem Holz­ham­mer arbeiten. Mit dem Florett auch nicht, das einem landesüblichen Feuilletonisten als Alternativwaffe ein­ge­fallen wäre. Unsere Waffe sollte die Wasserpistole sein. Wir wollten lächerlich machen, auf den Arm neh­men […]. [40]

Und was die Redakteure der Pardon anfangs getan haben, führt Titanic seit November 1979 bis heute all­mo­natlich fort: „den deutschen Michel in Unterhosen zeigen, und zwar in nassen“[41], vor allem in den „Briefen an die Leser“, die fester Bestandteil jeder Titanic sind. Die „Briefe an die Leser“, laut Mohr „in gewisser Wei­se das Allerheiligste von ‚Titanic‘“[42], bieten Gsel­la zufolge die Möglichkeit, „de [n] preßübliche [n] Flach- und Min­dersinn der ‚Leserbriefe‘ gleichzeitig zu um­schi­ffen wie zu rammen und zu entern“[43] . Nomen est omen: In „Brie­fe an die Leser“ werden nicht Leserbriefe veröffentlicht, vielmehr richtet Titanic das Wort an Leser.

Eine ähn­li­ch anachronistische Rubrik enthielt schon die Fackel, als Zuschriften noch erwünscht wa­ren. In den „Ant­worten des Herausgebers“ am Ende der Fackel ging Kraus oft in Form „satirische [r] Ver­nich­tun­gen“[44] der Urheber auf deren Schreiben ein, „ohne […] [sie] ab­zu­dru­cken, so daß man ihren Inhalt aus seiner Ant­wort er­schlie­ßen muß­te“[45] . Diese Antworten kennzeichnet Kraus später mit „Verlag ‚Die Fackel‘“[46] ; die „Brie­fe an die Leser“ werden stets mit „Titanic“ unterzeichnet.[47]

Sind Kraus’ Antworten noch solche auf tatsächlich an ihn gerichtete Briefe, trifft das bei dem Pendant in der Ti­ta­nic allenfalls marginal zu. Die Mischung aus „Volte, Witz, Polemik, Invektive und Beleidigung, Vorhaltung und Nachfrage, Unterstellung sowie hie und da Lobpreisung“[48] auf den ersten Seiten jeder Ausgabe richtet sich nach Gsella „zumeist an ‚Leser‘, die bei Jesus keine sind“[49] . Wen Titanic stattdessen anspricht, cha­rak­te­risiert Thomas Gsella wie folgt: „Je eitler und geistesferner […] , je peinlicher und schamlos blöder ein wa­rum auch immer prominenter Esel öffentlich daherschwatzt, -singt und -schreibt, desto größer war und ist sei­ne Chan­ce, sich in den ‚Briefen an die Leser‘ gewürdigt zu sehen.“[50] Die Kampfansage ist klar, Kritik das Credo.

In der ersten Ausgabe legt die Titanic -Redaktion ihr Programm zum Teil in drei „Briefen an die Le­ser“ dar. Der Deutsche Presserat, der nachfragt, was die Titanic wolle, erhält die Antwort: [R] echt eigentlich wol­len wir die restliche deutsche Presseszene überflüssig machen“ und „ein wenig herumgranteln in einer ohne­hin gran­diosen Zeit.“[51] Die Frage des KBWs nach dem politi­schen und Interessen-Standpunkt beantwortet die Re­dak­tion damit, man wolle Ideologie-Kritik üben.[52] Einer ent­sprechend gearteten An­frage des Un­ter­neh­mer­ver­bands schließlich entgegnet Titanic: „Böse, oh so böse sein!“[53]

Sie wird böse sein, die Titanic, und für reichlich Skandale sorgen. Dass sie damit dem Zeitgeist entspricht, be­­weist die Zahl der verkauften Exemplare; sie liegt relativ konstant seit mehr als 20 Jahren bei rund 60.000.[54]

2 Im Blickwinkel der Argusaugen – Die Kritik der Fackel und der Titanic an der übrigen Presse

Es hat sich gezeigt, dass sich sowohl Fackel als auch Titanic der Presse widmen wollen, was nichts anderes heißt als Kritik zu üben am „großen Feind [] ‚Presse‘“ (F 118, 2) bzw. am „Presserotz“[55] . Karl Kraus schreibt über das Verhältnis zwischen übriger Presse und Fackel im Oktober 1902:

