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Die Grundlegung der Psychologie vom empirischen Standpunkt von Franz Brentano

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 17 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Ausgangspunkt Brentanos
2.1 Eingrenzungen des Begriffes Psychologie
2.1.1 Aristotelisches Verständnis
2.1.2 Brentanos Verständnis
2.2 Die Wissenschaft von den psychischen Phänomenen

3. Höhergestelltheit der Psychologie gegenüber Naturwissenschaften
3.1 Unterscheidungen der physischen und psychischen Phänomene
3.2 Abgrenzung und Wechselbeziehungen zwischen den Wissenschaften
3.3 Praktische Bedeutungen der Psychologie
3.4 Die Psychologie im Haus der Wissenschaften

4. Kritische Anmerkungen

5. Ausgewählte Rezeptionen und Standpunkte zu Brentanos Psychologie vom empirischen Standpunkt
5.1 Die Rezeption Brentanos in den spanischsprachigen Ländern
5.2 Rezeption Franz Brentanos in Russland

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Zur Entwicklung der Grundlagen der heutigen Psychologie als eine Wissenschaft hat Franz Brentano mit seinem 1874 erstmals veröffentlichten Buch Psychologie vom empirischen Standpunkt erheblich beigetragen. Seien seine Ansichten und Methoden teilweise umstritten und kritisiert, so sind einige seiner damaligen Überlegungen noch immer aktuell. Zeichen dafür sind beispielsweise die noch heute regelmäßig erscheinenden Brentano-Studien, welche zu den verschieden Schriften aus dem Gesamtwerk Franz Brentanos sowie deren Rezeption interessante Stellungnahmen enthalten Brentano verfolgte ein ehrgeiziges Ziel mit seinem Buch sowie der acht Jahre später veröffentlichten Abhandlung über eine deskriptive Psychologie. Er wollte den Grundstein für eine zwar nicht neue, aber neu aufgebaute und strukturierte Wissenschaft legen, verschiedene Ideen und Meinungen, die bis dahin entwickelt wurden, sollten miteinander vereint oder endgültig widerlegt werden.

Die Psychologie vom empirischen Standpunkt war der „Versuch einer Neubegründung der Psychologie als philosophische Grunddisziplin, welche psychische Phänomene empirisch-deskriptiv und auf wissenschaftlich gesicherten Fundamenten erforschen soll.“[1]

In dieser Arbeit soll im ersten Teil die Eingrenzung und Aufgabendefinition der Psychologie, wie Brentano sie vornahm, vorgestellt werden. Vor allem der strikte Versuch der Abgrenzung zu den Naturwissenschaften sowie zwischen physischen und psychischen Phänomenen soll dabei im Vordergrund stehen.

Zwar waren gerade die zu diesem Zeitpunkt weit entwickelten Naturwissenschaften und deren methodischer Apparat Vorbild für eine wissenschaftliche Psychologie, allerdings ging Brentano davon aus, dass die Psychologie ihre Methodik und Ausrichtung ihrem Untersuchungsgegenstand, nämlich den psychischen Phänomenen und deren Eigenarten, anpassen sollte. Und diese ist nach Brentanos Auffassung grundsätzlich verschieden von den Erkenntnisgegenständen der Naturwissenschaft, den physischen Phänomene, sowohl in deren Natur, als auch in der Art, wie wir zu Erkenntnissen darüber gelangen können.[2]

Im zweiten Teil sollen einige ausgewählte Rezeptionen und Stellungnahmen zu Brentanos Psychologieentwurf gegenübergestellt und diskutiert werden.[3]

2. Ausgangspunkt Brentanos

Brentano veröffentlichte 1874 seine ersten beiden Bücher zu der Psychologie vom empirischen Standpunkt. Zu dieser Zeit war die Psychologie noch immer Teil philosophischer Betrachtungen. Dies sei im voraus bemerkt, denn es ist zum Verständnis des von Brentano gewählten Ausgangspunktes und seiner Argumentationsweise entscheidend.

