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Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

Referat (Ausarbeitung) 2000 7 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1.Einleitung:
- Allgemein:

2.Historie:

3.Die Aura – Klärung der Begrifflichkeit:

4.Technische Reproduzierbarkeit:

5.Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit:
- Gesellschaftlicher Wandel:
- Auswirkung:
- Stimmen zur Kulturkritik:

6.Quellenverzeichnis:

1.Einleitung:

[1] Diese Arbeit beschäftigt sich mit Walter Benjamins Buch „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“.

- Allgemein:

Walter Benjamin:

- *Berlin 15.07.1892; †Port Bou (Spanien) 26. (27.?)09.1940 (Selbstmord)
- deutscher Essayist und Philosoph
- 1933 Emigration nach Paris
- gehört zu den bedeutendsten Kulturkritikern der deutschen Literatur

Werke:

- Ursprung des deutschen Trauerspiels (1928)
- Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (1936)

2. Historie:

Die Vervielfältigungstechnik hat eine lange Entwicklungsprozeß durchlaufen. Angefangen von Guß und Prägung der Münzen, Holzschnitt von Grafiken, Lithographie und Drucktechnik, bis hin zur Fotografie als Prozeß der bildlichen Reproduktion und somit Vorstufe des Bewegtbildes, des Films. Um 1900 fand sich die Entwicklung der technischen Reproduktion in Ihrer Blüte, das Kunstwerk wurde zum Objekt und die Reproduktion zur Kunst. In diesem Hintergrund ist Walter Benjamins Werk entstanden, bei dem versucht wird, diesen entscheidenden Wertewandel der Kunst anhand der gesellschaftlichen Veränderungen zu reflektieren. Walter Benjamin spricht in diesem Zusammenhang vom Verlust der Aura der Kunstwerke.

3. Die Aura – Klärung der Begrifflichkeit:

„Die Echtheit einer Sache ist der Inbegriff allem vom Ursprung her an ihr Tradierbaren, von ihrer materiellen Dauer bis zur geschichtlichen Zeugschaft.“[2]

Die Aura beschreibt die Einzigartigkeit eines Kunstwerkes, seine Einmaligkeit in der Entwicklung, in seinem Leben und so der eigenen Geschichte, die ihm sichtbar anhängt. Die Originalität eines Werkes, seine Ausstrahlung, ergibt sich durch die Einbettung in die Tradition, die Kultur der jeweiligen Gesellschaft. Die „Aura hat seine Begründung in der Funktion des Rituals, des Kunstwerkes originären Gebrauches.“[2] Der Kult um ein Werk ist der Ausdruck dafür, so galt zum Beispiel im frühen Griechenland die Venusstatue als Sinnbild für Fruchtbarkeit, im Mittelalter aber als unheilvoller Gott. Kunst diente in seiner Ursprungsform dem Glauben, zeigte Abbilder von Götzen, Gottheiten und war damit Heiligtum eines ganzen Volksstammes. Noch heute haben religiöse Darstellungen einen hohen Stellenwert bei den Gläubigen. Manche Heiligtümer sind aufgrund des von ihrer Aura ausgehenden Kultwertes so begehrt, dass es für die Gläubigen das höchste ist, es einmal mit den eigenen Augen gesehen, oder vielleicht sogar berührt zu haben (die große Moschee in Mekka → Islam). Teilweise ist ihr Wert sogar so kostbar, dass sie ständig unter Verschluß gehalten und nur zu besonderen Feierlichkeiten gezeigt werden: z.B. Marienprozession zu Ostern.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[3]

Als Beispiel: eine Ikone der orthodoxen Kirche mit Jesusdarstellung, sie ist Heiligtum.

Kunst entwickelte sich schnell zu einem Ausdruck von Macht und Reichtum, zu etwas elitärem. Mit dem eigenen Bildnis Glanz und Ruhm für die Nachwelt zu erhalten, bedienten sich Herrscher, Adel und später das Bürgertum der Kunst. So wurde aus dem kultischen Ursprung ein „profaner Schönheitsdienst“[4], der aber nach wie vor von der Aura der Einzigartigkeit des Dargestellten beseelt ist. Jedes manuell produziertes Kunstwerk, sein es auch unter noch so dubiosen Umständen entstanden und als solches durch seine Art schwer zu fassen, birgt durch seine Einmaligkeit eine Aura in sich. Die Porträtfotografie ist die letzte Bastion der Aura im Rahmen der technischen Reproduktion, da hier mit dem Antlitz das Leben des Fotografierten eingefangen wird. Dieses Leben strahlt für alle Ewigkeit von der Fotografie.