„Im Anfang war die ‚Fackel‘. Die entzündete sich an dem brennenden Gefühl von der Nothwendigkeit, die ös­terreichische Leserwelt über das verderbliche, geistfälschende und eigenthumsgefährliche Wirken der österreichischen Presse aufzuklären, die Suggestion, die die Gehirne den Druckschwärzern der öf­fent­li­che Meinung auslieferte, zu zerstören und die falschen Werthe, die das Walten der Journaille in unser so­cia­les, künstlerisches und wirtschaftliches Leben gebracht hat, aus dem Curs zu peitschen.“ (F 118, 1f.)

Das Zitat stammt aus dem Artikel „Eine neue Zeitung“ (F 118, 1 - 15) und drückt Kraus’ Haltung der Pres­se sei­­ner Zeit ge­gen­über exem­plarisch aus. So wie Kraus sieht auch Titanic die Presse, Martin Sonneborn nennt das heutige Pressewesen „falsch [] [56] . Er schreibt, Kraus habe es „umfassend cha­rak­te­risiert; seine Kritik hat an Aktualität nichts verloren.“[57] Kraus’ „Kritik an der gesamten Institution Presse“[58] ist harsch, und um sie nach­zu­voll­­ziehen, ist es zunächst nö­tig, die Situ­ati­on im damali­gen Pressewesen im All­ge­mei­nen und den Status der Neuen Freien Presse im Besonderen zu erläutern.

2.1 Exkurs: Die Macht der (Neuen Freien) Presse in Wien um 1900

Um die Jahrhundertwende unterscheidet sich die Situation der österreichischen Presse kaum von jener in an­deren Staaten. Edward Timms schreibt, zu Kraus’ Lebzeiten „beherrschte die Presse das öffentliche Leben stärker als jemals zuvor oder danach.“[59] Das gedruckte Wort besaß „eine noch nie dagewesene Macht“[60], und das galt gleichermaßen für diejenigen, die es kontrollierten: „Es war die Ära der ,Pressebarone‘, der Eigen­tü­mer-Herausgeber, die sowohl das Aktien-Kapital, als auch die Redaktionspolitik unter ihrer Kontrolle hatten.“[61] Timms fügt hinzu, dass die Massenauflagen der Zeitungen ihren Herausgebern Macht bar jedweder Ver­ant­wort­lich­keit verliehen.[62]

[...]


[1] N. n. Zit. nach: o. A.: Sie sind ein ganz großes Schwein, die Titanic! Bild-Leser telefonieren mit der Redaktion. Titanic 21 (2000), H. 8, S. 16f., S. 16.

[2] Vgl. ebd. und Sonneborn, Martin: Wie Titanic einmal die Fußball-WM 2006 nach Deutschland holte. Protokoll einer erfolgreichen Be­ste­chung. A. a. O., S. 12 - 15, S. 15.

[3] Kraus, Karl: Die Fackel 1 (1899), Nr. 5, S. 23. – Die genannte Stelle der Fackel und aller weiteren im Text zitierten stammen aus: Kraus, Karl: Die Fackel. (Wien 1899 - 1936) Nachdruck von Zweitausendeins, Frankfurt a. M. 1976. Von nun an werden Zitate aus der Fackel di­rekt im Text nachgewiesen und entsprechen der üblichen Zitierweise: Dem Buchstaben „F“ folgen Ausgabe- und Sei­ten­num­mer. Sper­run­gen im Ori­ginal wer­den von mir gleichfalls gesperrt.

[4] Dass die Presse- und Sprachkritik hier nicht umfassend und vollständig bearbeitet werden können, ist mir gleichfalls bewusst.

[5] Fischer, Jens Malte: Karl Kraus. Stuttgart 1974, S. 2.

[6] Vgl. ebd.

[7] Timms, Edward: Karl Kraus. Satiriker der Apokalypse. Leben und Werk 1874 bis 1918. Frankfurt a. M. 1999, S. 62. – Dies bestä­tigt Kraus’ Aussage aus der ersten Fackel: „Nicht die Censur des Staatsanwalts habe ich gefürchtet, vielmehr die intimere eines Chef­re­dac­teurs […] (F 1, 5).

[8] Vgl. a. a. O., S. 63.

[9] Kraus, Karl: Frühe Schriften. Herausgegeben von J. J. Brakenburg, Band II. München 1979, S. 132. Zit. n.: a. a. O., S. 62.

[10] A. a. O., S. 63. – Dies beweisen die satirischen Autorenporträts in „Die demolirte Literatur“ (1897) und die Broschüre „Eine Krone für Zion“ (1898), in der er Theodor Herzl kritisierte.

[11] Vgl. Schmitt, Oliver Maria: Das Super-Sexy-Satire-Spritzpistolen-Schwebe-Blatt. In: Titanic 22 (2001), H. 9, S. 36 - 40, S. 36f.

[12] Vgl. a. a. O., S. 40.

[13] Zudem war Nikel Verleger und Chefredakteur. Vgl. Litz, Christian [2001]: Käpt’n, wir sinken.
URL: http://www.brandeins.de/magazin/archiv/2001/ausgabe_08/was_menschen_bewegt/artikel1.html (Stand: 2002-07-31)

[14] Vgl. Schmitt, Das Super-…, S. 37, S. 40.

[15] Ebd. – Mehr zur Geschichte von Pardon, die noch bis 1982 erschienen ist, und der Neuen Frankfurter Schule in: Schmitt, Oliver Maria: Die schärfsten Kritiker der Elche. Die Neue Frankfurter Schule in Wort und Strich und Bild. Berlin 2001.

[16] Sonneborn, Martin. E-Mail vom 2. August 2002. – Die E-Mails sind im Anhang abgedruckt.

[17] So wollten sowohl der Verlag Gruner + Jahr als auch Springer die Titanic kaufen, was die von den Gründern gehaltenen 25,1 % Eigen­­tum am Verlag verhinderten. Vgl. Litz, Christian [2001]: Käpt’n, wir sinken.
URL: http://www.brandeins.de/magazin/archiv/2001/ausgabe_08/was_menschen_bewegt/artikel1.html (Stand: 2002-07-31).

[18] Das hatte den weiteren Vorteil, dass Kraus die amtliche Zensur in Form von Konfiszierungen und Verbot des Verkaufs über staatlich zu­ge­lassene Zeitungskioske leichter umgehen konnte. Vgl. Timms, Karl Kraus …, S. 58f.

[19] Pfabigan, Alfred: Karl Kraus und der Sozialismus. Eine politische Biographie. Wien 1976, S. 140.

[20] Timms, Karl Kraus …, S. 54.

[21] Ebd.

[22] Vgl. a. a. O., S. 92. – Timms fügt den Aspekt der Apokalypse hinzu, ein in den späteren Jahren der Fackel häufig auftauchendes Motiv. So heißt es in der biblischen Apokalypse: [E] s fiel ein großer Stern vom Himmel, der brannte wie eine Fackel …“ (Offenbarung des Jo­han­nes; 8, 10). Karol Sauerland hingegen interpretiert den Namen Fackel anders. Ihr zufolge müsse ein Autor, damit sein Protest gehört werde und Wirkung zeige, „zumeist sich selber zur Fackel machen. Der Name des Krausschen Organs ist so zufällig nicht.“ (Sauerland, Ka­rol: Wie wird und bleibt man als Intellektueller eine unabhängige Instanz? (Karl Kraus). In: Kaszyński, Stefan H.; Scheichl, Sigurd Paul (Hg.): Karl Kraus – Ästhe­tik und Kritik. Beiträge des Kraus-Symposiums Poznań. München 1989, S. 191 - 202, S. 192)

[23] Vgl. Fischer, Karl Kraus, S. 3.

[24] Vgl. Zohn, Harry: Karl Kraus. Frankfurt a. M. 1990, S. 24.

[25] Fischer, Karl Kraus, S. 46.

[26] A. a. O., S. 22.

[27] Ebd.

[28] Vgl. ebd.

[29] Timms, Karl Kraus …, S. 65.

[30] Vgl. a. a. O., S. 64.

[31] Ebd.

[32] A. a. O., S. 66.

[33] A. a. O., S. 83.