„Noch immer besteht etwas von dem Wahne, dass man in der Philosophie anders als auf allen übrigen Wissenschaften arbeiten dürfe.“[4]

Sein Ziel war es, eine gesicherte Grundlage zu schaffen, die eine wahre und gesicherte Lehre ermöglicht. Bis zu diesem Zeitpunkt existierten unterschiedlichste Konzepte und Ideen hinsichtlich der Psychologie nebeneinander. Brentano versuchte nun aus den vielen Psychologien, die eine wahre und auf gesicherten Grundlagen basierende, zu entwickeln. Als Orientierung dienten ihm dabei die Naturwissenschaften. Er schrieb in seinem Vorwort:

„Wir müssen hier das zu gewinnen trachten, was die Mathematik, Physik, Chemie und Physiologie, [...], schon erreicht haben; einen Kern allgemeiner Wahrheit, an welchen dann bald, durch das Zusammenwirken vieler Kräfte, von allen Seiten her neue Kristalle anschließen werden. An die Stelle der Psychologien müssen wir eine Psychologie zu setzen suchen.“[5]

Er baute seine Überlegungen nach eigenen Aussagen auf den Schriften von Mill, Bain, Fechner, Lotze und Helmholtz auf. Dabei möchte er die Psychologie als eine Wissenschaft auf Grundlage der Erfahrung, somit als eine empirische, begründen.

2.1. Eingrenzung des Begriffes Psychologie

2.1.2. Aristotelisches Verständnis

Aristoteles bezeichnete in seiner Einteilung der Wissenschaften die Psychologie als die Wissenschaft von der Seele. Was Seele in seinem Verständnis umfasst und bedeutet, gilt es näher zu erläutern.

Seele war nach seiner Ansicht die Natur, gleichbedeutend mit allem Lebendigen. Dieses zeichnet sich dadurch aus, dass es zu Leistungen, wie wachsen, nähren, empfinden oder auch denken, fähig ist Damit schloss Aristoteles das Pflanzenreich als Lebendiges und eine Seele besitzend mit ein. Die Psychologie als Wissenschaft der Seele in diesem weiten Verständnis, befasste sich also mit sämtlichen vegetativen, sensitiven und intellektuellen Tätigkeiten und deren Trägern.

Diese Abgrenzung erwies sich später als zu breit gefasst und wurde zuerst um den Bereich der vegetativen Tätigkeiten verkleinert. Später schloss man jegliche Gegenstände der äußeren Wahrnehmung[6] aus. Die Untersuchung der vegetativen Vorgänge wurde den Naturwissenschaften übertragen, das Gebiet des Sensitiven[7] der Physiologie. Damit wurde der Bereich der Psychologie auf die intellektuellen Abläufe begrenzt.[8] Dieses nunmehr eingeschränkte Verständnis adaptierte Brentano in seinen Überlegungen.

2.1.2 Brentanos Verständnis

Brentano definierte die Seele als substantiellen[9] Träger von Vorstellungen und anderen Eigenschaften, welche nur durch die innere Erfahrung unmittelbar wahrnehmbar sind. Dabei sind Vorstellungen wiederum Ausgangspunkt für innere Erfahrungen. Er konnte somit die aristotelische Bestimmung der Psychologie als Wissenschaft von der Seele übernehmen, da der Begriff der Seele eingeengt wurde. Die Psychologie sei demzufolge die Lehre der intellektuellen Betätigung und der Erscheinung des Bewusstseins. Brentano schrieb:

„[..] erscheint dann sie (die Psychologie; Anmerkung des Verfassers) als die Wissenschaft, welche die Eigentümlichkeiten und Gesetze der Seele kennen lehrt, die wir in uns selbst unmittelbar durch innere Erfahrung finden und durch Analogie auch in anderen erschließen.“[10]