4.Technische Reproduzierbarkeit:

Die technische Reproduzierbarkeit eröffnet die Möglichkeit der massenweise Vervielfältigung eines Kunstwerkes, so dass die bis dahin bestehende Einzigartigkeit des Originals überwunden wird. Die beliebige Vervielfältigung des Werkes, insbesondere die Herstellung dessen als Reproduktionsvorlage und mit der durch die Technik verbundenen Manipulationsmöglichkeiten, sind die entscheidenden Charakteristika der technischen Reproduktion. Das Kunstwerk an sich ist von je her nachbildbar gewesen. Eine Nachbildung des Originals wird sich aber stets von diesem als Kopie unterscheiden, so nah sie sich ihm auch annähert. Eine Eigenständigkeit bleibt ihr durch die Art und Weise der manuellen Reproduktion verwehrt. Die technische Reproduktion erlaubt durch die Verstellung von Parametern, z.B. die Mise en Scené des Filmbildes: Wahl der Einstellungsgröße, Belichtung ect., beim Reproduktionsvorgang, das Abbild in Situationen zu bringen, die das Original nie erreicht. Sie erlangt so eine Selbständigkeit in der Darstellung, der Aussage gegenüber dem Originalobjekt. Das wichtigste Kriterium im Bezug auf die technischen Reproduktion ist das Zueinanderbringen von Kunstwerk und Rezipient. Die Illustrierte eröffnet dem Bildnis die Möglichkeit einer massenhaften Verbreitung, so dass jeder in der Lage ist, es zu sehen, ohne es zu besitzen, oder speziell eine Galerie zu besuchen. Dadurch wird die Einmaligkeit des Kunstwerkes aufgelöst, sein „Hier und Jetzt“ beendet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten [5]

Porträt Marilyns als reife Sexgöttin, zurechtgemacht für die Öffentlichkeit als Konsumgegenstand

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mao als positives oder negatives Statement

5.Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit:

- Gesellschaftlicher Wandel:

Die Ursache für den Verfall der Aura liegt im gesellschaftlichen Wandel der Jahrhundertwende. Mit dem Übergang von einem feudalistischen hin zu einem demokratischen Denken, wuchs das Bedürfnis der Massen den Gegenstand, das Kunstwerk aus nächster Nähe im Abbilde habhaft zu werden. Die Kunst mußte räumlich und menschlich näher gebracht, die Einmaligkeit überwunden werden. Die gesellschaftliche Bedeutung dieser Umwälzung liegt in der „Liquidierung des Traditionswertes am Kunstwerk“[6]. Daraus folgte eine Wandel in der Art und der Organisation der Sinneswahrnehmung. Diese Veränderung mündete in einer Massenbewegung der technischen Reproduktion, deren größter Vertreter der Film ist. Kunst durchlebt damit eine entscheidende Funktionsneuerung, weg vom elitären Anspruch einer begüterten Minderheit, wo es schlichtweg als schick galt, es ein Privileg war, sich Kunst leisten zu können, um am „öffentlichen“ Leben teilzuhaben. Kunst ist nun Gemeinschaftserlebnis, über das gesprochen und das kritisiert wird. Daraus erwächst der Anspruch das neuen Kunstwerkes auf die breite Masse. Im Kino fallen kritische und genießende Faktoren zusammen, sie sind Reflexion der Haltung des Publikums. In den ersten Stunden des Kinos erzeugten die dokumentarischen One-Realer bei den Zuschauern einen Schockeffekt. Die Möglichkeit einen Vorgang in seinen Einzelheiten völlig naturgetreu wiederzugeben war etwas grundsätzlich neues. So gibt es Anekdoten, die davon erzählen, das bei „Der Ankunft des Zuges“ die Leute aus dem Kino gelaufen sind, da sie befürchteten, der Zug käme tatsächlich über die Leinwand gefahren. In diesen Stunden entstand das besondere Mysterium der vollkommenen Illusion die der Film vermittelt, welche grundsätzlich Basis jeglicher Spannung ist.

Der Kunstwert wird verdrängt durch Begutachtbarkeit und der Möglichkeit der Zerstreuung zugleich. Film ist analysierbar in seiner Aussage, Umsetzung, seiner unterhalterischen Qualität. Es kommt dabei zu einer Durchdringung von Wissenschaft und Kunst. Filmkunst ist plötzlich in aller Munde, wird in Zeitungen und von Experten rezensiert, bietet Gesprächsstoff bei der Arbeit, weckt Träume und wird zum Vergnügen genossen.

Das Werk des Filmes ist es, dass der Mensch zum ersten Mal in die Lage kommt, zwar mit seiner gesamten lebendigen Person, aber unter Verzicht seiner Aura, wie z.B. bei einem Portrait, wirken zu müssen. Sie wird durch das Zwischenschalten der Apparatur vernichtet. Das Einschrumpfen der Aura innerhalb Kunst wird mit dem künstlichen Aufbau eines Starkultes mit Filmkapital außerhalb abgefangen. Hierdurch entsteht ein faule Zauber mit Warencharakter, der aber im Interesse der konsumfreudigen Masse liegt.