[34] Vgl. Fischer, Karl Kraus, S. 3. – Von ca. 30.000 Seiten der Fackel soll Karl Kraus insgesamt 25.000 selbst verfasst haben. Vgl. a. a. O., S. 46.

[35] Karl Kraus, zit. nach: a. a. O., S. 47. – 1921 schreibt Kraus: „Ich lese keine Manuskripte und keine Drucksachen, brauche keine Zei­tungs­­ausschnitte, interessiere mich für keine Zeitschriften, begehre keine Rezensionsexemplare und versende keine, bespreche keine Bücher, sondern werfe sie weg, prüfe keine Talente [und] […] gebe keine Autogramme […] (F 557 - 560, 45).

[36] Henscheid, Eckard. Zit. nach: Sonneborn, Martin: Der ist doch so eitel, der Markwort! In: Die Zeit, Nr. 23, 30. Mai 1997, S. 49.

[37] Ebd.

[38] Mohr, Reinhard: Die Dialektik der Abklärung. In: Der Spiegel, Nr. 48, 25. Oktober 1999, S. 146 - 148, S. 146.

[39] Friebe Holm [1999]: Habermas über Bord! URL: http://www.nadir.org/nadir/periodika/jungle_world/_99/49/34a.htm (Stand: 2002-07-14)

[40] Poth, Clodwig. Zit. nach: Schmitt, Das Super-…, S. 39.

[41] Schmitt, Das Super-…, S. 39.

[42] Mohr, Die Dialektik …, S. 148.

[43] Gsella, Thomas: Zum Geleit. In: Titanic (Hg.): Briefe an die Leser. Berlin 1997, S. 6f, S. 6.

[44] Fischer, Karl Kraus, S. 47.

[45] Ebd.

[46] Vgl. ebd.

[47] Dies ist sinnvoll, da es nicht den Verantwortlichen für diese Rubrik gibt: „Geschrieben werden sie [die ‚Briefe an die Leser‘ – M. P.] von der jeweiligen TITANIC-Redaktion und einem runden Dutzend freier Autoren, beide unterstützt durch schreibende bzw. hin­weisge­ben­de Leser“ (Gsella, Zum Geleit, S. 6). Bei zitierten „Briefen an die Leser“ gebe ich deshalb als Autor „Ti­ta­nic“ an.

[48] Gsella, Zum Geleit, S. 6.

[49] Ebd.

[50] Ebd.

[51] Titanic: Briefe an die Leser. In: Titanic 1 (1979), H. 11, S. 4 - 8, S. 4.

[52] Vgl. ebd.

[53] Ebd.

[54] Vgl. Mohr, Die Dialektik …, S. 146.

[55] Titanic: Briefe an die Leser. In: Titanic 1 (1979), H. 11, S. 4 - 8, S. 4.

[56] Sonneborn, Martin. E-Mail vom 30. Juli 2002.

[57] Ders. E-Mail vom 1. August 2002. – Helmut Arntzen sieht dies ähnlich, wenn er auf den Zusammenhang zwischen Presse und der von ihr gebrauchten Phrase eingeht: „Die Wirkung der Phrase auf eine ‚Welt, die auf die Presse kam,‘ hat sich seit den Tages des Karl Kraus nicht geändert, es sei denn derart, daß die Zeit, die schon seit sechzig Jahren eine große Zeit zu sein behauptet, seitdem eine immer di­ckere, eine von der Phrase so fette Zeit geworden ist, daß sie an dieser zugrunde zu gehen droht und der Bombe nicht mehr bedarf.“ (Arntzen, Helmut: Karl Kraus und die Presse. München 1975, S. 56.)

[58] Timms, Karl Kraus …, S. 70.

[59] A. a. O., S. 55. – Grundlage dafür waren die „weitgehende Überwindung des Analphabetentums, Verbesserung im Nach­rich­tenwesen und der technische Fortschritt.“ (ebd.)

[60] Ebd.

[61] Ebd.

[62] Vgl. a. a. O., S. 56.

Details

Seiten
55
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638161879
Dateigröße
885 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v9494
Institution / Hochschule
Universität Lüneburg – Fachbereich III - Kulturwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Presse- Sprachkritik Fackel Titanic Satire Beispiel Karl Kraus

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Titel: Was wir umbringen ... - Presse- und Sprachkritik in  Fackel  und  Titanic