An dieser Stelle gab er einen ersten Ausblick auf seine Methodik zur Erschließung psychischer Gesetze. Mit Hilfe des Analogieschlusses sollen diese nur individuell unmittelbar wahrnehmbaren psychischen Vorstellungen (später Phänomene) auch bei anderen erkannt werden können und damit allgemeine Erkenntnisse im Bereich der Wissenschaft der Seele ermöglichen. Auf die detaillierte Beschreibung der Methoden soll an dieser Stelle verzichtet werden.[11]

Nachdem der Erfahrungsbereich der Psychologie durch die engere Bedeutung des Seelenbegriffs näher bestimmt ist, spezifizierte Brentano in einem nächsten Schritt den möglichen Erkenntnisbereich weiter.

2.2. Die Wissenschaft von den psychischen Phänomenen

In Analogie zu den Auffassungen in der Naturwissenschaft, welche sich mit den physischen Phänomenen beschäftigt, fasste Brentano nunmehr die Psychologie als Wissenschaft von den psychischen Phänomenen auf. Er verstand darunter folgendes:

„Phänomen, Erscheinung, wird oft im Gegensatz zu dem wahrhaft Seienden gebraucht. So sagen wir, die Gegenstände unserer Sinne, so wie die Empfindungen sie uns zeigen, seien bloße Phänomen; Farbe und Schall und Wärme und Geschmack seien nichts außer unserer Empfindung wahrhaft und wirklich bestehend, wenn sie auch auf wahrhaft und wirklich Bestehendes hindeuten.“[12]

Dabei bestand für Brentano ein deutlicher Unterschied zwischen der mittelbaren Wahrnehmung der physischen Phänomene, welche wir durch unsere Sinne erkennen können. Andererseits haben wir zu den psychischen Phänomenen unmittelbaren Zugang, denn sie erscheinen uns so, wie sie wirklich sind, im Gegensatz zu den äußeren Gegenständen, zu denen wir keinen unmittelbaren Zugang haben. Warum also sprach er trotzdem von den psychischen Erscheinungen/Phänomenen?

Diese Formulierung wurde von ihm zur Vermeidung einer metaphysischen Annahme gewählt. Denn betrachtet man die Seele als einen substantiellen Träger der psychischen Erscheinungen, so müsste man die Existenz der Substanz der Seele nachweisen können. Dies ist nicht möglich, und aus diesem Grunde, nämlich zur Vermeidung einer metaphysischen Annahme, sprach Brentano nunmehr ebenso von den psychischen Phänomenen, deren Träger für uns zwar nicht nachweisbar ist, die Phänomene an sich allerdings können trotzdem unmittelbar und unverzerrt innerlich wahrgenommen werden. Grundlegend grenzte Brentano somit den Bereich der Psychologie auf die psychischen, d.h. inneren Phänomene ein, zu welchen wir per innere Wahrnehmung unmittelbaren Zugang haben. Dementsprechend sind innere Phänomene nicht bloße Zeichen von etwas, sondern sie erscheinen uns so, wie sie wirklich sind, laut Brentano. Im Gegensatz dazu sind die physischen Phänomene bloße Zeichen von Wirklichem. Wir können nur die Zeichen durch unsere Wahrnehmungsorgane, wie Ohren, Augen etc. mittelbar wahrnehmen. Das Ergebnis sei laut Brentano nur ein unvollkommenes Bild des Wirklichen, wie es außerhalb von uns existiert. Diese Unterscheidung soll im Folgenden noch detaillierter erläutert werden.[13]

3. Erhabenheit der Psychologie gegenüber den Naturwissenschaften

Wie bereits angedeutet besitzt die Psychologie den Vorteil, dass man per innere Wahrnehmung unmittelbaren Zugang zu den inneren Phänomenen hat. Auf Grundlage dessen kam Brentano zu dem Schluss, die Psychologie sei den Naturwissenschaften überlegen. Ihre Erkenntnisse seien ebenso gesetzesartig[14], allerdings im Vergleich zu den Gesetzen der Naturwissenschaften unmittelbar gültig und einsichtig, so sie einmal gefunden.

3.1 Unterscheidungen der physischen und psychischen Phänomene

„Also von den Gegenständen der äußeren Wahrnehmung haben wir kein Recht zu glauben, dass so, wie sie uns erscheinen, auch in Wahrheit bestehen. […] Sie sind im Gegensatze zu dem, was wahrhaft und wirklich ist, bloße Phänomene“[15]

Damit verdeutlichte Brentano, dass man nur glauben könne, dass die Phänomene der äußeren Wahrnehmung real genauso existieren, es wirklich zu wissen hingegen, ist nie möglich, da man keinen anderen Zugang hat.[16] Demzufolge ist seiner Auffassung nach die „Wahrheit der physischen Phänomene […], eine bloß relative Wahrheit.“[17]

Dem gegenüber könne man die psychischen Phänomene unmittelbar und wahrhaft wahrnehmen, denn sie sind uns, da in uns, am nächsten. Er schreibt:

„Diese sind wahr in sich selbst. Wie sie erscheinen – dafür bürgt die Evidenz, mit der sie wahrgenommen werden -, so sind sie auch in Wirklichkeit.“[18]

Daraus folgerte Brentano, dass man auch ein größeres Interesse an ihnen habe und sie dementsprechend erhabener im Vergleich zu den physischen seien.[19]

[...]


[1] Volpi (1989), S. 13.

[2] Grundlage des ersten Teiles der vorliegenden Arbeit ist vorrangig das 1. Kapitel des ersten Buches „Psychologie vom empirischen Standpunkt aus“.

[3] Die Quelle dafür sind die seit 1988 erscheinenden gesammelten Aufsätze, die in den Brentano Studien veröffentlicht sind.

[4] Franz Brentano. Zitiert in: Hedwig (1988), S. 31.

[5] Brentano (1874), S. 2.

[6] Dazu zählten auch die Untersuchung von Reizen etc.

[7] Hierzu zählen beispielsweise Muskelbewegungen.

[8] vgl. Brentano (1874), S.6ff.

[9] Substantiell bedeutet hier, dass die Seele an sich existiert. Im Gegensatz dazu die Akzidenzien, welche von etwas oder einem Träger abhängig sind.

[10] Brentano (1874), S. 8.

[11] Siehe dafür: Brentano (1874), Band 1, Buch 1, 2.Kapitel.

[12] ders., S. 13.

[13] Naturwissenschaft wird hier als Wissenschaft von den physischen / äußeren Phänomenen verstanden.

[14] J. St. Mill sieht die allgemeine Aufgabe der Psychologie in der „Erforschung der Gesetze der Aufeinanderfolge unserer psychischen Zustände, d. h. der Gesetze, nach welchen der eine von ihnen den anderen erzeugt.“ Brentano (1874), S. 17. Zu den allgemeinen Gesetzen gehören nach de Auffassung Mills das „Gesetze der Similarität“, „Gesetz der Kontiguität“ und das „Gesetz der Intensität“. Siehe in Brentano (1874), S. 18.

[15] ders., S. 14.

[16] „Wir haben gesehen, von welcher Art die Erkenntnis ist, welche der Naturforscher zu erringen vermag. Die Phänomene […] sind nicht Dinge, die wahrhaft und wirklich bestehen. Sie sind Zeichen von etwas Wirklichem, was durch seine Einwirkung diese Vorstellung erzeugt. Aber sie sind deshalb kein entsprechendes Bild dieses Wirklichen, und geben von ihm nur in sehr unvollkommenem Sinne Kenntnis.“ ders., S. 28.

[17] ders., S. 28.

[18] ders., S. 28

[19] vgl. ders., S. 28f.

Details

Seiten
17
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638161817
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v9488
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Philosophie
Note
2.0
Schlagworte
Franz Brentano; Psychologie vom empirischen Standpunkt

Autor

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