In Rußland hingegen, was zu dieser Zeit eine Vorreiterrolle in Europa im Bezug auf die Kunst einnahm, zogen die Filmemacher über das Land und machten Bilder über die Arbeiter, die sie ihnen später zeigten. Die Leute konnten sich so auf der Leinwand sehen, sich selbst erkennen.

- Auswirkung:

Kunstwerk bedeutet Einmaligkeit und Dauer, wogegen der Wesenszug der Reproduktion die Wiederholbarkeit und die Flüchtigkeit ist. Durch die massenweise Reproduktion wird die Einzigartigkeit des Werkes, sein „Hier und Jetzt“ aufgelöst. Es wird überall und gleichzeitig in verschiedenen Variationen konsumierbar, damit schwindet seine Glaubhaftigkeit und Autorität als etwas einmaliges, zusammengefaßt seine Aura.

War Kunst bisher etwas separiertes, was man betrachten und intellektuell verarbeiten mußte, so dient sie nun der Massenunterhaltung. Man steckt im Kino mittendrin, erlebt die Kunst. Kino spielt mit den Sinnen, den Gefühlen seiner Betrachter, ist Schockeffekt, überwältigend im Gegensatz zur Ausstellung oder Oper. Film ist die modernste Reproduktionstechnik, in der Bewegtbild und Tonaufnahme eine komplette Illusion des Objektes herstellen ohne das man es besuchen, bzw. dabei gewesen sein muß. Die Anpassung des Originals bei der Reproduktion an die jeweilige Situation ist die Kehrseite dieser Erneuerung. Lag früher das absolute Gewicht auf der Magie des Kunstwerkes, so dominiert heute sein reiner Ausstellungswert. Die Fotografie, respektive der Film, drängt den Kultwert zu Gunsten des Ausstellungswertes zurück. Fotoaufnahmen von Orten, Situationen sind präzise Beweisstücke der Historie, haben hieraus eine politische Bedeutung. Die Bildunterschrift in den Illustrierten gibt dem Betrachter Direktiven zur Rezeption. So kann ein Bild mit einer entsprechenden Beschreibung eine völlig neue Bedeutung erhalten. Beim Film sind die Direktiven noch präziser und dominierender durch die gewählte Bildabfolge bestimmt. Formt beim Kunstwerk die Aura und die jeweilige Intuition des Betrachters seine Aussage, so wird bei der Reproduktion aktiv dem Objekt durch die Art und Weise der Montage eine bestimmte Bedeutung zugeteilt. Durch die sich daraus ergebende Möglichkeit der Einflußnahme auf die Betrachter über gestalterische und inhaltliche Mittel, eröffnet die technische Reproduktion ein neues Feld der Kommunikation. Hier liegt aber auch die Gefahr einer Beeinflussung der Rezipienten.

- Stimmen zur Kulturkritik:

Kulturkritiker der Zeit sahen im Gegensatz zu Benjamin den Film als Teil der Kunst ohne die Bedeutung der Reproduktion zu berücksichtigen:

Abel Ganz spricht von einer Rückkehr zur Ausdrucksebene der Ägypter, von einer Bildsprache, der die Augen noch nicht gewachsen sind.[7]

Alexander Anoux sieht im Stummfilm Beschreibungen, die auf die Definition des Gebetes hinauslaufen.[7]

Werfel: Film mit natürlichen Mitteln und unvergleichlicher Überzeugungskraft das Feenhafte, Wunderbare, Übernatürliche zum Ausdruck zu bringen.[7]

Hier wird versucht, der Reproduktion etwas kultisches, Aura anzudichten. Benjamin widerlegt diese Betrachtungsweisen durch seine Analysen.

6. Quellenverzeichnis:

- Benjamin, Walter; Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit; 1963; Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main
- Adorno, Theodor W.; Über Walter Benjamin; 1990; Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main
- Wagner, Gerhard; Walter Benjamin: die Medien der Moderne; 1992; VISTAS Verlag Berlin

[...]


[1] Illustration zum Passagenwerk von Walter Benjamin

[2] „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“, Walter Benjamin

[3] Jesus Christus Chilandari Dynastie, Mt. Athos, Griechenland möglicherweise Serbien 1360-70 Tempera auf Holz

[4] „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“, Walter Benjamin

[5] Andy Warhol

[6] „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“, Walter Benjamin

[7] Benjamin, Walter; Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

Details

Seiten
7
Jahr
2000
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v94708
Note
Schlagworte
Kunstwerk Zeitalter Reproduzierbarkeit Seminar Medienkunde

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Titel: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit